Wie ich Livingstone fand; Erster Band

Part 24

Chapter 243,591 wordsPublic domain

Die lieblichste Gestalt in diesem Bilde war mir die eines edeln, treuen Mannes, der mich Sohn nannte. Die lebhaftesten Eindrücke hatte ich von meinem Leben in den grossen Fichtenwäldern von Arkansas und Missouri. Die träumerischen Tage, die ich unter den ächzenden Tannen der Ufer des Ouachita verbracht, die neue Lichtung, das Blockhaus, unsere treuen schwarzen Diener, das Bild des Waldes und das prächtige Leben, das ich führte -- alles lebte in meiner Erinnerung wieder auf. Ich dachte daran, wie ich eines Tages, nachdem wir in die Nähe des Mississippi gezogen, Hunderte von Meilen mit wilden Gesellen, den riesigen Gestalten der Bootsleute dieses Flusses, hinuntersegelten und wie der liebe alte Mann mich bei meiner Rückkehr begrüsste, als ob ich vom Grabe heimgekehrt. Ich gedachte meiner Fussreisen durch das sonnige Spanien und Frankreich, sowie unzähliger Abenteuer in Klein-Asien unter den kurdischen Nomaden. Es schwebten mir die Schlachtfelder Amerikas und die stürmischen Scenen des tobenden Krieges vor. Goldminen und weite Prairien, Rathsversammlungen von Indianern, und manches Erlebniss in den neuen Ländern im Westen traten mir vor die Seele. Lebhaft erinnerte ich mich des Schreckens, den es mir verursachte, als ich, heimgekehrt aus einem barbarischen Lande, das Unglück erfuhr, das dem lieben Manne, den ich Vater nannte, zugestossen, und des angestrengten, wechselvollen Lebens, das nun folgte. Halt! -- Mein Gott, ist das der 21. Juli? -- Ja. Shaw theilte mir mit, es sei der 21. Juli, als ich von meinem schrecklichen Fieberanfall genesen. Das wirkliche Datum war der 14.; aber erst als ich mit Dr. Livingstone zusammenkam, entdeckte ich, dass eine Woche übersprungen war. Da erst prüften wir beide das Nautische Jahrbuch, das ich besass, und es stellte sich heraus, dass der Doctor sich um drei Wochen verrechnet und ich gleichfalls zu meinem grossen Erstaunen mich um eine Woche geirrt hatte, und zwar um acht Tage dem wirklichen Datum vorangeeilt war. Der Irrthum entstand dadurch, dass man mir gesagt, ich sei zwei Wochen krank gewesen. Da nun der Tag, wo ich wieder zu mir kam, ein Freitag war und Shaw sowie die übrigen Leute bestimmt glaubten, ich sei zwei Wochen im Bette gewesen, so datirte ich mein Tagebuch vom 21. Juli. Dass auch Shaw sich verrechnet, lässt sich leicht erklären, denn das Fieber war im Begriff, ihm nicht nur das Gedächtniss, sondern sogar den Verstand rasch zu zerstören. Selim hatte mich nach klaren schriftlich aufgesetzten Vorschriften, die ich ihm für einen solchen Fall gegeben, gepflegt. Vorher hatte ich ihn fleissig in der Kenntniss und dem Gebrauch jedes in meinem Kasten befindlichen Arzneimittels unterwiesen. Er theilte mir mit, er habe mich mit Thee und etwas Branntwein ernährt, auch habe mir Shaw drei- bis viermal etwas Sago-Abkochung gegeben. Am zehnten Tage nach dem Anfang meiner Krankheit war ich jedoch wieder ganz wohlauf, musste nun aber Shaw pflegen, welcher erkrankte. Am 22. Juli war Shaw wieder gesund, dagegen legte sich Selim und stöhnte vier Tage lang im Delirium; am 28. Juli jedoch waren wir sämmtlich wieder gesund und freuten uns der Aussicht auf die Abwechselung, die uns ein Marsch gegen Mirambo’s Veste darbieten sollte.

Am Morgen des 29. liess ich 50 Leute mit Zeugballen, Perlen und Draht beladen, die nach Udschidschi bestimmt waren. Als ich ausserhalb des Tembé Musterung über sie abhielt, fehlte blos Bombay. Während einige Leute fortgingen, ihn aufzusuchen, begaben sich andere weg, um noch einen Blick und einen Kuss von ihren schwarzen Delilas zu erhalten. Man fand Bombay ungefähr um 2 Uhr nachmittags; sein Gesicht drückte deutlich widerstreitende Leidenschaften aus, die ihn heimsuchten, -- Schmerz über die Trennung von den Fleischtöpfen Unyanyembés, -- Bedauern darüber, dass er seine Dulcinea von Tabora verlassen und alle Genüsse aufgeben müsse, -- die Aussicht auf anstrengende, lange Märsche, -- auf Krieg und vielleicht -- den Tod. Es war daher kein Wunder, dass Bombay, voll derartiger Empfindungen, sich widerspenstig zeigte, als ich ihn an seine Stelle hinwies, und ich selbst war in einer furchtbar schlechten Gemüthsverfassung, da ich von 8 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags auf ihn zu warten gehabt hatte. Ein Wort und ein wüthender Blick, und heraus fuhr mein Stock auf Bombay’s Schulter, als ob es jetzt mit ihm zu Ende gehen sollte. Ich glaube, dass die gewaltige Wuth meines Zuschlagens seinen Eigensinn rascher brach, als irgend sonst etwas, denn ehe ich ihm ein Dutzend Streiche beigebracht, flehte er um Pardon. Bei diesem Worte hörte ich auf ihn zu bearbeiten, denn es war das erste mal, dass er es gesprochen. Bombay war also schliesslich besiegt.

„Marsch!“ -- Den Führer voran, zogen die 49 Mann ihm in feierlicher Ordnung nach, jeder eine schwere Last afrikanischer Tauschwerthe, sowie Flinte, Beil, Munitionsvorrath und Ugalitopf tragend. Wir boten einen grossartigen Anblick dar, wie wir in Stille und Ordnung mit fliegenden Fahnen abmarschirten, und die rothen wollenen Gewänder der Leute im ziemlich starken, uns gerade in die Flanke wehenden Nordost nachflatterten.

Auch schienen die Leute es zu wissen, dass sie nach etwas aussahen, denn ich bemerkte, wie mehrere von ihnen eine martialischere Haltung annahmen, als sie ihr vorzügliches Dschohotuch im Nacken vor dem Winde herfliegen fühlten. Maganga, ein grosser Mnyamwezi, stolzirte daher wie ein Goliath, der im Begriff ist, Mirambo und seine tausend Krieger ganz allein zu bekämpfen. Der muntere Khamisi ging einem Löwen gleich unter seiner Last einher, und der rohe Spassmacher, der unverbesserliche Ulimengo, nahm den leisen Tritt einer Katze an. Sie konnten jedoch nicht lange still bleiben, dazu war ihre Eitelkeit zu sehr angeregt, die rothen Mäntel tanzten beständig vor ihren Augen, und es wäre ein Wunder gewesen, wenn sie ein ernstes oder gar unzufriedenes Gebahren länger als eine halbe Stunde hätten beibehalten können.

Ulimengo brach das Schweigen zuerst. Er hatte sich zum Kirangozi oder Führer gemacht und war Träger der amerikanischen Flagge, von der die Leute meinten, dass sie sicherlich Schrecken in das Herz des Feindes tragen werde. Plötzlich wurde aus seinem Selbstvertrauen Tapferkeit und Uebermuth; er blickte die Armee, die er führte, an und schrie: „Hoy! Hoy!“, worauf der Chor ebenso antwortete: „Hoy! Hoy!“ Dieses „Hoy! Hoy!“ wiederholte sich dann abwechselnd noch mehrfach.

„Wo zieht Ihr hin?“

Chor: „Wir ziehen in den Krieg.“

„Gegen wen?“

Chor: „Gegen Mirambo.“

„Wer ist Euer Herr?“

Chor: „Der weisse Mann.“

„Uff, Uff!“

Chor: „Uff, Uff!“

„Hyah! Hyah!“

Chor: „Hyah! Hyah!“

Diesen lächerlichen Gesang stimmten sie ohne Unterbrechung den ganzen Tag an.

Am ersten Tag campirten wir in Bomboma’s Dorfe, das eine Meile südwestlich von der natürlichen Bergveste Zimbili liegt. Bombay hatte sich ganz von seinen Prügeln erholt und war die grämlichen Gedanken, die meinen Zorn erregt, losgeworden. Da nun die Leute sich so gut betragen, liess ich einen fünf Gallonen haltenden Topf mit Pombé bringen, um die Tapferkeit, von der sie alle beseelt waren, noch weiter anzuspornen.

Am zweiten Tage kamen wir in Masangi an. Bald darauf besuchte mich Soud, der Sohn von Sayd bin Madschid, und theilte mir mit, die Araber warteten auf mich und wollten nicht nach Mfuto marschiren, bis ich angekommen sei.

Nach einem sechsstündigen Marsch, am dritten Tage nachdem wir Unyanyembé verlassen, wurde Ost-Mfuto erreicht. Hier erkrankte Shaw, legte sich auf die Strasse und erklärte, er müsse sterben. Diese Nachricht wurde mir ungefähr um 4 Uhr nachmittags durch einen der Nachzügler überbracht. Ich musste also Leute abschicken und ihn zu mir ins Lager bringen lassen, obgleich ein jeder nach dem langen Marsche recht ermüdet war. Eine Belohnung spornte ein Halbdutzend an, gerade zur Dämmerung sich in den Wald zu wagen, um Shaw aufzusuchen, von dem man annahm, dass er wenigstens drei Stunden vom Lagen entfernt sei.

Etwa um 2 Uhr morgens kamen meine Leute mit ihm zurück, nachdem sie ihn das ganze Stück auf dem Rücken getragen hatten. Ich wurde aufgeweckt und liess ihn in mein Zelt bringen, untersuchte ihn und überzeugte mich, dass er durchaus kein Fieber habe. Auf meine Frage, wie er sich befände, erwiderte er, er könne weder gehen noch reiten, fühle sich so ungemein schwach und matt, dass er unfähig sei, sich weiter zu bewegen. Nachdem ich ihm ein Glas Portwein in einem Napf Sagogrütze gegeben hatte, schliefen wir beide ein.

Am nächsten Morgen in der Frühe kamen wir in Mfuto, dem Stelldichein der arabischen Armee, an. Für den nächsten Tag war ein Halt anbefohlen, damit wir uns an den Ochsen, deren wir viele geschlachtet, stärken könnten.

Unsere Armee bestand aus folgendem Personal:

Scheikh Sayd bin Salim 25 Halbblutleute Khamis bin Abdullah 250 Sklaven Thani bin Abdullah 80 „ Mussud bin Abdullah 75 „ Abdullah bin Mussud 80 „ Ali bin Sayd bin Nasib 250 „ Scheikh Nasur bin Mussud 50 „ „ Hamed Kimiani 70 „ „ Hamdam 30 „ „ Sayd bin Habib 50 „ „ Salim bin Sayf 100 „ „ Sunguru 25 „ „ Sarboko 25 „ „ Soud bin Sayd bin Madschid 50 „ „ Mohammed bin Mussud 30 „ „ Sayd bin Hamed 90 „ Die Herald-Expedition 50 Soldaten Mkasiwa’s Wanyamwezi 800 „ Halbblutleute und Wangwana 125 „ Unabhängige Häuptlinge und deren Leute 300 „

Das machte zusammen 2255 Menschen nach den mir von Thani bin Abdullah gegebenen und von einem von Scheikh bin Nasib besoldeten Belutsch bestätigten Zahlen. Von diesen Leuten waren 1500 mit Flinten und Feuerschlossmusketen, deutschen und französischen Doppelflinten, einigen englischen Enfield- und amerikanischen Springfieldgewehren bewaffnet. Ausserdem hatten sie meist Speere und lange Messer, um die Todten enthaupten und aus Rache verstümmeln zu können. Pulver und Kugeln waren reichlich vorhanden; einige der Leute hatten je hundert Schuss und von meinen Leuten erhielt jeder sechzig.

Als wir hinauszogen aus der Veste Mfuto, mit fliegenden Bannern, welche die verschiedenen Befehlshaber bezeichneten, mit schallenden Hörnern und fünfzig lärmenden Basstrommeln oder Gomas, unter reichlichen Segnungen der Mollahs und glücklichen Prophezeiungen der Wahrsager und Korandeuter, -- wer hätte da vorhersagen können, dass diese grosse Macht noch ehe eine Woche verflossen in dieselbe Veste Mfuto vollständig entmuthigt und demoralisirt so rasch wie möglich zurückkehren würde?

Das Datum, an dem wir Mfuto verliessen, um in den Krieg mit Mirambo zu ziehen, war der 3. August. Alle meine Güter waren in Mfuto aufgespeichert und fertig, um nach Udschidschi transportirt zu werden, sobald wir über den afrikanischen Häuptling gesiegt haben oder wenigstens für alle Fälle gesichert sein würden.

Lange ehe wir Umanda erreichten, befand ich mich in meiner Hängematte von wüthenden Wechselfieberanfällen heimgesucht, die erst spät in der Nacht aufhörten.

In dem sechs Stunden von Mfuto entfernt liegenden Umanda beschmierten sich die Krieger mit der Medizin, welche die Weisen für sie fabrizirt hatten und die aus einer Mischung von Matama-Mehl und dem Saft eines Krautes bestand, dessen Eigenschaften nur den Waganga der Wanyamwezi bekannt sind.

Am 4. August um 6 Uhr morgens waren wir wiederum marschfertig; vorher wurde jedoch das „Manneno“ oder die Rede von dem Redner der Wanyamwezi gehalten:

„Worte, Worte, Worte! Hört, Ihr Söhne von Mkasiwa, Ihr Kinder von Unyamwezi! Der Marsch liegt vor Euch, die Diebe des Waldes erwarten Euch. Ja, sie sind Diebe, denn sie plündern Euere Karavanen, sie stehlen Euer Elfenbein, sie morden Euere Frauen. Sieh da, die Araber sind bei Euch, die El Wali des arabischen Sultans, und der weisse Mann sind bei Euch. Geht hin, der Sohn von Mkasiwa ist bei Euch! Kämpft, tödtet, macht Sklaven, nehmt Tuch, nehmt Vieh, tödtet es, esst es und macht Euch satt. Geht!“

Lautes, wildes Geschrei folgte dieser kühnen Anrede. Die Thore des Dorfes wurden geöffnet und blau, roth und weiss gekleidete Soldaten stürzten hinaus wie Gymnasten und feuerten ihre Flinten beständig ab, um sich durch den Lärm zu ermuthigen oder Schrecken in das Herz derer zu jagen, die uns in dem stark umhegten Zimbizo, der Ortschaft des Sultans Kolongo, erwarteten.

Da Zimbizo nur fünf Stunden von Umanda entfernt ist, kamen wir um 11 Uhr in Sicht desselben. Wir hielten am Rande des bebauten Landes, welches dasselbe sammt seinen Nachbardörfern umgibt, im Schatten des Waldes. Strenger Befehl war von den verschiedenen Häuptlingen ertheilt worden, nicht eher zu feuern, als bis sie in Schussweite von der Boma entfernt seien.

Khamis bin Abdullah schlich durch den Wald nach dem Westen des Dorfes. Die Wanyamwezi nahmen ihre Stellung vor dem Hauptthore und wurden von den Truppen von Soud, dem Sohn Sayd’s, auf der Rechten und dem Sohn von Habib auf der Linken unterstützt. Abdullah, Mussud, ich selbst und andere trafen Vorbereitungen, die Ostpforte anzugreifen, wodurch das ganze Dorf, mit einziger Ausnahme der Nordseite, wirksam eingeschlossen war.

Plötzlich wurde ein Gewehrfeuer auf uns eröffnet, während wir aus dem längs des Weges nach Unyanyembé sich hinziehenden Walde herauskamen, in der Richtung, wo man den Anblick des Feindes erwartet hatte, und sofort begannen die Angriffstruppen in prächtigster Weise darauf loszufeuern. Es kamen zwar einige lächerliche Scenen vor, wo Leute sich anstellten, als ob sie feuerten, dann aber mit der Behendigkeit hüpfender Frösche auf die Seite, vor- oder rückwärts sprangen. Die Schlacht wurde jedoch darum nicht weniger im Ernst geliefert. Die Hinterlader meiner Leute verschlangen meine Metallpatronen viel schneller, als ich es gern sah; zum Glück jedoch liess das Feuern nach und lustig stürzten wir vom Westen, Süden, Norden ins Dorf, durch Thore und über hohe Umzäumungen, die es umgaben. Die armen Bewohner flohen aus dem Gehege durch die nördliche Pforte ins Gebirge, von den raschesten Läufern unserer Truppe verfolgt und von hinten mit Kugeln aus den Hinterladern und Jagdflinten beschossen.

Das Dorf war stark vertheidigt, und es fanden sich nicht mehr als 20 Leichname darin, da die feste, dicke Holzumzäumung eine vortreffliche Schutzwehr gegen unsere Kugeln gebildet hatte.

Von Zimbizo zogen wir, nachdem wir eine hinreichende Truppenmacht daselbst zurückgelassen, weiter und hatten in einer Stunde die Umgebung vom Feinde gesäubert und noch zwei Dörfer genommen, die geplündert und den Flammen übergeben wurden. Einige Elfenbeinzähne und etwa 50 Sklaven, sowie eine Masse Korn bildete die Beute, welche den Arabern zufiel.

Am 5. durchstreifte eine Abtheilung Araber und Sklaven, in Stärke von 700 Mann, die Umgegend und trug Feuer und Verwüstung bis in das Boma von Wilyankuru hin.

Am 6. führte Soud bin Sayd und etwa zwanzig junge Araber eine Truppe von 500 Mann gegen Wilyankuru selbst, wo man annahm, dass Mirambo sich aufhalte. Eine andere Abtheilung zog in die niedrigen von Wald bestandenen Berge, die etwas nördlich von Zimbizo liegen, wo sie einen jungen Walddieb im Schlaf überraschten, dem sie den Kopf vollständig umdrehten und darauf abschnitten. Eine dritte Abtheilung machte sich nach Süden auf und brachte einem Theil von Mirambo’s Buschräubern eine Niederlage bei, wie wir gegen Mittag erfuhren.

Am Morgen war ich nach Sayd bin Salim’s Tembé gegangen, um ihm vorzustellen, wie nöthig es sei, das lange Gras im Walde von Zimbizo niederzubrennen, da es doch vielleicht Feinde verbergen könne. Bald darauf jedoch bekam ich einen Anfall von Wechselfieber, der mich niederwarf und nöthigte, mich in mein Lager zu begeben und in wollene Decken zu hüllen, um zu schwitzen, was ich aber nicht eher that, als bis ich Shaw und Bombay verboten, irgendeinen meiner Leute aus dem Lager zu lassen. Ich hörte jedoch bald darauf von Selim, dass mehr als die Hälfte derselben ausgezogen war, um mit Soud bin Sayd Wilyankuru anzugreifen.

Etwa um 6 Uhr abends wurde das ganze Lager von Zimbizo von der Nachricht erschreckt, dass alle Araber, die Soud bin Sayd begleitet, getödtet und mehr als die Hälfte seiner Mannschaft erschlagen worden seien. Einige meiner Leute kehrten zurück, und von ihnen erfuhr ich, dass Uledi, der frühere Diener Grant’s, Mabruki Khatálabu (der Vatermörder), Mabruki (der Kleine), Baruti von Useguhha und Ferahan gefallen seien. Auch erzählten sie mir, es sei ihnen gelungen, Wilyankuru in kurzer Zeit zu nehmen; Mirambo und sein Sohn seien dagewesen; ersterer habe aber, nachdem sie eingezogen, seine Leute versammelt und das Dorf verlassen. Hierauf habe er sich in das Gras zu beiden Seiten des Weges zwischen Wilyankuru und Zimbizo in den Hinterhalt gelegt und die Angreifer, als sie mit mehr denn 100 Elfenbeinzähnen, 60 Ballen Zeug und 2 bis 300 Sklaven auf dem Heimwege gewesen, plötzlich auf beiden Seiten angegriffen und mit den Speeren niedergemacht. Der tapfere Soud habe seine doppelläufige Flinte abgeschossen und damit zwei Leute getödtet; wie er aber eben im Begriff gewesen, abermals zu laden, habe ihn ein Speer getroffen und durchbohrt. Alle übrigen Araber hätten dasselbe Schicksal erlitten. Dieser plötzliche Angriff eines Feindes, den man für besiegt gehalten, hatte die Mannschaft so demoralisirt, dass sie ihre Beute im Stich liess und insgesammt davonlief. Erst nachdem die Leute einen weiten Umweg durch die Wälder gemacht, kehrten sie nach Zimbizo zurück, um ihre traurige Geschichte zu erzählen.

Die Wirkung dieser Niederlage ist gar nicht zu beschreiben. Es war unmöglich, vor dem Geschrei der Weiber, deren Männer gefallen waren, zu schlafen. Die ganze Nacht heulten und wehklagten sie, und dazwischen hörte man das Stöhnen der Verwundeten, denen es gelungen war, vom Feinde unbemerkt durch das Gras davon zu schleichen. Neue Flüchtlinge kamen während der ganzen Nacht beständig an; von keinem meiner Leute aber, die todt gesagt waren, wurde je wieder etwas gehört.

Am 7. zogen wir uns traurig und mistrauisch zurück; die Araber beschuldigten sich gegenseitig, dass sie den Krieg angefangen, ohne vorher alle friedlichen Mittel erschöpft zu haben. Stürmische Kriegsversammlungen fanden statt, worin einige den Vorschlag machten, sofort nach Unyanyembé zurückzukehren und in den Häusern zu bleiben. Khamis bin Abdullah tobte als beschimpfter Fürst gegen die elende Feigheit seiner Landsleute los. Diese stürmischen Versammlungen und Vorschläge zum Rückzug wurden alsbald im ganzen Lager bekannt und trugen mehr als irgendetwas anderes dazu bei, die verbündeten Truppen der Wanyamwezi und Sklaven vollständig zu demoralisiren. Ich sandte Bombay zu Sayd bin Salim mit dem Rath, nicht an einen Rückzug zu denken, da dies nur Mirambo ermuthigen würde, den Kriegsschauplatz nach Unyanyembé zu verlegen.

Nachdem ich Bombay mit dieser Botschaft abgeschickt, schlief ich ein, wurde aber ungefähr um ½2 Uhr nachmittags von Selim mit den Worten aufgeweckt: „Herr, stehen Sie auf; alles läuft fort und Khamis bin Abdullah zieht selbst auch davon.“

Mit Hülfe von Selim kleidete ich mich an und wankte zur Thür. Mein erster Anblick war der, wie Thani bin Abdullah fortgeschleppt wurde. Als er mich erblickte, rief er: „Bana, rasch, Mirambo kommt!“ Dann machte er sich ans Laufen und zog sich seine Jacke an, während ihm die Augen vor Schrecken fast aus den Augenhöhlen zu treten schienen. Khamis bin Abdullah war auch im Begriff, als letzter Araber abzuziehen. Zwei meiner Leute wollten ihm eben folgen; doch gab ich Selim den Befehl, diese mit einem Revolver zum Bleiben zu zwingen. Shaw sattelte seinen Esel mit meinem Sattel, in der Absicht, mich zu verlassen und der Barmherzigkeit Mirambo’s anheimzugeben. Es blieben mir nur Bombay, Mabruki-Speke und Dschanda, welcher sein Mittagessen mit Gemüthsruhe verzehrte, Mabruk Unyanyembé, Mtamani, Dschuma und Sarmian, also nur sieben von fünfzig. Alle andern waren weggelaufen und jetzt schon über alle Berge, ausser Uledi (Manwa Sera) und Zaidi, welche Selim mit dem geladenen Revolver zurückgebracht hatte. Selim erhielt nun den Befehl, meinen Esel zu satteln, und Bombay musste Shaw beim Satteln des seinigen behülflich sein. In wenigen Augenblicken befanden wir uns auf dem Wege, wobei die Leute sich immer nach dem verfolgenden Feinde umsahen und die Esel mit Erfolg tüchtig antrieben, denn diese gingen im scharfen Trabe, was mir grosse Schmerzen verursachte. Gern hätte ich mich hingelegt, um zu sterben, das Leben hatte aber doch noch Reiz für mich und ich hatte noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, meine Mission glücklich zu Ende führen zu können. Mein Geist war lebhaft mit allerlei Plänen beschäftigt während der langen, einsamen Nachtstunden, die wir dazu brauchten, um Mfuto zu erreichen, wohin die Araber sich zurückgezogen. In dieser Nacht fiel Shaw von seinem Esel und wollte nicht aufstehen, obgleich wir ihn dringend darum baten. Da ich selbst nicht verzweifelte, so wünschte ich auch nicht, dass Shaw alle Hoffnung aufgeben solle. Er wurde also wieder auf sein Thier gehoben und je ein Mann ihm zur Seite gestellt, um ihn zu unterstützen. So ritten wir durch die Dunkelheit. Um Mitternacht erreichten wir Mfuto sicher und wurden sofort in das Dorf hineingelassen, aus dem wir so tapfer hinausgezogen und in das wir so schmachbeladen zurückkehrten.

Ich fand, dass alle meine Leute vor Eintritt der Dunkelheit hier angekommen waren. Ulimengo, der kühne Führer, der über seine Waffen und unsere Streitmacht so sehr gefrohlockt hatte und des Sieges so gewiss gewesen war, hatte den elfstündigen Marsch in sechs Stunden zurückgelegt. Der stämmige Tschaupereh, den ich als den getreuesten meiner Leute betrachtete, war nur eine halbe Stunde nach Ulimengo angekommen, und der muntere Khamisi, der Geck, Redner und wilde Demagoge, war als dritter dagewesen. Speke’s „Getreue“ hatten sich ebenso feige bewiesen, wie irgendein anderer armer Neger. Nur Selim, der junge Araber aus Jerusalem, war tapfer und treu gewesen. Denn Shaw, obwol geborener Europäer, hatte sich als eine mindestens ebenso niedrige, gemeine Seele wie irgendein Neger, wenn nicht noch schlimmer gezeigt.

Ich fragte Selim: „Warum bist Du nicht auch fortgelaufen und hast Deinen Herrn dem Tode überlassen?“

„O“, sagte der junge Araber naiv, „ich fürchtete, dass Sie mich peitschen würden.“

[6] Es gibt keinen Ort, der Kazeh heisst.

NEUNTES KAPITEL.

DAS LEBEN IN UNYANYEMBÉ. (Fortsetzung.)

Die Araber ziehen sich nach Tabora zurück. -- Ich ziehe weiter. -- Ankunft in Kwihara. -- Ich versuche eine andere Route. -- Meine Lage wird sehr ernst. -- Farquhar’s Tod wird berichtet. -- Niederlage der Araber in Tabora. -- Tod des Khamis bin Abdullah. -- Tabora in Flammen. -- Vorbereitungen zur Vertheidigung. -- Der philosophische Scheikh bin Nasib. -- Ich entschliesse mich, eine fliegende Karavane nach Udschidschi zu führen. -- Tod des Baruti. -- Meine Leute verlieren den Muth. -- Der kleine Bursche Kalulu. -- Taufe desselben. -- Mirambo greift Mfuto an und wird zurückgeschlagen. -- Selim im Fieber-Delirium. -- Zwei Führer: Asmani und Mabruki. -- Mein Entschluss, Livingstone bestimmt aufzufinden.

Es fiel den arabischen Grössen nicht ein, dass ich Ursache habe, mich über sie zu beklagen, dass ich ein Recht habe, mich durch ihre schnöde Desertion verletzt zu fühlen; ich, der ich aus Freundschaftspflicht zu ihren Gunsten zu den Waffen gegriffen. Am nächsten Morgen nach dem Rückzuge liessen sie mir ihre Salaams zutheil werden, als ob gar nichts passirt sei, das die guten Beziehungen zwischen uns gestört haben könnte.