Wir ritten für Deutsch-Ostafrika
Part 3
Von der Seite meines Urwaldpostens, d. h. von Südwest, führt ein Nashornwechsel zum Krater, in dem ein kleiner See liegt, hinauf, so bequem zu reiten, als ob ihn ein Verschönerungsverein angelegt hätte. Alle losen Steine sind weggeräumt und alles im Wege stehende Buschwerk ist abgebrochen. Er hat nur den einen Übelstand, daß sein Anfang nicht leicht zu finden ist. Denn er fängt nicht am Fuß, sondern erst auf der halben Höhe des Berges an, dort, wo der Aufstieg beginnt steil zu werden. Bis dahin hat das Nashorn, das zum Wasser im Krater will, noch im Wandern gefressen, bald hier, bald dort, ohne einen bestimmten Wechsel einzuhalten. Erst da, wo die Steigung ihm unbequem zu werden anfängt, hat es sich im Zickzack den den Berg erklimmenden, ganz bestimmten Wechsel ausgetreten. Ganz außer Puste will auch das Nashorn beim Wasser nicht ankommen. Wer diesen Nashornwechsel hinaufreitet, muß es aber so einrichten, daß nicht gerade im selben Augenblick ein Nashorn vom Wasser in die Steppe zurückkehrt. Platz, einander harmlos auszuweichen, ist auf dem Wechsel nicht. Ein Nashorn füllt ihn genau aus, und besondere Höflichkeit darf man von ihm nicht erwarten.
Vom höchsten Punkte des Kraterrandes, auf dem ich meine Feldwache postierte, aus gesehen, liegt der ganze Krater handgreiflich nahe unter mir. Die Wände fallen wie die eines Trichters steil zur Kratersohle ab. Zum Teil sind sie dicht bewaldet, teils zeigt sich der nackte Fels. Unten im Krater liegt ein schöner grüner Teppich, in dessen Mitte sich schadhafte Stellen zeigen. Diese bildet der meist sumpfartige, zertrampelte Kratersee oder in der Trockenzeit dessen ausgedörrter Boden. Einzelne abgebröckelte Felsstücke liegen auf dem grünen Teppich, und am frühen Morgen kann man wohl einen Gepard oder Leoparden sich dort sonnen sehen. Wenn man Glück hat, überrascht man ein Nashorn bei der Tränke. Der Durchmesser des Kraters von Rand zu Rand ist kaum 300 Meter. Gerade weil der Krater so klein ist, kann man alle seine Teile mit einem Blick umfassen, und man erhält um so leichter eine Vorstellung davon, wie ein solcher Krater entstanden ist. Die Riesenkrater, von denen ich später zu erzählen haben werde, geben einem wegen ihrer Größe keine so klare Vorstellung; bei ihnen muß man sich das Gesamtbild erst zusammendenken.
Die Aussicht von da oben ist herrlich. Nach Süden zu beginnt fast am Fuße des Lagumishera der hier mindestens fünfundzwanzig Kilometer breite Urwald des Kilimandscharo in langen Wellen allmählich zum Fuß des Kibokraters aufzusteigen. Mächtig ragt darüber die Rückseite der Kraterwand des Kibo empor, die, Moschi zugewandt, die berühmte Schneekuppe bildet. Links davon erhebt sich der zu einzelnen spitzen Zacken zerbröckelte Krater des 5136 Meter hohen Mawensi, der nach dem Kibo der bedeutendste Krater des Kilimandscharogebirges ist und die meiste Zeit im Jahre auch Schnee trägt.
Nach Norden, Westen und Osten ist der Fernblick unbegrenzt. Zumal der Jäger hat hier in der trockenen Jahreszeit, wenn das Wild aus der dann wasserarmen Tiefsteppe in die Hochsteppe hinaufgezogen ist, seine helle Freude. Zebra und Kongoni, untermischt mit Grantgazellen und Tomsen, stehen, wohin das Auge blickt, in großen Herden überall in der Steppe. Elen und Schwarzfersen durchstreifen das hügelige und steinige Vorgelände, und in den trockenen Talmulden weilt das Oryx, der Spießbock. Mit dem Glase – denn sie gehen ungern weit aus der Tiefsteppe heraus – sieht man große Gnuherden. Wilde Strauße zeigen überall ihre runden Körper, und Giraffen, einzeln oder in Familientrupps, schieben, im Paßgange ambelnd, ihre langen Hälse durch die Gegend.
Wenn sie, von einem Löwen erschreckt, ihren Standort plötzlich wechseln und im Galopp abgehen, wirbeln diese Wildherden viel Staub auf. Man muß sich im Kriege davor hüten, in jeder Staubwolke einen marschierenden Feind zu vermuten, sonst käme man aus der Aufregung nie heraus. Die Staubwolke, die eine Truppenkolonne aufwirbelt, ist leicht von der des galoppierenden Wildes zu unterscheiden. Sie liegt niedriger über dem Gelände und zeigt sich dem Beobachter als ein langer, gleichmäßiger, nur nach dem Ende zu immer schwächer werdender Strich.
Vom Lagumishera gesehen, liegt die ganze schöne afrikanische Welt zu meinen Füßen – Berge, Wälder und Steppen. Die schöne, schöne Welt mit ihrem Tierreich ohne Menschen! So ein Fürstentum Birkenfeld übersehe ich mit einem Blick, ohne ein Haus oder auch nur die Hütte eines Eingeborenen zu erblicken. Ich kann mir einbilden, der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde zu sein. Ich freue mich, daß ich dieses Bild noch in mich habe aufnehmen dürfen.
»Siafu!!!«
Die kleine Regenzeit, November und Dezember, war im Jahre 1914 nicht besonders stark gewesen, aber oben im Urwalde doch stark genug, um Milliarden von Siafu, jener großen braunen Ameise, denen das Wasser in ihre gewohnten Schlupfwinkel eindrang, in Marsch zu setzen auf die Suche nach trockenem Quartier. Wer mal im ostafrikanischen Urwalde gelagert hat, kennt sicher den Schreckensruf: »Siafu!!«
Müde hatte ich mich in meine Kamelhaardecken gerollt. Der Boy hatte die Laterne ausgelöscht, die Zelttür geschlossen und, wie jeden Abend, frische Asche vom Küchenfeuer auf den Aschenring gestreut, der das Zelt umfaßte zum Schutz gegen Siafu. Krieg, der den Urwaldboden verabscheute, lag zusammengerollt auf meinen Füßen, und an süßen Frieden denkend schlief ich ruhig ein – denn der Nachtwächter und die Nachtaffen störten mich schon längst nicht mehr.
Plötzlich, mitten in der Nacht, weckte mich Krieg. Wie ein Besessener trampelte er auf meinen Beinen herum und drehte sich dabei wie ein Kreisel um seine eigene Achse. Vor Wut und Angst heulend schoß er dann zur Zelttür hinaus und verschwand im nächtlichen Urwalde. Au! Au! – im selben Augenblick hatten sie mich auch schon beim Wickel. An den Beinen, am Hals, den Rücken rauf da, wo man nicht ankommen kann, überall bissen mich Siafu mit ihren scharfen starken Zangen. Ein Satz, wie ich war, rein in die Badewanne, die, für den Morgen mit kaltem Quellwasser frisch gefüllt, vor meinem Feldbett stand. Dabei schrie ich nach dem Nachtwächter und den Boys aus vollem Halse: »Siafu! Siafu!« Von allen Seiten stürzte Hilfe herbei. Licht wurde gemacht, und da hatten wir die Bescherung! Eine dicke Kolonne Siafu wälzte sich unter der Zeltwand durch, trotz dem Aschering. Sie hatten Besitz ergriffen von allem. Sie hingen schon an der Zeltdecke und ließen sich mir auf den Kopf fallen.
Jetzt begann der Kampf gegen die Siafu mit Feuer und Rauch. Die Boys, die Nachträte und noch einige herzugelaufene Träger fuhren mit brennenden Graswischen über den Fußboden und hüpften dabei schreiend und lachend von einem nackten Bein auf das andere. Ich saß unterdessen im Nachtanzuge im kalten Bade, fror und schimpfte, in ständiger Angst, daß meine Lebensretter mir das Zelt über dem Kopf anzünden würden. Ich suchte mir dabei Siafu ab, die sich so festgebissen hatten, daß sie auch unter Wasser nicht losließen; viele hatten sich derart festgehakt, daß, als ich sie abnehmen wollte, der Kopf abriß und an den Zangen in meinem Fell hängenblieb.
Giftig sind Siafu nicht, auch keine Seuchenüberträger, aber beißen tun sie infam. Ihre Macht liegt in der Zahl der Streiter, die sie zum Angriff verwenden. Kein Tier des Urwaldes oder der Steppe hält ihnen stand; mit Haut und Haaren fressen die Siafu das Tier auf, wenn es ihnen nicht entfliehen kann. Will man einen Elefantenschädel schön sauber gereinigt haben, legt man ihn für einige Tage neben ein Siafunest. Der Elefant aber, der seinen Schädel noch hat, das Nashorn, der Löwe, der Leopard, der Büffel, die Riesenschlange, um von kleineren Tierarten gar nicht zu sprechen, alle nehmen sie Reißaus vor den Siafu, alle haben sie in ihrer eigenen Sprache den Schreckensruf: »Siafu! Siafu!«
Wohl eine gute halbe Stunde – die Zähne fingen mir schon an zu klappern – saß ich in der Badewanne, ehe Rauch und Feuer die Siafukolonne bewog, ihre Marschrichtung nicht weiterhin durch mein Zelt zu nehmen. Nachdem noch alle einzelnen Bestandteile meines Lagers sorgfältig abgesucht waren, beendete ich mein übereiltes Morgenbad in der üblichen Weise, zog einen trockenen Schlafanzug an und kroch in meine Decken zurück. Der Morgen dämmerte schon, als Krieg wiederkam und sich vorsichtig auf meinen Füßen aufrollte. Er schämte sich sehr – denn er hatte das eklige Gefühl, seinen Herrn in der Stunde der Gefahr im Stich gelassen zu haben.
Krieg hatte Rasse und damit Schneid. Kaum fünf Monate alt, hat er schon auf der Jagd allein einen angeschossenen Kongonibullen gestellt. Wenn er sich auch noch recht ungeschickt dabei benahm und mehrere Male vom Bullen umgekollert worden war, so ging er doch unverdrossen immer aufs neue zum Angriff über. Sechs Monate alt, hat Krieg schon vor der Treiberkette einen Koongo nach Löwen abgesucht. Um so mehr wurmte es ihn, daß eine unüberwindliche innere Gewalt ihn zwang, vor Siafu auszureißen. Ich habe ihn dabei beobachten können; denn ich erlebte auch bei Tage Siafuüberfälle. Eine Weile pflegte Krieg sich zu wehren, er zog die Siafu einzeln aus seinem Pelz und biß sie tot. Aber was nützte das! Wenn er zehn erledigt hatte, saßen hundert mehr zwischen seinen Zehen, unterm Bauch und in den Nasenlöchern. Ja die, an denen er vorbeigebissen hatte, waren ihm sogar ins Maul gekrochen und hatten sich unter der Zunge oder im Zahnfleisch festgehakt. Konnte ich Krieg helfen, dann kam er zu mir, sprang an mir hoch und ließ sich mit der Geduld, die er unter den Umständen aufbringen konnte, wenn es überall zwickt, die Siafu absuchen. Konnte ich ihm nicht helfen, d. h. war ich selbst in heller Not, dann stieß Krieg ein langes klagendes Geheul aus und sauste ab. Wo er dann blieb und wie er die Siafu los wurde, weiß ich nicht. Wenn er endlich wiederkam, war er schämig und bockig. Er schämte sich, mich verlassen zu haben, und er ärgerte sich über mich, weil ich ihm nicht geholfen hatte. In diesem seelischen Konflikt konnte Krieg stundenlang in einer Ecke sitzen, mich, ohne mit den Augen zu blinken, anstarren und bocken.
Wenn man die Bienen mit einem Arbeitsvölkchen vergleicht, so darf man die Siafu auf der Reise nach trockenen Nestern oder nach neuer Nahrung mit einer wohlorganisierten Armee auf dem Marsche vergleichen. Sie marschieren in dicht geschlossenen Gruppenkolonnen. Hinter jeder Halbkompanie marschiert ein fetter Feldwebel, doppelt so groß und stark wie die Soldaten. Fußkranke und Nachzügler leidet er nicht, und seine starken Zangen sorgen dafür, daß ein gleichmäßiges Marschtempo innegehalten wird. Klappt ein Soldat zusammen, dann fressen ihn seine Kameraden im Weitermarsch auf und der Feldwebel jagt von hinten einen neuen Mann an seine Stelle. Lücken dürfen in der Kolonne nicht entstehen. Rechts und links, dicht neben der Kolonne, etwa bei jeder zehnten Gruppe, marschieren ebenfalls besonders starke Unteroffziere, die, wie die Feldwebel, Gewalt über Leben und Tod haben. Wehe dem Soldaten, der ohne Befehl die Kolonne verläßt! Auch er wird sofort auf Konto Marschproviant als restlos verbraucht gebucht.
Vor der Marschkolonne marschiert im Eilschritt, oft in Laufschritt übergehend, weit ausgeschwärmt die Spitzenkompanie, und auf beiden Seiten der Kolonne sind Seitendeckungen in großer Zahl herausgeschoben. Ständig treffen Meldungen von der Spitze und den Seitendeckungen ein, und im Marsch-Marsch laufen Befehlsempfänger rückwärts und vorwärts an der Marschkolonne entlang, um jede wichtigere Meldung bekanntzugeben. Unaufhaltsam wälzt sich inzwischen die Siafuarmee weiter. Vor zwei Stunden beobachtete ich die Spitze – noch ist kein Ende der Heeressäule zu sehen.
Begeben wir uns zur Spitzenkompanie. Anscheinend sehr aufregende Meldungen sind dort eingelaufen. Ein Bataillon Pioniere ist im Laufschritt vorgegangen. Der Grund der Erregung liegt klar zutage. Eine Wasserfurche vom letzten Regen her, dreißig Zentimeter breit, hat die Spitze aufgehalten. Der Spitzenführer hat bereits rechts und links nach einer Furt oder einem als Brücke dienenden Stück Fallholz in aller Eile suchen lassen. Vergebens. Also: Pioniere vor! Acht starke Pioniere halten sich mit ihren Beinen neben- und aneinander fest und nehmen mit ihren Zangen firmen Halt am Ufer. Weitere acht Pioniere klettern schon über sie weg und halten sich, untereinander fest verkettet, mit steifen Zangen an den ersten acht. So bauen sie immer weiter, bis in fabelhaft kurzer Zeit die dreißig Zentimeter Wasser von einer lebenden Brücke überspannt sind. Kaum ist die Verbindung mit dem andern Ufer hergestellt, die Brücke dort gut verankert und stramm angezogen, so ist die Spitzenkompanie auch schon hinüber. Eiligst schwärmt sie aufs neue aus, um die verlorene Zeit wieder einzuholen. Die Heeressäule, die keine Sekunde im Marsche aufgehalten wurde, beginnt sich über die Brücke zu wälzen. Zwei, drei Stunden mag der Übergang dauern – die Pioniere halten fest. Ersoffen, zertrampelt mögen sie sein – los lassen sie nicht.
Diese organisierten Marschbewegungen der Siafu haben mich stets sehr interessiert. Stört man sie nicht in ihrem Vorhaben, dann kann man sie in aller Ruhe aus allernächster Nähe beobachten. Solange sie auf dem Marsche sind, nehmen sie von Mensch und Tier nur nebenher Notiz. Wieder und wieder laufen mir die Soldaten der Seitendeckung über die Stiefeln und stürzen davon, um meine Gegenwart der Heeresleitung zu melden. Weiter passiert nichts, denn die Heeresleitung hat andere Pläne. Ließe ich es mir aber einfallen, z. B. mit meinem Stock die Marschkolonne ernstlich zu belästigen, d. h. mehr Soldaten totzuschlagen, als die Kameraden im Weitermarsch bequem auffressen könnten, dann würde ein Angriff auf mich befohlen werden. Wie sie sich entwickeln und unter Führung der dicken Feldwebel schwärmen, kann ich eventuell noch mit ansehen. Ehe es zum Sturmangriff kommt, hat sich der erfahrene Beobachter aber bereits verdrückt. Gegen Siafu kann man nur mit Feuer und starkem Rauch kämpfen. Andere Waffen gibt es nicht. Schlüge man mit einem Spaten oder Brett Hunderttausende tot, ebenso viele Millionen würden den Angriff erneuern, und zwar so lange erneuern, bis dem Bedrängten die Arme müde zur Seite hängen.
Auf Grenzwacht
Meine dienstliche Aufgabe war, die ausgestellten Feldwachen zu kontrollieren sowie Beobachtungspatrouillen auszuschicken. Beides war militärisch wenig erfreulich, denn die Massai waren keine willigen Soldaten. Besonders die fernliegenden Feldwachen liebten sie nicht; entweder sie gingen gar nicht erst hin oder sie verließen die Wache, lange bevor die Ablösung ankam. Erst als ich anfing, sie wegen Wachvergehen zur Prügelstrafe niederlegen zu lassen, wurde der Dienst etwas ernster genommen. Meine Versuche, Massai zu selbständigen Beobachtungspatrouillen zu verwenden, scheiterten gänzlich. Sie weigerten sich, allein über die Grenze zu gehen. Wenn ich selbst sie auf meinen Patrouillenritten mitnahm, mußte ich die ganze Zeit über aufpassen wie ein Schießhund, daß sie mir nicht ausrissen – ohne Massai kam ich als Schleichpatrouille stets weiter vorwärts als mit ihnen.
Das wurde mit einem Male anders, als Kommandant Krantz sich der Sache persönlich annahm. Er war inzwischen aus der Truppe entlassen worden und hatte als Zivilist einen Vertrag mit der Militärbehörde gemacht. Gegen ein Fixum von tausend Rupien per Monat organisierte er nun am Telephonhügel den Massainachrichten-, -aufklärungs- und -spionagedienst mit altem Eifer. Er schickte seine Massaispione allein auf Patrouille mit dem Erfolge, daß die aufregendsten, wildesten Dinge berichtet wurden. Gegen solche Resultate fiel die Tätigkeit meiner Massai natürlich sehr ab. So erschien er bei mir zur Inspizierung.
Als ich eines Abends von Patrouille zu meinem Urwaldlager zurückkam, lag Krantz zu meiner Überraschung dort unter einem Baum und erwartete mich. Er aß mit mir zu Abend, rollte auf und organisierte in bekannter Weise, sprach viel von seinen bemerkenswerten Erfolgen und ritt endlich im Mondschein mit den sechs ihn als Leib- und Ehrenwache begleitenden Ilmuran wieder ab, nachdem sein Erzspion, ein Deutsch sprechender Massai, einige meiner Massai stundenlang instruiert hatte.
Schon am nächsten Morgen zeigte sich der Erfolg. Als ich meine Massai fragte, wer eine Patrouille von drei Tagen zum englischen Namangalager am Erok laufen wolle, um Truppenbewegungen zu beobachten, meldeten sich sofort mehrere Ilmuran. Es war dies etwas auffällig, weil sich noch tags zuvor alle Massai einstimmig geweigert hatten, allein auf Patrouille zu gehen. Krantzens Vertrauensmann mußte doch mächtig auf ihren Patriotismus gewirkt haben! Daß diese Wirkung sich auf die beschränkte, auf die er eingewirkt hatte, war ja schließlich erklärlich. Aber es war doch merkwürdig, daß in Zukunft immer nur ein Teil meiner Massai freiwillig und allein auf Fernpatrouille ging. Es waren immer dieselben Leute, während der größere Teil sich nach wie vor weigerte, allein auf Patrouille zu gehen.
Die Meldungen, die meine neu umgebackenen Spione brachten, wurden nun ebenfalls von Tag zu Tag wilderer Natur. Zuletzt konnte man die Länge der feindlichen Truppenkolonnen, die vom Erok zum Longido marschiert sein sollten, nur noch mit einem Kilometermaß messen. Jedesmal, wenn die Spione zurückkamen, hätte ich an die Abteilung melden können: »Heute wieder fünf Kilometer!« Schade, daß ich meinen Ilmuran so gar nicht traute und in allen meinen Berichten die Unwahrscheinlichkeit der Massaimeldungen betonte. Ich wußte nach meinen eigenen Beobachtungen, daß etwa achthundert Mann feindlicher Truppen den Longido besetzt hielten – nach den Meldungen der Massai hätten es etwa fünfzigtausend sein müssen. Aber vorläufig glaubte man ihnen mehr als mir.
Inzwischen hatte ich mein Urwaldlager wiederholt auf andere Waldwiesen verlegt, da ich den Gedanken, daß meine Massai mich verraten könnten, nie ganz los wurde. Wenigstens wollte ich es dem Feinde erschweren, nachts mein Lager zu finden. Die ersten Kriegsweihnachten hatte ich im Urwald verlebt, Neujahr lag hinter mir und Kaisers Geburtstag wurde gefeiert. Das Hoch auf unsern obersten Kriegsherrn hatten wir in selbstgebrautem Honigbier ausgebracht. Ungemein solide war diese Feier überall verlaufen; denn wir befanden uns schon in der alkohollosen Zeit des Krieges. Das war aber recht gut. Denn die Engländer hatten damit gerechnet, daß alle unsere Vorposten am 28. Januar einen Bombenkater haben würden, und suchten an diesem Morgen an der ganzen Front alle unsere Vorposten durch starke Kampfpatrouillen gewaltsam aufzuklären.
Schon vor Tagesgrauen waren sie in meinem vor wenigen Tagen verlassenen Urwaldlager gewesen. Als sie dies leer gefunden hatten, waren sie zu dem etwa drei Viertel Stunden entfernten Gehöft hinuntergeritten. Uns alarmierte einer unserer Massai mit der Meldung: »Sehr viele Feinde im Gehöft!« Pfützner und ich eilten, um zunächst einen Überblick zu gewinnen, auf den Gipfel des Hufeisenberges – da sahen wir mit dem Feldglase die Engländer gerade abreiten; es waren achtzehn Reiter mit fünf Massailäufern.
Wir ritten nun zum Gehöft hinunter und »rekonstruierten das Verbrechen«, wie Sherlock Holmes sagen würde. Dies war höchst einfach; denn die Spuren waren alle noch frisch. Vom Norden her, genau über den Fleck, wo meine Massaifeldwache hätte stehen müssen, wenn sie der Instruktion gefolgt wäre, war die englische Patrouille angeritten. Am Wasser beim Gehöft, das zu beobachten die Massaifeldwache am Gehöft strengen Befehl hatte, hatten sie getränkt. Dann waren sie zu meinem kürzlich verlassenen Urwaldlager hinauf- und wieder zum Gehöft heruntergeritten und hatten schließlich auf der Baraza des Herrenhauses gefrühstückt – eine leider leere Sardinenbüchse zeugte noch davon.
Ich glaube zwar nicht, daß meine Massai den Feind an diesem Tage geführt haben, denn dann würden die Engländer nicht mein eben verlassenes Urwaldlager aufgesucht haben. Aber aus der Tatsache, daß dem Feinde mein altes Lager bekannt war und daß keine der Feldwachen funktionierte, ist zu schließen, daß einige meiner Massai mit den englischen Massai Shauri moja [gemeinsame Sache] gemacht haben. Sie hatten letzteren mein Urwaldlager verraten und sich während des Überfalles passiv verhalten, mit Ausnahme des einen, der uns die erste Meldung brachte. Es war unser Glück, daß die Wissenschaft der englischen Massai um einige Tage veraltet war. Im Engare Nairobilager glaubte auch nach meiner Meldung über diesen Vorfall noch niemand daran, daß die Massai Verräter seien.
Ich persönlich hatte in jenen Tagen einen Abschiedsschmerz – die fromme Helene wurde zur Infanterie versetzt. Ich erhielt dafür ein trotz hohen Alters flottes Maultier, das wegen seiner charakteristischen Unterlippe Alphons genannt wurde. Am Longido von den Engländern erbeutet, war Alphons, nach seinen Zähnen zu urteilen, hoch in den Zwanzigern. Seine Eselunarten hatte er gänzlich abgelegt. Wenn ich absaß und zu Fuß ging, lief Alphons mir nach wie ein Hund, auf Befehl blieb er so lange geduldig stehen, bis ich ihn wieder abholte. Alle seine Gangarten waren die eines Pferdes – nur wenn er sehr müde wurde, trabte er wie ein Esel und hielt es dann in dieser Gangart noch stundenlang aus. Ich habe wenige Maultiere kennengelernt, die alle Eigenschaften eines gut trainierten Patrouillentieres so in sich vereinigten wie Alphons.
Mein Alphons war also ein Beweis dafür, daß Maultiere zu zuverlässigen Patrouillentieren erzogen werden können. Die Maultiere meiner Kompanie freilich, die ja nicht regelrecht als Remonten eingestellt, sondern von überallher zusammengesucht waren und für deren vormilitärischen Mangel an Erziehung die Kompanie nicht verantwortlich war, blieben, wenn sie auch noch soviel lernten, doch immer bis zu einem gewissen Grade unberechenbar. Gelegentlich, und zwar gewöhnlich dann, wenn es am wenigsten paßte, verfielen sie wieder in ihre Eselunarten. Deshalb mag das Maultier, verglichen mit dem Pferd, für eine ostafrikanische berittene Truppe, deren Notwendigkeit der Krieg erwiesen hat, gewisse Nachteile haben. Und besonders in der Reitbahn und auf dem Exerzierplatze wird es sehr gegen das Pferd abfallen.
Auf der andern Seite hat aber das Maultier – gemeint ist ja immer der Maulesel – viele Vorzüge. Lange Patrouillen – die längste, die ich mitgeritten, dauerte fünf Wochen –, auf denen man Reittierverpflegung nicht mitnehmen kann und die Tiere sich in den kurzen Rastpausen von während der Trockenheit spärlichem, strohgelbem Gras zu nähren haben, haben die Maultiere stets besser überstanden als die Pferde. Im gebirgigen und steinigen Gelände tritt das Maultier viel sicherer als das Pferd mit europäischem Blut in den Adern, auch kann es schmale Eingeborenenpfade oder Wildwechsel viel leichter einhalten als ein breitspuriges Pferd. Endlich nutzen sich ihre kleinen harten Hufe auf hartem Boden lange nicht so schnell ab als die der Pferde besserer Zucht, wenn beide, wie es bei uns im Kriege der Fall war, unbeschlagen sind. Gegen Pferdesterbe und Tsetse ist das Maultier zwar auch nicht immun, aber doch viel widerstandsfähiger als ein Pferd mit nur einem Tropfen europäischen Blutes. Als ich nach zwei Kriegsjahren gefangen wurde und wir die gesunde Gegend des Nordens längst verlassen hatten, hatten wir bei der Kompanie noch eine ganze Anzahl Maultiere und Somaliponys, mit denen wir schon in den Krieg gezogen waren, aber außer der Fohlenstute Sophie kein einziges unserer ursprünglichen Pferde besseren Blutes mehr. Alle waren der Tsetse und Sterbe zum Opfer gefallen. Noch mit am längsten hatte mein Halbbluthengst Otto ausgehalten, der mir später zugeteilt wurde; er war in Afrika geboren, halb Araber, halb Ostpreuße.
Unsere Kavallerie braucht englische Reittiere