Wie ich Livingstone fand; Erster Band

Part 18

Chapter 183,635 wordsPublic domain

Nachdem wir eine Stunde gehalten, nahmen wir unsern Marsch wieder auf und kamen nach vier Stunden im eigentlichen Mukondoku an. Dieser äusserste Theil von Ugogo ist sehr bevölkert; die Dörfer, welche die Mitteltembé umgeben, wo der Sultan Swaruru lebt, zählen nicht weniger als 36. Die Leute kamen massenhaft heraus, um sich die wunderbaren Männer anzuschauen, deren Gesichter weiss, deren Körper so eigenthümlich bekleidet, und deren Waffen so merkwürdig waren. Namentlich erregten die Flinten ihr Erstaunen, die so rasch knallten, dass man kaum an den Fingern abzählen konnte, und sie sammelten sich zu solchen Haufen und heulten so wild, dass ich einen Augenblick glaubte, es stecke noch etwas anderes als blose Neugier hinter dieser Bewegung, die solche Massen an die Strassen lockte. Ich hielt und fragte, was los sei, was sie wünschten und warum sie solchen Lärm machten? Ein stämmiger Kerl, der meine Worte für eine Erklärung von Feindseligkeiten hielt, spannte sofort seinen Bogen; so rasch aber, wie er seinen Pfeil aufgelegt, war auch mein treues mit 13 Schüssen geladenes Winchestergewehr gerichtet und wartete nur darauf, den Pfeil fliegen zu sehen, um die bleiernen Boten des Todes in die Menge zu entsenden. Diese jedoch verzog sich so rasch, wie sie gekommen war und liess den stämmigen Thersites mit zwei oder drei unentschlossenen Stammesgenossen in Pistolenschussweite von meiner angelegten Flinte stehen. Ein solch plötzliches Auseinanderlaufen des Pöbels, der noch einen Augenblick vorher überwältigend an Zahl war, veranlasste mich, mein Gewehr zu senken und in ein herzliches Gelächter über die schmähliche Flucht dieser Helden auszubrechen. Die Araber, die ebenso sehr über ihre lärmende Zudringlichkeit beunruhigt waren, kamen jetzt, um einen Waffenstillstand zu schliessen, was ihnen zu jedermanns Befriedigung gelang. Einige erklärende Worte genügten, um den Pöbel noch zahlreicher als vorher zurückkehren zu lassen; und der Thersites, der die Ursache der augenblicklichen Störung gewesen, sah sich genöthigt, sich vor dem Druck der öffentlichen Meinung beschämt zurückzuziehen. Nun kam ein Häuptling heran, der, wie ich später erfuhr, der zweite nach Swaruru war, und hielt dem Volke seine Behandlung des weissen Fremdlings vor.

„Wisst Ihr nicht, Ihr Wagogo, dass dieser Musungu ein Sultan (Mtemi, ein sehr hoher Titel) ist? Er ist nicht nach Ugogo gekommen, wie die Wakonongo (Araber), um Elfenbeinhandel zu treiben, sondern nur uns zu sehen und uns Geschenke zu bringen. Warum belästigt Ihr ihn und seine Leute? Lasst sie in Frieden ziehen! Wenn Ihr ihn zu sehen wünscht, kommt näher, aber höhnt ihn nicht. Möge der Erste, der eine Störung verursacht, sich in Acht nehmen; unser grosser Mtemi wird es dann erfahren, wie Ihr seine Freunde behandelt.“ Dieses Stückchen rhetorischer Kraftanstrengung seitens des Häuptlings wurde mir an Ort und Stelle von dem alten Scheikh Thani übersetzt. Nachdem ich dies vernommen, bat ich den Scheikh, den Häuptling wissen zu lassen, dass ich, nachdem ich geruht, mich freuen werde, ihn in meinem Zelt zu empfangen.

Nachdem wir in dem Khambi angekommen, das in Ugogo immer um einen grossen Baobab ungefähr eine halbe Meile vom Tembé des Sultans entfernt liegt, drängten sich die Wagogo in so grosser Zahl ins Lager, dass Scheikh Thani sich entschloss, alles zu versuchen, um diese Plage loszuwerden oder sie doch zu mildern. In seinem besten Anzuge begab er sich zum Sultan, um diesen um Schutz gegen sein Volk anzurufen. Der Sultan war sehr betrunken und beliebte zu sagen: „Was willst Du, Du Dieb? Du bist hergekommen, um mir Elfenbein oder Zeug zu stehlen. Mach’, dass Du fort kommst, Dieb!“ Der verständige Häuptling aber, den wir eben dem Volke Vorwürfe wegen seiner Behandlung der Wasungu machen hörten, winkte Scheikh Thani, zum Tembé hinauszukommen und begleitete ihn an das Khambi. Das Lager war in grossem Aufruhr; die neugierigen Wagogo hatten fast das ganze Terrain für sich in Anspruch genommen; es war nirgends Platz, sich zu bewegen. Die Wanyamwezi stritten sich mit den Wagogo, die Waswahili-Diener schrien laut, die Wagogo drückten ihre Zelte zusammen und das Eigenthum ihrer Herren wäre in Gefahr, während ich, im Zelte bei meinem Tagebuche beschäftigt, mich um den Lärm und die Verwirrung draussen so lange nicht kümmerte, als sie sich auf die Wagogo, Wanyamwezi und Wangwana beschränkten.

Der Anwesenheit des Häuptlings im Lager folgte jedoch eine so tiefe Stille, dass ich mich bewogen fühlte hinauszugehen, um zu sehen, wodurch sie veranlasst sei. Derselbe machte wenig, aber treffende Worte. Er sagte nämlich: „In Eure Tembés, Wagogo, in Eure Tembés! Warum kommt Ihr her, um die Wakonongo zu belästigen? Was habt Ihr mit ihnen zu schaffen? Macht, dass Ihr in die Tembés kommt! Jeder Mgogo, der in dem Khambi angetroffen wird, ohne Fleisch und Vieh verkaufen zu wollen, soll dem Mtemi Zeug oder Kühe bezahlen. Fort mit Euch!“ Mit diesen Worten ergriff er einen Stock und trieb die Hunderte aus dem Khambi, die ihm wie Kinder gehorchten. Während der zwei Tage, die wir noch in Mukondoku halt machten, sahen wir nichts mehr vom Pöbel, sondern hatten Frieden.

Das Muhongo des Sultans Swaruru wurde mit weniger Worten abgemacht, denn der Häuptling, der für den Sultan als Premier-Minister fungirte, nahm, nachdem er durch ein Doti Rehani Ulyah von mir erfreut worden, den gewöhnlichen Tribut von sechs Doti an, von denen nur eins aus Zeug erster Qualität bestand.

Jenseits Mukondoku blieb nur noch ein Sultan übrig, dem Muhongo zu zahlen war, und dies war der Sultan von Kiwyeh, dessen Ruf so übel ist, dass Karavanenführer, welche Macht über ihre Pagazi haben, selten durch Kiwyeh ziehen, sondern die Strapazen grosser Märsche durch die Wildniss der Rohheit und den unverschämten Forderungen des Häuptlings von Kiwyeh vorziehen. Die Pagazi hingegen, die ausser den zu tragenden Lasten keine Verantwortlichkeit oder sonstige Beschwerlichkeit davon haben, sondern im Fall eines feindlichen Angriffs ihre Beine brauchen und davonlaufen können, marschiren lieber durch Kiwyeh, als dass sie Durst und Strapazen einer Terekeza aushalten. Und oft siegte die Vorliebe der Pagazi ob, wenn ihre Herren furchtsame, unentschlossene Leute, wie Scheikh Hamed, waren.

Der 7. Juni war der Tag, der für unsere Abreise von Mukondoku bestimmt war; daher kamen die Araber am Tage zuvor in mein Zelt, um mit mir über den einzuschlagenden Weg zu berathschlagen. Nachdem wir die Kirangozi der verschiedenen Karavanen und die ältern Wanyamwezi-Pagazi zusammengerufen hatten, erfuhren wir, dass es drei Wege von Mukondoku nach Uyanzi gäbe. Erstens einen südlichen, der aus den oben angeführten Gründen gewöhnlich gewählt wurde und über Kiwyeh führte. Gegen diesen erhob Hamed Einwendungen. „Der Sultan wäre schlecht“, sagte er, „er verlange bisweilen 20 Doti von einer Karavane; unsere Karavane würde etwa 60 Doti zu bezahlen haben. Der Weg über Kiwyeh ginge also durchaus nicht an. Ausserdem“, meinte er, „müssen wir eine Terekeza machen, um nach Kiwyeh zu gelangen, und dann werden wir es nicht vor übermorgen erreichen.“ Zweitens gab es einen Mittelweg. Auf diesem sollten wir am nächsten Tage in Munieka ankommen; am darauf folgenden Tage würde eine Terekeza von Mabunguru Nullah bis zu einem Lager in der Nähe von Unyambogi stattfinden müssen, und nach zwei Stunden würden wir am darauf folgenden Tage in Kiti sein, wo es viel Wasser und Nahrungsmittel gäbe. Da aber keiner der Kirangozi oder Araber diesen Weg kannte und er nur von einem meiner alten Pagazi beschrieben wurde, meinte Hamed, er vertraue die Führung einer so grossen Karavane nicht gern einem alten Mnyamwezi an und möchte deshalb lieber etwas genaueres über den dritten Weg hören, ehe er sich entscheide. Dieser ging nördlich und führte die ersten beiden Stunden lang an zahlreichen Wagogodörfern vorüber, dann würden wir durch Dschungels und nach einem Marsche von drei Stunden nach Simbo kommen, wo zwar Wasser, aber kein Dorf sei. Wenn wir am darauf folgenden Morgen früh aufbrächen, so hätten wir sechs Stunden zu reisen, um an eine Wasserpfütze zu kommen. Nach kurzer Rast an diesem Orte würde uns ein Nachmittagsmarsch von fünf Stunden an einen Ort bringen, der nur drei Stunden von einem Dorfe entfernt sei. Da dieser letztere Weg vielen bekannt war, sagte Hamed: „Scheikh Thani, sagt dem Sahib, dass ich diesen für den besten halte“. Nachdem mich Scheikh Thani davon benachrichtigt, sagte ich ihm, meine Karavane werde, da ich mit ihnen durch Ugogo marschirt sei, sie auch ferner begleiten, wenn sie sich entschlössen, über Simbo zu gehen.

Nachdem man nach vielfachen Verhandlungen über die Wege übereingekommen war, bestimmte ich die Lage der verschiedenen Punkte mit dem Kompass. Man wird sich erinnern, dass ich gesagt habe, wir hätten Mukondoku nach einem dreistündigen, direct von Mizanza nach Westen gehenden Marsche erreicht und seien darauf ungefähr 4¼ Stunde Nord zu West an dem Saume einer Hügelkette gereist, die sich aus der Umgegend von Kanyenyi Nord zu West an der Grenze von Uhumba hinzieht und als Grenzlinie zwischen Ugogo und dem anliegenden Lande der Wayanzi dient. Mukondoku befindet sich nur zwei Meilen von der östlichen Seite dieser Bergkette; Kiwyeh liegt südsüdwestlich von Mukondoku und von dort hat man einen Marsch von sieben Tagen nach Kusuri. Die Richtung von Simbo ist nordnordwestlich, von dort nach Kusuri hat man sechs Tage zu marschiren. Hieraus geht deutlich hervor, dass der kürzeste Weg der über Kiti ist, und der einzige Einwand gegen denselben bestand darin, dass er keinem der Araber und Kirangozi bekannt war.

Unmittelbar nach dieser unter den Häuptern stattgehabten Discussion in Bezug auf die Vortheile der verschiedenen Wege erhob sich eine unter den Pagazi, welche auf ein hartnäckiges Geschrei gegen den Weg über Simbo hinauslief, da er eine lange Terekeza bedinge und wenig Aussicht auf Wasser darbiete. Die Abneigung gegen den Weg über Simbo theilte sich alsbald allen Karavanen mit und wurde durch Berichte über eine Wildniss, die sich von Simbo nach Kusuri hinziehe, vergrössert, in der man weder Nahrungsmittel noch Wasser bekommen könne. Hamed’s Pagazi und die der arabischen Diener erhoben sich wie ein Mann und erklärten, sie könnten den Marsch nicht einschlagen, und wenn Hamed darauf bestände, so würden sie ihre Packen niederlegen und er möge dann dieselben allein tragen.

Hamed Kimiani, wie er von den Arabern genannt wurde, stürzte nun zu Scheikh Thani und erklärte ihm, er müsse den Weg über Kiwyeh wählen, da sonst seine sämmtlichen Pagazi weglaufen würden. Dieser erwiderte darauf, ihm seien alle Wege gleich und werde Hamed überall hin folgen, wohin es ihm zu gehen beliebe. Dann kamen sie in mein Zelt und benachrichtigten mich von dem Entschluss, zu dem die Wanyamwezi gekommen seien. Sofort rief ich meinen alten Mnyamwezi, der mir den günstigen Bericht abgestattet hatte, noch einmal in mein Zelt und befahl ihm, mir eine genaue Schilderung des Weges über Kiti zu geben. Dieser lautete so günstig, dass ich Hamed erwiderte, ich sei der Herr meiner Karavane. Sie habe dorthin zu gehen, wohin ich es dem Kirangozi befehle, nicht aber, wohin die Pagazi wollten. Wenn ich ihnen zu halten befehle, so müssten sie halten, und wenn ich einen Marsch anordnete, müsste ein Marsch stattfinden, und da ich ihnen gut zu essen und nicht viel zu arbeiten gäbe, so möchte ich wol den Pagazi oder Soldaten sehen, der mir nicht gehorche. „Sie hatten sich eben entschlossen, über Simbo zu reisen, und wir hatten das abgemacht. Nun sagen Ihre Pagazi, sie wollen über Kiwyeh gehen oder weglaufen. Gehen Sie über Kiwyeh und zahlen Sie Ihre 20 Doti Muhongo. Ich und meine Karavane werden morgen den Weg über Kiti einschlagen, und wenn Sie finden, dass ich einen Tag früher in Unyanyembé bin als Sie, so wird es Ihnen schon leidthun, dass Sie nicht denselben Weg genommen haben.“

Diese Erklärung von mir hatte die Wirkung, abermals Hamed’s Ansichten umzustossen, denn er sagte sofort: „Das wird denn doch wol der beste Weg sein, und da der Sahib entschlossen ist, ihn einzuschlagen und wir alle zusammen durch das schlechte Land der Wagogo gereist sind, Inschallah, so wollen wir auch jetzt alle denselben Weg ziehen!“ Da der gute alte Thani keine Einwendungen dagegen erhob und Hamed sich entschlossen hatte, so gingen sie beide wohlgemuth aus dem Zelt, um diese Nachricht ihren Leuten mitzutheilen.

Am 7. Juni wurden die Karavanen, die dem Anschein nach einstimmig darüber waren, dass man über Kiti reise, wie gewöhnlich von Hamed’s Kirangozi geführt. Kaum waren wir jedoch eine Meile gegangen, als ich bemerkte, dass wir den Weg über Simbo verlassen, die Richtung nach Kiti eingeschlagen, aber durch einen schlau gewählten Umweg uns jetzt rasch dem vor uns liegenden Bergpass näherten, der den Zutritt zu dem höher gelegenen Plateau von Kiwyeh gestattete. Sofort liess ich meine Karavane halten, den alten Pagazi, der über Kiti gereist war, kommen und fragte ihn, ob wir jetzt nicht nach Kiwyeh gingen. Er bejahte die Frage. Nun rief ich meine Pagazi zusammen und liess ihnen durch Bombay sagen, der Musungu ändere nie seine Entschlüsse ab; da ich beschlossen, meine Karavane solle über Kiti marschiren, so müsse sie dies auch thun, ob die Araber mitkämen oder nicht. Darauf hiess ich den Alten seine Last aufnehmen und dem Kirangozi den richtigen Weg nach Kiti zeigen. Da legten denn die wanyamwezi’schen Pagazi ihre Ballen nieder und es gab Anzeichen einer Empörung. Den Wangwana-Soldaten wurde hierauf der Befehl ertheilt, ihre Flinten zu laden, sich zur Seite der Karavane aufzustellen und den ersten Pagazi, der einen Desertions-Versuch machen würde, niederzuschiessen. Ich selbst stieg ab, ergriff meine Peitsche, ging auf den ersten Pagazi, der seine Last niedergelegt, zu und befahl ihm, dieselbe wieder aufzunehmen und zu marschiren. Weiter brauchte ich nicht zu gehen; ohne Ausnahme marschirten sie alle dem Kirangozi nach. Ich stand im Begriff, Thani und Hamed Lebewohl zu sagen, als Thani mir sagte: „Warten Sie ein wenig, Sahib, ich habe genug von diesem Kinderspiel, ich werde mit Ihnen gehen“, und er liess auch seine Karavane der meinigen folgen. Hamed’s Karavane war inzwischen dicht an den Engpass gelangt; er selbst befand sich eine ganze Meile hinter derselben und weinte wie ein Kind über unsere Desertion, wie er es zu nennen beliebte. Da ich Mitleid mit seiner üblen Lage empfand -- denn er war fast von Sinnen, wenn er an den erpressungssüchtigen, rohen Sultan von Kiwyeh dachte --, rieth ich ihm, seiner Karavane nachzueilen und dieselbe an eben diesen Sultan zu erinnern mit Hinweis auf den Umstand, dass die übrigen den andern Weg eingeschlagen hätten. Bevor ich den Pass von Kiti erreicht hatte, sah ich auch, dass uns Hamed’s Karavane nachfolgte.

Der Weg den Berg hinauf war uneben und steil; ausserordentlich spitze Dornen peinigten uns schwer. Die Acacia horrida war hier schrecklicher denn je, die Schotendorne streckten ihre Zweige aus und hielten die Lasten auf, und die Mimosa mit ihrem regenschirmartigen Dach beschattete uns zwar vor der Sonne, verhinderte aber ein rasches Fortkommen. Steile, durch vieles Klettern glatt gewordene Vorsprünge von Syenit und Granit mussten wir hinaufsteigen; ferne Schüsse, die durch den Wald ertönten, vermehrten die Unruhe und allgemeine Unzufriedenheit, und wäre ich nicht unmittelbar hinter meiner Karavane gewesen und hätte jede ihrer Bewegungen beobachtet, so wären meine Wanyamwezi bis auf den letzten Mann desertirt.

Obwol die Höhe, die wir erstiegen, kaum 800 Fuss über der Salzebene, die wir eben verlassen, lag, so brauchten wir doch zwei Stunden, um heraufzukommen.

Nachdem wir das Plateau erreicht und die grössten Schwierigkeiten überwunden, hatten wir einen verhältnissmässig guten Weg, der durch Dschungel, Wald und kleine offene Striche führte, die uns nach weiteren drei Stunden nach Munieka brachten, einem kleinen Dorf, das inmitten einer fruchtbaren, bebauten Lichtung von einer Colonie von Unterthanen Swaruru’s von Mukondoku bewohnt wird.

Als wir in dem Lager angekommen, hatte ein jeder seinen guten Humor und zufriedene Stimmung wieder bekommen, mit Ausnahme von Hamed. Zufälligerweise hatten Thani’s Leute das Zelt desselben zu nahe an den Baum gestellt, um welchen Hamed’s Ballen zusammengepackt lagen. Ob der kleine Scheikh den ehrlichen alten Thani für fähig hielt, einen davon zu stehlen, ist unbekannt, gewiss aber ist, dass er sich über die grosse Nähe des Zeltes seines besten Freundes wüthend geberdete, bis Thani den Befehl gab, dasselbe 100 Meter weiter zu transportiren. Selbst dieses Verfahren befriedigte, wie es schien, Hamed nicht, denn es wurde Mitternacht, wie mir Thani erzählte, ehe Hamed kam, um ihm die Hände und Füsse zu küssen und ihn fussfällig um Verzeihung zu bitten, die ihm natürlich Thani, eine gutmüthige Seele, gern gewährte. Hamed gab sich jedoch nicht eher zufrieden, als bis er mit Hülfe seiner Sklaven des Freundes Zelt wieder dorthin hatte schaffen lassen, wo es ursprünglich gestanden.

In Munieka kam das Wasser aus einer tiefen, in einer Syeniterhebung befindlichen Senkung und war klar wie Krystall, kalt wie Eiswasser, ein Hochgenuss, den wir seit Simbamwenni nicht gehabt hatten.

Jetzt befanden wir uns an der Grenze von Uyanzi oder „Magunda Mkali“, dem heissen Grunde oder heissen Felde, unter welchem Namen es besser bekannt ist. Wir waren bei dem von Wagogo bewohnten Dorfe vorübergezogen und im Begriffe, den Staub von Ugogo von unsern Füssen zu schütteln. In dieses Land waren wir voll Hoffnung eingetreten, indem wir es für ein liebliches Land, in welchem Milch und Honig fliessen, gehalten hatten, waren aber schwer enttäuscht worden; denn es war uns ein Land voll Galle und Bitternissen, voll Sorgen und Plagen geworden, wo uns auf Schritt und Tritt Gefahren drohten und wir den Launen betrunkener Sultane ausgesetzt gewesen. Kann es dann Wunder nehmen, dass wir uns alle in diesem Augenblicke sehr glücklich fühlten? Trotz der vor uns liegenden Aussicht auf ein Land, das wir für eine wirkliche Wildniss hielten, wurde unsere gute Stimmung nicht vermindert, sondern gestärkt, denn die Wildniss in Afrika ist in vielen Fällen freundlicher, als das bevölkerte Land.

Der Kirangozi blies sein Kuduhorn viel fröhlicher an diesem Morgen, als er in Ugogo zu thun pflegte. Wir standen im Begriff, in Magunda Mkali einzutreten. Um 9 Uhr morgens, drei Stunden, nachdem wir Munieka verlassen, und zwei Stunden, seitdem wir die äussersten Grenzen von Ugogo hinter uns hatten, hielten wir in Mabunguru Nullah. Das Nullah läuft südwestlich, nachdem es seinen Ursprung in den Bergketten, die Ugogo von Magunda Mkali trennen, verlassen hat. Während der Regenzeit muss es wegen der ausserordentlichen Steilheit seines Bettes kaum passirbar sein. An den Syenit- und Basaltblöcken, welche seinen Lauf hemmen, sieht man Spuren der Gewalt des Stromes. Ihre unebenen Ecken sind geglättet und es befinden sich tief ausgehöhlte Becken im Felsenbette, die in der trockenen Jahreszeit als Wasserbehälter dienen. Obgleich das in ihnen enthaltene Wasser schleimig und grünlich aussieht und von Fröschen stark bevölkert wird, ist es doch durchaus schmackhaft.

Zu Mittag nahmen wir unsern Marsch wieder auf, die Wanyamwezi jubelten und sangen, die Wangwana-Soldaten, Diener und Pagazi wetteiferten mit ihnen, was Lärm und Geschrei betraf, und liessen den dunkeln Wald, den wir passirten, von ihren Stimmen widerhallen.

Die Landschaft war viel malerischer, als wir sie seit Bagamoyo gesehen hatten. Der Boden erhob sich in grössern Wellen, hier und da traten Hügel hervor und grosse Berge von Syenit, welche dem Walde ein sonderbares, zauberhaftes Aussehen verliehen. Aus der Ferne schien es fast, als ob wir uns einem Stückchen England, wie es während der Feudalzeit ausgesehen haben mag, näherten, so sonderbare, phantastische Gestalten nahmen die Felsen an. Hier erhob sich abgerundetes Geröll übereinander, das scheinbar keinem Windstoss hätte widerstehen können; dort thürmte es sich wie stumpfe Obelisken, welche die höchsten Bäume überragten; hier wiederum nahm es die Gestalt mächtiger in Glas verwandelter Wogen an; dort bildete es ein kleines Häufchen zerrissener, zerklüfteter Felsmassen, während es anderwärts zu grossartigen Bergen anschwoll.

Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 20 Meilen zurückgelegt und das Signal zum Halten erscholl. Schon um 1 Uhr morgens, als der Mond noch schien, hörte man Hamed’s Horn und Stimme durch das ganz stille Lager tönen und seine Pagazi zum Marsch wecken. Offenbar war Scheikh Hamed vollständig verrückt geworden, warum sollte er sonst zu so früher Stunde so wüthend auf den Marsch erpicht sein? Der Thau fiel schwer und man war durchfröstelt; von allen Seiten antwortete ein unheilvolles Gemurmel tiefer Unzufriedenheit dem frühen Allarmruf. Da wir jedoch annahmen, dass er bessere Kunde erhalten als wir, beschlossen Scheikh Thani und ich, uns danach zu richten, ob er durch den Verlauf der Sache gerechtfertigt war oder nicht.

Da alle unzufrieden waren, wurde dieser Nachtmarsch in tiefem Stillschweigen abgemacht. Das Thermometer stand auf 9° R., da wir uns etwa 4500 Fuss über dem Meeresspiegel befanden. Die fast nackten Pagazi gingen rasch, um warm zu bleiben und dadurch bekamen viele von ihnen wunde Füsse, indem sie gegen vorspringende Wurzeln und Felsen stolperten und auf Dornen traten. Um 3 Uhr morgens kamen wir in dem Dorf Unyambogi an, wo wir uns hinwarfen, um uns durch Schlaf auszuruhen, bis die Morgendämmerung uns kundthäte, was den hart mitgenommenen Karavanen noch bevorstehe.

Es war helles Tageslicht, als ich erwachte. Die Sonne schoss glühende Strahlen in mein Gesicht. Scheikh Thani kam bald darauf, um mir zu sagen, Hamed sei vor zwei Stunden nach Kiti abgegangen, er aber habe seine Aufforderung, ihn zu begleiten, rundweg abgeschlagen, sie als Thorheit und völlig nutzlos bezeichnet, und er fragte mich nun um meine Meinung. Ich sagte, das Ganze wäre reiner Unsinn und fragte ihn meinerseits, wozu denn ein Terekeza überhaupt gemacht werde; würde nicht etwa ein Nachmittagsmarsch die Karavanen auch in den Stand setzen, zu Wasser und Nahrungsmitteln zu gelangen. Thani bejahte dies. Dann legte ich ihm die Frage vor, ob etwa in Unyambogi Wasser und Nahrungsmittel nicht zu haben seien? Darauf erwiderte derselbe, er habe sich gar keine grosse Mühe gegeben, danach Erkundigungen einzuziehen, aber von den Dorfbewohnern die Auskunft erhalten, dass Matama, Hindi, Maweri, Schafe, Ziegen und Hühner in ihrem Dorfe in reichlicher Fülle und zu so billigen Preisen zu haben seien, wie man sie in Ugogo gar nicht kenne.

„Nun denn“, sagte ich, „wenn Hamed durchaus ein Narr sein und seine Pagazi in Lebensgefahr bringen will, wozu brauchen wir das zu thun? Ich habe ebensoviel Ursache zur Eile wie Scheikh Hamed, aber Unyanyembé ist noch weit und ich will mein Vermögen nicht durch ein unsinniges Vorgehen in Gefahr bringen.“

Wie Thani uns berichtet, fanden wir eine Fülle von Provision im Dorfe selbst und gutes, süsses Wasser in einigen nahebei gelegenen Brunnen. Ein Schaf kostete ein Schukka; sechs Küchlein waren für denselben Preis zu haben; sechs Maass Matama, Maweri oder Hindi desgleichen; kurz, schliesslich waren wir in das Land des Ueberflusses gekommen.