Wie ich Livingstone fand; Erster Band

Part 1

Chapter 13,030 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1879 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Fußnoten wurden am Ende des betreffenden Kapitels zusammengefasst.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_ gesperrt: +Pluszeichen+ Kapitälchen: ~Tilden~

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WIE ICH LIVINGSTONE FAND.

ERSTER BAND.

WIE ICH LIVINGSTONE FAND.

REISEN, ABENTEUER UND ENTDECKUNGEN

IN

CENTRAL-AFRIKA.

VON

HENRY M. STANLEY.

AUTORISIRTE DEUTSCHE AUSGABE.

IN ZWEI BÄNDEN.

_MIT ABBILDUNGEN IN HOLZSCHNITT UND EINER KARTE._

ERSTER BAND.

LEIPZIG:

F. A. BROCKHAUS

1879.

HERRN

JAMES GORDON BENNETT, DEM BESITZER DES „NEW YORK HERALD“,

WIDMET DIESEN BERICHT

ÜBER SEINE EXPEDITION AN ~Dr.~ LIVINGSTONE

UND

DIE REISEN, ABENTEUER UND ENTDECKUNGEN IN CENTRAL-AFRIKA

ALS TRIBUT FÜR DIE FREIGEBIGE GROSSMUTH, WELCHE DAS UNTERNEHMEN INS LEBEN RIEF UND BIS ANS ENDE DURCHFÜHRTE,

EHRFURCHTSVOLL

SEIN DANKBARER SPECIAL-CORRESPONDENT

HENRY M. STANLEY, FÜHRER DER EXPEDITION DES „NEW YORK HERALD“.

VORBEMERKUNG.

Seit der Veröffentlichung der englischen Originalausgabe dieses Werkes hat der Verfasser desselben, Henry M. Stanley, seine zweite von so glänzendem Erfolg gekrönte Forschungsreise durch Afrika ausgeführt und deren ausführliche Schilderung in dem Werke „Through the Dark Continent“ vor kurzem erscheinen lassen. Dieses liegt bereits vollständig in deutscher Ausgabe vor.[1] Dagegen war infolge eigenthümlicher hindernder Umstände von dem erstern Werke: „How I found Livingstone“ bisher keine deutsche Uebersetzung veröffentlicht worden. Vorliegende Publication füllt nun diese Lücke in der Reiseliteratur über Afrika aus und wird namentlich allen denen willkommen sein, welche Stanley’s neuere Reise mit Theilnahme verfolgt haben.

Der Verfasser beabsichtigte anfangs in der deutschen Ausgabe einige geographische Details auf Grund seiner spätern Forschungen hinzuzufügen oder zu verändern, hat es aber doch für angemessener erachtet, dass den deutschen Lesern sein Werk ganz in derselben Gestalt vorgeführt werde, welche er ihm unter den unmittelbaren Eindrücken der Reiseerlebnisse gegeben hatte. Nur das der englischen Originalausgabe beigefügte Kartenmaterial ist hier weggeblieben, weil dasselbe wesentlich erweitert und berichtigt in der grossen Karte vorliegt, die zu dem neuen Werke „Durch den Dunkeln Welttheil“ gehört. Statt dessen erhalten die Leser am Schluss unsers Werkes eine allgemeine Uebersichtskarte zur Orientirung sowol über die erste Reise Stanley’s bis an den Tanganika-See, als auch über die zweite von der Ostküste bis an das Gestade des Atlantischen Oceans.

[1] Durch den Dunkeln Welttheil oder die Quellen des Nils, Reisen um die grossen Seen des äquatorialen Afrika und den Livingstone-Fluss abwärts nach dem Atlantischen Ocean von ~Henry M. Stanley~. Autorisirte deutsche Ausgabe. Aus dem Englischen von Prof. Dr. C. Böttger. 2 Bände. Mit Karten und Abbildungen. (Leipzig, F. A. Brockhaus, 1878.)

INHALT.

Seite

Einleitung. 1

ERSTES KAPITEL.

+Zanzibar.+

Ankunft in Zanzibar. -- Aufnahme beim Consul der Vereinigten Staaten. -- Kapitän Webb. -- Leben in Zanzibar. -- Art des Handels mit dem Innern. -- Die Stadt Zanzibar. -- Bevölkerung. -- Einführung bei Dr. Kirk. -- Bischof Tozer. 9

ZWEITES KAPITEL.

+Ausrüstung der Expedition.+

Schwierigkeiten Nachrichten zu erhalten. -- Indienstnahme von J. W. Shaw und W. L. Farquhar. -- Mbarak Bombay. -- Besuch im Palast des Sultans. -- Einschiffung nach Bagamoyo. -- Charakteristik des Sultans. 28

DRITTES KAPITEL.

+Das Leben in Bagamoyo.+

Ankunft in Bagamoyo. -- Gastfreundschaft der Jesuiten-Mission. -- Leben in Bagamoyo. -- Ali bin Salim. -- Nächtliche Diebe. -- Ein Esel wird gestohlen. -- Verpackung der Ballen. -- Schwierigkeit, Pagazis zu bekommen. -- Transport- und Waaren-Kosten. -- Sur Hadschi Pallu. -- Seine Sünden. -- Besuch bei Livingstone’s Karavane. -- Ankunft des Dr. Kirk in Bagamoyo. -- Klima von Bagamoyo. -- Abreise der fünf Karavanen. 46

VIERTES KAPITEL.

+Durch Ukwere, Ukami und Udoe nach Useguhha.+

Ankunft im ersten Lager „Schamba Gonera“. -- Das Thal des Kingani. -- Eine Brücke wird über den Kingani geschlagen. -- Der Uebergang. -- Ich schiesse auf Flusspferde. -- Ankunft in Kikoka. -- Eine noch nie von einem Weissen bereiste Route. -- Rosako, Grenzdorf von Ukwere. -- Unverschämte Neugier der Wagogo. -- Mein Wachhund Omar. -- Insekten. -- Die Tsetse-Fliege. -- Die Tschufwa-Fliege; Gefrässigkeit derselben. -- Anfang der Masika oder Regenzeit. -- Tod des arabischen Pferdes. -- Unterredung mit dem Häuptling von Kingaru. -- Tod des Braunen. -- Marsch nach Imbiki. -- Ankunft in Msuwa. -- Plagen der Dschungels. -- Eine Sklavenbande in Ketten. -- Kisemo. -- Die Schönen von Kisemo. -- Khamesi’s Desertion und Bestrafung. -- Uebergang über den Ungerengeri. -- Die Hauptstadt von Useguhha Simbamwenni. -- Die Sultanin. -- Stürmischer Streit mit Shaw. -- Afrikanisches Wechselfieber. -- Abgesandte der Sultanin. 73

FÜNFTES KAPITEL.

+Nach Ugogo.+

Die Regenzeit. -- Zahlloses Ungeziefer. -- Uebergang über den Ungerengeri. -- Bunder Salaam bekommt Prügel, entflieht und wird wieder gefunden. -- Gefangennahme von Soldaten seitens der Sultanin. -- Die Makata-Wildniss. -- Desertion und Wiedereinfangen eines Soldaten. -- Furchtbare Schwierigkeiten beim Uebergang über den Makata-Sumpf. -- Lager in Usagara. -- Shaw’s Brief an Farquhar. -- Des Letztern Antwort. -- Seine Verschwendung. -- Shaw’s Saumseligkeit. -- Neue Art einen Karren zu brauchen. -- Der See Ugombo. -- Shaw und Farquhar beim Frühstück. -- Shaw wird von mir der Länge lang zu Boden geschlagen. -- Er verlangt seine Entlassung. -- Er empfindet Reue. -- Ein Schuss durch mein Zelt. -- Farquhar wird in Mpwapwa zurückgelassen. -- Abdullah bin Nasib. -- Gegend von Mpwapwa. 122

SECHSTES KAPITEL.

+Durch Marenga Mkali, Ugogo, Uyanzi nach Unyanyembé.+

Ankunft in Tschunyo. -- Bitterwasser. -- Marenga Mkali. -- Sechsunddreissig Stunden lang kein Wasser. -- Gefährlicher Fieberanfall. -- Ankunft in Ugogo. -- Wüthender Pöbel. -- Reichliche Lebensmittel in Mvumi. -- Tribut an den grossen Sultan. -- Der Sultan von Matamburu. -- Marsch nach Bihawana. -- Die Wagogo erhalten Peitschenhiebe. -- Besuch des Sultans von Mizanza. -- Die Wahumba sind ein stattlicher Menschenschlag. -- Ankunft in Mukonduku. -- Abreise. -- Berathschlagung mit den Arabern über die einzuschlagende Route. -- Streit und Trennung von denselben. -- Sie folgen mir. -- Ugogo ein Land voll Bitterniss. -- Ankunft in Kiti. -- Sultan bin Mohammed. -- Halt in Kusuri. -- Erschiessen eines Dieners. -- Schlammfische. -- Ruinen von Rubuga. -- Amir bin Sultan. -- Uebergang über das Mtoni. -- Ankunft in Unyanyembé. 168

SIEBENTES KAPITEL.

Geographische und ethnographische Bemerkungen. 216

ACHTES KAPITEL.

+Das Leben in Unyanyembé.+

Gastfreundschaft des Gouverneurs Sayd bin Salim. -- Bequemes Quartier. -- Tabora, die Hauptniederlassung der Araber. -- Mirambo, Häuptling von Uyoweh. -- Seine Räubereien. -- Ein Kriegsrath. -- Ich finde die Livingstone-Karavane auf. -- Schrecklicher Fieberanfall. -- Abmarsch nach Udschidschi. -- Ankunft in Masangi. -- Shaw erkrankt. -- Ich stosse zum Heere der Araber in Mfuto. -- Gefecht mit Mirambo. -- Einnahme des Dorfes Zimbizo. -- Erneuter Fieberanfall. -- Niederlage und Gemetzel der Araber durch Mirambo. -- Rückzug nach Mfuto. 248

NEUNTES KAPITEL.

+Das Leben in Unyanyembé.+ (Fortsetzung.)

Die Araber ziehen sich nach Tabora zurück. -- Ich ziehe weiter. -- Ankunft in Kwihara. -- Ich versuche eine andere Route. -- Meine Lage wird sehr ernst. -- Farquhar’s Tod wird berichtet. -- Niederlage der Araber in Tabora. -- Tod des Khamis bin Abdullah. -- Tabora in Flammen. -- Vorbereitungen zur Vertheidigung. -- Der philosophische Scheikh bin Nasib. -- Ich entschliesse mich, eine fliegende Karavane nach Udschidschi zu führen. -- Tod des Baruti. -- Meine Leute verlieren den Muth. -- Der kleine Bursche Kalulu. -- Taufe desselben. -- Mirambo greift Mfuto an und wird zurückgeschlagen. -- Selim im Fieber-Delirium. -- Zwei Führer: Asmani und Mabruki. -- Mein Entschluss, Livingstone bestimmt aufzufinden. 275

ZEHNTES KAPITEL.

+Nach Mrera in Ukonongo.+

Aufbruch aus Kwihara. -- Bombay bekommt Prügel. -- Shaw wünscht zurückzubleiben. -- Ich zwinge ihn weiterzuziehen. -- Ein neuer Fieberanfall. -- Livingstone’s Briefträger fehlt. -- Ankunft in Kasegera. -- Shaw kann nicht mehr weiter und wird nach Kwihara zurückgeschickt. -- Die herrlichen Wälder von Unyamwezi. -- Wir kommen nach Ugunda. -- Das Mukunguru. -- Beschreibung dieses Fiebers. -- Eine prächtige Sykomore. -- Ein Opfer der Pocken. -- Zahlreiche Skelete auf dem Wege. -- Ankunft in Manyara. -- Streit mit dem Sultan über den Tribut. -- Er besucht mich. -- Eine Dosis Ammoniak. -- Verwunderung des Sultans. -- Das Paradies des Jägers. -- Meine erste Jagdbeute, eine Antilope. -- Zebrajagd. -- Abenteuer mit einem Krokodil. -- Zwei Jagdtage. -- Meuterei. -- Asmani und Mabruki legen auf mich an. -- Der Frieden wiederhergestellt. -- Bombay erhält wieder Prügel und wird in Ketten gelegt. -- Charakteristik meiner wichtigsten Leute. -- Ankunft in Ziwani. -- Der Honigvogel. -- Utende. -- Mwaru. -- Ankunft in Mrera. -- Allerlei Arbeit. 297

VERZEICHNISS DER ABBILDUNGEN.

Seite

Lager in Bagamoyo 46

Bombay und Mabruki 73

Frau beim Kornmahlen 109

Shaw und Farquhar 122

Unser Lager in Tschunyo 168

Mann und Frau aus Ugogo 216

Plan 221

Thor eines Dorfes 231

Kriegswaffen 233

Junge Wasagara 239

Ein Tembé aus der Vogelschau 243

Ansicht von meinem Tembé aus 248

Gruppe von Wanyamwezi 275

Lager unter einer Riesen-Sykomore 313

SEPARATBILDER.

Zanzibar (Titelbild). Seite

James Gordon Bennett, Eigenthümer des „New York Herald“ 1

Bagamoyo 46

Simbamwenni, die „Löwenstadt“ 117

Der Makata-Sumpf 136

Shaw auf dem Marsche 151

See Ugombo 152

Der Berg Kibwe und das Thal des Mukondokwa 236

Angriff auf Mirambo 269

Kwihara 297

Mamanyara nimmt Medicin 319

Meuterei am Gombé-Fluss 328

Selim, der Dolmetscher 334

EINLEITUNG.

Am 16. October 1869 war ich von den Kämpfen bei Valencia soeben in Madrid angekommen. Um 10 Uhr vormittags überreicht mir Jacopo, in Nr. -- Calle de la Cruz, ein Telegramm, welches lautet: „Kommen Sie sofort nach Paris wegen wichtiger Geschäfte“.

Das Telegramm ist von James Gordon Bennett jun., dem jungen Director des „New York Herald“.

Schleunigst nehme ich meine Bilder von den Wänden meiner im zweiten Stock belegenen Zimmer, packe meine Bücher und Andenken, meine hastig zusammengerafften theils halbgewaschenen, theils noch nicht getrockneten Kleider in meine Koffer, und nach ein paar Stunden eiliger und angestrengter Arbeit ist mein Gepäck geschnürt und nach Paris signirt.

Der Eilzug nach Hendaye verlässt Madrid um 3 Uhr nachmittags; ich habe also noch Zeit, meinen Freunden Lebewohl zu sagen. Einer derselben, Berichterstatter für verschiedene londoner Zeitungen, wohnt Nr. 6 Calle Goya im vierten Stock. Er hat mehrere Kinder, an denen ich ein warmes Interesse nehme. Der kleine Karl und Willy sind intime Freunde von mir; sie hören meine Abenteuer gern und es war mir ein Vergnügen mich mit ihnen zu unterhalten, jetzt aber muss ich ihnen Lebewohl sagen.

Dann habe ich noch Bekannte bei der nordamerikanischen Gesandtschaft, mit denen ich gern verkehre. Alles das ist jetzt plötzlich zu Ende.

„Ich hoffe, Sie werden uns schreiben, wir werden uns stets freuen, von Ihrem Wohlergehen zu hören.“

Wie oft habe ich nicht während meines aufgeregten Lebens als unsteter Journalist die gleichen Worte gehört und wie oft habe ich denselben Schmerz beim Scheiden von ebenso lieben Freunden empfunden.

Aber ein Journalist wie ich muss das schwerste ertragen lernen; wie ein Gladiator in der Arena muss er stets zum Kampf bereit sein; wenn er feige zurückweicht, ist er verloren. Der Gladiator muss sich dem auf seine Brust gezückten Schwert aussetzen; der reisende Journalist oder herumstreichende Correspondent muss dem Befehle gehorchen, der ihn seinem Verhängniss entgegenschicken kann; zur Schlacht wie zum Banket lautet er immer gleich: „Mache dich fertig und geh!“ --

Um 3 Uhr nachmittags war ich unterwegs und da ich in Bayonne einige Stunden Aufenthalt hatte, kam ich in Paris erst in der folgenden Nacht an. Ich ging direct ins Grand Hôtel und klopfte an Herrn Bennett’s Thüre.

„Herein!“ rief eine Stimme.

Bei meinem Eintritt fand ich Herrn Bennett im Bett.

„Wer sind Sie?“ fragte er.

„Mein Name ist Stanley“, antwortete ich.

„Ach ja! Nehmen Sie Platz. Ich habe ein wichtiges Geschäft für Sie.“

Nachdem er sich den Schlafrock umgeworfen, fragte mich Herr Bennett: „Wo glauben Sie, dass Livingstone sich aufhält?“

„Ich weiss es wirklich nicht.“

„Glauben Sie, dass er am Leben ist?“

„Kann sein, kann aber auch nicht sein“, antwortete ich.

„Ich erlaube, er ist am Leben und man kann ihn finden, und ich will Sie ausschicken, um ihn aufzusuchen.“

„Was?“ sagte ich, „Sie meinen wirklich, dass ich im Stande bin, Dr. Livingstone aufzufinden? Sie meinen, dass ich nach Central-Afrika gehen soll?“

„Ja wohl, ich meine, dass Sie hingehen und ihn aufsuchen sollen, wo Sie ihn nur immer vermuthen können, dass Sie dann alle Nachrichten, die Sie von ihm erhalten können, sammeln. Und vielleicht“, fügte er in nachdenklichem Tone hinzu, „ist der alte Mann in Noth. Nehmen Sie genug mit sich, um ihm beizustehen, wenn er dessen bedarf. Natürlich werden Sie nach eigenem Plane handeln und das thun, was Sie für das Beste halten, aber -- +finden Sie Livingstone+!“

„Aber“, sagte ich in Verwunderung über den kaltblütigen Befehl, mit dem man einen Menschen nach Central-Afrika schickte, um einen Mann aufzusuchen, den ich wie die meisten für todt hielt, „haben Sie ernstlich die grosse Ausgabe überlegt, der Sie sich für diese kleine Reise aussetzen?“

„Was wird es kosten?“ fragte er kurz.

„Burton’s und Speke’s Reise nach Central-Afrika hat 3000 bis 5000 Pfd. St. gekostet, und ich denke man kann die Reise nicht für weniger als 2.500 Pfd. St. machen.“

„Gut, da will ich Ihnen sagen, was zu thun. Erheben Sie zunächst 1000 Pfd., und wenn Sie dies verbraucht haben trassiren Sie wieder über 1000 Pfd., und wenn diese verausgabt sind abermals 1000 Pfd., und wenn Sie damit zu Rande sind noch 1000 Pfd. u. s. w., aber -- +finden Sie Livingstone+!“

Erstaunt aber nicht irre gemacht durch diesen Befehl, -- denn ich wusste, dass wenn Herr Bennett einmal zu etwas entschlossen, er nicht leicht von seinem Plane abging,-- meinte ich doch, da es ein solches Riesenunternehmen war, dass er noch nicht völlig die Gründe und Gegengründe bei sich erwogen habe, und sagte: „Ich habe gehört, dass, wenn Ihr Vater stirbt, Sie den «Herald» verkaufen und sich vom Geschäft zurückziehen wollen.“

„Wer Ihnen das gesagt hat, hat Sie falsch berichtet, denn es gibt gar nicht Geld genug in New York, um den «New York Herald» zu kaufen. Mein Vater hat ihn zu einer grossen Zeitung gemacht, aber ich gedenke ihn noch bedeutend zu vergrössern. Ich wünsche, dass er eine Zeitung in dem wahren Sinne des Wortes werde. Ich meine, dass er alles bringen soll, was die Welt interessirt, gleichviel was das kosten möge.“

Ich erwiderte ihm: „Dann habe ich nichts weiter zu sagen. -- Meinen Sie, dass ich direct nach Afrika gehen soll, um Dr. Livingstone aufzusuchen?“

„Nein; ich wünsche, dass Sie sich zuerst zur Einweihung des Suez-Kanals begeben und dann den Nil hinaufgehen. Ich höre, dass sich Baker gerade nach Oberägypten begibt; suchen Sie alles über seine Expedition zu erfahren, was Sie können, und wenn Sie den Nil hinaufgehen, beschreiben Sie möglichst genau alles, was für Touristen von Interesse ist. Schreiben Sie einen Führer, einen recht praktischen, für Unterägypten, in dem Sie uns alles berichten, was es dort Sehenswerthes gibt und wie man es zu sehen hat.

„Dann könnten Sie auch nach Jerusalem gehen, Kapitän Warren soll dort eben einige interessante Entdeckungen machen. Besuchen Sie darauf Konstantinopel und berichten Sie über die zwischen dem Khedive und dem Sultan herrschenden Schwierigkeiten. Dann können Sie ja wol auch die Krim und die alten Schlachtfelder dort besuchen. Gehen Sie durch den Kaukasus ans Kaspische Meer, dort sollen die Russen eine Expedition gegen Chiwa ausrüsten. Von da können Sie durch Persien nach Indien gehen und uns einen interessanten Bericht aus Persepolis schreiben. Bagdad liegt dicht an Ihrem Wege nach Indien; wie wäre es, wenn Sie dort hingingen und uns etwas über die Euphratthal-Eisenbahn berichteten. Wenn Sie dann in Indien gewesen sind, können Sie sich nach Livingstone umschauen. Vermuthlich werden Sie bis dahin gehört haben, dass er sich auf dem Rückwege nach Zanzibar befindet, wenn nicht, so gehen Sie ins Innere und suchen Sie ihn dort. Wenn er am Leben ist, versuchen Sie es, von ihm soviel Nachrichten als möglich über seine Entdeckungen zu erlangen, und wenn er todt ist, bringen Sie alle möglichen Beweise für seinen Tod mit. Das ist alles. Gute Nacht und Gott sei mit Ihnen!“

„Gute Nacht“, sagte ich, „ich will alles thun, was in der Menschenmöglichkeit liegt, und Gott wird bei einer Aufgabe, wie sie mir gestellt ist, mit mir sein.“

Ich wohnte mit dem jungen Edward King zusammen, der sich einen so grossen Namen in Neuengland macht. Er war gerade der Mann, der sich gefreut haben würde, seiner Zeitung zu erzählen, was der junge Herr Bennett triebe und was für eine Aufgabe mir gestellt worden sei. Ich hätte gern meine Ansichten über die wahrscheinlichen Resultate meiner Reise mit ihm ausgetauscht, aber ich wagte das nicht. Obgleich schwer von meiner grossen Aufgabe gedrückt, musste ich mir doch das Ansehen geben, als ob ich nur zur Einweihung des Suez-Kanals ginge. Der junge King begleitete mich an den marseiller Eilzug und wir trennten uns auf dem Bahnhofe, er, um die Zeitungen in Bowles’ Lesezimmer zu lesen, ich, um nach Central-Afrika und wer weiss wohin sonst noch zu gehen.

Ich brauche hier gar nicht aufzuzählen, was ich gethan habe, ehe ich nach Central-Afrika ging: ich zog den Nil hinauf, sah den Oberingenieur der Baker’schen Expedition, Herrn Higginbotham, in Phylae und verhinderte ein Duell zwischen ihm und einem tollen jungen Franzosen, der sich mit Herrn Higginbotham auf Pistolen duelliren wollte, weil er die Zumuthung übelnahm, für einen Aegypter gehalten zu werden, obgleich er ein Fes trug. Ich habe mich mit Kapitän Warren in Jerusalem unterhalten und bin dort mit einem Unteringenieur in eine der Gruben gefahren, um die Merkzeichen der tyrischen Arbeiter auf den Grundsteinen des Salomonischen Tempels zu besehen. Ich habe die Moscheen von Stambul in Gesellschaft des nordamerikanischen Ministerresidenten und Generalkonsuls besucht, ich bin über die Schlachtfelder der Krim gereist, Kinglake’s berühmtes Werk in der Hand; ich habe mit der Witwe des Generals Liprandi in Odessa gespeist; ich habe in Trapezunt den arabischen Reisenden Palgrave und in Tiflis den Civilgouverneur des Kaukasus, Baron Nicolay besucht; in Teheran bin ich mit dem russischen Gesandten zusammengewesen, habe überall auf meiner Reise durch Persien die grösste Gastfreundschaft von den Herren der indoeuropäischen Telegraphen-Gesellschaft erfahren, und nach dem Beispiel vieler berühmter Männer meinen Namen auf die Monumente von Persepolis eingeschrieben. Im Monat August 1870 kam ich in Indien an, am 12. October fuhr ich auf der Barke „Polly“ von Bombay nach Mauritius. Da die „Polly“ ein langsames Schiff war, dauerte die Ueberfahrt 37 Tage. Am Bord der Barke befand sich ein gewisser William Lawrence Farquhar aus Leith in Schottland als erster Steuermann. Er war ein ausgezeichneter Schiffer, und da ich meinte, dass er mir von Nutzen sein könnte, nahm ich ihn in Dienst unter der Bedingung, dass sein Sold von dem Tage angehen solle, wo wir von Zanzibar nach Bagamoyo abreisen würden. Da ich keine Gelegenheit hatte, direct nach Zanzibar zu fahren, so ging ich zu Schiff nach den Seychellen. Drei oder vier Tage nach meiner Ankunft in Mahé, einer Insel der Seychellen, hatte ich das Glück, auf einem amerikanischen Walfischfahrer mit William Lawrence Farquhar und Selim, einem arabischen Christenknaben aus Jerusalem, der als Dolmetscher fungiren sollte, nach Zanzibar zu segeln, in welchem Hafen wir am 26. Januar 1871 ankamen.

Soweit habe ich also meine Reisen nur oberflächlich berührt, weil sie den Leser nicht interessiren; sie haben mich durch viele Länder geführt, aber dieses Buch ist nur eine Beschreibung der Reise, auf welcher ich Livingstone, den grossen Afrikareisenden, suchte. Sie ist, ich gestehe es zu, ein Ikarusflug des Journalismus, einige haben sie sogar für ein Donquixotiade erklärt; diese Bezeichnung kann ich jetzt aber von mir abweisen, wie der Leser zugeben wird, noch ehe er an das Ende des Buches kommt.