Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 6

Chapter 63,410 wordsPublic domain

Der Gesamtplan unserer verschiedenen Kriegslager war mit jeder neuen Lageranlage zweckentsprechender geworden. Das erste Lager, unten in der Niederung zu beiden Seiten des Engare Nairobi, war ein wildes Durcheinander von Hütten, Ställen und Küchen gewesen, so daß selbst seine Bewohner im Dunkeln nur mit Mühe ihr Quartier oder ihr Pferd finden konnten; als ich einmal vom Posten Olmolog aus auf einige Stunden zu Besuch dort war, mußte ich mir einen ortskundigen Führer nehmen. Es war jedem Krieger erlaubt worden, seine Hütte mit Hilfe seiner Boys da zu bauen, wo es ihm gefiel. So glich das Ganze mehr einem Chinesenviertel, und bald war das Lager von Malaria und Typhus durchseucht. Auch im Lagerbau fehlte es zu Anfang des Krieges eben an Erfahrung und Organisation.

Unser zweites Lager, das ich eben beschreibe, war namentlich aus Gesundheitsrücksichten auf den »Doppelberg«, der wohl hundert Meter aus der Steppe herausragte, verlegt worden. Seiner Anlage kam schon das Organisationstalent von Oberleutnant Büchsel zustatten.

Geradezu eine Musteranlage aber war unser letztes großes Kriegslager am Engare Olmotonje auf einer Anhöhe am Urwaldrande des Meru, in der Nähe von Aruscha. Später, als die große feindliche Offensive begonnen hatte, kamen wir nur noch zweimal dazu, den schwachen Versuch zu einem Lagerbau zu machen, über wenige Hütten kam es aber nie mehr hinaus.

Dieses Lager bei Aruscha wurde in der Form eines großen Rechteckes angelegt, dessen eine Kurzseite als Lagerzugang offen blieb. In der Mitte des Rechtecks lagen in einer schnurgeraden Linie Stall neben Stall. Diesen parallel, auf der einen Langseite des Rechtecks, standen zwei Reihen hübscher Soldatenwohnungen, die so belegt waren, daß die zu einem Zug gehörige Mannschaft stets in der Nähe ihres Stalles wohnte. Hinter den Soldatenwohnungen, etwas in den Busch hineingedrückt, lagen die Hütten der Boys und die Küchen. Noch mehr in den Busch hinein waren die Latrinen ausgehoben, getrennt für Europäer, Askari und Troß.

Nach den ersten bösen Erfahrungen waren die Latrinen stets die ersten Baulichkeiten, die angelegt wurden. Sie mußten fertig sein, ehe eine Hand zum Lagerbau erhoben werden durfte. Dafür sorgte mit unerbittlicher Strenge unser Sanitätsfeldwebel Stein. Auch wenn wir auf unsern späteren Wanderungen kein Lager mehr bauten, sondern nur infolge eines Haltbefehls die Möglichkeit entstand, daß die Kompanie an dieser Stelle einen Tag liegenbleiben könnte, wurden Latrinen ausgehoben.

Zwischen den Ställen und der andern Langseite, an der die Offizierswohnungen, ebenfalls mit den Küchen dahinter, lagen, war eine breite Lagergasse, auf der die ganze Kompanie bequem mit ihren Tieren antreten konnte. Die zweite Kurzseite des Lagers wurde in der Mitte durch mein Feldwebelbüro geschlossen. Links davon befand sich das Magazin und rechts die Kasse, Kammer und Handwerkerstube. Nahe außerhalb des Lagers lagen lange niedrige Hütten für die Wapagazi, ferner die Viehhöfe, der Schlachthof und zwei Reitbahnen – sagte ich zuviel: »eine Musteranlage«?

Die Kasse, die zugleich unsere Bankstelle war, verwaltete mit vieler Umsicht der Agrarier und Vizewachtmeister Mittag. Bei ihm hoben wir unser Verpflegungsgeld, Kleidergeld und Löhnung bzw. Gehalt ab, und da wir mit letzteren nicht recht was anzufangen wußten, der Staat das Geld aber recht gut brauchen konnte, zahlten die meisten ihre Löhnung gleich wieder als Kriegsdepot ein. Der Gefreite Storch, der – weiß Gott, warum – immer nicht mit seiner Löhnung auskam, erschien unerwartet auch mal an der Kasse, um ein Kriegsdepot zu eröffnen. »Mensch«, sagte der Kassenführer, »es freut mich doch, daß Sie endlich auch vernünftig werden.« – »Ja«, antwortete Storch, »da alle Kameraden ein Depot haben, will ich die Sache doch auch mitmachen. Ich habe mir dazu von einigen guten Freunden hundert Rupien zusammengepumpt. Hier sind sie!«

Alle unsere Gebäude – mit einziger Ausnahme der Dächer der Ställe, die, wie es sich für einen guten Reitersmann schickt, den Vorzug vor seiner eigenen Behausung hatten und mit Wellblech belegt waren – bestanden, wie wir gesehen haben, ausschließlich aus Naturholz und Gras, zusammengehalten durch selbstgewonnenen Baumbast. Kein Eisennagel oder Stahlstift war im ganzen Gebäude verwendet, nichts, woran ein Fabrikant oder Kaufmann auch nur einen Heller hätte verdienen können. Wir waren ganz zum primitiven Naturzustand zurückgekehrt. Und doch, wie wohnlich konnte solch ein Kriegslager sein, wie heimisch konnte man sich in ihm fühlen!

In ihm konzentrierte sich alles, was das Leben noch an Annehmlichkeiten bot. Die Sehnsucht zum Lager ließ den Rückmarsch von einer Fernpatrouille stets bedeutend länger erscheinen als den Ausmarsch, obwohl die Tiere, alle Müdigkeit vergessend, auch mit aller Macht dem Lager zustrebten. Im Lager harrten des dreckigen Patrouillenreiters die freundlichen Gesichter der Freunde und Kameraden, froh, daß er diesmal noch nicht geschnappt war. Es harrten seiner die neuesten Kriegsnachrichten. Es harrten seiner die Boys mit dem fertigen Bade, der reinen Wäsche und einem guten Schlag Essen. Es harrte seiner die Ruhe des Körpers und der Nerven – d. h. wenn er nicht zufällig Kompaniefeldwebel war.

Das Lager war die Heimat, die einzige Heimat, die wir noch hatten. Von der fernen Heimat, von den Lieben zu Hause waren und blieben wir seit Kriegsausbruch dauernd abgeschnitten. Kein Brief erreichte sie oder uns. Nach zweieinhalb Jahren, als ich bereits sechs Monate in Gefangenschaft war, bekam ich den ersten Brief aus der Heimat. Mit Zagen habe ich ihn geöffnet. Wie viele meiner Verwandten und Freunde schlummerten schon längst im Heldengrab! Ja, den Gedanken an die ferne Heimat durfte der ostafrikanische Krieger nicht aufkommen lassen – seine Heimat war das Lager, die Kompanie und die Herzen seiner Kameraden. –

Unteroffzier Karl Blaich hatte also seine Wapagazi angestellt und ging zum Frühstück. Es war 6 Uhr 15 geworden, gerade noch Zeit für mich, um vor Beginn des Stalldienstes und meiner Bürostunden ebenfalls behaglich zu frühstücken. Das Fenster meiner Hütte, an dem ich das zu tun pflegte, lag nach Osten mit der Aussicht auf den Kilimandscharo und die diesem vorgelagerte Shirakette, bewaldete Höhen, deren Urwald in die Steppe hinein bis auf etwa acht Kilometer an unser Lager heranreichte. Durch die Shirakette hat sich der Engare Nairobi Bahn gebrochen, im großen Bogen windet er sich durch die Steppe, im ganzen Laufe durch hohe Bäume und Baumgruppen an seinen Ufern kenntlich; er fließt nahe am Fuße des Doppelberges vorbei, um dann, zwei Kilometer weiterhin in der Steppe, in einen Sumpf zu enden. Es war ein herrliches, immer wieder erhebendes Schauspiel, die Sonne über den Schneegefilden des Kibo, der sich mir hier als Halbkugel zeigte, aufgehen und allmählich die Nebel und Schatten vertreiben zu sehen, bis endlich Urwald und Steppe in voller Sonnenpracht leuchteten.

Die Sonne geht in der südlichen Breite des Kilimandscharo das ganze Jahr über ungefähr um sechs Uhr morgens auf und um sechs Uhr abends unter.

Meine Frühstückspause im Genuß der schönen Aussicht war die einzige Zeit des Tages, die mir einigermaßen allein gehörte und mir ganz allein gehört hätte, wenn das Telephon nicht gewesen wäre. Einmal mindestens an jedem Morgen wurde sie durch die Telephonordonnanz unterbrochen mit den Worten: »Bana Feldwebel, sim imekuja« [das Telephon ist angekommen], und wenn es nur der erste Tagesanruf vom Kommando in Moschi war, der feststellen sollte, ob über Nacht die Giraffen nicht wieder mit dem Telephondraht abgegangen seien oder ob ein Zebra, sich an einem Telephonpfahl scheuernd, diesen umgeworfen habe. Aufregende Meldungen gab es zwischen sechs und sieben Uhr morgens, wo die meisten Herrn mit dem höheren Gehalt noch ruhten, in dieser Kriegsperiode kaum.

Ich höre den Unteroffizier vom Dienst durch das Lager zum Stalldienst rufen, und schnell statte ich noch meinem Halbblutpferdehengst Otto, der dem Herrn Feldwebel an Stelle des Maultiers Alphons zugeteilt worden war, einen Besuch ab; denn Punkt sieben Uhr durfte ich meinen Kompanieführer bereits im Büro erwarten. Die Tierpflege spielte sich in jener Übergangsperiode von einer berittenen bewaffneten Farmerschar zu einer Kompanie in der Weise ab, daß zwar jeder Schütze für die Pflege seines Reittieres verantwortlich war und zum Stalldienst erscheinen mußte, aber die eigentliche Arbeit seinem schwarzen Boy überlassen konnte. Jedem Schützen standen zwei von ihm selbst bezahlte und von der Truppe verpflegte schwarze Diener zu.

Unsere Schützen erschienen also zum Stalldienste. Die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife oder Zigarette im Munde, lebhaft oder noch schläfrig miteinander plaudernd, standen sie bei ihren Tieren und sahen zu, wie diese von ihren Boys gefüttert, aufgestallt, geputzt und gestriegelt wurden. Ein Tierpfleger von Natur, wie ich ihn z. B. in dem Basutokaffer in Südafrika kennenlernte, ist der ostafrikanische Neger nicht. Er hat keine Sympathie mit dem Reittiere. Woher sollte er sie auch haben? Keiner der ostafrikanischen Negerstämme hat je Reittiere gehabt außer vielleicht einigen störrischen Eseln, die ihnen aber nicht zum Reiten, sondern zum Lastentragen dienen. Der Negertierpfleger war nur ein Notbehelf, aber, wie es uns schien, ein unvermeidlicher. Denn die wenigen Leute der Kompanie, auf denen der ganze Aufklärungsdienst ruhte und die infolgedessen viel häufiger an die Reihe kamen, Patrouillen zu reiten, als es bei einer größeren Kavallerietruppe der Fall gewesen wäre, sollten doch während der wenigen Tage im Lager möglichst Ruhe haben, um sich körperlich und geistig aufzufrischen. Lassen wir sie darum die Stunde des Stalldienstes, morgens und abends, unter Lachen und Scherzen die letzten Patrouillenerlebnisse, die neuesten europäischen und afrikanischen Kriegsnachrichten erörtern und Lagerwitze austauschen. –

Ich mußte nun zurück in das Büro, allwo Unteroffizier Horn dem Kompanieführer bereits die eingelaufenen Postsachen vorlegte. In den ersten Wochen als Kompaniefeldwebel bin ich nun den ganzen lieben langen schönen Tag nicht mehr aus dem Büro herausgekommen, außer wenn ich die Kompanie zum Dienstempfang antreten ließ oder, zum Abteilungsführer Hauptmann Fischer befohlen, nach dem Telephonhügel hinüber ritt, um mir einen wohlverdienten Anpfiff abzuholen, der für das Telephon zu kompliziert war. Eine Tasse Kaffee bekam ich dann hinterher zur Beruhigung. Ich hätte nie für möglich gehalten, daß ein gereifter Mann noch soviel Bockmist anstellen könnte, bis er den täglichen Stärkenachweis so abzufassen versteht, wie der Abteilungsführer es haben will. Und ich hatte mal geglaubt, die ganze Kunst, Feldwebel zu spielen, bestände darin, wichtig auszusehen, gelegentlich Urlaub zu befürworten und sich dafür zu Weihnachten ein Piano schenken zu lassen!

Arbeit gab es im Büro, daß einem bange davor werden konnte. Außer einem Haufen unsortierter Akten und Schriftstücke, unfertiger Stammrollen der Mannschaften und einer angefangenen, aber nicht fortgeführten Stammrolle der Reittiere fand sich nichts im Büro vor. Mit Macht stürzte sich der neue Kompanieführer über dieses Chaos her, und mit der seinen Jahren zuständigen Ruhe folgte ihm der neue Feldwebel bedächtig nach. So ergänzten sich Oberleutnant Büchsels Arbeitswut und meine Ruhe ganz glücklich. Besondere Schwierigkeit machte die Stammrolle der Tiere. Es kamen von ihren früheren Besitzern Gesuche um Ausstellung von Requisitionsscheinen über Reittiere, die schon längst im Gefecht gefallen waren und die weder mein Chef noch ich je gekannt hatten. Dann entstand eine wilde Korrespondenz. Wer hat das Tier requiriert? Welcher Preis war vereinbart? Wer weiß, wo und wann das Tier geblieben ist? und so weiter, bis wir uns zu jemandem durchgefragt hatten, der die nötigen Angaben machen konnte. Nachdem der ganze Aktenstapel durchgeackert war, wurden sie in verschiedene Mappen klassifiziert. Es wurde ferner ein Korrespondenzjournal, es wurde eine Vorlage- und eine Wiedervorlagemappe eingerichtet. Es wurde ein Befehlsbuch geschaffen, in dem täglich die Kommando-, Abteilungs- und Kompaniebefehle eingetragen wurden. Zur Ergänzung des letzteren führte ich noch ein Dienstbuch, aus dem ich übersichtlich entnehmen konnte, wer für Wache, Patrouille, Vorposten, Arbeitsdienst oder Unteroffizier vom Dienst an der Reihe und zu kommandieren war.

In alle diese Arbeiten bimmelte Sim den ganzen Tag munter hinein, war doch der Apparat in meinem Büro vorläufig der einzige am Doppelberg. Die 21. Askarikompanie, die auf dem Kamme des Berges lag, und unser jüngeres Konkurrenzunternehmen, die »Fliegenden Hunde«, die jenseits der Einklüftung hausten, von der der Berg seinen Namen hatte, besaßen keine Telephonanlage. Das war zwar unter dem Gesichtspunkte der Anciennität sehr richtig, aber insofern doch unbequem, als nun ihre Telephonordonnanzen den ganzen Tag vor meinem Büro herumlungerten und es in diesem ein ewiges Gerenne und Gehaste von Telephonbesuchern gab – bis Karl Blaich ein Einsehen hatte, eine besondere Telephonbude vor meinem Büro baute und den ganzen Laden dort hineinsteckte. Übrigens mußten alle eingehenden und ausgehenden Telephongespräche, die meine Kompanie angingen, natürlich auch gebucht werden. Also schon wieder ein Buch mehr.

Die allergrößte Aufgabe des Kompaniebüros, um deren Lösung sich der geniale Unteroffizier Rimpler als Nachfolger des Unteroffziers Horn sehr verdient machte, war die Ausarbeitung eines Inventarienkontos. Es hat viele Monate gekostet, es fertigzustellen. Alles Inventar der Kompanie mußte doch verbucht sein! Vorläufig wußte aber kein Mensch, was Kompanie- und was Privateigentum der Schützen war. Viele der Farmer hatten sich zwar über die von ihnen in den Krieg mitgebrachten Reittiere, Waffen, Zelte und sonstige Ausrüstungsstücke nachträglich von irgendwem einen Requisitionsschein ausstellen lassen, aber diese Scheine erschienen doch nicht rechtsgültig, da auf ihnen der Einnahmevermerk der Kompanie und der Hinweis auf Seite und Nummer des Inventarienkontos fehlten, und überhaupt mußten doch erst einmal all diese Transaktionen zusammenhängend und übersichtlich verbucht werden. Man glaubt gar nicht, wieviel Schreibarbeit im Kriege unerläßlich notwendig ist!

Bei der Inventaraufnahme stellte sich aber auch heraus, daß immer noch eine Menge militärischer Ausrüstungsstücke Eigentum der Schützen waren. Das führte zu bedenklichen Komplikationen. Wenn z. B. bei einer Sattelrevision festgestellt wurde, daß dieser oder jener Sattel das Tier drücke und deshalb umzutauschen sei, dann kam der Einwurf: »Herr Wachtmeister, der Sattel ist mein Privateigentum.« Der Farmer hatte Sattel und Tier mit in den Krieg gebracht, das Tier aber, das zu dem Sattel gepaßt hatte, war tot. Was war da zu tun? Wir konnten doch nicht dem Eigentumssattel zuliebe ein zu diesem passendes Tier suchen! Andererseits litt die Kompanie derartig Mangel an brauchbaren Sätteln und Ausrüstungsstücken überhaupt, daß sie die Privatstücke der Mannschaft gar nicht entbehren konnte. Die Lösung dieses Dilemmas geschah nun auf die Weise, daß ich in das Befehlsbuch den neuen Kompaniebefehl einzutragen hatte: »Eigentümer müssen ihre Ausrüstungsstücke an die Kompanie verkaufen.« Und dann gab es wieder neue Inventarstücke zu buchen. –

Während der Kompanieführer, Rimpler und ich im Büro schufteten und ich unter freundlicher Mitwirkung von Sim zum erstenmal in meinem Leben merkte, daß der Mensch seine Nerven fühlen kann, ritten die glücklicheren Kameraden lustige Patrouillen, aalten sich im Lager und schimpften auf die Verpflegung. Letzteres war unzeitgemäß, denn die Kompanie fing eben schon an, neben der Verpflegung, die die Etappe lieferte, auf eigene Rechnung Vorräte einzukaufen und an die Mannschaften zum Einkaufspreise weiterzugeben.

Bisher hatte das Kompaniemagazin nur die Aufgabe gehabt, die von der Etappe gelieferte Verpflegung an die Farbigen weiterzuverteilen und an die Europäer ~a conto~ ihres Verpflegungsgeldanspruches von monatlich neunzig Rupien weiterzugeben. Jeder Europäer hatte nehmen müssen, was die Etappe zufällig schickte; er mußte Tabak nehmen und dafür zahlen, ob er Raucher war oder nicht, er mußte Ölsardinen kaufen, und wenn ihm übel davon wurde. Das wurde jetzt anders. Der Schütze Bruno Muhl, ein Kaufmann aus Aruscha, wurde Magazinverwalter und kaufte nun ein: von unsern eigenen, peinlichst geheimgehaltenen Bezugsquellen in der Landschaft Speck, Wurst, Butter, Eier, Käse, Gemüse, Obst, und in den Küstenstädten Tabak, Zigarren, Zigaretten, Zucker, Schokolade und vor allem Alkohol, der, in Amani entdeckt, jetzt von vielen unternehmenden Leuten, meistens Griechen, in allen möglichen zweifelhaften Qualitäten, aber in unzweifelhaft großen Quantitäten hergestellt wurde. Das alles verkaufte Muhl in seinem Laden an Offiziere und Mannschaft zum Selbstkostenpreis weiter, jedem, was er haben wollte, und legte am Zahltage prompt seine Monatsrechnung vor.

Angespornt durch den Beifall, den dieses erste eigene Handelsunternehmen der Kompanie allgemein fand, befaßte sich die Kompanie dann auch mit dem Ankauf größerer Posten von Unterzeug, Hemden, Strümpfen, Handtüchern usw., lauter Sachen, deren Mangel um diese Zeit schon bedenklich fühlbar zu werden anfing. Der Soldat erhielt monatlich fünfundzwanzig Rupien Bekleidungsgeld, war also kaufkräftig.

Mit hartnäckiger Ausdauer erließ ferner unser neuer Chef eine Bedarfsanzeige nach der andern an das Etappenkommando für Ausrüstungsstücke. Da ging es mit einem Male, und nach und nach konnten die alten vorsintflutlichen Sättel und verschiedenkalibrigen Jagdgewehre abgestoßen werden. Ganz gleichmäßig mit dem Karabiner 98 konnte unsere Kompanie freilich erst ausgerüstet werden, nachdem die Ladung des vor Tanga im April 1915 durch die Engländer versenkten Blockadebrechers doch noch geborgen worden war.

Zu jener Zeit wurde auch in Afrika mit aller Kraft an der Heeresvermehrung gearbeitet. So wurde auch alles, was an Pferden und Maultieren im Innern der Kolonie noch aufgebracht werden konnte, aufgekauft, und jede der beiden Berittenen Kompanien erhielt etwa zwanzig neue Reittiere. Aber die dazu gehörenden europäischen Reiter konnte uns das Kommando wegen der allgemeinen Heeresvermehrung nicht mehr abgeben, nur noch Askari, die im ganzen Lande in vielen Rekrutendepots immer neu ausgebildet wurden.

In meiner Kompanie erhielt der Sergeant, spätere Vizewachtmeister Schmid, vor dem Kriege Polizeiwachtmeister im Aruschabezirk, der 1917 den Heldentod fand, den schwierigen Auftrag, die Negersoldaten im Reiten auszubilden. Schmid war bei der Feldartillerie Futtermeister und Reitlehrer gewesen und hatte jahrelang Rekruten ausgebildet – wenn also einer der Aufgabe gewachsen war, so war er es. Trotzdem war das Resultat wenig befriedigend. Unter den uns zugeteilten Askari waren einige Somali, Leute, die vielleicht selbst nie geritten hatten, aber deren Stamm in Englisch-Somaliland doch Reittiere besitzt; diese ließen sich leidlich an. Die andern Askari aber, die aus Deutsch-Ostafrika stammten, haben das Reiten nie gelernt, wenigstens nicht in den sechzehn Monaten, in denen ich sie beobachten konnte. Sie lernten auf den Tieren zu hängen, Schritt, Trab und, wenn das Gelände sehr gut war, auch Galopp zu reiten, ohne abzufallen, aber auch dabei war nicht der Wille des Reiters, sondern der des Tieres der maßgebende Faktor. Der Neger Deutsch-Ostafrikas ist einmal nicht im Einklange mit dem Reittier, er kennt es nicht.

Mit den Reittieren waren Sättel angekommen – leichte, elegante Sättel, wie sie sich nur der feine Stadtherr, der täglich eine Stunde spazierenreitet, andrehen lassen kann. Das Bedenklichste an ihnen war die Steigbügeleisenweite. Als die Askari zum erstenmal beritten gemacht wurden, konnten die meisten ihre breiten Negerfüße – Stiefelnummer 13! – nur seitwärts in die Steigbügel hineinschieben. Auf das Kommando »Absitzen« saßen viele in den Bügeln fest. Einer saß so fest, daß er überhaupt nicht mehr los kam, obwohl Sergeant Schmid es mit einem Hammer versuchte. Der unglückliche Askari glaubte bereits, zeitlebens auf dem Rücken des ihm höchst unsympathischen Reittieres verbleiben zu müssen, bis ich die Situation löste und den Askari mitsamt seinem Sattel vom Rücken des bockenden Maultieres abstreifen ließ. Dann wurde er hingelegt und befreite sich vom Sattel, indem er die Stiefel auszog; letztere mußten dann aus den Steigbügeleisen herausgemeißelt werden. Es dauerte lange, bis wir Steigbügeleisen auftrieben, die zu den Askarifüßen einigermaßen paßten.

Etwa gleichzeitig mit den Askari erhielten wir auch zwei neue Offiziere. Oberleutnant Meyer, ein aktiver Schutztruppenoffizier, ein baumlanger Hannoveraner vom Siebenmeyerhof, mit dessen Onkel ich in meiner Jugend in Verden acht Wochen geübt hatte, wurde von der 9. Feldkompanie zu uns versetzt und erhielt den zweiten Zug, zu dem auch die Reitaskari gehörten. Kurz zuvor war Oberleutnant Trappe, ein Viehfarmer des Nordbezirkes, zur Kompanie gekommen; er führte den dritten Zug.

So waren wir nun zu größeren Taten gerüstet.

Die Kavalleriebrigade und die Zebraspuren

Unser neuer Kompanieführer hatte außer einer enormen Arbeitswut einen nie rastenden Unternehmungsgeist mitgebracht. Es mußte immer etwas im Gange oder doch zum mindesten in Vorbereitung sein. Unter seiner Führung kam die Zeit der Kompaniepatrouillen, wirklicher Kampfpatrouillen. Die erste, die ich mitritt, ging zu den Nyirisümpfen, ostsüdöstlich vom Amboselisee; an ihr nahmen sogar die beiden Berittenen Schützenkompanien teil. Eine Schleichpatrouille der »Fliegenden Hunde« wollte dort Feind, oder wenigstens Spuren vom Feind gesehen haben. Da die feindlichen Patrouillen letzthin stets hundertzwanzig bis hundertsechzig Mann stark gewesen waren, sollte auch unsererseits diesmal in größerer Stärke ausgerückt werden.

Hauptmann v. Boemcken führte diesmal die ganze Ostafrikanische Kavallerie»brigade«. Es ging über Gehöft Olmolog hinunter zum Brakwasser und über die Grenze hinüber zum Kitiruawasser, in dessen Nähe wir die zweite Nacht in einem Gebüsch lagerten. Da der böse Feind ganz in der Nähe sein sollte, durften wir weder Feuer anmachen noch laut sprechen. Es schwärmte dort von Moskitos und stank bestialisch nach Nashorn und Löwen. Zum Schutz gegen letztere hatten wir unsere Reittiere in der Mitte festgemacht und uns im Kreise um sie herumgelegt, zum Teil so nahe, daß die Tiere auf die Schläfer äppelten.

Ich hatte einige Stunden lang schlaftrunken Moskiten abgewedelt, da schrie ein Maultier in Todesängsten, daß alle erschrocken auffuhren. Ein Löwe hatte sich durch unsere Postenkette durchgeschlichen, war über die schlafenden Schützen hinweg einem jungen fetten Maultier auf den Rücken gesprungen und eben dabei, diesem den Halswirbel durchzubeißen. Mit dem Bajonett wurde er vertrieben. Die Aufregung hatte sich noch nicht gänzlich gelegt und einzelne Schützen sahen noch ständig Raubtieraugen im Dunkeln durch das Gras funkeln, als derselbe Löwe nochmals unter die Reittiere sprang. Die wegen der mutmaßlichen Nähe des Feindes befohlene Ruhe war durch diese Löwenüberfälle und deren Abwehr nun doch mal illusorisch geworden – sollten Mensch und Tier in dieser Löwengrube zu einigen Stunden Schlaf kommen, dann mußten Feuer angezündet werden. War Feind in der Nähe, so hatte er den Lärm nun doch längst gehört.