Wir ritten für Deutsch-Ostafrika
Part 15
Auf der Bahnhaltestelle Ngombezi, 92 Kilometer vor Tanga, wo wir uns am 22. April morgens vier Uhr ausluden, ging die Quälerei schon los. Es hatte geregnet, war drückend schwül, und das Loch wimmelte von Moskiten. Es war zu heiß, um sich den Woilach über den Kopf ziehen zu können, tat man es aber nicht, dann fraßen einen die Moskiten auf. An Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken. Als es Tag wurde, faßten wir in einem Magazin für Askariausrüstung für unsere Askari, was noch zu haben war, und für uns Europäer je eine Moskitonetztüte. Man denke sich eine mannshohe Spitztüte aus Moskitogaze gefertigt, an deren Spitze sich eine Bandschlaufe befindet. Mit dieser Schlaufe befestigt man die Tüte über dem Kopf an einem Ast und kriecht dann mit Kopf und Händen unter die Tüte. Andere Körperteile brauchen nicht geschützt zu werden, denn in den nächsten drei Monaten sind wir nie anders wie gestiefelt und gespornt zum Schlafen gekommen; die Nachttoilette bestand im Austausch des Tropenhelms gegen die Feldmütze, das Kopfkissen war der Sattel und das Bett die Mutter Erde. Die Moskitonetztüten waren sehr wirksam gegen gewöhnliche ausgewachsene Moskiten und am Tage gegen Fliegen. Gegen die winzig kleine Moskitoart aber, die es auf unserm Marsch von der Nordbahn zur Mittellandbahn fast überall in großen Schwärmen gab, schützte die Tüte leider nicht. Im Gegenteil – die kleinen Biester kamen zu Hunderten durch die Gaze durch und peinigten uns um so mehr, weil wir sie dann nicht mehr verscheuchen konnten. Kopf, Hals und Hände waren stets mit kleinen roten Punkten besät, und die Haut juckte zum Verzweifeln.
Um acht Uhr morgens ritt die Kavalleriebrigade von Ngombezi ab, um bald darauf die alte Karawanenstraße von Korogwe nach Handeni zu erreichen. Auf ihr standen die vier Automobile, die unsere Truppe damals noch besaß, und warteten auf unsern Oberst und seinen Stab. Später am Tage überholte uns unser Oberst. Die Nacht verbrachten wir im Pori bei feinem Regen, südlich der Kautschukpflanzung Zitzmann. Zitzmann ist der Pflanzer mit dem magischen Glasauge.
Wenn er nicht immer persönlich bei seinen Pflanzungsarbeitern stehen wollte, nahm er sein Glasauge heraus, setzte es in Position auf einen Baumstamm und sagte den Arbeitern, das Auge würde ihm schon erzählen, wenn sie faul gewesen wären. Eine Zeitlang standen die Neger im Banne dieses Glasauges und arbeiteten, daß ihnen der Schweiß den Buckel herunterlief. Als dann Zitzmann einmal wieder kam, um nach der Arbeit zu schauen, lagen alle Neger im Schatten und pennten friedlich – ein Schlaukopf hatte seine Kofia [Mütze] vorsichtig über das Glasauge gesetzt, das nun nichts sehen konnte. Zitzmann war als Kriegsfreiwilliger eingetreten und hatte es durch seine glänzenden Sprengpatrouillen bereits zum Vizefeldwebel bei der 21. Feldkompanie gebracht.
Am nächsten Mittag ritten wir bei schwerem Regen in Handeni ein. Hier wurden wir in leider leeren Magazingebäuden untergebracht und warteten auf den Tierarzt Philipp, der unsere Tiere gegen Tsetse mit Atoxyl, dem Mittel, das auch gegen Schlafkrankheit angewandt wird, impfen sollte. Am Abend fand die Impfung statt, und die Tiere mußten jetzt 24 Stunden Ruhe haben. Die Experimente, die im Kriege mit Atoxyl gegen Tsetse gemacht worden sind, sind nach meinen Beobachtungen noch unzureichend; bei Maultieren wenigstens schien es ja zu wirken, aber andererseits hatten wiederholte Atoxylspritzungen bestimmt eine böse Wirkung auf die Herztätigkeit der Tiere, die dann auch zum Teil an Atoxylvergiftungen eingingen. Nachdem die Tiere gespritzt waren, gingen wir alle zu Frau Schlittenbauer, die in Handeni einen Ausschank hatte, und blieben dort so lange, bis ihr Vorrat an Eß- und Trinkbarem rein alle war.
Am Spätnachmittage des nächsten Tages, des 2. April, traten wir auf der Etappenstraße von Handeni nach Kimamba an der Mittellandbahn den Nachtmarsch an. Wir waren noch nicht lange unterwegs, als der Regen, richtiger Tropenregen, losging. In diesem Regen, auf völlig aufgeweichter Straße, oft bis zum Bauch der Tiere im Schlick, ritten wir bis vier Uhr morgens. Wenn es gar nicht mehr gehen wollte und die Stimmung gar zu trübe wurde, dann stimmten wir unser Kompanielied an. Von außen bis auf die Haut durchnäßt und gleichzeitig in unsern dicken Indermänteln bei der greulichen Hitze wie in einem Dampfbade schwitzend, fanden wir in der Etappe Kilima cha mzinga Unterkunft in einer an allen Seiten offenen Trägerbanda [Halle]. Feuer wurden angemacht, und jeder versuchte, sich und seine Sachen nach Möglichkeit zu trocknen. Zu essen gab es ein wenig Reis. Das hübsche Etappenrasthaus war bereits von einigen zur Nordtruppe kommandierten Europäern aus Daressalam belegt. Sie lagen noch in eigenen Feldbetten mit Moskitogestell und -netz, und jeder hatte so rund zehn Lasten bei sich. Sie werden später auch haben lernen müssen, sich mit weniger zu behelfen. Vielleicht war es aber ganz gut, daß sich einzelne Truppenteile in den ersten beiden Kriegsjahren recht hatten schonen und pflegen können – sie konnten dann einspringen, als die Europäer, die vom ersten Kriegstage an der Front mitgemacht hatten, so ziemlich verbraucht waren.
Am folgenden Tag ritten wir bis Lembule, am 26. April bis Kanga. Auf beiden Etappen gab es ein wenig Reis. Auf beiden Märschen kamen wir nur langsam vorwärts; denn die Straße war meistens unergründlich, und alle Augenblicke sackte jemand mit seinem Tier in ein Loch, um zur Freude seiner Kameraden ein unfreiwilliges Schlammbad zu nehmen. Einmal hörte die Straße überhaupt auf. Ich versuchte sie weiter, aber von meinem kleinen Maultier guckten dann nur noch die langen Ohren aus dem flüssigen Dreck. Wir mußten also von der Straße nach rechts abbiegen, was vor uns die vielen Askarikompanien mit ihren Trägerkolonnen bereits auch getan zu haben schienen, ohne dadurch zur Festigkeit des Bodens besonders beigetragen zu haben. Nun lief neben der Straße ein Graben, über den wir springen und dann die Tiere nachziehen mußten. Daß dieser Graben da war, merkten wir erst, als der erste hineinfiel; zu sehen war er nicht, denn hüben und drüben sowie im Graben stand der flüssige Schlamm an der Oberfläche ganz gleich hoch. Die Tiere, die die Breite auch nicht berechnen konnten, sprangen entweder zu weit und stießen drüben den Reiter in den Dreck, oder zu kurz und rissen den Reiter mit in den Graben zurück. Hier sind alle die verunglückt, die bisher gespottet hatten. Der Gefreite Münz saß auch drin bis an den Hals. Rechts von ihm sah ich noch den Kopf seines Maultieres und links von ihm war sein Sattel, der sich vom Tier getrennt hatte, gerade im Begriff abzusacken. Als ihm Leutnant Freund zurief, er solle seinen Sattel fassen, antwortete Münz im schönen Württemberger Dialekt: »Herr Leitnant, Herr Leitnant, i bin erledigt, i kann nit schwimme!« Na, so schlimm war es ja gar nicht. Der Schlick ging dem, der sich nicht, wie Münz es tat, dabei hinsetzte, nur bis an die Brust, und zum Schwimmen war der Modder überhaupt viel zu dickflüssig.
Am 27. April waren wir mittags in Tuliani, das ich nie vergessen werde. Denn hier gab es mal wieder was zu essen. Nicht etwa von der Etappe – bewahre, die hatte, wie die andern Etappen alle, nur ein wenig Reis für uns vorgesehen. Aber von einem menschenfreundlichen und geschäftstüchtigen Missionar aus Mhonda, das oberhalb der Etappenstraße im Gebirge liegt. Wir kauften von dem Missionar ein Schwein, Hühner, Eier und Früchte und lebten für fünf Stunden wie der Herrgott in Frankreich. Denn im Tuliani-Fluß konnte man auch schön baden und währenddessen wenigstens Hemd und Strümpfe waschen und trocknen lassen. Eigentlich hatte das ja wenig Zweck – die Schlammbaderei ging ja doch gleich wieder los. Aber sich mal für einige Stunden rein zu fühlen und nach dem ewigen Reis dreimal am Tage wieder mal ein ordentliches Stück Schweinebraten zu essen, ist doch nicht ohne.
Um fünf Uhr ging es von Tuliani weiter, wieder hinein in den Schlick. Es wurde ein übler Nachtmarsch, denn zu den üblichen Mühseligkeiten der grundlosen Straße kam noch hinzu, daß wir uns verbiesterten. Lange konnten wir im Dunkeln die Furt durch den Mvomerofluß nicht finden, und erst um drei Uhr morgens trafen wir auf der Etappe gleichen Namens ein. Dort herrschte durch seine liebenswürdige Gattin ein verheirateter Etappensoldat, dessen Namen ich leider vergessen habe. Er hatte dort eine Pflanzung, und wir brachten die zwei Stunden Schlaf auf dem Fußboden in einem Zimmer seines Wohnhauses zu. Als wir um fünf Uhr morgens mit Mühe wieder wach wurden, hatte Frau Pflanzer auf der Veranda bereits einen mächtigen Kaffeetisch aufgebaut, und nun konnte jeder soviel heißen Kaffee trinken, wie er wollte. Es gibt auch Lichtblicke im menschlichen Leben, und zur Etappe sollten nur verheiratete Soldaten _mit_ ihren Frauen kommandiert werden.
Um sechs Uhr morgens ging der Marsch weiter, immer noch durch Modder, nach Kidete, wo es zu Mittag wieder etwas Reis und zu Abend – Ochsenfleisch gab. Die Etappe war unschuldig an dem Ochsen, wir vielleicht weniger – der Ochse war uns unterwegs zufällig zugelaufen und wollte durchaus nicht wieder von uns lassen; wenn ich mich recht entsinne, war uns ein Ochsentransport begegnet. Bis Kidete hatten wir bereits drei der Automobile, mit denen unser Oberst am ersten Marschtage an uns vorbeigesaust war, überholt; sie waren im Schlamm steckengeblieben. Nur das leichtere Personenautomobil, in dem unser Oberst selbst saß, war unter allerhand Schwierigkeiten durchgekommen. In Kidete stellte unser tüchtiger Sanitätsrat Stein Rückfallfieberzecken fest mit dem Resultat, daß wir aus der Trägerbanda, die wir des Regens wegen bezogen hatten, vertrieben wurden und draußen auf offenem, schön durchweichtem Felde lagern mußten.
Nach schlafloser Nacht ging es am 29. April in aller Frühe weiter. Gegen Abend kamen wir an den Wamifluß, den breitesten, tiefsten und reißendsten in unserer Marschroute. Die solide Holzbrücke, die ihn überbrückt hatte, war dummerweise in der vorhergehenden Nacht bis auf ein bescheidenes Ende weggewaschen worden. Den Übergang bewerkstelligten wir in folgender Weise: Ein guter Schwimmer schwamm zunächst mal durch den Fluß mit einer langen Leine, zusammengeknüpft aus unsern Fouragierleinen. Sobald die Leine von Ufer zu Ufer gespannt war, schwammen an ihr mehrere Leute durch den Fluß, Kleider und Kriegsausrüstung in einem großen Bündel auf dem Kopf. Man hielt mit der Rechten die Leine, mit der Linken das Bündel fest und arbeitete sich mit den Beinen, die durch die Strömung nach links gerissen wurden, schwimmend langsam durch den Fluß. Dann wurden die Tiere abgesattelt und vom diesseitigen Ufer einzeln in den Fluß geworfen. Das ging sehr fix; denn wir und die Tiere kannten den Rummel schon vom Pangani her. Selbst die wasserscheusten Tiere sind leicht durch einen Fluß zu kriegen, wenn man die Sache richtig anfängt. Zum Übergang wähle man eine Stelle, an der das diesseitige Ufer steil abfällt und das Wasser so tief ist, daß das Tier gleich schwimmen muß; das jenseitige Ufer dagegen muß flach sein, damit die Tiere dort leicht landen können. Wirft man die Tiere dann vom hohen Ufer hinein, dann wenden sie sich nach einigen vergeblichen Versuchen, diesseits hochzukommen, totsicher dem flachen jenseitigen Ufer zu. Die Sättel wurden auf dem Kopf durchgebracht, wie vorher die Kleiderbündel. Loslassen durften wir die Leine nicht, sonst wurden wir wie ein Teil der Tiere vom reißenden Strom mitgenommen und erst einige hundert Meter unterhalb unserer Übergangsstelle wieder an das Ufer geworfen. War es das jenseitige Ufer, so war es gut; war es das diesseitige, dann hieß es: das Ganze nochmal!
Um 7 Uhr 30 abends ritten wir vom Wami ab weiter nach Kimamba an der Mittellandbahn. Es regnete wieder in Strömen. Mir sind diese letzten dreieinhalb Marschstunden ganz unsäglich schwer gefallen. Meine Kräfte waren völlig verbraucht, weniger durch die Marschanstrengungen der letzten acht Tage, das knappe Essen und die kurzen Nachtpausen, als vielmehr dadurch, daß mich die verfluchten kleinen Moskiten in keiner Nacht Schlaf finden ließen. Ich konnte mich auf diesem Marsch nur noch dadurch wach halten, daß ich immer wieder in unser Kompanielied oder andere schöne Soldatenlieder einstimmte – trotz meiner notorischen Unfähigkeit, auch nur zwei Töne beide richtig zu singen. Es wird allen ähnlich gegangen sein – ich meine natürlich, was die Müdigkeit anbetrifft –, denn diese dreieinhalb Marschstunden im strömenden Regen hat die Kompanie ohne Pause gesungen und unsere Kapelle ununterbrochen gespielt. Die Kompaniekapelle war der Bur Alwin Botha mit seiner regenfesten Ziehharmonika, auf der er im Reiten jedes denkbare Soldatenlied spielen konnte.
In Kimamba, wo wir um elf Uhr abends unter den Klängen unseres Kompanieliedes einzogen, nahm sich die Etappenleitung direkt liebevoll unserer an. Ich bemerke dies ausdrücklich, damit es nicht heißt, daß ich auf die Etappe nur schimpfen könne. Man legte uns in einen regensicheren Wellblechschuppen, vor dem draußen einige Riesenkessel voll kräftiger Reis- und Fleischsuppen und Kaffee auf Feuern standen. Beide, Suppe und Kaffee, waren _fertig_, als wir kamen, und jeder konnte sich sein Kochgeschirr voll Suppe und den Kochgeschirrdeckel voll Kaffee holen. Wir waren ganz verschüchtert von soviel Vorsorge. So etwas war uns im ganzen Kriege bisher auf keiner Etappe passiert – wir sind oft genug hungrig schlafen gegangen, zu müde und abgespannt, noch abzukochen, wenn wir unser Marschziel erreicht hatten. Der Etappenleiter von Kimamba, dessen Namen ich nicht kenne, war ein Menschenfreund; außerdem muß er eine für einen Etappenmenschen ungewöhnliche, zum eigenen Handeln veranlassende, verantwortungswillige Intelligenz besessen haben.
Am nächsten Vormittag verluden wir uns auf der Mittellandbahn und fuhren landeinwärts nach Dodoma. Über Mittag hielt der Zug eine Stunde in Kilossa, und wir haben alle im dortigen Bahnhofshotel noch mal fürstlich gegessen. Wir Dreckspatzen saßen an richtig gedeckten Tischen, Gabel und Löffel waren nicht mehr aus einem Stück, wie die zum Kochgeschirr gehörigen, und wir tranken aus Gläsern anstatt aus dem Kochgeschirrdeckel. Es gab mehrere Gänge Gemüse, viel Früchte und – eisgekühlte Sodagetränke. Man denke: Eis und Sodawasser gab es an der Mittellandbahn noch am Ende des 21. Kriegsmonates! Wir hatten beides im ganzen Kriege noch nie gesehen. Im Kilossa-Bahnhofshotel wurden wir trotz unserem wenig Vertrauen erweckenden Äußeren als willkommene Gäste behandelt und von Wirt, Wirtin und Hotelpersonal liebevoll versorgt. Im Bahnhofshotel zu Dodoma sollte es uns anders ergehen.
Am 30. April abends – volle neun Tage nach unserm Aufbruch von der Nordbahn – trafen wir in Dodoma ein. In Dodoma gab es ein Bezirksamt, Polizeistation, Bahnbeamte, Intendantur, Ortskommando, Etappenkommando, Inderviertel und das Bahnhofshotel. Letzteres interessierte uns von allen diesen großstädtischen Einrichtungen am meisten. Aber es enttäuschte uns. Das Hotel hatte sicher auch einen Wirt, doch verschwand seine Persönlichkeit so gegen die der Wirtin, daß ich mich seiner nicht mehr recht erinnern kann; ich weiß nur noch, daß der Wirt ein junger Kerl war und daß ich mich wunderte, warum der Mann nicht an der Front kämpfte. Frau Wirtin aber war eine geschäftstüchtige Person und schien der Meinung zu sein, daß sie es ihren ortsansässigen, großstädtisch gekleideten Stammgästen schuldig sei, uns dreckige Frontsoldaten aus dem Hotel fernzuhalten. Vielleicht stammte sie aus einer englischen Kolonie und hatte von dort die Auffassung mitgebracht, daß der deutsche Soldat, wie der frühere Söldner Tommy Atkins, zwar gut genug sei, sich für die Sicherheit ihrer Kneipe totschlagen zu lassen, aber nicht gut genug, sie in Uniform zu betreten.
Daß die deutsch-ostafrikanische Kavalleriebrigade, die bereits 21 Monate im Felde gelegen hatte, damit Frau Wirtin in Dodoma in aller Ruhe ihre Großstädter bedienen und deren mapesa [Geld] einstecken konnte, die Sache von einem wesentlich andern Standpunkte ansah, ist weiter nicht zu verwundern. Als Frau Wirtin wiederholt Schwierigkeiten machte, Essen und Getränke gegen Zahlung guter ostafrikanischer Silberrupien zu liefern, wäre die Sache um ein Haar schief gegangen. Ich habe mir erzählen lassen, daß man schon beriet, ob es ein Fall sei zum »plündere, leicht ahnsenge oder vom Grund auf devaschtiere«. Nur die Ruhe einiger älterer Frontsoldaten soll die Situation, d. h. Hotelinventar, gerettet haben.
Daß übrigens die Kavalleriebrigade aus dem Kampfe gegen Frau Wirtin siegreich hervorgegangen war, konnte ich am folgenden Tage beobachten. Wir hatten Ruhetag, denn unsere Tiere, die übrigens der achttägige Marsch im Modder grausam mitgenommen hatte, bekamen wieder eine Atoxylspritze. An diesem Tage besetzte bereits in aller Frühe unsere Kapelle – Alwin Botha mit der Quetschkommode – das Großstadthotel. Spät am Abend spielte die Kapelle immer noch, und die Frontsoldaten sangen dazu so schön und andauernd, daß die ortsansässigen Stammgäste ihren Skatabend verschoben und, soweit sie verheiratet waren, zur Freude ihrer Frauen zu Hause blieben.
An der Kondoa-Front
Bereichert um fünf neue Reittiere, darunter zwei Hengste aus dem Regierungsgestüt Singidda – die letzte Reserve an Pferden in der Kolonie –, begannen wir am 1. Mai nachmittags unsern Vormarsch nach Norden auf der von Dodoma nach Kondoa führenden Straße. Am dritten Tag bogen wir von letzterer rechts ab und erreichten am Abend das uns zugewiesene Ziel, den Kwa-Handu-Paß.
Von den Einzelheiten dieses Marsches weiß ich so gut wie nichts mehr. Ich hatte mir, wahrscheinlich als Andenken an den Marsch von der Nordbahn zur Mittellandbahn, die Rote Ruhr zugelegt, die jetzt zum Ausbruch kam. Der Vormarsch nach Norden bestand für mich eigentlich nur in einem ewigen Auf- und Absitzenüben. Die Schmerzen wurden schließlich so schneidend, daß ich keinen Trab mehr reiten konnte und mich entschließen mußte, mit einigen andern Kranken der Kompaniekolonne im Schritt zu folgen. Seit meinem Fieber in Same stand ich unter einer Chininkur, nun machte ich gleichlaufend mit ihr eine Kalomelkur durch.
Der Höhenzug, auf dem der Kwa-Handu-Paß liegt, verläuft etwa parallel zu dem ihm nach Norden zu vorliegenden Höhenzug, auf dem sich unsere Kondoastellung befand. Unser Oberst war mit allen verfügbaren Truppen sowie den beiden von einem Blockadebrecher gelandeten Haubitzen und einigen Geschützen kleineren Kalibers von Dodoma in Eilmärschen dem Feinde, der bereits über Kondoa hinaus nach Süden vorgedrungen war, entgegengezogen und hatte ihn auf Kondoa zurückgeworfen. Die englische Front befand sich nun in einer Gesamtlänge von etwa 50 Kilometer auf den Höhen nördlich von Kondoa (einem Negerdorf mit Bezirksamt, 158 Kilometer von Dodoma), die deutsche auf dem Höhenzuge südlich von Kondoa. Wir, d. h. die beiden Berittenen Kompanien, kamen zunächst hinter den etwas zurückgebogenen rechten Flügel unserer Front. –
Als Gesamtlandschaftsbild denke man sich sehr zerklüftete Höhenzüge, die teils bewaldet sind, teils nackte Felsen in der Sonne glitzern lassen, und dazwischen weite, mit dichtem niedrigen Dornbusch bewachsene Täler. Aus dem Dornbusch ragt hier und da ein Affenbrotbaum zum Himmel, und wo etwas Licht und Sonne ankommen kann, war der Dornbusch jetzt, kurz nach der großen Regenzeit, von Winden überzogen, deren wunderbare, oft untertassengroße Blumenkelche den zartesten Farbenschmelz zeigten.
In diesem Dornenbusch haben sich die Eingeborenen ihre Mtamamashamba gerodet und ihre Lehmhütten mit dem flachen Dach, »Temben« genannt, gebaut. Ich sah viele und große Mashamba; denn das Bezirksamt Kondoa hatte die Eingeborenen veranlaßt, zur Verpflegung der Truppe besonders stark anzubauen. Der Mtama stand ganz vorzüglich. Ich möchte die Prophezeiung aussprechen, daß in einem Zukunfts-Ostafrika die Gegend von Kondoa und südlich davon ein Teil von Ugogo Tabak bauende Bezirke sein werden – der Boden eignet sich vorzüglich zum Tabakbau. Was Wasser anbelangt, will ich noch erwähnen, daß wir in keinem der zahlreichen Flußbetten tiefer als höchstens ein Meter danach zu graben brauchten, und daß die Engländer auf ihrer Etappenstraße von Aruscha nach Kondoa alle 20 oder 25 Kilometer Brunnen bohrten, Pumpwerke aufsetzten und Tränkstellen einrichteten, aus denen 500 bis 1000 Reittiere getränkt werden konnten. Grundwasser ist also reichlich vorhanden, auch lassen sich Staudämme und künstliche Seen überall leicht anlegen.
Ob die Kondoagegend heute ganz frei von Fieber ist, weiß ich nicht. Was noch an Fieber da sein sollte, würde mit dem Fortschritt der Wirtschaftskultur verschwinden. Malaria läßt sich verdrängen, wie die Beispiele von Ägypten, Panamakanal und Queensland bewiesen haben. –
Auf dem Kwa-Handu-Paß, der von einem Teil der Abteilung Aruscha besetzt war, trafen wir unsern lieben Dr. Sinning wieder. Diese Freude wurde dadurch gedämpft, daß unser guter Sanitätsrat uns verließ; er war zu dem Aufnahmelazarett versetzt, Sanitätssergeant Trimpler wurde sein Nachfolger. Ungern sahen wir unsern weisen Mann und Fundi im Reiskochen scheiden. Ich habe ihn nie wieder gesehen; er ist, wie ich später hörte, am Schwarzwasserfieber gestorben.
Meine erste Nacht im Kwa-Handu-Paß werde ich mein Lebtag nicht vergessen; in strömendem Regen brachte ich sie auf dem Orte zu, für dessen Einrichtung unser Sanitätsrat immer zuerst zu sorgen pflegte, sobald abgesattelt war. Am nächsten Tage, der Gott sei Dank ein Ruhetag war, begab es sich, daß unser einziger Offizier, Leutnant Freund, Fieber bekam und vorläufig nicht weiter konnte; er beschloß, auf unsere Trägerkolonne zu warten und mit dieser der Kompanie nachzukommen. Leutnant Kämpfe, Regierungsrat und Bezirksamtmann des gewesenen Bezirks Aruscha, wurde für die Zeit, bis Leutnant Freund wiederkam, Führer meiner Kompanie.
Nach dem Ruhetag ging die deutsch-ostafrikanische Kavallerie, die immer noch im Brigadeverbande marschierte und operierte, wohl weil man sie in ihrer zusammengeschrumpften Zahl sonst überhaupt kaum mehr hätte sehen können, weiter nach vorne, und zwar in Richtung des äußersten rechten Flügels unserer Front. Wir hatten die Aufgabe, dort nördlich der Straße von Kondoa nach Handeni einen Hügel – später der Büchsel-Hügel genannt, weil unser früherer Kompanieführer ihn mit der 4. Feldkompanie eine Zeitlang besetzt hielt – vom Feinde zu säubern.
Als wir uns dem Hügel frontal näherten, wurde unsere Vorspitze angeknallt, und Lowes von der Berittenen Achten fiel dabei verwundet in Feindeshand; ich habe ihn später in Ahmednagar gesund, aber minus einen Arm wiedergefunden. Nun wurde beschlossen, den Hügel am nächsten Morgen von Osten zu stürmen. Wir lagerten bei Tage hinter einem Mtamafeld im Busch. Hier bekamen wir den ersten sicheren Beweis dafür, daß die Eingeborenen von Kondoa-Irangi auf feindlicher Seite gegen uns mitmachten. Sie näherten sich unseren Askari, und als sich einer von diesen freundlich mit ihnen unterhalten wollte, stach ihm ein Irangimann seinen Stoßspeer durch die Halsmuskeln. In der folgenden Nacht pirschten wir uns an den Büchsel-Hügel heran, um ihn im Morgengrauen zu stürmen. Als es gerade losgehen sollte, kam eine vom Unteroffzier Fokken geführte Schleichpatrouille zurück und meldete, daß der Hügel vom Feinde geräumt sei.