Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 16
St. Min. Mvumi in Klein-Ugogo 12 30 Mvumi in Gross-Ugogo 4 -- Matamburu 4 -- Bihawana 4 -- Kididimo 2 -- Pembera Pereh 10 -- Mizanza 5 30 Mukondoku 6 30 Munieka 5 -- Mabunguru Mtoni in Uyanzi 8 -- Kiti in Uyanzi 6 30 Msalalo 6 30 Welled Ngaraiso 3 30 Kusuri 3 15 Mgongo Tembo 3 30 Mgongo Tembo Mtoni 3 30 Nghwhalah Mtoni 2 40 Madedita 2 30 Central Tura in Unyamwezi 3 -- Kwala-Fluss 7 -- Rubuga 7 15 Kigwa 5 -- Schisa 7 -- Kwihara 3 --
Der 22. Mai sah Thani’s und Hamed’s Karavanen mit der meinigen in Tschunyo, 3½ Stunden von Mpwapwa, vereinigt. Der Weg von letzterm Ort läuft längs des Saumes des Mpwapwa-Höhenzuges. An drei oder vier Stellen geht er über vorspringende Ausläufer, welche sich von dem Hauptstock des Gebirges abtrennen. Der letzte dieser Bergausläufer, der sich durch einen erhabenen Querfirst mit dem Mpwapwa verbindet, schützt das Dorf Tschunyo, das an der westlichen Seite liegt, vor den Stürmen, welche von den tiefen Abhängen herabbrausen.
Das Wasser von Tschunyo ist ganz besonders schlecht, sodass es durch seine salzige, salpeterhaltige Beschaffenheit der Wildniss, welche Usagara von Ugogo trennt, den Namen Marenga Mkali, Bitterwasser, gegeben hat. Obgleich es ausserordentlich widerlich schmeckt, trinken es Araber und Eingeborene ohne Furcht oder schlechte Folgen zu verspüren, halten aber ihre Lastthiere sorgfältig von den Wassergruben fern. Da ich seine Natur nicht kannte und nicht genau wusste, welche Oertlichkeit mit dem Namen Marenga Mkali bezeichnet wird, liess ich die Esel wie gewöhnlich nach einem Marsch ans Wasser führen und die Folge davon war in hohem Grade verderblich. Was das furchtbare Moor von Makata verschont hatte, vernichteten die Wasser von Marenga Mkali. In weniger als fünf Tagen nach unserer Abreise von Tschunyo oder Marenga Mkali fielen ihnen fünf von den neun Eseln, die mir damals noch übrigblieben, zum Opfer und zwar gerade die fünf gesündesten. Das Wasser schien Harnverhaltung hervorzurufen, denn der Tod von dreien der Thiere war auf diese Ursache zurückzuführen.
Wir bildeten eine ganz imposante Karavane, als wir aus dem ungastlichen Tschunyo ungefähr 400 Seelen stark fortzogen. Dazu hatten wir viele Flinten, Flaggen, Hörner, Trommeln, und machten viel Lärm. Durch Scheikh Thani’s Erlaubniss wurde Scheikh Hamed und mir die Aufgabe zutheil, diese grosse Karavane durch das gefürchtete Ugogo zu führen. Dies war, wie man später sehen wird, eine sehr unglückliche Wahl.
Endlich lag Marenga Mkali, in einer Breite von mehr als 30 Meilen vor uns. Diese Entfernung musste innerhalb 36 Stunden zurückgelegt werden, sodass die Strapazen eines gewöhnlichen Marsches dadurch mehr als verdoppelt wurden. Von Tschunyo nach Ugogo findet man nicht einen Tropfen Wasser. Da eine grosse Karavane von z. B. 200 Seelen selten mehr als 1¾ Meilen in der Stunde zurücklegt, so beansprucht ein Marsch von 30 Meilen eine siebenzigstündige Entbehrung von Wasser und gestattet nur wenig Ruhe. Da Ostafrika meist unbeschränkte Wassermengen besitzt, sind Karavanen nicht gezwungen, aus Mangel an diesem Element zum Muschok Indiens oder dem Khirbeh Aegyptens ihre Zuflucht zu nehmen. Weil sie im Stande sind, die wasserlosen Districte in einigen langen Märschen zu passiren, lassen sie sich für diese Zeit an kleinen Kürbisflaschen voll Wasser genügen und weiden ihre Phantasie an den grossen Mengen, welche sie nach ihrer Ankunft an einem wasserreichen Ort trinken werden.
Der Marsch durch diesen wasserlosen District war sehr eintönig und mich packte ein gefährliches Fieber, welches mir die Eingeweide geradezu zu verzehren schien. Die Wunder von Afrika, welche sich hier in Gestalt von Zebras, Giraffen, Elenn und Antilopen zeigten, die über die strauchlose Ebene gallopirten, hatten für mich keinen Reiz und vermochten es nicht, meine Aufmerksamkeit von der schweren Erkrankung, die mich befallen hatte, abzulenken. Gegen das Ende des ersten Marsches war ich nicht im Stande, auf dem Esel zu sitzen. Auch ging es nicht an, da wir erst den dritten Theil des Weges durch die Wüste hinter uns hatten, vor dem nächsten Tage Halt zu machen. Es wurden daher Soldaten commandirt, mich in einer Hängematte zu tragen, und als die Terekeza am Abend zu Ende war, lag ich in einem lethargischen, völlig bewusstlosen Zustande da. In der Nacht ging das Fieber vorüber und um 3 Uhr morgens, als der Marsch wieder aufgenommen wurde, war ich gestiefelt und gespornt und wieder als Mtongi meiner Karavane anerkannt. Um 8 Uhr morgens hatten wir die 32 Meilen zurückgelegt. Die Wildniss von Marenga Mkali war passirt und wir waren nach Ugogo gekommen, das für meine Karavane ein gefürchtetes, für mich ein gelobtes Land war.
Der Uebergang von der Wildniss in dasselbe war sehr allmählich und leicht. Nur nach und nach wurde das Dickicht dünner; es dauerte lange, bis wir an abgeholztes Land kamen, und als es schliesslich da war, sah man nicht eher Zeichen der Cultur, als bis wir Kräuter und Pflanzen an einigen zur rechten Hand parallel mit unserer Route verlaufenden Bergabhängen erkennen konnten. Dann erst erblickten wir Nutzholz auf den Bergen und weite bebaute Felder, und siehe da, als wir über eine röthliche Erdwelle schritten, die von hohem Unkraut und Rohr bedeckt war, lagen nur wenige Schritt von uns entfernt, gerade quer über unserm Weg, die Matama- und Kornfelder, nach denen wir ausgeschaut; wir waren schon seit einer Stunde in Ugogo.
Der Blick war nicht, wie ich ihn erwartet. Ich hatte mir ein Plateau, mehrere hundert Fuss höher als Marenga Mkali liegend, und eine ausgedehnte Aussicht vorgestellt, die mir Ugogo und seinen Charakter sofort offenbaren sollten. Statt dessen waren wir aber, als wir das hohe Unkraut, welches das vor den bebauten Strecken kommende abgeholzte Land bedeckt hatte, durchzogen, mitten in noch höhere Matamahalme hineingerathen und mit Ausnahme des Blicks auf einige ferne Berge in der Nähe von Mwumi, wo der grosse Sultan lebt, das Haupt des Stammes, dem wir Tribut zahlen sollten, war die Aussicht sehr begrenzt.
In der Umgegend des ersten Dorfes bekamen wir jedoch einige charakteristische Züge von Ugogo flüchtig zu sehen. Da lag eine weite Ebene, bald flach, bald sich leicht erhebend, hier platt wie ein Tisch, dort zu schroffen Hügeln geformt, welche von zahlreichen unebenen, riesigen Felsblöcken starrten, die einer über dem andern aufgeschichtet lagen, als ob Kinder eines Titanengeschlechts hier Häuserbauen gespielt hätten. Wirklich bildeten diese Haufen runder, eckiger und zerrissener Felsen kleine Hügel für sich und sahen so aus, als ob ein jeder von ihnen durch irgendeine heftig wirkende Kraft von unten hinaufgeworfen worden sei. Namentlich war einer derselben in der Nähe von Mvumi so gross und hatte, da er durch die ausgestreckten Zweige eines riesigen Baobab etwas den Blicken entzogen wurde, so grosse Aehnlichkeit mit einem ungeheuren viereckigen Thurme, dass ich längere Zeit die Idee hegte, etwas besonders Interessantes, was sich merkwürdigerweise der Beobachtung meiner Vorgänger in Ostafrika entzogen, entdeckt zu haben. Ein genaueres Hinsehen zerstörte die Illusion und bewies mir, dass es ein grosser Felsenwürfel war, der ungefähr 70 Fuss nach jeder Richtung mass. Die Baobab sind auch in dieser Landschaft besonders hervorstechend, da kein anderer Baum in diesen bebauten Gegenden zu sehen ist. Man hatte sie wol aus zwei Gründen stehen lassen: erstens aus Mangel an geeigneten Beilen, Bäume von so grossem Umfange zu fällen, und zweitens, weil die Frucht des Baobab ein Mehl gibt, das bei Hungersnoth, wenn es nichts besseres gibt, auch geniessbar und nahrhaft sein soll.
Die ersten Worte, die ich in Ugogo hörte, kamen von einem starkgebauten Wagogo-Aeltesten, der seine Heerde träge hütete, aber ein sichtliches Interesse an dem Fremdling bekundete, der in weissen Flanellkleidern, den in Ugogo höchst ungewöhnlichen Hawkes’schen Patent-Kork-Sommerhut auf dem Kopfe, vorbeizog.
„Yambo, Musungu! Yambo Bana, Bana!“ ertönte seine Stimme so laut, dass man sie eine ganze Meile weit hören konnte. Kaum hatte die Begrüssung stattgefunden, als das Wort „Musungu“ sein ganzes Dorf zu elektrisiren schien und die Bewohner andrer Dörfer, die hie und da nicht weit vom Wege lagen, nahmen, als sie die erste herrschende Aufregung bemerkten, an dem allgemeinen tollen Durcheinander theil, das alle plötzlich zu beherrschen schien. Meinen Weg vom ersten Dorf bis Mvumi betrachte ich als einen Triumphzug, denn ich wurde von einem wüthenden, aus Männern, Weibern und Kindern bestehenden Pöbelhaufen begleitet, die fast alle nackt, wie Mutter Eva waren, als sie die Welt zuerst im Garten von Eden erblickte. Sie zankten, stritten und stiessen sich, um den weissen Mann am besten sehen zu können, dergleichen man in diesem Theil von Ugogo noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Doch wurden die Ausrufe der Verwunderung, wie z. B. „Hi le“, die oft verwirrend an mein Ohr schlugen, von mir nicht mit Dank aufgenommen, da ich viele derselben für ungehörig hielt. Achtunggebietendes Schweigen und ein reservirteres Betragen würde mir mehr Hochachtung abgewonnen haben; aber ihr Mächte, die ihr in Usungu die Etikette regelt! -- respectvolles Schweigen, zurückhaltendes Benehmen und Werthschätzung, das sind drei Worte, die man in dem wilden Ugogo nicht kennt.
Bisher hatte ich mich mit einem Bagdader Kaufmann verglichen, der unter den Kurden von Kurdistan herumziehend seine aus Damaszenerseide, Kefiyehs u. dgl. bestehenden Waaren verkauft; aber jetzt musste ich ein niedrigeres Bild wählen und mich für nicht viel besser als den Affen in der zoologischen Sammlung des Central-Parks halten, dessen komische Grimassen so ungeheures Gelächter bei den jungen New-Yorkern hervorrufen. Einer meiner Soldaten bat sie, ihr furchtbares Geschrei und Lärmen etwas zu mässigen, aber das böse Gesindel gebot ihm, stillzuschweigen, da es unwürdig sei, so mit den Wagogo zu sprechen. Als ich mich flehentlich in dieser Verlegenheit an die Araber um Rath wandte, sagte der alte, stets weltkluge Scheikh Thani: „Beachten Sie jene nicht; es sind Hunde, die nicht nur bellen, sondern auch beissen.“
Um 9 Uhr morgens waren wir in unserm Boma in der Nähe des Dorfes Mvumi, aber auch hierher kamen Mengen von Wagogo, um sich den Musungu etwas anzusehen, dessen Anwesenheit alsbald im ganzen District von Mvumi bekannt wurde. Zwei Stunden später hatte ich ihre Bemühungen, mich zu sehen, ganz und gar vergessen; denn trotz wiederholter Dosen von Chinin hatte mich das Mukunguru fest gepackt. Am nächsten Tage fand ein Marsch von acht Meilen von Ost- nach West-Mvumi statt, wo der Sultan des Bezirks wohnt. Die Menge und Mannichfaltigkeit der in unser Boma gebrachten Lebensmittel straften die Berichte über die Erzeugnisse von Ugogo nicht Lügen. Saure und süsse Milch, Honig, Bohnen, Matama, Maweri, Mais, Ghee, Erbsennüsse und eine Sorte von Bohnennüssen, die grossen Pistazien oder Mandeln sehr ähneln, Wassermelonen, Kürbisse, Muss-Melonen und Gurken wurden uns gebracht und bereitwilligst gegen Merikani, Kaniki, weisse Merikaniperlen und Sami-Sami oder Sam-Sam umgetauscht. Das Handel- und Tauschgeschäft, das vom Morgen bis zur Nacht vor sich ging, erinnerte mich an die unter den Gallas und Abessiniern vorkommenden Gebräuche. Im Osten mussten Karavanen ihre Leute mit Tuch aussenden, um bei den Dorfbewohnern Einkäufe zu machen. Dies war in Ugogo nicht nöthig, wo die Leute jeden Verkaufsartikel, den sie besassen, aus freien Stücken ins Lager brachten. Das kleinste Stückchen weissen oder blauen Tuchs, ja sogar ein abgetragenes, fadenscheiniges Lendentuch liess sich verkaufen und nützlich beim Einkauf von Nahrungsmitteln verwerthen.
Am Tage nach unserm Marsch war Rasttag. Wir hatten ihn dazu bestimmt, dem grossen Sultan von Mvumi den Tribut zu überbringen. Der kluge und vorsichtige Scheikh Thani übernahm die Erledigung dieser wichtigen Pflicht, deren Unterlassung ein Zeichen zum Kriege gewesen wäre. Hamed und Thani schickten zwei treue, mit den Eigenthümlichkeiten des Wagogo-Sultans genau vertraute, redegewandte Sklaven, die eine grosse Zungenfertigkeit und wirklichen Instinct für den unter den Orientalen üblichen Handel besassen, zu ihm. Sie trugen 6 Doti Tuch, nämlich 1 Doti Dabwani Ulyah und 1 Doti Barsati von mir, 2 Doti Merikani Satine von Scheikh Thani und 2 Doti Kaniki von Scheikh Hamed als erste Abzahlung des Tributs hin. Sie blieben eine ganze Stunde fort, kehrten aber, nachdem sie ihre Ueberredungskunst umsonst angewandt hatten, mit dem Verlangen nach mehr zurück, was Scheikh Thani mir in folgender Weise mittheilte:
„Ach, dieser Sultan ist ein sehr, sehr böser Mann. Er sagt, der Musungu ist ein grosser Mann, ich nenne ihn sogar einen Sultan. Der Musungu ist sehr reich, denn mehrere seiner Karavanen sind schon vorbeigezogen. Der Musungu muss 40 Doti bezahlen und die Araber jeder 12 Doti, denn sie haben reiche Karavanen. Es ist unnütz, dass Ihr mir sagt, Ihr bildet alle eine Karavane, denn wozu habt Ihr dann so viel Flaggen und Zelte? Geht und bringt mir 60 Doti, mit weniger bin ich nicht zufrieden.“
Nachdem ich dieses unverschämte Verlangen erfahren, gab ich Scheikh Thani zu verstehen, dass ich 20 mit Winchester-Repetir-Gewehren bewaffnete Wasungu habe und den Sultan zwingen könne, mir Tribut zu zahlen. Thani aber bat mich dringend, vorsichtig zu sein, damit nicht böse Worte den Sultan reizen und dazu veranlassen könnten, einen doppelten Tribut zu fordern, wozu er wol im Stande sei; „und wenn Sie den Krieg vorzögen, so würden alle Ihre Pagazi desertiren und Sie sammt Ihrem Tuch den Wagogo auf Gnade und Ungnade überlassen.“ Ich beeilte mich aber, seine Befürchtungen zu beschwichtigen, indem ich Bombay in seiner Gegenwart sagte, ich habe dieses Verlangen seitens der Wagogo vorhergesehen, daher 120 Doti Tributtuche beiseite gelegt und werde mich nicht für sehr beeinträchtigt halten, wenn der Sultan mir 40 Doti Tuch abfordere und ich sie wirklich bezahle. Deshalb solle er den Hongaballen aufmachen und von Scheikh Thani die vom Sultan gewünschten Tuche herausnehmen lassen.
Nachdem Scheikh Thani sich die Mütze der Ueberlegung aufgesetzt und mit Hamed und seinen treuen Bedienten zu Rath gegangen war, meinte er, wenn ich 12 Doti bezahlen wolle, von denen 3 von Ulyah-Qualität wären, werde der Sultan wol geruhen, unsern Tribut annehmbar zu finden, in der Voraussetzung, dass er durch die beredten Worte der Getreuen sich überreden lassen werde, der Musungu habe nichts weiter bei sich, als das Maschiwa (Boot), das jenem von keinerlei Nutzen sein werde, es komme was da wolle. Auf diesen klugen Rath, von dessen Weisheit er überzeugt war, ging der Musungu ein.
Die Sklaven entfernten sich, diesmal mit 30 Doti und unsern besten Glückwünschen, aus unserm Boma. Nach einer Stunde kehrten sie zurück mit leeren Händen, aber ohne Erfolg. Der Sultan verlangte von dem Musungu noch 6 Doti Merikani und 1 Fundo Bubu, von den Arabern und andern Karavanen dagegen noch 12 Doti. Zum dritten male gingen die Sklaven ins Tembé des Sultans ab, mit 6 Doti Merikani und 1 Fundo Bubu von mir und 10 Doti von den Arabern. Doch wiederum kehrten sie mit den Worten des Sultans zurück: „Die Doti des Musungu hätten zu kurzes Maass und das Tuch der Araber wäre von elender Beschaffenheit, daher müsse der Musungu ihm noch 3 gut gemessene Doti und die Araber 5 Doti Kaniki senden.“
Meine 3 Doti wurden sofort mit dem längsten Vorderarm, dem Kigogo-Maasse, ausgemessen und durch Bombay abgesandt, aber die Araber erklärten fast verzweifelt, sie wären ruinirt, wenn sie sich solchen Anforderungen fügten, und schickten nur 2 von den 5 Doti mit der inständigen Bitte an den Sultan, er möge das Bezahlte als gerechtes und billiges Muhongo ansehen und nicht noch mehr verlangen. Der Sultan von Mvumi war jedoch keineswegs geneigt, diesen Vorschlag in Erwägung zu ziehen, sondern erklärte, er müsse noch 3 Doti bekommen und zwar 2 von Ulyahtuch und 1 von Kitambi Barsati, die ihm denn auch, da er durchaus darauf bestand, unter den heftigsten Verwünschungen Scheikh Hamed’s und den verzweifeltsten Seufzern Scheikh Thani’s übersandt wurden.
Ueberhaupt muss das Sultanat eines Districts in Ugogo sehr lohnend und eine prächtige Sinecure so lange sein, als der Sultan es mit feigen arabischen Kaufleuten zu thun hat, die sich scheuen, eine Spur von Unabhängigkeit und Selbstvertrauen an den Tag zu legen, um nur nicht noch mehr Strafe an Zeug zu zahlen. An einem Tage erhielt der Sultan von einem einzigen Boma 47 Doti, die aus Merikani, Kaniki, Barsati, Dabwani bestanden im Werthe von 35¼ Dollars, und ausserdem noch 7 Doti feiner Tuche (Rehani, Sohari und Daobwani-Ulyah), sowie 1 Fundo Bubu, im Werthe von 14 Dollars, zusammen also 49¼ Dollars, eine ganz anständige Summe für einen Mgogohäuptling.
Am 27. Mai schüttelten wir mit Freuden den Staub von Mvumi von den Füssen und setzten unsern Weg nach Westen fort. In der letzten Nacht waren fünf meiner Esel an den Wirkungen des Wassers von Marenga Mkali gefallen. Ehe ich das Boma von Mvumi verliess, ging ich, mir ihre Kadaver anzusehen, fand aber, dass ihr Fleisch von den Hyänen vollständig aufgefressen und die Knochen sich im Besitz einer grossen Schaar weisshalsiger Krähen befanden.
Als wir die zahlreichen Dörfer durchzogen und wahrnahmen, dass das ganze Land wie ein ungeheures Kornfeld aussah, und ferner die am Wege stehenden Leute zählten, die ihre gierigen Blicke am Musungu weiden wollten, wunderte ich mich nicht mehr über die Erpressungen der Wagogo. Denn offenbar durften sie blos ihre Hände ausstrecken, um sich den ganzen Reichthum meiner Karavane anzueignen, und ich fing an, besser von dem Volke zu denken, das seiner Kraft sich wohl bewusst, doch keinen Gebrauch von ihr macht, sondern intelligent genug ist zu begreifen, dass es in seinem Interesse liegt, Karavanen vorbeiziehen zu lassen, ohne eine Rechtsverletzung an ihnen zu versuchen.
Zwischen Mvumi und dem District des nächsten Sultans, Matamburu, zählte ich nicht weniger als 25 Dörfer, die über der lehmigen, farbenreichen Ebene ausgestreut lagen. Trotz der unwirthlichen Natur der Ebene waren sie besser gebaut, als irgendein Theil des Landes, das ich seit Bagamoyo gesehen hatte.
Als wir schliesslich in unserm Boma in Matamburu ankamen, erwarteten uns dieselben Gruppen neugieriger Leute, dieselben verwunderten Blicke, dieselben Ausrufe des Erstaunens, dasselbe Gelächter über Dinge, die sie an der Kleidung und Manier des Musungu lächerlich fanden, wie in Mvumi. Da die Araber „Wakonongo“-Reisende waren, die sie alle Tage sahen, waren diese vollständig befreit von den Belästigungen, die wir auszustehen hatten.
Der Sultan von Matamburu, ein Mann von herkulischer Gestalt und einem Kopf, der gut zu seinen Schultern passte, die sich mit denen des Milo vergleichen liessen, erwies sich als ein sehr verständiger Mann. Nicht ganz so mächtig wie der von Mvumi, besass er doch einen schönen Theil von Ugogo, etwa 40 Dörfer, und er hätte, wenn er dazu Lust gehabt, die feilen Seelen meiner arabischen Begleiter in derselben Weise, wie der von Mvumi, drücken können. Vier Doti Tuch wurden ihm als erster seiner Grösse dargebrachter Tribut hingesandt, die er anzunehmen versprach, wenn die Araber und der Musungu ihm noch vier schicken würden. Bei so billigem Verlangen wurde diese Angelegenheit bald zu jedermanns Zufriedenheit beendet, und nicht lange darauf liess Scheikh Hamed’s Kirangozi das Signal zum morgigen Marsche ertönen.
Auf Befehl eben dieses Scheikhs erhob sich der Kirangozi, um vor der versammelten Karavane eine Rede zu halten. „Worte, Worte von dem Bana!“ rief er aus. „Leiht mir Euer Ohr, Kirangozi! Hört es, Ihr Kinder von Unyamwezi! Morgen ist Reisetag! Der Weg ist krumm und schlecht, schlecht! Da liegen Dschungels und viele Wagogo sind darin verborgen! Wagogo tödten Pagazi mit Speeren und schneiden denen die Hälse ab, welche Mutumba (Ballen und Uschangaperlen) bei sich führen! Die Wagogo sind bei uns im Lager gewesen; sie haben Euere Ballen gesehen; heute Abend suchen sie die Dschungels auf; morgen wachet gut, o Wanyamwezi! Haltet Euch eng beisammen, bleibt nicht zurück! Die Kirangozi werden langsam gehen, damit die Schwachen, die Kranken und die Jungen mit den Starken Schritt halten können! Machen wir zweimal Rast auf dem Wege! Dieses sind die Worte des Bana (Herrn). Hört Ihr sie, Wanyamwezi?“ (Ein lautes bejahendes Geschrei erhebt sich aus allen Kehlen.) „Versteht Ihr sie wohl?“ (Wiederholter Zuruf.) „Dann Bas!“ Nach dieser Rede zog sich der beredte Kirangozi in die dunkle Nacht und seine Strohhütte zurück.
Der Marsch nach Bihawana, unserm nächsten Lager, war beschwerlich, führte uns durch ein ununterbrochenes Dickicht von Gummi- und Dorngebüschen, steile Berge hinauf und schliesslich über eine glühende Ebene, auf der die Sonne heisser und heisser wurde, wie sie sich dem Meridian näherte, bis sie schliesslich alles Leben aus der todten Natur herauszusengen schien und die ganze Landschaft in einer solchen weissen Glut dalag, dass sie den umsonst vor dem grellen Licht Schutz suchenden schmerzhaften Augen unerträglich wurde. Mehrere versandete Wasserläufe, auf denen manche Spur von Elefanten eingedrückt war, passirten wir auch auf diesem Marsche. Diese Strombetten neigten sich abwärts nach Südost und Süden.
In der Mitte dieser brennenden Ebene standen die Dörfer von Bihawana, die wegen der ungewöhnlichen Niedrigkeit ihrer Hütten fast gar nicht zu sehen waren. Sie erreichten nämlich nicht die Höhe des hohen ausgebleichten Grases, das in der übermässigen Hitze rauchend dastand.
Unser Lager befand sich in einem grossen etwa eine Viertelmeile von des Sultans Tembé gelegenen Boma. Bald nachdem ich im Lager ankam, wurde ich von drei Wagogo besucht, welche mich fragten, ob ich nicht unterwegs einen Mgogo mit einer Frau und einem Kinde gesehen hätte. Ich war im Begriff, ganz unschuldig ja zu sagen, als der vorsichtige und stets auf das Interesse seines Herrn bedachte Mabruki mich bat, ihm keine Antwort zu ertheilen, da die Wagogo mich wie gewöhnlich beschuldigen würden, jene beiseite gebracht zu haben und dafür eine Strafe von mir verlangen würden.
Wüthend über den Betrug, den sie mir eben spielen wollten, war ich im Begriff, meine Peitsche zu erheben, um sie aus dem Lager zu prügeln, als mir Mabruki wieder mit brüllender Stimme gebot, mich in Acht zu nehmen, denn jeder Schlag würde mich 3 oder 4 Doti Tuch kosten. Da ich keineswegs wünschte, meinem Zorn auf so kostspielige Weise Luft zu machen, so war ich gezwungen, ihn herunterzuschlucken, und die Wagogo kamen ohne Bestrafung davon.
Einen Tag hielten wir an diesem Ort, und dies war mir sehr lieb, da ich schwer am Wechselfieber litt, das in diesem Falle zwei Wochen dauerte und mich daran hinderte, mein Tagebuch vollständig zu führen, wie ich es sonst jeden Abend nach dem Marsche zu thun pflegte.
Der Sultan von Bihawana begnügte sich, obgleich seine Unterthanen übelgesinnt und zu Mord und Diebstahl bereit waren, mit 3 Doti Tuch als Honga. Von diesem Häuptling erhielt ich Nachrichten über meine vierte Karavane, die sich in einem Kampf mit einigen seiner geächteten Unterthanen ausgezeichnet. Meine Soldaten hatten zwei derselben getödtet, die, nachdem sie einigen Pagazi aufgelauert, einen Ballen Tuch und einen Beutel Perlen zu rauben versucht hatten. Da die Soldaten zur rechten Zeit herankamen, vereitelten sie diesen Versuch vollständig. Der Sultan meinte, es würden weniger Diebstähle unterwegs an den Karavanen verübt werden, wenn sie alle ebenso gut, wie die meinigen, bewacht würden. Mit dieser Ansicht stimmte ich von Herzen überein.