Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 1

Chapter 13,399 wordsPublic domain

Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

Memoiren einer Sozialistin

Kampfjahre

Roman

von

Lily Braun

Albert Langen, München

1911

Erstes Kapitel

Eine gewitterschwüle Juninacht. In der Kabine unten hatte ich es nicht ausgehalten. Die eingeschlossene Luft legte sich zentnerschwer auf Kopf und Brust, und das melancholisch eintönige Anschlagen der Wellen an die Fenster preßte mir das Herz zusammen, als ob das Unglück selbst es in seinen harten Händen hielte.

»Ich bin seefest,« hatte ich der warnenden Stewardeß zugerufen, als ich die schwankende Treppe hinaufgestiegen war. Zwei-, dreimal atmete ich auf, tief und schwer, wie nach überstandener Anstrengung, ehe ich mich in den Korbstuhl fallen ließ. Am Himmel jagte, vom Wind gepeitscht, ein schwarzes Wolkenheer. Dunkel und drohend rollten die Wellen dem Schiff entgegen. Kein Mondstrahl spiegelte sich in ihnen, kein Stern erleuchtete das finstere Firmament. Langsam verschwanden am Horizont die Küste von Holland und mit ihr die letzten freundlichen Lichter.

Ich war allein -- ganz allein. Ich sammelte meine Gedanken, die das Fieber der letzten Tage durcheinandergewirbelt hatte wie der Sturm die Schaumperlen auf dem Wasser. War das Gebäude meines neuen Lebens, das ich mir droben auf den Bergen mit eigenen Händen stolz und selbstsicher errichtet hatte, nichts als ein Kartenhaus gewesen, das ein Stoß mit der Hand umzuwerfen vermochte? Ich griff suchend in die Tasche meines Mantels, es war kein Traum, sondern grausame Wirklichkeit: meiner Mutter Brief knisterte noch darin. Ich konnte ihn auswendig. Schon auf der Fahrt von Grainau nach Berlin hatte ich ihn gewiß zehnmal gelesen.

»Es ist mir, Gott sei Dank, möglich gewesen, Deinen Brief ohne Wissen Deines Vaters in die Hand zu bekommen,« hieß es darin, »und ich schreibe Dir in größter Hast, Gott anflehend, daß es meinen Worten gelingen möchte, das Schrecklichste von uns allen abzuwenden. Was ich immer schon fürchtete, als ich mit anhören mußte, wie Dein verstorbener Mann und Du unseren Herrn und Heiland verleugnetet, und in Euren 'Ethischen Blättern' las, wie Ihr immer wieder für die Umsturzpartei eintratet, das ist jetzt geschehen. Der Samen, den Georg in Deine Seele streute, ist aufgegangen: kühl und geschäftsmäßig, als handle es sich um den Plan eines Spaziergangs, teilst Du uns mit, daß Du Deine Redaktionsstellungen aufgegeben hast, um Dich ganz und gar der Sozialdemokratie in die Arme zu werfen. Deine große Verirrung, Dein Unglaube haben Dich, wie es scheint, für alles, was Pflicht, Gehorsam, Liebe und Rücksicht heißt, blind und taub gemacht, sonst müßtest Du wissen, daß Du mit einem solchen Schritt Deinem ganzen bisherigen Verhalten Deinen Eltern, Deiner Familie gegenüber die Krone aufsetzest. Dieser Partei, die alles besudelt und mit Füßen tritt, was uns heilig ist: Gott und Christentum, Familie, Ehe, Monarchie und Militär, sollen wir unser Kind überlassen? Es wäre in dem Augenblick für uns gestorben! Aber freilich, das ist Dir einerlei, Du wirfst leichten Herzens alles über Bord, was Deinem Eigensinn, Deinem Ehrgeiz, Deiner Eitelkeit hindernd in den Weg tritt. Wenn Du aber damit Deinen armen Vater mordest -- von mir will ich gar nicht reden, eine Mutter scheint dazu da zu sein, daß die Kinder sie mit Füßen treten --, wirst Du auch dann noch Deiner Selbstherrlichkeit froh werden können?! Du weißt, daß es ihm in letzter Zeit gar nicht gut geht. Vor ein paar Tagen fiel er vom Pferd; er sagt, er sei gestürzt, Bruder Walter aber, der dabei war, ist überzeugt, daß es ein leichter Schlaganfall gewesen ist. Die kleine Braune, deren Ruhe du kennst, machte keinerlei Bewegung, er glitt eben einfach aus dem Sattel. Seitdem leidet er an Schwindel und Kopfschmerz und ist schwerer zu behandeln denn je. Jede Aufregung kann einen neuen Anfall hervorrufen, der ihn tötet. Ich wollte nur, ich könnte dann mit ihm sterben, ehe ich so etwas mit Dir erleben müßte ...!«

Als ich diesen Brief erhalten hatte, waren meine Austrittserklärungen aus den Redaktionen der »Ethischen Blätter« und der »Frauenfrage« schon versandt worden. Kaum in Berlin angekommen, fand ich die Mitteilung davon in der Presse und die nötigen Kommentare dazu: »Frau von Glyzcinski hat den längst erwarteten Schritt getan, und die Sozialdemokratie kann sich ob dieser ebenso interessanten wie pikanten Aquisition ins Fäustchen lachen« ... so und ähnlich lauteten sie.

Am nächsten Morgen in aller Frühe war meine Schwester blaß und verängstigt zu mir gelaufen:

»Wir sind mit dem Arzt im Komplott,« hatte sie mit stockender Stimme gesagt, während die Tränen ihr unaufhaltsam über die Wangen liefen, »er verbietet Papa, auszugehen. So liest er wenigstens im Kasino die Zeitungen nicht. Und die Post wird dem Briefboten an der Hintertreppe abgenommen ... Ach, Alix, -- du weißt nicht, wie gräßlich es zu Hause ist .. Ich muß Papa immer was vormachen, damit er nichts merkt und Mama nicht zu sehr quält .. Am liebsten liefe ich selber davon ...«

Zu Tisch war ich dann mit ihr zu den Eltern gegangen.

Meines Vaters Anblick hatte mich erschüttert.

»Kommst du wirklich noch zu einer halben Leiche?!« hatte er bitter lachend gesagt. »Ihr könnt's ja wohl gar nicht erwarten, daß eine ganze draus wird. Herr Gott, -- wie hübsch könntet ihr dann eurem Vergnügen leben!«

Mama begleitete mich nach Hause: »Habe den Mut, ihm deinen Entschluß ins Gesicht zu sagen! -- So einen Brief schreiben und alle Folgen auf Mutter und Schwester abwälzen, -- das ist freilich eine Heldentat, die dir ähnlich steht!«

Abends war Frau Vanselow noch gekommen, -- tief bekümmert. »Ich verstehe Ihren Entschluß, -- wenn ich so jung wäre wie Sie, ich täte dasselbe --, aber das hindert mich nicht, ihn schmerzlich zu bedauern. Unsere 'Frauenfrage' ist nichts ohne Sie. Und darum bitte ich Sie recht herzlich: wenn ich schon die Mitredakteurin verlieren soll, so doch wenigstens nicht die Mitarbeiterin. Mehr als je können Sie jetzt für die Einheit der ganzen Frauenbewegung wirken.« Und dann hatte sie mir die Einladung zum Internationalen Frauenkongreß nach London vorgelesen, die auf unser beider Namen lautete. »Wie viel könnten gerade Sie, meine liebe, junge Freundin, dort lernen und leisten -- England, das klassische Land der Frauenemanzipation ...!«

In der Nacht kämpfte ich einen schweren Kampf. Meine Überzeugungen, meine Zukunftsträume, meine Hoffnungen standen alle bis an die Zähne gewappnet auf wider mich.

Sehr langsam, sehr müde schlich ich am Tage darauf zu den Eltern. Noch nie war mir der Flur, in dem auch heute, an einem strahlenden Frühsommertage, das kleine Lämpchen brannte, so eng, so dunkel vorgekommen und die Zimmer mit ihren schweren Vorhängen so kalt.

Rasch, wie ein Schulmädchen, das den eingelernten Vers herunterhaspelt, um nur nicht stecken zu bleiben, erzählte ich von der Einladung nach England.

»Wenn ihr nichts dagegen habt, möchte ich mit Frau Vanselow hinüberreisen. Ich kann dabei viel gewinnen. Die englische Frauenbewegung ist uns weit voraus, die ganze soziale Hilfstätigkeit ist glänzend organisiert, -- ich werde mir für meine eigene Arbeit ein Muster nehmen können. In schlechte Gesellschaft komme ich auch nicht,« hatte ich mit erzwungenem Lächeln hinzugefügt, »denn Gräfinnen und Herzoginnen sind unsere Gastgeber ...«

Mama verstand. Sie strahlte. Klein-Ilschen, die sich bei meiner Ankunft verschüchtert in eine Ecke geflüchtet hatte, sprang auf und wirbelte lustig im Zimmer umher, der Vater schien förmlich elektrisiert von all den Aussichten, die sich mir boten. Er studierte das Kursbuch, das Konversationslexikon und schickte die Minna zum nächsten Buchhändler, um den neuesten Bädecker von London zu holen.

Immer wieder griff er verstohlen nach meinen Händen und streichelte sie so sanft, so leise, daß ich den Kampf der Nacht vergaß und nichts fühlte als seine Liebe.

Die Reisevorbereitungen, der Abschied, -- der Vater hatte sich's nicht nehmen lassen, mich frühmorgens zur Bahn zu bringen und mir, wie ein feuriger Liebhaber, einen Strauß blühender Rosen in die Hand zu drücken, -- die Eisenbahnfahrt in Begleitung von Frau Vanselow und Frau Schwabach, die unaufhörlich von ihrer Vereinsarbeit sprachen, hatten mich bis zu diesem Augenblick nicht zu Atem kommen lassen.

Ach, und warum schlief ich nicht jetzt, statt heraufzubeschwören, was vergangen war, und in schmerzhafter Sehnsucht an den zu denken, den ich nicht erwecken konnte? Ich sah die Nacht um mich her und die große Einsamkeit -- war Georg nicht erst jetzt für mich gestorben? Mich fröstelte; feucht und kalt klebten mir die Kleider am Leibe.

»Ich will schlafen gehen,« murmelte ich ... und die Augen fielen mir zu .....

* * * * *

Im Morgengrauen lag die Küste Englands vor mir, unfreundlich und nüchtern. Mit jener unwirschen Rücksichtslosigkeit aller Unausgeschlafenen hasteten und stießen sich die Schiffspassagiere. Ich ließ mich schieben, -- es war ja alles so schrecklich gleichgültig.

»Frau von Glyzcinski?!« -- Überrascht sah ich auf. »Mister Stratford?« -- Der rotblonde Hüne, der mich eben begrüßt hatte, nickte erfreut. Wie einen Gruß von Georg, so empfand ich seinen Händedruck; er war sein bester Freund gewesen, seine Schriften, seine Briefe hatten ihn mir wie ein Echo Georgs erscheinen lassen. Und mit leisem Lächeln mußte ich der Stunde gedenken, in der mir der Verstorbene gestanden hatte, daß er zwischen uns den Heiratsvermittler habe spielen wollen, ehe er daran zu denken wagte, ich könne ihn -- den armen Gelähmten -- jedem anderen vorziehen.

Stratford war überzeugter Sozialist, wie Georg, nur daß er noch mit aller Energie an dem Standpunkt der Ethischen Gesellschaft festhielt: sich offiziell keiner Partei anzuschließen. Wir gerieten während der Eisenbahnfahrt nach London in eine eifrige Debatte.

»Grade Menschen wie wir können für die Verbreitung der Ideen des Sozialismus außerhalb der politischen Organisation weit mehr und nachhaltiger wirken, als wenn wir ihre eingetriebenen Mitglieder wären,« sagte er. »Wir verzetteln und verzehren unsere Kräfte nicht im Kleinkram des Parteilebens, wir finden Gehör, wo wir sonst von vornherein auf Mißtrauen stoßen würden.«

»Und Sie als Ethiker können es verteidigen, daß wir mit geschlossenem Visier kämpfen und unsere Überzeugungen durch Hintertüren in die Häuser tragen?« rief ich. »Ich komme mir dabei vor wie ein Feigling und ein Betrüger!«

Er lenkte ein: »Sie mögen in Deutschland, wo der ganze Sozialismus sich in der Partei konzentriert, zu dieser Empfindung ein Recht haben, bei uns gibt es nichts, das der deutschen Sozialdemokratie auch nur annähernd ähnlich wäre. Wir sind viel zu individualistisch, um uns herdenweise zusammenscharen zu lassen; Sie werden daher unseren Sozialismus und seine Ausbreitung nicht nach dem Dutzend kleiner Vereine beurteilen müssen, sondern nach den Scharen freier Sozialisten, die in allen Gesellschaftsschichten zu finden sind.«

Meine Unwissenheit in bezug auf englische Verhältnisse fiel mir plötzlich schwer aufs Gewissen. Ich ließ meinen Begleiter erzählen, der sich, wie es schien, gern reden hörte, und warf nur hie und da eine Frage dazwischen, um seinen Redefluß auf die von mir gewünschten Bahnen zu lenken. Ein Kaleidoskop bunter Bilder reihte sich vor mir auf: von der Ethischen Gesellschaft an, deren Sprecher er war, bis zu den politischen Kämpfen zwischen der konservativ-unionistischen Koalition gegen das liberale Ministerium Rosebery-Harcourt. Ich war ganz benommen, als wir uns London näherten.

Einzelne Häuser tauchten auf, grau, nüchtern, mit trüben Fensterscheiben und dünnen schwarzen Schornsteinen; sie schoben sich rechts und links zusammen, enger und enger, sie verdrängten schließlich das letzte Streifchen grünen Rasens; schmal, feuchtglänzend wie Riesenwürmer, wanden sich unten die Straßen zwischen den Mauern. Ein schmutzig-grauer Nebel umhüllte alles, nicht wie ein Schleier, der phantastische Vorstellungen von dahinter verborgener Schönheit zu wecken vermag, -- wie ein nasses Tuch vielmehr, das die Häßlichkeit der Formen betont und jede Farbe verwischt, die sie mildern könnte. In der Bahnhofshalle brannten die Bogenlampen, sie wirkten wie flackernde Öllämpchen im Dunkel eines Kohlenbergwerks. Wir fuhren durch die Stadt: leichte Wagen und schwerfällige Omnibusse, Reiter und Radler schoben und drängten sich hin und her, kein Fußbreit Weges blieb frei zwischen ihnen. Auf den Bürgersteigen daneben hasteten die Fußgänger; gleichgültig, nur auf das eigene Vorwärtskommen bedacht, ohne einen Blick nach rechts und links. Selbst die Kinder liefen ernsthaft, gradausschauend weiter. Da war keiner, der Zeit hatte --, unsichtbar schienen in der Menge die Fronvögte der grausamen Herrin Arbeit ihre Geißeln zu schwingen.

Hier sollte ich Frieden finden und eine sichere Richtschnur für das kommende Leben?!

»Westminster! -- das Parlament,« hörte ich meinen Begleiter sagen. Ich blickte auf. An einem Palast mit gotischen Türmen und Fenstern fuhr der Wagen langsam vorbei. In vornehmer Abgeschlossenheit, hinter hohen Gittern lag er gestreckt am breit dahinflutenden Strom. Schüchterne Sonnenstrahlen brachen durch den Nebel, leuchteten durch das feine gotische Maßwerk, blitzten auf den Turmknäufen, sprangen hinüber zu der altehrwürdigen Kirche und ließen ihre bunten Fenster aufglühen, als stünde sie im Feuer.

Ein schmaler Weg am Ufer der Themse, hinter dem Parlament, einfach und still wie eine Dorfstraße, nahm uns auf. Wir waren am Ziel.

Meine Wirte, zwei alte Leute, hatten fast ihr ganzes Haus den Besuchern des Frauenkongresses zur Verfügung gestellt. Sie empfingen mich so herzlich, als wären wir alte Freunde. Man versammelte sich grade zum Frühstück. Warum waren die Leute nur alle so feierlich? Selbst Stratford legte das Gesicht in würdevolle Falten, -- fünf himmelblau gekleidete Dienstmädchen traten ein, -- ein Harmonium ertönte, -- helle Stimmen sangen einen Choral. Dann las der Hausherr mit dem Tonfall katholischer Priester einen Bibelabschnitt, -- ein Gebet folgte. Alles kniete nieder, den Kopf in den Händen vergraben, -- auch Stratford, Georgs Freund, der Atheist. Ich fühlte, wie ich rot wurde vor innerem Zorn; ich allein blieb stehen.

»Wie können Sie nur?!« frug ich ihn empört, als er sich verabschiedete.

»Es ist ja nur eine Form!«

»Durch all unsere Rücksicht auf die Form helfen wir die Sache erhalten!«

* * * * *

Am Abend wurde der Kongreß durch einen feierlichen Empfang der ausländischen Delegierten eröffnet. Eine Schar weißgekleideter Mädchen, mit breiten Schärpen in den Landesfarben über der Brust, bildete Spalier auf der Treppe von Queenshall; in ein Meer von Licht war der Riesenraum getaucht, und alle Blumen des Sommers leuchteten und dufteten rings umher. In großer Toilette erschienen die Delegiertinnen, bei jeder Eintretenden ging ihr Name flüsternd von Mund zu Mund. Und wie sie bekannt waren, so kannten sie sich untereinander und begrüßten sich wie alte Kriegskameraden. Ich kam allein in meinem schwarzen Trauerkleid, über das der Witwenschleier schwer herunterfiel. Es war ein leerer Raum um mich, als ob meine dunkle Erscheinung alles Bunte, Helle von sich stieße. Mich kannte niemand. Ein scheu-verwundertes »Wer ist das?« schlug an mein Ohr.

Auf der Estrade versammelten sich die Delegiertinnen, und jede von ihnen begrüßte im Namen ihres Heimatlandes die wogende Menschenmasse unter uns. Da waren sie alle, die alten Vorkämpferinnen, die Frauen Amerikas und Australiens, die ihrem Geschlecht die Hörsäle der Universitäten und die Pforten zum Parlament eröffnet hatten. Ein neuer Weibestypus: statt der weichen Madonnengesichter, die die Stille und Enge häuslichen Lebens formt, schmale, scharf geschnittene Züge, wie sie die Welt ihren Bürgern meißelt; statt des treuen, warmen Blicks, der über Kinderstube und Küchengarten nicht hinauszuschauen braucht, die wissenden, ernsten, leidenschaftdurchfunkelten Augen jener, denen des Lebens dunkle Abgründe sich offenbaren. Neben ihnen, den Siegerinnen, standen die noch immer Besiegten: die dunkeläugige Türkin im schimmernden Märchengewande der Scheherezade, die Abgesandte Indiens, den schlanken braunen Leib in weiche Schleier gehüllt. Stolz erzählten die einen von ihren Triumphen, klagend die anderen von ihren Leiden, -- Triumphen auf dem Gebiete des wissenschaftlichen, des sozialen, des politischen Lebens, -- Leiden, hervorgerufen durch sexuelle, soziale und rechtliche Unterdrückung, als ob Befreiung und Not ihres Geschlechtes damit erschöpft wären. Immer heftiger schlug mir das Herz: ich sah wie im Traum vor den Türen dieses glänzenden Saales Scharen blasser Frauen im farblosen Kleide der Arbeit, wie Werkstätten und Fabriken sie allabendlich zu Tausenden in ihr elendes Heim entlassen. Und als mein Name gerufen wurde, und die weiße brillantengeschmückte Hand der Präsidentin sich mit einer leise bevormundenden Bewegung auf meine Schultern legte, während sie von Deutschlands rechtlosen Frauen, von meinem ersten Auftreten für ihre politische Gleichstellung sprach, da wußte ich, was ich zu sagen hatte.

»Die Millionen Frauen, die unsere Hemden weben und unsere Kleider nähen, haben mich nicht delegiert, aber ich fühle mich als ihre Abgesandte und nur als die ihre.«

Sekundenlanger Beifall unterbrach mich, -- galt er nicht mehr meinem gebrochenen Englisch und meiner Trauerkleidung als meinen Worten? Mit einem Blick voll Geringschätzung streifte ich die elegante Zuhörerschaft. Ich werde euch schon verstummen machen --, dachte ich.

»Ihre Vorsitzende rühmte mich als die erste deutsche Frau, die in öffentlicher Versammlung das Stimmrecht für ihr Geschlecht gefordert habe. Ich muß dieses Lob ablehnen. Seit Jahren tragen deutsche Arbeiterinnen von Ort zu Ort die Fahne der politischen Gleichberechtigung, und an der Spitze der Arbeiterpartei, der Sozialdemokratie, steht ein Mann, dem die Frauen der ganzen Welt zu Dank verpflichtet sind: August Bebel.«

Ich hielt unwillkürlich inne, ich erwartete einen Tumult, statt dessen erhoben sich alle Hände zu einmütigem Applaus, und selbst die Damen des Präsidiums, unter denen sich die vornehmsten Frauen Englands befanden, lächelten mir freundlich zu.

Am Ausgang des Saals trat mir eine starkknochige ältere Frau entgegen. In dem Druck ihrer harten, unbehandschuhten Hand erkannte ich die Arbeiterin. »Ich bin Sozialdemokratin,« sagte sie, »und möchte Sie als Genossin begrüßen.« Auf dem Heimweg begleitete sie mich, und ich gab meiner Verwunderung und meiner Freude Ausdruck über das Erlebte. Sie lachte geringschätzig. »Was wollen Sie?! Wir sind in England! Wenn ein Prinz Anarchist und eine Aristokratin Sozialistin ist, so gilt das als ganz besonders interessant. Passen Sie auf: man wird sich um Sie reißen. Für unsere Sache aber hat das gar keine Bedeutung.« Sie nannte mir ihren Namen -- Amie Hicks -- und ihre Wohnung, fern im äußersten Norden Londons. »Besuchen Sie mich einmal; ich werde Sie in Arbeiterkreise führen.«

Im Trubel der nächsten Zeit war daran nicht zu denken. Der Kongreß und seine Veranstaltungen nahmen mich ganz in Anspruch. Ich fehlte zwar oft; nicht nur, um den Morgen- und Abendandachten aus dem Wege zu gehen, mit denen die Sitzungen regelmäßig eingeleitet und geschlossen wurden, sondern auch, um Zeit zum Schreiben zu gewinnen.

In Gedanken an meine zusammenschmelzende Barschaft stieg mir das Blut oft siedendheiß in die Schläfen. Das sogenannte Gnadenquartal war mir als Witwe eines Universitätsprofessors freilich bewilligt worden, aber schon vom nächsten Monat ab hatte ich nichts Sicheres zu erwarten als meine kleine Pension von hundert Mark monatlich. Ich hatte kaum an den pekuniären Ausfall gedacht, als ich meine Redaktionsstellungen aufgab. Nun hieß es: arbeiten, zusammenschreiben, was ich zum Leben nötig hatte. Ich wußte nicht einmal, wie viel das war. Ich hatte nie mit dem Pfennig gerechnet. Wie gut, daß mein Trauerkleid mir wenigstens ersparte, den Luxus der anderen mitzumachen.

Mit Einladungen wurden wir überschüttet: vom Lord-Major an, der uns mit dem ganzen Pomp seiner unnachahmlich würdevollen Stellung empfing, wetteiferte alles in schier grenzenloser Gastfreundschaft. Hinaus aufs Land führten uns Extrazüge, -- jenes Land voll rührender, weicher Schönheit, mit seinen grünen, sanft geschwungenen Hügeln, seinen dunklen Buchengruppen und stillen, rosenumsponnenen Häusern. Fast unmerklich für Auge und Sinn geht die freie Natur in den Blumengarten, in den Schloßpark über, nicht wie bei uns, wo die ihr mit allen Mitteln mühsam aufgezwungene Kultur oft so verletzend wirkt wie protziger Reichtum neben dürrer Armut. Und in die Häuser Londons waren wir geladen, die, wie Menschen von alter Kultur, nach außen die gleichförmige, oft langweilig wirkende Maske guter Erziehung tragen und erst dem Gast, dem sich die Pforten öffnen, den ganzen inneren Reichtum individuellen Lebens zeigen. Berlin und die Berliner fielen mir dabei ein, wo Fassaden und Kleider, um Originalität vorzutäuschen, einander an Buntheit zu übertreffen suchen, während im Inneren Tapeziergeschmack und Konvention uneingeschränkt herrschen.

In Wohltätigkeits- und Bildungsanstalten aller Art wurden wir eingeführt, und wie in der Frauenbewegung, so imponierte mir hier die Einheitlichkeit ihrer Organisation, deren gewaltige Räderwerke so selbstverständlich ineinander griffen wie die jener Dampfturbinen, bei deren Anblick wir nicht wissen, ob wir die praktische Kunst ihrer Schöpfer oder die fremdartig-neue Schönheit ihres Baus mehr bewundern sollen.

Der Kongreß selbst war eine Parade, wie fast alle Kongresse. Die Reden, die gehalten, die Berichte, die gegeben wurden, waren den Eingeweihten ihrem Inhalt nach aus Büchern und Broschüren bekannt. Der Austausch von Meinungen, der das wichtigste gewesen wäre, wurde an zweite Stelle gerückt, er hätte die Ordnung und den Glanz der Heerschau am Ende trüben können. So wäre als Gewinn allein die Anknüpfung persönlicher Beziehungen übrig geblieben, aber auch er war bei näherem Zusehen für mich nur gering: diese Frauen hatten mir nichts Neues zu sagen. Ihr A und O, das Frauenstimmrecht, war für mich in dem Augenblick erledigt gewesen, als ich die Selbstverständlichkeit seiner Forderung erkannt hatte.

Bei einer internen Sitzung der Delegationen wurde ich zur Präsidentin für Frauenstimmrecht in Deutschland gewählt. Meine ablehnende Haltung wurde unter allgemeinem Erstaunen als eine Aufgabe des Prinzips betrachtet.

»Sie alle haben ihre ganze Kraft auf die Lösung dieser einen Frage konzentriert,« sagte ich in dem Versuch, mich verständlich zu machen, »ich bewundere Sie, aber ich kann Ihnen nicht folgen. Das Frauenstimmrecht ist heute für mich nicht mehr das Ziel, für das ich mein Leben einsetze, es ist nur ein Ziel, nur eine Etappe ...«

Man verstand mich nicht, von irgend einer Seite fiel sogar das scharfe Wort: »... unbrauchbar für praktische Arbeit.«