Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 17

Chapter 173,605 wordsPublic domain

Bei dieser Gelegenheit habe ich übrigens feststellen können, daß es bei mir mehr als 40 Bienenangeln im Leibe bedarf, ehe ich den Sinn für Humor verliere. Trotz der angeschwollenen Augen und schmerzenden dicken Lippen habe ich doch herzlich über folgendes Intermezzo lachen müssen: Der Schütze Bieleck war, ohne sich um sein Tier zu kümmern, im ersten Schreck nicht den Hügel hinunter-, sondern hinaufgelaufen; den Woilach, auf dem er gerade ruhte, hatte er mitgenommen. Als wir eine ganze Weile später am Fuß des Hügels damit beschäftigt waren, die zurückkommenden Reittiere einzeln einzufangen, kündigten den steilen Hügel herabrollende Steine an, daß von oben noch was kommen würde. Und siehe – ein Berggeist kam am hellichten Nachmittage den Hügel herab. Bieleck ist klein, so klein wie ein Mensch nur sein kann, ohne in die Gattung Zwerg eingeschaltet werden zu müssen. Nun hatte er sich, wohl zum Schutz gegen die Bienen, die inzwischen längst weg waren, seinen langen Woilach über den Kopf gehängt, so daß er selber nichts sehen konnte und die Woilachenden vorne und hinten auf der Erde schleppten. Beim Abwärtslaufen trat er nun bald vorne auf den Woilach und kollerte ein Stück weiter, bald vertüderten sich seine langen Rittersporen hinten im Woilach, und er schoß einige Purzelbäume, um dann wieder weiterzulaufen. So rollte, stolperte, sich alle paar Schritt überschlagend, begleitet von einem Hagel losgelöster Steine, unser Berggeist wie eine Lawine heran und schrie dabei in einer unter der dicken Decke geisterhaft klingenden Stimme: »Ich sterbe! Ich sterbe! Ich bin schon tot!« Als Bieleck endlich unten angekommen und in sich zusammengesunken war, schauten wir uns das Klümpchen Unglück näher an. Wie gesagt, der Bienenschwarm war längst fort, aber Bieleck hatte sich gleich zu Anfang so’n Stücker sechs bis acht Bienen unter seinem Woilach eingefangen, die nun auch nicht wußten, wie sie da wieder rauskommen sollten. Unter ihrem zornigen Gesumme war Bieleck, selbst in Nacht gehüllt, auf dem Hügel herumgeklettert und jetzt zu uns heruntergesaust – immer noch im Wahne, daß der ganze Schwarm hinter ihm allein her sei.

Da ich gerade bei Bieleck bin und mich liebend gerne bei ostafrikanischen Charakterstudien aufhalte, will ich an dieser Stelle noch ein paar Stückchen von ihm erzählen. Bieleck hatte sich bei Kriegsausbruch zur berittenen Truppe gemeldet, weil er sich einbildete, früher mal »Cowboy« in Zentralamerika gewesen zu sein. Als ihn zum Schluß der ersten Reitstunde der Kompanieführer darauf aufmerksam machte, daß in einer Reitstunde zehnmal abzufallen sich mit dem Begriff, den er sich vom Cowboy mache, schlecht vereinigen lasse, antwortete Bieleck: »Halten zu Gnaden, Herr Kapitänleutnant, ich bin halt nur fünfmal abgefallen, die andern fünfmal bin ich noch rechtzeitig an meinen Sporen oben hängengeblieben.«

Kurz vor dem Kriege reiste Bieleck in der Landschaft Usukuma. Warum er dort reiste, weiß auch heute nur er allein. Jedenfalls reiste er als Großgrundbesitzer und trug sein Haar in langen schwarzen Locken, wahrscheinlich, um wenigstens etwas Langes an sich zu haben. Zwei spätere Kompaniekameraden von ihm und mir, die auf Viehsafari auch in Usukuma reisten, erfuhren in einem Negerdorf, daß im nächsten Dorf ein ganz kleiner Mzungu [Europäer] wohne. Richtig! als sie zum nächsten Dorf kamen, fanden sie dort einen Lehmkaten mit der obligaten Veranda davor. Auf der Veranda, die Stirn in Denkerfalten gezogen, anscheinend in die Lektüre eines Buches vertieft, saß Bieleck, der sie natürlich bereits eine Stunde lang auf der Straße hatte ankommen sehen. »Ah, meine Herren, welche Überraschung! Freut mich, daß Sie mich besuchen. Freut mich sehr. Bitte, nehmen Sie Platz. Habe hier Land belegt. So’n kleines Fürstentum groß. Will viehfarmen. Zentralamerikanische Erfahrungen verwerten« – so sprudelte es von den Lippen des kleinen langhaarigen Gastgebers. »Auch auf Viehkauf?« Ein Wort gab das andere, und die beiden Viehkäufer beklagten sich, daß es so schwer sei, in Usukuma Träger zu bekommen. »Was«, rief Bieleck, »schwer? Nichts leichter als das. Ich bin alter Afrikareisender – Bieleck war damals 21 oder 22 Jahre alt – weiß Bescheid, machen Sie’s wie ich! Wenn ich keine Träger kriegen kann, weil die Männer sich verdrückt haben, gehe ich in ein Negerdorf und greife mir 18 Frauen. Reise nach meinem Stande in einigem Staat, wie Sie sehen. War früher beim Gouvernement, habe es mir da so angewöhnt; freilich, Anspruch auf Nachtgeschirr _mit_ Deckel hatte ich noch nicht. Zehn Frauen packe ich je eine Last auf, und acht, immer vier abwechselnd, müssen mich im Liegestuhl hinterhertragen. So übersehe und bewache ich bequem das Ganze. Wenn ich in dieser Weise eine Stunde marschiert bin, dann kommen die Männer der Frauen mir ganz von selbst nachgelaufen und bieten sich zu Trägerdiensten an. ›Seht ihr wohl‹, sage ich zu ihnen, ›es gab also doch Träger in eurem Dorf. Nun, bis zum nächsten Dorf müßt ihr mit, sonst nehme ich eure Frauen mit. Im nächsten Dorf löhne ich euch ab.‹ Sie gehen mit, glauben mir aber natürlich nicht, daß ich sie im nächsten Dorf entlassen werde. Kaum sind wir dort angelangt, bimsen sie aus, und ich spare die Trägerlöhne. So reist man bequem und billig in Afrika, meine Herren.«

Der also in Staat reisende Großgrundbesitzer Bieleck kam zur Truppe zu Fuß ohne die langen Locken und bescheiden mit nur einem Träger. Dieser trug eine alte Petroleumkiste auf dem Kopf, in der sich eine Sammlung von Hotelspeisekarten aller Herren Länder befand.

Daß Bieleck sich gleich zur Schutztruppe meldete, ist gewiß anzuerkenen, aber im Gefecht hatte er doch so seine eigene Taktik. Als die Berittene Neunte am 6. Februar 1916 im Gefecht am Nagasseni über eine größere baum-, strauch- und graslose Fläche im feindlichen Feuer in Sprüngen vorging und mit dem Ungestüm ihres Führers kaum Schritt halten konnte, waren Bieleck und Bana matunda Nachbarn in der ausgeschwärmten Schützenlinie. Nach dem ersten Sprung schmiß sich Bana matunda auf den Bauch – denn natürliche Deckung gab es nirgends – und schoß mit gespreizten Beinen liegend. Kaum hatte er den zweiten Schuß heraus, da krabbelte ihm was zwischen den Beinen, und als er sich vorsichtig umsah, hatte sich Bieleck dort eingenistet. Ehe Bana matunda seine staunende Entrüstung in Worte fassen konnte – der Augenblick muß sehr kurz gewesen sein, denn Bana matunda war sonst nicht auf den Mund gefallen –, hieß es bereits wieder: »Sprung auf! Marsch! Marsch!« Nach diesem Sprung legte sich Bieleck richtig wieder zwischen die Beine von Bana matunda, und dieser fand diesmal zwischen seinen Schüssen die Zeit, ihm einige Kosenamen an den Kopf zu werfen und Fußtritte zu verabreichen. »Halten zu Gnaden«, sagte der ganz bestürzte Bieleck, »wir sind instruiert, jede Deckung auszunutzen, und eine bessere Deckung kann ich in diesem parkettfußbodenähnlichen Gelände nicht finden.«

Bieleck war auch mal interimistisch als Gerichtsvollzieher in Tabora angestellt. Warum er diesen Posten verlor, hat er mir selbst erzählt: »Halten zu Gnaden, Herr Obristwachtmeister, ich war mein ganzes Leben lang immer schlecht bei Kasse, auch noch, als ich Kolonialbeamter war. Komme ich da eines Tages auf das Büro meines Bezirksrichters, um ihm nach einer vollzogenen Pfändung das bezügliche Aktenstück zu überreichen. Mein Bezirksrichter liest halblaut und murmelt: ›Urteilsschuldner Bieleck, hm, den Namen sollte ich kennen.‹ – ›Jawohl, Herr Bezirksrichter‹, sage ich, ›das bin ich.‹ – ›Was!‹ ruft der Bezirksrichter, ›Mensch, Sie haben sich selbst gepfändet?‹ – ›Kleinigkeit‹, sage ich, ›machen wir alles. Ich ging auf meine Bude, fand nichts Pfändbares und habe, wie Euer Gnaden sehen, hier unten auf dem Aktenstück über den Befund mit »Bieleck, Gerichtsvollzier« urkundlich quittiert. Alles in schönster Ordnung, Euer Gnaden.‹ Der Bezirksrichter wollte das nicht für voll nehmen, und ich wurde entlassen, nur weil mein Name zweimal in derselben Gerichtsakte vorkam. So kann’s einem gehen, Herr Obristwachtmeister. Hab’ die Ehr’, Herr Obristwachtmeister.«

Wenn Bieleck dazu aufgelegt war und abends am Lagerfeuer erzählte, saß bald die halbe Kompanie um ihn versammelt und lachte sich gesund. Bieleck hatte eine helle Phantasie, er war unser moderner Münchhausen.

Der Todesritt der Berittenen 9. Schützenkompanie

Wir mußten zurück. An der Kondoafront, die unser Oberst nun schon drei Monate hielt, stand es zwar nach wie vor gut. Aber die neue Stellung, die Major Kraut bei Kanga, nördlich von Tuliani, besetzt hielt, wurde jetzt durch überwältigende feindliche Übermacht bedroht. Kanga und Tuliani waren aber die Schlüssel zu Morogoro und somit zur Mittellandbahn, und wenn diese beiden fallen würden, war es unmöglich, die Kondoastellung länger zu halten. So entschloß sich unser Oberst, letztere zu räumen, um den Feind vor Morogoro nochmals kräftig aufzuhalten. Am 22. Juni 1916 brach er von der Kondoafront auf und war auf dem Durchmarsch eine Stunde bei uns im Lager am Kwa-Handu-Paß. Hier habe ich unsern Oberst zum letztenmal im Kriege gesehen – der heroischste Teil seines Heldenkampfes lag damals noch vor ihm.

Ich sage immer: »unser Oberst«, als wenn ich nicht wüßte, daß v. Lettow-Vorbeck im Kriege noch General geworden ist. Ich weiß das sehr wohl, wir Afrikaner wissen es alle, aber keiner von uns spricht von ihm anders als von »_unserm_ Oberst«, mit der Betonung auf dem besitzanzeigenden Fürwort. Einen schöneren Ehrentitel kann sich kein Mensch erwerben.

Übrigens werden die Engländer sehr erleichtert aufgeatmet haben, als unser Oberst zum Generalmajor befördert wurde. Es war doch etwas peinlich für die zehn bis siebzehn feindlichen Generäle in Ostafrika, daß ihr nie zu schlagender Gegner nur ein Oberst war. Sie nannten ihn daher auch schon lange vor seiner Beförderung in ihren Berichten stets General v. Lettow. Ebenso gereichte es ihnen zur größten Befriedigung, daß der General Wahle (der auf einer Reise in Afrika durch den Kriegsausbruch überrascht worden war) auf unserer Seite mitkämpfte. Und um unsern Besitzstand an Generälen noch um ein weniges auszugleichen, nannten sie den im Gefecht am Ingito schwer verwundeten und seitdem beim Kommandostabe tätigen Hauptmann Tafel sowie den Oberleutnant Naumann, der ihnen viel zu schaffen machte und zu einer Zeit, als die Engländer bereits die Mittellandbahn genommen und überschritten hatten, plötzlich in ihrem Rücken bei Kahe an der Nordbahn auftauchte, General Tafel und General Naumann. Sogar ein in Gefangenschaft geratener Waffenrevisor, dessen Rangabzeichen die Engländer nicht verstanden, wurde von ihnen einige Tage als General angeredet und behandelt. Persönlich erlebte ich es, daß die Engländer den früheren Polizeiwachtmeister Kleinschmidt, der die Großstadt Dodoma im Namen des Bezirksamtmannes übergeben hatte, Mr. Burgomaster titulierten und sehr stolz darauf waren, diesen kleinen, dicken, lieben Herrn überall als wichtige Persönlichkeit zeigen zu können.

Schon einige Tage vor und mehrere Tage nach dem 22. Juni kamen ununterbrochen Askarikompanien durch den Kwa-Handu-Paß. Staffelweise und nur in der Nacht wurde vor Kondoa abgebaut, damit die feindlichen Flieger es nicht beobachten konnten. Das ist dermaßen gut gelungen, daß des Feindes Artillerie unsere alten Stellungen vor Kondoa noch beschoß, als sie schon mehrere Tage verlassen waren und nur noch einige Gruppen Askari allnächtlich auf der ganzen alten Front Lagerfeuer unterhielten.

Während der Rückzugsbewegungen war es die Aufgabe der deutsch-ostafrikanischen Kavallerie, den Rückmarsch zu decken. Wir gingen vom Kwa-Handu-Paß bis zum Keremabach vor und nahmen dort die letzten Askarikompanien auf, als allerletzte die 14. Reservekompanie, die wegen ihrer Standhaftigkeit und ausdauernden Marschleistungen »die Eiserne« genannt wurde. Bis zum andern Morgen hielten wir den Übergang über den Keremabach besetzt, und erst, als dann immer noch kein Feind nachdrückte, ritten wir zum Kwa-Handu-Paß zurück. Hier warteten wir, zusammen mit der Abteilung Klinghardt, der wir einstweilen zugeteilt waren, weiter auf den Feind, und da das bald so langweilig zu werden anfing, daß Streitpatiencen bereits wieder herhalten mußten, stießen wir noch einmal weit nach Nordosten vor, bis zum Kwa-Damas-Hügel bienenabenteuerlichen Angedenkens. Als auch hier nichts vom Feind zu sehen war, rückte die ganze Abteilung – wir als Nachhut – vom Kwa-Handu-Paß auf der alten Kondoa-Mpapua-Straße nach Süden ab.

Unser nächster längerer Aufenthalt war in Yangallo, einem Negerdorf etwa 25 Kilometer nordwestlich von Mpapua. Von hier aus wurde, um die Anmarschlinie von Norden her zu sichern, ein ständiger starker Posten in dem großen Negerdorf Tissu Kwa Meda unterhalten. Ich habe mit meiner Kompanie auch sechs Tage dort gelegen und dabei die Ehre gehabt, den alten Sultan Meda der hier ansässigen Wagogo kennenzulernen.

Meda war ein großer, sehr korpulenter Herr, sein wolliges Haar schimmerte bereits ganz weiß. Er nahm uns mit Würde und freundlich auf. Seine Auffassung über die durch den Krieg geschaffene politische Lage seines Sultanats brachte er, etwa wie folgt, zum Ausdruck: »Als vor Jahren die Massai uns bekriegten und unser Vieh raubten, habt ihr Deutschen uns geholfen und Ordnung geschaffen. Meine eigene Großviehherde ist seitdem wieder auf 2000 Haupt angewachsen. Ich habe sie – das schob Meda mit einem schelmischen Blick in seinen Augen ein – in lauter kleine Herden eingeteilt und diese überall in meinem Sultanat im Busch versteckt; die Zeiten sind danach. Da ihr Deutschen – fuhr er fort – uns seinerzeit geholfen habt, habe ich meinen Untertanen befohlen, euch gut aufzunehmen und zu verpflegen und nichts gegen euch zu unternehmen. Mehr kann ich nicht tun. Wir sind zu schwach, um für euch zu kämpfen. Wenn ihr weg seid und die Engländer kommen hierher, dann werde ich meinen Untertanen befehlen, auch sie gut aufzunehmen und zu verpflegen. Wir werden aber auch nicht mit ihnen gegen euch kämpfen.«

Mir schien der alte Meda trotz der vielen Pombe, durch deren lebenslänglichen reichlichen Genuß er sich seinen schönen Schmerbauch angezüchtet hatte, für einen Negerfürsten eine sehr gesunde Politik zu betreiben, und da ich Befehl hatte, für alles, was die Eingeborenen uns brachten, nicht mit Papiergeld, sondern in klingender Münze zu zahlen, kamen wir mit seinen Untertanen ganz vorzüglich aus. Wir hatten einige Tage Fettlebe. Die Gegend war noch nie von Truppen abgegrast worden, und keine Etappe hatte noch je ihre Fühlhörner bis hierher ausgestreckt. Unsere Tiere bekamen Mtamakorn, soviel sie fressen wollten. Alles war spottbillig. Eine Ziege kostete 50 Heller, ein fettes Schaf 1 Rupie, ein fetter zweijähriger Ochse 4 Rupien, ein Huhn 10 Heller, das Ei 1 Heller, Honig gar nichts, und soviel Milch, wie es für 10 Heller gab, konnte ich in einem Tage unmöglich trinken. Wir haben uns von dem guten alten Meda und seinen von ihm organisierten weiblichen und daher höchst malerischen Verpflegungskolonnen alle sehr ungern getrennt.

Von Yangallo nahm uns die Abteilung Klinghardt mit zurück zu dem alten Karawanenzentrum Mpapua. Das Hauptereignis der vier oder fünf Tage, die wir da gelegen haben, war, daß wir einige fette Schweine schlachteten und alle unsere Blechbüchsen und Gläser mit Schmalz auf Vorrat füllten. Hocherfreulich war es, daß es in Mpapua auch Schneider gab, die unser Gelumpe notdürftig reparieren konnten. Ich habe meinen einzigen Uniformrock, der mir, nebenbei gesagt, viel zu klein war, dort mit vier Taschen besetzen lassen; denn im Original hatte der Rock merkwürdigerweise überhaupt keine Taschen. Da der Khakistoff der Taschen, den mir ein wohlhabenderer Kamerad geschenkt hatte, viel heller war als der Stoff des Rockes, sah ich von vorne allerliebst scheckig aus und von hinten, wegen der Kürze des Rockes, wie ein Junge in schweren Reithosen – Wellblechhosen wurden sie genannt –, der aus seinem kurzen Jäckchen seit einigen Jahren herausgewachsen ist. Na – die Eleganz eines Etappesoldaten konnte von uns billigerweise nicht verlangt werden.

Bei Mpapua lagerte meine Kompanie ganz für sich, etwas oberhalb der Boma und der Inderstadt. Wir hatten uns schon ganz in den Gedanken eingelebt, daß der Feind nie mehr nachkommen würde, und fingen sogar bereits an, Grashütten, wenn auch man ganz, ganz bescheiden, zu bauen. Die Lage unseres Lagers war höchst romantisch, unter schönen alten Bäumen in einem Flußkoongo, das vor uns mit einem Berge abschloß, also gewissermaßen in einem Talkessel. Zur Erhöhung der Romantik bewohnte ein seiner Stimme nach uralter Mähnenlöwe ebenfalls diesen Talkessel.

Der Mond ist aufgegangen, ein zitronengelber afrikanischer Mond, und sucht mich unter dem Blätterdach der Bäume, wo ich, mit dem Kopf auf dem Sattel liegend, meinen Gedanken nachgehe. Neben mir stehen meine beiden Reittiere, mein neuer hochbeiniger südafrikanischer Fuchswallach und mein kleines, schnittiges Maultier. Sie fressen ihr Mtamakorn und nehmen zwischendurch ein Maulvoll von dem ihnen vorgeworfenen Gras; der Fuchs, der Nachfolger von Otto, und das Maultier sind schnell Kriegskameraden geworden und vertragen sich gut. Von Mpapua her, wo die Neger tanzen, erklingen fern die Töne der Ngoma [Trommel], näher, in unserm Lager, dort, wo der Askarizug liegt, höre ich meine schwarzen Kameraden singen: »Napenda we, napenda we« [ich liebe dich] ... auch sie denken nicht an Krieg. Nächtlicher Friede sinkt auf das Land herab.

Da fängt plötzlich der alte einsame Löwe an, seine mächtige Stimme zu erheben. Erst rollen die Laute grollend tief aus seiner Kehle, wie wenn sie sich erst lösen müßten. Freier und lauter wird das Gebrüll, das sich an den Bergwänden fängt und widerhallt, bis der ganze Talkessel von dem Groll und der Macht des Königs der Tiere erfüllt ist. Der Gesang der Askari ist verstummt. Meine Tiere fressen nicht mehr. Wie zu Stein erstarrt stehen sie da und lauschen mit vorgestreckten Ohren aufmerksam in die Nacht hinein. Ich richte mich halb auf und lausche auch; unwillkürlich sucht meine Hand den Karabiner neben mir. Alle Lebewesen lauschen, die ganze Natur ist ein Lauschen. Wieder und wieder erhebt der Löwe sein Gebrüll, allen denen Verderben drohend, die sich seinem Trotz nicht unterwerfen. Dann verstummt er so plötzlich, wie er begann, nur noch einige verächtliche Gurgellaute klingen nach. Der Frieden der Tropennacht sinkt wieder auf mich und alles um mich nieder.

Unser Wohlleben im Jagdgebiet des alten Löwen von Mpapua sollte nicht von langer Dauer sein. Es kam vom Kommando der Befehl: »Die beiden Berittenen Kompanien sind der Abteilung Linke in Chinene zugeteilt.« Also wieder hieß es: »Fertig machen! Satteln!« Wie viele hundert Male ich wohl diese beiden Befehle im Kriege habe geben müssen? Wir ritten noch in der Nacht zur Mittellandbahnstation Gulwe und pennten dort, wo wir standen, weil der Transportzug auf sich warten ließ. Am nächsten Tage waren wir wieder in der Großstadt Dodoma. Die Zivilverwaltung, mit alleiniger Ausnahme des Burgomaster Kleinschmidt, war bereits fort; auch unsere freundliche Frau Bahnhofswirtin trafen wir nicht mehr an, doch hatte sie – geschäftstüchtig, wie sie war – ihr Hotel noch schnell an einen Inder (oder war es ein Grieche?) verpachtet.

Wir hielten uns nicht in Dodoma auf, sondern ritten auf der Straße nach Kondoa die Nacht durch und waren am nächsten Abend in Chinene. Hier hatte die Abteilung Linke auf dem Rückzug aus der Kondoastellung haltgemacht, um am Chinene-Paß den Feind zu erwarten. Mittlerweile hatte dieser nun doch Ernst gemacht, war von Kondoa nach Süden vorgegangen und lag jetzt vor dem Chinene-Paß. Hauptmann Linke teilte – seit langer Zeit zum erstenmal wieder – die Kavalleriebrigade, behielt die Berittene Achte bei sich in Chinene und schickte meine Kompanie rechts raus, um den etwa 10 Kilometer östlich gelegenen Kongoni-Paß zu besetzen. Die Berittene Neunte hatte sich inzwischen, da Rekonvaleszenten sich nach und nach eingefunden hatten, wieder etwas vermehrt und war jetzt 16 Europäer und 19 berittene Askari, also 35 Gewehre stark.

Drei Tage und drei Nächte lagen wir oben im Kongoni-Paß in Stellung und froren ganz jämmerlich. Vom Feind war nichts zu sehen. Es war aber anzunehmen, daß die Berge, die vor dem Nordausgang des Passes lagen, von ihm besetzt waren. Als ich, um das festzustellen, Freiwillige zu einer Schleichpatrouille aufrief, meldeten sich sämtliche Leute, wie das bei der Berittenen Neunten nicht anders zu erwarten war. Bernhard Blaich, unser »Mariechen«, und der kecke Dettmar meldeten sich am schnellsten. Zu Fuß gingen sie vor und bewogen sogar den Feind, aus seinen Stellungen herauszukommen. Nur ihre jungen Lungen und flinken Beine retteten Blaich und Dettmar vor einer Umzingelung. Ich hoffte, der Feind würde ihnen bis in Schußweite meiner Feldwache folgen, und hatte bereits alles für einen warmen Empfang vorbereitet. Der Feind aber ließ sich auf gar nichts ein.

Es war am Morgen des denkwürdigen 27. Juli 1916, als von der Abteilung Linke der Befehl eintraf: »Nach Gefecht am 26. bei Chinene ging Abteilung Linke nach Meia-Meia bei Kilometer 45 zurück. Die Berittene 9. Schützenkompanie hat sich der Abteilung Linke dort anzuschließen.«

»Fertig machen! Satteln!« Ich ahnte nicht, daß ich diese Befehle meinem Zuge zum letztenmal im Kriege zugerufen hatte. Wir tränkten die Tiere noch mal, und die Pferdehalter wurden eingeteilt. »Aufsitzen! – Spitze: Unteroffizier Bosch, Gefreiter Botha und zwei Askari! – Spitze anreiten! – Marschordnung: Europäerzug, Askarizug! – Europäerzug anreiten!«

Durch undurchdringlichen Dornbusch auf sich windenden Negerpfaden ritten wir in Kolonne zu Einem nach Meia-Meia. Es mag 2 Uhr 30 oder 3 Uhr nachmittags gewesen sein, als wir an den Rand der etwas lichteren Fläche kamen, in der die Etappenstation Meia-Meia stand. Unsere Spitze war schon über diese Lichtung weggeritten bis an die Etappenstraße heran, und jetzt verließen auch wir den schützenden Busch. Der erste Reiter in der Kolonne war Leutnant Freund als Kompanieführer, ihm folgte unser Veterinär Dr. Binz, der dritte war ich, und hinter mir ritt mein Zug.

Wir erwarteten in Meia-Meia die Abteilung Linke in Stellung zu finden und wußten, daß wir erwartet wurden. Daß also 40 Meter links von uns Truppen mit der Front nach Chinene zu ausgeschwärmt im hohen Gras lagen – wie es auf den ersten Blick schien, Askari mit um den Tarbushi, wie üblich, befestigten Zweigen –, konnte uns nicht auffallen, jedenfalls fiel es mir nicht auf. Wir ritten Schritt, und als beinahe der ganze Europäerzug aus dem Busch heraus war, rief jemand von hinten nach vorne: »Ich glaube, das sind Engländer!« – »Unsinn!« antwortete Leutnant Freund, setzte aber, während wir im Schritt in der Marschrichtung blieben, sein Tier in Galopp und ritt an die Schützenlinie heran.

In dem Augenblick wurde jeder Zweifel behoben. Wir erhielten Schnellfeuer auf 40 Schritt. Ein Zurück war nicht möglich. Es hätte am engen Eingang zum dichten Busch eine Stauung und folglich ein Massengrab gegeben. Bei einem Feuerüberfall auf 40 Schritt ist es nicht gut möglich, sich zu entwickeln. Unsere Instruktion lautete jedenfalls, in einem solchen Falle auseinanderzuspritzen und die nächste Deckung zu suchen. Wir sausten alle auseinander nach rechts, wo ein naher Buschstreifen wenigstens erst einmal Deckung gegen Sicht versprach. Bis zu dem Buschstreifen, kaum 20 Galoppsprünge entfernt, fiel links von mir Dr. Binz neben sein totes Tier mit zwei Schuß in Brust und Hand, und rechts von mir wurde Gotthilf Blaich das Pferd unter dem Leib erschossen. Die Luft sang von Spitzgeschossen.