Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 10

Chapter 103,539 wordsPublic domain

Die große Monster- und Riesenpatrouille, zu der die ganze Berittene Neunte am 31. August, wenige Tage nach dem Umzuge, ausritt – sie war von vornherein auf eine Dauer von fünf bis sechs Wochen berechnet – wird den Leser hoffentlich nicht schon patrouillenmüde finden. Es hilft ihm nichts – wir durften ja auch nicht patrouillenmüde werden; ich bin es, im Vertrauen gesagt, nie geworden, denn als Etatsmäßiger war ich weit lieber auf Patrouille als unter den Büchern und Akten des Feldwebelbüros. Aber der Leser wird es auch nicht bereuen, uns bei dieser Unternehmung zu folgen – führte sie doch in eine ihm und auch den meisten von uns ganz neue Gegend, nach Westen zu über den ostafrikanischen Großen Graben in das Gebiet der Riesenkrater und in Landstriche, die für Europäerbesiedlung wie geschaffen erscheinen. Dazu lernen wir bei dieser Gelegenheit auch eine Persönlichkeit kennen, für die ganz Jungafrika schwärmte. Der militärische Zweck dieser Unternehmung war, wenn ich ihn richtig verstanden habe, der, den Feind an einer ganz neuen Front zu beunruhigen und ihn dadurch zu zwingen, Truppenverschiebungen zur Entlastung unserer alten Front vorzunehmen.

Von unsern Kompanieoffizieren ritten nur mit der Kompanieführer Oberleutnant Büchsel und Leutnant Berghöfer, der seit einigen Wochen als Ersatz für den vermißten Oberleutnant Trappe von der Berittenen Achten zu uns versetzt worden war. Leutnant Freund wurde gleich in den ersten Tagen der Patrouille krank und mußte umkehren. Oberleutnant Meyer hatte Typhus und lag im Lazarett in Aruscha. Typhus grassierte, bevor Oberarzt Klemm uns impfte, ziemlich stark in der Kompanie – kein Wunder, da unsere Patrouillen so manches Mal, durch den Durst gezwungen, in Versuchung kamen, Sumpfwasser oder verdorbenes Regenwasser aus irgendeiner Pfütze ungekocht zu trinken. Alle mir bekannten Typhusfälle sind aber leichter Natur gewesen, und ich habe überhaupt nie gehört, daß in Ostafrika unter einigermaßen normalen Verhältnissen ein Soldat an Typhus gestorben wäre.

Da wir auf den Reit- und Packtieren nicht für fünf Wochen ausreichende Verpflegung unterbringen konnten, mußten uns Verpflegungsträger für einen Teil des Marsches begleiten. Je zwei Europäer durften eine Last und jeder einen Boy mitnehmen.

Ich nahm meinen einäugigen Boy, den ausgerissenen Missionspetro, auf dieser Patrouille mit. Trotz der oft langen Märsche, die er zu Fuß, mit seinem eigenen Gepäck und Proviant für mehrere Marschtage beladen, machen mußte, war Petro bei jedem Halt mit der Reserveflasche kalten Tees oder Kaffees zur Stelle, und wenn wir abkochten, hatte er sofort ein Feuer im Gange. Ich habe mich oft gewundert, woher der Junge nach zehnstündigem oder längerem Marsch in Staub und Sonne immer noch die Energie hernahm, für mich zu sorgen. Nicht ein einziges Mal habe ich ihn zu rufen brauchen; stets war er da, wo für meine Bequemlichkeit irgend was getan werden konnte. Und dabei machte Petro stets ein freundliches Gesicht, soweit ihm das mit seiner einen Gesichtshälfte gelingen wollte; die andere Hälfte mit dem fehlenden Auge grinste nicht mit, und der Gesamteindruck wirkte daher auf Leute, die ihn nicht kannten, etwas beängstigend. Ich nahm Petro mit, weil mein anderer, mehr rundlicher Boy Sakiva von starken Anstrengungen leicht Fieber bekam. Beide waren Wachagga, aber der hagere Petro hatte, glaube ich, einen Einschlag von Massaiblut.

An Trägern hatten wir etwa achtzig Mann mit, lauter ausgesucht kräftige Leute. Der Stamm unserer Träger bestand aus Wanjamwezi, die von der ehemaligen Abteilung Geraragua und von meinem Olmologposten übernommen worden waren. Sie haben vom ersten Tage des Krieges an mitgemacht, und sie waren noch bei der Kompanie, als ich nach zwei Jahren gefangen wurde. Was die Leute in der Zeit geleistet haben, ist gar nicht auszudenken, und wie viele tausend Kilometer sie mit einer Last auf dem Kopf zurückgelegt haben mögen, möchte ich nicht ausrechnen müssen. Und dabei waren sie bis zu Ende willig und meistens sogar recht vergnügt. Etwas Berechnung ihrerseits mag wohl dabei gewesen sein, daß sie so gern bei der Kompanie blieben. Wären sie weggelaufen oder auf Wunsch entlassen worden, so hätte irgendeine Etappe sie sicher sofort wieder aufgegriffen und als Etappenträger eingestellt. Letzteres galt aber als das größere Übel; der Dienst dort war noch anstrengender, weil er nie unterbrochen wurde. –

In den ersten drei Marschtagen durchquerten wir die Tiefsteppe des ostafrikanischen Großen Grabens – zwischen den Kilimandscharo- und Merusteppen einerseits und dem Winterhochland andererseits (nicht zu verwechseln mit dem Großen _Zentral_afrikanischen Graben, in dem der Tanganjika- und Albert-Njansa-See liegen). In der Hauptrichtung von Nord nach Süd laufend, hat jener Graben auf der Westseite einen scharf markierten Steilrand, auf der Ostseite aber, von der wir kamen, fällt das Gelände allmählich ab; erst nördlich vom Natronsee ist auch der östliche Grabenrand des hier enger werdenden Grabens klar erkenntlich.

Wir stiegen nordöstlich der Ostausläufer des Mondulgebirges in die Tiefsteppe hinunter und zogen dann zwischen dessen Westausläufern im Süden und dem Ketumbeinegebirge hindurch. In dieser Tiefsteppe ist man ganz auf Regen- und Grundwasser angewiesen. Wir fanden in Felslöchern noch genügend Regenwasser, das freilich weder sehr appetitlich aussah noch besonders schön roch; es wurde natürlich vor dem Gebrauch gekocht. Tausende zierlicher Webervögel in allen Farben frequentierten diese Wasserlöcher und ließen sich durch das Wasserschöpfen der Träger und Boys nicht im geringsten stören. In der Trockenzeit sackt alles Regenwasser ab, man muß dann nach Grundwasser graben. Solches wird man nach einigem Suchen fast immer in den mächtigen, oft haustiefen Koongos finden, von denen die Tiefsteppe zerrissen ist. Freilich darf man nicht damit rechnen, am Ende der Trockenzeit noch so viel zu finden, daß es für große Karawanen oder Viehtransporte genügt. Wer Grundwasser in einem Sandkoongo sucht, grabe dort, wo Wild gescharrt hat oder wo Schmetterlinge sich auf den Sand setzen.

Unser dritter Marschtag bedeutete eine Durststrecke von neun Stunden. Wir wußten, daß wir vom Koongo ya Kabrule bis Engaruka, unserm Ziele am Grabenrand, kein Wasser finden würden, und beschlossen deshalb, besonders unserer Träger wegen, einen möglichst großen Teil der Durststrecke in der Nacht zurückzulegen. Um acht Uhr morgens traf die Kompanie am Engarukabach ein, der, aus dem Winterhochlande kommend, sich in einer Reihe von Wasserfällen lustig den steilen Grabenrand herabstürzt. Bei seinem Wasserreichtum und dem zu erzielenden Wasserdruck würde er, systematisch ausgenutzt, mehrere hundert Farmen mit ausreichendem Wasser versehen können. Jetzt ergießt er sich in die Steppe und bildet dort ein übles, ungesundes Sumpfgelände. Selbst höher hinauf am Graben, wo der Posten lag, litten Europäer und Askari an Malariaanfällen; Stelzl, ein Bayer, der kurz vor dem Kriege hier eine Farm belegt und ein Wohnhaus zu bauen angefangen hatte, klagte sehr darüber.

Den starken Außenposten Engaruka, dem auch der Posten Ngorongoro angegliedert und unterstellt war, kommandierte der Vizefeldwebel unserer Kompanie Dr. Sinning, genannt »der alte Stock«, obwohl er lange nicht so alt ist wie ich. Der Posten selbst wurde von der Abteilung Aruscha gestellt; da diese anscheinend über keinen geeigneten Postenführer verfügte, hatte ihr unsere Abteilung den Dr. Sinning gepumpt. Vom Dezember an bis Anfang März 1916 bin ich sein Nachfolger gewesen.

Der gute Kamerad Sinning hatte für den Empfang und für den Aufenthalt seiner Kompanie alles aufs beste vorgesehen. Es gab Grasbuden für die, die nicht vorzogen, im Freien zu schlafen. Es gab Ochsen- und Ziegenbraten. Es gab Bananen, Papayen, Erdnüsse, Zitronen von den Mashamba [Pflanzungen] der Eingeborenen und, sage und schreibe, europäisches Gemüse aus Stelzls Gemüsegarten. Es gab Eier und Kükenbraten. Es gab Körnermais für die Tiere. Vor allem aber gab es aus dem Bergstrom ein herrliches klares, kaltes, ganz natronfreies Quellwasser zu trinken. Nach dem dreitägigen heißen Ritt durch die Tiefsteppe mit ihrem übelriechenden, abgekochten alten Regenwasser kamen sogar hartgesottene Sünder, am Rande des Engaruka sitzend, beinahe auf den Gedanken, für den Rest ihres Lebens Wassertrinker zu werden. Prächtig war auch die Badegelegenheit im Engarukabach. Den ganze Tag konnte man rauhe Kriegsknechte in Felslöchern sitzen sehen, um sich von den Wasserfällen ihre Haut peitschen zu lassen. Wenn sie genug hatten, lagen sie wie Seehunde auf den Felsplatten und sonnten sich.

Ich sagte oben: »natronfreies Wasser«. Das ist wichtiger, als das Wort ahnen läßt. Der Engaruka und sein Nachbar, der Rongai, sind nach Norden hin die letzten Wasser, die natronfrei sind. Alle Flüsse, die weiter nördlich vom Grabenrand herunterkommen, sind ebenso wie die, die sich aus dem östlich des Grabens liegenden Geleigebirge, aus heißen Quellen gespeist, in den Natronsee ergießen, stark natronhaltig. Natronhaltiges Wasser löscht aber nicht den Durst, sondern vermehrt nur noch das Durstgefühl. –

Der Abschied von Engaruka und unserm liebenswürdigen Wirt am nächsten Nachmittag ist uns allen recht schwer geworden. Um den Grabenrand erklettern zu können, mußten wir noch sieben oder acht Kilometer in nördlicher Richtung an ihm entlangreiten. Wir durchquerten hierbei das um diese Jahreszeit unten in der Steppe ausgetrocknete Flußbett des Engare Rongai und trafen am Fuß des Keremasiberges auf den Anfang des Aufstieges.

Zwei Wege führen hier zum Hochland hinauf. Unsere Trägerkolonne schlug den kürzeren, von Eingeborenen ausgetretenen Fußpfad ein, der sich in steilen Serpentinen hochwindet. Die Kompanie ritt auf dem von Stelzl für den Farmer Adolph Siedentopf angelegten längeren Fahrweg. Stelzl hat bei der Anlage dieses Fahrweges für den Ochsenwagenverkehr großes Geschick bewiesen. Freilich muß, wer hier hinauffahren will, aus dem ff mit Ochsen umzugehen verstehen – für Anfänger ist der Weg nicht gedacht.

Der Höhenunterschied zwischen der Tiefsteppe in der Grabensohle, aus der wir kamen, und der Hochsteppe des Winterhochlandes beträgt etwa tausend Meter; infolge der vielen Schlangenwindungen unseres Weges erfordert der Aufstieg mehrere Stunden. Bei einer Wasserstelle, nach dem zu Beginn des Krieges von den Wasonjo an die Engländer verratenen und bei einem Überfall gebliebenen Schutztruppenfeldwebel Bast »Kambi ya Bana Bast« benannt, traf die Kompanie wieder mit der Trägerkolonne zusammen. Hier wurde für die Nacht gelagert.

Am nächsten Morgen führte uns der Weg scharf am Rande des Elanairobikraters vorbei. Zehn Schritt von seinem Rande ahnt man noch nichts von ihm. Man stelle sich eine grasige, mit leichtem Busch bestandene Ebene vor, in der sich ganz unerwartet ein riesiges, trichterförmiges Erdloch auftut, das ein 1000-Zentimeter-Geschoß, wenn es das gäbe, gewühlt haben könnte. Das kreisrunde Kraterloch, dessen Wände bewaldet sind, ist nach meiner Schätzung etwa sechshundert Meter tief und hat oben einen Durchmesser von vielleicht fünfzehnhundert Meter. Unten im Kraterloch befindet sich ein kreisrunder See von schätzungsweise achthundert Meter Durchmesser, dessen Rand rosig in der Sonne schimmerte. Es sind aber nicht Wasserrosen, die dort leuchten, sondern die Rücken und Flügel von Tausenden von Flamingos, die am Seerande auf einem Bein im Wasser stehen und solange regungslos, den Kopf etwas auf einer Seite, in das Wasser schielen, bis sie ihren Fisch erwischt haben. Zuweilen sahen wir einen Schwarm Flamingos sich träge erheben und wie eine leichte Wolke Apfelblütenblätter über dem Wasser treiben. Ein Kiboko [Flußpferd], deren es viele in diesem Kratersee geben soll, mag sich dem Ufer genähert haben, seine Nasenlöcher aus dem Wasser haben auftauchen lassen und wie ein Walfisch einen Wasserstrahl in die Luft geblasen haben. Das Kiboko verschwand, und die schwärmenden Flamingos ließen sich wieder auf ihre alte Futterstelle nieder. Sicher haben sich die Flamingos nicht ohne geräuschvollen Protest aufscheuchen lassen, aber dort hoch oben, wo wir bewundernd standen, hörte man keinen Laut. Ich hatte das Gefühl, als ob eine ganz andere, fremde Welt dort tief unten zu meinen Füßen läge.

Wir ritten nun durch die saftige, grüne Landschaft des Winterhochlandes und stiegen dann hinein in den riesigen Bulbul-Krater, der beinahe bis an seinen Rand mit Geröll und Asche angefüllt ist. Über dieser Unterschicht hat sich eine dünne Humusschicht gebildet, durch die die Tiere bei jedem Schritt bis zum Knie durchtraten. Außerdem ist diese lose Unterschicht unterminiert von Tausenden von Schakalen. Wer im Bulbulkrater nächtigen wollte, der würde wegen des Gebells der Schakale wenig Ruhe finden. Dieser Krater hat einen Durchmesser von vielleicht zwölf Kilometer. Über eine steile Geländestufe klettern wir aus ihm heraus wieder in das saftige Winterhochland hinein, das immer noch langsam ansteigt.

In dieser Hochsteppe stießen wir auf eine Gnuherde, und ein prächtiger Bulle wurde für die Verpflegung der Kompanie erlegt. Da drei Schützen gleichzeitig auf ihn gefeuert hatten und sich darüber stritten, wessen Kugel – alle drei wußten genau, wo sie abgekommen waren – den Bullen zur Strecke gebracht hätte, wurde unser Sanitätsrat gerufen, um den Fall zu begutachten und den Wettstreit zu entscheiden. Nach längerer Untersuchung der drei Einschüsse, während der die Kompanie andächtig schweigend zusah, gab unser Sanitätsrat sein Urteil dahin ab, daß der Gnubulle an keiner Kugel, sondern am Herzschlag eingegangen sei. Mit lautem, anhaltendem Gelächter wurde dieses Urteil begrüßt.

Unser Sanitätsrat – er wurde sehr böse, wenn er hörte, daß wir ihn so nannten – war der Sanitätsfeldwebel Stein. Bei der Kompanie stand er in dem Ruf ungemeiner Gelehrsamkeit, von der er in selbstloser Weise gern seinen minderbegabten Mitmenschen recht viel mitteilte. Stein hielt sich auch für einen großen Praktiker, und es machte ihm ganz besondere Freude, sein tiefes Wissen auf allen Gebieten auch in die Praxis umzusetzen. Als er im Mai 1915 von der Infanterie zu unserer Kompanie versetzt worden war, hatte er im Lager bald Lernbegierige um sich versammelt, und es war ulkig anzusehen, wie diese alten erfahrenen Patrouillenreiter den Schalk in ihren Augen zu unterdrücken wußten, wenn Stein lange Vorträge darüber hielt, was man auf Patrouille essen und wie man auf Patrouille abkochen müsse.

Als nun unser lieber Sanitätsrat zum erstenmal auf Patrouille mitritt und seinen vorzüglichen Koch nicht mitnehmen durfte, hieß es, selbst seine Weisheit in der Praxis bewähren. Ob ihm dabei etwas unheimlich zumute war, weiß ich nicht. Merken ließ er sich nichts, und auch seine Bewunderer, die ihm zusahen, als er zum erstenmal selber abkochen mußte, machten die unschuldigsten Gesichter von der Welt.

Ich sehe das Bild noch heute deutlich vor mir. Stein kniete, nachdem er ein Feuer angemacht hatte, neben dem Sanitätslastpacksattel und würgte, stark schwitzend, mit Anstrengung aller seiner Kräfte aus demselben etwas wurstartiges Langes heraus, das kein Ende zu nehmen schien. Jemand fragte, was das sei. »Ein Sack mit Reis«, sagte Stein, »Reis ist das einzige richtige Patrouillenfutter. Im heißen Indien und in China leben die Menschen nur von Reis.« »Aber, Mensch«, rief jemand, »Sie haben da gut und gern zehn Kilo Reis in dem Beutel, der reicht ja für zweihundert Mahlzeiten, und die Patrouille soll doch nur sechs Tage dauern.« »Verstehen Sie nicht«, antwortete Stein gekränkt, »Reis kann der Mensch nie zuviel essen – übrigens bin ich kein Mensch, sondern der Sanitätsvizefeldwebel Stein. Merken Sie sich das!«

Nun füllte Stein sein großes Kochgeschirr beinahe bis an den Rand voll trockenen Reis, goß ein wenig Wasser nach und hing das Kochgeschirr über sein Feuer. Steins Bewunderer stießen sich heimlich an und blinkten sich zu, sagen taten sie aber kein Wort. Einige Erzschelme warfen unter dem Vorwande, sich besonders gefällig erweisen zu wollen, noch trockene Reisige auf Steins Feuer, so daß die Flammen hoch über dem Kochgeschirr zusammenschlugen. Bald kochte das Wasser, und die Reiskörner fingen an, sich mollig darin zu dehnen. Da sie im Kochgeschirr bei ihrer Menge hierzu nicht genügend Platz fanden, quollen sie in wildem Ungestüm oben aus ihm heraus. Stein machte ein sehr bedenkliches Gesicht, wie er all seinen schönen Reis ins Feuer kleckern sah. Er goß mehr Wasser zu. Für einen Augenblick beruhigte die kalte Dusche den Reis, und Stein fing an aufzuatmen. Zu früh! Schon wieder quoll der Reis oben aus dem Kochgeschirr – toller, denn zuvor. Energisch griff Stein jetzt zu seinem Löffel, schöpfte während zehn Minuten den überquellenden Reis oben ab und warf ihn wütend unter seine Jünger, die sich scheckig lachen wollten. – Seitdem kochte Stein nie mehr, sondern ließ sich auf Patrouillen seinen Reis von dem Askari kochen, der das Sanitätspacktier mitsamt der Reislast zu führen hatte.

Kurz nach der vorbeschriebenen Gnujagd, die mich auf Stein brachte, überschritten wir den höchsten Punkt der Winterhochlandsteppe. Das Gelände senkte sich, und nach kurzem Marsch erreichten wir den Lemungefluß, der, vom Olmotikratersumpf kommend, das Winterhochland durchfließt und im Ngorongorokrater endet. In seinem Oberlauf hat der Lemunge auch in der Trockenzeit Wasser genug, um bei systematischer Verteilung hundert Farmen zu versehen – ein idealeres Klima, als dort oben im Winterhochlande, kann ich mir für eine Europäerbesiedlung überhaupt nicht vorstellen. Am Ufer des Lemunge wurde abgekocht und für die Nacht gelagert. Am nächsten Morgen wollten wir in den Ngorongorokrater hineinreiten, in dessen Kessel Adolph Siedentopf seit 1905 seine Farm hat.

Adolph Siedentopf – welcher Ostafrikaner kennt diesen Namen nicht? Ich hatte schon in Berlin, ehe ich nach Deutsch-Ostafrika fuhr, von ihm gehört. In allen Erzählungen von Adolph Siedentopf haftete seiner Person eine überirdische Kraft an, etwa wie den Paladinen Karls des Großen. Nur ganz wenige Kompaniekameraden hatten ihn persönlich gesehen, und auf die mußte er einen erschütternden Eindruck gemacht haben, denn sie sprachen nur mit ehrfurchtsvoller Scheu von ihm. Sein Königreich im Ngorongorokessel hatte noch keiner der Kameraden zu betreten gewagt. Einzelne waren auf Viehsafari am Rande desselben vorbeigekommen – den alten Löwen in seinem Bau zu besuchen, hatte sich keiner getraut.

An jenem Abend am Lemungefluß war an jedem Lagerfeuer nur von Adolph Siedentopf die Rede. In ihre Indermäntel gehüllt, hockten die Krieger dicht an den Feuern und ließen die Pulle weitergehen; denn die Nacht war grausam kalt. Umgebung und Stimmung waren dazu angetan, Räuberpistolen zu erzählen und ihnen zuzuhören. Auch an unbeabsichtigten Übertreibungen wird es dabei nicht gefehlt haben, handelte es sich doch für die Erzähler um ihren afrikanischen Helden. Was ich erlauscht, will ich versuchen wiederzugeben. Was Wahrheit, was Dichtung ist, wird nur Adolph Siedentopf selbst beurteilen können.

Adolph Siedentopf ist Hannoveraner. Als Jüngling, nachdem er alle Studien für die Apothekerlaufbahn beendet, trieb es ihn in die Ferne. Vor heute vielleicht vierzig Jahren landete er in Daressalam und nahm Stellung in der dortigen Apotheke an. Seine Abenteuerlust war hiermit keineswegs befriedigt. Bald trieb sie ihn von der Küste ins Innere, und im jetzigen Bezirk Muansa handelte Adolph Siedentopf mit Elfenbein und Vieh. Das war noch zu der Zeit, in der man für drei Gnuschwänze oder eine Nähnadel eine Färse eintauschen konnte. Es unterliegt daher keinem Zweifel, daß Adolph Siedentopf bei diesen Viehpreisen gut vorankam, aber die Behauptung, daß er nahe daran gewesen wäre, sich zum selbständigen König von Muansa ausrufen zu lassen, halte ich dadurch allein noch nicht für begründet.

Im Jahre 1905, kurz bevor das Massaireservat eingerichtet wurde, belegte Adolph Siedentopf den Ngorongorokessel, in dem bisher deutsche Massai ansässig gewesen waren. Das Areal im Kraterkessel ist 24000 Hektar groß, und von 1905 bis 1915 konnten sich die deutsche Regierung und Adolph Siedentopf nicht darüber einigen, ob, wie die Regierung sagte, 6000 Hektar oder, wie Adolph Siedentopf behauptete, 24000 Hektar von ihm belegt seien. Erst 1915, im Kriege, hat, wie ich hörte, der frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Arning eine Einigung herbeigeführt – ihr Resultat kenne ich nicht.

Als Adolph Siedentopf sein Kraterreich bezog, brachte er zweitausend Stück Großvieh und eine Leibgarde von sechs aus dem belgischen Kongo entlaufenen, bis an die Zähne bewaffneten Askari mit, die früher Menschenfresser gewesen waren. Trekburen aus Südafrika, die damals in jener Gegend Elefanten jagten, halfen ihm für kurze Zeit; sie waren es auch, die ihm das Burenhaus nach südafrikanischem Stil bauten, in dem er 1915 noch wohnte. Adolph Siedentopf hätte es gern gesehen, wenn die Massai alle mit ihrem Vieh im Krater geblieben wären. Die Regierung war aber wieder anderer Ansicht. Ob die Regierung dem alten Muansagerücht doch Glauben schenkte und Adolph Siedentopf, der als Fundi [Kenner, Meister] in der Massaisprache und in Massaisitten galt, Selbstherrschergelüste zutraute? Nur mit Mühe gelang es Adolph Siedentopf, von der Regierung das Zugeständnis zu erhalten, zwanzig während der Rinderpest verarmte Massaifamilien, die kein Vieh mehr besaßen, als Hirten auf seiner Farm behalten zu dürfen. Diese zwanzig Familien waren 1915 noch bei Adolph Siedentopf, und sie besaßen bereits wieder tausend Kopf Rinder und zwölfhundert Stück Kleinvieh. Ob sie die alle selbst gezüchtet oder ob sie auch dazu geklaut hatten, darüber schweigt die Geschichte.

Mit dem Gouvernement stand Adolph Siedentopf aus begreiflichen Gründen lange auf leichtem Kriegsfuße. Daß eine Natur, wie er, und eine bürokratische Regierung sich schwer verstanden, ist eigentlich nicht zu verwundern. Polizeiaskari, die ihm eine Verfügung zuzustellen hatten, wagten sein Reich schon kaum mehr zu betreten, und einmal rückte sogar der Befehlshaber des Militärpostens Umbulu mit größerer Macht gegen Adolph Siedentopf aus. Sein Haus wurde umstellt, und mit »Seitengewehr pflanzt auf!« ging das Militär vor. Natürlich war Adolph Siedentopf viel zu gut unterrichtet gewesen und viel zu klug, um sich bei einer solch windigen Sache zu Hause aufzuhalten.

So und ähnlich erzählte man sich am Lagerfeuer, und ich darf sagen, daß ich selten der Bekanntschaft eines Mannes mit größerem Interesse entgegensah wie damals der von Adolph Siedentopf. –

Am nächsten Morgen brachte uns ein Marsch von drei Stunden von Südosten über den eingestürzten, leicht bewaldeten Rand des Ngorongorokraters in dessen Kessel hinein. Von der Stelle, wo wir ihn betraten, bis zu dem gegenüberliegenden Rande des etwas ovalen Kessels sollen es elf Kilometer sein. Obwohl die Kraterwände an einigen Stellen ein paar hundert Meter aufsteigen mögen, erscheint der Krater dem Auge wegen seiner Riesengröße doch nicht besonders tief. Die Kratersohle ist zumeist flach und baumlos und mit feinem, dichtem, vorzüglichem Weidegras bedeckt. Etwa zwei oder drei Kilometer vom südlichen Kraterrande, dort, wo eine leichte Erdwelle sich aus der Kratersohle erhebt und am Ufer des Lemungeflusses einige Baumgruppen zu sehen sind, liegt das Farmgehöft. Weiterhin endet der Lemunge in einem Sumpf, der sich nach der Regenzeit zu einem See erweitert. Aus der mir bei diesen Beobachtungen gegenüberliegenden Kraterwand ergießen sich drei weitere Gebirgsbäche in den Krater. An dem einen waren Adolph Siedentopfs Massai ansässig, an den beiden anderen, weiter östlich, hatte Friedrich Wilhelm Siedentopf, der jüngere Bruder unseres ostafrikanischen Helden, seit einigen Jahren vor dem Kriege einen vielversprechenden Farmbetrieb eingerichtet.