Wie ich Livingstone fand; Erster Band

Part 25

Chapter 253,702 wordsPublic domain

Kaum hatten sie aber Platz genommen, als ich ihnen erklärte, sie möchten, da der Krieg nur zwischen ihnen und Mirambo ausgebrochen sei und wol bedeutend mehr Zeit in Anspruch nehmen werde, als ich daran wenden könne, namentlich wenn sie nach jedem kleinen Unfall weglaufen wollten, mich, nachdem sie ihre Verwundeten und Kranken auf dem Felde sich selbst überlassen, nicht mehr als Verbündeten ansehen. „Ich bin überzeugt“, sagte ich, „nachdem ich Euere Art zu kämpfen angesehen, dass der Krieg nicht in so kurzer Zeit beendet sein wird, als Ihr es glaubt. Es hat Euch, wie ich höre, fünf Jahre gekostet, Manwa Sera zu besiegen und zu tödten, und Ihr werdet gewiss Mirambo nicht in weniger als einem Jahre überwältigen. Ich bin als Weisser an eine andere Art der Kriegführung gewöhnt und verstehe etwas vom Kämpfen, habe aber noch nie Leute aus einem Lager wie das unsrige in Zimbizo aus einem so geringfügigen Grunde, wie bei Euch, weglaufen sehen. Dadurch habt Ihr Mirambo aufgefordert, Euch nach Unyanyembé zu folgen, und Ihr könnt Euch darauf verlassen, er wird es thun.“

Die Araber versicherten einer nach dem andern, sie hätten nicht die Absicht gehabt, mich zu verlassen; die Wanyamwezi von Mkasiwa aber hätten geschrien, der Musungu sei fort, und dieses Geschrei hätte einen panischen Schrecken unter ihren Leuten hervorgerufen, der sich nicht habe aufhalten lassen.

Später an demselben Tage setzten die Araber ihren Rückzug bis Tabora fort, welches 22 Meilen von Mfuto entfernt ist. Ich beschloss, langsamer zu reisen, und am zweiten Tage nach der Flucht von Zimbizo marschirte meine Expedition mit allen Vorräthen zurück nach Masangi, und erst am dritten nach Kwihara.

Die hier folgenden Auszüge aus meinem Tagebuche werden am besten die Gefühle und Gedanken an den Tag legen, die mich um diese Zeit, nach unserer schmachvollen Flucht, bewegten.

+Kwihara, Freitag, 11. August 1871.+ Heute aus Zimbili, dem Dorfe Bomboma’s, angekommen. Ich bin ganz enttäuscht und fast entmuthigt, habe aber einen Trost: ich habe den Arabern gegenüber meine Pflicht gethan und zwar weil ich glaubte, dass ich es ihnen wegen der Güte, mit der sie mich empfangen, schuldig sei. Jetzt jedoch habe ich meine Schuld abgetragen und fühle mich wieder frei, kann wieder meinen eigenen Weg gehen. Ich freue mich aus mehrfachen Gründen, dass ich meine Schuld mit so geringen Opfern losgeworden. Hätte ich mein Leben bei diesem Unternehmen eingebüsst, so wäre das nur eine gerechte Strafe gewesen. Aber ausser meiner Verpflichtung gegen die Araber lag die Nothwendigkeit vor, alles zu versuchen, um Livingstone rasch zu erreichen. Dieser Weg, den der Krieg mit Mirambo versperrt, führt von hier in einem Monate nach Udschidschi, und wenn er durch meine Beihülfe rascher als ohne dieselbe wieder frei werden konnte, warum sollte ich sie verweigern? Zum zweiten male ist der Versuch gemacht worden, nach Udschidschi zu kommen und -- beide sind fehlgeschlagen. Jetzt werde ich einen andern Weg versuchen, denn durch den Norden hinzuziehen würde Thorheit sein. Mirambo’s Mutter und Volk und die Wasui liegen zwischen mir und Udschidschi, ganz abgesehen von den Watuta, die seine Verbündeten und Räuber sind. Die südliche Route scheint mir die praktischere zu sein. Zwar wissen nur wenige Menschen etwas von dem Lande im Süden und die, welche ich darum befragt habe, sprechen von Wassermangel und räuberischen Wazavira als ernstlichen Hindernissen, sowie dass es dort nur wenige Ansiedlungen gibt und diese weit auseinanderliegen.

Ehe ich es aber wagen kann, diese neue Route einzuschlagen, muss ich mir neue Leute miethen, da die, welche ich nach Mfuto mitgenommen, ihre Verpflichtung als erloschen ansehen und der Tod von fünf Kameraden ihre Reiselust etwas gedämpft hat. Es ist unnütz zu hoffen, dass ich Wanyamwezi bekommen werde, denn es ist gegen ihre Gewohnheit, Karavanen während Kriegszeiten als Lastträger zu begleiten. Daher ist meine Lage eine sehr ernste und ich hätte Entschuldigung genug, nach der Küste zurückzukehren, aber mein Gewissen gestattet mir dies nicht, nachdem ich so viel Geld ausgegeben und man so grosses Vertrauen auf mich gesetzt hat. Fürwahr, ich fühle es, dass ich lieber sterben als zurückkehren muss.

+Sonnabend, 12. August.+ Meine Leute sind, wie ich vorausgesehen, fortgelaufen. Sie behaupteten, ich hätte sie gemiethet, um über Mirambo’s Weg nach Udschidschi zu gehen. Jetzt habe ich nur 13 übrig. Wohin kann ich mit diesem kleinen Trupp gehen? Mehr als 100 Lasten habe ich in meiner Vorrathskammer. Livingstone’s Karavane ist auch hier; seine Güter bestehen aus 17 Ballen Tuch, 12 Kisten und 6 Beuteln Perlen. Seine Leute schwelgen hier im besten, was das Land nur bietet.

Wenn Livingstone in Udschidschi ist, so ist er jetzt wegen Mangel an Subsistenzmitteln ausser Stande, fortzuziehen. Auch ich kann mich als in Unyanyembé eingeschlossen ansehen und werde wol kaum nach Udschidschi gehen können, bis der Krieg mit Mirambo vorüber ist. Livingstone kann seine Waaren nicht bekommen, denn sie sind hier bei mir. Nach Zanzibar kann er auch nicht zurückkehren und der Weg nach dem Nil ist ihm ebenfalls versperrt. Zwar könnte er vielleicht, wenn er Leute und Vorräthe hat, Baker erreichen, indem er nach Norden durch Urundi, Ruanda, Karagwah, Uganda, Unyoro und Ubari nach Gondokoro zieht. Pagazi kann er aber nicht bekommen, denn die Quellen, aus denen man sie bezieht, sind verstopft. Es ist durchaus falsch, anzunehmen, Livingstone könne, trotz aller seiner Energie, ohne Begleitung und einen ausreichenden Vorrath von marktüblichem Zeug und Perlen durch Afrika reisen.

Heute erzählte mir ein Mann, Livingstone sei, als er vom See Nyassa nach dem Tanganika reiste (gerade zur Zeit, wo man ihn für ermordet hielt), mit Sayd bin Omar’s Karavane zusammengetroffen, die nach Ulamba zog. Damals reiste er mit Mohammed bin Gharib. Dieser Araber, der von Urungu kam, sah Livingstone in Tschi-cumbi’s- oder Kwa-tschi-kumbi’s Lande und reiste mit ihm später, wie ich höre, nach Manyuema oder Manyema. Manyema liegt 40 Märsche nördlich vom Nyassa. Livingstone ging damals zu Fuss und war in amerikanischer Leinwand gekleidet. Er hatte all sein Tuch im See Liemba verloren, als er in einem Boot über denselben setzte. Damals hatte er drei Nachen bei sich. In dem einen befand sich sein Tuch, im andern seine Kisten und einige Mannschaft, ins dritte war er selbst mit zwei Dienern und zwei Fischern gestiegen. Das Boot mit dem Tuch schlug um. Von Nyassa ging Livingstone nach Ubissa, von dort nach Uemba und von da nach Urungu. Er trug eine Mütze, hatte einen doppelläufigen gezogenen Hinterlader bei sich, für Sprengkugeln eingerichtet. Auch war er mit zwei Revolvern bewaffnet. Die Wahiyau, welche bei Livingstone waren, hatten diesem Manne erzählt, ihr Herr habe viele Leute bei sich gehabt, mehrere davon seien ihm aber desertirt.

+13. August.+ Heute kam eine Karavane von der Seeküste an. Sie berichtete, dass William Lawrence Farquhar, den ich in Mpwapwa in Usagara krank zurückgelassen hatte, und sein Koch gestorben seien. Farquhar sei einige Tage, nachdem ich in Ugogo eingezogen, gestorben, sein Koch ein paar Wochen später. Mein erster Impuls war der Gedanke an Rache. Ich glaubte nämlich, dass Leukole falsch gegen mich gehandelt und ihn vergiftet habe oder dass er sonst irgendwie ermordet worden sei. Eine persönliche Unterredung mit dem Mswahili jedoch, der mir die Nachricht überbrachte und erzählte, Farquhar sei seiner schrecklichen Krankheit erlegen, befreite mich von diesem Verdacht. Soweit ich ihn verstehen konnte, hätte Farquhar an dem Morgen des Tages sich für wohl genug gehalten, weiterzuziehen, war aber beim Versuche aufzustehen, zurückgefallen und gestorben. Auch erfuhr ich, dass die Wasagara, da sie manche abergläubische Ansichten in Bezug auf die Todten haben, Dschako beauftragt hätten, den Körper zur Beerdigung hinauszuschaffen und dass dieser, ausser Stande, ihn zu tragen, ihn in ein Dickicht geschleppt und daselbst, ohne ihn mit Erde oder sonstwie zuzudecken, nackt hätte liegen lassen.

„Da ist also einer von uns dahin, mein lieber Shaw! Wer wird wol der nächste sein?“ sagte ich an dem Abend zu meinem Gefährten.

+14. August.+ Einige Briefe nach Zanzibar geschrieben. Shaw wurde gestern Abend sehr krank. Ob es Fieber ist oder was sonst, weiss ich nicht. Ich glaube nicht, dass es Fieber ist. Ich fürchte, es ist eine durch Ansteckung zugezogene Krankheit. Ich habe keine Arzneien dafür; daher habe ich drei Soldaten nach Zanzibar geschickt, nachdem ich ihnen je 50 Dollars versprochen, damit sie sich recht beeilten.

+19. August, Sonnabend.+ Meine Soldaten sind damit beschäftigt, Perlen aufzureihen. Shaw liegt noch zu Bett. Wir hören, dass Mirambo im Begriff ist, gegen Unyanyembé zu ziehen. Eine Abtheilung Araber ist mit ihren Sklaven heute Morgen ausgezogen, um sich des Pulvers zu bemächtigen, das der gefürchtete Scheikh Sayd bin Salim, der Oberbefehlshaber der arabischen Ansiedlungen, dort gelassen hat.

+21. August, Montag.+ Shaw noch krank. 100 Fundo Perlen sind aufgezogen. Die Araber bereiten sich auf einen neuen Ausfall gegen Mirambo vor. Heute Morgen hat Sayd bin Salim geleugnet, dass Mirambo gegen Unyanyembé vorgeht.

+22. August.+ Als wir heute Morgen Perlen aufreihten, hörten wir ungefähr um 10 Uhr ein beständiges Feuern aus der Gegend von Tabora. Wir stürzten von unserer Arbeit an die Vorderthür, von wo aus man nach Tabora sieht und hörten deutlich bedeutendes Kleingewehrfeuer und zerstreutes Schiessen. Als ich auf das Dach meiner Tembé stieg, sah ich mit meinen Gläsern den Rauch der Flinten. Einige meiner Leute, die ich ausschickte, um die Ursache zu ermitteln, kamen mit der Nachricht zurück, Mirambo habe Tabora mit mehr als 2000 Mann angegriffen und eine Schar von mehr als 1000 Watuta, die sich mit ihm des Raubes wegen verbündet, habe plötzlich Tabora auch von andern Seiten angegriffen.

Später am Tage, ungefähr gegen Mittag, sahen wir, als wir den niedrigen Sattel, über welchem man Tabora erblicken kann, beobachteten, denselben von Flüchtlingen aus jener Colonie dicht besetzt, die zu uns nach Kwihara um Schutz flohen. Von diesen Leuten erhielten wir die traurige Nachricht, dass der edle Khamis bin Abdullah, sein kleiner Schützling Khamis, Mohammed bin Abdullah, Ibrahim bin Raschid und Sayf, der Sohn Ali’s, des Sohnes von Scheikh, des Sohnes von Nasib, erschlagen worden seien.

Als ich mich nach den Einzelheiten des Angriffs und der Todesart dieser Araber erkundigte, hörte ich, Khamis bin Abdullah sei nebst einigen gerade bei ihm anwesenden Hauptarabern nach dem ersten Feuer, das die Einwohner von Tabora von dem feindlichen Ueberfalle benachrichtigte, auf das Dach seines Tembé gestiegen und habe mit dem Fernglase nach der Richtung geschaut, woher das Feuern kam. Zu seiner grossen Verwunderung habe man die Ebene von Tabora von heranrückenden Wilden erfüllt gesehen und etwa zwei Meilen davon, nahe bei Kazima, ein aufgeschlagenes Zelt erblickt, von dem er wusste, dass es Mirambo gehöre, weil es ihm von den Arabern von Tabora, als sie noch in guten Beziehungen zueinander standen, geschenkt worden war.

Khamis bin Abdullah sei nun mit den Worten ins Haus hinabgestiegen: „Lasst uns ihm entgegenziehen. Bewaffnet Euch, meine Freunde, und begleitet mich!“ Seine Freunde riethen ihm sehr, sein Tembé nicht zu verlassen, denn solange ein jeder Araber sich in seinem Tembé hielte, seien sie den verbündeten Ruga-Ruga und Watuta über und über gewachsen. Khamis aber rief ungeduldig aus: „Würdet Ihr uns rathen, aus Furcht vor diesem Mschensi (Heiden) in unsern Tembés zu bleiben? Wer geht mit mir?“ -- Sein kleiner Schützling, Khamis, der Sohn eines todten Freundes, bat um die Erlaubniss, ihm seine Flinte zu tragen; Mohammed bin Abdullah, Ibrahim bin Raschid und Sayf, der Sohn Ali’s, lauter junge Araber aus guten Familien, die stolz darauf waren, mit dem edlen Khamis zusammenzuleben, erboten sich auch, ihn zu begleiten. Nachdem er hastig 80 Sklaven bewaffnet hatte, machte er sich, entgegen dem Rathe seiner vorsichtigeren Freunde, auf den Weg und befand sich bald seinem schlauen und entschlossenen Gegner Mirambo gegenüber. Als dieser die Araber auf sich zukommen sah, liess er Befehl zu langsamem Rückzug geben. Khamis, hierdurch getäuscht, stürzte sich mit seinen Freunden hinter Mirambo her. Plötzlich aber liess dieser seine Leute in geschlossener Ordnung gegen sie vorrücken und bei dem Anblick des rasch gegen sie unternommenen Sturmlaufs ergriffen Khamis’ Sklaven die wilde Flucht und überliessen, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, ihren Herrn dem Schicksal, das ihn jetzt ereilte. Die Wilden umgaben nämlich die fünf Araber und schossen, wennschon einige von ihnen auch von den Schüssen der Araber fielen, so lange auf die kleine Schar, bis Khamis bin Abdullah selbst eine Kugel ins Bein bekam, sodass er auf die Knie sank. Jetzt erst kam er zur Erkenntniss, dass er von seinen Sklaven verlassen sei. Trotz seiner Wunden fuhr der tapfere Mann fort zu schiessen, bald darauf aber traf ihn eine Kugel ins Herz. Der kleine Khamis rief darauf, als er seinen Adoptivvater fallen sah: „Mein Vater Khamis ist todt, ich will mit ihm sterben,“ und kämpfte weiter, bis auch er bald darauf seine Todeswunde bekam. Einige Augenblicke später war kein einziger Araber mehr am Leben.

Spät am Abend kamen uns einige Einzelheiten über diese tragische Scene zu. Leute, welche die Körper gesehen hatten, erzählten mir, dass die Leiche des edlen, tapfern, stattlichen Khamis bin Abdullah von den wilden Verbündeten Mirambo’s arg verstümmelt worden sei. Man habe ihm die Stirnhaut, Bart und Haut von dem untern Theil des Gesichts, die Nasenspitze, das auf dem Magen und Unterleib befindliche Fett, die Genitalien und schliesslich ein Stück von den Fersen abgeschnitten. In demselben Zustand fand man die Leiche seines Adoptivsohnes und seiner gefallenen Freunde. Die auf solche Weise den Leichnamen entnommenen Fleisch- und Hautpartien hatten natürlich die Waganga oder Medicinmänner sich angeeignet, um aus ihnen das kräftigste Gebräu zu fabriziren, das nach ihrer Ansicht einen Menschen gegen seine Feinde stark macht. Dieses Getränk wird mit ihrem Ugali und Reis zusammengemischt und dann mit dem vollkommensten Vertrauen auf seine Wirksamkeit als feiendes Mittel gegen Kugeln und sonstige Geschosse getrunken.

Es war ein sehr trauriger Anblick, von unserm aufgeregten Kwihara aus fast ganz Tabora in Flammen zu erblicken und Hunderte von Leuten zu uns strömen zu sehen.

Da ich die Bereitschaft meiner Leute, zu mir zu halten, wahrnahm, so machte ich Vorbereitungen zur Vertheidigung, indem ich Schiessscharten für die Musketen in die starken Lehmmauern meines Tembé bohrte. Wir machten sie so rasch und sie schienen so vortrefflich für eine wirksame Vertheidigung des Tembé geeignet zu sein, dass meine Leute ganz kampflustig wurden und mit Flinten bewaffnete aus Tabora vertriebene Wangwana-Flüchtlinge darum baten, in unser Tembé eingelassen zu werden, um bei seiner Vertheidigung mitzuwirken. Auch Livingstone’s Leute wurden versammelt und aufgefordert, ihres Herrn Güter gegen Mirambo’s vermeintlichen Angriff zu vertheidigen. Zur Nacht hatte ich 150 Bewaffnete in meinem Hofraum, welche an jedem Punkt aufgestellt waren, an dem ein Angriff zu erwarten war. Mirambo hat gedroht, er werde morgen nach Kwihara kommen. Ich hoffe zu Gott, er wird kommen und wenn er ins Bereich eines amerikanischen gezogenen Gewehrs sich verläuft, so will ich doch sehen, welche Kraft in amerikanischem Blei liegt.

+23. August.+ Wir haben im Thale von Kwihara einen sehr angstvollen Tag verlebt. Unsere Augen waren beständig auf das unglückliche Tabora gerichtet. Man hat uns gesagt, dass nur drei Tembés die Hitze des Angriffs ausgehalten haben. Abid bin Suliman’s Haus ist zerstört und mehr als 200 Elfenbeinzähne, die ihm gehörten, sind das Eigenthum dieses afrikanischen Bonaparte geworden. Mein Tembé ist so gut ausgerüstet, als seine Bauart und Vertheidigungsmittel es gestatten. Schiessgruben umgeben das Haus von aussen, und alle Hütten der Eingeborenen, welche die Aussicht behinderten, sind niedergerissen, alle Bäume und Sträucher, die als Schutz für einen Feind hätten dienen können, sind abgehauen. Wasser und Vorräthe für sechs Tage sind hereingebracht. Ich habe Munition genug auf zwei Wochen und, ohne zu prahlen, glaube ich nicht, dass 10,000 Afrikaner das Haus nehmen könnten, obwol 4-500 Europäer es leicht ohne Kanonen zu thun vermöchten. Mit Kanonen wären 50 Europäer im Stande, es zu bewältigen. Die Mauern sind 3 Fuss dick und die Gemächer liegen so ineinander, dass eine verzweifelte Männerschar lange kämpfen könnte, bis der letzte Raum genommen wäre.

Meine Nachbarn, die Araber, bemühen sich, tapfer zu erscheinen; es ist jedoch offenbar, dass sie in Verzweiflung sind. Gerüchtweise verlautet, dass die Araber von Kwihara, wenn Tabora genommen ist, in Masse zur Küste eilen und das Land Mirambo überlassen wollen. Wenn dies ihre Absichten sind und sie dieselben wirklich ausführen, so werde ich mich in einer schönen Situation befinden. Wenn sie mich jedoch wirklich verlassen, so wird Mirambo keinen Vortheil von meinen und Livingstone’s Vorräthen haben, denn ich werde das ganze Haus und alles, was sich darin befindet, verbrennen. Das ist mein Entschluss. Aber was in aller Welt wird aus Shaw werden? In einer solchen kritischen Lage würde ihn niemand tragen.

+24. August.+ Die amerikanische Flagge weht noch über meinem Hause und die Araber sind noch in Unyanyembé.

Ungefähr um 10 Uhr morgens kam ein Bote von Tabora mit der Frage, ob wir sie nicht gegen Mirambo unterstützen wollten. Anfangs fühlte ich mich sehr geneigt, ihnen zu helfen; nachdem ich aber die Sache gründlich erwogen und mir die Fragen vorgelegt hatte: ob es klug sei? ob ich verpflichtet sei zu gehen? was aus meinen Leuten werden würde, wenn ich getödtet sei? ob sie mich wieder im Stich lassen würden? und an das Schicksal des Khamis bin Abdullah dachte, liess ich ihnen sagen, dass ich nicht kommen werde; sie müssten sich ja in ihren Tembés gegen die Truppenmacht Mirambo’s völlig sicher fühlen; ich würde mich sehr freuen, wenn sie ihn dazu bringen könnten, nach Kwihara zu kommen, in welchem Falle ich es versuchen würde, ihn todtzuschiessen.

Mirambo und seine Hauptoffiziere sollen Schirme über den Köpfen tragen und er selbst langes Haar wie ein Mnyamwezi-Pagazi und einen Bart haben. Sollte er kommen, so werden alle mit Schirmen versehenen Leute von einem Regen von Kugeln überschüttet werden in der Hoffnung, dass eine so glücklich sei, ihn zu treffen. Nach den Vorstellungen des Volkes sollte ich mir eine Kugel aus Silber giessen; ich habe aber kein Silber bei mir. Allenfalls könnte ich mir eine aus Gold anfertigen.

Um 12 Uhr ging ich zu Scheikh bin Nasib und liess ungefähr 100 Leute in meinem Hause, um es während meiner Abwesenheit zu bewachen. Dieser alte Mann ist in seiner Art ein vollständiger Philosoph. Ich möchte ihn einen Professor der praktischen Philosophie nennen. Gewöhnlich ist er voll Sentenzen und Aphorismen und ein sehr bedächtiger Charakter. Ich war also erstaunt, ihn in Verzweiflung zu finden, seine Aphorismen haben ihn im Stich gelassen, seine Philosophie ist nicht im Stande gewesen, sich im Unglück zu bewähren. Er hörte mir mehr wie ein Sterbender, als wie ein Mann zu, der alle Mittel zur Vertheidigung und zum Angriff besitzt.

Ich habe ihm seinen Zweipfünder mit Kugeln, Schrot und kleingehackten Eisenstücken geladen und ihm den Rath ertheilt, denselben nicht früher abzufeuern, als bis Mirambo’s Leute vor seinen Thoren wären.

Um 4 Uhr nachmittags hörte ich, dass Mirambo sich nach Kazima, einem einige Meilen nordwestlich von Tabora belegenen Ort, begeben habe.

+26. August.+ Heute Morgen zogen die Araber aus, um Kazima anzugreifen, gaben es aber wieder auf, weil Mirambo um einen Tag Frist gebeten hatte, um das Fleisch, das er ihnen gestohlen, verzehren zu können. Er hat sie unverschämterweise eingeladen, morgen früh zu kommen, zu welcher Zeit er sie gründlich durchklopfen werde.

Kwihara hat sein friedfertiges Aussehen wieder erlangt; Flüchtlinge drängen sich nicht mehr verzweifelt in der engen Räumlichkeit umher.

+27. August.+ Mirambo hat sich während der Nacht zurückgezogen, und als die Araber sich mit einer Truppenmacht auf den Weg machten, um das Dorf Kazima anzugreifen, fanden sie es leer.

Die Araber halten heute Kriegsrath und Zusammenkünfte, die sie sehr zu lieben scheinen, nach denen sie aber nur langsam zur That schreiten. So z. B. waren sie im Begriff, sich mit den Watuta des Nordens zu verbünden; Mirambo ist ihnen jedoch darin zuvorgekommen. Ferner sprachen sie davon, Mirambo’s Gebiet zum zweiten mal zu überfallen; Mirambo aber hat Unyanyembé mit Feuer und Schwert überzogen, manchem Haushalt den Tod gebracht und ihre Edelsten erschlagen.

Die Araber bringen ihre Stunden mit blossen Reden zu, während doch die Strassen nach Udschidschi und Karagweh ihnen unzugänglicher denn je sind. In der That sprechen viele einflussreiche Araber davon, nach Zanzibar zurückzukehren, indem sie behaupten: Unyanyembé sei zu Grunde gerichtet. Ich habe alle Achtung vor ihnen verloren.

Da ich die Unmöglichkeit einsehe, mir Wanyamwezi-Pagazi zu verschaffen, miethe ich mittlerweile zu meiner Reise nach Udschidschi Wangwana-Ueberläufer, die in Unyanyembé wohnen, zu dreifachen Preisen; habe aber nicht viel Erfolg dabei. Einem jeden werden 30 Doti angeboten, während der gewöhnliche Miethpreis eines Lastträgers nur 5-10 Doti bis nach Udschidschi beträgt. Ich brauche 50 Menschen und beabsichtige 60-70 Lasten hier unter der Obhut einer Wache zurückzulassen. Mit Ausnahme eines kleinen Koffers werde ich mein ganzes persönliches Gepäck hier lassen.

+28. August.+ Heute keine Nachricht von Mirambo. Shaw wird wieder kräftiger.

Scheikh bin Nasib hat mich heute besucht, hatte mir aber, ausser seinen kleinen philosophischen Aussprüchen, nichts zu sagen.

Ich habe mich entschlossen, nachdem ich mir das Land angesehen, eine fliegende Karavane auf einer südlichen Strasse durch das nördliche Ukonongu und Ukawendi nach Udschidschi zu führen. Heute Abend hat Scheikh bin Nasib diesen Entschluss erfahren.

+29. August.+ Shaw ist heute aufgestanden, um ein wenig zu arbeiten. Doch ach! alle meine schönen feingesponnenen Pläne, zu Boot über den Victoria-Nyanza und dann den Nil hinabzugehen, sind, wie ich fürchte, an diesem Kriege mit Mirambo, dem schwarzen Bonaparte, vollständig gescheitert. Zwei Monate schon sind hier vergeudet. Die Araber nehmen sich so viel Zeit, um schlüssig zu werden. Rathschläge und Worte haben sie genug, so viel wie Grashalme in unserm Thal, aber es fehlt an Entschlossenheit. Die Hoffnung und Stütze der Araber ist todt, seitdem Khamis bin Abdullah nicht mehr ist. Wo sind jetzt die Krieger, von denen die Barden der Wangwana und Wanyamwezi singen? Wo ist der mächtige Kisesa -- der grosse Abdullah bin Nasib? Wo ist der Sayd, der Sohn des Madschid? Kisesa ist in Zanzibar und Sayd, Sohn des Madschid, befindet sich in Udschidschi und weiss noch gar nicht, dass sein Sohn im Walde von Wilyankuru gefallen ist.

Shaw wird rasch besser. Es gelingt mir noch immer nicht, Soldaten zu bekommen. Fast verzweifle ich daran, je im Stande zu sein, von hier fortzukommen. Es ist ein so schläfriges, träumendes, langsames Land. Die Araber, Wangwana, Wanyamwezi sind alle gleich; niemand von ihnen bekümmert sich um die Flüchtigkeit der Zeit. Ihr „Morgen“ bedeutet bisweilen einen Monat. Für mich ist das geradezu zum Tollwerden.

+30. August.+ Shaw will nicht arbeiten. Ich kann ihn nicht dazu bewegen, sich zu rühren; habe ihn mit Bitten und Schmeicheleien bestürmt, ihm sogar kleine Leckerbissen gekocht. Während ich aber jeden Nerv anspanne, um nach Udschidschi zu kommen, begnügt sich jener damit, theilnahmlos zuzusehen. Wie hat sich doch der kühne, gewandte Mann seit Zanzibar verändert!