Wir ritten für Deutsch-Ostafrika
Part 2
Unsere Askari im Bajonettangriff, das ist so ’ne Sache. Was vom Feinde noch laufen konnte, lief. Von den 86 Feinden sind nur 14 unverwundet aus dem Gefecht herausgekommen, und die englischen Buren in Britisch-Ostafrika wollten seitdem vom Kriege an der Front nie wieder recht was wissen. Der Feind ließ außer vielen toten auch 26 lebendige Reittiere mit guten Ausrüstungen auf dem Gefechtsfelde zurück und trug dadurch zur besseren Berittenmachung und Equipierung unserer Abteilung bei.
Aber auch bei uns waren die Verluste sehr schwer. Kossel, der lustige junge Mecklenburger, der Unternehmer Rotbletz, der Lehrer Breitkreuz sowie die Farmer Hartmann und Grötzinger hatten ihr junges Leben hier lassen müssen, 6 andere waren, zum Teil schwer, verwundet. Bei 40 berittenen Europäern: Verlustziffer also 25 Prozent. Auch die Feldkompanie hatte schwer gelitten. Der Liebling aller, Leutnant Walde, war am Maschinengewehr gefallen, der tapfere Hauptmann Tafel schwer verwundet; auch Feldwebel Nickel und der Unteroffizier Mieth waren verwundet. 12 Askari waren tot und 18 verwundet. Auch viele Träger waren tot, verwundet oder ausgerissen. An die Verfolgung des Feindes konnte nicht gedacht werden.
Die Feuertaufe war bestanden. Der Todesengel hatte gewürgt, und schwer, bleischwer lastete plötzlich der ganze Ernst des Krieges auf den Gemütern der sonst so fröhlichen Gesellen. Es dauerte Tage, ehe sie dieser Beklemmung ganz Herr wurden.
Das Longidogebirge wurde von der 10. Feldkompanie und der berittenen Abteilung Geraragua besetzt gehalten. Das Kommando führte zuerst Hauptmann Richter, dann Hauptmann Kraut, mit dem auch noch die 11. und 21. Feldkompanie dort eintrafen.
Der Geburtstag der Berittenen 9. Schützenkompanie
Nunmehr habe ich von einem auch für die Leser wichtigen kriegsgeschichtlichem Datum erster Ordnung zu vermelden: dem 20. Oktober 1914. Er ist der Stiftungstag der Elitetruppe, der ich anzugehören die Ehre hatte und von der ich fortan erzählen werde, bis zu ihrem Todesritt am 27. Juli 1916, an dem sie im Feuerüberfall und Handgemenge bei Meia-Meia aufgerieben wurde.
An jenem Tage wurden die Mannschaften mehrerer Einzelposten sowie das Patrouillenkorps Büchsel mit der berittenen Abteilung Geraragua zusammengeschlossen zur »Berittenen 9. Schützenkompanie«. Man darf sich durch die Zahl »Neunte« nicht irreführen lassen – in Wirklichkeit war sie die erste und zunächst einzige berittene; das »Neunte« erklärt sich daher, daß alle aus Europäern gebildeten Truppenteile zum Unterschied von den Askari- oder Feldkompanien als Schützenkompanien bezeichnet wurden. So ist jener Stiftungstag der »Neunten« zugleich der Gründungstag der deutsch-ostafrikanischen Kavallerie überhaupt, und diese ist hervorgegangen aus unserer Farmerabteilung Geraragua, die mit ihren paar Reittieren begann. Erst später erhielt die »Neunte« Konkurrenz in der »Berittenen Achten«, mit der wir die stolze afrikanische Kavallerie»brigade« bildeten. Natürlich hat die »Achte«, die wir »die Fliegenden Hunde« nannten, nie an die »Neunte« herangereicht.
Damit sich aber der Leser nicht etwa übertriebene Vorstellungen von unserer »Brigade« macht, möchte ich doch noch hinzufügen, daß die größte Anzahl von Europäern, die die »Neunte« in ihrer Glanzzeit auf dem Papiere hatte, einige siebzig betrug. Ihre größte Gefechtsstärke bestand Mitte 1915, einschließlich der inzwischen dazugekommenen Askari, aus 56 Gewehren. An solchen Zahlen sind ihre Taten zu messen.
Das Verzeichnis, das ich mir von allen Europäern, die meiner Kompanie im Laufe der zwei Jahre ihres Bestehens angehörten, angelegt habe, weist 75 Namen auf. Als unser Oberst am 15. November 1918 den Waffenstillstand für Afrika abschloß, waren von den 75 nur noch Hauptmann Meyer, die Unteroffiziere Obst und Truppel und Piet Nievenhuizen dabei.
Kriegssafari zum Urwaldposten Olmolog
Wenn die Zeit der Siege und der militärischen Erfolge, und nicht etwa die spätere Zeit des zähen, hartnäckigen Widerstandes unter nie dagewesenen Strapazen und Entbehrungen, als die »große« zu bezeichnen ist, dann kam jetzt die größte, die glorreichste Zeit des Krieges in Deutsch-Ostafrika, von der wir noch lange nachher zehrten. An drei Fronten griffen die Engländer, die ungeheure Verstärkungen an Truppen und Material von Indien herbeigeschafft hatten, gleichzeitig mit weit überlegenen Massen an, und überall wurden sie abgeschlagen.
An dem gleichen Tage, dem 3. November 1914, an dem die Schlacht bei Tanga, die uns unsterblichen Ruhm und enorme Beute brachte, begann, an dem die Engländer bei Taveta einen Scheinangriff machten, den ein Zug Askari aufhielt, saßen plötzlich am frühen Morgen 2000 Engländer und Inder auf dem Nordostkamm des Longidogebirges und um acht Uhr bestreuten ihre Schrapnells bereits die deutschen Stellungen auf dem Südwestkamm des Gebirges. Bis neun Uhr abends dauerte das Gefecht, dann zog sich der Feind zum Erok zurück. Der schneidige Hauptmann Stemmermann hatte ihn mit seiner 11. Askarikompanie am Spätnachmittag in der Flanke mit Erfolg angegriffen und seine Siegeszuversicht gründlich erschüttert.
Obwohl der Angriff des Feindes abgeschlagen war, wurde doch das Longidogebirge wenige Tage nach dem Gefecht von unsern Truppen geräumt. Am Nachmittag des 11. November und die ganze folgende Nacht hindurch bezogen die drei Feldkompanien und die Berittene 9. Schützenkompanie mit ihren Bagageträgerkolonnen Lager unterhalb des Krantzhügels zu beiden Seiten des Engare Nairobi.
Am selben Tage traf auch unser Kommandeur, Oberstleutnant v. Lettow-Vorbeck, der Sieger von Tanga, ein. Er kam bald auf den Krantzhügel herauf, um sich das Gelände anzusehen und die beste Verteidigungsstellung auszusuchen. Lange stand er, umgeben von seinem Stabe, auf dem höchsten Punkte des Hügels und sah zum Longidogebirge hinüber. Man sah ihm die Trauer an, daß jene Stellung mit vier herrlichen Wasserstellen, der Schlüssel unserer Front, trotz siegreichen Gefechts hatte geräumt werden müssen. Es war das erste Stück deutscher Erde, das der Besetzung durch den Feind preisgegeben wurde!
Nach längerer Beobachtung des Geländes lud mich unser Oberst mit den Worten: »Wir sind beide nicht mehr die Jüngsten« ein, auf einem Haufen leerer Säcke neben ihm Platz zu nehmen, und teilte mir mit, wie er über mich disponiert habe. Hier sei für mich nichts zu tun; der Krantzhügel (von jetzt ab der Telephonhügel genannt) solle zur befestigten Stellung ausgebaut werden. Ich solle den Urwaldposten Olmolog (meine alte Farm!), den zur Zeit Leutnant Kühn mit sechs Reitern meiner Kompanie und einigen Massaikriegern besetzt hielt, mit 90 Massaikriegern beziehen und Grenzwacht halten. Der Schütze Pfützner solle mich begleiten. Auf Veranlassung unseres Oberst bekam ich ein im Longidogefecht erbeutetes Lee-Medford-Gewehr, zwei Einundsiebziger und Munition für meinen neuen Posten geliefert.
Am nächsten Morgen traten Pfützner und ich in aller Frühe die Safari zum Olmolog an. 60 Ilmuran, d. h. Massaikrieger, waren bei mir, 10 waren schon auf dem Posten und 20 sollten mir in Kürze folgen. Außer den Ilmuran hatten wir 25 Träger, unsere Boys und 40 Schlachtochsen mit. Natürlich aßen wir bei Mutter Weber zu Mittag.
In dunkler Nacht langten wir am Urwaldrand an. Hier war vorläufig Schluß. Der Urwaldrand ist dort am Kilimandscharo meistens so dicht mit Unterholz, Gestrüpp und Schlingpflanzen durchwachsen, daß er zu einer undurchdringlichen Mauer werden kann. Man muß sich mühsam mit dem Buschmesser durchschlagen, bis man einen Elefantenpfad oder Nashornwechsel findet, der ungefähr in der Richtung läuft, die man einschlagen will. Tiefer in den Urwald hinein ist das Reisen nicht ganz so beschwerlich, aber ohne einen Vortrupp mit Buschmessern kommt man auch dort nicht recht vorwärts. In dunkler Nacht, und noch dazu mit Ochsen, in den Urwald einzudringen, wäre sehr schwer gewesen, auch waren Mensch und Vieh vom langen Marsch rechtschaffen müde. Ein Feuer, das wie ein Stern meilenweit in die Steppe hineingeleuchtet hätte, durften wir nicht machen; das Zelt aufzuschlagen, lohnte nicht mehr, da in wenigen Stunden der Morgen dämmern mußte. So blieb nur übrig, sich in seine Decke zu rollen, zähneklappernd dem Geschnatter der Nachtaffen zuzuhören und den Morgen abzuwarten.
Leutnant Kühn, den ich ablösen sollte, hatte seinen Posten irgendwo tief im Urwalde hinter der Farm Olmolog – so hatte mir wenigstens mein Kompanieführer gesagt. Näheres wußte der scheinbar auch nicht. Nun hieß es, den Posten finden. Früh am nächsten Morgen lag die ganze Welt um mich im dichten, feuchten Nebel. Fernsicht: zehn Schritt. Die Luftlinie von meinem Nachtlager bis zum »Posten Kühn« konnte kaum mehr als fünf Kilometer betragen. Wenn ich nur ungefähr gewußt hätte, in welcher Richtung der Posten lag! – Da! Was war das? Zwei Schritte vor mir sprang ein Stück Wild auf von der Größe unseres Damwildes und verschwand wie ein Blitz im Gestrüpp und Nebel. Ein Buschbock war es. Kein Herdentier wie alles Steppenwild, hält er sich gern am Rande des Urwaldes auf. Die Eingeborenen schätzen sein Fleisch nicht und essen es nur, wenn sie sonst hungern müßten. Tatsächlich hat sein Fleisch einen penetranten, beinahe ekelerregenden Wildgeschmack.
Ich beschloß, vorläufig mich am Urwaldrande entlang in nördlicher Richtung durchzuschlagen und gleichzeitig nach Wasser zu suchen; denn die Ochsen waren durstig. Pfützner führte. Ihm folgten einige Träger mit Buschmessern, dann die Ochsen, die, von Massai getrieben, die Bresche erweiterten, durch die die Lastenträger nun bequemer vorwärts kamen. Den Schluß dieser Karawane im Nebel bildete ich. Krieg, mein Hund, so genannt, weil er am Tage der Kriegserklärung geboren war, jagte in seinem jugendlichen Unverstand und Eifer Baumschliefer [Baumratte] auf die Bäume und die Kwale [Rebhuhn] aus dem Busch, bis er in Siafu [große braune Ameise] hineingeriet und heulend bei mir Schutz suchte. Er ruhte nicht, bis er vor mir auf dem Sattel saß und sich knurrend den ungewohnten Urwaldboden von oben ansehen konnte. Die Nachtaffen waren zur Ruhe gegangen. Dafür kollerten jetzt in jeder Richtung die langschwänzigen Colobusaffen. Sie jagten sich in den Bäumen und schimpften im tiefen Baß auf die Eindringlinge.
Nur langsam brachen wir uns Bahn durch das dichte Gestrüpp. Drei Stunden ging es so unter tropfenden Bäumen im dichten Nebel weiter. Ein Wasserloch hatten wir gefunden und die Tiere getränkt. Allmählich lichtete sich der Nebel, bis er ganz der Macht der Sonne wich. Nun hieß es, die Augen offen halten. Die Kameraden im versteckten Urwaldlager mußten doch auch ihren Morgenkaffee kochen, und ganz ohne Rauch würde das nicht abgehen, da alles Brennholz hier oben feucht war. Irgendwo über den Baumkronen mußte sich jetzt, als der Nebel immer höher am Kilimandscharo hinaufkroch und nur hier und da über besonders tiefen Schluchten Schwaden zurückließ, Rauch entdecken lassen. Richtig! Dort, halbrechts vor uns, noch ein gutes Stück in den Urwald hinein, wurde leichter Rauch gesehen. Eingeborene Wachagga, die Bewohner des Kilimandscharo, gab es auf dieser Seite des Berges nicht, auch zum Honigausbrennen kamen sie nicht so weit um den Berg herum. Dort, wo der Rauch war, mußte unser Posten sein oder – das Lager einer englischen Schleichpatrouille. Also auf den Rauch losgehalten. Ich ritt mit einigen mit Buschmessern bewaffneten Trägern voraus und hieß Pfützner mit der großen Karawane, deren Durchbruch durch das Unterholz nicht ohne allerhand Lärm abging, mir nach zehn Minuten folgen.
Vom Urwaldrande abbiegend, traf ich bald auf eine Bergwiese, die hellgrün mitten im dunklen Walde lag und deren hohes, hartes Gras meinem Reittiere bis an die Ohren reichte. Mollig warm und licht war es dort nach all der Feuchtigkeit und Dunkelheit des Waldes. Ein Serval, eine kleine Leopardenart, den nach den Strapazen der nächtlichen Jagd die ersten Strahlen der Morgensonne verlockt haben mochten, auf einem gefallenen Baumstamm zu ruhen und sich zu wärmen, schlich durch das hohe Gras ab. Vögel, die an Größe und Gestalt dem heimischen Häher gleichen, mit tiefblauen Rumpf- und Schwanzfedern und hellroten, quadratischen Flügeln huschten geräuschlos über die Waldwiese weg – ihren Namen kenne ich nicht. Große Schwalbenschwänze, schwarz und blau schillernd oder gelb mit schwarzen Strichen und Flecken, flogen am Rande der Lichtung von Busch zu Busch. Alle Geschöpfe suchten Licht und Wärme.
Nach diesem kurzen Lichtblick drang ich wieder in den Urwald ein. Endlich ließ ich auch die Träger mit meinem Reittiere und Hunde zurück und schlich mich der Stelle näher, wo der Rauch gesichtet worden war. Unnötige Vorsicht! Ein Träger des Postens, auf dem Rücken eine Milchkanne, die mir sehr bekannt vorkam, lief mir arglos in die Arme. Er sollte Trinkwasser holen, und die Milchkanne stammte unten von meiner Farm. Er gab mir nähere Auskunft, wo der Posten lag, und doch hörte ich die Kameraden schon lange schwätzen und lachen, ehe ich ihr Lager fand. So tief im Gebüsch versteckt standen ihre Zelte unter mächtigen, von Feuchtigkeit triefenden Bäumen. Dort wurde es sicher den ganzen Tag weder warm noch trocken. Die Kameraden schienen dies auch zu empfinden; denn sie waren froh, abgelöst zu werden. Nach einem gemeinsamen warmen Frühstück von Kongonifleisch rückten sie sofort ab.
Alleinherrscher im Urwald
Die kleine Regenzeit stand bevor. War es jetzt schon kalt und feucht hier oben im Urwalde, 2200 Meter über dem Meeresspiegel, wie würde das erst in der Regenzeit werden! Dort, wo auch an nebel- und regenfreien Tagen weder Licht noch Wärme hinkam, beschloß ich, nicht zu bleiben. Was Rheumatismus ist, wußte ich, und ganz verklammen wollte ich doch auch nicht. Die Lage des Postens gefiel mir, so versteckt sie an und für sich war, auch aus militärischen Gründen nicht. Man sah dort nichts von dem Gelände, das ich überwachen sollte. Für den Führer eines Europäerpostens mochte dieser Umstand keine Bedeutung haben, er konnte seine Leute ausschicken und sich auf ihre Beobachtungen verlassen. Als Führer von Massaikriegern glaubte ich anders handeln zu müssen. Ich mußte mein Lager am Urwaldrande haben, so daß ich einerseits vom Lager aus selbst das Gelände beobachten, andererseits die vorgeschobenen Massaiposten leicht kontrollieren konnte.
Ich brach daher mit meiner Karawane gleich nach Mittag wieder auf und suchte mir einen sonnigen Platz auf einer Waldwiese am Rande des Urwaldes aus. Mein Zelt, die Hütten der Boys und Träger sowie die Feuerstellen wurden so gelegt, daß sie gegen Sicht aus der Steppe gedeckt waren. Hingegen brauchte ich nur wenige Schritte von meinem Zelt zu gehen, um das ganze weite Vorgelände zu übersehen. Die Feuer durften nur nachts und am Tage nur, solange der Nebel lag, unterhalten werden, damit ihr Rauch uns nicht verriet. Mit zwei modernen Gewehren und zwei Einundsiebzigern, für die ich mir die Negerschützen erst noch ausbilden mußte, konnte ich an einen längeren Widerstand nicht denken. Meine Aufgabe hier war ja auch nicht, Schlachten zu schlagen oder Armeen aufzuhalten.
Die Massaikrieger rechneten in dieser Beziehung überhaupt nicht mit. Sowie es knallte, verschwanden sie. Ich nehme ihnen das an und für sich nicht weiter übel; denn nur mit Speer, Keule, Schwert und Schild ausgerüstet gegen moderne Feuerwaffen anzulaufen, muß kein besonders schönes Gefühl sein. Mir schienen aber die als kriegstüchtig berühmten und berüchtigten Massai doch einen viel feiner entwickelten Selbsterhaltungstrieb zu besitzen als irgendeine andere Negerrasse. Der Krieg in Deutsch-Ostafrika hat – gar nicht zu reden von den prächtigen regulären Askaritruppen – unzählige Beispiele persönlicher Tapferkeit, Kaltblütigkeit und anhänglicher Treue an ihren Bana seitens Neger aller Stämme geliefert. Von den Massai allein kann ich dies weder aus eigener Erfahrung sagen, noch habe ich je von einem solchen Fall gehört. Der Massai ist uns und wir sind ihm fremd geblieben. Ihn kümmert nur sein Vieh, und als Viehräuber scheut er auch Gefahren und selbst den Tod nicht.
Wenn man von den heutigen Massai auf ihre Ahnen schließen darf, so dürften letztere ihre Machtstellung in Deutsch-Ostafrika weniger durch ihre überlegene Tapferkeit als durch größere Heimtücke und Gaunerei erworben haben. Liefen sie gegen einen Stamm an, der gleich schlau und gleich gut bewaffnet war, wie z. B. die Wachagga am Kilimandscharo, dann wurden sie abgeschlagen.
Da es über dem Herrichten meines Lagers inzwischen Abend geworden war, schickte ich für diese Nacht eine starke Massaipatrouille zum Gehöft Olmolog hinunter, um dieses und die Wasserstelle in seiner Nähe zu beobachten. Am nächsten Tage sollten die Stellungen für vorgeschobene Feldwachen ausgesucht werden. Im Lager wurden drei intelligentere Träger zu einem Nachtwächterdienst organisiert. Dies war ein Notbehelf. Pfützner und ich wollten täglich Patrouillen reiten, folglich konnten wir nicht auch Nachtwachen schuften. Die Trägernachtgarde wurde eingerichtet, um unser Gewissen zu beruhigen und damit alles, was unter den gegebenen Umständen möglich war, getan war.
Wir hatten unser Zelt zwar nicht direkt auf einen Elefantenwechsel gesetzt, aber durch die Waldwiese, auf der wir lagerten, führte ein solcher, und ganz frische Losung lag auch dort. Leoparden waren am Urwaldrande ebenfalls häufig genug. Daß der Feind uns aus eigener Initiative nachts finden und ausheben könnte, war sehr unwahrscheinlich – fanden wir doch selbst, wenn wir nach Dunkelwerden von Patrouille zurückkamen, anfangs nur mit Mühe unser Lager wieder. Die einzige wirkliche Gefahr lag darin, daß meine Massai unser Lager verrieten und den Feind nächtlicherweile heranführten. Hiergegen ließen sich freilich überhaupt keine Schutzmaßregeln treffen. So wurden also die Nachtwächter, die wir zu ihrem großen Stolz unsere Ruga-ruga [Hilfskrieger] nannten, mit dem Einundsiebziger ausgebildet, damit doch jemand da sei, der zu den durchkommenden Elefanten und Leoparden husch-husch sagen konnte. Wie alle Nachtwächter hielten sie sich entweder in der Nähe des Zeltes auf und gaben ihr Wachsein durch erkünsteltes Gehuste und Gepruste zu erkennen, oder sie schliefen irgendwo weit weg im Gebüsch, damit ich ihr Schnarchen nicht hören sollte. Das zweite war mir das liebere; dann konnte ich doch auch ungestört schlafen.
So, nun saß ich also im Urwald auf Grenzposten, weit, weit weg von allen, die ein höheres Gehalt bezogen. Wie schön das ist, wird mir jeder Soldat nachfühlen. Kein Feldtelephon, kein Heliographenapparat auf dreißig Kilometer im Umkreise – Kinder, war das schön!
Der Schütze Pfützner, der mit seiner Minna – keine Angst! Minna hieß sein Maultier – mein einziger Gefährte war, erwies sich als ein durchaus zuverlässiger, verständiger und umgänglicher Mann, mit dem sich abends gelegentlich ein Artillerieskat spielen ließ. Ich habe vergessen, wie die Berechnung bei diesem Skat zu zweien ist, aber ich schulde Pfützner heute noch achtzehn Flaschen Bier als Endresultat von fünfmonatigem Spiel. – Wir spielten um Bier, nicht etwa, weil wir Bier gehabt hätten. Im Gegenteil, wir sehnten uns nur sehr danach, und darum spielten wir um Bier. Es war eine angenehme Illusion, am Schluß eines Spielabends sagen zu können: »So, wenn wir jetzt Bier hätten, sollte uns die gewonnene Flasche gut munden! Bier müßte hier oben im kühlen Urwald, nachdem es im eiskalten Quellwasser kalt gestanden hat, recht trinkbar sein. Im heißen Küstenklima ist es nicht das richtige Getränk; da soll man, wenn man seine Leber lieb hat, nur Whisky trinken. Hier oben aber, im rein europäischen Klima, würde uns eine Flasche Bier nichts schaden.« So argumentierten wir gerne und beschlossen, das Spielresultat nach dem Kriege gemeinsam auszutrinken.
Der Mensch denkt und Gott lenkt. Dieser Vorsatz, das Bier gemeinsam zu trinken, kann nie mehr zur Ausführung kommen – jedenfalls nicht in dieser Welt. Der gute Pfützner, der inzwischen Unteroffizier geworden war, ritt am 1. August 1916 bei der Station Kidete an der Mittellandbahn auf eine Mine. Die Kameraden begruben seine Überreste, wie eine Tafel anzeigt, links von der Station unter einem großen Baum. Er war ein braver Mensch, ein guter Kamerad und ein pflichttreuer Soldat.
An jenem ersten Abend im Urwaldlager spielten wir noch nicht Artillerieskat. Eine wichtige Frage lag noch zur Beratung vor: die der Verpflegung. Für die Träger und Massai war gesorgt. Die ersteren bekamen täglich ihr Maismehl und zweimal in der Woche Fleisch, die Massai, die nie Pflanzenkost genießen, täglich ihr Fleisch. Wenn der Proviant zu Ende ging, brauchte ich nur bei der Etappe neuen anzufordern. Aber wir Europäer bekamen täglich unsere drei Rupien Verpflegungsgeld und sollten für uns selber sorgen. Nun gab es zwar in unserm Lager am Krantzhügel auch damals schon ein Magazin, in dem man kaufen konnte, wenn zufällig was drin war, aber für die auf Außenposten Kommandierten war es kaum je möglich, rechtzeitig den Anschluß zu erreichen. Zu unserm Glück waren wir nicht auf dieses Magazin allein angewiesen. Für mich sorgte in mütterlicher Treue Frau Weber, zu der ein flinker Bote in einem Tage hin- und herlaufen konnte, und Pfützner hatte seine kurz vor dem Kriege angefangene Farm am Kingoribach, zwischen Kilimandscharo und Meru. Er bekam wöchentlich eine Sendung Farmprodukte von seinem schwarzen Aufseher. Wild gab es in der Steppe vor dem Posten in Herden zu Tausenden und, da die Massai den Kopf des Ochsen nicht essen (warum, habe ich nicht ergründen können), hatten wir mehr Ochsenzungen und -hirn, als in der Speisefolge gut unterzubringen war.
Später, als es aussah, als ob ich nie wieder von diesem Grenzposten würde abgelöst werden, legte ich mir oben im Urwald einen Gemüsegarten an. Außer Radis und Kopfsalat habe nicht ich, sondern mein Nachfolger geerntet. Erfahrungsgemäß wird man von einem Posten immer gerade dann abgelöst, wenn der Gemüsegarten anfängt, Ertrag zu bringen.
Die Verpflegungsfrage war somit geregelt und entwickelte sich historisch weiter. Wir lebten, wenn auch nicht so gut wie ich früher bei Mutter Weber, doch immer noch recht gut, und nachdem wir aus einigen Wellblechplatten vom Gehöft Olmolog ein Magazin für Eingeborenen- und Reittierverpflegung gebaut hatten, waren wir die Sorge um das tägliche Brot einstweilen los.
Am nächsten Morgen in aller Frühe ritten Pfützner und ich in Begleitung der Massaigruppenführer los, um geeignete Beobachtungsposten für die Massai auszusuchen. Eine dieser Feldwachen, die auf dem Lagumisherakrater, hätte ich am liebsten selbst bezogen, so herrlich ist es da oben.
Der Lagumishera, ein 1957 Meter hoher Vorkraterberg des Kilimandscharogebirges, hat den besterhaltenen Krater, den ich kennengelernt habe. Ich habe viele und große und viel größere Krater gesehen, aber keinen, der aus der Steppe so regelmäßig kegelförmig aufsteigt und dessen Wände ringsum so gut erhalten sind. Der Berg ist dicht mit niederem Wald und Busch bestanden, nur der Kraterrand ist frei von Vegetation.