Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

Part 16

Chapter 163,275 wordsPublic domain

Wir bezogen trotzdem den Hügel nicht, weil er viel zu groß war, als daß wir paar Männeken ihn hätten besetzen und halten können, sondern gingen drei Kilometer südlich davon auf einen kleinen, sehr zerklüfteten, beinahe kreisrunden Berg zurück. Dicht vor uns führte die Kondoa-Handeni-Straße vorbei, und von dem Büchsel-Hügel trennte uns ein Tal mit reichen Mtamafeldern. Überall guckten aus diesen die flachen Dächer der Eingeborenenhütten heraus, und fast auf jedem Dach hockten einige bewaffnete schwarze Landsleute und beobachteten jede unserer Bewegungen, um alles dem Feinde zu melden. Kam man ihnen näher, dann verschwanden sie im dichten Mtama.

Auf unserm Runden Berg haben wir sechs oder sieben Tage gesessen und ständig Patrouillen nach vorne geritten. Zuerst verpflegten wir uns nur aus der Landschaft, denn unsere Bagage war noch weit zurück. Die Tiere lebten von grünen, halbreifen Mtamastauden und von vorjährigem Mtamakorn, das wir noch in einigen verlassenen Hütten vorfanden. Sie gediehen, nachdem sie sich an die neue Kost gewöhnt hatten, dabei besser als früher bei Körnermais. Wir suchten in Eile verlassene Eingeborenendörfer nach Hühnern und Eiern ab und machten reichliche Beute; auch einige versprengte Ochsen der Eingeborenen fielen in unsere Hände. Geradezu glänzend aber wurde die Sache, als Dr. Sinning, der, weil schonungsbedürftig, das Kommando unserer Trägerkolonne erhalten hatte, diese schließlich bis auf 14 Kilometer an unsere Stellung vorgebracht hatte und uns nun nicht nur Brot, sondern sogar fertig gekochtes Essen, Schnaps und Zigaretten vorschickte. Wir ließen den fürsorglichen »alten Stock« hochleben und waren ~in puncto~ Verpflegung wieder mal obenauf, besonders da der tüchtige Unteroffizier Horn, der bei unsern kranken Tieren in Dodoma geblieben war, dort Wurst-, Speck- und Butterbeziehungen angeknüpft hatte. Auch Sanitätssergeant Trimpler nahm sich mit Nachdruck der Ernährungsfrage an. War Steins Liebhaberei das blitzartige Ausheben von Erdlöchern und die Errichtung von Sitzstangen gewesen, so wurde die gemeinsame Küche, eine Art tragbare, aus zwei großen Töpfen bestehende Feldküche, Trimplers Steckenpferd. Was war das schön, so ganz mühelos einen Schlag Essen und Kaffee zu erhalten.

Trotz unseres Wohllebens auf dem Runden Berge schrumpfte die Zahl unserer Europäer immer mehr zusammen. Unser Etatsmäßiger wurde schwer krank und mußte ins Feldlazarett Dodoma zurück; sein Nachfolger wurde Fritz König, unser genialer Gouvernementsrat, er hat 1918 den Heldentod gefunden. Das »kleine Nashorn«, das einige Maultiere, die wir an die Gebirgsartillerie abgeben mußten, zu deren Stellung brachte, stürzte unglücklich und verletzte sich den Brustkasten so schwer, daß er gleichfalls ins Lazarett mußte. Mehrere andere – ich meine, es waren Gotthilf Blaich, Bernhard Blaich, Schönbohm und Arno Förster –, die sehr anstrengende Patrouillen hinter die feindliche Front gemacht hatten, um deren Artilleriestellungen zu erkunden, bekamen Malaria, die bei den meisten bereits chronisch war und nach schweren Strapazen immer wieder neu ausbrach. Der Schütze Schreiber war auf Patrouille vom Posten einer unserer Feldkompanien angeknallt, durch die Backe geschossen und nach Dodoma zurückgeschafft worden.

Aber nicht nur an Kranken und Verwundeten hatten wir Abgang, auch gesunde Leute wurden abkommandiert und schließlich versetzt. Ja, die deutsch-ostafrikanische Kavallerie mußte schon im Brigadeverband bleiben, wenn sie noch was vorstellen wollte. Bis auf de Beer, den jungen Youbert und unsere Kapelle Alwin Botha wurden uns alle Buren abgenommen, sie kamen zur Artillerie, um Kanonen und Munition zu fahren. Piet Nievenhuizen und Louis van Rooyen waren schon seit Same beim Oberst als seine Pfadfinder. Auch Vizefeldwebel Thiele und Sergeant Truppel wurden vom Kommando vereinnahmt, zu dem sie ursprünglich nur als Meldereiter kommandiert gewesen waren. Unser Oberst bediente sich ihrer wegen ihrer Porikenntnis und Zuverlässigkeit gern als persönliche Begleiter, wenn er von Stellung zu Stellung ging oder bei seinen nächtlichen Wanderungen von Vorposten zu Vorposten. So kam er auch einmal bei uns auf unserm Runden Berg zu Fuß an, ohne alle Abzeichen, in unscheinbarem Kittel. Er rief mich zu sich und schüttelte mir die Hand. Ich fand ihn grauer geworden als wenige Wochen vorher in Lembeni, und dennoch wundert es mich nicht, daß ihn Leute, die ihn Mitte 1918 noch gesehen haben, als ungebrochen in Energie und Gesundheit beschrieben. Das Leben dieses großen Mannes fand in der Schwierigkeit der ihm gestellten Aufgabe erst seine wahre Erfüllung. –

Von unserm Runden Berg machten wir – ich glaube, es war am 11. Mai – nochmals einen Angriff auf den inzwischen vom Feinde wieder besetzten Hügel vor uns, gemeinsam mit der 4. Feldkompanie, die Oberleutnant Büchsel in Vertretung des kranken Hauptmanns Goering führte. Oberleutnant Büchsel leitete die Operation. Um fünf Uhr morgens begann der Anmarsch. Die Askarikompanie wollte frontal, wir sollten von rechts flankierend angreifen.

Ganz ungehindert kamen wir an die Ostseite des Hügels heran, erkletterten ihn und gingen, nachdem vor uns her fliehende Warangispäher unsern Anmarsch dem die Westseite besetzt haltenden Feind gemeldet hatten, auf dem Kamm des Hügels unter heftigem feindlichen Feuer in Stellung. Als wir wohl eine Stunde im Gefecht gelegen und uns entlang der Langseite des Hügels immer näher an den Feind herangearbeitet hatten, so daß wir außer ihm selbst bereits auch seine Tiere unter Feuer nehmen konnten, kam plötzlich der Befehl von Oberleutnant Büchsel, daß er zurückgehen müsse, da ihn 600 berittene Buren umgangen hätten und abzuschneiden drohten; wenn wir nicht in der Luft hängenbleiben wollten, müßten wir ebenfalls schleunigst abbauen; Treffpunkt: unser Runder Berg. Während wir die befohlenen Bewegungen ausführten, hörten wir dort, wo die 600 feindlichen Reiter zur Entwicklung gekommen sein mußten, Artilleriefeuer und das Krepieren von Schrapnells. Hauptmann Koehl hatte von seiner Artilleriestellung das Gefecht übersehen können und mit seinen Gebirgsgeschützen in die dichten Massen der Reittiere der sich zu Fuß entwickelnden feindlichen Kavallerie hineingehalten.

Als wir zu unserm Runden Berg zurückkamen, hatte ihn die 4. Feldkompanie bereits besetzt, weil man erwartete, jetzt würde der an Zahl stark überlegene Feind seinerseits angreifen. Wir lagen zwei Tage und schliefen zwei Nächte in unserer Gefechtsstellung. Als dann immer noch nichts kam, ging die deutsch-ostafrikanische Kavalleriebrigade noch einmal, diesmal allein und frontal, gegen den Hügel vor. Der Feind war weg. Hauptmann Koehls Gebirgsartillerie hatte ihm doch wohl klar gemacht, daß dieser Hügel für ihn nicht zu halten sei. Die 4. Feldkompanie besetzte nun den Berg und grub sich regelrecht ein. Als wir zu unserm Runden Berg zurückkehrten, fanden wir dort Leutnant Freund und zwei oder drei andere zurückgekehrte Rekonvaleszenten vor; Leutnant Kämpfe nahm Abschied von uns.

Bei diesem letzten Sturm auf den allerdings unbesetzten Büchsel-Hügel war mir wieder so recht zu Bewußtsein gekommen, was für ein kümmerliches Häufchen wir doch geworden waren. Bei diesem Sturme befanden sich in meinem, dem _einzigen_ Europäerzuge meiner Kompanie nur noch sieben Gewehre; etwas, aber auch nicht viel besser sah es im Askarizuge aus. Was war aus meiner stolzen Kompanie geworden, seitdem die große feindliche Offensive begonnen hatte! In den Hochsteppen am Kilimandscharo und Meru war die Zahl der Europäer in neunzehn Kriegsmonaten durch Krankheiten nur wenig oder höchstens mal vorübergehend geschwächt worden, aber die letzten dreieinhalb Monate im schlechteren Klima und die große Regenzeit hatten böse Lücken gerissen. Dazu trug auch bei, daß in den ersten neunzehn Monaten den gewiß oft sehr anstrengenden Fernpatrouillen doch immer Tage, ja Wochen der Ruhe und Körperpflege gefolgt waren – in den letzten dreieinhalb Monaten waren wir dagegen ständig unterwegs gewesen, waren scharf herangenommen worden und hatten unsere Boys und somit reine Kleider usw. nur ganz selten und in großen Zwischenräumen gesehen.

Man könnte meinen, daß unter all diesen Mühsalen die Stimmung der Berittenen Neunten hätte leiden müssen. Sicher, die Leute schimpften über dieses und jenes – welcher rechtschaffene Soldat schimpft nicht mal! –, aber von den Männern, die jetzt noch an der Front waren, wollte keiner zurückbleiben. Aus den Lazaretten rissen sie meistens aus, lange ehe sie auskuriert waren – nur um mit dabei sein zu können. Wollte ich einem die Hölle recht heiß machen, dann drohte ich damit, ihn zur Etappe zu versetzen – sofort wurde er brav und artig und sagte: »Um Gottes willen nicht, Herr Wachtmeister!« Wir waren zu einer großen Familie geworden, deren Mitglieder sich zuweilen zanken, die aber alle wie ein Mann aufstehen, sollte ein Fremder es wagen, einen von ihnen anzurühren. Im Lager ging es stets quietschfidel zu, und ich habe mit stiller Freude beobachten können, mit welcher Ausdauer uns die Europäer anderer Kompanien besuchten, wo auch immer wir zufällig mit ihnen zusammentrafen. Die Kameradschaft war bei uns über alle Begriffe schön. Wenn einer was hatte, hatten es die andern auch, und wenn einer im Dienst schlapp machte, sprangen zehn andere freiwillig für ihn ein. Wurde eine besonders gefährliche Patrouille befohlen, so hatte ich Mühe, die zu beruhigen, die diesmal _nicht_ mitdurften. Hatte die Kompanie abgesattelt nach langem, ermüdendem Ritt, alle froh, endlich mal wieder ein Auge voll nehmen zu können, und brachte in dem Augenblick ein Meldereiter den Befehl zum Weitermarsch irgendwohin, weit weg, dann riß irgendein Witzbold einen faulen Witz, lachend gingen alle an die Tiere, und zwei Minuten später war die Kompanie wieder auf dem Marsch. Ich betrachte die Jahre, die ich in der Berittenen Neunten diente, als die schönsten und bildendsten meines Lebens – denn nie hatte ich vorher Gelegenheit, so deutlich zu erkennen, welch guter Kern in den meisten Volksgenossen unter einer oft recht unscheinbaren Hülle zu finden ist. Man muß den guten Kern nur finden wollen und sich nicht scheuen, harte, faserige, ja sogar ätzende Schalen zu entfernen. –

Da unser erster Auftrag an der Kondoafront, den Büchsel-Hügel vom Feinde zu säubern, dank der Hilfe der Artillerie nun doch noch gelungen war, wurden wir, zur Verfügung des Kommandeurs, auf den Kommandohügel verlegt. Dieser lag Kilometer 148 von Dodoma, etwa im Zentrum unserer Kondoastellung. Wir lagerten etwas unterhalb des Kommandos, im dichten Busch gegen Sicht vor den Fliegern geschützt, zogen unsere Trägerkolonne heran und konnten uns einige Tage ausruhen und pflegen. Während der Zeit fand zwischen unserer schwereren Artillerie, zwei Haubitzen und einem 8,5-Zentimeter-Geschütz, und der des Feindes ein tägliches Duell statt. Was für Erfolge unsere Artillerie hatte, habe ich später bei meinem Abtransport als Kriegsgefangener sehen können; die feindlichen Erfolge hingegen waren wenig bedeutend. Gefallen ist vor Kondoa infolge feindlichen Artilleriefeuers, soviel ich weiß, nur der Regierungslehrer Staub, den ich 1914 auf meiner Ausreise als frohsinnigen Menschen lieben und als erstklassigen Skatspieler fürchten gelernt hatte. Schwer verwundet wurde Oberleutnant Boell, leichter unser Oberst und Piet Nievenhuizen.

Als wir zwei oder drei Tage dem Artilleriekonzert gelauscht hatten, kam der Befehl: »Die beiden Berittenen Kompanien stehen zur Verfügung der Abteilung Hauptmann Schulz, die auf der Kondoa-Saranda-Straße (links von unserm linken Flügel) einer gemeldeten umfassenden Bewegung des Feindes entgegengehen soll.« Also: »Fertigmachen! Satteln!«

Die Abteilung Schulz bestand aus zwei Askarikompanien, uns Reitern und einer kleinen Kanone, deren Rohr von Trägern getragen wurde. Die Lafette und die Munition waren auf etwa 25 Eseln verpackt in einer so primitiven Weise, wie sie eben nur bei unserm Mangel an jedem Kriegsmaterial erklärlich ist. Eingeborene hatten Strohmattensäcke geflochten, und auf jeder Seite des Eselrückens hing solch ein Sack, gefüllt mit Geschossen. Bauchgurt, Vorder- und Hinterzeug, die diese Säcke in der richtigen Lage festhielten, waren aus Stricken von Sansevieren-Fasern gefertigt.

Hauptmann Schulz verwandte seine Kavallerie auf dem Marsch, soweit sie nicht die Spitze bildete – das waren die Glücklicheren – als Artilleriebedeckung. Solch ein Marsch ist mehr als qualvoll. Man denke sich im dichten, heißen Dornbusch einen Fußweg, gerade breit genug für einen Mann, auf dem zwei Askarikompanien, ihr ganzer Troß von Trägern und Boys, die Artillerie mit ihren störrischen Eseln und endlich wir Reiter alle im Gänsemarsch marschierten. So ein Marsch besteht eigentlich nur aus Marschstockungen, die alle mitmachen müssen. Unzählige Male bin ich abgestiegen und habe meinen Hengst geführt. Die Geduld, die mein Hengst – sonst die Ungeduld selber – bei dieser Gelegenheit entwickelte, kam mir schon verdächtig vor. Obwohl er speckfett war und sein Fell noch goldig glänzte, saß der schleichende Tod bereits in ihm. Dieser Marsch war sein letzter. Bald danach traten Tsetsegeschwülste auf, und eine Woche später brach Ottos tapferes Herz.

Während dieser Unternehmung bin ich ein paar Tage stellvertretender Führer meiner Kompanie gewesen, da Leutnant Freund, der in der ersten Nacht mit einer Patrouille vorausgeschickt wurde, sich im Busch verirrte und uns verlorenging. Nach einem fürchterlichen Nachtmarsche – selbst die Tiere schliefen im Gehen ein – trafen wir am Morgen des dritten Tages an unserm Ziele, der Straße von Kondoa nach dem westlich von Dodoma liegenden Saranda, ein, fanden aber keinen Feind. Als dann die nach Norden vorgetriebenen Kavalleriepatrouillen sogar auch den uns bekannten vordersten Posten der englischen rechten Flanke verlassen gefunden hatten, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem beabsichtigten Flankierungsmarsch des Feindes zum mindesten verfrüht gewesen sein mußte. Mit unserm auf dem Rückmarsch wiedergefundenen Leutnant trafen wir nach sechs Tagen wieder am Kommandohügel ein.

Nachdem wir hier einige Tage in Ruhe dem Artillerieduell zugehört hatten, wurden wir – es muß inzwischen Ende Mai geworden sein – von neuem in Aktion gesetzt, diesmal wieder auf der rechten Flanke unserer Stellung. Da inzwischen die von uns in der Lembenistellung an der Nordbahn zurückgelassene Abteilung Kraut durch das bloße Gewicht der Zahl und Geschütze des Feindes, tapfer kämpfend, nach Süden zurückgedrängt worden war, stand nun die von Handeni kommende Straße für den Feind als Anmarschweg von Osten auf Kondoa offen, und da gleichzeitig starke feindliche Verstärkungen von Norden her in Kondoa eingetroffen waren, rechnete man auch damit, daß der Feind auf der alten Kondoa-Mpapua-Straße zur Mittellandbahn vorstoßen könnte. Infolgedessen erhielt die Kavalleriebrigade den Befehl, zu dem uns schon bekannten Kwa-Handu-Paß, südöstlich hinter unserer Front, zurückzugehen und von dort aus durch Patrouillen rechts vom rechten Flügel unserer Stellung jene beiden Straßen unter ständiger Beobachtung zu halten. Der geeignetste Punkt hierfür war der 35 Kilometer vom Paß nach Nordosten liegende Kwa-Damas-Hügel, nach dem wir also ständig Patrouillen zu reiten hatten.

Auf dem Kwa-Handu-Paß stellten wir eine starke Feldwache auf, die Kavalleriebrigade selbst lagerte etwas unterhalb des eigentlichen Gebirgspasses, versteckt gegen die häufig erscheinenden Flieger, im dichten Busch am Ufer eines versandeten, trockenen Flußbettes, in dem wir nach Wasser für uns und unsere Tiere graben mußten. Hier beim Kwa-Handu-Paß passierte die schöne Geschichte mit Martin Köhler, Unteroffizier Köhler, im Frieden Schaf-, Hühner-, Bienen- und Brieftaubenzüchter am Meru. Sie beweist, wie wichtig für den Schutztruppler die Ausbildung im Reckturnen ist – rettete doch eine elegant ausgeführte Sitzwelle den Kameraden Köhler vom sicheren Tode.

In unmittelbarer Nähe des Lagers waren, eingedenk der Liebhaberei unseres früheren Sanitätsrates, an einem versteckten Örtchen ein tiefes Loch ausgehoben und an dessen Rand Sitzstangen errichtet worden. Die Sitzstangen befanden sich etwa 45 Zentimeter über der Erde. Als unser Freund Martin eines Mittags auf einer dieser Stangen saß und, da er Geschmack besitzt, tief darüber nachdachte, wie er sich diesen Ort auf seiner Zukunftsfarm am Meru doch etwas weniger primitiv einrichten möchte, sprang ihn von vorwärts aus dem Busch ein Leopard an. Kurz entschlossen machte Martin eine Sitzwelle und kam, da er von Statur man klein ist, zwischen der Stange und dem Boden auch richtig rum. Der Leopard hingegen schoß, Kopf vorwärts, in die tiefe Grube, in der er ohne sonderliche medizinische Kenntnisse feststellen konnte, daß sämtliche Europäer meiner Kompanie magen- und darmkrank waren. Daß Martin, dessen Brust der Leopard im Absinken mit den Krallen der Hinterpfoten arg aufgekratzt hatte, sich nun keine Zeit mehr nahm, seine Toilette zu ordnen, wird niemand wundernehmen. Blutüberströmt, die Hose in der Hand, kam er in das Lager gelaufen, so schnell ihn seine kleinen Beine tragen wollten, und brüllte: »Chui! Chui!« [Leopard].

Am nächsten Mittag, etwa um dieselbe Zeit, besuchte Unteroffzier Obst das stille Örtchen. Er nahm seinen Karabiner mit. Richtig! Da lag der Leopard wieder im Schatten eines Strauches und wartete auf Martin Köhler. Bana matunda schoß dem Katzentier auf 15 Schritt eine Kugel zwischen die Augen. – Zu verwundern ist es nicht, wenn die größeren Raubtiere, Löwe und Leopard, im Kriege Menschenfresser geworden sind. Gelegenheit, sich an Menschenleichen zu üben und auf den Geschmack zu kommen, haben sie genug gehabt. Wer krank oder verwundet im Pori liegenblieb, war rettungslos verloren.

Am Kwa-Handu-Paß lag ich wieder mal einige Tage mit Fieber. Wir waren eigentlich alle malariadurchseucht, wie eine Viehherde mit Küstenfieber durchseucht sein kann. Die Malariaanfälle wurden immer häufiger, aber auch immer schwächer und von kürzerer Dauer. Na, wenn wir einmal kein oder doch nur schwaches Fieber hatten, ritten wir unsere Patrouillen nach dem Kwa-Damas-Hügel, zu dessen Fuß das Negerdorf gleichen Namens liegt. Ich habe zweimal solche Patrouillen geführt, die beide nicht ohne besonderes Abenteuer verliefen.

Das erstemal hatte ich den Nebenauftrag, den Jumbe, den den Engländern freundlichen Dorfschulzen von Kwa Damas, und seine eigene Schaf- und Ziegenherde auf dem Rückwege mitzubringen. Er war ein farbiger Landesverräter. Da wir aus der Richtung der englischen Stellungen an sein Dorf heranritten, hielt der Jumbe uns für Engländer, nahm uns freundlich auf und zeigte uns stolz ein deutsches, vom Feinde irgendwo erbeutetes Infanteriegewehr Modell 71, mit dem die Engländer ihn bewaffnet hatten. Als wir ihn, sein Gewehr, seinen Akida [Schreiber] und seine Hammelherde mitnahmen, machte er uns noch lange Zeit darauf aufmerksam, daß wir falsch marschierten, da die englische Stellung in entgegengesetzter Richtung liege. Seinen Untertanen schien es Spaß zu machen, daß es ihrem Jumben anscheinend schlecht gehen sollte. Wir mußten quer durch sein sich über einige Kilometer hin erstreckendes »Reich«. Die Frauen und Kinder traten vor die Hütten und freuten sich diebisch über ihren Schulzen und seinen Schreiber am gemeinsamen Strick. Die bewaffneten Männer hielten sich in respektvoller Entfernung. Der Schulze und sein Schreiber wurden der Zivilbehörde überliefert, die Schafe und Ziegen aß meine Kompanie.

Weniger vergnüglich war das Abenteuer auf der zweiten Patrouille. Ich hatte eben meine Tiere auf halber Höhe des Kwa-Damas-Hügels hinter Felsen versteckt und oben auf dem Hügel einen Ausguckposten aufgestellt, als plötzlich, wie ein Gewitter aus heiterem Himmel, ein Schwarm wilder Bienen über uns herfiel. Meine Askari rissen sofort aus, ohne sich um ihre Tiere zu kümmern, einige von den Europäern machten es nicht besser, andere banden wenigstens ihre Tiere los und rissen dann erst aus. Jedenfalls saß ich allein da mit sieben hinter verschiedenen Felsen angebundenen Tieren, über die die Bienen herfielen wie ein Heuschreckenschwarm über ein Feld jungen Mais. Gras, um rasch ein Rauchfeuer zu machen, gab es auf dem nackten Hügel nicht. Ich legte mir mein Taschentuch möglichst breit um den Hals und kroch, den Kopf dicht über dem Erdboden, auf allen vieren zu den Tieren, die mit solcher Gewalt an ihren Halfterriemen zerrten, daß ich sie nur durch Durchschneiden der Riemen befreien konnte. Ich konnte mich natürlich nicht damit abgeben, die Tiere zu greifen – einmal frei, mußten sie für sich selber sorgen. Das taten sie denn auch mit viel Klugheit und Überlegung. Von Bienen umschwärmt, sausten sie im Galopp den Hügel hinab, hinein in ein Mtamafeld, und wälzten und rieben sich dort solange gegen die Mtamastauden, bis sie die Bienen loswurden. Zwei Tieren, einem Pferde und einem Maultiere, hatten die Bienen oben am Hügel bereits so schwer zugesetzt, daß sie eingingen; das Pferd krepierte nach einer Stunde, das Maultier am nächsten Morgen. Eins der flüchtigen Maultiere hatten meine Leute unten am Hügel einfangen können, und da es jämmerlich nach seinen Genossen schrie, kamen diese, die schon auf dem Wege zum Kompanielager gewesen waren – Maultiere finden stets ihren Weg zum letzten Lager – zu uns zurück und ließen sich greifen. Das war noch ein Glück im Unglück. Wir hätten sonst alle mit der ganzen Reitausrüstung auf dem Rücken 35 Kilometer tippeln müssen.

Ich hatte 40 Bienenangeln im Kopf und in den Händen – der Bur de Beer hat sie mir ausgezogen und gezählt. Mein Kopf schwoll so dick an wie gut drei Köpfe gewöhnlichen Kalibers. Stundenlang fühlte ich mich sterbenskrank; erst als in der Nacht starkes Erbrechen und gleichzeitig Durchfall eingetreten war, wurde mir leichter. Daß ich dem Tode nahe gewesen bin, ist mir völlig klar. Es dauerte acht Tage, bis mein Kopf zu seiner normalen Dickköpfigkeit zurückgeschwollen war, und vierzehn Tage, bis die letzten Fiebererscheinungen verschwunden waren. Man sagt mir, Bienenstiche seien ein gutes Heilmittel gegen Rheumatismus. Wenn Bienenstiche auch prophylaktisch wirken, dann habe ich von dieser Medizin genug für den ganzen Rest meines Lebens eingenommen.