Wir ritten für Deutsch-Ostafrika
Part 8
Wir waren frühzeitig beim Wasser eingetroffen, und da Unteroffzier Thiele, ein Kaffeepflanzer und Farmer aus dem Aruschabezirke und nebenbei unser bester Schütze, im Talkessel einige Grantgazellen geschossen hatte, konnte die Kompanie heute mal wieder frisches Fleisch im Kochgeschirr brodeln lassen oder am Holzspieß vor dem Lagerfeuer rösten; die ganz Hungrigen fingen mit gerösteter Wildleber an. Das war eine sehr willkommene Abwechslung. Unser Hauptpatrouillenfutter war Reis und immer wieder Reis; was »Blauer Heinrich« [in Wasser gekochter Reis] ist, haben wir alle zur Genüge kennengelernt, und später waren wir ganz zufrieden, wenn wir den wenigstens noch hatten. Von den Buren lernten wir Mealipapp mit wahrer Begeisterung essen. Chiroko, eine von den Küstennegern angebaute Bohnenart, die trocken geschrotet und in Wasser gekocht wie Erbsbrei schmeckt, sich schön sanft an die Magenwände anlegt und sich unter starker Entwicklung feindlicher Gase verdaut, wurde ebenfalls ein bei den Europäern beliebtes Patrouillenfutter. Ich war immer froh, an dem offenen Ende der Schlafröhre liegen zu dürfen.
Während Minjimvua unser Mahl bereitete, schnitt ich Gras für meinen Hengst. Etwas ruhiger hatten die Marschtage den Otto gemacht, aber mit den andern Tieren konnte ich ihn nicht frei weiden lassen. Er jagte sie und sie ihn, und keines hatte Ruhe zum Fressen. Wenn dann gerade auch noch eine Stute verliebt war, hätten sich unsere drei Zuchthengste Hotspur, Otto und Max auf freier Weide gegenseitig totgebissen. Max, den unser »Gesundbeter« ritt und vergeblich zu einem sittlichen Lebenswandel zu erziehen versuchte, war ein Somaliponyhengst mit dem Kopf und Ausdruck eines Dromedars. Schön war Max nicht, aber Matata [Spektakel] konnte er für zwei machen. Hengste gehören nicht hinein in den Frontdienst einer afrikanischen berittenen Truppe. Ohne Matata geht selten ein Tag ab, und meistens wiehern sie gerade dann los, wenn die größte Ruhe geboten ist. Wir hatten aber so wenige Reittiere in Deutsch-Ostafrika, daß auch die Zuchthengste mit an die Front mußten, und manches Bündel Gras habe ich für meinen Otto geschnitten. Nachts band ich ihn inmitten der Maultiere an. Für Maultier- und Eselstuten hatte er nichts übrig, sie ließen ihn ganz kalt. Andererseits wirkten sie aber doch wieder so weit auf das nach Geselligkeit sich sehnende Gemüt des Herdentiers, daß sich der Hengst ruhig verhielt. Band ich ihn allein an, dann hing er sich entweder auf oder weckte alle Echos in der Gegend mit seinem Geschrei.
Als Otto versorgt und ich gesättigt war, wandte sich meine Aufmerksamkeit wieder dem herrlichen Bergkessel zu, in den sich von dem uns gegenüberliegenden Bergrand noch ein Wasser ergoß. Schön friedlich lag er da im Sonnenuntergang, weltfremd auf die Zeit harrend, in der unternehmungslustige Ansiedler in ihm ihren Weizen bauen und ihr Vieh züchten werden. Über seinen Rand weg konnte ich in nordnordwestlicher Richtung auf einem höheren, sonst kahlen Berge einen größeren Baum erkennen, der einsam Grenzwacht hielt. In seiner Nähe lief die Grenzlinie zwischen Deutsch-Ostafrika und Britisch-Ostafrika. Morgen sollten wir die Grenze überschreiten.
Der nächste Morgen – es war der fünfte seit unserm Aufbruch vom Doppelberg – führte uns auf Massai- und Wildpfaden durch rauhes Gebirgsgelände, das mit kurzem Dornbusch dicht bestaudet war. Das Farmparadies hatte ziemlich plötzlich aufgehört. Wir ritten, wo es ging, und führten, wo das Reiten nicht ging. In beiden Fällen rissen wir uns an den Dornen Jacken, Hosen und Hände kaputt. Hatte der Vordermann vergessen, »Achtung!« zu rufen, wenn er den von ihm zurückgebogenen Zweig schnellen ließ, dann bekam man auch noch eine dornige Ohrfeige. Mein schöner Tropenhut, den ich mir auf der Ausreise bei Simon Arz in Port Said erstanden hatte, wurde bedenklich zugerichtet. Erst Mutter Weber hat ihn später wieder in die Verfassung gebracht, die es ihm ermöglichte, noch weiter an der Front mitzumachen, bis er im Handgemenge bei meiner Gefangennahme zum Schlapphut wurde.
Zum Glück dauerte der Marsch heute nur fünf Stunden. Schon um elf Uhr erreichten wir, wenig jenseits der Grenze, unser Marschziel, das letzte Wasser, an dem wir vor dem Angriff auf die Bahn lagern sollten. Nachdem die Spitze festgestellt hatte, daß das Wasser nicht vom Feinde besetzt war, ritten wir in einen ziemlich tiefen Sandkoongo ein, an dessen oberem Ende sich das Quellwasser in zwei Felsbecken gesammelt hatte, zu denen man hinaufklettern mußte. Aus dem oberen Becken wurde geschöpft, in dem unteren gebadet. Hier wollten wir vierundzwanzig Stunden ruhen, um Menschen und Tiere die nötige Kraft für die Endanstrengung sammeln zu lassen.
Wir waren heute, ohne es in dem dichten Busch sonderlich gemerkt zu haben, aus dem Matumbatugebirge heruntergestiegen an den Rand der nördlich desselben gelegenen Steppe. Es war bedeutend wärmer dort unten als oben im Gebirge – der Schlafröhre bedurfte es hier unten nicht. Die Vorbereitungen für die Nacht waren diesmal einfacher. Minjimvua maß alle seine Pfleglinge von hinten mit Kennerblicken und scharrte dann mit seinen Händen sämtliche Körperformen, als wolle er jeden von uns in Blei gießen, im festen weißen Sande aus. In Woilach und Zeltbahn gewickelt lag es sich herrlich in diesen Mulden.
Freilich, die erhoffte ungestörte Nachtruhe sollten wir nicht finden. Kaum war ich eingeschlafen, als mich Gewehrfeuer wieder weckte. Das große englische Bezillager war nur wenige Meilen östlich von dem versteckten Wasser, an dem wir lagerten. Sollte unser Anmarsch doch von Spionen gemeldet worden sein? War der Feind jetzt da, um uns auszuheben?! Meldung der Feldwache traf ein: »Der Feldwachhabende Vizewachtmeister Trommershausen läßt auf Löwen schießen, die aus der Steppe kommend zum Wasser wollen.« Ach was, Löwen! Weiterschlafen! Dreimal in derselben Nacht weckte mich das Geschieße der Feldwache, und am nächsten Morgen sah ich einen zweijährigen Löwen tot mitten im Sandkoongo liegen. Wir gaben dem bisher namenlosen Wasser wegen dieser Löwengeschichte den Namen »Löwenwasser«.
Schlimmeres brachte der nächste Morgen. Gotthilf Blaich lag in hohem Fieber – ich glaube, der Oberveterinär stellte Typhus fest. Ferner war ein Askari der Feldwache während der nächtlichen Löwenjagden von einem Felshang abgestürzt und hatte sich einen Arm gebrochen. Weiter mitnehmen konnten wir die beiden nicht. Hier zurücklassen konnten wir sie auch nicht, wußten wir doch selbst nicht, ob wir je zu diesem Löwenwasser zurückkommen würden. Es half alles nichts – die beiden mußten mit Fieber und gebrochenem Arm durch die menschenleere, an Raubwild reiche Gegend sich ihren Weg zu unserm Posten am Longido zurücksuchen; von dort konnten Träger den Typhuskranken weiter zurücktragen. Damals machte ich mir noch Gedanken über so was. Später habe ich an mir selbst erfahren, daß man Malaria oder Dysenterie, ja sogar beide gleichzeitig haben und doch, wenn man will, diensttauglich bleiben kann.
Um zwölf Uhr mittags wurde getränkt und abgekocht. Wann wir wieder an Wasser kommen würden, darüber nachzudenken war nicht gut. Zur Magadbahn waren es fünfundvierzig Kilometer Luftlinie, zu reiten mindestens fünfundsiebzig Kilometer. Sollten wir abgeschnitten werden durch Truppen aus dem englischen Bezillager, dann würden wir völlig in der Luft hängen. Die Tiere schienen zu wissen, was ihnen bevorstand. Sie soffen sich ordentlich voll. Auch wir tranken, soviel wir konnten, und jeder füllte seine zwei Feldflaschen mit Wasser oder kaltem Kaffee.
Um zwei Uhr nachmittags ritt die Kompanie in glühender Hitze aus dem Koongo des Löwenwassers in die Steppe hinein. Zu Anfang konnte man noch von einer Grassteppe sprechen, aber bald wurde das Gras spärlich und spärlicher und dafür der Sand tief und tiefer. Ohne Weg und Steg mahlten die Tiere durch den Sand, und feiner Staub flimmerte in der heißen Luft. Der Durst stellte sich schon ein, als wir kaum zwei Stunden geritten waren. »Kinder, mit dem Wasser sparen! Wenn man sich den Durst in den ersten Stunden verkneift, nachher merkt man ihn schon gar nicht mehr. Vom Trinken wird man nur durstiger« – so predigte ich mit mehr guter Absicht als Überzeugung.
Nachdem wir uns eine Zeitlang durch den losen Sand gewühlt hatten, mischten sich mit ihm runde lose Steine von Kindskopfgröße, die umkippten, sowie ein Tier drauftrat. Die Gegend wurde immer öder und wüstenartiger; Wild hatten wir schon lange nicht mehr gesehen. Wir stolperten weiter. Kurz vor Dunkelwerden kamen wir an einen tiefen, breiten Koongo. Ströme der Urzeit mögen ihn in das Gelände eingerissen haben oder die Regenzeiten vieler Jahrtausende. »Absitzen! Führen!« Dreißig Meter tief polterten wir über Geröll in den Koongo hinein, durchquerten sein versandetes altes Flußbett und dreißig Meter hoch kletterten wir auf der andern Seite wieder aus ihm heraus. Es wurde Nacht. Wieder ein Koongo. Runter von den Tieren. Autsch! da lag einer. Mondlose Nacht. Noch ein Koongo. Wie viele Koongo wir in dieser Nacht durchkletterten, weiß ich nicht mehr. Sie wirkten wie Alpdrücken auf mich. Vielleicht war es auch öfter derselbe Koongo, der, sich windend, mehrere Male in unsere Marschrichtung kam. Eine Karte dieser Gegend besaßen wir nicht.
Unteroffizier Thiele und Gefreiter Truppel führten. Sie hatten sich, bevor es ganz dunkel wurde, einen Stern ausgesucht und auf diesen hielten sie los, bis sie von Zeit zu Zeit mit dem Vorrücken der Nacht sich ein neues Sternbild aussuchen mußten. Ob sie ritten, gingen, standen oder auf ihrem Hintern in ein Koongo hineinrutschten – ihr Sternbild durften sie nicht aus den Augen verlieren, sonst wäre unsere Marschrichtung zum Teufel gewesen. Neun Stunden lang sind ihre Augen unverwandt auf den Himmel gerichtet gewesen.
Um drei Uhr morgens, nach dreizehnstündigem ununterbrochenen Reiten, Klettern, Stolpern, Fallen und Rutschen konnte die Kompanie nicht mehr. Unser Plan war, vor Tagesgrauen rechts und links der Bahnstation Kambi ya nyuki die Telegraphenleitung zu durchschneiden, mit Tagesanbruch den Bahndamm zu sprengen und gleichzeitig den starken Stations- und Bahnschutzposten anzuknallen. Um drei Uhr morgens wußten wir überhaupt nicht mehr, wo wir hingeraten waren; eigentlich hätten wir schon längst an der Bahn sein sollen. Die verfluchten Koongo! Ganz egal, wo wir lagen, ob irgendwo im weiten Pori oder vielleicht nur fünfzig Meter vor dem englischen Bahnschutzposten – die Kompanie mußte erst etwas ruhen.
Sie ruhte zwei Stunden wie sie war und wo jeder gerade hielt. Dort, wo wir im Dunkeln gelandet waren, gab es überhaupt keinen Sand mehr, sondern nur noch Steine. Große Steine und kleine Steine. Kein Halm Gras war dort für die Tiere. Ich ruhte, indem ich meinen langen dünnen Leib wie eine Schlange um einen großen Stein schlang und auf diesen mein Haupt legte, auf einem Unterbett freundlicher kleiner Steine. Neben mir stand Otto gesattelt und gezäumt und schnupperte an meinem Brotbeutel, aus dem ich ihm noch ein paar Händevoll Reis geben konnte. Eigentlich war das ja meine Ration, aber welcher gute Reitersmann kann sein Tier hungern sehen! Gesprochen durfte nicht werden, geraucht auch nicht. Um fünf Uhr morgens lief der geflüsterte Befehl »Weitermarsch!« durch die Reihen.
Das Gelände wurde bald besser, wir konnten aufsitzen. Als wir in der Morgendämmerung durch einen leichten Akazienbusch ritten, ließ Unteroffizier Thiele von der Spitze melden: »Stationsgebäude siebenhundert Meter vor uns.« Zum Telegraphendrahtschneiden und Sprengen war es leider nun zu spät geworden, aber unsanft aufwecken wollten wir den bösen Feind doch. Zwischen dem Akazienwäldchen und der hochliegenden, befestigten Bahnstation lag eine offene Talmulde. Im Akazienhain, also noch außer Sicht von der Station, entwickelte sich die Kompanie. »Halt! Absitzen! Pferdehalter! Schützen vor! Schwärmen! Marsch!« – alle Kommandos wurden leise gegeben und weitergegeben. Jetzt war keiner mehr müde oder durstig.
Als Wachtmeister mußte ich bei den Tieren bleiben. Ich nahm sie weiter in den Wald zurück, deckte Rücken und beide Flanken durch ausgeschobene Posten und ritt dann selbst wieder vor an den Buschrand, wo ich das kommende Gefecht fein übersehen konnte. Noch krochen unsere Schützen schweigend näher an die Station heran. Da zeigte sich unten in der Talmulde, nahe der Station, eine feindliche Patrouille, Reiter und Fußvolk. Gesehen hatten sie uns nicht. Sie rückten anscheinend wie jeden Morgen aus, um die Bahn abzupatrouillieren. Die Leute plauderten harmlos und rauchten Zigaretten. Nicht lange! Zwei Züge unserer Kompanie nahmen sie unter Feuer, der dritte Zug feuerte in die Zelte, die neben dem Stationsgebäude aufgebaut standen.
Die Wirkung war groß, wie die jedes überraschenden Angriffs. Was von der feindlichen Patrouille beritten gewesen war, war bald unberitten, und ich konnte beobachten, in welcher Konfusion die Herren Engländer in Schlafanzügen aus ihren Zelten stürzten, zurückliefen, Gewehre und Munition holten, um endlich einen Schützengraben hinter dem Bahndamm zu besetzen. Soviel ich mit meinem Feldglas sehen konnte, war die Station von Engländern und Indern besetzt und ihre Gesamtstärke zwei- bis dreihundert Mann.
Bald bekamen wir auch Antwortfeuer. Wo unsere Schützen lagen, schien der Feind nicht sofort erkannt zu haben, oder er schoß aus Versehen zu hoch. Unsere Schützen lagen etwa dreißig Meter tiefer als die Stelle, wo ich hielt, hundert bis hundertfünfzig Meter vor mir, aber die feindlichen Kugeln gingen noch über meinen Kopf weg. Auf den Akazienbusch hatte der Feind es jedenfalls abgesehen; denn jetzt fing er auch an, sich hinter dem Bahndamm, unsere Stellung flankierend, zu entwickeln, und der Einschlag in den Akazienhain wurde so bedenklich, daß ich mir bereits vornahm, für unsere Tiere eine andere Deckung zu suchen.
Da kam, nach halbstündigem Gefecht, das Trompetensignal: Sammeln! Die Schützen kehrten zögernd, die Askari nur unter Androhung von Hieben und nach vielem Geblase zu den Tieren zurück. Unsere Askari, von Deutschen geführt, gehen ran wie Blücher, und dann beißen sie sich förmlich fest. Sich von einem Gefechtsfeld zu trennen, fällt ihnen schwer. Die befestigte Stellung des Feindes, die durch mindestens vierfache Übermacht besetzt war, zu stürmen, hatte nie in unserer Absicht gelegen. Wir wollten den Feind wecken, und das war überraschend gut gelungen.
Dieses Wecken vom 21. Juni 1915 zu Kambi ya nyuki war unsere Antwort auf das feindliche Wecken am Ingito. Der Feind hatte fünf Tote – Enthusiasten wollen sogar fünfzehn gezählt haben – und jedenfalls viele Verwundete. Mehrere Reittiere hatten wir ihm auch abgeknallt. Unser Überfall war weit glänzender gelungen als wir erwarten durften; denn daß wir eine feindliche Patrouille im Offenen erwischen würden, hatte niemand zu hoffen gewagt. Das Schönste war, daß wir keinerlei Verluste hatten.
Da der Telegraphendraht nicht abgeschnitten worden war, durften wir annehmen, daß Züge mit Verstärkung für den Feind bereits heranrollten. Es hat keinen Sinn, eine gute runde Sache zuspitzen zu wollen. Also: »Aufsitzen! Kehrt marsch! Schritt! – – Trab! – – Galopp!« Erst mal raus aus dem Kugelregen, der immer noch in den Akazienhain einschlug! Unsere Stimmung war ausgelassen fröhlich, wie von Schulbuben nach einem gelungenen Streich. Erst ganz allmählich dämpfte sie wieder ab. Wo würde sich die Besatzung des englischen Bezillagers, die bereits die Nachricht von unserm Überfall haben mußte, uns vorbauen? Der Leser darf nicht vergessen, daß sich die Berittene 9. Schützenkompanie um diese Zeit fünf schwere Tagemärsche vor ihrer und weit hinter der feindlichen Basis befand. Der Feind brauchte nur an unserer Rückzugslinie einige Wasserstellen zu besetzen, dann kamen wir schwer in Druck.
Obwohl wir eine Verfolgung von Kambi ya nyuki her nicht für wahrscheinlich hielten, denn die Männer dort konnten sich unser Erscheinen doch nur als Vorhut einer starken Abteilung erklären und nicht ahnen, daß wir ohne jeglichen Rückhalt in der Weltgeschichte schwebten, ritten wir doch anfangs, um weniger in Sicht zu sein, im Bett der Koongo, die uns über Nacht so viele Mühe gemacht hatten. Für zwei Stunden ging es abwechselnd Trab und Galopp. Der brüchige, hartgebackene Sandboden im Bett der Koongo war nichts für ungeschickte Reiter. Die Askari stürzten vom und mit dem Tier öfter, als mir angenehm war. Bei mir stellte sich der Hunger ein. Ich öffnete eine Büchse Sardinen und labte mich an ihrem Inhalt. An Durst war es besser gar nicht zu denken.
Eine Zeitlang ritt der Gefreite Fechter neben mir. Vor dem Kriege war er Angestellter der Nashornapotheke in Aruscha gewesen. Neulich, auf Feldwache am Naudéwasser, hatte er zum erstenmal in seinem Leben ein Nashorn gesehen und mit Klamotten nach ihm geschmissen. Da er klein von Statur war, wurde er in der Kompanie seit jenem Abenteuer und mit Berücksichtigung seiner früheren Tätigkeit in der Nashornapotheke »das kleine Nashorn« genannt. Am Tage nach Kaisers Geburtstag hatten die Engländer auch Fechters Posten am Nagasseni heimgesucht, und während er die Engländer im hohen Schilf des Nagassenisumpfes suchte, hatten diese ihn gesucht und seinen Zypernesel gefunden. Die Engländer nahmen den Esel mit und hinterließen einen Zettel, auf dem sie sich höflichst für den Esel bedankten. Hierüber hatte sich das kleine Nashorn schmählich geärgert und blutige Rache geschworen. Heute sei ihm, erzählte mir Fechter, seine Rache zur Hälfte wenigstens geglückt. Ein schönes englisches Maultier, das während des Gefechts reiterlos umhergeirrt sei, habe ihn so lange beschäftigt, bis er es umgelegt. Leider habe er aber den Zettel mit dem Gruß an die Engländer, den er schon seit Wochen in der Tasche trage, nicht zum toten Maultier hintragen können. Sein Gruppenführer habe ihn mit Gewalt zurückgehalten und ihn mit fortgerissen, als »Sammeln« geblasen worden sei.
Als wir fünf Stunden gen Süden geritten waren und es Mittag wurde, suchten wir den spärlichen Schatten vereinzelter Flötenakazien auf. Mit der Bezeichnung »Flötenakazie« hat es folgende Bewandtnis: Eine Wespe bohrt in der Saftzeit der Bäume die jungen grünen Dornen der Akazie an und legt ihre Eier hinein. Der Dorn erweitert sich sackförmig bis zur Größe eines Hühnereis. Dieser Sack, dessen Inhalt den aus den Eiern schlüpfenden Maden zur ersten Nahrung dient und der unter dem jetzt verkrüppelten Dorn hängt, stirbt in der Trockenzeit ab. Wenn die Wespenmaden den Inhalt ihres Hauses aufgefressen haben, verlassen sie es durch das jetzt erweiterte Bohrloch, und Ameisen ziehen in die hohlen Säcke ein. Auf dem erweiterten Bohrloch flötet der Wind wie die Knaben auf einem Schlüssel. Da sowohl die Säcke wie die Bohrlöcher verschiedener Größe sind, entstehen die verschiedensten Töne. Das Ganze ist ein melodisches, aber unheimliches Konzert. Die in Frage kommende Ameise hält sich nur in Gegenden geringer Niederschlagsmengen auf.
Wo die Akazien flöten, suchst du also vergebens nach Wasser. Wir sattelten ab und ruhten. Wer noch was zu essen hatte, aß. Abkochen konnten wir natürlich nicht. Zu trinken hatte keiner mehr. Die Tiere waren viel zu müde und vor allem viel zu durstig, um die paar trockenen Grashalme, die hier standen, zu suchen. Otto verschmähte sogar eine Handvoll Reis. An Wasser mußten wir unbedingt heute noch kommen, sonst versagten unsere Tiere. Das nächste uns bekannte Wasser war das Löwenwasser. Daß die englischen Truppen des Bezillagers unsere rückwärtigen Wasserstellen oder doch einige derselben jetzt besetzt haben würden, nahmen wir als ganz selbstverständlich an. Vielleicht kannten sie aber das versteckt gelegene Löwenwasser noch nicht. Es war reine Glückssache.
Mit schweren Gedanken lag ich, von Durst gequält, unter den flötenden Akazien – in Fiebertraumgedanken, die einen bei hellichtem Tage gruseln machen: »Die Tiere versagen, wir müssen sie zurücklassen. Ob wir ihr Blut abzapfen und trinken? Ich glaube, ja. Auch die Feldflaschen werden wir uns mit Blut füllen, wenn es nicht bereits zu dickflüssig ist. Dann weiter zu Fuß. Ob Blut den Durst stillt? Ich glaube, nein. Unser eigenes Blut wird nur noch dickflüssiger werden. – Ob Ordnung in der Kolonne zu halten sein wird? Eine Weile sicher. Später sicher nicht mehr. Strafen, Todesstrafen erschrecken niemanden mehr. Päng! – der beste Beweis ist gegeben, einer hat sich bereits selbst erschossen. Er hatte sein Gewehr noch, die meisten haben es bereits weggeworfen. Wie viele sind wir noch? Mühsam hebe ich die schwer verstaubten Augenlider. Eine lange Reihe strauchelnder Gestalten wandert vor mir im Staub. Die Sonne blendet mich, zählen kann ich nicht mehr. Da sinkt wieder einer hin. Ich spreche zu ihm mit belegter Stimme, die mir selber fremd erscheint. Er hört und antwortet nicht. Ich stolpere weiter mit bleischweren Knien. Da wird mir schwarz vor den Augen. Die Sinne vergehen mir. – Ich komme zu mir. Es ist Nacht. Die Sterne leuchten über mir, die Akazien flöten traurig, meine Augen brennen. Hui! Was ist das an meinen Beinen? Ein Kamerad? Mit Mühe richte ich mich halb auf. Ich will schreien, aber bringe keinen Ton heraus. Wo ich hinschaue, funkeln mich feurige Kohlen an, und lange Leiber kriechen um mich her. Hyänen greifen mich an, kaum können sie noch warten. Den Aasgeruch haben sie schon mitgebracht. Ich quäle mir den Browning aus der Tasche, entsichere und feuere auf sie. Heulend fliehen die Hyänen, und Ruhe umgibt mich. Wie lange? Ich kenne die Zeit nicht mehr. Ich taste nach meinem Karabiner und finde ihn nicht. Ob die Hyänen ihn verschleppt, um den Karabinerriemen zu fressen? Ob ich ihn verloren oder weggeworfen? Ich weiß nichts mehr. – Da sind sie wieder, die Hyänen. Päng! Jetzt habe ich noch sieben Schuß im Rahmen meines Browning. Die letzten drei Patronen sind für mich bestimmt – ich muß mit Versagern rechnen bei diesem Spielzeug. Kaum daß ich noch den Arm zu meinem im Sande gebetteten Haupt und die Mündung des Browning an meine Schläfe bringe. Ein kurzes Stoßgebet: ›Laß es kein Fehlschuß sein, o Gott.‹ Endlich Vergessenheit.« – –
Lieber, als solche Gedanken zur Musik der Flötenakazien, die Gewißheit – auch wenn ein paar Kugeln pfeifen sollten! Lieber einen fröhlichen Reitertod! »Satteln! Aufsitzen! Marschrichtung: Löwenwasser!«
Galopp und Trab zu reiten, hatten wir längst aufgeben müssen – kaum ein ordentlicher Schritt war noch aus den Tieren herauszukriegen. Sie krochen dahin. Da – gegen fünf Uhr fingen die Maultiere, in dieser Beziehung (wie überhaupt) viel klüger als Pferde, an, Wasser zu wittern. Sie spitzten wieder ihre Ohren, ihre Sehnen strafften sich, sie fingen an auszuschreiten, gingen selbständig in Trab über und brachen endlich in einen Galopp aus, den kein Reiter zügeln konnte. Die Spitze hatte Mühe, vorweg zu kommen, und unsere Packtiere, die auf dem Marsch nicht geführt wurden, sondern auf eigene Faust einherliefen, ohne sich je weit von der Kompanie zu entfernen, sausten voraus. Die Pferde wurden endlich auch von den Maultieren angesteckt, und um sechs Uhr abends, nachdem die Tiere achtundzwanzig Stunden ohne Wasser auf dem Marsch gewesen waren, brauste die ganze Berittene Neunte im rasenden Galopp zum Löwenwasser heran, das – Gott sei Dank! – nicht besetzt war.
So, nun war vorläufig alles gut. Über das Heute hinaus soll ein Soldat im Kriege nicht denken. Nur die armen Menschen, die diese Nacht, nach dem Marsch von achtundzwanzig Stunden einschließlich Gefecht, auf Feldwache ziehen mußten, taten mir leid. Ich bin zweimal aufgestanden, mir die Feldwache anzusehen. Der Wachhabende, Unteroffzier Thiele, pendelte ständig zwischen seinen Askariposten hin und her und unterhielt sich mit ihnen. Er behauptete, wenn er sich hinsetzte, schliefe er sofort ein, um nie wieder aufzuwachen, und wenn er die Askari nicht unterhalte und Antworten von ihnen verlange, schliefen sie ihm im Stehen ein.