Wie ich Livingstone fand; Erster Band

Part 20

Chapter 203,604 wordsPublic domain

Nachdem wir einen Tag in Rubuga halt gemacht, von wo ich Soldaten an Scheikh Seyd bin Salim und Scheikh bin Nasib, die beiden Hauptwürdenträger von Unyanyembé, abschickte, um ihnen meine Ankunft anzumelden, nahmen wir am 21. Juni unsern Marsch nach dem fünf Stunden entfernten Kigwa auf. Der Weg zog sich wieder durch einen Wald, ähnlich wie der, welcher Tura von Rubuga trennt. Hier senkt sich das Land rasch nach Westen zu. Kigwa war, wie wir sahen, von derselben Rache heimgesucht worden, die Rubuga so verwüstet hatte.

Am nächsten Tage überschritten wir nach einem raschen Marsche von 3½ Stunden das Mtoni, das eigentlich gar kein Mtoni war, welches Kigwa von dem Bezirke Unyanyembé trennt, und kamen, nachdem wir einen kurzen Halt gemacht, um unsern Durst zu löschen, in nochmals 3½ Stunden in Schiza an. Es war zwar ein langsamer Marsch, er entzückte uns aber sowol durch die malerischen Landschaften, die uns beständig zu Gesicht kamen, als auch durch die Beweise von dem friedlichen und fleissigen Charakter des Volkes, die wir überall wahrnahmen. Eine kurze halbe Stunde hinter Schiza erblickten wir die wellenförmige Ebene, die sich die Araber ausgesucht haben, um darauf das Centraldepot, das ein so grosses, ausgedehntes Handelsgebiet beherrscht, anzulegen. Ueberall liess sich das Brüllen der Rinder, das Blöken von Ziegen und Schafen hören und alles verlieh dem Lande ein glückliches idyllisches Ansehen.

Der Sultan von Schiza wünschte, dass ich meine Ankunft in Unyanyembé mit einem fünf Gallonen enthaltenden Topf voll Pombé feiere, den er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte.

Da dasselbe an Geschmack schalem Bier und an Aussehen Milch und Wasser glich, so reichte ich es, nachdem ich ein kleines Glas davon getrunken, den Soldaten und Pagazi. Auf meine Bitte brachte der Sultan ein schönes, fettes Bullenkalb, wofür er 5½ Doti Merikani annahm. Dieses wurde sofort geschlachtet und der Karavane zum Abschiedsfest aufgetragen.

Niemand schlief viel in jener Nacht; lange vor Morgengrauen waren die Feuer angezündet und grosse Fleischstücke brodelten, damit die Leute, ehe sie sich von dem Musungu trennten, dessen Freigebigkeit sie so oft genossen, sich noch einmal gütlich thun könnten. Sechs Ladungen Pulver wurden jedem Soldaten und Pagazi, der eine Flinte hatte, gegeben, um sie abzubrennen, wenn wir uns den arabischen Häusern näherten. Der gemeinste Pagazi hatte sich sein bestes Tuch um die Hüfte gegürtet und einige von ihnen stolzirten in prächtigem Ulyah „Cumbisa Punga“ und scharlachrothem „Dschawah“, schwarzglänzendem „Rehani“ und nettem „Dabwani“. Die Soldaten zogen mit neuem Tarbusch und den langen weissen Hemden, wie solche an der Mrima und auf Zanzibar getragen werden, auf, denn dies war ja der grosse, glückliche Tag, der stets in unserm Munde gewesen war, seitdem wir die Küste verlassen, für den wir in der letzten Zeit die bekannten Märsche gemacht hatten, nämlich 178½ engl. Meilen in 16 Tagen mit Einschluss der Pausen, also etwas mehr als 11 Meilen den Tag.

Das Signal ertönte und die Karavane zog fröhlich mit fliegenden Bannern und schallenden Trompeten und Hörnern aus. Ein kurzer Marsch von 2½ Stunden brachte uns in Sicht von Kwikuru, das ungefähr zwei Meilen südlich von Tabora, der grössten arabischen Stadt, liegt. Vor der Stadt erblickten wir eine lange Reihe von Männern in reinen Hemden, worauf wir unsere geladenen Batterien eröffneten und ein Kleingewehrfeuer losliessen, wie es Kwikuru wol selten gehört hat. Die Pagazi formirten sich und nahmen das renommirende Aussehen von Veteranen an, die Soldaten trompeteten ohne Unterbrechung fort, während ich, da ich die Araber mir entgegenkommen sah, die Reihen verliess und meine Hand ausstreckte, die sofort von Scheikh Said bin Salim und darauf von etwa zwei Dutzend Menschen ergriffen wurde. Dies war unser Einzug in Unyanyembé.

SIEBENTES KAPITEL.

GEOGRAPHISCHE UND ETHNOGRAPHISCHE BEMERKUNGEN.

Die Geographie des Landes, durch das wir eben gezogen sind, ist schon auf den vorhergehenden Blättern in verschiedenen Beziehungen beschrieben worden, wie wir sie theils aus den Berichten der Eingeborenen erfahren, theils selbst gesehen haben. Es wird aber wol gut sein, so klar wie möglich in einem Kapitel, das ausschliesslich der Geographie und Ethnographie des Landes gewidmet ist, die Summe davon zu ziehen, welche neuen Kenntnisse wir über das Innere Afrikas gewonnen haben.

Es gab drei Routen von Bagamoyo nach Unyanyembé, zwischen denen unsere Expedition zu wählen hatte; zwei derselben waren aber schon durch die genaue Beschreibung bekannt, die wir von meinen Vorgängern in diesem Theil Afrikas, den Herren Burton, Speke und Grant, erhalten haben. Es war aber noch ein nördlicherer und directerer Weg nach Unyanyembé, welcher durch das nördliche Uzaramo, Ukwere, Ukami, Udoe, Useguhha oder Usegura, Usagara, Ugogo, Uyanzi und von da nach Unyanyembé führen sollte, und dies war der Weg, den ich wählte.

Der Luftlinie nach beträgt die Entfernung von Bagamoyo nach Unyanyembé fast sechs Längengrade oder 360 engl. Meilen. Die Krümmungen des Weges, den die Karavanen einschlagen, der in Afrika der Lage des Landes angepasst ist und der leichtern, weniger gefährlichen, vortheilhaftern Richtung folgt, vergrössert die zurückzulegende Entfernung auf mehr als 520 Meilen. Hierbei rechne ich natürlich nach der Zeit, die zu den Märschen gebraucht worden, und nach unserm Marschtempo, das ich genau zu 2½ engl. Meilen pro Stunde abschätze.

Der Theil des Landes, der sich von Bagamoyo nach Kikoka hinzieht, heisst „Mrima“, der Berg; er kann auch Swahili oder Zanguebar genannt werden. Den letztern Namen finden wir auf unsern alten Karten mit Vorliebe als die Bezeichnung eines länglichen Seeküstenstrichs aufgeführt, der sich von der Mündung des Juba nach Cap Delgado oder vom Aequator nach 10° 41′ südl. Br. erstreckt. Swahili bedeutet die „Seeküste“, daher heisst das Volk, das auf der Seeküste von Zanguebar wohnt, die Waswahili und ihre Sprache Kiswahili. Hier erwähne ich zugleich, dass das Präfix U das Land, Wa die Bewohner im Plural, M den Singular der einzelnen Person bezeichnet. So bedeutet denn Uzaramo das Land Zaramo; Wazaramo die Leute von Zaramo; Mzaramo eine Person aus Zaramo; Kizaramo die Sprache von Zaramo.

Bagamoyo ist ein kleiner Hafen an der Mrima, Swahili- oder Zanguebarküste, der fast gegenüber dem Hafen von Zanzibar liegt, wo die nach Unyanyembé bestimmten Karavanen gewöhnlich landen. Einige Meilen höher nach Norden liegen die Häfen von Whinde und Sa’adani, welche beide je an einem Ufer des Flusses Wami liegen. Vier Meilen südlich von Bagamoyo befindet sich Kaole, ein kleines Dorf, das ein Gurayza oder Fort mit einer aus etwa einem Dutzend Belutschen bestehenden Garnison enthält. Südlich von Kaole liegt Kondutschi, und noch südlicher Dar Salaam, ein von dem verstorbenen Sultan neu gegründeter Hafen. Südlich von Dar Salaam befindet sich Mbuamadschi, ein ganz bedeutender Sammelplatz für nach dem Innern bestimmte Karavanen. Ungefähr 60 Meilen südlich von Mbuamadschi befindet sich die nördlichste Mündung des Rufidschiflusses gegenüber der Insel Mafia oder Monfia, und einen Grad weiter südlich kommen wir zu dem berühmten Hafen Kilwa, dem grossen Stapelplatz der Sklavenhändler.

Der als Mrima bekannte Strich Landes hat in den Augen der civilisirten Welt eine grosse Bedeutung, denn bei allen Verhandlungen über die Sklavenfrage muss sich unsere Aufmerksamkeit allen Ernstes auf diesen Punkt concentriren. Seine Bedeutung liegt für uns in der Thatsache, dass mit Hülfe der in demselben befindlichen Häfen Mombasah, Bueni, Sa’adani, Whinde, Bagamoyo, Kaole, Kondutschi, Dar Salaam, Mbuamadschi und Kilwa drei Viertel der gefangenen, geraubten oder im Innern gekauften Sklaven ins Ausland verschifft werden. Diese Thatsache darf man nicht vergessen.

Wenn wir einmal den Fluss Kingani auf unserm Wege nach Unyanyembé passirt haben, so kann man sagen, dass wir das Land der Wamrima verlassen haben und in den nördlichsten Theil von Uzaramo gelangt sind. Der Sultan von Zanzibar hat in Kikoka, vier Meilen westlich von Kingani, einen Posten etablirt und hierdurch seine Ansprüche auf den Besitz der zehn Meilen Land von Bagamoyo nach Kikoka geltend gemacht. Da es zwischen dem Fluss und Kikoka keine Einwohner gibt, so wird auch dieser Anspruch nicht in Frage gestellt.

Zur Rechten, d. h. nördlich von dem Wege nach Unyanyembé, erstreckt sich Ukwere, zwei Tagemärsche oder 25 Meilen lang. Nach Westen dehnt sich Ukwere von Rosako bis Kisemo 60 Meilen weit aus. Von Kisemo westlich, auf dem halben Wege nach Mikeseh, oder östlich von dem Kira-Pic liegt Ukami. Dieses Land dehnte sich früher bis nach Simbamwenni aus und schloss diese Hauptstadt der Waseguhha in sich; die Wadoe aber, ihre nördlichen Nachbarn, besiegten die Einwohner und eroberten das Land, wurden aber ihrerseits wieder von dem mächtigen Stamme der Waseguhha unterworfen. Unter dem Namen Udoe existirt noch ein grosses Land zwischen dem Kira-Pic und Ulagalla, das sich im Norden über Ukami, im Osten noch über Ukwere hinaus nach der Mrima oder Küste zu hinzieht. Dieser Theil zwischen dem Kira-Pic und Ulagalla ist das südwestlichste Ende des Gebiets der Wadoe.

Useguhha fängt bei Ulagalla an, und sein westliches Ende befindet sich am östlichen Ufer des Makata.

Dieses ganze Land, das die Districte von Ukwere, Ukami, Udoe und Useguhha umschliesst, wird vom Kingani und seinen Nebenflüssen durchzogen, oder ich sollte eigentlich sagen, von seinem Hauptnebenflusse, dem Ungerengeri. Indem ich diese nördliche Route einschlug, wurde ich in den Stand gesetzt, den Hauptnebenfluss des Kingani im Ungerengeri zu entdecken, der von den Eingeborenen da wo er sich in den Hauptfluss ergiesst, Rufu genannt wird. Speke und Grant haben den Mgeta, einen andern Zufluss, entdeckt, der westlich von dem Mkambaku-Gebirge kommend, nach Süden zu einen Bogen bildet und das ganze Ukutu und Uzaramo durchfliesst. Das Areal, welches vom Kingani und seinem Nebenflusse entwässert wird, lässt sich höchstens auf 12,000 engl. Quadratmeilen schätzen.

Wer die Geographie Afrikas studirt hat, wird es bemerken, dass Speke auf seiner Karte nahe bei 37° östl. L. einen Gebirgszug als Mkambaku-Kette verzeichnet hat, der sich mindestens einen Grad nach Norden hinzieht. Den Theil dieses Gebirgszugs, der „Mkambaku“ heisst, hat unsere Expedition gesehen; seine nördlichste Partie ist als Uruguru-Gebirge bekannt. Am Fusse seines nördlichsten Endes, wo es sich nach Osten umwendet, liegt die Hauptstadt des südlichen Useguhha, Simbamwenni.

Speke sagt: „Wo der Kingani selbst entspringt, konnte ich nie ausfindig machen; doch habe ich gehört, dass sein Ursprung in einer sprudelnden Quelle auf der östlichen Seite des Mkambaku zu finden sei, wonach der Mgeta der längere Arm wäre.“ Mit welchem Namen wir nun auch diesen Fluss bezeichnen, ob als Kingani oder Hamdallah, wie ihn die Wamrima nennen, oder als Rufu, wie er bei den Wakwere, Wakami, Wadoe und Waseguhha heisst, so kann seine Quelle jetzt nicht mehr zweifelhaft sein. Speke hat die Entdeckung gemacht, dass der Mgeta, einer der beiden Hauptzuflüsse, am westlichen Abhange des Mkambaku entspringt, und hat ihn um den Süden von Khutu dahinfliessen sehen. Ich habe entdeckt, dass der zweite Hauptzufluss, der Ungerengeri, westlich von dem Mkambaku oder eigentlich von den Uruguru-Bergen entspringt, und dass er nordwärts durch Useguhha und Udoe in das südliche Ukwere und Ukami und von dort in den Kingani fliesst. Dieser Fluss ist den Eingeborenen als Rufu von da ab bekannt, wo er in Ukwere eintritt, bis an den Punkt, wo er, drei Meilen nördlich von Bagamoyo, in den Ocean mündet. Bei den Arabern jedoch heisst derselbe von dem Punkt an, wo sich die verschiedenen Zuflüsse vereinigen, Kingani. Unter diesem Namen wird er Leuten, welche die Karten afrikanischer Reisenden studirt haben, am besten bekannt sein.

Die grösste Höhe, die unsere Expedition zwischen Bagamoyo und Simbamwenni in Useguhha erreicht hat, betrug nicht mehr als 1000 Fuss, und mit Ausnahme einiger hier und dort nördlich von Kingaru Hera und in der Umgegend von Mikeseh sichtbaren Kegel, die als Dilima-Pics bekannt sind, sieht man das Land sich allmählich in einer Reihe länglicher parallel verlaufender Hügelketten erheben, die stark bewaldet und mit Gestrüpp bewachsen sind, oder glatte, grasbestandene Bergrücken bilden, deren Abhänge nach Osten und Westen zu welligen Senkungen abfallen, durch welche die Wasserläufe sich nach Süden und Südwest in den Ungerengeri ergiessen.

Jenseits Simbamwenni und westlich vom Ungerengeri stehen wir plötzlich vereinzelten, hoch aufgethürmten Kegeln mit abgestumpften Spitzen gegenüber, die untereinander durch niedrige Sättel oder Bergfirsten zu einer isolirten Gebirgsgruppe verbunden sind, die sich wenigstens 2000 Fuss über den Ungerengeri erhebt. An ihrem Fusse, an der nördlichen Seite dieses Stromes, zieht sich östlich ein langer bewaldeter Bergrücken hin, der den Ungerengeri von dem Wami trennt.

Diese imposante Landschaft erfreut das Auge des Fremdlings sehr, der sich der Hoffnung hingibt, bald bedeutendere Höhen zu ersteigen und dadurch vor den Fiebern bewahrt zu bleiben, welche der der Natur des Innern von Afrika Unkundige nur den Dschungels und Mooren der Seegegend zuschreibt.

In einem Marsche von Simbamwenni kommt man jedoch durch einen Engpass der Berggruppe nach Simbo, wo man einen deutlichen Blick in das breite Thal des Grossen Makata gewinnt, das von der hohen, kühnen, rückwärts nach Osten zu liegenden Gruppe, und der herrlichen Bergkette von Usagara begrenzt wird, deren stolze Pics und hochstrebende Gipfel in den Wolken begraben sind.

Ich habe der Klarlegung des Unterschieds, der zwischen dem Kingani und dem Wami existirt, viel Zeit gewidmet. Erst nachdem ich mich selbst überzeugt, habe ich es gewagt festzustellen, dass der Unterschied zwischen diesen beiden Flüssen klar und bestimmt vorhanden ist. Die Araber, Wamrima und Eingeborenen und meine eigene persönliche Kenntniss des Landes und der Gestaltung seiner Oberfläche erheben es über allen Zweifel, dass der Kingani und Wami zwei völlig voneinander verschiedene Flüsse sind. Der erstere tritt drei Meilen nördlich von Bagamoyo ins Meer, wogegen der letztere sich ungefähr auf dem halben Wege zwischen den Häfen Whinde und Sa’adani in dasselbe ergiesst.

Der vorstehende Plan wird am besten das Flusssystem dieser Gegend klarlegen.

Es hat sich also herausgestellt, dass der Ungerengeri aus Südwesten in den Kingani fliesst. Von dem Punkte, wo wir uns befinden (Simbo), ist die Formation des Landes deutlich zu überblicken. Zur Rechten, das Gesicht nach Westen gewandt, befindet sich das Thal des Makata oder des Wami, der nach Norden und Osten fliesst; zur Linken haben wir das Thal des Ungerengeri, welcher, nachdem er eine kühne Schwenkung nach Norden gemacht hat, nach Südosten strömt. Unsere Marschlinie von Bagamoyo hierher ist ungefähr gleich weit von beiden Flüssen entfernt gewesen, wobei der Wami rechts und der Ungerengeri oder Kingani links liegen bleibt.

Sieht man sich die vorstehende Kartenskizze an, so wird man finden, wie ein und derselbe Fluss drei bis vier ganz verschiedene Namen trägt, wodurch Reisende bei Verfolgung ihrer geographischen Forschungen sich leicht täuschen lassen. Ebenso wie der Kingani eine Reihe verschiedener Namen führt, heisst auch der Fluss, welcher zwischen den mohammedanischen Häfen Whinde und Sa’adani ins Meer mündet, abwechselnd Wami, Rudewa, Makata und Mukondokwa.

Der erste bedeutende Fluss, auf den man stösst, wenn man in die weite Ebene, das Thal von Makata, tritt, ist der Kleine Makata, der, obwol zu allen Jahreszeiten passirbar, in der Höhe der Masikazeit ein reissender, für Reisende gefährlicher Strom wird. Hinter demselben kommt man an ein tiefes Nullah, das während der Regenzeit von Wasser überfliesst, und einige hundert Meter weiter an den Grossen Makata, den Wami oder Mukondokwa, einen Fluss, der im Stande ist, sich zu einem mächtigen Strom von 500-600 Meter Breite zu erweitern. Jenseits des Grossen Makata gelangt man an den Mbengerenga, einen Zufluss des Rudewa, welcher hier parallel mit unserer Marschroute fliesst und sich in den Wami, unmittelbar oder doch sehr nahe am Zusammenfluss des Grossen und Kleinen Makata, ergiesst. Nachdem man den Mbengerenga überschritten, kommt man sofort zu einem andern kleinen Zufluss des Rudewa und sieht den letztern selbst wie er sich der Strasse nähert und scharf nach Osten wendet. Weiter nach Süden gewandt kommt man an den Uronga, einen Fluss, der in Mundu, im nördlichen Usagara, entspringt und hinter dem Lager in Rehenneko, über eine vorspringende Gebirgskette hinweg, wieder zum Makata gelangt, der hier bei den Wasagara den Namen Mukondokwa führt. Verfolgt man den Weg den Mukondokwapass hinauf, dieselbe Strasse entlang, die Burton und Speke eingeschlagen, so gelangt man an einen Punkt in diesem Thal, wo unsere Wege auseinandergehen, indem der von Burton und Speke den Gipfel der Rubehokette hinauf und dieselbe entlang führt, während der unsrige sich bedeutend nach Norden wendet, jedoch so, dass er sich parallel mit der andern Route in einem Zwischenraume von 20-30 Meilen hinzieht.

Burton kam bald, nachdem er das Thal des Mukondokwa verlassen, auf ein Plateau, das mit steilen Abhängen über Berggefälle, Felsenstufen und Gerölle hinweg in dem Becken des Flusses Rumuma endet. Dies ist ein südlicher Zufluss oder eine Gabelung des Mukondokwa und leitet das Wasser von den Hügeln nach dem Südwesten des Rumuma-Districts, während der Hauptstrom, der in den Hochlanden von Wahumba oder Wamusai entspringt, das Wasser dieser Länder nach Westen führt.

Noch nicht elf Meilen von der Furt, wo Burton’s und Speke’s und mein Weg sich trennten, kam ich an einen See, den Ugombo-See, der, obgleich von beschränkten Dimensionen, eine gewisse Rolle in dem Wassersystem Ostafrikas spielt. Denn dieser kleine See, der kaum drei Meilen lang ist, nimmt den Rumuma auf und entlässt ihn durch einen engen Spalt in den Mukondokwa. Der Hauptstrom entspringt +nicht+ in den Hochlanden der Wahumba oder Wamusai und führt das Wasser aus den westlichen Ländern +nicht+ mit sich, sondern er entsteht wenigstens einen Grad nördlich von der Breite von Ugombo in den Gebirgen von Kema-Kaguru, in dem Lande, das in Kisagara als Mundu bekannt ist, welches auch die Ursprungsstätte des Stromes Uronga oder Ulonga bildet.

Unter den übrigen Zuflüssen dieses Mukondokwa-Flusses befinden sich ausser dem Rumuma die in Kivya entspringenden Flüsse Rufuta und Mdunku, sowie der Myombo und Mdunwi.

Die Länder im Westen von dem Längengrad von Rubeho wurden -- wenigstens auf unserer Route -- vermittelst Nullahs entwässert, die wegen der allgemeinen Dürre in dieser trockenen Region das Wasser nicht in einen Strom führen. Diese Nullahs oder trockenen Wasserläufe oder vertiefte Fiumaras, die man in Amerika Gulches (Wasserschluchten) nennen würde, absorbiren alles Wasser, das aus den unfruchtbaren, jenseits oder westlich von den Usagara-Bergen liegenden Gegenden in sie hineinfliesst. Der Mukondokwa-Fluss läuft von Norden nach Süden durch die Berge von Usagara, schlägt sich dann nach Osten und entsendet die ihm vom Rufuta, Rumuma, Myombo und Mdunwi zugeführten Wasser östlich in den Indischen Ocean.

Der Regen fällt westlich von Usagara so spärlich, dass die sandigen Fiumaras oder Wasserschluchten selten dem Rufidschi Wasser zuführen. Denn westlich von Ugogi bis nach Tura in Unyamwezi fällt das Wasser nach Süden in den Ruhwha oder Rufidschi.

Jene unfruchtbare Gegend, die das nördliche Marenga Mkali, das ganze Ugogo, südliche Uhumba oder Umasai, Ihange und Mbogwe umschliesst, hat keinen Wasserabfluss. Aller Regen, der hier fällt, wird von den seichten Pfuhlen oder Seen aufgefangen, die über das Innere dieser Gegend so dicht ausgestreut sind. Während der trockenen Jahreszeit findet Verdunstung statt, und das Wasser wird aus diesen Pfuhlen durch die beständigen, von Nordosten kommenden Monsuns in die grössern Behältnisse der Seen geführt, welche der Victoria-Nyanza einnimmt, und von dort in den Nil. Nachdem die Verdunstung stattgefunden, zeigt die Oberfläche dieser unfruchtbaren Gegend grosse Landstrecken, die von Salzen oder Salpeter inkrustirt sind. Die, welche man im Westen von Tschaga, im District Angaruka, sieht, die Salzlagunen von Balibali, westlich von Kikui, und die, welche ich selbst nördlich von Mizanza gesehen, dienen dazu, diese Theorie zu begründen.

Jenseits Ugogo sind die einzigen nennenswerthen Ströme der Mdaburu und der Mabunguru, die südlich in den Kisigo fliessen, dessen Lage einen Grad südlich von Kiwyeh angenommen wird. Er soll, nach den Berichten der Wagogo von Kiwyeh, ein bedeutender und raschfliessender, von zahlreichen Flusspferden und Krokodilen heimgesuchter Strom sein. Der Kisigo fliesst in den Rufidschi.

Von unserm Marsche nach Unyanyembé kann man in Kürze sagen, dass sein erster Theil über das Becken des Kingani, der zweite über das des Wami, der dritte über die Wasserscheide des Wami, der vierte über den nördlichsten Theil des Ruhwha-Beckens und die wasserlose Gegend, der fünfte in die Grenzen der Wasserscheide des Tanganika-Sees führte.

Nun kann der Leser und zwar mit Recht fragen: „Was nützen mir alle diese langweiligen Beschreibungen von Flüssen, die so sonderbare, unverständliche Namen haben?“

Geduld! lieber Leser, gerade auf diesen Punkt will ich jetzt kommen. Wenn man sich die Karte von Afrika näher ansieht, so wird man begreifen, worauf meine Beschreibung zweier besonderer Ströme hinweisen soll.

Erstens ist, wie mir scheint, der Fluss Wami für den Handel benutzbar. Ich weiss, dass man ihn durch leichte Dampfschiffe von einem niedrigen Tiefgang von 2-3 Fuss eine Strecke von 2° in gerader Linie oder fast 200 Meilen zu Wasser vom Hafenort Whinde nach Mbumi in Usagara befahren kann. Alle Hindernisse, die sich der Schifffahrt entgegenstellen, z. B. die Mangelbäume, die an einigen Stellen, namentlich in der Nähe des Dorfes in Kigongo’s District, an beiden Ufern ihre weitausgebreiteten Zweige miteinander verbinden, lassen sich leicht mit dem Beil entfernen.

Mbumi liegt nur ein paar Meilen vom Fusse der Usagara-Berge, dem gesundesten Theile Ostafrikas. Die Entfernung von Whinde nach Mbumi liesse sich mit einem Dampfer leicht in vier Tagen zurücklegen.

Wer Afrika zu civilisiren wünscht, wer direct mit Usagara, Useguhha, Ukutu, Uhehe Handel zu treiben wünscht, Elfenbein, Zucker, Baumwolle, Orseillewurzel, Indigo und Korn aus diesen Ländern beziehen will, dem eröffnet sich hier eine schöne Gelegenheit.

Vier Tage bringen den Missionär auf einem Dampfer in die Hochlande von Afrika, wo er unter den sanften Wasagara ohne Furcht und Unruhe leben und sich alle Genüsse des civilisirten Lebens gönnen kann, ohne Angst, ihrer beraubt zu werden, inmitten der schönsten, malerischsten Scenen, die eine poetische Phantasie auszumalen vermag! Hier gibt es das herrlichste Grün, das reinste Wasser; hier sind Thäler, die von Kornhalmen, von Wäldern von Tamarinden, Mimosen und Kopalbäumen strotzen. Hier findet sich der gigantische Mvule, der stattliche Mparamusi, die schöne Palme, kurz, eine Landschaft, wie sie nur ein tropischer Himmel bedecken kann. Gesundheit und reichliche Nahrungsmittel sind dem Missionär hier sicher; ein sanftes Volk lebt zu seinen Füssen, das ihn gern willkommen heisst. Mit einziger Ausnahme von civilisirter Gesellschaft fehlt hier nichts, was die Seele des Menschen sich wünschen kann.

Vom Dorfe Kadetamare lassen sich eine ganze Zahl prächtiger Plätze zu Missionsstationen benutzen, über welche heilsame Lüfte wehen, in denen Wasser reichlich dahinfliesst, die unvergleichliche Fruchtbarkeit umgibt und wo überall ein gelehriges, gutmüthiges Volk wohnt, das mit sich und allen Reisenden und Nachbarn in Frieden lebt.