Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 3
Die Europäer und Amerikaner, die in der Stadt Zanzibar wohnen, sind entweder Regierungsbeamte oder unabhängige Kaufleute oder Agenten für ein paar grosse europäische und amerikanische Handlungshäuser. Das wichtigste Consulat ist das britische. Als ich in Zanzibar meine Expedition ins Innere von Afrika ausrüstete, war Dr. John Kirk britischer Consul und Geschäftsträger daselbst. Ich war sehr begierig, diesen Herrn kennen zu lernen, weil sein Name so oft mit dem des Dr. David Livingstone, den ich aufsuchen wollte, zusammen genannt worden ist. In fast allen Zeitungen wurde er als der frühere Begleiter von Dr. Livingstone bezeichnet. Nach den Artikeln und Briefen an die indische Regierung, die ich gelesen hatte, bildete ich mir ein, dass wenn ich überhaupt irgendwelche positive Kunde in Bezug auf den Aufenthaltsort des Dr. Livingstone erhalten könnte, mir dieselbe von Dr. Kirk zukommen würde; daher erwartete ich die Ehre, von Kapitän Webb bei ihm eingeführt zu werden, mit nicht geringer Ungeduld.
Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft in Zanzibar gingen der amerikanische Consul und ich, in Uebereinstimmung mit der Etikette des Ortes, auf die Strasse hinaus und nach einigen Augenblicken stand ich vor diesem vielbesprochenen Manne. Kapitän Webb sagte zu einem Manne von dünner, hagerer Gestalt, der einfach gekleidet und etwas gebückt ging, schwarzhaarig, von schmalem Gesicht und eingefallenen Wangen war und einen Bart trug: „Dr. Kirk, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Stanley, vom «New York Herald», vorzustellen.“
Ich glaubte zu bemerken, dass er in dem Augenblick seine Augenlider merklich erhob und dadurch den ganzen Umfang seiner Augen zeigte. Wenn ich einen solchen Blick beschreiben sollte, so würde ich ihn als ein Anstarren bezeichnen. Während der Unterhaltung, die sich über verschiedene Gegenstände verbreitete, sah ich sein Gesicht, welches ich aufmerksam beobachtete, sich nur einmal beleben und erregt werden, und zwar als er uns einige seiner Jagdgeschichten erzählte. Da der Gegenstand, der meinem Herzen am nächsten war, nicht zur Sprache kam, nahm ich mir vor, ihn über Dr. Livingstone das nächste mal, wo ich ihn besuchte, auszufragen.
Am Dienstag Abend haben Dr. und Frau Kirk ihre Gesellschaftsabende, wie die Zanzibarer wissen. Die Freuden eines solchen Abends werden von der civilisirten Bevölkerung von Zanzibar im allgemeinen ignorirt, aber die Repräsentanten der europäischen Colonie besuchen sie trotzdem. An eben diesem Abend waren die reichsten Einwohnerklassen ziemlich stark vertreten.
Da wir Amerikaner zeitig ankamen, konnte ich bemerken, wie die andern Gäste die Unterhaltung anfingen und war erstaunt zu hören, wie ein jeder derselben nach der ersten Begrüssung ängstlich den Consul und seine Frau danach fragte, ob sie heute Abend in Nazi-Moya gewesen wären, worauf sie verneinend antworteten, denn zufälligerweise hatten sie gerade an dem Abend ihren Erholungsspaziergang nicht bis zum klassischen Boden von Nazi-Moya ausgedehnt. „O“, sagte jeder Gast im Tone freudig triumphirender Verwunderung, „ich glaubte, ich hätte sie dort nur nicht gesehen.“
„Wo und was ist denn eigentlich Nazi-Moya?“ fragte ich Kapitän Webb sofort. „Nazi-Moya“, sagte dieser liebenswürdige Cyniker, „bedeutet «ein Kokosbaum» und ist eine beliebte Promenade unmittelbar hinter Ras Schangani (Sandy Point), wo man gegen Abend hingeht, um die frische Seeluft zu geniessen. Es ist die gewöhnliche Form, wie man hier eine Unterhaltung anfängt, da wir jetzt gerade einen grossen Mangel an Unterhaltungsstoff haben.“
Kapitän Webb sprach die Wahrheit, wenn er sagte, dass grosser Mangel an Unterhaltungsstoff wäre, und meine spätere Erfahrung lehrte mich, dass die guten Europäer von Zanzibar, wenn ihnen anderer Unterhaltungsstoff fehlte, das kleinste bischen Skandal benutzen, um ihre Abende angenehm und amüsant zu machen.
Die Erfrischungen, welche der britische Consul nebst Frau ihren Gästen an ihren Empfangsabenden anboten, bestanden aus einer Art milden Weines und Cigarren, nicht weil sie nichts anderes zu Hause haben, etwa Thee oder ein paar Kuchen, sondern wol nur weil es die Sitte eines zanzibarisirten Europäers ist, dergleichen, mit etwas Soda- oder Selterswasser gemischt, als eine Art Reizmittel für das bischen Klatsch zu sich zu nehmen, das gewöhnlich unter dem Einfluss des Weines sympathische und eifrige Zuhörer findet.
Es war wol alles sehr schön, aber trotzdem hielt ich diesen für einen der langweiligsten Abende, die ich je erlebt hatte, bis Dr. Kirk aus Mitleid für die Langeweile, an der ich litt, mich beiseiterief, um mir eine schöne Elefantenflinte zu zeigen, welche ihm, wie er sagte, vom Gouverneur von Bombay geschenkt worden sei. Ich hörte nun Loblieder auf ihre tödliche Kraft und verderbenbringende Präcision und liess mir einige Anekdoten von dem Leben im Schilfmoor, einige Jagdabenteuer und Erlebnisse auf seinen Reisen mit Livingstone erzählen. „Ach, ja wohl, Dr. Kirk“, sagte ich nachlässig, „was Livingstone betrifft, -- wo, glauben Sie, ist der jetzt?“
„Ja“, erwiderte er, „das ist sehr schwer zu sagen; er kann todt sein; wir wissen nichts Positives, worauf wir uns bestimmt verlassen können. Davon bin ich überzeugt, dass niemand etwas Bestimmtes von ihm seit mehr als zwei Jahren gehört hat. Dennoch glaube ich, dass er am Leben sein muss. Wir schicken ihm beständig irgendetwas zu. In Bagamoyo befindet sich eben eine kleine Expedition, die im Begriff steht aufzubrechen. Ich glaube wirklich, dass der alte Mann jetzt nach Hause kommen sollte; er wird, wie Sie wissen, alt, und wenn er stirbt, so wird die Welt nichts von seinen Entdeckungen haben. Er schreibt weder Notizen, noch Tagebücher, und nur sehr selten bringt er seine Beobachtungen zu Papier, sondern macht nur ein Zeichen oder einen Punkt oder etwas ähnliches auf eine Karte, was niemand als er selbst verstehen kann. Ja, wenn er am Leben ist, so sollte er unter allen Umständen heimkehren und einem jüngern Manne seine Stelle lassen.“
„Wie ist er im Umgange, Doctor?“ fragte ich mit lebhaftem Interesse an dieser Unterhaltung.
„Nun, ich glaube, dass es im ganzen sehr schwer ist, mit ihm zu verkehren. Ich habe persönlich zwar nie mit ihm Streit gehabt, aber ich habe ihn gegen andere Leute oft hitzig werden sehen und, wie ich glaube, ist das der hauptsächlichste Grund, weshalb er niemanden gern um sich hat.“
„Wie ich höre, ist er ein sehr bescheidener Mann, nicht wahr?“ fragte ich.
„Nur er kennt den Werth seiner eigenen Entdeckungen besser als irgendein anderer. Er ist nicht gerade ein Engel“, sagte er lachend.
„Nun gesetzt, ich begegnete ihm auf meinen Reisen; ich könnte doch möglicherweise mit ihm zusammentreffen, wenn er in der Richtung reist, die ich selbst nehme. Wie würde er sich gegen mich verhalten?“
„Um Ihnen die Wahrheit zu sagen“, sagte er, „so glaube ich nicht, dass er es sehr gern sehen würde. Ich weiss, dass, wenn Livingstone in Erfahrung brächte, dass Burton oder Grant oder Baker oder einer von diesen Leuten ihn aufsuche, er es bald so einrichten würde, dass 100 Meilen Sumpfboden sich zwischen ihnen befänden. Das glaube ich bestimmt, -- auf mein Wort!“ --
Das war der Inhalt der Unterhaltung, die ich mit Dr. Kirk, dem früheren Genossen von Livingstone, führte, so genau, wie mein Tagebuch und mein Gedächtniss sie mir erinnerlich machen.
Brauche ich wol zu sagen, dass diese Kunde von einem Herrn, der bekanntlich mit Dr. Livingstone genau bekannt war, eher mehr dazu beitrug, den Enthusiasmus für meine Sache zu dämpfen als ihn zu beleben! Ich fühlte mich sehr verstimmt und hätte gern mein Unternehmen aufgegeben, aber der Befehl lautete: „Gehen Sie und finden Sie Livingstone!“ Ausserdem hatte ich nicht angenommen, obgleich ich sehr gern darauf eingegangen war, den Doctor aufzusuchen, dass der Weg nach Central-Afrika mit Rosen bestreut sein werde. Wenn ich nun wirklich als ein unverschämter Eindringling auf dem Gebiete der Entdeckungen getadelt werden sollte, als ein Mensch, der sich in Dinge mischt, die ihn nichts angehen, als einer, dessen Abwesenheit dem Doctor viel angenehmer wäre als seine Anwesenheit, -- hatte ich nicht den Befehl erhalten, ihn zu suchen? Nun, ich wollte ihn aufsuchen, wenn er noch auf Erden wandelte, und wenn nicht, so wollte ich das mitbringen, was die Leute sicher zu wissen interessirte. Dr. Kirk versprach mir freundlich alle in seiner Macht stehende Unterstützung und stellte mir alle Vortheile seiner Erfahrung zur Verfügung, aber ich erinnere mich weder, dass er mir in irgendeiner Weise wirkliche Unterstützung angedeihen liess, noch finde ich es in meinem Tagebuch verzeichnet. Natürlich wusste er nicht, dass meine Befehle dahin lauteten, Dr. Livingstone aufzusuchen, sonst würde er wol zweifelsohne sein Versprechen eingelöst haben. Er glaubte, dass ich im Begriffe stände, den Rufidschifluss bis an seine Quellen zu verfolgen. Aber welche Zeitung würde wol einen Specialcorrespondenten ausschicken, um die Quellen eines so unbedeutenden Flusses, wie der Rufidschi, zu entdecken?
Das Klima von Zanzibar ist nicht das angenehmste der Welt; ich habe es von Amerikanern und Europäern herzlich verwünschen hören. Auch habe ich es erlebt, dass fast die halbe weisse Colonie sich an einem Tage krank zu Bette legen musste. Eine schädliche Malaria steigt aus dem seichten Meerbusen des Malagasch herauf und nicht abgeleiteter Schmutz, Auswurf, Abfälle aller Art, todte Mollusken, todte Pariahunde, todte Katzen, allerlei Aas und Ueberreste von unbeerdigten Menschen und Thieren tragen dazu bei, Zanzibar zu einer sehr ungesunden Stadt zu machen. In Anbetracht nun, dass sie sehr gesund sein müsste, weil die Natur dem Menschen hier die Mittel an die Hand gibt und ihn sehr unterstützt, so ist es erstaunlich, dass der herrschende Fürst nicht den Vorschriften der Vernunft gehorcht. Der Meerbusen von Zanzibar ist halbmondförmig, und die Stadt ist auf dem südwestlichen Horn erbaut. Im Osten wird sie fast gänzlich von der Malagasch-Lagune umgrenzt, einer Bucht des Meeres, die bis hinter die Schangani-Spitze oder südlich davon reicht und nur 250 Meter Land bis zum Meere übrig lässt. Wenn diese 250 Meter von einem Graben von 10 Fuss durchzogen würden und die Bucht ein wenig vertieft würde, so würde Zanzibar selbst eine Insel werden, und welche Wunder würde dies nicht in Bezug auf den Gesundheitszustand bewirken! Ich habe diesen Vorschlag nie machen hören, aber ich meine, die fremden Consuln, die in Zanzibar wohnen, könnten diese Arbeit dem Sultan empfehlen und sich so den Ruhm erwerben, die Stadt ebenso gesund zu machen wie irgendeine andere in der Nähe des Aequators liegende. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich mich dessen, was mir der amerikanische Consul, Kapitän Webb, bei meiner ersten Ankunft sagte, als ich meine Verwunderung über die Apathie und Trägheit von Leuten an den Tag legte, die mit der unbezwinglichen Energie geboren sind, welche die Europäer und Amerikaner kennzeichnet, von Männern, welche den vorwärts schreitenden Instinct der Weissen haben und doch zu blassen Phantomen ihrer Gattung, zu hoffnungslosen, hypochondrischen Invaliden werden und sich resignirt dem Glauben an die Tödlichkeit des Klimas hingeben, ohne eine Spur von dem unternehmenden und unbesiegbaren Geist, der die Welt regiert.
„Ja“, sagte Kapitän Webb, „Sie haben gut über Energie und dergleichen Dinge reden, aber ich versichere Sie, dass ein Aufenthalt von 4 oder 5 Jahren auf dieser Insel, unter Leuten wie die hiesigen, Sie bald fühlen lassen würde, dass es eine hoffnungslose Aufgabe sei, dem Einfluss des Beispiels zu widerstehen, durch welches die energischsten Geister unterjocht werden und dem Sie sich mit der Zeit, früher oder später, unterwerfen müssen. Wir waren alle furchtbar energisch, als wir zuerst herkamen und kämpften tapfer dafür, die Dinge so zu führen, wie wir es zu Hause gewohnt waren; aber wir haben gefunden, dass wir mit unsern Köpfen ganz vergeblich gegen Granitmauern anrennen. Diese Kerle, die Araber, Banyanen und Hindus, kann man weder durch Scheltworte noch durch Bitten veranlassen, rasch zu sein, und in kurzer Zeit sieht man die Thorheit ein, gegen unüberwindliche Schwierigkeiten anzukämpfen. Seien Sie geduldig und ärgern Sie sich nicht, das ist mein Rath, oder Sie werden es hier nicht lange aushalten.“
Trotzdem gab es 3-4 ungemein fleissige Leute in Zanzibar, die den ganzen Tag auf den Beinen waren. Einer, den ich kenne, war ein Amerikaner. Ich glaube seine raschen Fusstritte noch jetzt auf dem Pflaster unter dem Consulate zu vernehmen und zu hören, wie seine lästige Stimme die Begrüssungsformel Yambo! einem jeden, dem er begegnet, zuruft; und er hatte 12 Jahre in Zanzibar gelebt.
Ein anderer meiner Bekannten, ein handfester Schotte, ein Mann, der in allem, was er that oder sagte, von den angenehmsten Manieren, natürlich und aufrichtig war, hat in Zanzibar mehrere Jahre gelebt, ist der Undankbarkeit seines Geschäftes sowie der Hitze und der Erschlaffung des Klimas ausgesetzt gewesen und bietet doch den apathischen Eingeborenen von Zanzibar tapfer Trotz. Niemand kann dem Kapitän H. C. Fraser, der früher in der indischen Marine gedient hat, den Vorwurf der Apathie machen, was auch immer Böswillige sonst gegen ihn sagen mögen.
Ich könnte noch leicht Beweise für den Fleiss anderer anführen, aber sie sind alle gute Bekannte von mir und gute Leute. Die Amerikaner, Engländer, Deutschen und Franzosen, die hier leben, haben mich mit einer Höflichkeit und Güte behandelt, die ich nie vergessen werde. Alles in allem genommen würde es schwer sein, eine gastfreiere und liebenswürdigere Colonie von Weissen irgendwo in der Welt zu finden.
In einem grossen, hohen, auf der Schangani-Spitze gelegenen Hause, das gewissermassen durch seine Weitläufigkeit imponirt und auf dem ein sehr merkwürdiger Thurm sitzt, hat der Bischof Tozer mit seinen Zöglingen, seinen Chorsängern und seiner ganzen Heerde ein vorzügliches Unterkommen gefunden. Der Bischof, der sich selbst „Missionsbischof von Central-Afrika“ nennt, ist einer der höflichsten Menschen, die ich je gekannt habe. Ich glaube, man nennt ihn den „fechtenden Pastor“, ein Name, der ein Plagiat ist, da ihn der Herzog von Wellington zuerst dem Dr. Livingstone beigelegt hat. Vom Bischof Tozer erzählt man sich, dass er mit einem unverschämten Strolch auf seinem Wege zur Kirche gekämpft hat und, nachdem er ihn im Boxen gezüchtigt, sich erboten habe, alle seine Gefährten der Reihe nach in derselben Weise zu behandeln, welcher Vorschlag jedoch nicht angenommen wurde. Durch diesen siegreichen Faustkampf verwandelte der Bischof Tozer seine Wölfe in Lämmer und gewann sich den Titel eines Bischofs und die glückliche Sinekure, die er inne hat.
Der Bischof in seinem scharlachen Gewande und mit dem priesterlichen Titel eines „Missionsbischofs von Central-Afrika“, dessen Grund ich nicht einsehen kann, hat den Gipfel seines Ehrgeizes erreicht und ist infolgedessen unaussprechlich glücklich. Aber wenn man diesen ausserordentlich hochkirchlichen Prälaten in seinem scharlachen Amtsgewande und im sonderbarsten Kopfputz durch die Strassen von Zanzibar wandeln oder in einer Klempnerbude um den Preis eines Zinntopfes feilschen sieht, so gewährt das den lächerlichsten Anblick, den ich je gesehen habe, es sei denn in einer Harlekinbude. Als Weisser lege ich feierlichen Protest gegen diese Abgeschmacktheit ein. Ein ähnliches Bild, wie der Bischof in seiner Priestergewandung und Papiermütze in einer solchen Klempnerbude, bietet der König von Dahomey dar, wenn er nur mit einem europäischen Hut bekleidet, im übrigen aber nackt, pomphaft wie im ausgesuchtesten Staat herumspaziert. Was auch der Bischof in seiner glücklichen Unschuld von der Wirkung denken mag, die seine Erscheinung auf die Gemüther der Heiden hervorbringt, so kann ich ihm doch sagen, dass er den Arabern und Wangwana, die in Unyanyembé wohnen, höchst lächerlich erscheint, und dass auch die meisten seiner weissen Brüder eine ähnliche Meinung von ihm haben. Lieber, guter Bischof Tozer, ich möchte Dich gern lieben und bewundern, wenn Du nicht Dein Hochkirchenthum an einem Orte wie Zanzibar gar so sehr zur Schau trügest!
Die französischen Missionäre haben in einem wirklich praktischen Sinne sehr thätig gearbeitet. Sie versuchen es nicht nur den Gemüthern ihrer zahlreichen Konvertiten die Grundsätze der Religion beizubringen, sondern sie auch für das praktische Leben zu erziehen. Sie lehren ihren jungen Zöglingen die verschiedensten nützlichen Handwerke und bilden sie zu Landbauern, Zimmerleuten, Schmieden, Schiffbauern und Mechanikern aus. In ihren verschiedenen Unterrichtsabtheilungen haben sie tüchtige und fleissige Lehrer. Ihre Werkstätten in Zanzibar sind ein für den Fremden sehenswerther Anblick. Auf dem Festlande in Bagamoyo haben sie eine sehr grosse Missionsstation. Das neben derselben belegene Landgut, welches von den jungen Zöglingen bebaut wird, ist ein Musterinstitut, dessen Erzeugnisse mehr als hinreichen, um die Anstalten mit allen nothwendigen Lebensmitteln zu versehen. Mehr als 200 Konvertiten und Zöglinge stehen unter ihrer Leitung.
[2] Arabische Zweimaster.
ZWEITES KAPITEL.
AUSRÜSTUNG DER EXPEDITION.
Schwierigkeiten Nachrichten zu erhalten. -- Indienstnahme von J. W. Shaw und W. L. Farquhar. -- Mbarak Bombay. -- Besuch im Palast des Sultans. -- Einschiffung nach Bagamoyo. -- Charakteristik des Sultans.
Ich kannte das Innere durchaus nicht und es war daher schwer zu wissen, was ich brauchte, um eine Expedition nach Central-Afrika zu unternehmen. Auch war die Zeit kostbar und ich konnte nicht viel auf Erkundigung und Nachforschung verwenden. In einem solchen Falle wäre es, nach meiner Ansicht, ein grosses Glück gewesen, wenn einer der drei Herren, Kapitän Burton, Speke oder Grant, uns irgendeine Belehrung über diese Punkte gegeben hätte, wenn sie ein Kapitel darüber geschrieben hätten, wie man eine Expedition nach Central-Afrika auszurüsten habe. Der Zweck dieses Kapitels ist also mitzutheilen, wie ich es anfing, damit andere Reisende, die nach mir kommen, von meinen Erfahrungen Nutzen ziehen mögen.
Einige der Fragen, die ich mir vorlegte, wenn ich mich nachts im Bett herumwälzte, lauteten: wie viel Geld ist nöthig? wie viele Pagazis oder Lastträger? wie viele Soldaten? wie viel Tuch? wie viel Perlen? wie viel Draht? welche Sorten Zeug sind für die verschiedenen Stämme nöthig? -- Ich mochte mir diese Fragen noch so häufig stellen, so kam ich dem Punkt doch nicht näher, den ich zu erreichen wünschte. Ich beschrieb ganze Buch Papier mit Schätzungen, mit Verzeichnissen von Material, mit Berechnungen der Kosten für hundert Mann pro Jahr, à so und so viel Meter verschiedener Zeugsorten, ich studirte Burton, Speke und Grant umsonst; zwar konnte ich ein gut Theil Geographie, Ethnologie und dergleichen, was zum Studium Inner-Afrikas gehört, aus ihnen lernen, aber ich fand in keinem Buche etwas in Bezug auf die Ausrüstung einer Expedition, ehe man nach Afrika geht. Unwillig warf ich die Bücher von mir. Die Europäer in Zanzibar wussten so wenig als möglich hierüber. Es gab nicht einen Weissen in Zanzibar, der mir sagen konnte, wie viel Dotis per Tag eine Truppe von 100 Mann für ihren Unterhalt auf der Reise bedurfte. Auch brauchten sie das in der That gar nicht zu wissen. Aber was sollte ich denn anfangen? Das war eine grosse Frage.
Ich beschloss als das beste, einen arabischen Kaufmann aufzutreiben, der mit Elfenbein handelt oder der vor kurzem aus dem Innern angekommen war.
Scheikh Haschid war ein Mann von Bedeutung und Reichthum in Zanzibar. Er hatte selbst eine Anzahl Karavanen ins Innere gesandt und war infolgedessen mit verschiedenen hervorragenden Händlern bekannt, die in sein Haus kamen und sich mit ihm über ihre Abenteuer und Gewinne unterhielten. Auch war er der Besitzer des grossen Hauses, das Kapitän Webb bewohnte, und lebte selbst auf der andern Seite der engen Strasse, die sein Haus vom Consulate trennte. Scheikh Haschid war also vor allen andern der Mann, dessen Rath einzuholen war, und daher wurde er auch aufgefordert, mich im Consulat zu besuchen.
Von diesem graubärtigen, ehrwürdig aussehenden Scheikh habe ich über afrikanische Tauschwerthe, die Art mit ihnen umzugehen, die Menge und Qualität der Stoffe, die ich brauchte, mehr Auskunft erhalten, als aus einem dreimonatlichen Studium von Büchern über Central-Afrika. Auch von andern arabischen Kaufleuten, mit denen der alte Scheikh mich bekannt machte, erhielt ich sehr werthvolle Andeutungen und Winke, welche mich schliesslich in den Stand setzten, meine Expedition auszurüsten.
Der Leser darf nicht vergessen, dass ein Reisender nur das braucht, was für die Reise und Forschung nöthig ist, und dass ein Ueberfluss an Gütern oder Mitteln ihm ebenso verderblich wird wie der Mangel an Vorräthen. Gerade diese Frage der Qualität und Quantität ist es, welche der Reisende zuerst mit Vorsicht und Kritik klarstellen muss.
Meine Berather gaben mir zu verstehen, dass hundert Menschen mit 10 Doti oder 40 Meter Tuch täglich für ihre Nahrung auskommen; es war also das Richtige, 2000 Doti amerikanische Leinwand, 1000 Doti Kaniki und 650 Doti farbige Zeugsorten, wie z. B. Barsati, das in Unyamwezi beliebt ist, Sohari, das in Ugogo genommen wird, Ismahili, Taudschiri, Dschoho, Schasch, Rehani, Dschamdani oder Kunguru-Kutsch, blau sowol als rosa zu kaufen. Dies hielt man für völlig ausreichend für den Unterhalt von 100 Mann auf 12 Monate. Nach diesem Maassstabe würden also für zwei Jahre 4000 Doti, oder 16000 Meter amerikanische Leinwand, 2000 Doti oder 8000 Meter Kaniki, 1300 Doti oder 5200 Meter verschiedene farbige Zeuge nöthig sein. Dies war eine bestimmte und ausserordentlich werthvolle Kunde für mich und mit Ausnahme einiger Nachrichten über die Qualität der Leinwand, des Kaniki und der farbigen Zeuge hatte ich alles über diesen Punkt erfahren, was ich wünschte.
Die zweite wichtige Frage war: wie viele und welche Perlen nöthig wären. Perlen sollten unter einigen Stämmen des Innern die Stelle des Zeuges einnehmen. Der eine Stamm zieht weisse Perlen den schwarzen, braune den gelben, rothe den grünen, grüne den weissen u. s. w. vor. So nimmt man in Unyamwezi rothe Perlen (Sami-Sami) mit Freuden, während man alle andern nicht annimmt. Schwarze Perlen (Bubu) sind Geld in Ugogo, bei allen andern Stämmen aber nichts werth; die Eierperlen (Sungomazzi) gelten in Udschidschi und Uguhha, werden aber in allen andern Ländern nicht angenommen. Die weissen Perlen (Merikani) haben Geltung in Ufipa und einigen Theilen von Usagara und Ugogo, werden aber in Useguhha und Ukonongo nicht geachtet. Daher musste ich genau den Aufenthalt meiner Expedition in den verschiedenen Ländern erforschen und berechnen, damit ich genug von jeder Gattung hätte und doch einen zu grossen Ueberschuss vermiede. Burton und Speke z. B. mussten einige hundert Fundo Perlen als werthlos wegwerfen.
Nimmt man z. B. an, dass von den verschiedenen Völkern Europas jedes seine eigenen Geldwerthe hätte, ohne die Mittel zu besitzen, sie zu wechseln, und dass jemand Europa zu Fuss durchwandern wollte, so müsste er, ehe er die Reise anträte, im Stande sein zu berechnen, wie viel Tage er durch Frankreich zu reisen habe, wie viele durch Preussen, Oesterreich und Russland, und dann die Ausgabe, die er pro Tag zu machen hätte, feststellen. Wenn er seine Ausgaben auf einen Napoleondor pro Tag berechnete und seine Reise durch Frankreich 30 Tage in Anspruch nähme, so würde die Summe, die er für den Hin- und Rückweg brauchte, auf 60 Napoleons zu fixiren sein, und da Napoleons in Preussen, Oesterreich und Russland keinen Curs hätten, so würde es für ihn völlig unnütz sein, sich mit einer Ladung von mehreren tausend Napoleons in Gold zu beschweren.