Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 2
Ich habe mich des Wortes „Soldaten“ in diesem Buche bedient. Die bewaffnete Begleitung, welche ein Reisender in Sold nimmt, damit sie ihn nach Ostafrika geleite, besteht aus freien Schwarzen, Eingeborenen von Zanzibar, oder befreiten Sklaven aus dem Innern, welche sich Askari nennen, ein indisches Wort, das in seiner Uebersetzung „Soldaten“ bedeutet. Sie sind wie Soldaten bewaffnet und ausgerüstet, obgleich sie sich auch als Dienstboten vermiethen, aber es würde anmassender von mir sein sie Bediente zu nennen, als das Wort „Soldaten“ dafür zu gebrauchen, und da ich mehr gewohnt gewesen bin sie Soldaten, als meine Watuma Diener zu nennen, so konnte ich mir das nicht mehr abgewöhnen; deshalb habe ich den Ausdruck „Soldaten“ stehen lassen, schicke jedoch dieses Wort der Entschuldigung voran.
Auch habe ich vielleicht das persönliche Fürwort der ersten Person singularis „ich“ häufiger gebraucht, als die Bescheidenheit es eigentlich gestattet, aber man darf nicht vergessen, dass ich eine Erzählung meiner eigenen Abenteuer und Reisen schreibe und dass ich annehme, dass das grösste Interesse bis zu dem Punkt, wo ich mit Livingstone zusammenkomme, sich an mich, meine Märsche, meine Schwierigkeiten, meine Gedanken und Eindrücke knüpft. Trotzdem folgt daraus, dass ich hin und wieder von +meiner+ Expedition oder +meiner+ Karavane spreche, noch keineswegs, dass ich mir dieses Recht anmasse, denn ich bemerke ausdrücklich, dass es die Expedition des „New York Herald“ ist, dass ich nur den Befehl über dieselbe von Herrn James Gordon Bennett, dem Besitzer des „New York Herald“, erhalten habe und von diesem Herrn besoldet worden bin.
Noch eins: ich habe die erzählende Form für die Darstellung meiner Reise gewählt, weil sie ein grösseres Interesse zu besitzen scheint als die Form des Tagebuches, und ich glaube, dass ich auf diese Weise den grossen Fehler der Wiederholung vermeide, den man vielen Reisenden zum Vorwurf macht.
Nach diesen Auseinandersetzungen halte ich es nicht für nöthig, noch irgendetwas in der Einleitung zu sagen und beginne daher meine Erzählung.
~London~, 8, Duchess Street, Portland Place, October 1872.
HENRY M. STANLEY.
ERSTES KAPITEL.
ZANZIBAR.
Ankunft in Zanzibar. -- Aufnahme beim Consul der Vereinigten Staaten. -- Kapitän Webb. -- Leben in Zanzibar. -- Art des Handels mit dem Innern. -- Die Stadt Zanzibar. -- Bevölkerung. -- Einführung bei Dr. Kirk. -- Bischof Tozer.
Eine der fruchtbarsten Inseln des Indischen Oceans ist Zanzibar. Als ich Bombay verliess, um die Expedition des „New York Herald“ in das unbekannte Herz Afrikas zu führen, war meine abstracte Vorstellung von der Insel die, dass sie nicht viel besser als eine grosse Sandbank oder ein Stückchen vom Meer umgebener Sahara sei, in der sich ein paar massig grosse Oasen befänden und in der die Cholera, das Fieber und andere namenlose aber schreckliche Krankheiten zu wüthen pflegten. Ich glaubte, sie sei von unwissenden Schwarzen mit dicken Lippen bewohnt, deren Aeusseres im allgemeinen mit Du Chaillu’s Gorillas zu vergleichen wäre und die von einem despotischen, griesgrämigen Araber beherrscht würden. Weshalb sich diese Caricatur in meiner Phantasie festgesetzt hatte, begreife ich nicht; ich hatte Bücher und Abhandlungen über Zanzibar gelesen, die sich keineswegs ungünstig darüber äusserten, dennoch schwebte es meinem Gehirn als eine Insel vor, deren gänzliches Versinken im Meere der Welt nur nützlich sein könnte. Ich weiss es nicht bestimmt, aber ich glaube, ich habe diese Vorstellung durch Kapitän Burton’s „Lake Regions of Central-Africa“ in Verbindung mit manchen andern excentrischen Ansichten bekommen. Dieses ganze Buch ist, wiewol ausgezeichnet gewandt und wahr, doch in einem etwas galligen Ton geschrieben, und ich glaube, die Wirkung desselben auf mich bestand darin, dass ein Theil der Galle mir zu Kopf stieg, denn als ich es las, sah ich einen verderbenbringenden Strom, welcher mich nach der ewigen Fiebergegend Afrikas hintrieb, von wo, wie mir eine unheilverkündende Ahnung sagte, man nicht wieder zurückkehre. Wie man aber die beseligende Morgenröthe begrüsst, die den schrecklichen Traum, unter welchem man die ganze Nacht hindurch sich seufzend plagt, vertreibt, wie man sich über den Brief freut, der gute Nachrichten bringt, so wurde mir beim Anblick der grünen Ufer Zanzibars zu Muthe, welche mir zuriefen: „Hoffnung! Die Dinge sind selten so schlimm, als man sie sich ausmalt.“
Es war am frühen Morgen, als ich durch den Kanal segelte, der Zanzibar von Afrika trennt. In dem Morgengrauen wurden die Höhen des Festlandes gleich langen Schatten sichtbar; die Insel lag uns in einer Entfernung von nur einer Meile zur Linken und trat mit dem vorrückenden Tage aus den sie umhüllenden Nebeln allmählich hervor, bis sie endlich deutlich in Sicht war und so schön aussah, wie das schönste Kleinod der Schöpfung. Sie schien niedrig, aber nicht flach zu sein, hin und wieder sah ich sanfte Höhen, die sich über den anmuthigen Wipfeln der Kokosbäume erhoben, welche sich längs der Insel hinzogen. Auch wurden sie in angenehmer Weise durch Thalsenkungen unterbrochen, welche andeuteten, wo diejenigen, die Schutz vor der heissen Sonne suchten, Kühlung finden könnten. Mit Ausnahme der schmalen Sandlinie, über die das saftgrüne Wasser in beständigem Gemurmel dahinrollte, schien die Insel ganz in Grün gehüllt. Auf dem herrlichen Spiegel der Meerenge befanden sich mehrere Dhows[2], die rasch mit schwellenden Segeln der Bai von Zanzibar zueilten oder dieselbe verliessen. Ueber dem Horizont des Meeres erschienen nach Süden zu die nackten Masten einiger grossen Schiffe und östlich von diesen eine dichte Masse weisser Häuser mit flachen Dächern. Dies war Zanzibar, die Hauptstadt der Insel, welche sich bald als eine ziemlich grosse, dichtgebaute Stadt enthüllte, an der man alle charakteristischen Merkmale der arabischen Baukunst erkennen konnte. Ueber einigen der grössten Häuser, welche sich an der Seeseite der Stadt hinzogen, flatterten das blutrothe Banner des Sultans Seyyid Barghasch und die Flaggen der amerikanischen, englischen, norddeutschen und französischen Consulate. Im Hafen befanden sich dreizehn grosse Schiffe, vier zanzibarer Kriegsschiffe und ein englisches, die „Nymphe“, zwei amerikanische, ein französisches, ein portugiesisches, zwei englische und zwei deutsche Kauffahrer. Ausserdem lagen da viele Dhows aus Johanna und Mayotte, Orten der Komoroinseln, ebenso Dhows aus Muskat und Kutsch, welche zwischen Indien, dem Persischen Meerbusen und Zanzibar Handel treiben.
Mit aufrichtiger Höflichkeit und Gastfreiheit empfing mich der nordamerikanische Consul, Kapitän Francis R. Webb (der früher auf der nordamerikanischen Flotte gedient hatte). Hätte dieser Herr mir nicht die so nöthigen Dienste geleistet, so hätte ich mich dazu verstehen müssen, mich in einem Hause, welches als das von Charley bekannt ist, einzumiethen, das nach seinem Besitzer so genannt wird, einem krummnasigen, im ganzen sehr excentrischen Franzosen, der einen bedeutenden Ruf an dem Orte dafür hat, dass er unbemittelte Reisende aufnimmt und ihnen häufig unter einer rauhen Aussenseite grosse Freundlichkeiten erweist, -- oder ich wäre gar gezwungen gewesen, mein amerikanisches Doppelzelt auf dem Sandufer dieser tropischen Insel aufzuschlagen, was keineswegs wünschenswerth gewesen wäre.
Aber Kapitän Webb’s gelegener Vorschlag, sein bequemes, comfortables Haus zum meinigen zu machen, mich gemüthlich einzurichten und mir alles geben zu lassen, was ich nöthig hatte, beseitigte alle Unannehmlichkeiten.
Ein Tag in Zanzibar brachte mir meine Unwissenheit in Bezug auf das Volk und die Dinge Afrikas im allgemeinen zum Bewusstsein. Ich bildete mir ein, ich hätte Burton und Speke ziemlich gut durchgelesen und folglich die Bedeutung, Wichtigkeit und Grösse der Aufgabe, die ich übernommen hatte, erfasst. Aber meine auf Bücherweisheit gegründeten Schätzungen waren einfach lächerlich, die phantastischen Vorstellungen von den Reizen, die Afrika bietet, waren alsbald zerstreut, die Freuden, die ich vorausgesetzt hatte, verschwanden und alle unreifen Vorstellungen nahmen eine bestimmte Gestalt an.
Ich spazierte durch die Stadt und verschaffte mir allgemeine Eindrücke. In dem reinlichen Stadtviertel sah ich krumme, enge Gassen, weiss getünchte Häuser, mit Mörtel gepflasterte Strassen. In dem Theil, den ich das Banyanenviertel nennen will, erblickte ich auf jeder Seite sehr vertiefte Alkoven, vor denen rothbeturbante Banyanen sassen, und im Hintergrunde dünne Baumwollstoffe, Kalikos, amerikanische und bedruckte Baumwollenwaaren und andere Gegenstände; auf den Fluren lagen Elfenbeinzähne dichtgedrängt; in dunkeln Ecken Haufen von ungereinigter loser Baumwolle, Vorräthe von Steingut, Nägeln, billigen Eisenwaaren und Werkzeugen. Im Negerquartier rochen die Strassen sehr übel nach der gelben und schwarzen Bevölkerung, welche mit ihren Wollköpfen vor den Thüren ihrer elenden Hütten schwatzend, lachend, feilschend und keifend sassen. Der Geruch war ein Gemisch von Häuten, Theer, Schmutz, vegetabilischem Abgang, Excrementen u. s. w. Ich sah Strassen, die von grossen, solid aussehenden Häusern mit flachen Dächern begrenzt wurden, mit grossen geschnitzten Thüren und Messingklopfern, vor denen Sklaven mit übereinandergeschlagenen Beinen sassen und den Eingang zu ihrer Herren Häuser bewachten; eine seichte Seebucht, auf der sich Dhows, Nachen, Boote und ein paar vereinzelte Bugsirdampfer befanden, welche auf dem von der Ebbe zurückgelassenen Schlammmeer seitlich übergeneigt dalagen. Ich sah einen Ort, der „Nazi-Moya“ (der „Eine Kokosbaum“) heisst, wohin sich die Europäer des Abends mit langsamen Schritten, fast wie Sterbende, begeben, um die liebliche Luft einzuathmen, die, wenn der Tag zur Neige und die rothe Sonne im Westen untergeht, von der See ausströmt. Ich sah die Gräber von einigen verstorbenen Matrosen, welche ihr Leben nach der Ankunft in diesem Land eingebüsst hatten. Ich sah das hohe Haus, worin Dr. Tozer, Missionsbischof von Central-Afrika, und seine Schule für kleine Afrikaner sich befindet, und noch viele andere Dinge, die sich so ineinanderwirrten, dass ich zu Bett gehen musste, wollte ich im Stande bleiben, die sich verschiebenden Bilder auseinanderzuhalten und das Arabische vom Afrikanischen, dies vom Banyanischen, dieses wieder vom Hindostanischen und letzteres endlich vom Europäischen zu scheiden.
Zanzibar ist das Bagdad, das Ispahan oder Stambul, wenn man will, von Ostafrika. Es ist der grosse Markt, welcher die Elfenbeinhändler aus dem Innern Afrikas anlockt. Auf diesen kommen das Kopalgummi, die Häute, die Orseille, das Bauholz und die schwarzen Sklaven Afrikas. Bagdad hat grosse Seidenbazars, Zanzibar Elfenbeinmagazine; Bagdad hat einst mit Juwelen gehandelt, Zanzibar handelt mit Kopalgummi. Stambul pflegte tscherkessische und georgische Sklaven einzuführen, Zanzibar importirt schwarze Schönen aus Uhiyu, Ugindo, Ugogo, Unyamwezi und Galla.
Dieselbe Art des Handels herrscht hier wie in allen mohammedanischen Ländern vor, ja es ist dieselbe, wie sie lange vor der Geburt Moses existirt hat. Der Araber ist unveränderlich, er hat die Sitten seiner Vorältern mit sich gebracht, als er auf diese Insel kam, er ist hier ebenso sehr Araber wie in Muskat oder Bagdad. Wohin er auch geht, bringt er seinen Harem, seine Religion, sein langes Gewand, sein Hemd, seine Pantoffeln und seinen Dolch mit sich. Wenn er ins Innere von Afrika dringt, so vermag aller Spott der Neger nicht, seine Lebensweise zu verändern. Dennoch ist das Land nicht orientalisch geworden, der Araber ist nicht im Stande gewesen, die Atmosphäre zu verändern, das Land ist halb afrikanisch im Aussehen, die Stadt nur halb arabisch.
Dem neuen Ankömmling sind die Muskataraber von Zanzibar im höchsten Grade interessant. Sie haben eine gewisse Geschäftigkeit an sich, die man bewundern muss. Sie sind meist alle Reisende. Die Mehrzahl von ihnen sind oft schon in gefahrvollen Lagen gewesen, wenn sie in Central-Afrika eindrangen, um das kostbare Elfenbein zu bekommen, und dies sowie ihre reichen Erfahrungen haben ihrem Gesicht einen gewissen unverkennbaren Zug von Selbstvertrauen und Selbstgenügsamkeit gegeben; sie haben etwas Ruhiges, Entschlossenes, Trotziges, Unabhängiges an sich, welches jedem unbewusst Achtung abgewinnt. Die Erzählungen einiger dieser Leute könnten meines Erachtens Bände voll spannender Abenteuer füllen.
Gegen die Mischlingsrassen hege ich eine grosse Verachtung. Sie sind weder schwarz, noch weiss, weder gut, noch schlecht, weder zu bewundern, noch zu hassen. Sie sind alles zu jeder Zeit; sie kriechen beständig vor den grossen Arabern und sind immer grausam gegen die Unglücklichen, die unter ihr Joch kommen. So oft ich einen elenden, halbverhungerten Neger sah, wusste ich mit Bestimmtheit, dass er einem der Mischlingsrasse angehöre. Stets habe ich in ihm einen kriechenden Heuchler, einen feigen, entarteten, treulosen und gemeinen Menschen gefunden. Er scheint stets bereit, vor einem reichen Araber niederzufallen und ihn anzubeten, aber er ist einem armen schwarzen Sklaven gegenüber unbarmherzig. Wenn er am meisten schwört, so kann man sich darauf verlassen, dass er am meisten lügt, und doch ist es diese Menschenrasse, welche sich am raschesten in Zanzibar vermehrt, diese syphilitische, triefäugige, blasshäutige Mischung des Afrikaners und Arabers.
Der Banyane ist ein geborener Handelsmann, das Ideal eines schlauen, geldverdienenden Menschen. Das Geld fliesst ihm so natürlich in die Tasche, wie das Wasser von einer Höhe hinab, und nie werden Gewissensbisse ihn daran verhindern, seinen Nebenmenschen zu betrügen. Er übertrifft den Juden und sein einziger Nebenbuhler auf dem Markt ist der Perser. Der Araber ist ein Kind dagegen. Es ist Geldes werth, ihn zu sehen, wie er mit aller Energie der Seele und des Leibes dahin arbeitet, den Eingeborenen selbst um die allerkleinste Geldsumme zu übervortheilen. Hat z. B. der Eingeborene einen Elfenbeinzahn, der ein paar Frasilehs wiegt, die Wagschale zeigt auch das Gewicht an und der Eingeborene versichert aufs feierlichste, dass es mehr als zwei Frasilehs betragen müsse, so wird unser Banyane auf alle mögliche Weise behaupten und schwören, dass der Eingeborene nichts davon verstehe und dass die Wagschale falsch sei. Er nimmt seine ganze Kraft zusammen, um den Zahn aufzuheben. „Er ist ja so leicht, er wiegt nicht mehr als ein Frasileh. Komm“, sagt er, „Knicker, nimm Dein Geld und geh Deiner Wege. Bist Du verrückt?“ -- Wenn der Eingeborene zaudert, so pflegt er vor Wuth laut aufzuschreien, er schiebt ihn weg, stösst das Elfenbein mit verächtlicher Gleichgültigkeit mit dem Fusse fort, kurz, nirgends wird solch ein Lärm um nichts gemacht. Obgleich er nun dem erstaunten Eingeborenen befiehlt, sich zu trollen, so beabsichtigt er durchaus nicht, dass ihm der Kauf entgehen soll.
Die Banyanen üben vor allen andern Klassen den grössten Einfluss auf den Handel von Central-Afrika aus. Mit Ausnahme von ein paar reichen Arabern sind fast alle andern Kaufleute den Nachtheilen des Wuchers ausgesetzt. Ein Handelsmann, der eine Reise ins Innere machen will, gleichviel ob er nach Sklaven oder Elfenbein, Kopalgummi oder Orseillewurzel auszieht, schlägt einem Banyanen vor, ihm 5000 Dollars zu 50, 60 oder 70 Procent zu leihen. Der Banyane weiss sicher, dass er nichts verliert, ob die Speculation des Handelsmannes sich bezahlt macht oder nicht; denn ein erfahrener Handelsmann erleidet selten Verluste, oder wenn er unschuldigerweise unglücklich gewesen ist, so verliert er seinen Credit nicht. Mit Hülfe des Banyanen kommt er bald wieder auf die Beine.
Nehmen wir, um ein Beispiel zu geben, wie der Handel ins Innere gehandhabt wird, an, dass der Araber mit seiner Karavane Güter im Werthe von 5000 Dollars ins Innere führt, so sind die Güter in Unyanyembé 10000 Dollars, in Udschidschi 15000 Dollars werth; sie haben also ihren Werth verdreifacht. Für 5 Doti oder 7½ Dollars kauft man auf dem Markte von Udschidschi einen Sklaven, der sich in Zanzibar für 30 Dollars verkaufen lässt. Gewöhnliche männliche Sklaven kann man sicher für 6 Dollars kaufen und erhält dafür an der Küste 25 Dollars. Sagen wir nun, der Händler kauft Sklaven für den vollen Betrag seines Geldes, d. h. also, er würde nach Abzug von 1500 Dollars Reisekosten nach Udschidschi und zurück für 3500 Dollars 464 Sklaven à 7½ Dollars erstehen, so bringen ihm diese in Zanzibar 13920 Dollars ein! Ein anderes, dem Elfenbeinhandel entnommenes Beispiel: Ein Kaufmann bringt Waaren für 5000 Dollars nach Udschidschi und hat, nach Abzug von 1500 Dollars Reiseausgaben dorthin und zurück, noch 3500 Dollars, in Tuchen und Perlen, mit welchen er Elfenbein kauft. In Udschidschi kauft man den Frasileh (oder 35 Pfd.) für 20 Dollars, wodurch er mit seinen 3500 Dollars 175 Frasilehs Elfenbein ersteht, das, wenn es gut ist, in Zanzibar 60 Dollars per Frasileh werth ist. So stellt es sich heraus, dass der Kaufmann einen Nettogewinn von 10500 Dollars gemacht hat. Arabische Händler haben schon grössere Profite gemacht, und fast immer kehren sie mit einem sehr grossen Nutzen zurück.
Auf die Banyanen folgen in Zanzibar, was die Machtstellung betrifft, die mohammedanischen Hindus. Eine Zeit lang war ich wirklich zweifelhaft, ob die Hindus nicht ebenso arg im Handel betrügen, wie die Banyanen, und wenn ich den letzteren die Palme gereicht habe, so ist das nur mit Widerstreben geschehen. Dieser Stamm der Inder erzeugt Massen gewissenloser Schurken, während er kaum einen ehrlichen Kaufmann aufzuweisen hat. Einer der ehrlichsten Leute von allen, ob weiss oder schwarz, ob roth oder gelb, ist ein mohammedanischer Hindu, namens Tarya Topan. Er ist unter den Europäern in Zanzibar durch seine Ehrlichkeit und strenge Rechtschaffenheit im Geschäft sprichwörtlich geworden. Er ist sehr reich, besitzt mehrere Schiffe und Dhows und nimmt eine hervorragende Stellung im Rath bei Seyyid Barghasch ein. Tarya hat viele Kinder, unter denen zwei oder drei erwachsene Söhne sich befinden, welche er ganz nach seinem Vorbilde erzogen hat. Aber Tarya repräsentirt nur eine ungemein kleine Minderheit.
Die Araber, Banyanen und mohammedanischen Hindus bilden die höhern und mittlern Klassen. Diese sind im Besitze der Landgüter, der Schiffe und des Handels. Vor ihnen beugen sich die Mischlingsrassen und die Neger.
Nach diesen sind das bedeutendste Volk, welches zur gemischten Bevölkerung dieser Insel beiträgt, die Neger. Sie bestehen aus den eingeborenen Wasawahili, Somalis, Komorines, Wanyamwezi und einer Anzahl Repräsentanten der Stämme von Innerafrika.
Für einen weissen Fremdling, der im Begriff steht, ins Innere von Afrika zu gehen, ist ein Spaziergang durch die Negerquartiere der Wanyamwezi und Wasawahili höchst interessant; denn hier lernt man es erst, dass man zugeben muss, dass die Neger Menschen wie unsereins sind, obgleich von anderer Farbe; dass sie Leidenschaften und Vorurtheile, Sympathien und Antipathien, Geschmacksrichtungen und Empfindungen wie alle andern Menschen haben. Je eher man diese Thatsache einsieht und sich nach ihr richtet, um so leichter wird einem die Reise unter den verschiedenen Stämmen des Innern werden. Je schmiegsamer man von Natur ist, um so gedeihlicher werden die Reisen ausfallen.
Obwol ich einige Zeit unter den Negern unserer Südstaaten gelebt hatte, so war meine Erziehung doch die eines Nordländers, und ich hatte in den Vereinigten Staaten Schwarze gesehen, die ich mit Stolz meine Freunde nannte. Auf diese Weise war ich darauf vorbereitet, einen jeden Schwarzen, der die Eigenschaften eines wirklichen Menschen oder überhaupt irgendwelche guten Eigenschaften besass, als Freund, ja selbst als Bruder anzusehen und ihn ebenso zu achten, als ob er von meiner Farbe und Abstammung wäre. Weder seine Farbe noch irgendwelche Eigenthümlichkeiten seiner Physiognomie sollte ihn meinerseits irgendwelcher Rechte berauben, die er als Mensch beanspruchen konnte. „Haben diese Leute, diese wilden Schwarzen aus dem heidnischen Afrika“ -- fragte ich mich -- „die Eigenschaften, welche den Menschen seinen Mitmenschen liebenswürdig machen?“ „Können diese Leute, diese Barbaren, Güte schätzen und fühlen sie Abneigung wie ich?“ -- war die Frage, die ich mir im Geiste vorlegte, als ich durch ihre Quartiere ging und ihre Handlungsweise beobachtete. Brauche ich noch zu sagen, dass es mir sehr angenehm war zu sehen, wie sie ebenso bereitwillig sich dem Einfluss der Leidenschaften, der Liebe und des Hasses, wie ich selbst, unterwarfen und dass die genaueste Beobachtung mir keinen bedeutenden Unterschied zwischen ihrer Natur und meiner eigenen offenbarte?
Die Neger der Insel bilden wol zwei Drittel der ganzen Bevölkerung; sie sind die arbeitenden Klassen, ob sie Sklaven oder Freie sind. Die Sklaven verrichten die Arbeit auf den Plantagen, Landgütern und in den Gärten der Gutsbesitzer, oder dienen als Hamals oder Lastträger auf dem Lande sowie in der Stadt. Auf dem Lande sieht man sie mit sehr grossen Lasten auf dem Kopfe so zufrieden und heiter wie möglich, nicht etwa, weil sie freundlich behandelt werden oder leichte Arbeit haben, sondern weil sie ihrer Natur nach heiter und leichten Herzens sind, weil sie weder Vergnügungen noch Hoffnungen haben, die sie nicht nach Belieben befriedigen können und keinem Ehrgeiz fröhnen, dem sie nicht Genüge thun könnten, daher auch in ihren Hoffnungen nicht getäuscht worden sind.
In der Stadt hört man zu allen Stunden Negerhamals zu zweien, beim Transport von Säcken mit Gewürz, Waarenkisten u. dgl. beschäftigt, vom Magazin zu der Wassertreppe und von dieser nach dem Ufer zu gehen und eine Art monotone Melodie singen, durch die sie sich gegenseitig aufmuntern und nach der sie marschiren, wenn sie sich barfüssig durch die Strassen bewegen. Man kann diese Leute in kurzer Zeit leicht als alte Bekannte an der Consequenz erkennen, mit welcher sie ihre Melodien singen. Mehrmals des Tages habe ich dasselbe Paar unter den Fenstern des Consulats vorbeigehen und immer dieselbe Melodie mit den gleichen Worten wiederholen hören. Mancher könnte diese Lieder wol für albern halten, aber für mich hatten sie einen gewissen Reiz und ich halte sie für vollständig zweckentsprechend.
Die Stadt Zanzibar, auf dem südwestlichen Ufer der Insel gelegen, hat eine Bevölkerung von fast 100,000 Einwohnern; die ganze Insel schätze ich auf nicht mehr als 200,000, alle Rassen eingeschlossen.
Die grösste Zahl fremder Schiffe, welche mit diesem Hafen Handel treiben, sind Amerikaner, hauptsächlich aus New York und Salem. Nach den Amerikanern kommen die Deutschen, dann die Franzosen und Engländer. Sie kommen mit amerikanischer Leinwand, Branntwein, Schiesspulver, Musketen, Perlen, englischen Baumwollenwaaren, Messingdraht, Porzellanwaaren und anderen Artikeln beladen, und verlassen den Hafen mit Elfenbein, Kopalgummi, Gewürznelken, Häuten, Muscheln, Sesam, Pfeffer und Kokosnussöl.
Der Werth der Exportartikel aus diesem Hafen wird auf 3,000,000 Dollars geschätzt und der der Einfuhr aus andern Ländern auf 3,500,000 Dollars.