Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 11

Chapter 113,606 wordsPublic domain

Dr. Sinning hatte seinen Postenführer in Ngorongoro, den Unteroffizier Oskar Frowerk, von der Ankunft der Kompanie unterrichtet. Sicher kannte auch Adolph Siedentopf, der nicht eingezogen war, genau Datum und Stunde unseres Eintreffens, und wenn er es nicht wußte, mußte er uns die drei Kilometer auf blanker Steppe doch haben anreiten sehen. Tatsache ist, daß, als die Kompanie vor seinem Hof-Fenz [Einfriedigung] absaß und der Dinge oder richtiger der Personen harrte, die da kommen sollten, lange keine kamen. Endlich erschien ein Askari des Postens, um uns über den Hof weg zu der Stelle am Lemungefluß zu führen, die Unteroffizier Frowerk unter Schattenbäumen als Lagerplatz für die Kompanie ausgesucht hatte. Vorbereitungen wie die, mit denen Dr. Sinning uns so angenehm überrascht hatte, waren hier nicht getroffen worden. Auch als die Kompanie über den Farmhof ritt und zum Farmhause kam, zeigte sich kein Adolph Siedentopf. Erst als der Kompanieführer absaß, den kleinen Vorgarten vor dem Hause durchschritt und die Verandastufen hinanstieg, trat die Hünengestalt von Adolph Siedentopf aus der Haustür auf ihn zu. Der offizielle Empfang der Kompanie war also kühl – kalt wie eine Hundeschnauze. Dafür ist dann der inoffizielle Empfang und die Aufnahme der einzelnen Krieger seitens Adolph Siedentopfs und seiner hübschen jungen Frau, wie wir sehen werden, um so wärmer und herzlicher gewesen.

Ich hatte Adolph Siedentopf bei dem offiziellen Empfange nur flüchtig gesehen, da ich mit der Unterbringung der Kompanie zu tun hatte, aber immerhin lange genug, um eine Einladung in sein Haus zu erhalten. Nachdem ich mich so sauber gemacht hatte, wie das auf Patrouille möglich ist – galt es doch zum erstenmal seit langer, ach wie langer Zeit, einer Dame, und noch dazu einer schönen Dame, meine Aufwartung zu machen –, begab ich mich mit Leutnant Berghöfer zum Farmhause zurück, wir beide in der Absicht, zunächst nur einen kurzen Anstandsbesuch zu machen. Unsern Kompanieführer fanden wir dort bereits vor.

Da saßen wir nun gegen elf Uhr vormittags in der niedrigen, trauten, äußerst behaglich eingerichteten Farmhausstube um einen großen Tisch – Herr und Frau Siedentopf, meine beiden Offiziere und ich. Zu Anfang wollte die Unterhaltung nicht recht in Fluß kommen, und da ich das Empfinden hatte, wir dürften den Besuch so kurz vor Tisch nicht ungebührlich lange ausdehnen, trat ich Leutnant Berghöfer auf den Fuß und blinzelte ihm zu. Er gab das Signal an den höheren Vorgesetzten weiter, wurde aber scheinbar nicht verstanden. Der Kompanieführer ging in seiner gewohnten Weise immer noch »Volldampf voraus«, und ich war trotz des unbehaglichen Gefühls, vielleicht aufdringlich zu erscheinen, doch auch wieder sehr neugierig auf den Augenblick, in dem Adolph Siedentopf mehr aus sich herausgehen würde.

In Manchesterreithose und -joppe gekleidet, saß dieser Kraftmensch mit dem herrlichen Imperatorenkopf in unserer Mitte. Er trug zu jener Zeit einen Vollbart, aus dem seine Adlernase kühn hervorstand. Zwei große dunkle Augen unter starken Augenbrauen musterten uns andauernd. Ich hätte mich vor ihnen fürchten können, wenn ich nicht hin und wieder einen argen Schalk in diesen Feuerrädern hätte aufblitzen sehen. Aber nicht nur seelisch ist Adolph Siedentopf trotz seinem langen Aufenthalt in Deutsch-Ostafrika ein Kraftmensch geblieben, sondern auch körperlich. Ich habe letzteres beobachtet, als ich ihn später im Gefangenenlager zu Nairobi wieder traf. Der vierundvierzigjährige Mann sprang im Schlußsprung ohne Sprungbrett 1,20 Meter hoch, blieb unübertroffen im Steinstoßen und schnellte, auf dem Rücken liegend, einen auf seiner Magenhöhle stehenden Turner mit den Bauchmuskeln fünf Zentimeter in die Luft. Für den, der Geist und Körper durch rege Arbeit in Training hält, kann also das Klima der ostafrikanischen Hochsteppen doch nicht ganz unbekömmlich sein.

Ich hatte mich nicht verrechnet. Allmählich geriet Adolph Siedentopf durch seine eigenen Erzählungen selbst immer mehr in Feuer. Der Fragen bedurfte es nicht mehr. Alle, einschließlich Frau Siedentopf, die höchstens mal mit einem »Aber, Adolph!« einfiel, hörten andächtig zu und ließen kein Auge von seinem ausdrucksvollen Gesicht. Ich bin bei solchen Gelegenheiten ein geübter Dauerschweiger und werde daher fälschlich zuweilen für einen ganz netten Gesellschafter gehalten. Hier kam mir diese Eigenschaft sehr zugute. Ich hätte tagelang sitzen, schweigen und zuhören können – nur meine Lachmuskeln, fürchte ich, hätten es nicht ausgehalten. Ich will versuchen, einige von Adolph Siedentopfs Geschichten wiederzugeben, obwohl sie hier nur schwach ausfallen können; denn seine überzeugenden, absoluten Glauben erzwingenden Blicke, die jede Pointe markierten, lassen sich auf dem Papier nicht ausdrücken.

»Ich hatte mal wieder den ganzen Vormittag am fernen Ende des Kessels auf diese Racker von Gnu gejagt. Ich brauchte Gnuschwänze. Ein Assistent wollte sein Monatsgehalt, und Bargeld ist in dieser Gegend noch knapp. Ich schieße Gnu am liebsten mit dem einundsiebziger Gewehr. So ein Bleibatzen haut ordentlich hin, und man verschwendet keine Munition. Als ich so fünfzig Gnu umgelegt und nur noch eine Patrone übrig hatte, gab ich meine Morgenarbeit auf, befahl einigen Massais, die Gnuschwänze zu sammeln, und trollte mich mit meinem Boy, der mein Gewehr trug, und mit meinem Foxterrier durch die blanke Steppe zurück zum Gehöft. Es war glühend heiß geworden. Was half’s – ich wollte Muttern nicht mit dem Essen auf mich warten lassen und stampfte daher tüchtig drauflos. Plötzlich, als ich nur an Muttern dachte – wenn ich allein bin, denke ich stets nur an Muttern (hier bekam Frau Siedentopf den großen Blick und sagte: ›Aber, Adolph!‹) – nahm mich aus gar nicht großer Entfernung ein Nashorn an. Ehe ich mir mein Gewehr von dem Boy geben lassen und dem Nashorn eins aufbrennen konnte, war es bis auf drei Schritt an mich heran. Bautz! sagte die alte Knarre – bums, stand das Nashorn stockstill. Na – _eine_ Patrone hatte ich nur gehabt, und ein Baum, auf den ich hätte klettern, oder ein Erdferkelloch, in das ich hätte kriechen können, waren weit und breit nicht zu sehen. Also sagte ich zu meinem Boy: ›Junge, renn’ fix nach Hause und laß dir von Muttern Patronen geben.‹ Ich blieb drei Schritt vor dem Nashorn stehen. Neben mir lag mein Terrier in der prallen Sonne und ließ seine durstige Zunge weit hängen. Echte Foxterrier sind sehr empfindlich für die Hitze. Das Nashorn stand stockstill. Ich auch. Nur mein Terrier zog es bald vor, sich links neben das Nashorn in dessen Schatten zu legen. Als die Sonne höher stieg und der Schatten des Nashorns kürzer wurde, kroch ihm der Terrier nach. Bald lag er unter dem Bauch des Nashorns und endlich, als mein Boy mit den Patronen kam, ein ganzes Stück rechts vom Nashorn. Aus diesem Schattenspiel konnte ich berechnen, daß mein Boy zwei Stunden gebraucht hatte, die Patronen zu holen, daß ich dieselbe Zeit vor dem Nashorn gestanden hatte und daß Mutter schon mit dem Essen auf mich warten würde.«

Da Adolph Siedentopf schwieg, fragte jemand unvorsichtig: »Ja, aber das Nashorn?« Adolph Siedentopf runzelte die starken Brauen, schoß einen Blick auf den Genauigkeitskrämer und sagte: »Mann, Sie haben aber auch gar keinen Humor. Die Pointe einer guten Geschichte ist doch, daß man die Pointe nicht erklärt. Aber, wenn Sie’s absolut wollen, tue ich auch das. Das Nashorn hatte natürlich Blätter der Euphorbie gefressen, deren Wolfsmilch genau in demselben Augenblick zu wirken anfing, als meine Kugel die Magenwand zerriß und der Wolfsmilch unmittelbaren Zutritt in das Blut des Nashorns gab. Das Nashorn stand folglich unter einer Narkose.« –

»Ja, mit den Assistenten hat man auch seine Plage. Nicht allein, daß sich einige weigern, ihr Gehalt ~in natura~, d. h. in Form von Gnuschwänzen, anzunehmen – seit Jahren die gangbarste Münze bei mir –, sondern auch auf Jagd sind sie schwer zu zügeln, besonders wenn sie neubacken von Deutschland gekommen sind. Hatte ich mal da einen Assistenten – war ein kreuzbraver Mensch und ein tüchtiger Arbeiter, aber von der Jagd konnte er nicht lassen. Lange bevor der Tag graute, pflegte er schon in die Gegend zu ballern. Na, der tut’s nicht weh. Eines Morgens, als ich, wieder mal von anhaltendem Gewehrfeuer geweckt, auf die Veranda hinaustrat, sah ich Stelzl – nun ist mir der Name doch gegen meinen Willen entschlüpft – langsam und, wie mir schien, tief geknickt aus meinem Maisfeld auf mich zukommen. ›Na, Mann‹, rief ich ihn an, ›was haben Sie an diesem schönen Morgen schon aus dem Leben zum Tode befördert?‹ Antwortet mir der Mensch: ›Drei von Ihren Eseln, Herr Siedentopf!‹ – Himmeldonnerwetter! Die Esel waren in der Nacht aus der Boma ausgebrochen, um sich im Mais gütlich zu tun, und dieser Mensch schießt mir die drei besten Reitesel tot. Er hatte in der Morgendämmerung meine Esel für Zebra gehalten. Wenn Sie Stelzl heute fragen, ob er schon mal ›Wildesel‹ geschossen habe, schlägt er Sie tot.« –

»Mal war ich mit Friedrich Wilhelm, meinem Bruder, oben am Kraterrand auf Büffeljagd. Die Jagd war sehr ergiebig gewesen und wir hatten nahezu alle Patronen verknallt. Ich hatte überhaupt keine mehr, aber Friedrich Wilhelm hatte noch zwei Schuß in seinem Siebenmillimetergewehr, das er allen anderen Jagdgewehren vorzieht. Da sahen wir auf zweihundert Meter noch einen prächtigen Bullen stehen, der uns äugte. Ich sagte zu Friedrich Wilhelm: ›Mensch, laß ihn stehen. Du hast nur noch zwei Schuß im Gewehr, es könnte schief gehen.‹ Friedrich Wilhelm, ein vorzüglicher Schütze, war, wie Brüder immer sind, anderer Meinung. Er kniete nieder und schoß beide Kugeln in den Bullen. Beide saßen, aber der Büffel legte sich nicht, sondern nahm wutschnaubend an. Nun war Holland in Not. Ich rauf auf den einzigen, nicht allzu kräftigen Baum, der in der Nähe stand, und Friedrich Wilhelm rin in ein Erdferkelloch, zehn Schritt vor meinem Baum. So ein angekratzter Büffel ist ein gefährliches Vieh, und eine besonders unangenehme Eigenschaft von ihm ist es, daß er nicht weggeht, solange er den Feind noch sehen kann. Krach! lief er gegen meinen Baum, der unter meiner Körperlast so schon bedenklich schwankte. Knack! fuhr sein Gehörn beim Erdferkelloch in den harten Boden, sobald Friedrich Wilhelm den Kopf herausstreckte. So ging es lange hin und her. Ich fürchtete für meinen Baum und ordnete seine Zweige so, daß der Büffel mich nicht mehr sehen konnte. Nun ließ er von mir ab und attackierte nur noch das Erdferkelloch, sobald Friedrich Wilhelm den Kopf heraussteckte. ›Mensch‹, rief ich, ›bleib doch still in deinem Loch, sonst sitzen wir hier noch bis übermorgen!‹ Der Büffel drehte wieder gegen meinen Baum, und Friedrich Wilhelm schrie mir zu: ›Sitz du mal still in einem Erdferkelloch, wenn unten ein Leopard drin ist!‹« –

So, nur noch viel schöner hatte Adolph Siedentopf eine Geschichte nach der andern erzählt, und ich hatte Tränen gelacht, bis ich beinahe hysterisch wurde. – Meine Sünden, für die ich übrigens in diesem Falle meine Vorgesetzten mitverantwortlich mache, fielen mir erst wieder ein, als Adolph Siedentopf seiner Frau, die Zeichen innerer Unruhe gab, zunickte, und diese nun zu uns sagte: »Es ist Mittag vorbei – da die Herren nun doch mal hier sind, bitte ich Sie, zu Tisch zu bleiben.« So, da hatten wir es aber gründlich, und verdient hatten wir es auch.

»Nun müssen wir hier eine kurze Zeit heraus, es soll gedeckt werden«, sagte der Hausherr. »Kommen Sie, meine Herren, ich zeige Ihnen inzwischen meine Apotheke und meine Löwenfelle.« Beide waren sehenswert, aber mich interessierte ein Haufen ungeöffneter Briefe mit dem Dienstsiegel, die auf dem Fensterbrett der Apotheke lagen, doch noch mehr. Lachend erklärte Adolph Siedentopf: »Aus meiner Junggesellenzeit! Jetzt tue ich so was natürlich nicht mehr. Wenn die Behörde etwas von mir wollte, schickte sie mir einen Polizeiaskari mit einem dieser Amtsschreiben. In mein Haus durfte mir der Mann nicht kommen, und annehmen, körperlich annehmen meine ich, wollte ich diese Briefe auch nicht. Ich öffnete also das Fenster und sagte dem Askari: ›Junge, lege deinen Brief da man hin und laß dir von dem Aufseher was zu essen geben.‹ Das tat der Askari denn auch und war froh, so gelinde wegzukommen.« – Als ich Adolph Siedentopf fragend ansah, lag ein kindlich unschuldiges Lächeln in seinen Augen, und er sagte weich: »Ja, ja, da liegt das Erzeugnis vieler kluger Köpfe. Wissen Sie, ich verderbe mir so ungern die frohe Laune, darum habe ich die Briefe nie geöffnet.«

Daß Frau Siedentopf uns glänzend bewirtete, »da wir nun doch mal da waren«, brauche ich kaum zu sagen. Gartenerdbeeren mit Schlagsahne krönten das Mahl. Im Laufe der fünf Tage, während derer die Kompanie in Ngorongoro ruhte, hat Frau Siedentopf nacheinander sämtliche Kompaniekameraden zu Tisch gehabt und mit Erdbeeren und mit Schlagsahne regelrecht genudelt.

Die Kompanie lagerte im Koongo des Lemungeflusses im Schatten alter Wildfeigenbäume unweit des Farmgehöftes. Sie pflegte sich nach Herzenslust. Es war eine fünftägige Zeit der Fettlebe und des Auf-Vorrat-Schlafens. Fette Hammel, fette Schweine, fette Butter, fette Milch und fette Käse gab es von Morgen bis Abend in Quantitäten, wie sie nur Patrouillenreiter, die auch auf Vorrat zu essen gelernt haben, verdrücken können. Frau Siedentopf wirkte und schaffte von früh bis spät, um für die vielen hungrigen Krieger zu sorgen. Außerdem machte sie zum Mitnehmen noch Hammelfleisch und Gemüse in Büchsen ein, die sich in den Satteltaschen unterbringen ließen. –

Die Sehenswürdigkeit des Ngorongorokraterkessels sind seine Gnuherden. Dreißigtausend Gnu bevölkern den Kraterkessel; genau so gut hätte ich auch sechzigtausend sagen können. Wenn Herden von Vieh oder Wild in solchen Massen zusammen sind, geht selbst einem alten australischen Viehzüchter, wie mir, das Schätzungsvermögen aus. Ich habe diese riesige Herde wilder Rinder aus der Entfernung in Ruhe gesehen, ich bin auf meinem Hengst Otto neben der ganzen, im Galopp befindlichen Herde hergaloppiert – so nahe, daß ich einzelne Tiere mit dem Revolver bequem hätte schießen können –, der Boden hat gedröhnt und gezittert, und ich habe gestaunt über die Menge der dicht zusammengedrängten, sich im gleichen Tempo bewegenden Rücken, ich habe, da die Rücken silbergrau in der Sonne leuchten, an Heringsschwärme gedacht, aber die Gnu zu zählen oder auch nur annähernd ihre Zahl zu schätzen, vermochte ich nicht.

Die Gnu sind nicht zu bewegen, den Ngorongorokessel zu verlassen. Man hat es verschiedentlich versucht, einmal sogar mit Militärhilfe, sie aus dem Kessel zu vertreiben. Stets haben sie im letzten Augenblick die Treiberketten durchbrochen. Durch Inzucht und periodischen Futtermangel stark degeneriert, durch Seuchen von Zeit zu Zeit dezimiert, von Mensch und Raubwild gejagt, vermehrt sich die Gnuherde trotzdem von Jahr zu Jahr, und von der süßen Weide im Kessel will sie nicht lassen. Adolph Siedentopf ist nur dadurch imstande, etwas Weide für sein Vieh zu sichern, daß er etwa dreißig Hunde hält, alle auf Gnu dressiert. Diese Hunde halten in unmittelbarer Nähe des Gehöfts die Weide frei von Gnu. Sie bekommen nur Magermilch, ihre Fleischrationen müssen sie sich selber holen. Ich beobachtete eines Morgens, wie eine Meute dieser Hunde aller Rassen ein Gnu von der Herde absonderte und vor die Veranda des Farmhauses hetzte, damit ihr Herr es erschieße. Sonst reißen sie auch ein Gnu mit vereinten Kräften draußen in der Steppe. –

Um sich dem Ehepaar Siedentopf gegenüber für die opulente Bewirtung erkenntlich zu zeigen, veranstaltete die Kompanie am Abend vor dem Weitermarsch ein Sportfest mit anschließender Varietéaufführung. Der Gouvernementsrat Fritz König hatte die Leitung in die Hand genommen und ließ seinem fröhlichen Naturell und seinem goldigen Humor ganz freien Lauf. Der Totalisator war schon vor dem Rennen, sobald bekannt wurde, wer wen ritt, tätig gewesen. Auch der übliche Unfall blieb nicht aus: ein das Pferd markierender Soldat stürzte unglücklich und renkte sich die Hand aus. Dornier, der hübsch auf der Zither spielen konnte, dirigierte die Varietékapelle mit einem einen Meter langen und zehn Zentimeter dicken Bambusknüppel. Unermüdlich und unparteiisch schlug er die Mitglieder der Kapelle auf die Köpfe, daß der Taktstock nur so knackte. Die Instrumente der Kapelle bestanden aus einer Mundharmonika, zwei Kuhhörnern, einem Kessel, einem Taschenkamm und einem Steigbügeleisentriangel.

Die Zuschauer – Herr und Frau Siedentopf, die Offiziere und ich – saßen im trockenen Flußkoongo, die Bühne war das jenseitige Ufer der Schlucht. »Mariechen«, »Gretchen« und »Hänschen« hatten sich hinter Frau Siedentopf gesteckt und steckten jetzt in der Blütenlese ihrer Garderobe. Sie mimten allerliebste kleine Mädel, die beiden ersteren von der zarten, bescheidenen Sorte, Hänschen Kaufmann vom modernen vorlauteren Typus. Der Schütze Bieleck als »Cowboy«, wozu er nur aufzutreten brauchte, wie er immer gekleidet ging, ritt ein dressiertes Gnu in hoher Schule vor; es bestand aus einem richtigen Gnukopf und -schwanz und einem Woilach, unter dem ein o-beiniger und ein x-beiniger Krieger Gangarten vorführten, die bei einem wirklichen Gnu das Eingeben von einigen Flaschen »Stacheldraht« oder »Sarglack« wohl verursacht haben könnte. Der Kaufmann Bruno Muhl aus Aruscha, unser fähiger Magazinverwalter, trat als Taschenspieler auf und ließ Rupienstücke durch den Tisch fallen und verschwinden; zu dieser Nummer schrie die ganze Varietégruppe wie aus einem Munde: »Kein Wunder, daß der Farmer arm bleibt!«, und die Kapelle blies einen Tusch. Bana matunda, der als Sekundaner mal hatte Komiker werden wollen und sicher seinen Beruf nicht verfehlt haben würde, gab unter ungeheuren Heiterkeitsausbrüchen eine Anzahl komischer Schlager im reinsten Berliner Dialekt zum besten, so alt, daß selbst die Ältesten unter uns sich ihrer nicht mehr entsannen. Auch trat er als Affenmensch auf. Die Glanznummer des Abends – wie Herr Direktor König verkündete – war, unter Mitwirkung sämtlicher Artisten, der Überfall der Karawane eines Forschungsreisenden durch Massai. Nach der Vorstellung wurde das Ehepaar Siedentopf unter Vortritt der Kapelle von allen Artisten nach Hause begleitet, und mit einem donnernden dreimaligen Hoch vor dem Farmhause schloß der Abend. Ich glaube nicht, daß der alte Ngorongorokrater in seiner Geschichte je zuvor Ähnliches erlebt hat.

Für den Weitermarsch am nächsten Morgen hatte der Schütze Friedrich Wilhelm Siedentopf, der zur Abteilung Aruscha gehörte und von Jagd- und Viehsafari her die Gegend bis Nairobi kannte, Führerdienste übernommen. Unsere Boys ließen wir in Ngorongoro zurück, von den Verpflegungsträgern nahmen wir nur einen Teil, die kräftigsten, mit, aber auch diese nur noch für einige Tagemärsche.

Wir folgten zunächst im Winterhochlande für einige Stunden dem Laufe des Lemungeflusses und nahmen da, wo wir ihn überschritten, noch reichlich Wasser, da jetzt eine lange Durststrecke kommen sollte. Gegen ein Uhr nachmittags verließen wir den Lemunge, ließen das Olmotigebirge links liegen, schwenkten nördlich davon nach Westen ein und begannen, gerade als es anfing dunkel zu werden, den Abstieg vom Winterhochland zur Albalbalsteppe – eigentlich hätte ich wohl Albalbalkratersohle sagen sollen, aber dieser Krater ist so riesengroß, daß man die Vorstellung eines solchen ganz verliert. Der Abstieg verunglückte. Wir verbiesterten uns im Dunkeln, irrten stundenlang, die Tiere führend, im Geröll umher, um endlich doch auf halber Höhe, zwischen Steinen und auf den harten, schwarzen Stoppeln frisch abgebrannten Steppengrases liegend, das Tageslicht zu erwarten.

Am nächsten Morgen folgte dann ein endlos scheinender Marsch durch die trockene, heiße, sandige Albalbalsteppe, bis wir etwa um zwölf Uhr mittags, also nach dreiundzwanzig Durststunden, das Geierwasser, eine tief im Randgebirge verborgene schwache, natronhaltige Quelle, erreichten. Um an das Wasser zu gelangen, mußten wir in einer Felsschlucht hochklettern über Felsplatten und um Felsblöcke. Mein Hengst war vor Durst so ungeduldig, daß ich ihn nur mit Mühe davon zurückhalten konnte, an den Felsen hochzuspringen; er zerschlug sich den Kopf am Gestein, daß die Hautfetzen flogen, und riß mich öfter um, als mir lieb war. Als ich vom Wasser zurückgekehrt war und mich hinlegte, fühlte ich mich derartig zerschlagen und erschöpft, daß ich für immer hätte liegenbleiben mögen. Die Mittagssonne brannte mitleidlos, und das lauwarme natronhaltige Wasser reizte den Durst mehr, als es ihn löschte. Daß die Massai diese Wasserstelle das Geierwasser nennen, finde ich sehr angebracht. Die vom Durst erschöpften Steppentiere, die in der Trockenzeit an diese Quelle verschlagen werden – also in einer Zeit, in der das stark natronhaltige Wasser nicht durch Regenwasser verdünnt ist –, mögen schwer wieder von ihr wegfinden. Sobald sie von der Quelle zur Steppe zurückgekehrt sind, werden sie aufs neue Durst spüren und immer wieder das Wasser aufsuchen, das fürchterlich durchschlägt, die schon erschöpften Tiere gänzlich ermattet und sie endlich den Geiern zum Opfer fallen läßt. Die vielen weißen Knochen, die im Koongo des Geierwassers bleichten, zeugten davon.

Nur weg von dieser unheimlichen Stelle! Drei Marschstunden weiterhin sollte wieder Wasser sein – natronfreies Wasser! Diese Hoffnung belebte die armen Träger, und vorwärts ging der Marsch in Hitze und Staub über die offene Steppe. Nur Mut – bald gibt es Wasser in Hülle und Fülle! Wir marschierten drei Stunden, wir marschierten vier Stunden – immer noch kein Wasser! Aber neben uns in der Steppe sahen wir mehrere Nashörner und anderes Wild in gleicher Richtung mit uns einem vor uns liegenden Waldstreifen entgegenziehen. Das ließ unsere Hoffnung wieder steigen. Es fing schon an zu dämmern, als wir endlich den Akaziengürtel erreichten, hinter dem das Wasser sein sollte. Noch eine Stunde durchs Buschgelände, dann waren wir glücklich an der Stelle, wo der Arashfluß den obligaten Sumpf bildet. Er heißt wie der Fluß, der sich in der Regenzeit aus ihm weiter in die Steppe hinein ergießt, Malambo. Hier fanden wir ausreichendes süßes und, da wir Sumpfwasser schon lange nicht mehr beanstandeten, trinkbares Wasser. Ein Wildbraten wurde geschossen, und schöne, kräftige Weide erquickte unsere Reittiere; auch das Papyrusgras, das dort wuchs, wurde von ihnen gern gefressen. Um den Trägern, die sich auf dem letzten Marsch fast übermenschlich hatten anstrengen müssen, Zeit zum Ausruhen zu geben, lagerten wir hier bis zum nächsten Nachmittag.

Unser Weitermarsch vollzog sich im Tale des Arash, in dem wir langsam wieder zum Winterhochland hinaufkletterten. Es ist in seinem unteren Teile tief in das Gebirge eingeschnitten und unten am Fluß mit dichtem Urwald bestanden. Unser Weg – der einzige, für den Platz in dem engen Tal war – war ein stark begangener Nashornwechsel; die ganze Gegend stank nach Nashorn, dessen trockene, zertrampelte Losung den Wechsel oft einen halben Fuß tief eindeckte. Auch dieser Nashornwechsel war wieder angelegt, als ob ein Verschönerungsverein im Interesse des Sonntagspublikums tätig gewesen wäre. Er lief auf ausgesucht ebenem Terrain bald rechts, bald links neben dem Fluß her, den er an den bequemsten Stellen kreuzte, oft in der Nähe eines tiefen, mit Wasser gefüllten Felsenbassins, zum Suhlen für Nashörner und zum Baden für Menschen gleich gut geschaffen. Um die Zeit, als wir ihren Wechsel benutzten, müssen die Nashörner unten in der Steppe gewesen sein, wo wir ihrer viele gesehen hatten – begegnet ist uns auf dem Wege kein einziges.