Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 15
„Hören Sie mich an, Shaw und Farquhar. Vom Augenblick an, wo Sie die Küste verlassen, haben Sie stets Esel zum Reiten und Leute zu Ihren Diensten gehabt. Man hat Ihnen Ihre Zelte aufgestellt, Ihre Mahlzeiten gekocht. Sie haben dasselbe Essen, dieselbe Behandlung wie ich gehabt, aber jetzt sind sämmtliche Farquhar’sche Esel und sieben meiner eigenen todt und ich habe einige Sachen fortwerfen müssen, um nur den Transport der wichtigsten Waaren zu ermöglichen. Farquhar ist zu krank, um zu gehen und muss daher einen Esel zum Reiten haben. Nach Verlauf einiger weniger Tage werden sie aber sämmtlich todt sein; dann muss ich entweder mehr als 20 neue Pagazi für die Waaren haben oder Wochen lang auf den Transport warten. Und angesichts einer solchen Lage können Sie noch murren und an meinem eigenen Tische Verwünschungen gegen mich ausstossen? Haben Sie Ihre Stellung wohl überlegt? Wissen Sie, wo Sie sind? Wissen Sie, dass Sie mein Diener und nicht mein Kamerad sind?“
„Verflucht sei so ein Diener“ -- sagte er.
Aber ehe noch Herr Shaw seinen Satz zu Ende bringen konnte, lag er lang auf den Boden hingestreckt.
„Ist es nöthig, dass ich noch weiter gehen muss, um Sie zu lehren?“ fragte ich.
„Ich will Ihnen sagen, wie die Sache steht“, erwiderte er aufstehend. „Ich denke, ich thäte besser daran, umzukehren. Ich habe genug gehabt und beabsichtige, Sie nicht weiter zu begleiten. Ich bitte Sie also um meine Entlassung aus Ihrem Dienst.“
„Gewiss. Heda, wer ist da? Bombay, komm her!“
Bombay erschien in der Zeltthür und ich sagte ihm: „Brecht das Zelt dieses Menschen ab (auf Shaw weisend). Er will umkehren. Bringt seine Flinte und Pistole in mein Zelt und begleitet ihn und sein Gepäck 500 Schritt zum Lager hinaus und lasst ihn dort.“
In wenig Augenblicken war sein Zelt auseinandergenommen, seine Flinte und Pistolen in meinem Zelt und Bombay kehrte mit vier Bewaffneten zurück, um mir Bericht abzustatten. „Nun gehen Sie, Sie haben volle Freiheit. Diese Leute werden Sie zum Lager hinausbegleiten und Sie und Ihr Gepäck dort allein lassen.“
Er ging also ab in Begleitung der Leute, die ihm sein Gepäck trugen.
Nach dem Frühstück fing ich an, Farquhar auseinanderzusetzen, wie nothwendig es für mich sei, weiterzugehen; wie viele Sorgen ich ohnedies habe, ohne noch an Leute denken zu müssen, die ich angenommen, damit sie an mich und ihre Pflicht dächten; da er krank sei und eine Zeit lang wol nicht im Stande sein werde, zu marschiren, wäre es besser, wenn ich ihn an einem ruhigen Ort unter der Sorgfalt eines guten Häuptlings liesse, der für ihn gegen Entgelt bis zu seiner Wiederherstellung sorgen könne. Auf alles dies ging Farquhar ein.
Kaum hatte ich aufgehört zu sprechen, als Bombay an die Zeltthür kam und sagte: „Herr Shaw möchte Sie gern sprechen.“
Ich ging ans Lagerthor und traf daselbst Shaw, der sehr reuig und beschämt aussah und mich um Verzeihung und die Erlaubniss bat, zurückkehren zu dürfen, wobei er versprach, dass ich an ihm nie wieder etwas auszusetzen haben solle.
Ich streckte ihm die Hand entgegen und sagte: „Sprechen wir nicht mehr davon, mein lieber Junge. Streit kommt in den besten Familien vor. Da Sie um Entschuldigung bitten, so hat es damit sein Ende.“
Als ich an demselben Abend im Begriff war einzuschlafen, hörte ich einen Schuss und eine Kugel flog ein paar Zoll über meinem Körper durch mein Zelt. Ich griff rasch nach meinen Revolvern, stürzte zum Zelt hinaus und fragte die Leute, die um das Wachtfeuer versammelt waren, wer geschossen habe. Sie waren alle über den plötzlichen Schuss erschreckt aufgesprungen.
„Wer hat jenen Schuss abgefeuert?“
Einer von ihnen sagte: „Der Bana mdogo“ (kleiner Herr).
Ich zündete ein Licht an und ging damit in Shaw’s Zelt. „Shaw, haben Sie geschossen?“
Keine Antwort, -- er schien zu schlafen, da er sehr tief athmete.
„Shaw, Shaw, haben Sie den Schuss abgefeuert?“
„Was?“ sagte er, plötzlich aufspringend; „ich? ich feuern? Ich habe geschlafen.“
Ich sah seine Flinte bei ihm liegen, ergriff dieselbe, fühlte daran herum und steckte meinen kleinen Finger in den Lauf. Die Flinte war warm, mein Finger vom verbrannten Pulver schwarz.
„Was ist das?“ fragte ich meinen Finger zeigend. „Die Flinte ist warm. Die Leute sagen mir, dass Sie gefeuert haben!“
„Ach ja“, antwortete er, „jetzt erinnere ich mich. Im Traume sah ich einen Dieb an meiner Thür vorübergehen. Ach ja, ich habe es vergessen. Ich habe wirklich geschossen. Nun, was ist denn dabei?“
„Gar nichts“, sagte ich. „Ich rathe Ihnen aber, in Zukunft, um allen Verdacht zu vermeiden, nicht in mein Zelt oder so sehr in meine Nähe zu schiessen. Ich könnte doch verletzt werden und in dem Falle würden sich üble Gerüchte verbreiten, was unangenehm sein dürfte, wie Sie wol einsehen. Gute Nacht!“
Ueber diese Geschichte machten wir uns alle unsere Gedanken, aber ich habe niemand ein Wort darüber gesagt, bis ich Livingstone traf. Der Doctor lieh meinem Verdacht Worte, indem er sagte: „Er beabsichtigte Sie zu ermorden.“
Was für eine plumpe Art zu morden war das aber! Wenn er es wirklich gethan hätte, so würden meine eigenen Leute ihn so bestraft haben, wie es das Verbrechen verdiente. Im Laufe eines Marsches von Monatsdauer hätten sich ihm tausend bessere Gelegenheiten als diese dazu dargeboten. Ich kann es mir eigentlich doch nur dadurch erklären, dass ich annehme, er sei für den Augenblick geisteskrank gewesen.
Am 16. Mai zogen wir über die Ebene, die zwischen Ugombo und Mpwapwa liegt und sich hin und wieder dicht an einer niedrigen Trappfelsenkette hinzieht, aus der durch irgendwelche heftige Gewalt verschiedene grosse Felsblöcke herausgerissen worden. Auf ihren Abhängen erreicht der Kolquall eine Grösse, wie ich sie nie in Abessinien gesehen habe. Auf der Ebene wachsen Baobab, ungeheure Tamarinden und verschiedenartige Dornsträucher.
Fünf Stunden von Ugombo wand sich der Bergzug nach Nordosten. Wir hingegen verfolgten eine nordwestliche Richtung weiter und gingen auf den erhabenen Gebirgszug von Mpwapwa zu. Zu unserer Linken thürmte sich der gigantische Rubeho in die blauen Wolken. Jetzt wurde es klar, warum wir diesen neuen Weg nach Unyanyembé eingeschlagen hatten, denn dadurch konnten wir die Pässe und steilen Anhöhen des Rubeho vermeiden und hatten nichts schlimmeres zu gewärtigen, als eine breite glatte Ebene, welche sanft nach Ugogo hinabging.
Nach einem Marsch von 15 Meilen lagerten wir in einem trockenen Mtoni, der Matamombo heisst und wegen seiner Pfützen ockerfarbigen Bitterwassers berühmt ist. Affen und Rhinozeros, Kudus, Steinböcke und Antilopen fanden sich zahlreich in seiner Umgegend vor. In diesem Lager starb mein Hündchen Omar an Unterleibsentzündung, fast an der Schwelle des Landes Ugogo, wo seine Treue und Wachsamkeit mir unschätzbar gewesen wären.
Der Marsch des nächsten Tages war gleichfalls 15 Meilen lang. Er ging durch ein unendliches Gewirr von Dornbüschen. Innerhalb zwei Meilen vom Lager führte der Weg über ein kleines Flussbett von der Breite einer Allee direct ins Khambi von Mpwapwa, das dicht bei einigen Bächen reinsten Wassers lag.
Der nächste Morgen fand uns sehr ermüdet nach dem langen Marsch von Ugombo und im allgemeinen geneigt, von den herrlichen Genüssen, die Mpwapwa den direct aus den fliegengeplagten Ländern der Waseguhha und Wadoe kommenden Karavanen bietet, Gebrauch zu machen. Scheikh Thani, der gescheite, arglos redende alte Araber, kampirte hier unter dem angenehmen Schatten einer Mtamba-Sycamore und hatte sich seit seiner vor zwei Tagen erfolgten Ankunft an frischer Milch, prächtigem Hammelfleisch und kräftigem Rinderrücken delectirt. Wie er mir mittheilte, hegte er nicht die Absicht, dieses glückliche, reiche Land sobald mit dem salzigen, salpeterhaltigen Wasser von Marenga Mkali, mit seinen verschiedenen Terekezas und vielfachen Unannehmlichkeiten zu vertauschen. „Nein“, sagte er mir mit Nachdruck, „bleiben Sie lieber zwei oder drei Tage hier; gönnen Sie Ihren ermatteten Thieren Ruhe; sammeln Sie so viel Pagazi, als Sie können. Füllen Sie sich voll mit frischer Milch, süssen Kartoffeln, Rindfleisch, Hammelfleisch, geklärter Butter, Honig, Bohnen, Matama, Maweri und Nüssen; -- dann, Inschallah! wollen wir zusammen ohne Aufenthalt nach Ugogo gehen!“ Da der Rath vollständig mit meinen eigenen Wünschen und meinem grossen Appetit nach den guten Dingen, die er nannte, übereinstimmte, so hatte er nicht lange auf meine Zustimmung zu warten. „Ugogo“, fuhr er fort, „ist reich an Milch und Honig, -- reich an Mehl, Bohnen und fast allen Esswaaren; und, Inschallah! ehe noch eine Woche verstreicht, werden wir in Ugogo sein!“
Ich hatte von durchziehenden Karavanen so viel ungemein günstige Berichte über Ugogo und seine Produkte gehört, dass es mir geradezu als gelobtes Land erschien, und war sehr begierig, meinen angegriffenen Magen mit einigen der in Ugogo erzeugten köstlichen Nahrungsmittel zu erquicken. Als ich aber hörte, dass Mpwapwa gleichfalls leckere Esswaaren darbot, verbrachte ich den grössten Theil der Morgenstunden damit, die geistesträgen Bewohner dazu zu bringen, sich von ihnen zu trennen; und als schliesslich Eier, Milch, Honig, Hammel, Thee, Matamagrütze und Bohnen in hinreichenden Quantitäten, um ein anständiges Mahl zu bereiten, gesammelt waren, wandte ich meine volle Aufmerksamkeit und alle Kochtalente einige Stunden lang dazu an, diese rohen Vorräthe in ein Frühstück zu verwandeln, welches meinem sowol wählerischen als ausgehungerten Magen annehmbar und wohlthuend sein sollte. Die spätere gesunde Verdauung desselben bewies, dass meine Anstrengungen vollständig von Erfolg gekrönt waren. Am Ende dieses ereignissvollen Tages schrieb ich folgende Bemerkung in mein Tagebuch: „Gott sei Dank, nach 57 Tagen, wo ich von Matamabrei und zähem Ziegenfleisch gelebt, habe ich mit salbungsvoller Genugthuung ein wirkliches Frühstück und Mittagessen genossen!“
In einem der vielen kleinen Dörfer, die auf den Abhängen des Mpwapwa liegen, fand ich einen Zufluchtsort für Farquhar, wo er eine Heimat finden konnte, bis er im Stande sein werde, nach Wiederherstellung seiner Gesundheit uns nach Unyanyembé nachzukommen.
Nahrungsmittel gab es hier in Hülle und Fülle und von ausreichender Mannichfaltigkeit, um den Wählerischsten zu befriedigen. Auch waren sie billig, viel billiger, als wir sie an manchem Tag gehabt hatten. Leucole, der Häuptling des Dorfes, mit dem ich Anordnungen zu Gunsten von Farquhar’s Pflege und Bequemlichkeit traf, war ein kleiner alter Mann mit mildem Auge und sehr angenehmem Gesicht, und als ich ihm die Mittheilung machte, dass ich die Absicht habe, den Musungu ganz unter seiner Obhut zu lassen, schlug er mir vor, ich möge einen meiner Leute dazu anstellen, ihn zu bedienen und seine Wünsche den Leuten Leucole’s zu verdolmetschen. Ich hatte schon an diese abermalige Last, welche Farquhar’s Krankheit mir auferlegen könne, gedacht, aber gehofft, dass Leucole mich hiervon gegen eine Extrabezahlung befreien werde. In der Zeit jedoch, die zwischen Farquhar’s und unserer eigenen Ankunft vergangen war, hatte der Häuptling schon hinlänglich erkannt, dass er ganz unfähig sei, die Bedürfnisse eines Menschen wie Farquhar zu befriedigen, welcher darauf bestand, nach jeder Kleinigkeit auf englisch statt auf Kisagara oder Kiswahili zu rufen, und der, wenn er nicht verstanden worden, erst die Eingeborenen auf englisch gründlich verfluchte und, wenn er dies als nutzlos erkannt hatte, in ein hartnäckiges, mürrisches Schweigen zu verfallen pflegte. Keine Geldsumme war gross genug, um Leucole dazu zu bewegen, sich dieser Aufgabe ohne einen Dolmetscher zu unterziehen. Es war nutzlos, über meine Thorheit zu trauern, einen solchen Mann wie Farquhar auf die Expedition mitgenommen zu haben. Er war im Innern von Afrika und krank; mir lag es ob, danach zu sehen, dass er Pflege erhielt. Daher fragte ich Bombay, welchen von unsern Leuten man am besten entbehren könne, um ihn bei Farquhar zu lassen. Zu meinem Erstaunen sagte Bombay: „O Herr, haben Sie uns nach Afrika gebracht, um uns so etwas zuzumuthen? Wir haben unsern Contrakt nicht unterschrieben, um zurückzubleiben, sondern um Sie nach Udschidschi, Ukerewe oder Kairo zu begleiten. Wenn Sie einem der Soldaten befehlen, hier zu bleiben, so wird er nur so lange gehorchen, als Sie da sind, -- nachher wird er weglaufen. Nein, nein, Herr, das geht nicht!“ -- Trotz Bombay’s Versicherungen, die ich zwar keine Ursache hatte zu bezweifeln, fragte ich einen jeden meiner Leute persönlich, ob er bereit sei, zurückzubleiben und den kranken Musungu zu bedienen.
Von jedem erhielt ich eine verneinende Antwort, die sehr entschieden abgegeben wurde, und sie führten als Grund das heftige Betragen des Musungu gegen die drei Soldaten an, die seiner Karavane von Bagamoyo ab beigegeben worden. Sie fürchteten ihn, er verfluchte sie bei jeder Gelegenheit und Ulimengo kopirte ihn so getreu und komisch, dass es fast unmöglich war, sich des Lachens zu enthalten. Da jedoch der kranke Mann absolut eines Pflegers bedurfte, so war ich gezwungen, meine Autorität zu gebrauchen, und da Dschako der einzige ausser Bombay und meinem arabischen Dolmetscher Selim war, der englisch sprechen konnte, so wurde jener trotz seiner Einwendungen und Bitten dazu bestimmt und der Häuptling Leucole dadurch zufriedengestellt. Vorräthe an weissen Perlen, Merikani- und Kanikituchen auf sechs Monate und zwei Doti schönen Tuchs als Geschenk für Leucole nach Farquhar’s Wiederherstellung wurden dem letztern von Bombay gebracht und dazu noch ein Karabiner, 300 Patronen, ein Satz Kochgeschirr und 3 Pfund Thee.
Abdullah bin Nasib, den ich hier mit 500 Pagazi und einem Gefolge von arabischen und Waswahili-Satelliten, die sich um diese grosse Persönlichkeit drängten, vorfand, behandelte mich ungefähr in derselben Weise, wie Hamed bin Suleiman Speke in Kasenge behandelt hatte. Von seinen Satelliten gefolgt kam er, ein hochgewachsener, kräftig aussehender Mann von ungefähr 50 Jahren, mich in meinem Lager zu besuchen und fragte mich, ob ich Esel zu kaufen wünsche. Da alle meine Thiere entweder krank oder sterbend waren, so bejahte ich seine Frage bereitwilligst, worauf er mir gnädigst erwiderte, er werde mir so viele, wie ich wünsche, verkaufen und zwar gegen eine Bezahlung, die ich ihm in Wechseln auf Zanzibar geben könne. Ich hielt ihn für einen sehr verständigen und freundlichen Mann, der das Lob, welches ihm in Burton’s „Lake Regions of Central-Africa“ reichlich gespendet wird, vollständig rechtfertigte und behandelte ihn daher mit der Rücksicht, die einem so grossen und guten Manne gebührte. Der Morgen kam und mit ihm ging Abdullah bin Nasib oder „Kisesa“, wie er von den Wanyamwezi genannt wird, mit allen seinen Pagazi, seinem ganzen Gefolge und seinen Eseln nach Bagamoyo ab, ohne mir auch nur ein „Quahary“ oder Lebewohl gesagt zu haben.
An diesem Orte findet man gewöhnlich 10-30 Pagazi, die auf ins Innere ziehende Karavanen warten. Ich war glücklich genug, mir zwölf gute Leute zu verschaffen, die nach meiner Ankunft in Unyanyembé ohne Ausnahme freiwillig sich erboten, als Lastträger auch nach Udschidschi mitzugehen. Da ich die furchtbaren Märsche von Marenga Mkali vor mir hatte, so war ich für diesen glücklichen Zufall sehr dankbar, welcher die Schwierigkeiten, die ich vermuthet hatte, löste, denn ich hatte nur zehn Esel übrig, von denen vier so geschwächt waren, dass man sie als Lastthiere nicht mehr gebrauchen konnte.
Mpwapwa, wie es von den Arabern, die es fertig bekommen, jedes Wort der Eingeborenen zu verderben, genannt wird, heisst bei den Wasagara Mbambwa. Es ist ein Gebirgszug, der sich mehr als 6000 Fuss über dem Meere erhebt, im Norden die ausgedehnte Ebene, die beim See Ugombo anfängt, und im Osten den Theil derselben begränzt, der Marenga Mkali heisst und sich über die Grenze von Uhumba hinaus erstreckt. Mpwapwa gegenüber, in einer Entfernung von etwa 30 Meilen, erhebt sich der Anak-Pic von Rubeho mit mehreren andern hochstrebenden Genossen, welche die langen Züge geradliniger Abdachungen überragen, die von der Ebene von Ugombo und Marenga Mkali sich so regelmässig erheben, als ob sie von ganzen Generationen von Maurern und Steinmetzen ausgehauen wären.
Als ich auf die grünen, von vielen dichtbelaubten Bäumen beschatteten Abhänge von Mpwapwa und seine zahlreichen Bäche blickte, die anmuthig und klar dahinflossen und ausser dichten Gruppen von Gummi- und Dornbüschen riesige Sycamoren und Mimosen mit ihren fallschirmförmigen Laubdächern ernährten, liess ich mir von der Einbildungskraft liebliche Ansichten hinter den hohen Kegeln vormalen und mich in Versuchung führen, den Strapazen eines Ersteigens des Gipfels Trotz zu bieten. Mit einem Blick übersah mein Auge Ebene und Berg in einer Ausdehnung von Hunderten von Quadratmeilen vom Pic Ugombo ins ferne Ugogo hinaus und von Rubeho und Ugogo bis zu den dunkelpurpurnen Weideländern der wilden, unbezähmbaren Wahumba. Die Ebene von Ugombo und die benachbarte von Marenga Mkali, die dem Anschein nach so flach wie das Meer sind, waren hier und da von Hügeln besät, welche die Natur in nachlässiger Eile dahingestreut zu haben schien und die wie Inseln inmitten der braungrünen Fläche aussahen. Wo sich dichte Dschungels befanden, war die Farbe abwechselnd grün und dunkelbraun; wo die Ebene ohne Büsche und Farrnkräuter kahl dalag, hatte sie ein weissbraunes Aussehen, auf welches die vorüberziehenden Wolken hin und wieder ihre tiefen Schatten warfen. Ueberhaupt war diese Seite des Bildes durchaus nicht einladend; denn sie zeigte uns nur zu deutlich die Wüste in ihrem eigensten abschreckenden Charakter. Doch nahm mich vielleicht noch die Erkenntniss gegen dieselbe ein, dass in dieser ungeheuren vor mir liegenden Ebene es nur Wasser gibt, das bitter wie Salpeter und untrinkbar ist. Der Jäger hätte sie für ein Paradies ansehen können, denn in ihren Tiefen gab es allerlei Wild, das ihn mächtig reizen konnte; für den blosen Reisenden aber bot sie einen traurigen Anblick. Näher jedoch am Fusse des Mpwapwa ändert sich das Aussehen der Ebene. Zuerst werden die Dschungels dünner, es erscheinen Lichtungen im Walde, darauf weite kahle Strecken und weiter hin ausgedehnte Felder von kräftigem Holcus, Mais, Maweri oder Bajri, sowie hier und da ein viereckiges Tembé oder Dorf. Noch näher zu uns verliefen schmale Streifen von frischem, jungem Grase und es fanden sich grosse Bäume, die von kleinen Partien angeschwemmten Wiesenbodens umgeben waren. Ein breites Flussbett, das mehrere Wasserläufe enthält, zieht sich durch die durstigen Felder und führt das belebende Element mit sich, das in diesem Theile von Usagara so selten und kostbar ist. Hinab zum Flussbett neigt sich der Mpwapwa, der an einigen Stellen durch grosse Basaltblöcke oder Felsmassen, die von einem jähen Abhang herabgefallen sind, ein rauhes Ansehen gewinnt. Hier klammert sich der Kolquall mit sicherm Halte an und gewinnt seine Nahrung überall, wo es keiner andern Pflanze gelingt; dort zieht sich die kräftige Mimose als grüner, abfallender Wall fast bis zum Gipfel hinan und da weidet -- ein beglückender Anblick für mich, der ihn so lange entbehrt -- zahlreiches Vieh, das der Einsamkeit der tiefen Einschnitte des Gebirgszuges ein angenehmes Leben verleiht.
Den schönsten Anblick jedoch gewährt die nördlich gelegene dichte Gebirgsgruppe, welche, nach Rubeho zu, die vordere Bergreihe wie mit Strebepfeilern stützt. Das ist die Heimat der Winde, die hier entstehen, die jähen Abhänge und einzelnen Pics der Westseite, an Stärke zunehmend, hinabsausen, durch das prairieartige Marenga Mkali brausen und Ugogo und Unyamwezi mit der Gewalt des Sturmes durchtoben. Zugleich ist es die Heimat des Thaus, wo klare Quellen, die durch ihre Musik die bewaldeten Thäler erfreuen und den bevölkerten Bezirk von Mpwapwa bereichern, entspringen. Es wird jedem besser und stärker zu Muthe auf dieser luftigen Höhe, wenn er die reine Luft einsaugt und die Augen an der Mannichfaltigkeit der Landschaft weidet, die sich hier darbietet. Hier blickt man auf ausgedehnte, wiesengrüne Plateaus, glatt abgerundete Gipfel und Bergthäler, die Schlupfwinkel enthalten, welche die Seele eines Eremiten bezaubern können; dort auf tiefe, schreckliche Schluchten, wo ein düsteres Dunkel herrscht, auf zerrissene Abhänge, ungeheuere phantastisch gestaltete Blöcke, die über ihnen hervorragen, sowie auf malerische Landstriche, die alles in sich schliessen, was die Natur an Romantik und Poesie zu bieten hat.
Der Reisende wird Mpwapwa, obgleich er, von der Küste kommend, für die Milch, die es ihm bietet und die er so lange entbehrt hat, dankbar ist, doch stets als einen durch seine Ohrwürmer sehr merkwürdigen Ort im Gedächtniss behalten. In meinem Zelte konnte ich sie zu Tausenden zählen, in meiner Hängematte zu Hunderten, auf meinen Kleidern zu Fünfzigen, auf meinem Hals und Kopf zu Zwanzigen. Die sonstigen Plagen, als da sind Heuschrecken, Flöhe und anderes Ungeziefer, verlieren jede Bedeutung, wenn man sie mit diesen entsetzlichen Ohrwürmern vergleicht. Freilich beissen sie weder, noch reizen sie die Haut, ihre blosse Anwesenheit und Zahl rief jedoch so schreckliche Vorstellungen hervor, dass man dadurch fast toll werden konnte. Wer kommt wol nach Ostafrika, ohne die Erfahrungen von Burton und Speke gelesen zu haben? Wer wird wol, wenn er sie gelesen, sich nicht mit Schrecken der furchtbaren Schilderungen erinnern, die Speke von dieser Pest gibt? Nur meine angestrengte Wachsamkeit hat mich, wie ich glaube, vor ähnlichem Unglück bewahrt.
Nach den Ohrwürmern kommen, was Bedeutung und Zahl betrifft, die weissen Ameisen, deren Zerstörungsvermögen geradezu schrecklich ist. Matten, Tuch, Koffer, Kleider, kurz alles, was ich besass, schien sich am Abgrunde des Verderbens zu befinden, und wenn ich ihre Gefrässigkeit beobachtete, so ängstigte ich mich, dass sie mein Zelt, während ich schlief, auffressen könnten. Dieses war, seitdem ich die Küste verlassen, das erste Khambi, wo ihre Anwesenheit mir Angst verursachte. An allen andern Lagerstätten hatten bisher die rothen und schwarzen Ameisen unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen; in Mpwapwa aber liess sich die rothe Gattung gar nicht blicken und die schwarze war auch sehr selten.
Nachdem wir drei Tage in Mpwapwa gehalten, entschloss ich mich, ohne Aufenthalt nach Marenga Mkali zu marschiren, bis wir Mvumi in Ugogo erreichten, wo ich die Kunst, Tribut an die Wagogohäuptlinge zu bezahlen, erlernen sollte. Der erste Marsch nach Kisokweh wurde absichtlich kurz gemacht, da er nur vier Meilen betrug, um es Scheikh Thani, Scheikh Hamed und fünf bis sechs Waswahili-Karavanen zu ermöglichen, mich in Tschunyo, an der Grenze von Marenga Mkali, zu treffen.
SECHSTES KAPITEL.
DURCH MARENGA MKALI, UGOGO, UYANZI NACH UNYANYEMBÉ.
Ankunft in Tschunyo. -- Bitterwasser. -- Marenga Mkali. -- Sechsunddreissig Stunden lang kein Wasser. -- Gefährlicher Fieberanfall. -- Ankunft in Ugogo. -- Wüthender Pöbel. -- Reichliche Lebensmittel in Mvumi. -- Tribut an den grossen Sultan. -- Der Sultan von Matamburu. -- Marsch nach Bihawana. -- Die Wagogo erhalten Peitschenhiebe. -- Besuch des Sultans von Mizanza. -- Die Wahumba sind ein stattlicher Menschenschlag. -- Ankunft in Mukonduku. -- Abreise. -- Berathschlagung mit den Arabern über die einzuschlagende Route. -- Streit und Trennung von denselben. -- Sie folgen mir. -- Ugogo ein Land voll Bitterniss. -- Ankunft in Kiti. -- Sultan bin Mohammed. -- Halt in Kusuri. -- Erschiessen eines Dieners. -- Schlammfische. -- Ruinen von Rubuga. -- Amir bin Sultan. -- Uebergang über das Mtoni. -- Ankunft in Unyanyembé.
Von Marenga Mkali nach