Wir ritten für Deutsch-Ostafrika
Part 7
Wie sich am folgenden Tage herausstellte, waren diesmal die üblichen Vorsichtsmaßregeln überflüssig gewesen. Feind war weder da, noch da gewesen. Was die Patrouille der Berittenen Achten für Feindesspuren gehalten hatte, waren – Zebraspuren! Das Konkurrenzunternehmen war eben noch zu neu im Geschäft. Außer jener Löwengeschichte passierte nichts Besonderes auf dieser Patrouille, denn daß sich unser Kompanieführer während einer kurzen Rast beinahe auf eine Puffotter gesetzt hätte, ist nichts Besonderes – hat sich der Schütze Apel doch mal tatsächlich auf eine solche, die er für einen Baumast hielt, gesetzt. Wir suchten die Nyirisümpfe nach Feinden ab, fanden keine, und ritten über Lagumishera und Olmolog zum Doppelberglager zurück. Klar geworden waren wir uns nur über zweierlei. Erstens, daß die Achte Zebra- von Maultierspuren noch nicht unterscheiden konnte, und zweitens, daß Hauptmann v. Boemcken, der mit einem Krückstock in der Hand ritt, unter seinem Südwester Schutztruppenhut viel Ähnlichkeit mit dem Alten Fritz hatte.
Große Kampfpatrouille zur englischen Magadbahn
Die Berittene Achte hatte zwei Männer, die uns unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz durch ihre Tätigkeit viel Kopfzerbrechen machten. Es waren der Lokomotivführer Pallas und der Vizefeldwebel Neubacher, ein früherer Südwester Schutztruppler. Pallas war ein passionierter Minenleger, und Neubacher war seine rechte Hand. Beide konnten nicht mehr leben und glücklich sein, wenn nicht alle Monate ein Teil der englischen Ugandabahn, die stark besetzt war, in die Luft ging. Fuhr gerade ein Truppen- oder Verpflegungszug über die hochfliegende Stelle, dann waren Pallas und Neubacher erst recht zufrieden.
Das konnte so nicht weitergehen. Die Neunte hatte zwei schwere Gefechte mitgemacht, ihrem berühmten Pferderaid verdankte die Achte ihre ganze Existenz – aber gesprengt hatte die Neunte noch nicht. Da mußte bald etwas geschehen – Pallas und Neubacher sprengten uns sonst noch die ganze Bahn weg, ehe wir mal hin kamen. So fiel uns allen ein Stein vom Herzen, als die erste Sprengpatrouille der Berittenen Neunten befohlen wurde.
Als Vorbereitung wurden einige Sprengungen in der Nähe des Lagers gemacht. Unteroffzier Horn, der zu Hause bei den Pionieren gedient hatte, wurde mit der Verteilung des Dynamits beauftragt. Da wir im Kriege alle großen Mangel an Papier litten und da, wo man sonst Papier nötig braucht, Gras und Blätter verwenden mußten, hob sich Horn das Papier, in dem das Dynamit eingewickelt gewesen war, sorgsam auf. Als die Kameraden Horn wiederfanden, stand er nackend vornübergebeugt unter einem Baum und ließ sich von seinen Boys einen Eimer voll kalten Quellwassers nach dem andern über seinen brennenden Hintern gießen. Seitdem sammelte niemand mehr Dynamitpapier.
Nunmehr wurde also eine ganz große Kampf- und Sprengpatrouille zur Magadbahn »in die Wege geleitet«, wie mein Kompanieführer gesagt haben würde. Die ganze Kompanie rückte diesmal aus in der nie zuvor und nie wieder erreichten Gefechtsstärke von sechsundfünfzig Gewehren. Der Etatsmäßige natürlich mit. Sechsundfünfzig Reiter, geteilt in drei Züge, begleitet von je zwei Packtieren, dem Offizierspacktier und dem Packtier mit der Sanitätslast, ritten wir stolz eines Morgens zum Lager hinaus. Jeder Reiter hatte für acht Tage Verpflegung an seinem Tier, und für weitere acht Tage Verpflegung war auf den Packtieren untergebracht. Vorne ritt die Hünengestalt unseres Kompanievaters auf dem Hotspur, einem südafrikanischen Zuchthengst, von der Größe, Stärke und dem Knochenbau, wie ihn die alten Ritter bei ihren Turnieren geritten haben mögen. Am Schluß der langen Kolonne ritt die Kompaniemutter auf Otto, dem schönsten, edelsten und feurigsten Pferde, das die Kompanie je besessen hat; der Hengst war damals dreieinhalb Jahr alt.
So als Schließender hinter der Kompanie durch das Pori zu reiten hat seine Schattenseiten, besonders wenn der Wind von vorne kommt und Reitaskari bei der Kompanie sind. Staub setzt sich in alle Poren und bildet allmählich, mit dem Schweiß gemischt, eine feste Kruste über der Haut. In den ersten beiden Stunden nach dem Ausrücken war ich außerdem voll damit beschäftigt, die Ausrüstungsstücke auflesen zu lassen, die die Askari und zuweilen selbst die Schützen verloren. Brotbeutel, Feldflaschen, Seitengewehre, Packtaschen, Woilachs, gelegentlich ein Askari mit seinem ganzen Sattel lagen in der Spur der Kompanie. Und dabei wollte mein Hengst in den ersten Marschtagen nach längerer Lagerruhe recht ungern hinter der Kompanie zurückbleiben.
Ich hatte bereits nach der Patrouille zu den Nyirisümpfen dafür plädiert, die Kompanie möge nach einem Ritt von einer halben Stunde prinzipiell eine kurze Marschpause zum Stallen, Nachsatteln und auch aus andern rein menschlichen Gründen einführen. Später wurde es auch so gehalten, aber unser gegenwärtiger Kompanieführer, der als früherer Torpedobootskommandant und auch als Mensch »Volldampf voraus« zu gehen gewohnt war, hatte keine Geduld für solche Schwächen und Marschverzögerungen. Das Resultat war, daß sich ständig einzelne Reiter weit hinter der Kompanie befanden, um nachzusatteln, verlorenes Gepäck fest oder sonst was zu machen. Mit den Geschäften fertig, bädelten sie dann, haste, was kannste, der Kompanie nach. Das Schrecklichste für den Schließenden aber war, daß die Askari nie den vorschriftsmäßigen Abstand zu reiten lernten. Für den, der hinter ihnen ritt, blieb der Marsch von Anfang bis zu Ende ein ewiges Aufjuckeln.
Außer in der Nähe und unter Sicherheit unseres eigenen Lagers ritten wir gewöhnlich in folgender Marschformation. Die Spitze war tagsüber im offenen Gelände fünfhundert Meter vor der Kompanie, nachts und im Busch natürlich sehr viel näher und mit der Kompanie durch Verbindungsreiter in Fühlung. Seitendeckungen ritten tags zwei- bis dreihundert Meter rechts und links der Kompanie; nachts und im Busch mußten wir diese einziehen, da wir sie sonst verloren hätten. Die Kompanie ritt, wie es das Gelände und die schmalen Wildwechsel, die benutzt wurden, bedingten, stets in Kolonne zu Einem mit einem Zwischenraum von fünfzig Metern zwischen den einzelnen Zügen. Innerhalb der Züge wurde, oder richtiger sollte der Abstand von drei Schritt von Tier zu Tier gehalten werden; nur wenn ein Feuerüberfall zu erwarten stand, wurde dieser Abstand auf zehn Schritt erweitert. Nachspitze, in ähnlichem Abstand von der Kolonne wie die Spitze, wurde dann gestellt, wenn wir den Feind in unserm Rücken wußten.
An diesem schönen Morgen ritten wir am Fuß des Telephonhügels vorbei durch den Fluß und folgten dann der Fahrstraße, die durch das Transportfahren zum Longido zu Anfang des Krieges entstanden war. Den Zuckerhutberg, unsern Ausguckberg, rechts liegen lassend, windet sich die Fahrstraße durch den Buschwald südlich vom Ngasserai, einem felsigen, kahlen Berg, auf dessen Spitze tags ebenfalls ein Ausguckposten unterhalten wurde. Am Rande des Buschwaldes wurde vom Fahrweg halbrechts abgebogen. Vor uns lag jetzt die weite Ngasseraibuga, baumlos, flach, mit kurzem Gras bewachsen, soweit dieses nicht schon ganz vertrocknet war. Sie lud geradezu ein zu einem fröhlichen Galopp. Jedesmal, wenn ich über diese Buga ritt, mußte ich an den Truppenübungsplatz Lockstedt denken; Feldartillerie im Regimentsverbande hätte dort fein üben können. Nach der großen Regenzeit steht diese Buga, die niedrigste Stelle der Steppe zwischen Kilimandscharo, Meru und Longido, einige Tage unter Wasser. Das ganze übrige Jahr durch ist es hier trocken, heiß und staubig – Schafland, wie es im Buche steht.
Nachdem wir die Buga durchquert hatten, nahm uns wellige, leichte Buschsteppe auf. In nordwestlicher Richtung den Marsch fortsetzend, ließen wir die Vorberge des Longido links liegen, um von Norden her in das Longidogebirge einzudringen, das sich in der Form eines langgestreckten Hufeisens nach dieser Seite der Steppe zu öffnet. Kurz vor dieser Öffnung, nachdem wir sieben Stunden ohne Halt geritten waren, sattelten wir gegen ein Uhr für zwei Stunden ab. Aber die Tiere waren viel zu müde und zu durstig, um gerade jetzt, in der heißesten Zeit des Tages, Appetit zu entwickeln. Den Menschen ging es ähnlich. Sie legten sich ins Gras und nahmen im spärlichen Schatten der Akazien ein Auge voll.
Das Longidogebirge war seit einigen Wochen vom Feinde wieder geräumt, nur Schleichpatrouillen der Engländer besuchten es regelmäßig. Zur Zeit unserer Patrouille unterhielt meine Kompanie dort einen ständigen Posten oben im alten Büchsellager. Oberleutnant Trappe war hier mit einigen Schützen und Askari auf Posten, und einen der letzteren hatte kürzlich eine englische Schleichpatrouille weggeschnappt.
Da! »Satteln! Weitermarsch! Marschordnung wie zuvor!« – Die von den Engländern angelegte Automobilstraße führte leicht ansteigend mitten in das Gebirge hinein bis zu einem Bach im Gebirgskessel, an dem die Engländer und Inder ihre Lager gehabt hatten. Wir ritten durch diese alten Lager durch und durften mit Stolz feststellen, daß unsere Grasarchitektur, die unter Karl Blaich aufgeblüht war, doch auf bedeutend höherer Stufe stand als die des Feindes. In welch elenden Hundehütten hatten die Feinde, besonders die Inder, hier gewohnt! Kein Wunder, daß nach der Regenzeit Epidemien bei ihnen ausbrachen, die sie zwangen, den Longido zu räumen.
Nachdem wir am Bach getränkt hatten, begann der Aufstieg zum Büchsellager, das oben im Gebirge, unterhalb der 2609 Meter hohen kahlen Gebirgsnadel, am Rande des Urwaldes lag. »Absitzen! Führen!« hieß das Kommando. Schwer, sehr schwer ist mir nach dem neunstündigen Ritt dieser Aufstieg geworden. Bei solchen Gelegenheiten fühlt man doch, daß Herz und Lungen alt werden. Aber nur nichts merken lassen! Sollte ich doch gerade durch das Beispiel des Alters dahin wirken, daß die jüngeren Leute Strapazen ohne Murren ertrugen.
Oben im Lager hatte Oberleutnant Trappe alles aufs beste für den Empfang der Kompanie vorbereiten lassen. Für Unterkunft war gesorgt, Stände zum Anbinden der Reittiere waren errichtet, und reichlich Reittierverpflegung war einige Tage früher vom Kompanielager herbeigeschafft worden. Morgen sollte Ruhetag sein. Nachdem Mensch und Tier untergebracht waren, servierte uns Oberleutnant Büchsels unübertrefflicher Koch Minjimvua aus den Packtaschen des Offizierspacktiers, mit dem und einigen Boys wir ihn vorausgeschickt hatten, ein kräftiges Abendessen. Welche ostafrikanische Whiskykriegsmarke damals die beliebteste war, ob Marke »Sarglack«, »Heldentod«, »Stacheldraht« oder »Blutsturz«, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls schwangen wir an jenem Abend noch einige Zeit den Becher, obwohl es eigentlich eine Sünde war, das herrliche Quellwasser des Longido mit den Erzeugnissen der jetzt blühenden ostafrikanischen Alkoholindustrie zu vermengen. Lange saßen wir nicht, denn wir waren alle hundemüde. Eine Graskitanda, die vorsorgende Hände gebaut, nahm mich auf. An Schlaflosigkeit habe ich im Kriege nie gelitten.
Am Vormittage des Ruhetages habe ich in einem nahen Felsenbassin in eiskaltem Gebirgswasser ein herrliches Bad genommen. Sonst habe ich den Tag geruht, das heißt, wie halt so ein Kompaniefeldwebel ruht; spät am Abend mußte noch ein Kreis hartnäckiger Zecher, der von dem herrlichen Quellwasser mit Schuß nicht wegfinden konnte und die Nachtruhe ernstlich zu stören drohte, auf diplomatischem Wege gesprengt werden, damit es mir erspart blieb, jemanden für das kürzlich ordnungsmäßig neu eingerichtete Strafbuch vorzumerken. Oberleutnant Meyer hatte es mir geschenkt. Es war ein Zehn-Heller-Büchlein mit himmelblauem Umschlage, auf dem sich in grellen Farben das Bild eines Engels und eines Lämmleins befand – Missionare mochten es ursprünglich für den Verkauf an eingeborene Christen importiert haben; ein anderes Notizbuch war im Norden der Kolonie nicht mehr aufzutreiben gewesen. Ich fand seine Symbolik für ein Kompaniestrafbuch sehr sinnig.
Am nächsten Morgen in aller Frühe stand die Kompanie fertig zum Weitermarsch. Nur Vizefeldwebel Dr. Sinning blieb mit wenigen Leuten zur Besetzung des Postens zurück. Die alte Postenmannschaft, zu der auch der Dichter Müller gehörte, ritt mit uns, da sie uns den Schleichweg führen sollte, den sie durch den Urwald und Busch zur Steppe hinunter durchgeschlagen hatten, um dem Posten im Falle eines Angriffs durch überlegenen Feind eine Rückzugsmöglichkeit zu sichern. Unser Kompanieführer wollte die Gangbarkeit dieses Abstieges prüfen und wohl gleichzeitig die Leistungsfähigkeit seiner Kompanie auf die Probe stellen.
Romantisch schön war der Weg, der sich im Dickicht und unter hohen Urwaldbäumen an der Seite einer tiefen, steilen Schlucht über schräge Felsplatten und in scharfen Windungen um Felsblöcke herum steil abschüssig hinwand. Ich kann mir denken, wie ein Dichter, der diesen Weg mit anlegte, im Naturgenuß geschwelgt haben wird, wenn er dort auf den Felsblöcken saß, seine Beine über dem jähen Abgrund baumeln ließ und mit verträumten Dichteraugen in die weite Steppe hinausschaute. Militärisch betrachtet, war der Abstieg aber saumäßig. Die Tiere schlidderten auf den glatten, schiefliegenden Felsplatten, als wenn sie auf Eis gingen. Sie stürzten und rissen die sie führenden Reiter mit um. Sie fielen in Felsspalten, blieben mit Sattel und Gepäck an Bäumen und Büschen hängen und brachen in der Mitte fast durch bei den scharfen Wendungen um die Felsblöcke. Der ganze Abstieg bestand eigentlich nur aus Marschstockungen, Rettungsarbeiten, wildem Fluchen und Schmerzensrufen. Um die etwas über tausend Meter in die Steppe hinunter zu gelangen, brauchte die Kompanie volle drei Stunden. Sie hätte noch viel länger gebraucht, wenn nicht glücklicherweise Unteroffizier Müller und der Schütze Schoenbohm, die uns führten, ihren eigenen Weg, ehe wir drei Viertel unten waren, verloren hätten, und wenn nicht der Kompanieführer einen Nashornwechsel gefunden hätte, auf dem wir sogar bequem reiten konnten. Die Tiere waren so erschöpft, daß wir unten am Ostwasser absatteln und zwei Stunden rasten mußten.
Dann ging es in nordnordwestlicher Richtung weiter, immer durch offene schöne Grassteppen. Unser heutiges Marschziel waren die südlichen Ausläufer der Matumbatuberge, wo der Gefreite Max Truppel, der jetzt führte, ein Wasser wußte aus der Zeit her, als er noch für Hagenbecks Tierpark die Tiere der Steppe einfing. Das Wasser war nach einem Buren, der an ihm mal gelagert hatte, das Naudéwasser genannt worden. Auf der Karte ist es nicht verzeichnet. Wer Deutsch-Ostafrika nur nach der Karte beurteilt, bekommt keinen rechten Begriff von seinem Reichtum an ständig fließenden Wassern.
Nach fünfstündigem Ritt durch erstklassiges Farmland, das immer besser wurde, je mehr wir uns den Matumbatubergen näherten, waren wir am Ziel. Das Naudéwasser, ein schwacher Bach, der in einem kleinen Tümpel endete, lag ein Stück von der Steppe zurück in einem Koongo. Hier wurde abgesattelt, abgekocht, und für die Nacht suchte sich jeder einen bequemen, geschützten Platz zum Schlafen; denn die Nächte waren kalt und feucht, und der Morgen brachte Tau. Unsere Messe baute sich mit Hilfe von einigen Askariordonnanzen aus sechs Zeltbahnen eine lange Röhre, die an dem einen Ende, da, wo der Kompanieführer liegen sollte, durch eine siebente Zeltbahn geschlossen wurde. In die Röhre wurde eine dicke Lage Gras gestopft, und wir krochen hinein nach Rang und Würden, jeder mit seinem Sattel und seiner ganzen Kriegsausrüstung. Neben dem Kompanieführer lag Oberleutnant Meyer, weil ihn kein Schnarchen störte. Sein Nachbar war Oberveterinär Dr. Huber, den uns das Kommando mitgegeben hatte, weil die Kompanie zur Zeit weder einen Arzt noch einen Sanitäter besaß. Ihm zunächst ruhte Oberleutnant Trappe, der, korrekt wie im Manöver, als einziger in der ganzen Kompanie auch auf Patrouillen einen weißen Kragen trug – freilich, sehr weiß war er schon nicht mehr. Ihm folgte Leutnant Freund, und am offenen Ende der Röhre lag ich, mit der Nase der frischen Luft zu. Mit dem Kopf auf dem Sattel schlief es sich famos so.
Mitten in der Nacht kam Bernhard Blaich, unser »Mariechen«, von der Feldwache und meldete dem Kompanieführer: »Der Feldwachenführer Vizewachtmeister Mittag läßt melden, ein Nashorn sei bei der Feldwache eingetroffen. Die Feldwache – geschossen sollte nicht werden – hat es mit Steinen beworfen. Das Nashorn kümmert sich aber nicht um die Klamotten und wandert jetzt gemütlich auf das Lager und die Reittiere zu.« Die Meldung war kaum gemacht, als im Lager auch schon der Ruf »Kifaru« erscholl und sämtliche Röhreninsassen mit ihren Gewehren in der Hand über mich wegkletterten. Ich blieb liegen und rief laut ins Lager hinaus: »Hinlegen! Nur die Wache darf schießen!« Ich ahnte, was kommen würde. Aus dem Schlaf aufgesprungene aufgeregte Menschen ballerten wild in die Dunkelheit hinein. In jedem größeren Felsstein, in jedem schwarzen Schatten sahen sie ein Nashorn. Es knallte und pfiff wie bei einem ganz leidlichen Gefecht, und nachher wollte es natürlich keiner gewesen sein. Glücklicherweise lief diesmal die Sache ohne Unheil ab, nicht einmal das Nashorn wurde beschädigt. Es mag durstig gewesen sein, aber, obgleich es wohl nie vorher einen Menschen gesehen haben mag, empfahl ihm doch sein Instinkt, sich schleunigst von da zu entfernen, wo so viele Knallteufel in die Luft spieen. –
»Spitze aufsitzen! Anreiten!« lautete das Kommando fünf Uhr dreißig am nächsten Morgen. Ich hörte es und sah noch gerade, wie der Spitzenführer, der Agrarier Mittag, dessen Rappstute Seta, noch aufgeregt von den Ereignissen der Nacht, einige wilde Sprünge machte und mit der ganzen Vorderhand in ein Erdferkelloch einbrach, samt seinem Tier kopfheister schoß. Das fing ja gut an! An der Westseite der südlichen Ausläufer der Matumbatuberge entlang reitend, passierten wir verschiedene aus diesem kommende Koongo. Als wir den zweiten Koongo durchritten, fiel Unteroffzier Müller wieder mal schwer auf. Als er die jenseitige steile Böschung des Koongo hinaufreiten mußte, vergaß der Dichter in ihm, die Beine fest anzuklemmen. Er verließ sich ganz auf Sattel und Steigbügel, und das hat in solchen Situationen seine Bedenken.
Es war unterwegs nicht nachgesattelt worden – wir wissen ja, immer: Volldampf voraus! – und ein Maultier in einemmal gründlich zu satteln, will studiert sein. Wie sich ein Maultier beim Satteln aufblasen kann, weiß jeder, der mal ein Maultier gesattelt hat. Beizukommen ist ihm nur mit List. Du stellst dich unter Knurren und Geschimpfe so an, als ob durch das Satteln deine ganze Kraft erschöpft sei. Das Maultier wird dich schadenfroh dabei angucken und seine Ohren zurücklegen. Dann mache dir mit allem möglichen zu schaffen, nur nicht mit dem Maultier und dem Sattelgurt. Das Maultier darfst du währenddessen beileibe nicht ansehen; denn es beobachtet dich scharf und mißtrauisch. Während du nun in aller Unschuld dir mit der linken Hand die Feldflasche umhängst, fährt deine Rechte wie ein Blitz unter die Sattelklappe an die Sattelgurtstrappe und zieht den Gurt zwei oder drei Löcher an. Darauf, daß das Maultier dich dabei aus Wut in den Hintern beißt und dir gleichzeitig einen Tritt vor den Magen zu geben versucht, mußt du gefaßt sein und durch aalartiges Winden deines Körpers beiden Möglichkeiten gleichzeitig auszuweichen wissen. Gelingt es dir, dem Maultier dann noch einmal mit List beizukommen, dann darfst du rechnen, daß der Sattel sitzen wird. Du wirst selbstredend deine Taktik ständig ändern müssen. Die Posse mit der Feldflasche darfst du höchstens zweimal spielen, dann hat das Maultier dich durchschaut und bläht sich auf, sobald du die Feldflasche nur berührst.
Natürlich bedingt diese Art des Sattelns, daß man rechtzeitig damit anfängt und sich mit Ausdauer und Anspannung aller Geisteskräfte der Sache widmet. Man darf z. B. nicht gleichzeitig dichten wollen. Die Askari haben es nie und manche Europäer auch nur soso gelernt. Als Müller die steile Böschung nahm, fiel es seinem Maultier ein, daß es sich beim Satteln tüchtig aufgeblasen habe, daß Müller ein Dichter sei und daß der Sattelgurt jetzt eine gute Handbreite lose unter dem Bauch hängen müsse. Daß der Dichter vergessen werde, die Schenkel einzuklemmen, vermutete das Maultier. ~Ergo~, dachte es, lassen wir den Sattel samt dem Reiter jetzt im geeigneten Moment mal sanft nach hinten abgleiten. Es sah drollig aus, wie Müller, mit den Händen in die leere Luft greifend, über den Rücken seines Tieres zurückrutschte, durch ein Gebüsch schoß und unten im Koongo verschwand – zustoßen konnte ihm nichts, denn im Koongo lag tiefer Sand, der ihn weich aufnahm. Ich bin nicht herzlos, aber eine gewisse Schadenfreude konnte ich mir doch nicht verkneifen. Daß der Unteroffzier mal für seine Sünden büßen mußte, darüber freue ich mich noch heute. Schade war nur, daß der Dichter mitleiden mußte.
Immer noch ritten wir Stunde für Stunde durch das herrlichste Farmland, und nach vierstündigem Ritt kamen wir wieder an ein fließendes Wasser. Diesmal war es ein starker Bach, und unsere Spitze meldete, daß noch zwei weitere starke Bäche ganz in der Nähe flössen. Wie diese Wasser heißen, weiß ich nicht – wir nannten sie die Wasser des falschen Narok; denn der wahre Narok, ein Berg, der auf seiner Spitze noch einen Rest von Urwald und Bambushainen trägt, liegt in der Steppe etwas südwestlich von dieser Stelle.
Wir saßen ab, tränkten und ließen die Tiere zwei Stunden grasen. Direkt vor uns, in unserer Marschrichtung, stieg das Matumbatugebirge jäh auf. Haushohe Felsblöcke waren von ihm abgebröckelt und bis weit in die Steppe gerollt. Dort stehen sie nun ewig als Wächter eines Farmparadieses. Donnerwetter, was war das hier für ein Farmland! In dem Gebirgskessel, in den wir dann einschwenkten, kitzelte das Weidegras den Tieren den Bauch. In Südafrika und Australien würde es einen »~rush~« [Ansturm] geben nach einer solchen Stelle.
Einen Weg geradeaus über das Gebirge wird es auch geben, dafür werden Nashörner und Massai gesorgt haben. Wir kannten ihn nicht und konnten uns nicht damit aufhalten, ihn zu suchen. Wir wanden uns, den Berghang zu unserer Linken schräg anreitend, auf einem alten Massaiviehtriebwege langsam zum Kamm hinauf. Als wir über den Bergrücken hinwegsehen konnten, breitete sich vor uns ein Bergkessel aus, der vier oder fünf Kilometer im Durchmesser haben mochte. Wir bogen vom Massaiwege ab, saßen ab und führten, uns im Geröll einen Weg suchend, durch einen leichten Akazienbusch in den Bergkessel hinunter. Hier fanden wir wieder ein Gebirgswasser, das wir nach den an ihm wachsenden Eleleschosträuchern das Eleleschowasser benannten. C. G. Schillings hat ein Buch »Im Zauber des Elelescho« geschrieben. Ich habe den Eleleschostrauch immer nur in Hochsteppen über 1500 Meter gefunden. Es ist ein Strauch, dessen wollige, auf der unteren Seite fast weiße, aromatische Blätter im Mondscheine wie Silber leuchten. Wir prosaischen Kriegsknechte stopften die zartesten Zweige des Eleleschostrauches in unsere Schlafröhre als Unterbett. Sein Zauber hatte die Wirkung, daß wir in dieser Nacht weder durch Nashorn noch Löwe gestört wurden.