Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 1

Chapter 13,362 wordsPublic domain

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Otto Inhülsen / Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

21.–30. Tausend

Otto Inhülsen

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

v. Hase & Koehler / Verlag / Leipzig

Umschlaggestaltung und Bildschmuck von Hanns Langenberg, Leipzig

Die erste Auflage dieses Werkes erschien unter dem Titel:

Abenteuer am Kilimanjaro

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1926 by Koehler & Amelang G.m.b.H. in Leipzig

Satz und Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig

Titeldruck Breitkopf & Härtel, Leipzig

Inhaltsverzeichnis

Kriegsausbruch 5

Auf Posten Weber 8

Es wird Ernst 16

Der Geburtstag der Berittenen 9. Schützenkompanie 18

Kriegssafari zum Urwaldposten Olmolog 19

Alleinherrscher im Urwald 24

»Siafu!!!« 32

Auf Grenzwacht 37

Unsere Kavallerie braucht englische Reittiere 42

Ein Konkurrenzunternehmen 50

Mutter der Kompanie 52

Bilder und Typen aus dem Lagerleben 55

Die Kavalleriebrigade und die Zebraspuren 78

Große Kampfpatrouille zur englischen Magadbahn 80

Ausbildung im Garnisondienst 104

Als Fliegerersatz über dem englischen Bezillager 107

Durch den ostafrikanischen Großen Graben ins Winterhochland 114

Nach Engaruka verpumpt 147

Der Hunderttausend-Tonnen-Hammer fällt 157

Der Gewaltmarsch zur Mittellandbahn während der großen Regenzeit 173

An der Kondoa-Front 183

Der Todesritt der Berittenen 9. Schützenkompanie 202

Kriegsausbruch

Mein Vater fing mich in Bremen ein, als ich im Jahre 1879 zum ersten Male nach Afrika auswanderte. Ich war damals elf Jahre alt und wollte in Afrika Löwen schießen. Für die Löwenjagd hatte ich eine alte Pistole aus Vaters Waffensammlung und sechs reine Taschentücher, als Reiseproviant ein Glas Eingemachtes aus Mutters Speisekammer mitgenommen. Für mich lief diese Sache tragisch aus.

Als ich 35 Jahre später zum fünften Male auswanderte – ich war inzwischen in Indien, Australien und in der Transvaal gewesen und hatte eben ein paar Monate zur Erholung in Deutschland verlebt; jetzt trieb mich die Abenteuerlust nach Ostafrika –, da fand ich auf der großen Viehfarm Olmolog, deren Leitung ich am 15. Juli 1914 übernahm, hoch oben am Nordwestabhang des Kilimandscharo, dicht am Urwald und unmittelbar an der englischen Grenze, in Fülle das, was ich mir in der Jugend gewünscht hatte. Allnächtlich umschlichen die Löwen, die aus der Steppe vom Amboseli-See und den höhlenreichen Löwenklippen heraufkamen, mein Haus. Sie holten mir die Hunde weg von der Baraza [Veranda] und das Jungvieh aus der Boma [Umzäunung]. Gleich bei einem meiner ersten Ausritte begegnete mir einer ganz in der Nähe des Gehöfts sogar am hellen lichten Tage.

Auf der Frommen Helene, so genannt, weil sie sich von dem störrischsten Maulesel der Welt im Laufe vieler Jahre in das faulste Exemplar ihrer Spezies hineingealtert hatte, ritt ich, natürlich in sausendem Schritt, den Weg zum Steinbruch der Farm. Plötzlich stand uns (ich meine Helena und mir) an einer Wegebiegung eine Löwin auf zehn Schritt gegenüber. Ich hatte kein Gewehr bei mir und war sehr erstaunt. Die Löwin schien auch erstaunt, aber noch erstaunter war die Fromme Helene. Sie löste die für alle Beteiligten peinliche Situation, machte kurz kehrt und jagte in einem solchen Tempo zum Gehöft zurück, daß ich schließlich doch am meisten staunte, und zwar über die Geschicklichkeit, mit der Helene bisher zu verheimlichen gewußt hatte, daß sie außer Schritt noch andere Gangarten kannte. Die Löwin machte ebenfalls kehrt und sockte ab. Menschenfresser ist in jener wildreichen Gegend der Löwe nicht.

Damals kam ich nicht dazu, mich mit der Löwenfrage weiter zu befassen.

Von meinem Nachbar Otto Weber – Nachbar, weil er nur vier Reitstunden um den Berg herum südlich von mir eine Viehfarm hatte – kam ein Bote nach dem andern: Kriegserklärung Österreichs an Rußland! – Kriegszustand in Deutschland! – Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich! – Englands Eintritt in den Krieg gegen Deutschland! Was sagt doch die Kongo-Akte?

Dann kam der junge fröhliche Kossel, der Assistent des Farmers und Majors a. D. Schlobach, dessen Farm an die von Otto Weber grenzte. Kossel meldete mir, daß ich eingezogen und der Stellungsbefehl unterwegs wäre, daß ich der Abteilung des Major Schlobach zugeteilt sei und daß ich mich auf dessen Befehl mit dem Vieh von der Grenze nach Farm Weber zurückzuziehen hätte. Dort, sagte er, wäre ein Farmerposten von einigen Gewehren eingerichtet worden. Major Schlobach hätte sich mit seinem Vieh weiter südlich auf die Farm Geraragua zurückgezogen und sammele dort um sich und sein Vieh alles, was sich in der Gegend an Mannschaften, Reittieren und Gewehren auftreiben lasse.

Der junge Kossel, ein Mecklenburger vom reinsten Wasser, war begeistert für den Krieg und bedauerte nichts mehr, als daß er nicht zu Hause im Osten oder Westen das Vaterland verteidigen helfen könnte. Er half mir beim Umzug, und am nächsten Morgen befanden wir uns mit Vieh, Schafen und Eseln auf dem Trek nach Farm Weber.

Daß die Kongo-Akte nicht respektiert werden würde, glaubte damals noch kein Mensch bei uns; denn die Nachrichten, die uns im Hinterland erreichten, waren nur spärlich, und erst nach mehreren Tagen erfuhren wir, daß am 8. August 1914 die Engländer den Funkturm bei Daressalam von See aus beschossen hatten und damit die Feindseligkeiten eröffneten.

Auf Posten Weber

Das Kriegsglück hatte es gut mit mir im Sinn gehabt. Auf der Farm Weber oder »Posten Weber«, wie es offiziell hieß, fand ich, was man im Manöverleben Sektquartier nennen würde. Dies ist bildlich aufzufassen. Sekt gab es dort nicht, aber dafür eine von der liebenswürdigsten Gastgeberin geleitete, echt deutsch-afrikanische Häuslichkeit und Gemütlichkeit. Und Webers lebten gut. Überhaupt habe ich, außer Indien, noch keine Kolonie kennengelernt, in der, was Essen, Trinken und vor allem Bedienung anbelangt, so aus dem Vollen gelebt wurde, wie in den Städten, auf den Pflanzungen und Großfarmen in Deutsch-Ostafrika.

Die Besatzung ergänzte sich nach und nach aus Leutnant Freund, Vizewachtmeister Trommershausen, Unteroffizier Rimpler und mir. »Posten Weber« war längere Zeit der exponierteste Posten unserer Front. Und doch war Frau Weber nicht zu bewegen, ihre Person nach Geraragua oder Moschi in Sicherheit zu bringen.

Für uns war es gut so. Frau Webers frischer, fröhlicher Mut und nie versiegender Humor ließen niemals eine gedrückte Stimmung aufkommen. Es steht außer Zweifel, daß man ihr mit vollem Recht die Ehre des Titels Postenführer zuerkannte. Die Frau, die es an der Front aushält, die nicht nur die Garnison des Postens, sondern auch alle durchkommenden Patrouillenreiter so gut futtert, wie Frau Weber es tat, die nicht nur für den Leib, sondern auch für Geist und Gemüt des Vaterlandsverteidigers so gut zu sorgen weiß, wie Frau Weber es verstand, dient dem Vaterlande soviel, wenn nicht mehr als mancher Soldat. Es kam so weit, daß keine Patrouille das befestigte Lager von Geraragua verließ, ohne auf dem Ausritt und, wenn es irgend anging, auch auf dem Rückmarsch den »Posten Weber« zu passieren. Alle Kameraden von Geraragua haben ihre Beine wieder und wieder unter Frau Webers geschmackvoll dekorierten und reich beladenen Tisch strecken und sich von ihr bemuttern lassen dürfen. Was das heißt, wenn man eine lange Patrouille vor sich hat oder dreckig, halb verdurstet und ausgehungert von einer solchen zurückkommt, haben wir alle kennengelernt. Frau Weber übte auch fleißig mit dem Revolver und einem Damenkarabiner. Sie war fest entschlossen, den Angriff englischer Massai, der ja jeden Augenblick bevorstehen sollte, persönlich mit abschlagen zu helfen.

Als Tochter eines Medizinalrates in Deutschland geboren, muß Frau Weber schon in jungen Jahren ein mütterliches Herz für die Menschheit gehabt haben. Sie wurde Krankenschwester. Als Schwester Hedwig war sie dann Oberin am Hospital zu Tanga. Dort ereilte sie das Schicksal, das keiner Krankenschwester in Deutsch-Ostafrika erspart blieb und das ständigen Grund zur Klage seitens der Hospitalverwaltung gab. Ja, du lieber Gott, was war da zu machen! Länger als zwei Jahre konnte man die Schwestern dem Hospital nicht verpflichten, und eine bessere Frau als eine frühere Krankenschwester war damals schwer zu finden. Heute ist das anders. Heute gibt es hilfsbereite und tüchtige Mädel genug.

Unsere kriegerische Tätigkeit auf »Posten Weber« war vor allem auf die Abwehr des erwarteten Massai-Massenangriffs gerichtet. Zuerst bauten wir vor der offenen, völlig ungeschützten Veranda des Herrenhauses einen Wall aus Findlingen. Die Schwierigkeit dieses Baues bestand eigentlich nur darin, daß diese Mauer weder die Verandapfosten eindrücken noch Frau Webers Rosen beschädigen durfte. So sorgsam waren wir zu Anfang des Krieges noch bemüht, Eigentum zu schonen!

Als wir mit diesem Kugelfang fertig waren, gingen wir zum Bau von Verteidigungswerken größeren Stils über. Die große rechteckige Viehboma wurde mit Draht- und Dornenverhauen umgeben, und an zwei diagonal gegenüberliegenden Ecken der Boma wurden mit Schießscharten versehene kugelsichere Türme errichtet, so daß man aus jedem eine Lang- und eine Kurzseite des Verhaus bestreichen konnte. In der Voraussetzung, daß die Massai ihren Angriff nach guter Stammessitte in der Hauptsache gegen die Viehboma richten würden, sollte ihnen hier eine Niederlage beigebracht werden.

Gleichzeitig war ein Heliographenverkehr mit Geraragua und mit dem weiter unterhalb auf einem Hügel gelegenen »Posten Krantz« eingerichtet worden. Unser Heliographenapparat bestand bei Tage aus der Sonne, meinem Rasierspiegel und einem Kistendeckel. Letzterer hatte ein rundes Loch, das auf die Empfängerstation eingerichtet war. Vor dem Loch im Kistendeckel befand sich eine Pappscheibe an einem Holzhebel, den ein Mann zur Erzeugung der Blitzzeichen tippte. Der zweite Mann, der auch ein Neger sein konnte, stand mit meinem Rasierspiegel fünf Schritte rückwärts, fing Sonnenstrahlen auf und sandte sie vermittelst des Spiegels in konzentrierter Form durch das Loch im Kistendeckel. Wenn der zweite Operateur nicht vorbeikonzentrierte, der erste im Eifer die Morsezeichen nicht vergaß, und endlich der Empfänger aufpaßte, funktionierte die Sache tadellos. Mehr als fünfmal brauchte eine Meldung selten gegeben zu werden.

Der Nachtapparat war noch einfacher. Wir bedienten uns einer Safarikiste mit Loch und Pappscheibe wie oben, in deren Innerem eine Azetylenwagenlampe stand. Um die Verbindung mit den andern Posten aufnehmen zu können, mußten wir unsern Heliographenapparat auf einem nahen steilen und hohen Berg aufstellen, und einer vom Posten mußte Tag und Nacht oben sein. Erst später bekamen wir zwei Signalwatote [Negerschüler] mit einem richtiggehenden Helioapparat.

Eine weitere Aufgabe des »Postens Weber« war, die dort internierten Buren zu bewachen. Das kam so.

An der Nordgrenze der Kolonie wohnten auf zerstreut liegenden Farmen eine Anzahl früherer Trekburen, die nach dem Burenkriege eingewandert, aber englische Untertanen geblieben waren.

Wie die einzelnen Buren in ihrem Herzen gesinnt waren, ob den Deutschen oder den Engländern zugeneigt, konnte man bei Kriegsausbruch nicht wissen. Im Bezirk Aruscha ließ man sie ruhig und unbelästigt auf ihren Farmen sitzen und Eier, Hühner und sonstige Farmprodukte an die Etappe Aruscha liefern. In unserm Bezirk Moschi machte man das Gegenexperiment: hier wurden alle Buren mit Frau und Kindern auf »Posten Weber« interniert.

Hier bauten sie sich in der befestigten Viehboma Lehmhütten und bezogen sie mit Weib und Kind; ihr Vieh stellten sie mit in die Boma ein. Sie waren in der Mehrzahl ruhige, nette Leute, die später fast alle auf deutscher Seite mitkämpften. Einer von ihnen, Piet Nievenhuizen, wurde Feldwebel und ist bis zum Schluß der Feindseligkeiten in Afrika als Pfadfinder und Führer der Person unseres Oberst attachiert gewesen, dem er mit Leib und Seele ergeben war.

»Posten Weber« war der geeignete Platz, alle die Geraraguakameraden nach der Reihe kennenzulernen. Denn alle kamen sie auf ihren Patrouillen dort durch. Beritten waren sie alle, und ein größeres Allerlei von Reittieren auf einem Haufen habe ich in meinem Leben sonst nirgends gesehen. Da waren Pferde. Einige wirkliche Pferde und viele solche, die es überhaupt nicht gibt oder geben sollte. Die besten waren noch einige Somaliponys. Am zahlreichsten vertreten war die Kreuzung zwischen Pferdehengst und Eselstute, die man überall in der Welt Maulesel nennt. Nur in Deutsch-Ostafrika nennt man sie hartnäckig Maultier; eigentlich ist das Maultier die Kreuzung zwischen Eselhengst und Pferdestute, und später im Kriege bekamen wir auch einige Exemplare dieser Gattung. Da wir uns aber an so feinen Unterschieden nicht stoßen wollen und für das Kreuzungsprodukt zwischen Pferd und Esel in Deutsch-Ostafrika nun einmal die Bezeichnung Maultier üblich ist, spreche ich in Zukunft auch nur vom Maultier. Da waren große Maultiere und kleine Maultiere, Maultiere mit glattem Haar und Maultiere so wollig wie ein Pudel. Da waren Maultiere, die allein gingen, und solche, die nur in der Kolonne mitgingen. Einzelne ließen sich satteln, bei andern waren fünf Mann nötig, um den Sattel aufzuzwingen. Wer diese Maulböcke und ihre Anstalten im August 1914 kannte und dann ein Jahr später die Berittene 9. Schützenkompanie ausrücken sah, hätte es nie für möglich gehalten, daß ein Teil ihrer Reittiere dieselben Maultiere sein könnten – so gepflegt, glatt und einexerziert schritten, trabten und galoppierten sie dahin. Ähnlich wie die Reittiere war auch die Reitausrüstung der Abteilung Geraragua mannigfacher Art. Es gab einige wirkliche Sättel und Zaumzeuge und viele, die man nur aus Höflichkeit als solche ansprechen konnte. Es waren Sättel dabei, die Noah schon mit in die Arche nahm, und Zaumzeuge, an denen nur das verrostete Trensengebiß noch Original war.

Aber was macht das alles, wenn man die Kameraden betrachtet, die auf diesen Reittieren auf »Posten Weber« angeritten kamen! Da waren die beiden schönen Männer der Gegend, die Lieblinge der Damenwelt, Hugo König und mein Kollege Jacobsen. Darüber, welchem von beiden der Apfel des Paris zu reichen sei, konnten sich die Damen nicht einigen. Beide hatten so was, so was – na, da verstehe ich mich nicht darauf. Hugo König, der »schöne Hugo« genannt, erklärte uns wieder und wieder, wo der »springende Punkt« der Kriegslage zu suchen sei. Er war Kriegsfreiwilliger und gerne der Generalstäbler von Geraragua. Mit ihm kam sein Bruder Fritz, Mitglied des Gouvernementsrates, eine Autorität in Kolonialfragen. Es kam der Weltensegler, Millionär und Jagddilettant Elven, mit der fixen Idee behaftet, ganz Deutsch-Ostafrika müsse als ein Jagdreservat für Millionäre angesehen werden. Es kamen der Gouvernementslandwirt Mittag, der verkörperte Agrarier, und sein Kollege Münz aus Württemberg, dessen Deutsch kein Norddeutscher verstehen konnte. Es kamen Leutnant Kaufmann und sein Bruder Hans, letzterer kaum siebzehn Jahre alt. Es kamen die Farmassistenten Frank, Fränkel und das Mtoto [Kind] der Abteilung, der sechzehnjährige Schönbohm. Es kamen Leutnant Kühn und zuweilen auch seine Frau und ihr Bruder Satow. Es kam der Dichter und Unteroffizier Müller, der eine Hornbrille trug wie die Alchimisten in alten Kupferstichen.

Es kam Richard L. Sauerbrunn, Farm-, Pflanzungs- und Dukabesitzer[1] am Berg. Er kam in geheimer Mission. Er hatte persönliche Beziehungen zu den Massai jenseits der Grenze gehabt, wollte diese für die deutsche Sache zu gewinnen suchen und sie veranlassen, mit ihren riesigen Viehherden auf deutsches Gebiet überzutreten. Er zog dahin und kam nicht wieder. Eine Patrouille wurde ihm nachgehetzt, aber sie fand ihn nicht mehr. Er war der erste Kriegsgefangene, den wir an unserer Front verloren.

Sauerbrunns Schicksal habe ich erst später, im Kriegsgefangenenlager zu Ahmednagar, von ihm selbst erfahren. Er hatte seine Geschäftsfreunde nicht mehr jenseits der Grenze vorgefunden. Die Engländer kannten die Firma Richard L. Sauerbrunn anscheinend. Sie hatten seine Massaifreunde von der Grenze zurückgezogen und durch Massaipatrouillen aus dem Hinterlande ersetzt. Von diesen fand sich Sauerbrunn plötzlich umringt. Sie speerten ihn in Arme und Beine und schlugen ihm mit ihren Keulen den Unterkiefer aus dem Gelenk sowie Löcher in den Kopf. Da Sauerbrunn trotzdem nicht tot war, schleppten ihn die Massai zehn Tage lang mit sich durch das Pori, um ihn endlich einem englischen Posten an der Ugandabahn auszuhändigen. Daß Sauerbrunn nicht an Blutvergiftung einging, verdankte er nur seiner Zähigkeit. Seine eiternden Wunden desinfzierte er mit zu Staub zerriebenen Holzkohlen, die er sammelte, wenn die Massai ihr Fleisch fertig geröstet hatten. Essen konnte er nicht. Er lebte von schlechtem Wasser und hin und wieder etwas saurer Milch. Er hat dann wochenlang im Lazarett in Nairobi gelegen und wurde schließlich, gut geflickt und eingerenkt, nach Indien geschafft.

Dort, im A-Camp in Ahmednagar, hat Sauerbrunn in selbstlosester Weise unermüdlich für das Wohl seiner Mitgefangenen gesorgt. Er war der Vermittler zwischen Camp und englischer Verwaltung in allen Verpflegungsangelegenheiten und leitete musterhaft die große allgemeine Campküche. Jeden Vormittag, den Gott in der Gefangenschaft werden ließ, übersetzte Sauerbrunn den um ihn versammelten Gefangenen die englische Tageszeitung mit einer Routine, die ihresgleichen sucht. Mit nie versagendem Humor und unerschütterlichem Glauben an den Endsieg der deutschen Sache flocht er Zwischenbemerkungen launiger und patriotischer Art in die Übersetzung des Zeitungstextes ein, daß das Gelächter und Hurra seiner Zuhörer durch das Lager schallte. Er hielt auch Vorlesungen abends unter dem Baum am Waschhaus oder im Konzert- und Theatersaal aus Wellblech, und wenn sich auch noch viele andere um das Gefangenenlager verdient gemacht haben, so darf ich doch sicher sagen, daß Richard L. Sauerbrunn der Liebling des A-Lagers war.

Alle ritten sie über »Posten Weber«, fütterten dort ihre Tiere und sich selbst. Es kam auch Vater Krantz, ein früherer Burenkommandant. Auf seinem Moritz, dem Pferd mit der faustgroßen, permanent offenen Druckstelle am Widerrist, sprengte Krantz effektvoll auf den Hof und warf sich wie der Jüngste vom Tier. Ehe er in Hörweite war, begann Krantz schon die Arme übereinanderzurollen und seine Kriegspläne auszukramen. Aus deutschen Massai wollte er an der ganzen Grenze ein Aufklärungs-, Spionage- und Nachrichtenkorps organisieren, mit ihm selbst als Zentralorgan und belebendes Herz. Die Massai sollten dann immer vorneweg, immer vorneweg am Feinde sein. Die berittenen Farmer und Pflanzer sollten dann, von seinen Massaispionen geführt, den Feind umgehen und in der Flanke angreifen. »Und« – er rammte einen imaginären Karabiner in die rechte Schulter – »dann immer: päng, päng! Und« – er rammte denselben Karabiner in die linke Schulter – »wenn das rechte Auge ermüdet ist, dann immer links: päng, päng!« Aufrollen sollten wir die Feinde. Nach der Küste zu aufrollen, bis das Land zu Ende sei und sie alle ins Meer stürzten. Wieder rollten seine Arme, diesen Prozeß plastisch darstellend.

Es kam endlich der Kaffeepflanzer und frühere Oberleutnant zur See Büchsel, ein neuer Stern, der neben Krantz an unserer Front aufging. Büchsel kam bei Webers durch auf dem Marsche zum Longidogebirge, etwa Kilometer nordwestlich unseres Postens gelegen, um dort mit Kameraden aus dem Aruschabezirk, berittenen Pflanzern und Farmern, ein Patrouillenkorps zu gründen. Er bezog oben im Gebirge, am Urwaldrande, ein Lager, das nach ihm später den Namen Büchsellager führte. Von hier ritt er Patrouillen über die Grenze in Richtung Erok, Ingito, englische Magadbahn, stellte die Wasserstellen, die Stärke der feindlichen Posten fest und berichtete darüber an das Kommando.

Fußnoten:

[1] duka = Laden.

Es wird Ernst

Am 15. August 1914 war der Ort Taveta, östlich vom Kilimandscharo auf englischem Gebiet gelegen, von unsern an jener Front operierenden Truppen genommen worden. Nun sollte, durch Büchsels Patrouillenkorps vorbereitet, auch an unserer Front, westlich vom Kilimandscharo, die Offensive beginnen.

In Geraragua erschien zu diesem Zweck Kapitänleutnant Niemeyer auf der Bildfläche. Er erhielt den Befehl der berittenen Geraraguaabteilung; Major Schlobach sollte als Etappenkommandant in Geraragua zurückbleiben. Bald traf auch Hauptmann Tafel mit der 10. Feld-, d. h. Askarikompanie in Geraragua ein und übernahm den Oberbefehl über alle dort versammelten Truppen.

Am Spätnachmittage des 18. September setzte sich Abteilung Tafel, also die 10. Feldkompanie und die berittene Abteilung Geraragua, in Marsch zum Longidogebirge und traf dort am 21. September ein. Geführt von dem Patrouillenkorps Büchsel, ging es am 24. September nach Norden über die Grenze. Der feindliche Posten Kichwa cha tembo an der Magadbahn sollte ausgehoben und die Bahn gesprengt werden. Nach einem Nachtmarsch wurde um sieben Uhr morgens in einem Koongo am Fuße des Ingitoberges haltgemacht, um zwei Stunden zu ruhen.

Nach den mir später in der Gefangenschaft von englischer Seite gemachten Mitteilungen war eine starke englische berittene Patrouille, bestehend aus etwa 66 Buren und Farmern aus Britisch-Ostafrika, schon seit Stunden den Spuren der Abteilung Tafel nachgeritten. Die Marschordnung der letzteren auf schmalem Pfade war: eine berittene Spitze, die Feldkompanie mit Trägern und endlich das Gros der berittenen Abteilung. Dies hatte zur Folge, daß die Spuren unseres Fußvolkes durch Reittierspuren völlig wieder zugedeckt worden waren. Die Engländer glaubten daher, einer unserer gewöhnlichen berittenen Patrouillen gefolgt zu sein. Sie überrannten den aufgestellten Posten und eröffneten auf kurze Entfernung ein überraschendes Feuer auf die ruhenden Deutschen. Im Gebüsch – einige englische Buren saßen sogar in den Bäumen – in guter Deckung gegen Sicht, hatte der Feind die Situation zuerst völlig in der Hand, und die schweren Verluste auf unserer Seite ereigneten sich in der Hauptsache zu Anfang dieses überraschenden Überfalles, bei dem es Kugeln regnete, ohne daß ein Feind zu sehen war. Dies dauerte aber nicht lange. Die Feldkompanie, auf deren Anwesenheit der Feind nicht vorbereitet war, entwickelte sich schnell, ließ die beiden Maschinengewehre spielen und nahm unmittelbar darauf den Feind mit dem Bajonett in der Flanke an. Gleichzeitig gingen unsere Europäer frontal sprungweise vor.