Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 12

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Gegen Mittag des zweiten Marschtages (seit Malambo) kamen wir in eine Gegend, die auf der Karte als weißer Fleck eingezeichnet ist. Der Mensch kann hier also noch nicht oft gewesen sein, und wo er nicht ist, hat Weiß, die Farbe der Unschuld, ihre Berechtigung. Dies merkte man auch der Tierwelt an. Kleine Vögel – in Südafrika nannten wir sie Flapper – umschwirrten meinen Kopf wie Mücken; wie diese verscheuchte ich sie mit der Hand. Gazellen blieben zwei Schritt vor der Kolonne stehen und äugten uns neugierig. Eine Herde Büffel, fünfunddreißig Kopf stark, stand einmal am gegenüberliegenden Uferabfall nur fünfzig Meter entfernt und ließ die ganze Kompanie an sich vorbeipassieren. Nachtvögel, Eulen und Käuze konnten wir mit der Hand greifen.

Ganz allmählich war das Flußtal weiter geworden, und ganz allmählich ging der Urwald in Steppenbusch über. Den ganzen dritten Tag marschierten wir noch im oberen Tal des Arash oder vielleicht eines seiner Nebenflüsse. Die Karte versagte noch immer. Wir hatten hier viel Wasser und schöne Weide in leicht bewaldeter, sanft ansteigender Hochsteppe, durch die ein Steppenbrand sich langsam weiterrollte und die Nacht erhellte.

Am nächsten, d. h. dem vierten Marschtage seit Malambo, nahm die Landschaft mehr und mehr das Gepräge einer offenen Steppe an. Wir waren in die Gegend gelangt nördlich der Serengeti und nordwestlich des Sonjohochlandes, die viele Jahre hindurch vor dem Kriege und noch hinein bis in das zweite Kriegsjahr von englischen, über unsere Grenze eingedrungenen Massai dicht bewohnt gewesen war. Den Lomuruberg – jetzt sind wir wieder auf der Karte – links liegen lassend, fanden wir im Sumpfende des Guasobaches, am Ostfluß des Ojondoberges, reichliches Wasser. Die Steppe, die wir auf dem Marsch zu diesem Wasser durchritten, hat die beste Schafweide, die ich bisher in Deutsch-Ostafrika gesehen hatte.

Aus dieser Steppe stiegen wir am nächsten Marschtage durch einen Urwaldstreifen noch eine Geländestufe höher zu einer Hochsteppe hinauf, die ganz dicht von Massai besiedelt gewesen sein mußte. Sehr wohlhabend müssen diese Massai gewesen sein, denn ihre Bomen waren von solcher Größe und von solcher Solidität im Bau der mit einem Gemisch von Lehm und Viehdung beschmierten niedrigen, flachen Grashütten, wie ich sie im deutschen Massaireservat nie gesehen hatte; fast jede halbe Marschstunde trafen wir auf eine oder mehrere dieser großen Bomen. Diese Gegend mußte sehr stark bestockt, ich möchte sagen überstockt mit Rindvieh und Schafen gewesen sein; denn das Gras war bis an die Wurzel abgeweidet.

Dieser Umstand gab uns schwer zu denken. Vom Guasobach war der Gefreite Kürbis, ein Farmer vom Sanjafluß, mit den Trägern nach Ngorongoro zurückgeschickt worden, und am Guaso hatten wir den Reittieren zum letztenmal Körnerfutter vorsetzen können. Von da ab waren unsere Tiere allein auf die Weide angewiesen, und die gab es hier nicht mehr. Nur unter Dornensträuchern, dort, wo weder das Vieh noch die Schafe sie hatten erreichen können, standen noch einzelne trockene Halme. Die Aussichten für unsere Reittiere waren trübe. Ich fing wieder an, meine Reisrationen mit meinem Hengst zu teilen und für ihn, beinahe halmweise, Gras zu sammeln. Wir lagerten für die Nacht an einem Nebenfluß des Bololedi und überschritten am nächsten Morgen, am sechsten Tage seit Malambo, die Grenze.

Die Hochsteppen, durch die wir in den letzten zwei Tagen geritten waren, bis zu 1800 Meter über dem Meeresspiegel, zeichnen sich durch ganz vorzügliches Weide- und Ackerland und durch einen Reichtum natürlicher, nur auf Verteilung wartender Wasser aus. Hier hätten wir wieder ein ideales Gebiet für rein europäische Kleinsiedlung! Das hier in Frage kommende Gesamtareal ist etwa 50000 Quadratkilometer oder fünf Millionen Hektar groß: zehntausend Farmen zu fünfhundert Hektar ließen sich dort ausschneiden! –

»Herr Wachtmeister, ein Maultier hat sich über Nacht losgerissen, beide Packtaschen an meinem Sattel geöffnet und meinen Reis, Zucker, Kaffee, mein Salz nebst allen dazugehörigen Beuteln aufgefressen. Meinen Tabaksbeutel hat er nur angeknappert«, meldete mir ein Schütze am Morgen nach dem Nachtlager am Nebenfluß des Bololedi. »Ja, Kinder, von jetzt ab heißt es, mit dem Kopf auf dem Sattel, die Packtaschen und den Brotbeutel im Arm, zu schlafen. Nicht nur werden die Tiere sich öfters nachts losreißen, sondern die, die ihre Tiere liebhaben, werden sogar vergessen, sie ordentlich anzubinden.« So haben wir denn auch schlafen müssen. Denn die Maultiere, mehr noch als die Pferde, entwickelten auf dieser Hungerpatrouille die äußerst beharrliche Neugierde, zu ergründen, was in unseren Pack- und anderen Taschen war. In mancher kalten Nacht hat eine über mein Gesicht fahrende noch kältere Maultierschnauze mich geweckt oder ein Maultiergebiß meinen Sattel gefaßt, um ihn mir sachte, ganz sachte unter dem Kopf wegzuziehen.

Vom Nebenfluß des Bololedi aus unternahmen wir den großen Vorstoß in Feindesland. Vierundzwanzig Stunden lang – zwei Ruhepausen von zusammen drei Stunden eingerechnet – drangen wir im schärfsten Tempo, das den Tieren noch zuzumuten war, vor. Am Tage durchritten wir das Ndassekera-Hochland, hügelig und stark mit Steppenbusch bewaldet. Auch hier fanden wir viele verlassene Massaibomen, nur mit dem einen Unterschied, daß sie erst ganz kürzlich verlassen zu sein schienen, denn der Viehdung war noch frisch. Unsere Nachspitze fand ferner eine ganz moderne europäische Bartbürste, aus der sie auf feindliche Patrouillen schloß. Umfrage ergab allerdings, daß Leutnant Berghöfer die Bartbürste verloren hatte, und die Gemüter beruhigten sich wieder.

Ehe wir aus dem Ndassekerahochland in die Loitahochsteppe hinabstiegen, wurde eine Stunde gerastet. In der Loitasteppe, deren Südecke wir in der Nacht durchritten, wurde von acht bis zehn Uhr abends in einem trockenen Bachbett geruht. Um ein Uhr nachts tränkten wir aus einer Massaiviehtränke in unmittelbarer Nähe einer bewohnten Boma. Um fünf Uhr morgens, als wir uns vor Müdigkeit kaum noch auf den Tieren halten konnten, befanden wir uns jenseits der Loitasteppe in den dicht bewaldeten Ausläufern des Ingurumangebirges, wo wir bei Tagesanbruch ohne Schwierigkeit reichliches und schönes Wasser, aber wieder kein Futter für die Tiere fanden.

Ich hatte einen Aussichtspunkt erklettert und sah jetzt die große, weite Loitasteppe unter mir liegen. Riesige Viehherden weideten dort. Ganz nahe zu meinen Füßen – so nahe, daß ich die Massai sich einander zurufen hören konnte – lagen mehrere Massaibomen, an denen wir in der Nacht, ohne sie zu bemerken, vorbeigeritten sein mußten. Daß wir durch die stark besiedelte Steppe durchgeritten sein sollten, ohne bemerkt worden zu sein, daß die Massai auch jetzt bei Tageslicht unsere Spur nicht entdeckt haben sollten, schien kaum glaublich.

Ich beobachtete weiter. In die Viehherden, die eben noch friedlich weideten, war Bewegung gekommen. Sie wurden an verschiedenen Stellen des Ingurumangebirges hochgetrieben und verschwanden hinter dessen Kamm. Die Massai wußten also, daß wir da waren, und sie brachten eiligst ihr Vieh in Sicherheit. Sie mochten einen Viehabtrieb befürchten.

Meine Überzeugung, daß die Massai uns bemerkt haben mußten, bestätigte sich, als ich zur Kompanie zurückkam. Mehrere Massai waren bereits dort, und Unteroffizier Fokken, der als Missionshandwerker die Massaisprache erlernt hatte, unterhielt sich mit ihnen und versuchte sie zu überzeugen, daß wir keine Viehräuber seien.

Unsere Absicht war es gewesen, die stark von Massai besiedelte Gegend unbemerkt zu durchqueren, um in der Nähe von Nairobi, der Hauptstadt von Britisch-Ostafrika, einen englischen Posten oder günstigen Falles Nairobi selbst durch einen plötzlichen Überfall zu beunruhigen, also, wie man militärisch drastisch sagt, »eine Schweinerei zu machen«, in ähnlicher Weise, wie uns das bei der Magadbahn so glänzend gelungen war. Wir waren darum nachts marschiert, wollten den Tag in unserem Waldversteck verbringen, in der nächsten Nacht weitermarschieren und mit Tagesgrauen angreifen. Jetzt, da uns die Massai entdeckt hatten – in Wirklichkeit waren wir schon seit drei Tagen entdeckt; Massaispäher hatten bereits unser Eintreffen am Guasobach gemeldet –, waren natürlich auch sämtliche englische Posten von unserem Anmarsch längst unterrichtet, und von einem weiteren Eindringen in Feindesland mußte abgesehen werden.

Wir waren alle ob des Fehlschlagens unserer ehrgeizigen Pläne tief enttäuscht. Wir hätten es nicht zu sein brauchen, denn der militärische Zweck unserer Patrouille war vollkommener erreicht, als wir ahnen konnten. Wie ich später in der Gefangenschaft erfuhr, war unsere Patrouille von etwa vierzig Gewehren von den Massai in der üblichen Übertreibung des Negers den Engländern gemeldet worden. Die Engländer, die in uns die Spitze einer deutschen Invasionsarmee auf ganz neuer Front vermuteten, hatten schleunigst ihre kleinen Außenposten eingezogen und zum Schutz ihrer Hauptstadt Nairobi in aller Eile große Truppenverschiebungen vorgenommen. Viele Einwohner hatten schon ihre Sachen gepackt und standen im Begriff, Nairobi zu verlassen. Es war ein Invasionsgespenst, wie wir es zur Zeit des von Vater Krantz organisierten Japanerschreckens ja auch gesehen hatten. Daß zwanzig deutsche Farmer mit zwanzig Askari es gewagt haben könnten, keck bis ins Herz der englischen Kolonie einzudringen, halten die Engländer heute noch nicht für möglich – glauben sie doch heute noch, daß unsere Fernpatrouillen nur von Mannschaften geritten worden sind, die ein Verbrechen begangen und sich nur durch Heldentaten von der Todesstrafe freikaufen konnten. –

Die Beschreibung unseres Rückmarsches bis in das Kompanielager am Olmotonjefluß kann ich ganz kurz fassen; er ging zum Teil über uns schon bekanntes Gebiet.

Unsere Reittiere hungerten weiter, daß es einen jammern konnte. Endlich gingen auch den Reitern die Rationen aus, und sie leisteten den Tieren Gesellschaft im Hungern. Ich hatte in meinem ganzen Leben wissentlich noch kein Ziegenfleisch gegessen, aber als mein Kompanieführer mir bei einem Sonjodorfe die nur halb durchgeröstete Vorderkeule einer Ziege reichte, bin ich mit wahrem Heißhunger über sie hergefallen. Auch darum, ob Wildfleisch Finnen hatte oder keine, kümmerten sich unsere hungernden Mägen nicht mehr.

Als wir den Guasobach verließen, bis zu dem feindliche Massai uns als Beobachter umschwärmt hatten, nahm ein Nashorn die Kompaniekolonne während des Marsches an und mußte erschossen werden. Das Nashorn stand ganz friedlich links unserer Marschlinie etwa fünfzig Meter entfernt und schien zu dösen. Die halbe Kompanie war bereits vorüber, als das Nashorn plötzlich von uns Wind bekam und sofort, wie ein Expreßzug schnaubend und puffend, auf uns lossauste. Diese plumpen Tiere entwickeln eine unglaubliche Geschwindigkeit, und unser Nashorn war bereits auf zwei Schritt an die Kolonne heran, ehe es im Feuer einiger kniender Schützen zusammenbrach. Unsere Reittiere stoben natürlich nach allen Richtungen auseinander, und wer nicht ganz sattelfest war, brauchte für Spott nicht zu sorgen. Später erlegte, zu seiner höchsten Befriedigung, unser »kleines Nashorn«, als es Nachtposten stand, ein großes Nashorn, das in unser Nachtlager eindringen wollte.

Am Malambowasser gab es noch ein Abenteuer mit Löwen. Wir ritten dort mit Sonnenuntergang weg, um die vor uns liegende lange Durststrecke hauptsächlich nachts zu nehmen. Junge Löwen zeigten sich, und irgendeiner schoß einen davon. Die Löwenmama nahm das bitter übel und, unsern Kompanieführer, der gerade aufsaß, für die Tat eines seiner Leute verantwortlich machend, setzte sie in langen Sätzen hinter seinem mit ihm durchgehenden Hengst her. Mit jedem Satz rückte sie dem Reiter näher auf den Pelz. Obwohl die Löwin infolge des Zeitverlustes beim Ansetzen zum Hochsprunge nie auf das galoppierende Pferd hätten springen können, war es uns doch allen wie eine Erlösung, als Alwin Botha, der ihr am nächsten war, hinkniete und die Löwin totschoß. Dies war der Meisterschuß eines kaltblütigen Jägers. Das Büchsenlicht war bereits vorbei, und Reiter, Pferd und Löwin waren in einer dicken Staubwolke eingehüllt.

Zum Malambowasser waren wir nicht wieder durch das Arashtal gelangt, sondern aus nördlicher Richtung durch die Ssalesteppe. Beim Guasobach waren wir nämlich von unserm Anmarschwege nach Osten abgebogen. Südlich des mit dichtem Urwald bewachsenen Manangberges auf Elefantenpfaden reitend, durchzogen wir das Sonjohochland, das um diese Jahreszeit eine blühende Obstbaumsteppe war. Ich wurde lebhaft an die Werdersche Baumblüte erinnert – leider fehlte der Fruchtwein. Aus dem Sonjohochland kletterten wir in die Sonjostufe hinunter und von dieser in die Ssalesteppe.

Im Negerdorfe Ssale konnten wir von den Wasonjo etwas Mtamakorn und wilden Honig kaufen. Leider war es nicht genug Korn, um die Reittiere mehr als einmal gründlich füttern zu können. Wir zerrieben von diesem Korn für uns zwischen zwei Steinen und buken uns aus seinem Mehl Brot. Unglücklicherweise hatten unsere bereits sehr stark entkräfteten und somit für Krankheiten mehr empfänglichen Tiere ein kurzes Stück Weges passieren müssen, an dem die Tsetsefliege schwärmte; mehrere Tiere wurden infiziert und sind ihr später zum Opfer gefallen.

Mit Mühe und Not erreichten wir Ngorongoro. Ein Pferd, ein erbeuteter langbeiniger Australier, war unterwegs verhungert, und Unteroffizier Horns im Liebesleben unverbesserlicher Max mit dem Dromedarkopf war so nahe am Verhungern, daß er nicht mal seinen Sattel mehr tragen konnte. Am oberen Lemungefluß, hoch oben im Winterhochlande, lagerten wir die letzte Nacht vor Ngorongoro. Diese Nacht wird keiner vergessen, der mit war. Es war ausgeschlossen, auch nur eine Minute zu schlafen, so kalt war es. Unterernährt, um nicht zu sagen halb verhungert, hatten wir nichts mehr in uns, das der schneidenden Kälte hätte entgegenarbeiten können. Die Flaschen mit »Stacheldraht« waren natürlich auch längst ausgelaufen.

Wir hatten gehofft, uns in der Oase Ngorongoro bei Siedentopfs acht bis zehn Tage ausruhen zu können. Da traf schon am zweiten Ruhetage ein Befehl des Abteilungsführers ein, der den sofortigen Weitermarsch nötig machte.

In den Großen Ostafrikanischen Graben stiegen wir, um Zeit zu sparen, diesmal nicht auf dem Siedentopfschen Fahrwege hinunter, sondern auf einem Wildwechsel direkt hinter dem Posten Engaruka. Der Abstieg war furchtbar anstrengend. Auf halber Höhe wurden wir durch die Nacht überrascht und mußten auf einer Stufe des Grabenrandes liegenbleiben. Mehrere kurz aufeinanderfolgende Erdbeben haben diese Nacht für immer in mein Gedächtnis eingegraben.

In der Tiefsteppe wäre beinahe die ganze Kompanie, der sich seit Ngorongoro die Boys und Träger wieder angeschlossen hatten, zum Schluß noch verdurstet. Im Koongo ya Kabrule, wo wir auf dem Hinmarsch noch reichlich Wasser gefunden hatten auf das wir jetzt, nach einem Durstmarsch von sechzehn Stunden durch die brennend heiße Tiefsteppe, mit aller Bestimmtheit rechneten, verschwand uns das Wasser unter den Händen. Von nachmittags zwei Uhr bis zum andern Morgen um vier Uhr haben wir ohne Unterbrechung nach Wasser gegraben. Mehrere Meter tief saßen wir schon eingebuddelt im Sand des Koongo, und immer tiefer sackte das Wasser weg. Wir konnten es nur tropfenweise erhaschen, und um vier Uhr morgens war der Durst von Menschen und Tieren stärker denn je. Es war eine schauerliche Nacht, und das Gestöhne und Gejammer der durstenden Träger war schrecklich anzuhören. Es blieb nichts übrig, als in der Morgenkühle, ehe die Sonne hoch stand, durstig die fünf Marschstunden bis zu einem Bach am Mondulgebirge weiterzumarschieren. Für die Berittenen ging es noch an, aber die Boys und Träger fingen an zu versagen. Kleckerweise trafen sie am Mondulbache ein, nachdem denen, die liegengeblieben waren, Wasser entgegengetragen worden war. An einen Weitermarsch war für diesen Tag nicht zu denken. Erst am nächsten Tage, nach einer Abwesenheit von fünf Wochen, trafen wir im Kompanielager ein.

Nach Engaruka verpumpt

Von Ngorongoro hatten wir in Eilmärschen zurück gemußt, weil der Feind ernstlich anzufangen schien, den Hunderttausend-Tonnen-Hammer zu heben und die große Offensive zu beginnen. Es war ja noch nicht ganz so weit, aber die Vorzeichen hatten sich gemehrt. An der Tavetafront wurde viel gekämpft, und an unserer Front hatte Oberleutnant Bauer, der Führer der 8. Feldkompanie, mit einem Zug Askari am Longido ein siegreiches Gefecht gegen 400 Engländer und Somalis gehabt.

In unserer Kompanie gab es Veränderungen. Der Kompanieführer wurde versetzt, ebenso einige der Soldaten. Unter den letzteren war der Vizefeldwebel Zierold, der Liebling aller. Ich sehe noch, wie die Kameraden mit ihm Abschied feierten. Daß wir nach fünfzehn harten Kriegsmonaten noch soviel Gemüt hatten, hätte ich nicht für möglich gehalten. Etwas erschwert wurde die Feier dadurch, daß von der Abteilung das Singen im Lager verboten worden war, und daß wir unser Kompanielied folglich nur flüstern durften. Seinen ersten Vers will ich hier wiedergeben – die weiteren Verse, wenigstens so, wie die Kompaniebarden sie umgedichtet hatten, eigneten sich nur für rauhe Kriegsgesellen.

Ich hab’ noch zwei, drei Kreuzer, die sind mein ganzes Gut, Dafür kauf’ ich mir Bier und Wein und einen zuckersüßen Branntewein, Versoffen, versoffen, versoffen muß es sein.

Es ist seltsam, wie sich ein besonderes Lied in einer Kompanie einbürgern und zu _dem_ Lied der Kompanie werden kann. Meine Kompanie mochte noch so abgehetzt, müde, verdrossen, hungrig oder durstig sein – das Kompanielied zog immer, wo andere, bessere Lieder schon lange nicht mehr zogen, wenn Bana matunda, Günter Frowerk oder ein anderer Vorsänger mit vom Staub rauher Kehle es anstimmte. Der Text dieses eigentümlichen Liedes paßte übrigens wirklich nicht schlecht zur Gesamtstimmung. Alle Farmer und Pflanzer hatten ihr Hab und Gut bereits verloren oder sahen es wenigstens dem sicheren Untergange entgegengehen. Zu verlieren hatten sie nur noch ihr bißchen Leben, das sie täglich auf das Spiel setzten.

Als neuen Kompanieführer bekamen wir den Oberleutnant Freiherrn von Lyncker – zum erstenmal in der Geschichte der Berittenen Neunten einen Kavalleristen und aktiven Schutztruppenoffizier. Er hatte vordem bei der Berittenen Achten gestanden, und es ging ihm der Ruf eines schneidigen Soldaten voraus. Auch neue Unteroffiziere und Mannschaften kamen zur Kompanie: der Nordfarmer Enke, der Nordpflanzer Wolf, von der Küste der Fahnenschmied Runte, ein zuverlässiger, pflichttreuer Soldat, ferner der ehrgeizige nette kleine Barbier Arno Förster, der Bäcker Merzdorf, der Sattler Langrock und der verwegene Windhund und Konditor Dettmar, genannt »Zuckercreme«, weil er richtiggehende Torten machen konnte.

Am Geburtstag der Kaiserin, am 22. Oktober 1915, erlebte ich den ersten und letzten Feldgottesdienst im Kriege. Ein Missionar aus dem Aruschabezirk sprach sehr nett und würde mir noch mehr gefallen haben, wenn er es sich hätte verkneifen können, ausgerechnet bei dieser feierlichen Gelegenheit auf die lokalen Stänkereien zwischen Mission und Siedlern anzuspielen. Das störte meine Andacht sehr, und der Missionar schien mir die Gelegenheit unfair auszunutzen, als er den Aruschasiedlern, die, zum Gottesdienst kommandiert, unter militärischer Disziplin alles ruhig einstecken mußten, ihre angeblichen Sünden gegen die Mission vorhielt.

Der Abend dieses Festtages wurde in mehr weltlicher Weise durch einen gemeinsamen Festkommers sämtlicher Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften gefeiert. Unter einem alten mächtigen Urwaldbaume saßen wir an einer langen, aus allen Tischen und Kisten der Kompanie zusammengesetzten Tafel, und ein donnerndes Dreimal-Hurra erschallte nach der Rede auf das hohe Geburtstagskind, mit der der Kommers eröffnet wurde. Die Kompanie hatte reichlich für Stoff, »Marke Heldentod« und Quellwasser, und der neue Kompanieführer für kalte Platte gesorgt. Auch er wurde an diesem Abend mit Ansprache und Hurra in den engeren, ich möchte sagen seelischen Verband seiner Kompanie aufgenommen, deren Mitglieder sich mit begreiflichem und berechtigtem Stolz für die Elitetruppe der Kolonie hielten. Der Abend verlief ohne die geringste Störung – ein Zeichen, daß die Kompanie becherfest war. Oberleutnant Meyer brachte an diesem Abend der Kompanie mit anerkennenswerter Ausdauer das schöne alte Soldatenlied »Lippe Detmold, o du wunderschöne Stadt, dadrinnen ein Soldat usw.« bei. –

Während unseres Wartens auf die große englische Offensive arbeitete der neue Chef. Unser neuer jugendlicher Kompanieführer wollte naturgemäß Neuerungen einführen und die Kompanie mehr nach rein heimischem Muster umformen. Nun hatte er, was ich ihm sehr hoch anrechnete, das Gefühl, daß es mir altem Papa nicht leicht, jedenfalls sehr unbequem sein würde, mich als Etatsmäßiger in alle diese Neuerungen zu finden. Es war also eine äußerst freundschaftliche Handlung meines Kompaniechefs, daß er mir die schweren Geschäfte des Etatsmäßigen abnahm und mich zum Zugführer machte; Vizefeldwebel Rimpler wurde mein Nachfolger. Um mir den Übergang leicht und angenehm zu machen, verpumpte mich der Kompanieführer für zwei Monate an die Abteilung Aruscha; ich sollte Vizefeldwebel Dr. Sinning im Kommando des Postens Engaruka ablösen.

So stieg ich denn am 2. Dezember 1913 wieder in den Großen Ostafrikanischen Graben hinab, um jenseits der durstigen Tiefsteppe mein neues Postenkommando zu übernehmen. Der Posten Engaruka mit dem ihm unterstellten Posten Ngorongoro war 4 Europäer, 1 Effendi [schwarzer Offizier], 34 Askari, 100 Ruga-Ruga [Hilfskrieger] und 100 Träger stark.

Engaruka und Ngorongoro kennt der Leser bereits. Mein Leben in Engaruka spielte sich sehr ordentlich ab. Ich ließ meine Askari exerzieren und Felddienstübungen machen, baute mit den Trägern und Hilfskriegern eine neue befestigte Stellung sowie gute neue Wohnungen für sie wie für die Askari und Europäer. Da mich der Krieg noch magerer gemacht, als ich von Natur schon bin, und mir mein Kompanieführer den dienstlichen Befehl gegeben hatte, mich gut zu pflegen, ließ ich mir von meinem trefflichen Mohamadi jeden Abend ein Diner von sieben Gängen kochen, von denen, dank dem Stelzlschen Gemüsegarten, mindestens vier Gemüsegänge sein mußten. Gelegentlich ritt ich eine Nahpatrouille mit Jagd oder eine Fernpatrouille von vier Tagen zum Natronsee ohne Jagd, obwohl es dort sehr viel Großwild und Raubwild aller Arten gab. Es war mitten im Sommer und am Natronsee, der, glaube ich, nur siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel liegt, so heiß, wie ich es nie zuvor in tropischen und subtropischen Gegenden empfunden hatte. Die Europäer, die später mal das Natron abbauen werden, beneide ich nicht, trotz der guten Jagd dort.

Mein Europäer in Engaruka, Grötzinger mit Namen, ein Bruder des im Ingitogefecht gefallenen Grötzinger, gefiel mir über alle Maßen gut als Soldat und Mensch. Er war ein Halbpalästinenser, d. h. er war noch in Deutschland geboren, aber schon als kleines Kind mit seinen Eltern nach Palästina ausgewandert. Er gehörte, wie die Familie Blaich, zu der kleinen Gruppe von Palästinensern, die am Südmeru Pflanzungen und Farmen hatten und die in ihrer einfachen, fleißigen Art sowie vorbildlichen Lebensweise mir als das idealste Menschenmaterial für eine Neusiedelung vor Augen stehen.