Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 13

Chapter 133,527 wordsPublic domain

Mein Effendi war ein Wissmann-Veteran, der sich zu Kriegsausbruch wieder zur Truppe gemeldet hatte und auch eingestellt worden war. Da es schon seit Jahren in der Schutztruppe keine farbigen Offiziere mehr gegeben hatte – außer einem einzigen, glaube ich, in Daressalam –, wußten die modernen Askari die Stellung meines alten Effendi nicht recht zu würdigen. Er war auch schon recht klapprig und altersschwach. Um ihn zu schonen, beschäftigte ich ihn mit Lagerdienst und ließ ihn sonst in Ruhe und Beschaulichkeit im Kreise seiner Frauen in seinen deutschen illustrierten Zeitungen älteren Datums studieren, von denen er einen ganzen Haufen bei sich hatte. Er besah sich die Bilder, denn Deutsch lesen konnte er nicht. Jedesmal, wenn er zu dem Bilde eines Militärs in glänzender Uniform kam, brachte er es mir und fragte, ob das Major Wissmann sei. Ich konnte seine Sehnsucht, ein Bild seines alten Führers zu finden, auf die Dauer nicht ungerührt mit ansehen und sagte endlich bei einem besonders prächtigen Bilde Ja. Seitdem hing, wenn ich mich recht entsinne, das Bild eines Herzogs von Sachsen-Altenburg am Ehrenplatz in der Hütte des Effendi. Von seinen Frauen umgeben, saß er andächtig davor und schaute es mit seinen guten alten Augen voll treuer Liebe unverwandt an. –

In Engaruka bot sich auch Gelegenheit zu interessanten kulturgeschichtlichen Beobachtungen – Muße dazu hatte ich ja reichlich. Unten in der Niederung, da, wo jetzt nur Steppenbusch steht, kilometerweit vor der jetzigen Negersiedlung, fand ich noch deutliche Spuren von alten Mashamba [Pflanzungen] und ihren Bewässerungsgräben. Offenbar hat früher – _wann_, weiß ich nicht – ein jetzt verschollener Negerstamm dort sein Heim gehabt. Massai und andere nomadisierende Viehräuber werden den alten Stamm in der Steppe solange bekriegt und beraubt haben, bis er sich gezwungen sah, sie zu verlassen und zur besseren Verteidigung von Leben und Habe seinen Wohnsitz an den Grabenrand zu verlegen.

Hier sah er sich, während er früher in der Steppe seine Mashamba unbeschränkt, Schritt haltend mit dem Wachstum der Bevölkerung, ausdehnen konnte, nun durch das Gelände gezwungen, die Volksnahrung auf einem ganz beschränkten Raum anbauen zu müssen. Die Art, wie sich der Stamm dem gewachsen gezeigt hat, nötigt uns die größte Achtung für seine Intelligenz ab. Den Grabenrand entlang, kilometerweit südlich und nördlich des Engarukabaches, stellenweise ein Viertel Kilometer tief, hat der Negerstamm Terrassen angelegt und so sein Ackerland planiert. Dieses Stück des Grabenrandes gleicht einer gigantischen Treppe. Wo nicht schon die Natur vorgearbeitet hatte, hat man senkrechte Terrassenmauern aus Findlingen aufgeführt, die – eine Seltenheit bei Negerarbeiten – Hunderte von Metern so gerade und parallel der nächsten Terrasse laufen, daß sie nach der Schnur angelegt zu sein scheinen. Die Breite dieser künstlichen Terrassen ist selten mehr als fünf bis sechs Meter.

Mit dem Bau der Terrassen war aber der Reichtum der neuen Äcker an Steinen lange nicht erschöpft; jedesmal, wenn die Neger ihn umhackten, kamen neue Steine zutage. Fleißige Negerweiber trugen sie in Haufen zusammen, und als auch diese immer noch zuviel Platz wegnahmen, fingen sie an, um noch mehr Bodenfläche zu sparen, die Außenwände der Steinhaufen senkrecht aufzubauen. So entstanden die vielen würfelförmigen mannshohen Steinhaufen, auf denen vielleicht zu Zeiten von Kriegsnot auch Wächter gestanden haben mögen. Auf den ersten Blick und ehe man sich von der Gesamttätigkeit des verschollenen Negerstammes ein klares Bild gemacht hat, kommt man leicht auf den Gedanken, diese vierkantigen, oben flachen Steinhaufen für Grabmonumente zu halten.

Hin und wieder fand ich auf diesen Terrassen die Überreste einer Viehboma, deren Umfassungsmauer ebenfalls aus losen Steinen aufgerichtet war, so wie ich es in Südafrika gesehen hatte. Diese Bomas sind nur klein. Die Massai werden das Großvieh und die Schafe, den Stolz des Stammes, als er noch unten in der Steppe wohnte und über unbegrenztes Weideland verfügte, abgetrieben haben. Der aus seinem Reich verdrängte Negerstamm wird sich oben am Grabenrande mit Ziegenhaltung haben behelfen müssen.

Am meisten aber hat es mir imponiert, wie dieser alte Negerstamm sich die Wasser des Engarukabaches nutzbar machte. Oberhalb der obersten Terrasse, da, wo der Gebirgsbach seinen letzten Wasserfall hinter sich hat, ist er zum erstenmal durch einen künstlichen Steindamm abgeschlossen, der noch heute so gut erhalten ist, daß ich über ihn hinwegreiten konnte. Oberhalb dieses Staudammes zweigen rechts und links heute verfallene Hauptbewässerungsgräben ab. Das Wasser, das durch diese nicht in Anspruch genommen wurde, floß ab über den Staudamm, um sich weiter unterhalb hinter einem neuen Damm aufs neue aufzustauen und andere Hauptbewässerungsgräben zu füllen. Aus diesen Hauptgräben wurden die hinter jeder Terrasse laufenden kleineren Bewässerungsgräben gespeist. Die ganze Anlage, die sich fünf Kilometer nach Norden bis zu dem vom Grabenrande sich ergießenden Engare Rongai hinzieht und auch an diesem weit schwächeren Gebirgsbache fortgesetzt ist, läßt darauf schließen, daß der verschwundene Negerstamm an Kopfzahl sehr stark gewesen sein und kulturwirtschaftlich auf einer hohen Stufe gestanden haben muß.

Während ich in Engaruka war, hoben die Engländer den Hunderttausend-Tonnen-Hammer immer höher, und meine Kompanie machte zwei ganz nette Sachen. Anfangs Januar 1916 legte sich Leutnant Freund mit zwanzig Mann nordöstlich vom Longido, in dem sie ihre Reittiere versteckt hielten, allnächtlich an die große Anmarschstraße des Feindes. Erst in der zehnten Nacht kam der Feind. Es war der Vortrupp der großen Invasionsarmee und bestand aus gemischter Kavallerie südafrikanischer Buren, Inder und Somalis. Der Patrouille Freund gelang es, diesen Vortrupp durch einen Feuerüberfall zu zersprengen. Der Feind ließ neun Tote auf dem Feld, unsere Patrouille hatte keine Verluste. Als ich die Nachricht hiervon bekam, ärgerte ich mich, nicht bei der Kompanie zu sein, und bat um meine Rückversetzung. Ich erhielt zur Antwort, meine zwei Monate seien noch nicht rum.

Mit schwerem Herzen fügte ich mich diesem allerdings unbestreitbaren Einwande. Da griff am 6. Februar unser Kompanieführer selbst mit 40 Gewehren eine feindliche Reiterpatrouille von 120 Indern unter englischer Führung am Nagasseni, nördlich des Meru, an. Er ging so ungestüm und schneidig vor, daß die Kompanie Mühe hatte, mitzukommen. Der Feind wurde vertrieben und ließ zwei Engländer und sechs Inder tot auf dem Gefechtsfelde; auf unserer Seite fiel ein Askari.

Jetzt waren meine zwei Monate um, und jetzt drängte alles in mir zu meiner Kompanie. Herrgott, nun ging es wirklich los, und ich sollte nicht dabei sein! Wie viele Briefe und Gesuche ich an meinen Kompanieführer gerichtet habe, weiß ich nicht mehr, aber das weiß ich gewiß, mich beseelte nur noch ein Gedanke: Zurück zur Kompanie, zurück zu meiner Heimat in Kriegszeiten!

Endlich, am 5. März, traf der Vizesteuermann Seifert der Abteilung Aruscha in Engaruka ein, um mich abzulösen. Mit den Trägern, die er mitgebracht, trat ich am 6. März meinen Marsch zur Kompanie an. Zum viertenmal marschierte ich durch den Großen Ostafrikanischen Graben. Der Marsch war beschwerlich, da Grötzinger, der Malaria hatte, streckenweise getragen werden mußte. Als ich am Mondulwasser war, das seinerzeit die Kompanie vom Untergang durch Durst gerettet hatte, hörte ich aus der Richtung, in der ich marschierte, heftiges Artilleriefeuer des Feindes – denn ich wußte, daß wir an unserer ganzen Front nicht ein einziges Geschütz hatten. Wo das Geschieße war, konnte ich nicht feststellen – es konnte dem Schall nach ebensogut bei Geraragua wie am Engare Olmotonje sein, wo ich vorläufig hin wollte, um von da aus meine von dort abgerückte Kompanie zu suchen. Meine Gefechtsstärke bestand aus drei Gewehren, d. h. aus mir und zwei Signalaskari, die Befehl hatten, sich zum Kommando nach Moschi zu begeben; gehindert als Gefechtskraft wurde ich durch eine lange Trägerkarawane und einen kranken Europäer. Unter diesen Umständen und da ich dem Feind nicht in die Arme laufen wollte, marschierte ich nicht auf dem üblichen Wege weiter, sondern kletterte mit vieler Mühe über das Mondulgebirge weg und pirschte mich vom Südostmondul an Engare Olmotonje heran.

Im früheren Lager der 8. Feldkompanie, das in der Nähe unseres Musterlagers gelegen hatte, fand ich die 28. Feldkompanie noch vor und meldete mich bei ihrem Führer, Hauptmann Rothert. Er sagte mir, daß die Boma [befestigter Platz] Aruscha dabei sei, via Lolkisale nach Süden abzubauen, daß nach den neuesten Nachrichten der Feind wahrscheinlich schon die Moschi-Aruscha-Straße besetzt habe, daß ich zu meiner Kompanie, die am Sanjafluß auf der Farm Kürbis nördlich dieser Straße liege, nicht mehr durchkönne, und daß ich mit den beiden Signalaskari am besten bei ihm bliebe! »Ha, ha! Der will dich vereinnahmen! Gibt es nicht, Herr Hauptmann, so schmeichelhaft es klingt.« Das dachte ich, aber natürlich nicht laut. Ich antwortete mit Hinweis auf die Befehle für mich und meine zwei Askari, daß wir zum mindesten den Versuch machen müßten, unsere Befehle auszuführen.

Nach Erledigung dieser dienstlichen Angelegenheit suchte ich mein altes, jetzt verlassenes Kompanielager auf. Als ich das Kompaniebüro, in dem ich einst gehaust hatte, betrat, merkte ich, daß das Lager doch nicht ganz verlassen war. Alle die alten freundlichen Flöhe hüpften mir erfreut entgegen, um mich zu empfangen. Sie waren in solcher Zahl und so hungrig, daß ich schleunigst ausriß und vorzog, im Freien zu übernachten.

Vom Hauptmann Rothert hatte ich mich, nach einer zweiten Besprechung mit ihm, am Abend schon verabschiedet, und da er immer noch den Befehl, daß ich bleiben müsse, auf der Zunge zu haben schien, verdrückte ich mich noch während der Nacht aus der Nähe seines Lagers und marschierte nach Aruscha. Dort fand ich Leutnant Gärtner der Abteilung Aruscha damit beschäftigt, die letzten Burenwagen beladen zu lassen. Ihm übergab ich meine Träger und Lasten, meinen Koch und die Boys, mit denen ich mich nicht länger belasten durfte.

Ich war gerade dabei, mir meine besten Sachen anzuziehen – denn wann ich meine Boys und Lasten wiedersehen würde, war gar nicht auszudenken; tatsächlich sah ich die Lasten nie wieder –, als sich Bana matunda mit einer Patrouille von sechs Reitern meiner Kompanie bei mir meldete. War das eine freudige Überraschung! Ich konnte mich an den lieben Gesichtern der alten Kameraden gar nicht satt sehen und fühlte mich sofort der Kriegsheimat bedeutend nähergerückt. Sie kamen von einem Erkundungsritt um das Longidogebirge und ritten über Aruscha zur Kompanie zurück. Ich übernahm das Kommando der Patrouille, und gegen Mittag trabten wir an auf der Aruscha-Moschi-Straße, unsere Kompanie zu suchen.

Um zehn Uhr abends am 10. März kam ich wohlbehalten bei meiner Kompanie an und wurde vom Kompanieführer und allen Kameraden auf das herzlichste empfangen. War das schön! Nach über dreimonatiger Abwesenheit endlich wieder zu Hause! Ich leistete innerlich einen feierlichen Eid, mich nie wieder verpumpen zu lassen.

An jenem Abend lernte ich den Oberleutnant v. Ruckteschell kennen, den Führer der 21. Feldkompanie, die neben uns auf Farm Kürbis lag. v. Ruckteschell ist Maler und befand sich zu Kriegsausbruch in Deutsch-Ostafrika, um afrikanische Stimmungsbilder zu malen. Er galt schon damals für einen ausgezeichneten Kompanieführer. Ich bin ihm im weiteren Verlauf des Krieges wiederholt begegnet und habe ihn hochzuschätzen gelernt. Ich sah in ihm einen echten Führer, genial, kurz im Fassen seiner Entschlüsse, ein Draufgänger, derb, wenn es sein mußte, aber stets voll Humor und von kerniger Gesundheit. Kein Wunder, daß sich seine Kompanie unter seiner Führung im Laufe des langen Krieges zu einer der kriegstüchtigsten Askarikompanien entwickelte! Als unser Oberst Ende 1917 in das portugiesische Gebiet durchbrach, war Oberleutnant v. Ruckteschell einer der wenigen ursprünglichen Kompanieführer, die noch bei ihm waren.

Der Hunderttausend-Tonnen-Hammer fällt

Als ich am 10. März 1916 wieder zu meiner Kompanie stieß, war der Hunderttausend-Tonnen-Hammer bereits gefallen. Mit einer Gesamtstärke von 185000 Mann der verschiedensten Rassen, mit Automobilen, Geschützen und Fliegern gerüstet, griffen die alliierten Engländer, Belgier und Portugiesen unsere Kolonie auf allen Fronten gleichzeitig an. Diesem mächtigen Kriegsapparat hatten wir an Europäern, Askaris und Etappenmannschaften im ganzen 15000 gegenüberstehen. Nach einer Mitteilung englischer Zeitungen soll allein der feindliche Stab in Nairobi an Kopfzahl stärker gewesen sein als die Zahl der sämtlichen Europäer in unserer Schutztruppe. Unsere Zuversicht war, daß wir _einen_ Mann hatten, dessen Genialität und Ausdauer ganze Armeen aufwog – unseren Oberst v. Lettow-Vorbeck. Als in Europa am 11. November 1918 der Waffenstillstand geschlossen wurde, stand unser Oberst dem Feinde noch unentmutigt gegenüber.

An unserer Nordfront, an der 90000 Engländer, südafrikanische Buren, Inder und Somalis gegen uns vorrückten, waren die beiden gefährdetsten Punkte einmal die Lücke zwischen dem Paregebirge und dem Kilimandscharo und sodann unser bisheriges Operationsgebiet, die Lücke zwischen Kilimandscharo und Meru. Die erstere Lücke verteidigte unser Oberst selbst, unsere Lücke hatte die Abteilung Fischer, bestehend aus den beiden Berittenen und vier Askarikompanien, zu halten. Die Gefahr der Lage bestand darin, daß ein Durchdringen des Feindes in beiden Fällen Moschi bedrohte. Mit Moschi, dem Endpunkt der Nordbahn, mußte aber diese und mit dieser über kurz oder lang der ganze Norden der Kolonie fallen.

Der Anmarschweg der gegen unseren Abschnitt gerichteten Invasionsarmee führte über das uns bekannte Bezil-Lager auf der Automobilstraße am Erok und Longidogebirge vorüber. Major Fischer hatte seinen rechten Flügel, die Berittene 6. Schützenkompanie, bei Geraragua an den Kilimandscharo angelehnt, sein linker Flügel, meine Neunte und die 21. Feldkompanie unter Oberleutnant v. Ruckteschell, lag am Fluß Sanja auf Farm Kürbis.

Als ich am 10. März hier eintraf, waren die Würfel eigentlich schon gefallen. Eine starke feindliche Abteilung mit Artillerie hatte bei Geraragua angegriffen, und die Berittene Achte hatte mit ihr ein siegreiches Gefecht gehabt. Man hat, glaube ich, diese feindliche Abteilung für die Kampfspitze der Invasionsarmee gehalten, während sie tatsächlich nur deren linke Seitendeckung war. Die feindliche Hauptarmee stellte sich überhaupt nicht zum Gefecht, sondern zog am Spätnachmittage des 11. März sieben oder acht Kilometer westlich von unserer Farm Kürbis an der ganzen Abteilung Fischer vorbei. Das war die Taktik, die der Feind unter Leitung des Burengenerals Smuts in der nächsten Zeit immer wieder übte. Er setzte gegen jede unserer Stellungen eine Kampftruppe mit starker Artillerie an, ohne jedoch ernstlich anzugreifen. Während er uns so beschäftigt wußte, zogen seine Hauptabteilungen an unseren Stellungen vorbei. Durch diesen Vormarsch, der unsere rückwärtigen Verbindungen bedrohte, wurden wir immer wieder gezwungen, Stellungen aufzugeben, aus denen uns kein Frontangriff hätte hinausschmeißen können.

Eine von meinem Freund Pfützner geführte Patrouille brachte uns am 11. März um 4,30 Uhr nachmittags die erste Meldung von diesem Manöver des Feindes. Sofort marschierten meine Neunte und die 21. Feldkompanie nach Westen zum Flankenangriff auf die vorbeimarschierenden feindlichen Kolonnen; v. Ruckteschell und Freiherr v. Lyncker waren beide für Angreifen. Schon hatten sich die Kompanien zwei bis drei Kilometer vom Feinde entwickelt, als der Befehl eintraf, nicht anzugreifen, sondern auf Moschi zurückzufallen. Ich kann nur annehmen, daß die Abteilungsleitung, die, durch den Frontalangriff der linken Seitendeckung des Feindes getäuscht, ihre Hauptstärke auf unsern rechten Flügel geworfen hatte, nicht glaubte, noch rechtzeitig zu unserer Unterstützung eingreifen zu können.

Da lagen wir nun untätig, zähneknirschend vor Wut, und ließen den Feind ganz nahe an uns vorbeimarschieren. Jeder Nordfarmer und -pflanzer, der damals mit mir den Feind beobachtete, wußte in diesem Augenblick, daß der schöne Norden unserer Kolonie, um den wir achtzehn Monate erfolgreich gekämpft hatten, jetzt verloren sei; da der Feind auf unserer Front durch war, würde auch unser Oberst seine Front auf die Dauer nicht mehr halten können, ja, er würde sogar bald abbauen müssen, wollte er nicht völlig eingeschlossen werden. In der Tat – wäre der Feind noch in der Nacht nach Kahe, der Bahnstation vor Moschi, weitermarschiert, dann hätten wir alle in einem schönen Wurstkessel gesessen. Daß Major Fischer, an dessen persönlicher Tapferkeit niemals jemand zweifelte, der ihn kennengelernt hatte wie wir, sich erschoß, machte die Lage nicht besser.

Auf dem Marsch nach Moschi erlebten wir zum erstenmal einen Flieger; diesmal tat er uns noch nichts, sondern schien nur das Gelände abzusuchen. Ich hatte im Frühling 1914 den Flugplatz Johannisthal bei Berlin besucht, aber viele meiner Kameraden, die lange nicht in Deutschland gewesen waren, sahen ein Flugzeug hier zum ersten Male. Unsere Askari nannten den Flugapparat »ndege«, großer Vogel, und die Fliegerbomben »mayayi«, Eier. Diesmal sah der Askarizug, der fünfzig Meter vor dem Europäerzug ritt, den Flieger zuerst und schoß auf ihn so dicht über die Köpfe der Europäer weg, daß mir August Dehnecke mit Bauchschuß gemeldet wurde. Glücklicherweise war das ein falsches Gerücht, das so entstand: Dehnecke saß ab, um auch auf den Flieger zu schießen. Er zerbrach dabei seine Schnapspulle, die er in der Brusttasche hatte. Da nun der Schnaps, der diesmal von der roten Sorte »Marke Blutsturz« war, ihm über den Bauch lief und er sich erschrocken mit der Hand an den kalt werdenden Bauch faßte, kamen seine Kameraden auf die Idee, er habe einen Bauchschuß. – Unser lieber August Dehnecke, der so schwer satt zu kriegen war, mit seinem großen schwarzen Vollbart und dem Gemüt eines Kindes, ist heute auch nicht mehr. Er war später einer Patrouille der Berittenen Achten zugeteilt, die auf dem weiteren Rückzuge ganz von der Truppe abkam; acht Monate hat sich diese Patrouille noch hinter der feindlichen Front herumgetrieben, ehe sie sich in der Hans-Meyer-Höhle, hoch oben an der Schneegrenze des Kibo, nach einem letzten Gefecht dem Feinde ergab. Unser braver August Dehnecke, der frühere Gardedukorps, soll bald nachher infolge der überstandenen Strapazen und Entbehrungen an Unterernährung gestorben sein.

Altmoschi, auf einem Vorhügel des Kilimandscharo, und Neumoschi, um die Bahnstation herum entstanden, waren bereits geräumt, als wir einrückten. Der letzte, der sogenannte Sprengzug, hinter dem die Schienen aufgerissen, die Brücken gesprengt und der Telegraph abgebaut wurden, war schon fort. Zurückgeblieben in Moschi waren die griechischen und indischen Kaufleute und Schankwirte. In einem solchen Ausschank aßen wir zu Mittag. Dann besetzten wir südlich von Moschi, in der Nähe der alten Burenstraße von Moschi nach Aruscha, eine Griechenshamba [Pflanzung], so genannt, nicht weil da Griechen wuchsen, sondern weil sie einem Griechen gehörte. Unsere Aufgabe war, die untere Anmarschstraße zu beobachten; die Berittene Achte lag an der oberen Moschi-Aruscha-Straße zum selben Zwecke.

Da ich meine Träger nicht bei mir hatte und meine Boys irgendwo in Deutsch-Ostafrika für sich marschierten, mußte ich mich in dieser und der nächsten Zeit ohne Boy behelfen und so mit durchfuttern. Leutnant Freund lag damals mit einer ausgetretenen Kniescheibe im Lazarett, aber mein Kompanieführer sowie Oberleutnant Meyer nahmen sich meiner so ausgiebig an, daß ich meine Besitzlosigkeit wenig spürte. Trotzdem war ich direkt stolz, als ich einige Wochen später bereits wieder eine Safarikiste und einen Interimsboy besaß. Eine Hose hatte ich mir bereits auf Farm Kürbis gekauft; sie war das erste und blieb leider recht lange das einzige Reservestück meiner Ausrüstung. Immerhin hatte der Besitz dieser Hose etwas Beruhigendes.

Für uns alle sollte sich das Leben von jetzt ab ändern. Früher hatten wir unsere Standlager gehabt, zu denen wir von Patrouille, und wenn sie noch so lange gedauert hatte, wie nach einem festen Zuhause zurückkehrten. Von jetzt ab hatten wir ein solches nicht mehr. Wenn wir jetzt auf Patrouille ritten, wußten wir nie, ob wir die Kompanie dort wiederfinden würden, wo wir sie verlassen hatten. Und da die Träger nicht so rasch beweglich waren wie die berittene Truppe, die stets am Feinde bleiben mußte, sahen wir sie, die Boys, die Lasten und somit ein reines Hemd seltener, als uns lieb war. ~Omnia mea mecum porto~ wurde unsere Devise.

Auf der Griechenshamba blieben wir zwei Tage, bis der Feind Moschi besetzte. Wir fielen dann auf die Station Kahe zurück. Diese kleine Bahnstation der Nordbahn, in der Nähe der Pangani-Eisenbahnbrücke, zeichnete sich vor dem Kriege, glaube ich, nur durch scheußliche Hitze und Moskiten aus. Von meiner Reise von der Küste nach Moschi im Juli 1914 war mir der Name der Station Kahe nicht mal im Gedächtnis hängengeblieben; vor dem Kriege war hier nur ein goanesischer Stationsvorsteher, Europäer gab es dort überhaupt nicht. Jetzt war Station Kahe neben Moschi Bahnstützpunkt geworden. Verpflegungsmagazine aus Wellblech und Typhuslazarette aus Gras mit Grasbetten waren in der Nähe der Station entstanden. Als wir nach Kahe kamen, waren die Magazine und Kranken bereits nach Lembeni weiter zurückgeschafft worden. Nur die leeren Strohhütten der Typhuslazarette standen noch und wurden von unserer Kompanie belegt. Da die Magazine im Umzug begriffen waren, funktionierte die Etappe während unseres Aufenthaltes bei Kahe nicht besonders glänzend. Empfangen haben wir nur pro Mann eine Handvoll Kartoffeln, und hätte die Kompanie nicht eigene Ochsen und Schafe und vor allem Zigaretten besessen, hätte es schlimm ausgesehen.

Von Kahe aus mußten unsere Reiterpatrouillen, vor unserer Infanteriestellung, an der Bahn zurück bis Moschi aufklären. Die erste dieser Patrouillen, die gewöhnlich zwei Tage dauerten, führte Oberleutnant Meyer, die zweite ich. Als ich Oberleutnant Meyer einige Kilometer hinter Kahe begegnete, teilte er mir mit, daß eine feindliche Patrouille von etwa hundert Reitern hinter ihm her sei. Ich hatte den Fahnenschmied Runte, die Buren van Wyck und Dievenhagen und vier Askari mit – also acht Gewehre stark! Na, es mußte auch so gehen.

Bald hinter Kahe bis einige Kilometer vor Moschi ist auf beiden Seiten der ziemlich geraden Bahnlinie dicker, fast undurchdringlicher Busch, in dem sich nur einige Gewehre oder ein Maschinengewehr aufzubauen brauchen, um jeden, der auf dem Bahndamm reitet, bequem abzuschießen. Damit, daß meine Patrouille wie Hasen auf der Treibjagd abgeschossen wurde, war weder uns persönlich, noch dem Kommando, das Meldungen über die Stellung des Feindes haben wollte, besonders gedient. Ich mußte, so unbequem es war, im Busch bleiben, ob rechts oder links der Bahn, war Jacke wie Hose.

Ich drang im Busch, etwa hundert Meter links der Bahn zu dieser parallel, in folgender Weise vor: Immer, wenn ich glaubte, etwa zwei Kilometer vorgerückt zu sein, ließ ich halten, absitzen und sichern. Einer von uns vier Weißen, immer nach der Reihe, ging dann zu Fuß an den Bahndamm heran und beobachtete diesen mit dem Glas rückwärts und vorwärts für zehn Minuten. Sobald er zurück war, drang die Patrouille geschlossen wieder zwei Kilometer vor.