Wie ich Livingstone fand; Erster Band

Part 26

Chapter 263,624 wordsPublic domain

Heute setzte ich mich mit meiner Handarbeit an seine Seite, um ihn zu ermuthigen und habe ihm zum ersten mal die eigentliche Aufgabe meiner Mission mitgetheilt. Ich erzählte ihm, dass mir die Geographie des Landes nicht halb so sehr am Herzen liege, als das Auffinden Livingstone’s. Zum ersten mal sagte ich ihm: „Nun, mein lieber Shaw, Sie glauben wol, dass ich hergeschickt bin, um die Tiefe des Tanganika zu messen? Durchaus nicht, mein Freund; man hat mir befohlen, Livingstone aufzusuchen. Um Livingstone’s willen bin ich hier, nur seinetwegen habe ich mich auf die Reise begeben. Sehen Sie nicht, alter Freund, die Wichtigkeit dieser Mission ein? Begreifen Sie nicht, dass Sie einen grossen Lohn von Herrn Bennett bekommen werden, wenn Sie mir helfen? Ich bin fest überzeugt, dass, wenn Sie je nach New York kommen, Sie nie um eine 50 Dollarnote verlegen sein werden. Also werden Sie munter, tummeln Sie sich und sehen Sie heiter aus! Sagen Sie sich, Sie wollen nicht sterben, das ist schon der halbe Kampf. Lachen Sie über das Fieber, dann will ich Ihnen garantiren, dass das Fieber Sie nicht tödtet. Ich habe Medizin genug für ein Regiment bei mir.“

Umsonst, -- ich sprach wie zu einer leblosen Mumie. Zwar wurden seine Augen etwas heller, aber das Licht derselben wurde bald schwächer und schwand. Ich wurde ganz entmuthigt; machte etwas starken Punsch, um ihm Feuer in die Adern zu giessen, auf dass ich wieder Leben in ihm sähe. Ich bereitete den Punsch mit Zucker und Eiern und machte ihn mit Limonen und Gewürz schmackhaft. „Trinken Sie doch, Shaw“, sagte ich, „und vergessen Sie Ihre elenden Leiden. Athmen Sie mir doch nicht so ins Gesicht, als ob Sie im Begriff wären, zu sterben. Lassen Sie diese Grimassen. Sie sind nicht krank, theurer Freund; es ist blosse Langeweile, die Sie fühlen. Sehen Sie sich den Selim an. Ich will um sonst etwas wetten, dass er nicht stirbt und dass ich ihn sicher zu seinen Freunden nach Jerusalem zurückbringe. Sie werde ich auch wieder in die Heimat führen, wenn Sie es mir gestatten wollen.“

Er rauchte seine widerliche Pfeife weiter. Wenn man seinen Athem hörte, so meinte man, er sei im Sterben, aber er ist nicht einmal krank. Erst neulich sagte er mir, er kenne alle die Manöver alter Seeleute, die sie anwenden, um sich auf dem Meere von der Arbeit zu drücken. Ich bin überzeugt, dass er auch mir solch einen Streich spielt. Dieses Wechselfieber! -- ich kenne ja jedes Stadium desselben und bin überzeugt, dass er es nicht hat.

Bestimmt glaube ich, dass, wenn ich einen Stock nehme, ich ihm diesen Unsinn ausprügeln könnte.

+1. September.+ Nach dem Bericht von Thani bin Abdullah, den ich heute in seinem Tembé in Maroro besucht habe, hat Mirambo bei seinem Angriff auf Tabora 200 Mann verloren. Der Verlust der Araber besteht aus 5 Arabern, 13 Freien und 8 Sklaven; ausserdem sind 3 Tembés und mehr als 100 kleine Hütten verbrannt und 280 Elfenbeinzähne, 60 Kühe und Bullenkälber weggenommen.

+3. September.+ Ein Packet Briefe und Zeitungen von Kapitän Webb in Zanzibar erhalten. Wie schön ist es, dass Freunde selbst im fernen Amerika des Abwesenden in Afrika gedenken! Man sagt mir, dass niemand eine Ahnung davon hat, dass ich schon in Afrika bin.

Ich habe mich heute an Scheikh bin Nasib gewandt, damit er Livingstone’s Karavane unter meiner Führung nach Udschidschi gehen lasse; er wollte aber gar nichts davon hören und ist überzeugt, ich gehe meinem Tode entgegen.

+4. September.+ Heute ist Shaw ganz wohl, wie er sagt, aber Selim liegt am Fieber darnieder. Die Zahl meiner Leute mehrt sich allmählich, obgleich einige meiner alten Soldaten fortfallen. Umgareza ist blind; Baruti hat die Pocken in sehr hohem Grade; Bilali eine merkwürdige Krankheit, ein Geschwür oder so etwas am Rücken, und Sadala hat das Mukunguru (Wechselfieber).

+5. September.+ Heute Morgen ist Baruti gestorben. Er war einer meiner besten Soldaten und gehörte zu den Begleitern Speke’s in Aegypten. Dies ist der siebente Todte, den ich seit Zanzibar habe.

Heute haben mir die Berichte der Araber über den Zustand des Landes, durch das ich zu reisen beabsichtige, das Leben schwer gemacht. „Die Wege sind schlecht und sämmtlich versperrt; die Ruga-Ruga schwärmen in den Wäldern; die Wakonongo kommen vom Süden, um Mirambo zu helfen; die Waschensi befinden sich untereinander im Kriege.“ Meine Leute werden entmuthigt, sie sind von den Befürchtungen der Araber und Wanyamwezi angesteckt. Bombay fängt an zu meinen, dass ich besser daran thäte, jetzt zur Küste zurückzukehren und später einen neuen Versuch zu machen.

Wir haben Baruti unter dem Schatten des Bananenbaumes, einige Schritt westlich von meinem Tembé begraben. Das Grab wurde 4½ Fuss tief und 3 Fuss breit gemacht. Am Grunde desselben wurde auf einer Seite ein schmaler Graben ausgehöhlt, in den der Leichnam auf die Seite gerollt wurde, das Gesicht nach Mekka gewandt. Die Leiche war in 1½ Doti neue amerikanische Leinwand gekleidet. Nachdem sie richtig in ihr enges Bett gebracht worden, wurde ein herabhängendes Dach aus Stöcken gebaut, das mit Matten und altem Segeltuch bedeckt wurde, um zu verhindern, dass Erde auf den Körper falle. Dann wurde das Grab unter dem lustigen Gelächter der Soldaten zugeschüttet; darauf ein kleiner Busch auf dasselbe gepflanzt und in ein kleines mit der Hand gemachtes Loch Wasser gegossen für den Fall, dass er, wie sie sagten, auf seinem Wege ins Paradies durstig werde. Schliesslich wurde das ganze Grab mit Wasser bespritzt und der Kürbis gebrochen. Nachdem diese Ceremonie beendet, sagten die Leute das arabische Fat-hah her, worauf sie das Grab ihres todten Kameraden verliessen, um nicht weiter an ihn zu denken.

+7. September.+ Ein Araber, namens Mohammed, hat mich heute mit einem kleinen Sklaven beschenkt, der Ndugu M’hali (meines Bruders Reichthum) heisst. Da ich den Namen nicht liebte, rief ich die Hauptleute meiner Karavane zusammen und ersuchte sie, ihm einen bessern zu geben. Der eine meinte, Simba (ein Löwe), der andere sagte, Ngombe (eine Kuh) würde geeignet für den kleinen Jungen sein. Wieder ein anderer meinte, er solle Mirambo heissen, was ein lautes Gelächter hervorrief. Bombay meinte, Bombay Mdogo würde für meinen kleinen Schwarzen sehr passend sein. Ulimengo aber bezeichnete, nachdem er sich die raschen Augen und flinken Bewegungen des Kleinen angesehen, den Namen Ka-lu-lu als den geeignetsten, „denn“, sagte er, „sehen Sie sich nur seine hellen Augen, seine schlanke Gestalt, seine raschen Bewegungen an; ja, Kalulu ist sein Name.“ -- „Ja, Bana“, sagten die andern, „lassen Sie ihn Kalulu heissen.“ Kalulu ist nämlich ein Kiswahili-Ausdruck für das Junge der blauen Antilope (perpusilla).

„Gut“, sagte ich, nachdem Wasser in einer grossen Zinnpfanne gebracht worden und Selim, der bereit war, sein Pathe zu sein, ihn über dasselbe gehalten, „möge sein Name von jetzt an Ka-lu-lu heissen und niemand ihm denselben rauben!“ So kam Mohammed’s kleiner Schwarzer zu dem Namen Kalulu.

Die Expedition nimmt an Zahl zu, sie besteht jetzt aus zwei Weissen, einem arabischen Knaben, einem Hindu, 29 Wangwana, einem Jungen von Londa (Cazembés), einem von Nganda und einem von Liemba oder Uwemba.

Ehe es dunkelte wurden wir stark alarmirt. Wir hörten nämlich viel Feuern in Tabora, was uns einen Angriff auf Kwihara fürchten liess. Es erwies sich aber, dass es nur Salutschüsse zu Ehren der Ankunft von Sultan Kitambi waren, der dem Sultan von Unyanyembé, Mkasiwa, einen Besuch abstatten wollte.

+8. September.+ Gegen Abend hat Scheikh bin Nasib einen Brief von einem Araber in Mfuto erhalten mit dem Bericht, dass dieser Ort von Mirambo und seinen Watutaverbündeten angegriffen worden sei. Auch rieth er ihm, die Leute von Kwihara bereit zu halten, denn wenn es Mirambo gelänge, Mfuto zu erstürmen, so würde er direct auf Kwihara losmarschiren.

+9. September.+ Gestern wurde Mirambo mit grossem Verlust bei seinem Angriff auf Mfuto zurückgeschlagen. Es gelang ihm zwar, ein kleines Wanyamwezi-Dorf anzugreifen, als er aber Mfuto stürmte, wurde er mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Er hat dabei drei seiner vorzüglichsten Leute eingebüsst. Nachdem er seine Truppen zurückgezogen, machten die Einwohner einen Ausfall und folgten ihm bis an den Wald von Umanda, wo er abermals völlig in die Flucht geschlagen wurde und selbst in schmählicher Weise vom Felde floh.

Die Köpfe seiner im Angriff erschlagenen Hauptleute wurden nach Kwikuru, dem Boma von Mkasiwa, gebracht.

+11. September.+ Shaw ist ein sentimentaler Schwätzer und hat eine gute Portion von Joseph Surface’s Grundsätzen an sich. Zu Zeiten kann er ganz beredt über die Laster der Menschen, namentlich der Reichen, sprechen. Seine Philippiken über diesen Gegenstand verdienten eine bessere Zuhörerschaft als ich.

Er ist häufig ganz in sich selbst vertieft und in dieser Beziehung das gerade Gegentheil von Jack Bunsby. Statt den Horizont anzusehen, blickt er auf den Boden mit einem Blick, der zu sagen scheint, es ist irgendwo etwas nicht richtig, ich suche es eben festzustellen, wo es ist und wie man es in Ordnung bringen kann.

Heute erzählte er mir, sein Vater sei Kapitän in der britischen Marine und er selbst bei vier Levées der Königin Victoria anwesend gewesen. Dies ist jedoch kaum der Fall, da ich mir nicht vorstellen kann, dass der Sohn eines Marinekapitäns so wenig mit der Feder Bescheid weiss, dass er kaum im Stande ist, seinen eigenen Namen zu schreiben. Auch sehe ich nicht ein, wie es möglich ist, dass er der Königin vorgestellt sei, denn man hat mir immer gesagt, der Hof von St. James sei der aristokratischste von Europa.

Auf mich ist er aber sehr böse, weil ich ihn auslache, und er hat soeben eine Batterie von seinen Sentimentalitäten auf mich losgelassen, die mich fast zur Verzweiflung darüber bringt, dass ich mich mit einem solchen Narren belastet habe.

+14. September.+ Selim, der junge Araber, delirirt vor anhaltendem Fieber. Shaw ist wieder krank oder simulirt es zu sein. Diese beiden nehmen meine Zeit hauptsächlich in Anspruch. Ich bin geradezu Krankenwärter geworden, denn ich habe niemand, der mich bei der Pflege unterstützt. Wenn ich es versuche, Abdul Kader in der Kunst sich nützlich zu machen, zu unterrichten, so ist sein Kopf von den schrecklichen Dünsten des Unyamwezischen Tabacks so benebelt, dass er ganz verwirrt herumläuft, Schüsseln zerbricht und gekochte Leckerbissen umwirft, bis ich so ärgerlich werde, dass ich auf eine ganze Stunde meine Gemüthsruhe verliere. Wenn ich Feradschi, der jetzt förmlich als mein Koch installirt ist, darum bitte, mir beizustehen, so gelingt es seinem dicken Holzkopf nicht, einen Gedanken zu fassen, und ich bin daher genöthigt, selbst die Rolle des Küchenmeisters zu übernehmen.

+15. September.+ Der dritte Monat meines Aufenthalts in Unyanyembé ist fast zu Ende und ich bin noch hier, hoffe aber doch, binnen acht Tagen endlich abziehen zu können.

Die ganze Nacht hindurch bis morgens 9 Uhr haben meine Soldaten getanzt und gesungen zu Ehren ihrer todten Kameraden, deren Gebeine jetzt in den Wäldern von Wilyankuru bleichen. Zwei oder drei grosse Töpfe voll Pombé genügten nicht, um den wüthenden Durst, welchen diese lebhafte Bewegung erzeugt hatte, zu stillen. Daher wurde ich heute Morgen zeitig darum gebeten, ein Schukka für einen weitern Topf dieses kräftigen Getränks herzugeben.

Heute war ich damit beschäftigt, die Last für jeden Soldaten und Gepäckträger auszusuchen. Um ihnen ihre Mühe so viel wie möglich zu erleichtern, habe ich jede Last statt 70 blos 50 Pfund schwer gemacht, wodurch ich hoffe, lange Märsche machen zu können. Ich bin im Stande gewesen, während der letzten Tage 10 Pagazi zu miethen.

Einige meiner Leute sind noch sehr krank und es ist fast unnütz zu erwarten, dass sie im Stande sein werden, irgendetwas zu tragen; ich hoffe aber, andere Leute an ihrer Stelle zu bekommen, ehe der Tag der Abreise da ist, der sich jetzt rasch zu nähern scheint.

+16. September.+ Wir haben unsere Arbeit fast beendet und werden, so Gott will, am fünften Tage von jetzt ab, marschiren. Ich habe noch zwei Pagazi sowie zwei Führer angenommen, die Asmani und Mabruki heissen. Wenn eine ungeheuere Gestalt irgend jemand erschrecken könnte, so müsste Asmani’s Aussehen diese Wirkung hervorrufen. Er ist mehr als sechs Fuss hoch ohne Schuhe und hat Schultern, die für zwei gewöhnliche Menschen breit genug sind.

Morgen beabsichtige ich, den Leuten einen Abschiedsschmauss zu geben, um ihren Fortgang von diesem abstossenden, unglücklichen Lande zu feiern.

+17. September.+ Das Bankett ist vorüber. Ich habe zwei Bullenkälber schlachten, ein ganzes Schwein rösten und ausserdem noch 3 Schafe, 2 Ziegen, 15 Hühner, 120 Pfund Reis, 20 grosse, aus Mais bestehende Laibe Brot, 100 Eier, 10 Pfund Butter und 5 Gallonen süsser Milch zum Bankett geben lassen. Die Leute luden sich ihre Freunde und Nachbarn ein und etwa 100 Frauen und Kinder nahmen daran theil.

Als das Bankett beendet war, wurde Pombé, das hiesige Bier, in fünf Töpfen von je einer Gallone aufgetragen und die Leute fingen an zu tanzen und thun das noch jetzt, wo ich schreibe.

+19. September.+ Heute hatte ich einen leichten Fieberanfall, der unsere Abreise verzögert hat. Selim und Shaw haben sich beide erholt. Der erstere erzählt mir, Shaw habe gemeint, ich werde wie ein Esel sterben, und dann werde er meine Tagebücher und Koffer in Verwahrung nehmen und sofort zur Küste eilen. Heute Nachmittag soll er gesagt haben, er beabsichtige nicht, nach Udschidschi zu gehen, sondern wolle, wenn ich fort sei, sich einen Vorrath von Hühnern auf dem Hofe und eine Kuh anschaffen, um jeden Tag frische Eier und Milch zu haben.

Abends kam Shaw, als mein Fieber seinen Höhepunkt erreicht hatte, zu mir, um mich zu fragen, an wen er im Falle meines Todes schreiben solle. „Denn“, sagte er, „selbst die stärksten Leute können sterben.“ Ich befahl ihm, sich zu entfernen, um seine eigenen Sachen zu kümmern und nicht stets um mich herumzukrächzen.

Etwa um 8 Uhr abends kam Scheikh bin Nasib zu mir und bat mich, morgen nicht fortzuziehen, da ich so krank sei. Thani Sakhburi meinte sogar, ich könne noch einen Monat dableiben; worauf ich ihm sagte, die Weissen seien nicht gewohnt, ihr Wort zu brechen. Ich habe gesagt, ich werde gehen und daher würde ich es auch thun.

Scheikh bin Nasib gab alle Hoffnung auf, mich dazu zu bewegen, noch einen Tag zu bleiben, und ist mit dem Versprechen fortgegangen, Seyyid Barghasch zu schreiben und ihm zu berichten, wie eigensinnig ich sei und dass ich entschlossen sei, mich tödten zu lassen. Dies bot eine kleine Abschiedsscene.

Um 10 Uhr abends war das Fieber vorüber. Ausser mir schlief alles im Tembé und ein Gefühl unaussprechlicher Einsamkeit überkam mich, wie ich an meine Lage und Absichten dachte und den vollständigen Mangel an Sympathie bei allen, die mich umgaben, wahrnahm. Selbst mein weisser Gehülfe, mit dem ich mir so viele Mühe gegeben, empfand noch weniger Sympathie für mich, als mein kleiner schwarzer Knabe Kalulu. Es gehört mehr Kraft als ich besitze dazu, alle dunkeln Vorahnungen des Gemüths zu zerstreuen. Doch ist das, was ich Vorahnung nenne, wol einfach die Folge der Warnungen, welche diese treulosen Araber mir so häufig ausgesprochen haben. Diese Melancholie, dieses Gefühl der Verlassenheit, rühren wol auch davon her. Auch ist das einzelne Licht, das die Dunkelheit meiner Stubenecken kaum erhellt, gerade kein Mittel, mich heiterer zu stimmen. Es ist mir zu Muthe, als sei ich in Steinmauern gefangen. Warum soll ich mich aber durch Warnungen und Gekrächze dieser dummen Araber quälen lassen? Ein Verdacht steigt in mir auf, während ich dies schreibe, dass noch irgendein anderes Motiv dahinterstecke. Ich möchte wol wissen, ob diese Araber mich in der Hoffnung hier behalten wollen, dass ich dazu gebracht werden könnte, ihnen noch einmal in ihrem Kriege mit Mirambo beizustehen! Wenn sie das glauben, so irren sie sich sehr; denn ich habe einen feierlichen Eid geschworen, den ich halten will, solange mir noch eine Lebenshoffnung bleibt, mich von dem gefassten Entschluss nicht abbringen zu lassen, solange zu suchen, bis ich Livingstone lebendig oder todt aufgefunden habe und nicht ohne die stärksten Beweise für dessen Leben oder Tod nach Hause zu kehren. Kein Lebender soll mich daran hindern; nur der Tod kann es. Doch nein! selbst der nicht, denn ich werde, will und kann nicht sterben! Ein gewisses, unbekanntes Etwas, sei es nun die mir eigene stets rege Hoffnungsseligkeit oder eine aus einer grossen Lebenskraft entspringende natürliche Kühnheit oder das Produkt eines überschwänglichen Selbstvertrauens -- gleichviel -- ein Etwas sagt mir heute Abend: +ich werde ihn ganz bestimmt finden+. Schon diese blossen Worte inspiriren mich. Ich fühle mich glücklicher. Habe ich gebetet? Heute Nacht werde ich ruhig schlafen. -- --

* * * * *

Die obigen Notizen habe ich mich veranlasst gesehen, aus meinem Tagebuch abzuschreiben, da sie, als zur Zeit an Ort und Stelle geschrieben, am besten die Wechselfälle meines Lebens in Unyanyembé darstellen. Mir scheinen sie dies viel besser zu thun, als irgendeine noch so plastische Beschreibung mein dortiges Leben charakterisiren könnte. Sie sind gerade durch ihre Buchstäblichkeit nicht übertrieben, sondern geben meine derzeitigen Empfindungen genau wieder. Sie wissen von zahllosen Fiebern zu erzählen, die ich selbst und meine Leute durchgemacht, ohne auf die Diagnose oder Untersuchung derselben einzugehen, und berichten unsere Gefahren und kleinen Freuden, unsere Qualen und Vergnügungen, wie sie gerade vorkamen.

ZEHNTES KAPITEL.

NACH MRERA IN UKONONGO.

Aufbruch aus Kwihara. -- Bombay bekommt Prügel. -- Shaw wünscht zurückzubleiben. -- Ich zwinge ihn weiterzuziehen. -- Ein neuer Fieberanfall. -- Livingstone’s Briefträger fehlt. -- Ankunft in Kasegera. -- Shaw kann nicht mehr weiter und wird nach Kwihara zurückgeschickt. -- Die herrlichen Wälder von Unyamwezi. -- Wir kommen nach Ugunda. -- Das Mukunguru. -- Beschreibung dieses Fiebers. -- Eine prächtige Sykomore. -- Ein Opfer der Pocken. -- Zahlreiche Skelete auf dem Wege. -- Ankunft in Manyara. -- Streit mit dem Sultan über den Tribut. -- Er besucht mich. -- Eine Dosis Ammoniak. -- Verwunderung des Sultans. -- Das Paradies des Jägers. -- Meine erste Jagdbeute, eine Antilope. -- Zebrajagd. -- Abenteuer mit einem Krokodil. -- Zwei Jagdtage. -- Meuterei. -- Asmani und Mabruki legen auf mich an. -- Der Frieden wiederhergestellt. -- Bombay erhält wieder Prügel und wird in Ketten gelegt. -- Charakteristik meiner wichtigsten Leute. -- Ankunft in Ziwani. -- Der Honigvogel. -- Utende. -- Mwaru. -- Ankunft in Mrera. -- Allerlei Arbeit.

UNYAMWEZI.

Von Kwihara nach: St. M. Mkwenkwe 1 30 Inesuka 2 -- Kasegera 3 -- Kigandu 2 45 Ugunda 7 -- Benta 3 15 Kikuru 5 -- Ziwani 4 -- Manyara 6 30

UKONONGO.

Von Manyara nach: St. M. Gombéfluss 4 15 Ziwani 5 20 Tongoni 1 30 Lager 5 15 Marefu 3 -- Utende 7 15 Mtoni 4 -- Mwaru 5 15 Mrera 5 13

Der 20. September war da. An diesem Tage hatte ich beschlossen, mich von den Leuten, die mich mit ihren Zweifeln, Befürchtungen und Meinungen quälten, zu trennen und den Marsch nach Udschidschi auf einem südlichen Wege anzutreten. Ich war sehr schwach vom Fieber, das mich am Tage vorher gepackt hatte, und es war höchst thöricht, unter solchen Umständen einen Marsch anzufangen. Ich hatte aber gegen Scheikh bin Nasib damit renommirt, dass ein weisser Mann sein Wort nie bricht, und mein Ruf als Weisser wäre ruinirt gewesen, wenn ich zurückgeblieben oder den Marsch infolge von Schwäche verschoben hätte.

Ich musterte die ganze Karavane ausserhalb meines Tembé; unsere Fahnen und Flaggen wurden entfaltet, die Leute hatten ihre Lasten auf die Mauern abgelegt und lachten und schrien ihre Neger-Prahlereien gehörig hinaus. Alle Araber, mit Ausnahme von Scheikh bin Nasib, den ich durch meine eigensinnige Opposition gegen seine Wünsche verletzt, hatten sich aus Neugierde versammelt, um Zeugen unserer Abreise zu sein. Der alte Scheikh dagegen legte sich zu Bette, schickte aber seinen Sohn, um mir noch ein Stückchen philosophischer Sentimentalität zu überbringen, die ich als die letzten Worte des patriarchalischen Scheikh, des Sohnes von Nasib, des Sohnes von Ali, des Sohnes von Sayf aufbewahren solle. Armer Scheikh! hättest du gewusst, was diesem Eigensinn, dieser eselhaften Störrigkeit, den falschen Weg einzuschlagen, zu Grunde lag, was würdest du erst dann gesagt haben? Der Scheikh aber tröstete sich mit dem Gedanken, dass ich wol besser wisse als er, was ich vorhabe. Auch ist das sehr wahrscheinlich; doch wird weder er noch irgendein Araber ganz genau das Motiv erfahren, das mich überhaupt zum Marsch nach Westen trieb, wo doch der Weg nach Osten soviel leichter war.

Meine Tapfern, die ich für einen raschen Marsch nach einem unbestimmten Ziele ausserhalb Unyanyembé angeworben, hiessen wie folgt:

1. John William Shaw aus London. 2. Selim Heschmy aus Jerusalem. 3. Sidy Mbarak Mombay aus Zanzibar. 4. Mabruki Speke „ 5. Ulimengo „ 6. Ambari „ 7. Uledi „ 8. Asmani „ 9. Sarmian „ 10. Kamua „ 11. Zaidi „ 12. Khamisi „ 13. Tschaupereh aus Bagamoyo. 14. Kingaru „ 15. Belali „ 16. Ferous aus Unyanyembé. 17. Rodschab aus Bagamoyo. 18. Mabruk Unyanyembé aus Unyanyembé. 19. Mtamani aus Unyanyembé. 20. Tschanda aus Maroro. 21. Sadala aus Zanzibar. 22. Kombo „ 23. Saburi der Grosse aus Maroro. 24. Saburi der Kleine „ 25. Marora „ 26. Feradschi (Koch) aus Zanzibar. 27. Mabruk Salim „ 28. Baraka „ 29. Ibrahim aus Maroro. 30. Mabruk Ferous aus Maroro. 31. Baruti aus Bagamoyo. 32. Umgareza aus Zanzibar. 33. Hamadi (Führer) aus Zanzibar. 34. Asmani „ „ 35. Mabruk „ „ 36. Hamdallah (Führer) aus Tabora. 37. Dschumah aus Zanzibar. 38. Maganga aus Mkwenkwe. 39. Muccadum aus Tabora. 40. Dasturi „ 41. Tumayona aus Udschidschi. 42. Mparamoto „ 43. Wakiri „ 44. Mufu „ 45. Mpepo „ 46. Kapingu „ 47. Maschischauga „ 48. Muheruka „ 49. Missossi „ 50. Tufum Byah „ 51. Madschwara (Knabe) aus Uganda. 52. Belali (Knabe) aus Uemba. 53. Kalulu (Knabe) aus Lunda. 54. Abdul Kader (Schneider) aus Malabar.

Das sind die Männer und Jünglinge, die ich mir ausgewählt, damit sie als meine Gefährten auf der anscheinend unnützen Mission, den verlorenen Reisenden David Livingstone aufzusuchen, sich die Krone der Unsterblichkeit verdienten. Die Waaren, mit denen ich sie belastet, bestanden aus 1000 Doti oder circa 4000 Meter Zeug, sechs Beutel Perlen, vier Lasten Munition, einem Zelt, einem Bett, Kleidern, einem Kasten Medicin, einem Sextanten und Büchern, zwei Lasten Thee, Kaffee und Zucker, einer mit Mehl und Lichten, einer mit eingemachten Fleischsorten, Sardinen und verschiedenen Bedürfnissen und einer mit Kochgeräth.

Die Leute waren alle am Platz ausser Bombay. Dieser war fort und nicht zu finden. Ich schickte also einen Mann aus, um ihn aufzutreiben. Man fand ihn weinend in den Armen seiner Delila.

„Warum bist Du fortgegangen, Bombay, da Du doch wusstest, dass ich abreisen wollte und wartete?“

„O Herr, ich sagte meiner Geliebten Lebewohl.“

„Wirklich?“

„Ja, Herr. Thun Sie das nicht, wenn Sie weggehen?“

„Still!“

„Zu Befehl.“

„Was fehlt Dir denn, Bombay?“

„Nichts.“