Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 3

Chapter 33,473 wordsPublic domain

Es fing an zu dämmern. Die Straßen schrumpften zusammen, während die Menschenmassen unheimlich anschwollen. In ihrer Kleidung schienen die Farben mehr und mehr zu erlöschen, und die Unterschiede zwischen Alter und Jugend verwischte ein gleichmäßiger Ausdruck, zwischen Leid, Stumpfsinn und Gemeinheit schwankend. Kinder keuchten mit Säcken beladen über die Gassen -- »Heimarbeiter«, bemerkte meine Begleiterin lakonisch --, an den Rinnsteinen hockten andere in langen Reihen, und wühlten mit schmutzstarrenden, mageren Fingerchen im Straßenkehricht. Ein kleiner Bub mit krummen Beinen wollte sich eben heimlich mit dem gefundenen Rest einer Banane aus dem Kreis der Gefährten davon schleichen. Ein triumphierendes Grinsen verzerrte sein Gesichtchen. Aber schon fielen die anderen wutheulend über ihn her und rissen ihm die fadenscheinigen Lumpen von dem armen rhachitischen Körper. Er weinte nicht, er duckte sich nur ein wenig und versuchte die zertretene Banane vom Pflaster abzukratzen, aus seinen verschwollenen Augen traf mich dabei ein Blick voll grenzenloser Verzweiflung.

Wir bogen in eine langgestreckte schmale Sackgasse ein. »Nehmen Sie sich in acht,« warnte meine Begleiterin, als wir in eines der offenen Häuser traten, »die Treppen haben keine Geländer.« Ich tastete mich hinter ihr vorwärts, während ein pestilenzialischer Geruch mir den Atem benahm. Wir stießen eine Türe auf, die weder Griff noch Schlüssel hatte. Ein schwerer grauer Dunst von Staub und Schweiß schlug uns entgegen, gespensterhaft bewegten sich die Gestalten der Bewohner dahinter, während das Rattern und Quietschen schlecht geölter Nähmaschinen jeden anderen Ton verschlang. Dicht aneinandergedrängt saßen Männer und Frauen um den Tisch, auf dem ein kleines Lämpchen vergebens versuchte, spärliches Licht zu verbreiten; an dem einzigen Fenster standen die Maschinen, von zwei Kindern in Bewegung gesetzt. Keines der dunkeln Köpfe hob sich bei unserem Eintritt. Nur als mein Kleid eine der Frauen streifte, sahen ein paar schwarze Augensterne mich prüfend an. »Russische Juden,« sagte meine Begleiterin und wandte sich dem finstersten Winkel des Zimmers zu. Eine durchsichtig weiße Hand streckte sich ihr entgegen. »Er ist schwindsüchtig,« flüsterte sie. Zögernd trat ich näher. In einem armseligen Bett, mit Haufen bunter Stoffreste statt mit Kissen gefüllt, lag ein Mann, das blasse durchgeistigte Antlitz von schwarzen, langen Haaren umrahmt; strahlend richteten sich seine fieberglänzenden Augen auf das junge Mädchen, aber die Milch, die sie aus ihrem Körbchen nahm, enttäuschte ihn; erst als sie ein kleines Buch in seine schlanken Finger legte, lächelte er sie dankbar an. »Ich habe auch wieder ein Gedicht geschrieben --,« sagte er und zog einen Fetzen Zeitungspapier aus den Lumpen hervor, am Rande dicht bekritzelt.

»Nicht einmal Knöpfe kann er mehr annähen,« tönte eine rohe Stimme neben uns. »Wenn es doch bald zu Ende wäre, -- gestern spuckte er Blut auf ein fertiges Hemd --«

Ich mußte mich einen Augenblick schwindelnd an den Pfosten des Torweges lehnen, als wir hinunterkamen. Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Unter der nächsten Türe stand ein Mädchen mit entblößter Brust und sprühenden Augen. »Marianne!« -- Vorwurfsvoll tönte die Stimme meiner Begleiterin. Ein rauhes Lachen antwortete ihr. »Ich will leben!« stieß das Mädchen zwischen den Zähnen hervor. -- »Leben!« -- wiederholte sie noch einmal mit einem langgezogenen Nachtigallenton. Wir gingen an ihr vorbei in die niedrige Stube; eine verrostete Eisenbettstelle, ein paar Kisten bildeten die ganze Einrichtung. Am Herd in der Ecke stand ein altes Weib mit den gedunsenen Zügen der Trinkerin, auf dem feuchtglänzenden Lehmboden kroch eine Schar kleiner Kinder. Meine Begleiterin hatte gerade begonnen, einem der kleinsten die wunden Füßchen zu verbinden, da sprang unter wüstem Gekreisch die Türe auf: -- das Mädchen von draußen stolperte, von ein paar braunen Fäusten gestoßen, ins Zimmer, zwei Schwerbetrunkene hinter ihr. Sie warf sich aufs Bett, -- ich floh, von Entsetzen gepackt, aus dem Hause.

In den Straßen brütete gewitterschwangere Julinacht. Junge und alte Weiber, von Elend, Laster und Krankheit gräßlich gezeichnet, Männer, deren Kleidung einen Fuselgeruch ausströmte, Kinder, die eine Kindheit nie gekannt hatten, strichen an uns vorbei. »Gibt es in der Welt noch einmal solche Hölle,« stöhnte ich und wischte mir die Schweißtropfen von der Stirn. »O, -- in Glasgow, in Liverpool, in Manchester ist es ebenso --,« sagte meine Begleiterin ruhig.

An der nächsten Straßenecke ballten sich die Menschen zu einem schwarzen Knäuel. Qualvolle Schmerzensrufe drangen daraus hervor. Wir liefen vorwärts, -- alles machte uns Platz, -- die Uniform der Heilsarmee war wie ein Freibrief, den selbst die Rohesten respektierten. Auf dem Pflaster lag ein Weib und wand sich in Mutterschmerzen. »Er hat sie hinausgeprügelt,« schrie ein Mädchen, das neben ihr kniete und ballte wütend die Fäuste. Meine Begleiterin war im Augenblick bei ihr. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. In die Menschen um uns her kam ein seltsames Leben, sie liefen in die nächsten Häuser, atemlos, -- sie kehrten zurück, -- auch der Elendeste mit vollen Händen. Tücher, Kissen, Decken breiteten sich um die Kreißende aus; ein weißhaariges Mütterchen mit gekrümmtem Rücken schleppte stöhnend Eimer voll Wasser herbei, ein alter Mann humpelte hastig auf seiner Krücke näher und legte mit zitternden Händen seine zerschlissene Jacke über die Jammernde. Ein Sekunde lang war es ganz still, -- das Leben schien den Atem anzuhalten, da -- ein gellender Schrei, der die Nacht zerriß, -- das Kind war geboren, das unselige Kind der Straße. Zurückgelehnt in dem Schoß der Nächsten lag das Weib. Laternenlicht fiel grell auf ihre eingesunkenen Wangen, die weitaufgerissenen Augen drehten sich in den Höhlen, suchend griffen die Finger in die leere Luft, dann noch ein Zucken, ein rauhes Röcheln, -- es war vorüber. Und um die tote Mutter knieten ringsum im Schmutz der Straße die Genossen ihres Jammers ...

* * * * *

Der Sonnenzauber hatte keine Macht mehr über mich.

Ich hatte nur noch ein Achselzucken, wenn ich die Macht der Gewerkschaften preisen hörte -- »die Sattgewordenen vergaßen zuerst der Hungernden« --, und ein verächtliches Lächeln für die Größe und Einheitlichkeit sozialer Hilfsarbeit, die sich von Rechts wegen bankerott erklären müßte. Hier galt es nicht mehr, Einzelne vor dem Ertrinken zu retten, und Wunden zu verbinden, hier galt nur eins: die alte Welt, die ihre eigenen Kinder mordete, zu zerstören, um der neuen Platz zu schaffen.

Zweites Kapitel

»Sie wollen wirklich alle Bücher verkaufen?!«

Der junge Student, der vor mir stand, blickte mich vorwurfsvoll an. Er war gekommen, mir beim Ordnen der philosophischen Bibliothek meines verstorbenen Mannes behilflich zu sein.

»Mit wenigen Ausnahmen, -- ja!« antwortete ich mit erzwungener Ruhe. »Sie sehen selbst: in der neuen Wohnung fehlt es an Platz für sie, -- und außerdem werde ich sie kaum je benutzen. Ich werde mit Überlegung einseitig!« Dabei wies ich lächelnd auf die dickleibigen Fabrikinspektorenberichte, die vor mir lagen. Er begab sich stumm, gesenkten Kopfes an die Arbeit. Wie herzlos, daß ich Georgs geliebte Bücher verkaufte, dachte er jetzt gewiß. Durfte ich ihm sagen, daß ich sie verkaufen mußte? Daß ich gestern mit dem letzten, was ich besaß, Georgs Grabdenkmal bezahlt hatte, -- einen schönen hohen Marmorblock, auf dem in großen goldenen Lettern sein Wahlspruch stand, der nun auch der meine war: »Wir leben durch die Menschen, laßt uns für die Menschen leben.«

Mama hatte mir eben aus Pirgallen entrüstet über meine Verschwendung geschrieben: »Ein schlichter Stein mit Georgs Namen wäre ausreichend gewesen.« Ich lächelte unwillkürlich. Arm sind doch nur die Menschen, die niemals verschwenden können! Ich war ja sonst so schrecklich vernünftig. Treppauf, treppab war ich seit meiner Rückkehr aus England gelaufen, um eine Wohnung zu finden, die meinen Mitteln entsprach. In einem Hof der Kleiststraße, drei Treppen hoch, hatte ich sie endlich gefunden: zwei Zimmer mit dem Blick auf eine Mauer, die eine riesige gemalte Schweizer Landschaft schmückte. Zu allerhand öder journalistischer Tagesarbeit hatte ich mich verpflichtet, um in der übrigbleibenden Zeit meiner Aufgabe leben zu können. In vier Wochen zog ich um, bis dahin mußte auch sie festere Gestalt gewinnen.

Ich hatte mich zunächst schriftlich an eine Anzahl hervorragender Politiker und Sozialpolitiker gewandt, bei denen ich ein Interesse für die Sache voraussetzen konnte, und ihnen meinen Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit auseinandergesetzt. Sehr höflich, sehr zuvorkommend hatten sie mir geantwortet. »Ihr Plan hat meine volle Sympathie,« schrieb mir eben Theodor Barth. »Ich habe nur Bedenken, ob er sich in seinem vollen Umfang in absehbarer Zeit durchführen läßt. Nach meinen Erfahrungen scheitern sehr viele an sich vortreffliche Reformbestrebungen gerade daran, daß das Ziel von vorn herein zu weit gesteckt ist. Meines Erachtens sollte man zunächst einmal an eine Sammlung und Sichtung von Material, die Bedingungen der Frauenarbeit betreffend, herangehen, wie das sub 1 Ihres Programms ja auch in Aussicht genommen ist. Unternehmer und Arbeiter müßten allerdings zusammenwirken und Vorurteile -- speziell auch gegen die Sozialdemokratie -- dürften keine Rolle spielen ... Leider ist meine Arbeitskraft schon anderweitig so stark in Anspruch genommen, daß ich wohl mitraten, aber nicht mittaten kann ...«

Diesen Satz enthielt noch jeder Brief, den ich erhalten hatte. Warnungen vor der Gefahr sozialpolitischer Dilettantenarbeit, Besorgnisse, Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie zu treiben, bedenkliche Fragen nach der finanziellen Fundierung des Unternehmens wiederholten sich oft. »Auf alle Fälle ist der Zeitpunkt schlecht gewählt,« hieß es in einem Schreiben, das Dr. Jacob, mein alter Gegner aus der Ethischen Gesellschaft, an mich richtete, »jetzt, im Jubiläumsjahr, wo das unverantwortliche, antipatriotische Verhalten der Sozialdemokratie selbst solche Kreise erbittern muß, die vielen ihrer Forderungen sympathisch gegenüberstanden, ist nicht der Augenblick, um zu gemeinsamer Arbeit aufzurufen. Ich bezweifle auch, daß Sie Kapitalien finden, die Ihnen zu solchem Zweck die immerhin recht erheblichen Mittel zur Verfügung stellen werden.« Und Frau Schwabach, die einzige unter den Frauenrechtlerinnen, der ich ein ernsteres Verständnis der Sache zutraute, war gleichfalls voller Bedenken gewesen. »Wir müssen zuerst die Peinlichkeiten ausbilden, die zu solcher Arbeit fähig sein sollen,« hatte sie gesagt. Das alte Lied, das die Gewissen einlullt, das Selbstvertrauen betäubt und die Schuld trägt, wenn vor lauter Vorbereitung zur Tat die Tat selbst von einem Tage zum andern verschoben wird.

Heute nun erwartete ich Martha Bartels mit zwei ihrer Freundinnen -- Arbeiterinnen wie sie --, um ihr Urteil zu hören und ihren Rat, der mir der weitaus wichtigste erschien, zu erbitten.

»Sie müssen für heute aufhören, mein lieber Schmidt,« wandte ich mich an den Studenten, der vor den letztem Regalen des Bücherschranks hoch oben auf der Leiter stand, »es ist unverantwortlich von mir, daß ich Ihre Kraft und Zeit schon so lange in Anspruch nehme.«

Er fuhr, wie aus einem Traum erwachend, zusammen und strich sich die dichten schwarzen Haare aus der heißen Stirn.

»Muß ich wirklich schon fort?« Hastig wandte er sich um und rieb die roten, knochigen Hände wie fröstelnd aneinander. Ich nickte, denn schon hörte ich draußen die Klingel. Langsam stieg er die Leiter hinab.

»Ach, -- wenn ich doch wirklich etwas für Sie tun könnte --,« damit senkte er den Kopf tief auf meine Hand.

In dem Augenblick öffnete sich die Türe, und die drei Frauen traten ein. Sie sahen uns, wechselten sekundenlang einen vielsagenden Blick, ein leises spöttisches Lächeln kräuselte die Lippen der einen, der großen, hageren; -- ein Gefühl, als hätte mich jemand mit Schmutz beworfen, beschlich mich. Flüchtig erinnerte ich mich, daß meine Mutter die Anwesenheit eines jungen Herrn bei mir, der Witwe, für unpassend erklärt hatte, -- aber waren nicht diese Frauen Vorkämpferinnen einer freien Weltanschauung?! Ich richtete mich gerade auf, zog meine Hand aus der sie noch immer umklammernden; mit einer ungeschickt eckigen Verbeugung drückte sich der junge Student an den neuen Gästen vorbei zur Türe hinaus.

Bei Kaffee und Kuchen überwanden meine Besucherinnen die erste Verlegenheit. Sie hatten sich in den besten Sonntagsstaat geworfen und saßen kerzengerade auf den weichen Lehnstühlen; bei jeder Bewegung krachten die engen Taillen ihrer schwarzen Kleider, und die vielen bunten Blumen auf ihren Hüten schwankten hin und her. Nur Martha Bartels, die nicht zum ersten Male hier war, gab sich ungezwungener.

Irgend etwas in dem Gesicht der kleinen Näherin hatte sich seit unserem letzten Zusammensein verändert.

»Nun, Genossin Glyzcinski, was haben Sie uns Gutes mitzuteilen,« sagte sie mit einem leisen gönnerischen Ton in der Stimme, den sie damals noch nicht gehabt hatte, als sie mich »Frau von Glyzcinski« nannte. Freilich, sie hatte ja im Grunde ein Recht dazu, ich war ja jetzt nur eine Novize in ihren Reihen --, dachte ich und bezwang die gereizte Stimmung, die sich meiner zu bemächtigen drohte.

Mit steigendem Eifer, an der eigenen Sache mich erwärmend, setzte ich ihnen meine Pläne auseinander. »Ich brauche dabei Ihre Mitarbeit,« schloß ich; »wir können für die Arbeiterinnen nichts tun, was nicht mit ihnen geschieht --«

Tiefe Stille. Die drei löffelten in ihren Kaffeetassen, stießen einander unter dem Tische an und wollten nicht mit der Sprache heraus. »Ja --,« meinte Martha Bartels schließlich gedehnt, »das ist ja alles ganz schön und gut, aber was uns das eigentlich angeht --! Wir wissen doch längst, wie's bei uns aussieht, und um die Neugierde der Bourgeoisdamen und -herren zu befriedigen, oder sie gar in unseren Organisationen herumstänkern zu lassen, -- dazu sind wir nicht da.«

Frau Resch, die Hagere, nickte eifrig und warf mir einen giftigen Blick zu. Frau Wiemer, ein rundliches Frauchen mit gutmütigen braunen Augen, drehte sich hastig auf dem Stuhle um, so daß die Sprungfedern knackten. »Da bin ich nun ganz und gar anderer Meinung,« rief sie, »wir wären schön dumm, wenn wir so eine Unterstützung von der Hand weisen wollten. Wir haben, weiß Gott, keinen Überfluß an Kräften, und wenn wir sie noch dazu nach unserem Gutdünken benutzen können --«

Martha Bartels trommelte mit den zerstochenen Fingern auf dem Tisch. »In meinem Kreis, Genossin Wiemer, kann ich dafür keine Stimmung machen,« sagte sie scharf.

»Na, was das schon ist: Ihr Kreis. Ein halb Dutzend Frauen haben Sie neulich in der Versammlung zur Vertrauensperson gewählt, -- das macht den Kohl nicht fett!« spöttelte die Angeredete. »Die Männer haben, gottlob, auch noch ein Wörtchen mitzureden!«

Frau Resch kicherte: »Sie freilich meinen immer, Sie haben die Männer am Bändel --!«

Stumm, in wachsender Verblüffung hörte ich der Debatte zu, die sich mehr und mehr ins Persönliche verlor.

»Im übrigen: was ereifern wir uns,« sagte Martha Bartels endlich, während sie sich mit hochrotem Gesicht in den Stuhl zurücklehnte. »Zu allererst werden wir doch Genossin Orbins Urteil hören müssen.«

Die Frauen verstummten. Wanda Orbin: das war die anerkannte Führerin der Arbeiterinnen-Bewegung, eine Frau, die ich aus der Ferne schon längst zu bewundern gelernt hatte. Mit der aufreizenden Leidenschaftlichkeit ihrer Rednergabe vermochte sie alles mit sich fortzureißen.

Meine Gäste verabschiedeten sich, kühl und verlegen. Nur Frau Wiemer schüttelte mir kräftig die Hand und zögerte beim Hinausgehen. »Wir reden noch mal miteinander -- unter vier Augen,« flüsterte sie.

Enttäuscht -- mutlos blieb ich zurück. Tiefes Verständnis, freudige Zustimmung, warme Kameradschaftlichkeit hatte ich erwartet --!

Am nächsten Morgen kam ein Brief von Martha Bartels: »Seit gestern weiß ich nicht, ob Sie wirklich unsere Genossin sind. Was Sie da vorschlagen, das kann jede Frauenrechtlerin auch. Es zeigt, daß Sie mit der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht gebrochen haben, und deshalb können wir kein rechtes Vertrauen gewinnen. Ich sehe nun, daß man immer unrecht tut, wenn man den schönen Gefühlen der Bourgeoisdamen Glauben schenkt.« Hatte sie zu ihrer Enttäuschung nicht ein größeres Recht als ich zu der meinen? War mein ganzes Verhalten nicht wirklich ein Rückzug? Versuchte ich nicht, nach links und rechts Konzessionen zu machen, damit ich nur selbst fein säuberlich auf dem normalen Mittelweg mich erhalten konnte?

In meinen Hoffnungen und Wünschen sehr herabgestimmt, machte ich mich in den nächsten Tagen auf den Weg, um die Führer der sozialdemokratischen Partei aufzusuchen, bei denen ich mich schon angekündigt hatte.

Ich ging zuerst zu Liebknecht. Er wohnte draußen in der Kantstraße, wo inzwischen das neue Berlin aus der Erde schoß wie eine wildwuchernde Urwaldpflanze. In der Tauentzienstraße, die vor fünf Jahren nicht viel mehr als ein breiter Feldweg gewesen war, reihte sich ein Neubau an den andern, -- hohe vier- und fünfstöckige Häuser, mit lauter Wohnungen zu neun bis zwölf Zimmern. Wo kam der Reichtum nur her, der so üppig zu wohnen vermochte? dachte ich. Und weiter nach dem Westen zogen sich Straßen und Straßen hinaus, -- lange Spinnenarme, die über die Felder griffen bis fernhin, wo der Grunewald, eine schwarze schmale Linie, am Horizont auftauchte. Ratternd und fauchend bewegte sich die Dampfstraßenbahn den Kurfürstendamm hinauf ihm entgegen. Wie viel kleine gemütliche einstöckige Häuschen zwischen Birkenwäldchen und Kartoffelfeldern waren der Spitzhacke hier zum Opfer gefallen! Und der Riesenbaum, der an der Straßenkreuzung ein Wahrzeichen der Gegend gewesen war hatte einer Kirche weichen müssen. Gut, daß er fiel, dachte ich; wie hätten die Mauern den alten Recken beengt, wie hätte seine trotzige, rauhe Schönheit ihre Fassadenpracht Lügen gestraft. Die Kirche hatte sich noch immer ihrer Umgebung angepaßt, auch hier hatte sie sich zu ihr nicht in Widerspruch gesetzt.

In die Kantstraße bog ich ein. Dicht an der Stadtbahnbrücke, im dritten Stock, wohnte Liebknecht. Er empfing mich vor einem alten Schreibpult in seinem winzigen Arbeitszimmer, das vollgestopft mit Papieren und Zeitungen war, so daß dazwischen kaum ein freier Raum zum Treten übrig blieb. Sein hartgeschnittenes Gesicht mit den tiefen Furchen, dem Blick, der unter buschigen Brauen wie abwesend über einen hinwegsah, den wirren dunkeln Haaren über der hohen geraden Stirn, dem grauen ungepflegten Bart um das breite Kinn und den seltsam schiefstehenden großen Mund, dazu der Rock, der an den Ellbogen und auf dem Rücken speckig glänzte, das Hemd darunter mit dem weichen halboffenen Umlegekragen, die ausgetretenen Pantoffeln an den graubestrumpften Füßen, -- das alles wirkte zunächst wenig anziehend. Dann gab er mir flüchtig die Hand, die weich und zart war, -- ich mußte ihn wirklich noch einmal betrachten, um zu glauben, daß sie diesem Manne gehörte. Sie gab mir Mut zu reden, ich wäre ohne sie am liebsten wieder umgedreht. Ich erzählte ihm auch von meinen Erfahrungen mit den Frauen. Er lächelte mit einem gutmütigen Spott in den Augen. »Soll ich Ihnen einen wirklich freundschaftlichen Rat geben?« sagte er. »Kümmern Sie sich nicht um sie, wenn Sie was erreichen wollen. Die sind noch rückständiger als die Männer, können gar nicht anders sein. Wo sollen sie auch die Erkenntnis hernehmen, die armen Weiber?! Schon alles mögliche, wenn sie rein aus ihrem proletarischen Instinkt heraus gute Parteigenossinnen sind.«

Vergebens suchte ich ihn bei meinem Thema festzuhalten, es interessierte ihn offenbar nicht; dagegen rief der Name England eine Flut von Gedankenverbindungen in ihm wach. Er glaubte meinen rettungslos bourgeoisen Standpunkt daran zu erkennen, daß ich zwar mit Burns und den Fabiern, nicht aber mit Hyndman und der sozialdemokratischen Föderation, die allein den Marxismus in England repräsentierten, verkehrt habe. Mit den sprunghaften Übergängen eines glänzenden Geistes, der weder die Fähigkeit hat, auf die Interessen des anderen einzugehen, noch die Fähigkeit, sich in eine Frage zu vertiefen, kam er von da auf unsere auswärtige Politik zu sprechen, auf das berechtigte Mißtrauen Englands den offenbaren Weltmachtgelüsten unseres Kaisers gegenüber, auf Rußland, an das wir um so näher uns anschließen würden, je weiter wir von England abrückten, auf den künstlich ausgepeitschten Hurrapatriotismus der Kriegserinnerungsfeiern der Gegenwart, der letzten Endes nur dazu da sei, gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen und die gescheiterte Umsturzvorlage in anderer Form wieder aufleben zu lassen.

Mir war diese Gesprächswendung unbehaglich. Gut, daß ich, ohne aufzufallen, schweigen konnte. Hafteten die Eierschalen der Vergangenheit noch so fest an mir, daß die Artikel des »Vorwärts« über die Gedenkfeiern an den »brudermörderischen Krieg« mir das Blut in Wallung brachten? Sie vertraten doch zweifellos Menschlichkeit und Gerechtigkeit in weit höherem Maße, als all die mit Orden und Bändern behängten Kriegervereinler, die sich wie die Wilden an der blutigen Unterdrückung eines Nachbarvolkes noch in der Erinnerung berauschten. Liebknecht war in seiner Gegnerschaft gegen jede Art von Chauvinismus ein Fanatiker. »National gesinnt ist meines Erachtens nur, wer das Recht und das Wohl anderer Nationen ebenso zu achten weiß, wie das der eigenen,« sagte er. Und mir wurde bewußt: er fühlte international, während ich nur die Idee der Internationalität kühl verstandesmäßig anerkannte. Ich sprach das aus, und er nickte eifrig: »Natürlich, -- das ist der Unterschied, -- und der kommt zum großen Teil daher, daß das Jahr 48 und das Sozialistengesetz mir das Vaterland nahmen und die Welt zur Heimat machten. Auch der Proletarier, der nichts besitzt, und der Arbeit über alle Grenzen hinweg nachrennen muß, ist von Herzen international, und die Hammerstein und Konsorten,« -- er lachte boshaft --, »die sich vom Vaterland den Schmerbauch mästen lassen, predigen uns Verruchten Patriotismus!« Er unterbrach sich und stand auf. Ich wollte gehen »Daraus wird nichts, -- nun müssen Sie noch bei meiner Frau Kaffee trinken.«

Ich wurde ins Wohnzimmer geführt. Bei Frau Major X. in Bromberg und bei Frau Hauptmann Z. in Brandenburg war es nicht viel anders gewesen --, nur daß hier statt der Familienbilder die von Marx, Engels und Lassalle an den Wänden prangten, statt des Stichs der Sixtina Walter Cranes Maifestzug, und ich damals noch nicht in die rechte Sofaecke genötigt wurde. Frau Liebknecht war die typische Gouvernante aus vornehmen Häusern, der Bildung und Lebensform nicht die Haut war, sondern das Kleid. Ihm war ich irgendwer gewesen, ihr: »Frau von Glyzcinski.«

Es dämmerte schon, als ich mit ihm das Haus verließ. Er ging in seine Redaktion, ich in die Ansbacherstraße, wo ich die Eltern aus Pirgallen zurückerwarten sollte. »Und für meinen Plan kann ich auf Ihre Unterstützung nicht rechnen?« fragte ich nun doch noch einmal. Er blieb stehen. »Meine Unterstützung?! Das würde keinem von uns nützen. Überlegen Sie sich's selbst noch mal, ob er Ihrer eigenen Unterstützung wert ist!«

* * * * *