Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 9

Chapter 93,420 wordsPublic domain

Von dieser Patrouille ist nicht mehr viel zu berichten. Das Eleleschowasser berührten wir auf dem Rückmarsch nicht, auch nicht das am falschen Narok. Wir hielten uns östlich von beiden, legten zwei Tagemärsche in einen, ritten durch paradiesische Täler der Matumbatuberge und erreichten um sieben Uhr abends nach vierzehnstündigem Marsch das Naudéwasser. Gegen Mittag, als wir in einem Tal der Matumbatuberge am Ufer eines starken Baches in hohem, saftigem Grase absattelten, um abzukochen, gab es noch eine kleine Aufregung. »An die Gewehre! Feind rückwärts!« Richtig, da tauchten in unserer Spur einzelne Reiter auf. Die Schützen besetzten den Bachrand – glücklicherweise wurde erst beobachtet, ehe geschossen wurde. Die Reiter waren Unteroffizier Fokken mit der Nachspitze. Wie man nur vergessen konnte, daß die Nachspitze noch hinter uns war?! Überanstrengung muß doch wohl den Geist stumpf machen.

Vom Naudéwasser brachte uns ein kleiner Tagemarsch zurück zum Longido, zu unsern Boys, zur Badegelegenheit, zur reinen Wäsche und zum guten Essen und Trinken. Die Tiere hatten bereits am Naudéwasser wieder Kraftfutter erhalten, das wir dort auf dem Hinmarsch versteckt hatten. Im Longido wurde der nächste Tag geruht. Am übernächsten Tage zogen wir mit Staub und Ruhm bedeckt im Doppelberglager wieder ein. Hauptmann Fischer, unser Abteilungsführer, dem der glückliche Verlauf der Patrouille schon vom Longido aus telephonisch gemeldet worden war, ritt uns entgegen und nahm schmunzelnd die Parade der heimkehrenden Krieger ab. Am Abend war großes Karama [Festessen] in der Offiziersmesse, bei dem auch das Ziel erreicht wurde – jedenfalls hatte ich vierundzwanzig Stunden später noch Haarweh.

Ausbildung im Garnisondienst

Im Feldlager auf dem Doppelberg gab es außer der altgewohnten Arbeit auch allerhand Neues. Die Buren wurden von der Berittenen Achten zu uns zurückversetzt, und der Abteilungsarzt, Oberarzt Klemm, vergnügte sich damit, uns allen einen leichten Typhusanfall einzuimpfen; er begleitete jede Einspritzung mit einem teuflischen Grinsen, obwohl er eigentlich ein ganz lieber Mensch war. Karl Blaich baute natürlich wieder. Das Lager war bereits neun Zehntel fertig. Das war sehr fatal; denn nun mußte es notwendigerweise aus strategischen Gründen verlegt werden. Wir schimpften alle, vom jüngsten Rekruten bis zum ältesten Offizier. Der Soldat schimpft gern mal, das gilt als sein gutes Recht. Am meisten schimpft er aber, wenn er zurück soll und nicht versteht, warum; Rückzugsbewegungen aus strategischen Gründen, mögen diese noch so berechtigt sein, liegen dem Soldaten nicht.

Aller Ärger half aber nichts, packen mußten wir doch. Am 5. Juli 1915 war das Lager abgebrochen, nur seine äußere Schale blieb stehen, und die Kompanie trat mit ihrem ganzen Troß die strategische Rückwärtsbewegung an.

Wir lagerten einige Tage vor dem Posten Kamfontein am Nordwesthange des Meru, während oberhalb des Postens am Urwaldrande ein Platz für das Kompanielager frei geschlagen wurde. Benannt wurde dieses neue Kompanielager nach einem in der Steppe vorgelagerten Berge das Lager am Oldonjo Sambu. Karl Blaich baute mit nie rastendem Eifer ein neues Lager von Graspalästen, noch viel schöner als das am Doppelberg.

Wir wohnten hier etwa zweitausend Meter über dem Meeresspiegel. Nachts und bis elf Uhr vormittags war dort eine Hundekälte. Die Schützen trugen fast den ganzen Tag ihre Indermäntel, so genannt, weil sie nach der Schlacht von Tanga den gefallenen Indern abgenommen, chemisch gereinigt und an die Europäer verkauft worden waren. In den kalten Hochsteppen, wo wir operierten, waren diese Mäntel eine reine Gottesgabe. Im Feldwebelbüro ließ ich mir sogar einen Ofen bauen – ein eisernes Zementfaß wurde mit vielen kleinen Löchern versehen und Holzkohle darin gebrannt.

So hätte es auch im neuen Lager eigentlich ganz behaglich werden können, wenn nicht plötzlich ein neuer Befehl eingetroffen wäre, des Inhalts: Die Kompanie ist im Garnisondienst besser auszubilden! – irgend jemand mußte dem Abteilungsführer schwer aufgefallen sein.

Also, nun nach einjähriger Kriegszeit mußten auch die schon bejahrten Kriegsfreiwilligen, die größtenteils schon wegen besonderer Tapferkeit Gefreiter und Unteroffzier geworden waren, noch wie Rekruten ausgebildet werden. Die alten, zum Teil recht alten, ungedienten Krieger konnten einem leid tun. Sie hatten gewiß nicht beabsichtigt, eine Mißachtung des Vorgesetzten zu bekunden, wenn sie im Stehen mit der Hand an der Mütze grüßten. Im Felde und am Feind waren sie die Bravsten der Braven, und schießen konnten die alten Jäger, daß es eine Lust war.

Jetzt wurden ihnen Kriegsartikel vorgelesen. Die alten ungedienten Afrikaner haben gestaunt, was es für eine Masse militärischer Vergehen und Verbrechen gibt, auf die sie von sich aus sicher nie gekommen wären. Ihre Ruhe ließen sie sich aber nicht nehmen. Jeder alte Kolonist, gewohnt, sich seinen Weg selbst zu erkämpfen, hat eine eiserne Ruhe und ein hartes Pflichtgefühl. Unsere jungen, zum Teil blutjungen Rekruten wurden blaß vor Schreck. Ihnen hatte ich ja freilich schon öfters in väterlicher Weise vorgehalten, daß es beim Militär nicht üblich sei, auf den Befehl eines Unteroffiziers zu antworten: »Du Armloch, du kannst mir sonst was.« Ausgeführt hatten sie ja trotzdem auch früher den Befehl des Unteroffziers – jetzt durften sie sich aber nicht mal mehr in Worten erleichtern.

Die gedienten Leute sahen ja recht wohl ein, daß der Garnisondienst auch zur Ausbildung eines guten Soldaten gehöre. Allgemein bedauert wurde nur, daß niemand in den ersten Monaten des Krieges auf den Gedanken gekommen war, die ungedienten Leute hinter der Front zusammenzuziehen und methodisch auszubilden. An andern Fronten war das, glaube ich, gemacht worden.

Im stillen, dunklen Urwalde des Meru wurde eine Schneise geschlagen, so weit entfernt vom Lager, daß die Askari und Träger von der Ausbildung der Europäer weder was sehen noch hören konnten. Hier wurden das Vorbeigehen in strammer Haltung, das Grüßen durch Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung und viele andere militärische Sitten und Gebräuche fleißig geübt. Leutnant Freund instruierte die ungediente Mannschaft, ich repetierte mit der alten gedienten. Botha und von Richthofen, die beide nur mit einem Bein vorschriftsmäßig marschieren konnten, weil das andere verletzt war – Botha hinterließ im Sand eine Fährte wie von zwei linken Füßen, die den Feind oft in Staunen gesetzt haben mag –, ersetzten die stramme Haltung durch ihren Eifer. Maushake, dem die Sehnen beider Oberschenkel durchgeschossen waren, brachte das »Leicht-Vornüberliegen« mit dem besten Willen nicht mehr fertig. Unteroffizier Dornier, der ~Chasseur alpin~ gewesen war, zeigte uns in den Instruktionspausen, wie man bei den Franzosen »Gewehr über« mache: er schlug mit dem rechten Fuß an den Gewehrkolben, das Gewehr überschlug sich ein paarmal in der Luft und lag dann auf der rechten Schulter – das reine Taschenspielerkunststück. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, daß Dornier uns nur veräppelte.

Als Fliegerersatz über dem englischen Bezillager

Schon seit einiger Zeit hatte unsere Kompanie, abwechselnd mit dem Konkurrenzunternehmen, das jetzt nach Geraragua, am Urwaldrande des Kilimandscharo, zurückverlegt war, Patrouillen zum englischen Bezillager zu reiten. Das Bezillager, an dem ich den Leser auf unserm Marsch zur Magadbahn westlich vorbeigeführt habe, war das Hauptkonzentrationslager der englischen Truppen gegenüber unserer Front. Von hier aus mußte an unserer Front die große englische Offensive – der Hunderttausend-Tonnen-Hammer, mit dem der Feind schon lange gedroht hatte – ihren Ausgang nehmen, und darum war es höchst wichtig für unser Kommando, ständig informiert zu sein, was im Bezillager vor sich ging. Da wir keine Flieger hatten, war dies eine Aufgabe der Kavallerie. Alle Patrouillen dorthin waren Schleichpatrouillen; den Auftrag, das große Bezillager anzugreifen, hatten sie natürlich nicht. Nur so stark sollten sie sein, daß sie es unterwegs eventuell mit einer englischen Patrouille aufnehmen konnten.

Am 1. August 1915 war unsere Kompanie wieder dran gewesen, die Bezilpatrouille zu stellen. Der Führer der Patrouille war Oberleutnant Trappe, mit ihm waren die Unteroffiziere Thiele und Müller, die Gefreiten Roth, Becker und Apel, der Bur Alwin Botha und vier berittene Askari. Thiele war schon am Bezillager gewesen, Roth und Botha, uns bereits durch den früher beschriebenen Reittierraid bekannt, waren beide erstklassige Porileute – unvorsichtig zusammengestellt war die Patrouillenmannschaft also nicht. Und doch war die Sache schief gegangen.

Die Patrouille war die Nacht durchgeritten. Als sie am nächsten Morgen am Wasser des Schwarzen Steins, am Südwestabhange des Longidogebirges, hatte tränken und abkochen wollen, stand sie unvermutet dem Feinde in einer Stärke von hundertfünfzig Gewehren und zwei Maschinengewehren gegenüber. Nur Unteroffzier Thiele, Botha und zwei Askari waren zum Kompanielager zurückgekehrt, auch sie ohne ihre Reittiere – für Alwin Botha eine staunenswerte Leistung, da er nur ein felddienstfähiges Bein besaß; von dem andern hatte er sich mal beim Gewehrreinigen die ganze Wade weggeschossen. Alle andern, die fünf Europäer und zwei Askari, galten seitdem als vermißt – ein herber Verlust für die Kompanie, der erste größere seit dem Gefecht am Ingito.

Als keine Hoffnung mehr bestand, daß der eine oder andere der Vermißten noch eintreffen könne, rückte die ganze Kompanie aus, um festzustellen, ob das Wasser noch besetzt sei, und um andernfalls das Gefechtsfeld abzusuchen. Vom Schwarzen Stein sollte dann gleich eine neue Bezilpatrouille, zu der ich mich freiwillig meldete, weiterreiten.

Am Tage vor unserm Abmarsch war Frau Trappe im Kompanielager eingetroffen. Sie bestand hartnäckig darauf, den Ritt zum Schwarzen Stein mitzumachen, und drohte ernstlich damit, allein hinreiten zu wollen, wenn ihr die Erlaubnis mitzureiten verweigert würde – sie wollte sich Gewißheit verschaffen über das Schicksal ihres Mannes. Frau Trappe kam hoch zu Roß bei uns an, den Karabiner im Gewehrschuh, Packtaschen am Sattel, ganz wie einer von uns. Wir wußten, daß sie reiten konnte wie wenige, Furcht nicht kannte und gewohnt war, allein auf Löwen oder Nashorn zu jagen. Aber trotz der hellen Bewunderung, die wir alle dem Mut und der Entschlossenheit dieser Farmersfrau zollen mußten, verursachte es uns doch ein ungemütliches Gefühl, sie mit uns zu wissen; denn der Feind würde die in Khaki gekleidete Frau kaum von einem Soldaten unterscheiden können. Nur mit Mühe hatten wir sie überreden können, wenigstens ihren Karabiner im Lager zurückzulassen.

Unsere Sorge war überflüssig gewesen. Wir fanden das Wasser am Schwarzen Stein vom Feinde bereits wieder geräumt. Ausgeschwärmt suchte die Kompanie nun das Gefechtsfeld genau ab. Wir fanden die Knochen von einigen unserer Reittiere – Hyänen, Schakale und Aasgeier hatten sie längst kahl gefressen –, die Lanzen der beiden Bengallancers, die Thiele umgelegt hatte, und – eine leere Whiskyflasche mit dem Namen »Apel«, mit Bleistift auf das Etikett geschrieben. Gräber fanden wir nicht. Also konnte keiner, weder Freund noch Feind, so schwer verwundet gewesen sein, daß er nicht mehr transportfähig gewesen wäre. Im Gefangenenlager zu Ahmednagar traf ich später die vermißten Europäer zu meiner Freude alle wohlbehalten wieder; Müller hatte sogar seine Hornbrille noch.

Die Bezilpatrouillen hatten schon immer als gewagte Unternehmen gegolten. Nun, nachdem sie der Achten einmal einen Askari und einundzwanzig Reittiere und jetzt uns fünf Europäer, zwei Askari und elf Reittiere gekostet hatten, galten sie für gefahrvoller denn je. So, wie die Neunte geartet war, gehörte es folglich zum guten Ton, eine Bezilpatrouille mitgeritten zu haben.

Die Bezilpatrouille, die am Sonntag, dem 7. August, mittags vom Schwarzen Stein weiterritt, war zehn Europäer und zehn Askari stark. Ihre Führung hatte Leutnant Freund, ein früher in Deutschland aktiver Offizier, der kurz vor dem Kriege aus Deutsch-Südwest- nach Deutsch-Ostafrika gekommen war mit der Absicht, sich dort als Farmer niederzulassen. Mit ihm zogen meine Wenigkeit, Trommershausen, Mittag, Stein, Schmid, Karl Blaich, Fokken, Hans Kaufmann und – als einziger dem Leser noch nicht Bekannter – der Unteroffizier Zierold, den das frühere Patrouillenkorps Büchsel mit in den Kompanieverband eingebracht hatte, ein junger, lustiger, bei allen Kameraden beliebter Mensch.

Wir ritten den ganzen Nachmittag quer durch die Steppe in der Richtung zum Namangasumpf, der, vom gleichnamigen Fluß gebildet, kurz jenseits der Grenze südöstlich vom Erok liegt. Leider erreichten wir ihn erst nach Dunkelwerden, und leider stand Mondschein nicht im Kalender. Es gibt verschiedene Stellen, an denen man den Sumpf leicht durchschreiten kann, aber im Dunklen fanden wir sie nicht. Wir versuchten, durch das Schilf durchzudringen. Das Schilf ist dort zwei bis drei Meter hoch und so stark und dicht, daß wir es ein Stück erklettern mußten, um es durch unser Körpergewicht umzuknicken. Schwitzend, schimpfend und von Moskitos arg gequält, drangen wir in diesen Schilfwald ein, um, als nach einstündiger harter Arbeit das Schilf dünner wurde und endlich in Steppenland überging, die Entdeckung zu machen, daß wir auf derselben Seite, von der aus wir eingedrungen, auch wieder herausgekommen waren. (Wer einstens diesen Sumpf drainiert und beackert, wird der reichste Farmer in Ostafrika werden.) Nach einem nochmaligen Versuch, uns einen Weg durch das Schilf zu bahnen, gaben wir es auf und ritten östlich, dann südöstlich am Sumpf entlang, bis wir uns einbildeten, daß er schmäler würde und die Moskitos weniger. Dann lagerten wir für den Rest der Nacht.

Glück muß der Soldat haben. Am nächsten Morgen fanden wir, daß wir auf einer Steppeninsel des unteren Namangaflusses gelagert hatten, daß das Schilf tatsächlich dort nur dünn und der Sumpf leicht passierbar war – wir merkten uns diese Stelle und den Lagerplatz für den Rückweg vor. Wir ritten nun durch das alte, jetzt verlassene Low-Hills-Lager der Engländer, ließen deren Kidongoilager am Erok links liegen und hielten den ganzen Tag, ohne seit dem Namanga wieder auf Wasser zu stoßen, in nördlicher Richtung auf das Elmobarashagebirge zu, nordwestlich von dem das Bezillager liegen sollte. Ich sage »sollte«, denn keiner von uns allen war bisher je dort gewesen.

Solange es Tag war, ritten wir nach der Karte immer querfeldein durch Steppe und Busch. Als es Nacht geworden war, ritten wir nach den Sternen – Sternkunde muß unbedingt unter die Instruktionsthemata ostafrikanischer Porisoldaten aufgenommen werden. Als die Sterne durch Wolken verschleiert waren, ritten wir auf gut Glück und nach einem Taschenkompaß. So ein Ding für die Uhrkette, wir kennen es alle, 3,60 Mark das Dutzend – wer sich darauf verläßt, ist verraten und verkauft. Berge gab es genug in der Gegend. »Der springende Punkt« war, den richtigen Berg noch in der Nacht zu finden. Nur von ihm aus konnte man in das englische Lager einsehen, und nach Tagesgrauen durften wir hier in der blanken Steppe, in der Nähe der großen englischen Etappenstraße und des Bezillagers, nicht mehr gesehen werden. Berge, die vor Sonnenuntergang schon ganz nahe vor uns zu liegen schienen, wollten in der Nacht nicht näherkommen. Berge, die uns bei Tage aus der Entfernung hoch vorgekommen waren, waren jetzt plötzlich ganz niedrig. Es war zum Verzweifeln. Unter dem Schirm eines Indermantels, auf dem Boden liegend, wurde beim Streichholzschein die ausgebreitete Karte studiert, um festzustellen, wo wir hingeraten sein mochten. Viel kam dabei nicht heraus, höchstens, daß es jetzt zehn verschiedene Meinungen gab anstatt fünf, wie vorher.

Nach stundenlangem Wursteln kamen wir an was Gebirgiges. Wenn dies das Elmobarashagebirge sein sollte, dann war es ein Betrug. Das war ja höchstens ein Hügel. Da wir aber achtzehn Stunden auf dem Marsch und alle hundemüde waren, beschlossen wir einstimmig, daß dieser scheinbare Hügel das Elmobarashagebirge sein müsse. Wir ritten noch ein Stück hinein, sattelten in einem flachen Koongo ab und pennten.

Einstimmigkeit soll man gelten lassen. Als wir uns bei Morgengrauen umschauten, waren wir richtig im Elmobarashagebirge. Wir hatten in der Nacht nicht gemerkt, daß wir bereits lange Zeit sanft bergan geritten waren. Der Hügel, der uns als ein Betrug erschienen war, sollte uns noch viel Gelegenheit zum Klettern geben. Vor allen Dingen mußten wir fix da weg, wo wir gelagert hatten. Wir standen dort wie auf dem Präsentierteller, von überall aus der Steppe sichtbar. Kaum hatten wir dies mit Schrecken bemerkt und festgestellt, daß wir von Osten, unweit von einem feindlichen Posten, in das Gebirge eingedrungen waren, als ein dichter Nebel uns freundlichst einhüllte. Unter seinem Schutz kletterten wir höher in das Gebirge hinein. Wir trafen auf eine Massaiviehtränke, aus der wir tränkten und unsere Feldflaschen neu füllten. Frischer Dung verriet, daß Massai hier täglich verkehrten. Wir durften also da nicht bleiben, wollten wir nicht gemeldet werden. Wir kletterten mit unsern Tieren noch höher ins Gebirge hinein, bis wir einen von der Steppe her gegen Sicht gedeckten schönen Weideplatz fanden. Hier wurde abgesattelt.

An der Nordwestecke des Gebirges gab es, wie wir aus den Patrouilleberichten wußten, einen Punkt – aber auch nur diesen einen! –, von dem man wie aus der Vogelperspektive in das Bezillager hineinsehen konnte. Die Engländer unterhielten verschiedene Posten im Elmobarashagebirge, aber diese eine Stelle haben sie merkwürdigerweise nie besetzt. Leutnant Freund machte sich mit zwei Europäern zu Fuß auf den Weg, um diesen Aussichtspunkt zu suchen, in der Hoffnung, daß sich der Nebel, der uns am Morgen günstig gewesen war, gegen Mittag verziehen werde. Wieder hatten wir das Glück auf unserer Seite – der Nebel tat uns den Gefallen und verzog sich. Sonst hätten wir solange im Gebirge bleiben müssen, bis ein nebelfreier Tag gekommen wäre. Das Elmobarashagebirge hat von Norden nach Süden drei oder vier parallellaufende Kämme, die Freund und seine Gefährten alle überklettern mußten. Erst gegen vier Uhr nachmittags kamen sie todmüde, aber mit einer genauen Skizze des Bezillagers in der Tasche, zu den Tieren zurück.

Um fünf Uhr sattelten wir und führten auf einem Nashornwechsel, durch Busch gedeckt, zurück an den Waldrand im Nordosten des Gebirges. Erst nach Dunkelwerden brachen wir aus der Deckung heraus in die offene Steppe, in der Nacht und Tag feindliche Patrouillen das Elmobarashagebirge umritten; sobald wir durch diesen Patrouillengürtel zum zweitenmal glücklich durch waren, war unsere Aufgabe in der Hauptsache gelöst. Abwechselnd im Trab und Galopp durchritten wir schnell und ungehindert die gefahrvolle Zone.

Karl Blaich führte. Auf seinem langbeinigen Bruno, einem Halbblutaraberwallach, trabend, gab er ein mächtiges Tempo an, so daß die Maultiere in der Kolonne fast ständig galoppieren mußten, um mitzukommen. So ein echter Poriführer, der seine Sache gut machen will, hat seine üblichen fünf Sinne und als sechsten seinen Poriinstinkt mächtig zusammenzuhalten. Es genügt nicht, daß er die richtige Marschrichtung innehält, er soll auch nachts in einem ihm gänzlich unbekannten Gelände, ohne Weg und Steg, stets da führen, wo das Gehen den Tieren am leichtesten wird; er soll Schluchten und undurchdringlichen Busch, wulstiges Gras, torfigen, brüchigen oder steinigen Boden, kurz alle Marschhindernisse instinktiv vermeiden, ohne dabei eine Sekunde zu zaudern oder unnötig große Umwege zu reiten. Die Fähigkeiten hierzu müssen angeboren sein – anerziehen lassen sie sich nur bis zu einem gewissen Grade. Unsere besten Poriführer, geborene Führer, waren unter den Buren: Piet Nievenhuizen, Louis van Rooyen und, wenn er aufpaßte, Alwin Botha, bei den Deutschen: Thiele, Karl Blaich und Max Truppel. Wir hatten genug Leute in der Kompanie, die sich vor dem Kriege auf Jagd und dann im Kriege durch Übung eine ganz brave Pori-Kenntnis angeeignet hatten, aber den Genannten konnten wir alle nicht das Wasser reichen.

Unter Karl Blaichs Führung waren wir flott vorausgekommen. Zwölf Uhr nachts sattelten wir irgendwo in Gottes schöner, freier Natur ab und schliefen vier Stunden. Dann ging es weiter, ein Stück Weges begleitet von einigen Löwen, zurück zu der Steppeninsel im unteren Namangasumpf. Hier kochten wir zum erstenmal ab, seitdem wir das Kompanielager verlassen hatten. Bis dahin hatten wir uns nicht getraut, Feuer zu machen. Schmeckte der »Blaue Heinrich« diesmal aber fein!

Nachmittags ritten wir quer durch die Steppe, die zwischen dem Kilimandscharo und Longido liegt, gerade auf die Ngasseraibuga los. Nach Sonnenuntergang wurde es grausam kalt. Es pfiff ein solch eisiger Wind, daß mir die Zügelhand ganz klamm wurde. Und dabei war ich so müde, daß ich im Reiten einschlief und immer dann erst wieder aufwachte, wenn ich beinahe unten lag. Ein Wunder war es eigentlich nicht, daß wir müde waren. Wir hatten in den letzten hundertzwanzig Stunden nur zwanzig Stunden geschlafen.

Gegen ein Uhr nachts waren wir in der Ngasseraibuga. Wir sattelten ab und hauten uns hin, aber die Kälte und die Löwen, die ständig unsere Tiere beunruhigten, ließen uns auch dort die richtige Ruhe nicht finden. Am nächsten Tage machten wir am Engare Nanyuki einen halben Ruhetag. Stein hatte ein Stück Wild geschossen, wir konnten baden – was wollten wir mehr?! Am übernächsten Tage, nach sieben Patrouillentagen, waren wir zurück im Kompanielager am Oldonjo-Sambu.

Durch den ostafrikanischen Großen Graben ins Winterhochland

Ende August 1915 widerfuhr der Neunten wieder einmal eine strategische Rückwärtsbewegung. Diesmal durften sogar alle entbehrlichsten Lasten der Europäer nicht mit nach dem neuen Lager überführt, sondern sie mußten nach dem befestigten Aruscha gebracht werden. Spottlustig, wie nun mal Soldaten sind, nannten sie das seitdem die »Angstlasten«. Daß sie abtransportiert wurden, war an sich recht gut; denn einzelne Leute hatten sich von ihren Farmen allmählich ihre halbe Einrichtung kommen lassen, und die Kompanie war dadurch immer mehr in ihrer Beweglichkeit gehindert. Aber der eigentliche Zweck des Abtransports, nämlich, jene »Angstlasten« in Sicherheit zu bringen, ist nicht erreicht worden. Sie fielen vielmehr sämtlich – darunter auch meine gesamte, für fünf Jahre berechnete Ausrüstung als Zivilmensch und alle meine Farmbücher und -akten – später beim Rückzug der Abteilung Aruscha in die Hände des Feindes.

Wir zogen also gegen Ende August wieder um, diesmal in unser letztes Dauerlager am Engare Olmotonje, unweit Aruscha. Seine Musteranlage habe ich schon oben beschrieben. Ich selbst habe es nur wenig frequentiert, denn zunächst rückte die ganze Kompanie auf fünf Wochen zu einer großen Fernunternehmung aus, und dann wurde ich von meinem Kompanieführer für drei Monate nach auswärts verpumpt.