Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 19
Am 10. Juni erreichten wir nach einer Reise von vier ein halb Stunden Kiti, wo wir den unaufhaltsamen Hamed in schweren Sorgen antrafen. Er, der ein Cäsar hatte sein wollen, erwies sich als ein unentschlossener Antonius. Er hatte den Tod einer Lieblingssklavin, den Verlust von fünf Dischdasch (arabischen Hemden) und von goldgestickten Jacken mit silbernen Aermeln zu beklagen, mit denen er in Unyanyembé in vollem Staat, wie es einem Kaufmann seines Standes geziemte, einzuziehen gedacht. Alles das war mit drei fortgelaufenen Dienern verschwunden, und ausserdem noch kupferne Präsentirteller, Reis- und Pilauschüsseln, sowie zwei Ballen Tuch, welche desertirende Wangwana-Pagazi mitgenommen. Mein arabischer Dolmetscher Selim fragte ihn: „Was machen Sie hier, Scheikh Hamed? Ich dachte, Sie wären schon ein gut Stück weiter auf dem Wege nach Unyanyembé.“ Darauf antwortete er: „Konnte ich wol meinen Freund Thani zurücklassen?“
Kiti hat sehr viel Vieh und Korn, und wir konnten Nahrungsmittel zu mässigen Preisen bekommen. Die Wakimbu, Auswanderer aus Ukimbu, nahe bei Urori, sind ein ruhiger Volksstamm, der die friedlichen Künste des Ackerbaues dem Kriege vorzieht, und lieber seine Heerden weidet, als auf Eroberungen ausgeht. Beim geringsten Kriegsgerücht ziehen sie mit Familie und Eigenthum in die ferne Wildniss, wo sie das Land zu lichten anfangen und den Elefanten des Elfenbeins willen jagen. Trotzdem fanden wir, dass es ein stattlicher, gut bewaffneter Menschenschlag ist, der in Bezug auf Zahl und Waffen es wol mit manchem andern Stamme aufnehmen kann. Hier aber wie anderweitig macht die Zwietracht sie schwach. Sie bilden nämlich nur kleine Kolonien, von denen jede von ihrem eigenen Häuptling beherrscht wird; wogegen sie, wenn sie sich vereinigen würden, eine ganz ansehnliche Mannschaft einem Feinde entgegenstellen könnten.
Unser nächster Bestimmungsort war das 15 Meilen von Kiti entfernte Msalalo. Hamed folgte uns, nachdem er vergeblich nach seinen Deserteuren und werthvollem Eigenthum geforscht, und versuchte noch einmal, als er uns im Lager von Msalalo fand, vorbeizuziehen; seine Pagazi jedoch versagten ihm den Dienst, da ihr Marsch so lang gewesen war.
Welled Ngaraiso erreichten wir am 13. nach einem Marsch von drei ein halb Stunden. Es ist ein blühender kleiner Ort, wo man Lebensmittel fast zweimal so billig haben kann, wie in Uynambogi. Zwei Stunden südlich liegt Dschiweh la Mkoa an dem alten Wege, auf welchem die Strasse, die wir eingeschlagen, seitdem wir Bagamoyo verlassen, uns jetzt rasch dahinführt.
Da Unyanyembé nahe war und die Pagazi und Soldaten sich während der langen Märsche, die wir in letzter Zeit gemacht, vorzüglich aufgeführt hatten, kaufte ich für drei Doti ein Bullenkalb und liess es speciell für sie schlachten. Auch gab ich einem Jeden ein Khete rother Perlen, damit er seine Lust nach irgend einem kleinen Genuss, den das Land biete, stillen könne. Milch und Honig gab es in Menge und drei Frasileh süsser Kartoffeln waren für ein Schukka zu haben, d. h. für ungefähr 1 M. 60 Pf.
Der 15. Juni brachte uns nach einem kurzen Marsche von acht und drei viertel Meilen in das letzte Dorf von Magunda Mkali, im Districte von Dschiweh la Singa. Kusuri, wie es die Araber nennen, heisst bei den Wakimbu, die es bewohnen, Konsuli, was nur ein Beispiel unter vielen ist, wie die Araber die Landesnamen der Dörfer und Districte umgetauft oder corrumpirt haben.
Zwischen Ngaraiso und Kusuri kamen wir durch das Dorf Kirurumo, das jetzt ein blühender Ort ist und manches ebenso gedeihende Dorf in seiner Umgegend aufzuweisen hat. Als wir durchzogen, kamen die Leute, um den Musungu zu begrüssen, dessen Ankunft durch seine grosssprecherischen Karavanen schon lange vorher verkündet worden und dessen Soldaten ihnen geholfen, eine Schlacht gegen ihre rebellischen Brüder von Dschiweh la Mkoa zu gewinnen.
Etwas weiter kamen wir durch ein grosses Khambi, das Sultan bin Mohammed, ein Omani-Araber von hoher Abkunft, besetzt hatte, der, sobald er meine Ankunft erfuhr, herauskam, um mich zu begrüssen und zu sich einzuladen. Da sich sein Harem im Zelt befand, wurde ich natürlich nicht aufgefordert in dasselbe zu treten, sondern es lag draussen für den Gast ein Teppich bereit. Nachdem die gewöhnlichen Fragen nach meiner Gesundheit, den Erlebnissen der Reise und den letzten Nachrichten von Zanzibar und Oman erledigt waren, erkundigte er sich, ob ich viel Tuch bei mir habe. Diese Frage hört man häufig von Eigenthümern zurückkehrender Karavanen, weil die Araber in ihrer Gier, an den am Tanganika liegenden Elfenbein-Plätzen so viel Nutzen wie möglich aus ihrem Tuch zu ziehen, leicht vergessen, einen Theil für ihren Rückweg zurückzubehalten. Da ich thatsächlich nur einen Ballen von dem Provisionstuch besass, das ich mir an der Küste zum Unterhalt meiner Karavane besorgt, konnte ich, ohne zu erröthen, die Sache verneinen. Einige Minuten später wurde Scheikh Hamed angekündigt, erschien auch sofort mit einer tiefen Verbeugung vor dem grossen Manne und mit dem lebhaften Wunsche, die Hand zu küssen, legte auch durch sein „Kaif halek“ grosse Besorgniss an den Tag zu erfahren, ob Sultan bin Mohammed auch „wohl -- wirklich ganz wohl“ sei. Ungefähr fünf Minuten lang tauschten die Araber Fragen über ihre Gesundheit und allgemeine Aussichten aus, dann gab es eine kleine Erholungspause, und dieselbe Frage, die mir wegen meines Tuches vorgelegt worden, wurde auch an Hamed gerichtet. „Sehr wenig“ erwiderte der Scheikh; und doch wussten Sultan bin Mohammed und ich, dass er 55 Ballen in seiner Karavane hatte.
Der fremde Araber schickte seinen Diener mit einer Ziegenhaut voll schönem weissen unyanyembischen Reis in mein Khambi in Kusuri, welche Gabe ich eigentlich ausschlagen wollte, nachdem ich gezwungen gewesen, seine Frage zu verneinen. Auch erbot er sich, mir Briefe oder kleine Packetchen, die ich nach Zanzibar schicken wolle, mitzunehmen, und als er erfuhr, dass ich einen Weissen in Mpwapwa krank habe liegen lassen, versprach er mir, diesen nach Zanzibar zu bringen.
Bald nachdem wir in Kusuri angekommen, besuchte mich eine Anzahl in Dschiweh la Singa wohnender Waswahili-Elefantenjäger, unter der Führung eines alten Mannes, der einst Diwan von Bagamoyo gewesen war. Obgleich sie mir nichts zum Geschenk mitgebracht, verfehlten sie doch nicht, mich um Papier, Curry und Seife anzugehen, drei Dinge, die ich nur schlecht missen konnte, da der Makatasumpf meinen Vorrath sehr geschmälert hatte.
Ich hielt einen Tag in Kusuri, um meiner Karavane nach ihrer langen Reihe von Märschen Ruhe zu gönnen, ehe ich mich auf den zweitägigen Marsch durch die unbewohnte Wildniss begab, die den District von Dschiweh la Singa in Uyanzi von dem von Tura in Unyanyembé trennt. Hamed zog voran und versprach mir, Said bin Salim von meiner Ankunft zu benachrichtigen und ihn darum zu bitten, mir ein Tembé zu besorgen.
Am 15., nachdem ich festgestellt, dass Scheikh Thani mehrere Tage in Kusuri werde aufgehalten werden, weil sehr viele seiner Leute an der schrecklichen Plage Ostafrikas, den Pocken, krank darniederlagen, verabschiedete ich mich von ihm und verliess mit meiner Karavane Kusuri, um wieder einmal in die Wildniss und die Dschungels zu ziehen. Kurz vor Mittag hielten wir im Khambi von Mgongo Tembo oder Elefantenrücken, das seinen Namen von einer Felsenwelle führt, deren von der Atmosphäre dunkelbraun gefärbter Grath nach dem Urtheil der Eingeborenen dem blaubraunen Rücken jenes Waldungethüms ähnlich sehen soll. Meine Karavane hatte hier geradezu einen Disput mit mir, ob wir unsere Terekeza an diesem Tage oder am nächsten abmachen sollten. Die Mehrheit war der Ansicht, dass der folgende Tag sich besser dazu eigne; ich aber als Bana handelte nach meinem Interesse und bestand darauf, nicht ohne einigemal meine Peitsche schwingen zu müssen, dass dieselbe am heutigen Tage stattfinden solle.
Mgongo Tembo war, als Burton und Speke es durchzogen, eine vielversprechende Kolonie, die manchen schönen Morgen Landes bebaute. Vor zwei Jahren jedoch war ein Krieg wegen irgendeines vom hiesigen Volk an den Karavanen verübten Frevels ausgebrochen und die Araber kamen von Unyanyembé mit ihren Wangwanadienern, verbrannten die Dörfer und verwüsteten die Arbeit von Jahren. Seit der Zeit besteht Mgongo Tembo nur aus schwarzen Häuserresten und sind die Felder daselbst sprossende Dschungels.
Eine Gruppe von Dattelpalmen, die einen dichten Hain nahe bei dem Mtoni von Mgongo Tembo überragen, rief mir die Erinnerung an Aegypten zurück. Die Ufer des Baches mit ihrem grünen Laub bildeten einen sonderbaren Contrast gegen das braune, verdorrte Aussehen der zu beiden Seiten liegenden Dschungels.
Um 1 Uhr nachmittags nahmen wir unsere Lasten und Wanderstäbe wieder auf und waren in kurzer Zeit auf dem Wege nach Nghwhalah Mtoni, das 8¾ Meilen von dem Khambi entfernt liegt. Die Sonne brannte heiss; wie ein Feuerball schickte sie ihre sengenden Strahlen uns gerade auf die Köpfe herab und dörrte, als sie sich nach Westen neigte, die Luft aus, ehe sie von den sich nach ihr sehnenden Lungen eingeathmet wurde. Kibuyus voll Wasser wurden rasch geleert, um die furchtbare Hitze, die Gaumen und Lungen verbrannte, zu lindern. Ein Pagazi, der schwer von den Pocken befallen war, erlag denselben und warf sich an den Rand des Weges, um zu sterben. Wir haben ihn nicht wieder gesehen, denn die Reise einer Karavane auf einer Terekeza gleicht einigermassen der eines Schiffes in einem Orkane. Die Karavane muss weiterziehen, wehe dem, der zurückbleibt, denn Hunger und Durst werden ihn überfallen -- ebenso muss auch das Schiff vor dem wilden Sturm dahineilen, um nicht zu scheitern, wehe dem, der über Bord fällt!
Gutes kaltes, süsses Wasser wurde in Ueberfluss in dem Bett des Mtoni in tiefen Steinbehältnissen angetroffen; hier waren auch, wie bei Mabunguru, die Spuren reissender Sturzbäche deutlich sichtbar.
Der Nghwhalah fängt im nördlich belegenen Ubanarama an, einem Lande, das wegen seiner schönen Esel bekannt ist, und kreuzt sich, nachdem er südlich und dann südsüdwestlich gelaufen, mit dem Wege nach Unyanyembé, von welchem Punkt an er sich mehr nach Westen wendet.
Am 16. kamen wir in Madedita an, einem Orte, der seinen Namen von einem frühern, jetzt nicht mehr existirenden Dorfe führt. Madedita ist 12½ Meilen von dem Nghwhalah Mtoni entfernt. Eine Pfütze guten Wassers, die einige hundert Schritt vom Wege abliegt, ist das einzige, was Karavanen hier bekommen können, ehe sie nach Tura in Unyamwezi gelangen. Die Tsetse- oder Tschufwafliege, wie sie die Waswahili nennen, stach uns furchtbar, was ein Zeichen ist, dass grosses Wild bisweilen die Pfützen besucht, aber nicht als Beweis dafür zu nehmen ist, dass sich dergleichen in der unmittelbaren Nähe des Wassers gerade befindet. Eine einzelne so häufig von vorüberziehenden Karavanen besuchte Pfütze, an der diese zu halten gezwungen sind, kann nicht oft von Thieren des Waldes besucht werden, die in diesem Theil von Afrika die Aufenthaltsorte des Menschen scheu fliehen.
Mit der Morgendämmerung des nächsten Tages waren wir auf dem Wege und zwar in rascherem Tempo, als an den meisten früheren Tagen, da wir im Begriff standen, Magunda Mkali mit dem bevölkertern, bessern Lande von Unyamwezi zu vertauschen. Der Wald behielt seinen Charakter eine ermüdend lange Zeit hindurch, aber nach zwei Stunden wurde er dünner, verwandelte sich dann in ein niedriges Gestrüpp und verschwand schliesslich ganz. So hatten wir den Boden von Unyamwezi erreicht, wo sich eine weite Ebene in langen grossen Wellen bis an den fernen purpurnen Horizont vor uns ausdehnte. Soweit die Ebene reicht erblickten wir Felder von reifem Korn, die munter im kühlen von Usagara her wehenden Morgenwinde rauschten.
Um 8 Uhr morgens kamen wir bei dem Grenzdorf von Unyamwezi, Ost-Tura, an, in das wir einzogen ohne weitere Rücksicht auf die Stimmung seiner spärlichen Einwohner. Hier fanden wir Nondo, einen Speke’schen Deserteur, der zu denen gehörte, die für Baraka gegen Bombay Partei genommen hatten. Da er bei mir in Dienst zu treten wünschte, war er so liebenswürdig, seine früheren Kameraden und schliesslich auch die Pagazi mit Honig und Scherbet zu versehen. Wir machten hier nur eine kurze Erholungspause, da wir blos noch eine Stunde zu marschiren hatten, um Central-Tura zu erreichen.
Der Weg von Ost-Tura führt durch ausgedehnte Felder von Hirse, Mais, Holcus Sorghum, Maweri oder Panicum oder Bajri, wie die Araber es nennen, durch Gärten von süssen Kartoffeln und grosse Strecken von Gurken, Wassermelonen, Mussmelonen und Erbsennüssen, welche in den tiefen Furchen zwischen den Holcushecken wachsen.
Einige breitblättrige Platanenpflanzen waren auch in der Umgegend der Dörfer zu sehen, die, je weiter wir kamen, sehr zahlreich wurden. Die Dörfer der Wakimbu sind, wie die der Wagogo, viereckig, mit flachen Dächern und schliessen einen offenen Platz ein, der bisweilen durch Zäune von Matamastengeln in drei bis vier Theile getheilt wird.
In Central-Tura, wo wir unser Lager aufschlugen, bekamen wir ausreichende Beweise für die Schurkenhaftigkeit der Wakimbu von Tura. Hamed nämlich, welcher trotz seiner Bemühungen, Unyanyembé zeitig zu erreichen, um seine Tuche daselbst zu verkaufen, ehe andere Araber mit Tuchvorräthen hinkämen, ausser Stande war, seine Pagazi dazu zu zwingen, ihre Tagesmärsche zu verdoppeln, lagerte zugleich mit den arabischen Dienern, die Hamed’s thörichte Hast dem vorsichtigen Vorgehen Thani’s vorgezogen, gleichfalls in Central-Tura. Unsere erste Nacht in Unyamwezi war nun sehr aufregend; denn das Lager des Musungu wurde von zwei schleichenden Dieben aufgesucht, die jedoch bald durch das unheilverkündende Geräusch eines Gewehrdrückers davon in Kenntniss gesetzt wurden, dass das Lager des weissen Mannes gut bewacht sei.
Sie zogen nun nach Hamed’s Lager; doch auch hier vereitelte die Ruhelosigkeit des Besitzers ihre Versuche; denn er schritt mit einer geladenen Flinte in der Hand in demselben auf und ab und die Diebe sahen sich gezwungen die Aussicht, etwas von seinen Ballen stehlen zu können, aufzugeben. Von Hamed’s Lager begaben sie sich in das Hassan’s (eines der arabischen Diener), wo es ihnen glückte, einige Ballen in die Hände zu bekommen; zu ihrem Unglück aber machten sie ein Geräusch, sodass der wachsame und scharfhörende Sklave aufwachte, seine geladene Muskete ergriff und im Nu einen von ihnen durchs Herz geschossen hatte. Das waren unsere Erlebnisse bei den Wakimbu von Tura.
Am nächsten Morgen erfuhren die umliegenden Dörfer den traurigen Vorfall, der einen der Ihrigen befallen hatte. Obgleich aber die Bewohner zur Nacht kecke Diebe waren, so erwiesen sie sich doch bei Tage als feige Memmen und ahndeten die That weder durch Worte, noch selbst durch Blicke. Es war ein Rasttag, und die Bewohner von Tura brachten so grosse Vorräthe von Honig und Ghee, süssen Kartoffeln und Korn in unser Lager, dass ich im Stande war, meinen Leuten für zwei Doti ein Fest zur Feier unserer Ankunft in Unyamwezi zu bereiten.
Am 18. verliessen die drei Karavanen Hamed’s, Hassan’s und meine eigene Tura auf einem Wege, der sich nach allen Richtungen im Zickzack durch die hohen Matamafelder hinzog. In Zeit von einer Stunde waren wir durch Tura Perro oder West-Tura gezogen und wieder in den Wald gekommen, aus dem die Wakimbu von Tura ihren Honig beziehen und wo sie tiefe Fallen für die Elefanten aushöhlen, an denen der Wald reich sein soll. Ein einstündiger Marsch von West-Tura brachte uns zu einem Ziva oder Teich. Es gab deren zwei inmitten einer kleinen offenen Mbuga oder Ebene, die selbst in dieser späten Jahreszeit noch von dem Wasser durchweicht war, das während der Regenzeit über dieselbe hinwegfliesst. Nach dreistündiger Rast begaben wir uns auf die Terekeza oder den Nachmittagsmarsch.
Es war derselbe Wald, den wir bald nach unserm Abgange aus West-Tura betreten hatten, durch den wir jetzt reisten, bis wir Kwala Mtoni, oder wie Burton es auf seiner Karte fälschlich genannt hat, „Kwale“ erreichten. Das Wasser dieses Mtoni ist in zwei grossen Teichen oder tiefen Senkungen der weiten, gekrümmten Rinne des Kwala enthalten. In demselben fanden wir eine Art Schlammfisch; ich liess mir einen davon zu einem Mahle herrichten, das durchaus nicht von jemand zu verachten war, der seit Bagamoyo keinen Fisch zu kosten bekommen hatte. Wenn ich die Wahl gehabt, hätte ich mir diesen Schlammfisch allerdings wol nicht ausgesucht, da mein Geschmack bei geeigneter Gelegenheit etwas wählerisch ist.
Von Tura nach dem Kwala Mtoni sind 17½ Meilen, eine Entfernung, die, obgleich leicht zurückzulegen, wenn man vierzehn Tage dazu verwendet, ungeheuer erscheint, sobald man einen Tag um den andern reisen soll. So wenigstens erschien es meinen Pagazi, Soldaten und dem sonstigen Gefolge, die sehr laut zu murren anfingen, als ich das Marschsignal geben liess. Auf diesem Marsche wäre Abdul Kader, der Schneider, der sich mir als ein zu allen Dingen geschickter Mensch angeschlossen hatte, fast erlegen. Nach seinen eigenen Angaben konnte er sowol Hosen flicken, als gutes Essen kochen und Elefanten schiessen, im Innern Afrikas aber erwies er sich als Schwächster der Schwachen, der nichts als essen und trinken konnte.
Schon lange war der kleine Vorrath von Waaren, die Abdul aus Zanzibar in einem Schnupftuch mitgebracht und mit denen er die Absicht gehabt, Elfenbein und Sklaven zu kaufen, sowie sein Glück in dem berühmten Lande Unyamwezi zu machen, verschwunden und zwar zugleich mit den grossen Hoffnungen, die er auf dieselben gebaut hatte, ebenso wie es Alnaschar im arabischen Märchen ergangen. Als wir uns auf den Marsch vorbereiteten, kam er zu mir mit einer kläglichen Erzählung über seinen Tod, den er in den Knochen und dem müden Rücken herannahen fühle, er könne kaum noch auf den Beinen stehen, sei ganz und gar zusammengefallen, -- würde ich nicht Erbarmen mit ihm haben und ihn abziehen lassen? -- Ursache dieser ausserordentlichen Bitte, die so wenig zu dem Geiste, mit dem er Zanzibar verlassen, und dem Bestreben passte, sich Elfenbein und Sklaven aus Unyamwezi zu verschaffen, bestand darin, dass ich ihm befohlen hatte, zwei Sättel von den auf dem letzten Marsche gefallenen Eseln bis nach Unyanyembé zu tragen. Obwol ihr Gewicht nur 16 Pfund betrug, wie die Federwage zeigte, so wurde Abdul Kader doch lebensmüde, als er die langen Märsche zählte, die zwischen das Mtoni und Unyanyembé fielen. Der Länge nach fiel er auf den Boden, um meine Füsse zu küssen und mich im Namen Gottes zu bitten, ihn abziehen zu lassen.
Da ich einige Erfahrungen mit Hindus, Malabaresen und Kulis in Abessinien gemacht hatte, so wusste ich genau, wie ich diesen Fall zu behandeln hatte. Ohne Zögern gewährte ich ihm die Bitte, sobald er sie mir vorgetragen; denn ebenso wie Abdul Kader angeblich sein Leben, hatte ich seine Unbrauchbarkeit satt. Der Hindu wollte jedoch nicht, wie er sagte, in den Dschungels, sondern erst nach unserer Ankunft in Unyanyembé entlassen sein. „„Nun“, sagte ich, „dann müssen wir ja erst nach Unyanyembé kommen. Mittlerweile wirst Du diese Sättel für das Essen, das Du erhalten musst, tragen.“ „Haben Sie kein Erbarmen?“ flehte er. „Nein, keins für einen so unverbesserlich faulen Schlingel wie Du“, erwiderte ich und begleitete meine Worte mit kräftigen, sehr nothwendigen Hieben meiner Eselspeitsche, die den Sterbenden wieder zu einem thätigen und nützlichen Leben auferweckten.
Ich gestehe, ich war am Morgen des 18. etwas übel gelaunt und müde, und hatte auch Veranlassung meinen Kirangozi gehörig auszuschelten. Ich hatte nämlich keinen energischen Muinyi Kidogo, wie Burton, den ich gewiss weit besser als dieser zu schätzen gewusst haben würde. Wie manches mal habe ich nach einem solchen Menschen geseufzt, wenn ich meine Zuflucht zu Drohungen und bisweilen zu Prügeln nach rechts und links nehmen musste, um die Pagazi und Soldaten anzuspornen, nachdem alle meine Beredtsamkeit nicht ausreichte, die Karavanen zum Marsch zu ermuthigen. Jedesmal, wenn eine Terekeza nöthig wurde, musste ich dieselbe anordnen; niemals nahm ein anderer Veranlassung, mich darum zu bitten, sondern ich musste ihre Nothwendigkeit und Nützlichkeit beweisen; ich selbst musste Bombay die thörichten Bitten verweisen und die Pagazi durch mahnendes Peitschenknallen zum Aufbruch anstacheln.
Höchst leidenschaftlich waren meine dem Kirangozi gemachten Vorwürfe, dass er so hartnäckig dumm wie ein Esel sei und nicht einsehen wolle, dass, wenn ich bei unserer Ankunft in Unyanyembé denen, die mir gefallen, ein Bakschisch geben würde, ich nicht umhinkönne daran zu denken, dass der Kirangozi, anstatt auf meinen Befehl zu marschiren, immer sich nach den Rathschlägen der Pagazi gerichtet habe. Ich fragte ihn, mit wie viel Doti er von den Pagazi bestochen worden sei, um kurze Märsche und lange Stationen zu machen. Er erwiderte, kein einziger der Pagazi habe seines Wissens die Absicht, ihm Tuch zu geben. „Nun also“, sagte ich, „wie viel Tuch könnte ich Euch geben, wenn Ihr mir zu Gefallen meine Befehle ausführtet?“ „Sehr, sehr viel“, erwiderte er. „Nun gut, dann nehmt Eure Last und lasst mich von hier bis Unyanyembé sehen, wie rasch Ihr marschiren könnt.“ Hiernach versprach er mir feierlichst, sich meinen Anordnungen zu fügen und gehörig zu marschiren, wenn ich es für nöthig hielte.
Da der Marsch nach Rubuga 18¾ Meilen beträgt, marschirten die Pagazi rasch und lange, ohne zu rasten. Der Kirangozi hatte, seinem Versprechen treu, Beine und Arme mit aller Macht angestrengt, denn er legte die ganze Entfernung bis Central-Rubuga zurück ohne halt zu machen, zum grossen Entsetzen seiner Pagazi, welche glaubten, er sei verrückt geworden. Bisher waren wir vom Kirangozi gezwungen worden, einen Nachmittagsmarsch zu machen, wenn die Entfernung nur 15 oder 16 Meilen betrug.
Rubuga war zur Zeit Burton’s, nach dessen Schilderung, ein wohlhabender Bezirk. Selbst als wir durchzogen, waren die Spuren von Reichthum, den es früher besessen, deutlich genug sichtbar in der weiten Ausdehnung seiner Kornfelder, die sich rechts und links an der Strasse nach Unyanyembé viele Meilen weit hinzogen. Das waren jedoch eben nur Beweise, dass hier früher zahlreiche Dorfschaften und ein wohlbebauter, an Viehherden und Kornvorräthen reicher District gewesen sei; denn jetzt waren alle Dörfer niedergebrannt, die Bevölkerung drei bis vier Tagereisen von Rubuga nach Norden vertrieben, das Vieh gewaltsam geraubt, und die Kornfelder unbeackert liegen geblieben und bereits von Dickicht und üppigem Unkraut überwuchert. Wir zogen durch ein verbranntes Dorf nach dem andern, das nur aus schwarzen Haufen von verkohltem Bauholz und verräuchertem Lehm bestand. Ein Feld nach dem andern lag da, auf denen noch seit Jahren gereiftes Korn in der Mitte eines Nachwuchses von Dornen, Gummibäumen, Mimosen und Kolquall dastand.
Wir kamen in einem Dorfe an, in dem ungefähr 60 Wangwana leben, die sich hier niedergelassen haben, um sich vom Elfenbeinhandel zu nähren. Ihren Unterhalt beziehen sie von den verlassenen Feldern der Bewohner von Rubuga. Vom langen Marsche waren wir zwar sehr müde und erhitzt, aber sämmtliche Pagazi hatten doch um 3 Uhr nachmittags das Dorf erreicht.
In dem Wangwanadorf trafen wir Amer bin Sultan, der nach zehnjährigem Aufenthalt in Unyanyembé nach Zanzibar zurückkehrte. Dies war der echte Typus eines alten arabischen Scheikh, wie man ihn in Büchern beschrieben findet, mit schneeweissem Bart und reinem, ehrwürdigem Antlitz. Er schenkte mir eine Ziege und eine Ziegenhaut voll Reis, ein für mich sehr annehmbares Geschenk an einem Orte, wo eine Ziege fünf Schukka kostet.