Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 14
Alles ist in Ordnung, aber ich habe ein gut Theil Tuch zur Bezahlung der Pagazis verbraucht. Ein Ballen ist vollständig zu Ende, der Kirangozi war ein verdammter Schuft. Ich habe ihm sein Tuch abgenommen und ihn aus dem Lager gejagt. Er sagte, er würde zu Ihnen gehen. Ich habe Kiranga zum Kirangozi gemacht und ihm 10 Doti gegeben. Die Lebensmittel sind hier sehr theuer; man erhält nur 2 Küchlein für ein Schukka und eine Ziege kostet 5 Doti, und ich kann von hier nicht fort.
Ich habe gestern 6 Pagazis gemiethet und sie mit Uledi weiter geschickt. Dschuma sagte, er sterbe vor Hunger, daher gab ich ihm 2 Ballen Merikani. Er sagt, er wird auf Sie in Ugogo warten. Dschacko ist krank gewesen, ich weiss nicht woran und er kann nichts für mich thun. Wellymingoe ist jetzt mein Koch. Können Sie mir etwas Zucker schicken? Wenn Sie irgend welcher Hülfe bedürfen, so werde ich Ihnen meine Pagazis schicken, denn zwischen der Stelle, wo Sie sich befinden, und diesem Ort starben mir 9 Esel und ich habe nur noch einen übrig. Das Kaniki ist vollständig zu Ende, aber ich habe noch etwas Merikani. Empfehlen Sie mich Herrn Shaw und Selim.
Ihr treuer W. L. Farquhar.“
Dies war die köstliche Antwort, welche ich auf eine besorgte Anfrage in Bezug auf seinen und seiner Karavane Zustand erhielt. Wenn der Mensch vollständig verrückt gewesen wäre, so hätte er kaum etwas Verwirrteres hervorbringen können.
In der ersten Zeile sagt er, dass alles in Ordnung ist, während doch nach den unmittelbar darauf folgenden Worten alles in übelstem Zustande zu sein scheint. Er schickt den Kirangozi wegen einer persönlichen Beleidigung weg und gibt einem meiner Mgwana-Soldaten, der abgesandt war, um die fünfte Karavane zu begleiten, namens Dschumah, auf seine blossen Bitten hin zwei Ballen Merikani, die 150 Dollars in Gold werth sind und 150 Doti enthalten, welche ausreichen, um eine Karavane von 50 Mann von Bagamoyo nach Unyanyembé zu unterhalten. Auch ist all sein Kaniki verbraucht, was für eine grosse Nachlässigkeit spricht. Kurz dieser Brief ist mir vollständig unbegreiflich, wenn Farquhar nicht toll geworden, was festzustellen ich mich eiligst bemühte, als ich in die Umhegung von Kiora trat und sein Zelt auf einem Haufen Ziegenmist erblickte.
Als er meine Stimme hörte, wankte Farquhar aus dem Zelt. Er hatte sich seit der Zeit, wo er als mein schmucker Gefährte aus Bagamoyo abreiste, so verändert, als ob er express von den Wabembe des Tanganika gemästet worden wäre, wie wir es mit Gänsen und Truthühnern zum Weihnachtsfeste zu thun pflegen, und er war so aufgeschwemmt, wie Barnum’s feistes Weib. Mit nicht geringem Erstaunen betrachtete ich die aufgedunsenen Wangen und den angeschwollenen Hals meines Dieners Farquhar. Seine Beine waren auch wuchtig und elefantenartig, denn seine Krankheit war entweder Elephantiasis oder Wassersucht. Das Gesicht war todtenbleich, was sich leicht erklärte, da die Leute mir mittheilten, dass er zwei Wochen lang nicht aus seinem Zelt herausgekommen sei. Er hatte sich ungenirt der Soldaten und Pagazi bedient, da er ihre Dienste für alle Bedürfnisse, bis zum geringsten herab, brauchte. Dafür bezahlte er sie mit einer Ziege pro Tag, wo doch eine Ziege 5 Doti kostete, oder schenkte ihnen an deren Stelle Hühner.
Ich wählte einen luftigen Hügel, der das Dorf Kiora überblickte, als Lagerplatz, und liess, sobald die Zelte aufgestellt, die Thiere besorgt und ein Boma aus Dornbüschen gemacht war, Farquhar durch vier Leute in mein Zelt tragen. Als ich ihn fragte, was die Ursache seiner Krankheit sei, sagte er, er kenne sie nicht und meinte, er habe nirgends Schmerzen. Ich fragte: „Fühlen Sie nicht bisweilen Schmerzen auf der rechten Seite?“ „Ja, ich glaube es, aber ich weiss es nicht.“ „Oder hin und wieder ein rasches Klopfen an der linken Brust und vielleicht Athemnoth?“ „Ja, das kann wol sein. Ich weiss sogar, dass ich bisweilen rasch athme.“ An Verstopfung litt er nicht, sondern gab nur an, dass seine zu einer ungeheuren Grösse angeschwollenen Beine ihm Beschwerden machten, und obgleich er einen wahren Pferdeappetit hatte, fühlte er sich doch schwach auf denselben. Nach den spärlichen Nachrichten über die Krankheit und ihre Eigenthümlichkeiten, wie sie mir Farquhar gab, konnte ich nur durch das Studium eines kleinen medizinischen Buchs, das ich in meiner Bibliothek mit mir führte, herausbekommen, dass „eine Anschwellung der Beine und mitunter des ganzen Körpers entweder von Herz-, Leber- oder Nierenkrankheiten herkommen könne“. Da aber die Darmfunctionen durchaus nicht träge waren, wusste ich nicht, was ich aus der Krankheit machen sollte, wenn es nicht die in Zanzibar so sehr häufig vorkommende Elephantiasis war. Auch wusste ich nicht, wie ich jemand behandeln sollte, der mir nicht sagen konnte, ob er Schmerzen im Kopf, Rücken, Fuss oder in der Brust habe.
Nachdem ich herausgefunden, dass Farquhar’s Krankheit nicht augenblicklich und vorherrschend meine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen habe, machte ich mich daran, über den Inhalt jenes dunkeln Zettels, den er mir nach Rehenneko geschickt und der mich seitdem so sehr beunruhigt hatte, klar zu werden. War aber schon sein Zettel unverständlich, so war Farquhar’s mündliche Mittheilung in Bezug auf den Zustand der ihm anvertrauten Güter noch zehnmal verwickelter und räthselhafter. Seine Erzählung war so verworren, dass sich durchaus gar keine Ordnung hineinbringen liess. Was er gethan oder nicht gethan, was er an Tuch oder Perlen ausgegeben oder nicht, war so unentwirrbar zusammengeworfen, dass ich bei dem Versuch, Ordnung in diesen chaotischen Wortschwall zu bringen, bemerkte, dass ich zu absolutem Blödsinn kam. Die einzige Art, diese Schwierigkeit zu überwinden, bestand darin, persönlich jeden Zeugballen und jede Last Perlen zu untersuchen und durch Vergleichung meiner auf die dritte Karavane bezüglichen Liste festzustellen, was fehlte.
Der Leser wird sich vielleicht erinnern, dass jede Karavane, ehe sie aus Bagamoyo oder einem andern Küstenort ins Innere abgeht, mit ausreichend viel Zeug und Perlen für den Unterhalt von vier Monaten versehen sein muss, ganz abgesehen von dem Tuch, das als Tribut in Ugogo zuzahlen ist, und von den Ballen, für deren Transport der Eigenthümer mit den Pagazi contrahirt hat.
Farquhar’s Karavane bildete keine Ausnahme von dieser Regel, sondern war, da sie von einem Weissen geführt wurde, um seinetwillen ganz besonders begünstigt. Sie bestand aus 23 Mann und 10 Eseln, war mit 120 Doti Merikani und Kaniki und 35 Pfund verschiedener Perlen für den Lebensunterhalt versehen. Da 120 Doti 240 Schukka enthalten und man für 1 Schukka durchschnittlich 25 Kubaba Korn kaufen kann, ein Kubaba aber die Normalration für den einzelnen Mann ist, so ist es ganz selbstverständlich, dass 240 Schukka ausreichten, um die Karavane acht Monate lang mit Korn zu unterhalten. Da man jedoch zur Reise nach Unyanyembé noch keine 120 Tage braucht, so blieben noch 120 Doti Schukka gutes verkäufliches Tuch und 35 Pfund Perlen übrig, mit denen sich der Weisse kleine Leckerbissen, wie z. B. Hühner, Eier und hin und wieder eine Ziege verschaffen konnte.
Als ich nun die Waaren untersuchte, war ich begierig zu wissen, ob sie mit meiner vor der Abreise der Karavane von Bagamoyo geschriebenen Liste übereinstimmten. Das Wiegen, Aus- und Wiedereinpacken derselben nahm eine Stunde in Anspruch, nach deren Ablauf ich den genauen Umfang der Verluste kannte, welche die Expedition durch die Gefrässigkeit und leichtsinnige Sorglosigkeit dieses schwachköpfigen Weissen erlitten hatte. Im Verlauf von 73 Tagen hatte er 240 der für die Provision gegebenen Schukka und 12 Doti farbige Tuche verbraucht, darauf die Ballen angegriffen, aus denen er 82 Doti oder 164 Schukka entnommen und sämmtlich zur Befriedigung seiner Gier nach Ziegenfleisch, Eiern und Federvieh verausgabt hatte. Von allen ihm zum Transport nach Unyanyembé anvertrauten Tuchballen blieben nur zwei unversehrt, alle andern waren für Ziegen oder als Lohn für die Pagazi verbraucht. Neun von seinen Eseln waren schon todt und der letzte war dem Sterben nahe.
Als ich die Ausgaben der aus 43 Seelen und 17 Eseln bestehenden fünften Karavane, welche ich selbst 50 Tage lang geführt, berechnet hatte, stellte sich heraus, dass sie nur 43 Doti oder 86 Schukka betrugen, woraus ich ersah, dass Farquhar’s Verschwendung von so viel werthvollem Tuch nicht zu entschuldigen war. „Man setze einen Bettler auf ein Pferd und er wird zum Teufel reiten,“ dies ist ein Sprichwort, dessen Richtigkeit sich in diesem Falle erwies. Ich hatte ihm einen prachtvollen Zanzibarer Reitesel gegeben, den er zu Tode geritten. Von dem Augenblick an, wo er ein Lager verliess, bis zu dem, wo er im andern ankam, hatte er sich nie dazu verstanden, vom Esel zu steigen, und da er nicht zu reiten verstand, auf dem Rücken des armen Thieres so geschaukelt, dass dasselbe fürchterlich geschunden war und bald danach starb. Hätte er seine Reise nach Unyanyembé -- auf welche Weise weiss ich freilich nicht -- bei seiner Verschwendung fortgesetzt, so wäre kein einziges Schukka Tuch und kein Pfund Perlen übriggeblieben. Es war daher noch ein Glück, dass ich ihn in Kiora einholte, obwol er mir sehr zur Last fiel; denn er war nicht im Stande zu gehen, und nach den traurigen Erfahrungen im Makata-Thal fehlte es an der Möglichkeit, ihn zu Esel zu transportiren. Unmöglich konnte ich ihn in Kiora lassen, wo ihn der Tod bald ereilt hätte, aber wie lange ich einen in solchem Zustande befindlichen Menschen durch ein Land, wo der Transport so schwierig ist, mit mir schleppen könnte, war eine Frage, deren Beantwortung von Umständen abhing.
Am 11. Mai zogen die dritte und fünfte, jetzt vereinigten Karavanen das rechte Ufer des Mukondokwa durch Holcusfelder hinauf. Je weiter wir auf unserm Marsche nach Westen kamen, desto höher wurden die grossen Mukondokwa-Gebirgszüge und sie umgaben uns ringsum in einem engen Flussthal. Wir liessen Muniyi Usagara zur Rechten und stiessen alsbald auf quer über unsern Weg ziehende Ausläufer der Berge, über die wir hinauf und dann wieder hinab steigen mussten.
Ein Marsch von acht Meilen von der Furt von Misonghi brachte uns zu einer andern Furt des Mukondokwa, wo wir dem von Burton benutzten Wege, der den Gomapass und die tiefen Abhänge von Rubeho hinaufführte, auf lange Zeit Lebewohl sagten. Unser Weg verliess das rechte Ufer und folgte dem linken durch ein Land, welches das directe Gegentheil des zwischen Gebirgszügen eingeschlossenen Mukondokwa-Thales ist. Wir hatten einen fruchtbaren Boden und eine üppige Vegetation, die von Miasmen dampfte und durch ihre Gerüche überwältigte, mit einer dürren Wildniss voll Aloe und Cactuspflanzen vertauscht, wo vor allem auch der Kolkwall und verschiedene Dornbüsche gediehen.
Statt auf baumbewachsene Höhenabhänge und Thäler, statt auf bebaute Felder blickten wir jetzt auf das Gebiet einer unbewohnten Wildniss. Die Bergkuppen waren ihrer Laubkronen beraubt und offenbarten ihre von Regen und Sonne gebleichte Felsennatur. Uns gerade zur Rechten stand der Pic Nguru, der höchste der Usagarakegel, als wir den langen Abhang über dunkelgrauem Boden hinaufstiegen, welcher sich jenseits des braunen Mukondokwa zur Linken erhob.
Zwei Meilen von der letzten Furt entfernt fanden wir ein nettes Khambi dicht am Fluss, wo derselbe zuerst eine tosende Stromschnelle bildet.
Als die Karavane sich am nächsten Morgen auf den Marsch vorbereitete, theilte man mir mit, der Bana Mdogo (kleine Herr) Shaw, sei noch nicht mit seinem Karren und den Leuten angekommen. Spät am Abend vorher hatte ich an Shaw, der mir hatte sagen lassen, er sei zu krank um zu Fuss gehen zu können, einen Esel abgeschickt, sowie einen zweiten für die auf dem Karren befindliche Last, und in der Ueberzeugung, dass er bald ankommen werde, mich zur Ruhe gelegt. Als ich am Morgen hörte, dass die Leute noch nicht da seien, schloss ich, dass Shaw nicht wisse, dass wir fünf Tage lang durch eine vollständig unbewohnte Wildniss zu marschiren haben würden. Deshalb schickte ich Tschaupereh, einen Mgwanasoldaten, mit folgendem Zettel an ihn: „Nach Empfang dieses Befehls werfen Sie den Karren und alle überflüssigen Packsättel in die nächste Schlucht und kommen Sie um Gottes Willen sofort, denn wir müssen hier verhungern!“
Mit äusserster Ungeduld wartete ich 1, 2, 3, 4 Stunden auf Shaw, aber umsonst. Da ich noch einen langen Marsch vor mir hatte, so konnte ich nicht länger warten, sondern ging der Gesellschaft entgegen. Ungefähr eine halbe Stunde von der Furt begegnete ich dem Vortrab der Saumseligen, dem starken, kräftigen Tschaupereh und -- hört es ihr Karrenmacher! -- er trug den ganzen Karren sammt Rädern, Gabel und Achse auf dem Kopfe, da er herausgefunden hatte, dass er viel leichter zu tragen, als zu ziehen sei. Der Anblick benahm mir so sehr die Lust, weitere Versuche mit demselben anzustellen, dass ich ihn sofort in die Tiefen des hohen Schilfrohrs schleudern und dort liegen liess. Die Hauptfigur der Gruppe bildete Shaw selbst, der in einer Haltung daher ritt, die es mir zweifelhaft erscheinen liess, ob er oder sein Thier schläfriger sei. Als ich ihn darüber zur Rede stellte, dass er die Karavane so lange habe warten lassen, wo uns doch ein Marsch bevorstände, erwiderte er mir in sehr eigenthümlichem Tone, den er, wenn er schlecht gelaunt war, stets annahm, er habe sein Möglichstes geleistet. Dies musste ich jedoch bezweifeln, da ich den langsamen Schritt, in dem er geritten, gesehen hatte. Ich bat ihn daher, wenn er sein Tempo nicht beschleunigen könne, abzusteigen und den Esel ins Lager vorausgehen zu lassen, damit derselbe für den Marsch beladen werden könne. Natürlich gab es eine kleine Scene; der junge europäische Mtongi einer ostafrikanischen Expedition muss aber natürlich mit den Leuten, die er sich ausgesucht hat, vorlieb nehmen.
Um 4 Uhr nachmittags kamen wir in Madete an, um zwei Esel ärmer, welche ihre müden Glieder im Todesschlaf ausgestreckt hatten. Wir hatten etwa 3 Uhr nachmittags den Mukondokwa überschritten und ich überzeugte mich, nachdem ich Richtung und Verlauf desselben aufgenommen, dass er in der Nähe einer Berggruppe entspringt, die sich ungefähr 40 Meilen nordwestlich vom Pic Nguru befindet. Unser Weg führte uns westnordwestlich und entfernte sich schliesslich an dieser Stelle von dem Flusse.
Nach einem Marsche von 7 Meilen über Berge, deren Sandstein- und Granitformation an verschiedenen Stellen zu Tage trat und deren steiniges, dürres Aeussere sich an jedem Busch und jeder Pflanze widerzuspiegeln schien, und nachdem wir eine Höhe von ungefähr 800 Fuss über dem Spiegel des Mukondokwa erreicht hatten, erblickten wir, am 14., den See Ugombo, eine graue Wasserfläche, die direct am Fuss des Berges lag, von dessen Gipfel wir auf die Landschaft schauten. Der Anblick war gerade nicht besonders schön, aber doch erquicklich. Er bot den vom Verweilen auf der dürren Umgegend ermüdeten Augen eine angenehme Abwechselung. Ausserdem war die unmittelbare Umgebung des Sees zu zahm, um zu Begeisterung anzuregen. Dort gab es keine grossartig anschwellenden Berge oder lachenden Landschaften, -- nichts als einen dunkelbraunen Pic, der sich etwa tausend Fuss hoch über dem Spiegel des Sees an seinem westlichen Ende erhebt. Von diesem entlehnt der See seinen Namen Ugombo. Wir erblickten daselbst nur eine niedrige, dunkelbraune, unregelmässige Bergkette, welche parallel mit seinem nördlichen Ufer in der Entfernung von einer Meile verläuft und eine ebene Fläche, die sich von seinem westlichen Ufer weit nach den Mpwapwa-Bergen und dem Marenga Mkali erstreckt, welche uns aus unserer vorspringenden Ecke sichtbar wurden. Von dieser eintönig dunkelbraunen Landschaft liessen wir gern die Augen auf dem ruhigen, grauen Wasser zu unsern Füssen ausruhen.
Die Contouren des Sees ähneln, nach meiner Ansicht, einer Karte von England ohne Wales. Northumberland liesse sich hierbei mit Recht mit dem westlichen Ende des Sees vergleichen, wo zahlreiche Flusspferde sich vergnügten; die Nordseeküste mit ihren kühnen Bogen und Buchten wäre im kleinen durch die nördlichen Ufer des Sees vertreten, während die östliche, sehr lange Seite desselben fast eine genaue Copie der englischen Küste ist, wie sie von Kent nach Cornwall verläuft.
Vom Gipfel der Bergkette, die den See östlich in einer Länge von etwa 400 Fuss begränzt, herabsteigend, zogen wir am nördlichen Ufer entlang und brauchten dazu von dem östlichen nach dem westlichen Ende genau 1 Stunde 30 Minuten.
Da diese Seite die grösste Länge des Sees darstellt, so schloss ich, dass er drei Meilen lang ist und zwei Meilen im grössten Breitendurchmesser hat. Seine unmittelbaren Ufer bilden auf allen Seiten, in einer Breite von mindestens 50 Fuss von dem Wasserrande, einen unpassirbaren Morast, der üppiges Rohr und Binsen nährt, wo das wuchtige Hippopotamus auf seinen nächtlichen Zügen vom See aus seine wassergefüllten Spuren in den weichen Moorboden hineingearbeitet hat. Auch die kleinern Thiere, wie z. B. der Mbogo (Büffel), die Punda-Terra (Zebra), die Twiga (Giraffe), der Eber, der Kudu, der Hyrax (Kaninchen) und die Antilope kommen hierher, um bei Nacht ihren Durst zu löschen. Die Oberfläche des Sees wimmelt von einer erstaunlichen Menge verschiedener Wasservögel, wie z. B. schwarzen Schwänen, Enten, heiligen Ibissen, Kranichen, Pelikanen; darüber schweben, auf Beute lauernd, Fischadler und Habichte, während die Umgegend von dem lauten Gezwitscher der nach ihren Jungen rufenden Perlhühner, dem widrigen Geschrei des Tukan, dem Girren der Tauben und dem Gekreisch der Eulen widertönt. Aus dem langen Gras der Umgegend erschallt auch das knarrende, laute Geschrei des Florikans, der Waldschnepfe und des Waldhuhns.
Da wir zwei Tage Halt machen mussten, weil der indische Küfer Dschako mit einem meiner besten Karabiner desertirt war, so benutzte ich die Gelegenheit, die nördlichen und südlichen Ufer des Sees zu untersuchen. Am felsigen Fusse eines niedrigen auf der Nordseite belegenen Bergbuckels, der ungefähr 15 Fuss über dem gegenwärtigen Wasserspiegel liegt, entdeckte ich in deutlichen sehr bestimmten Linien die Wirkung der Wellen. Von seiner Basis nämlich konnte man bis an den Rand des Morastes feine Linien zermalmter Schalen so deutlich hervortreten sehen, wie die kleinen Theilchen, welche reihenweis nach dem Rücktritt der Flut am Meeresufer liegen bleiben. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Wellenspuren sich von einem gewandten Geologen auf dem Sandstein noch viel höher hinauf hätten verfolgen lassen; mir jedoch offenbarten sie sich nur in ihren gröbsten Umrissen. Auch bezweifle ich durchaus nicht, nach einer zweitägigen Erforschung der Umgegend und namentlich der niedrigen Ebene am westlichen Ende, dass dieser See Ugombo nur das Schwanzstück eines grossen Wasserkörpers ist, der früher ebenso gross wie der Tanganika war. Nachdem ich die halbe Höhe des Ugombo-Pics erstiegen hatte, bestätigte sich diese Ansicht, als ich die weite gesenkte Ebene erblickte, die sich an seinem Fuss nach den 30 Meilen entfernten Mpwapwa-Bergen hinstreckt und von dort um Marenga Mkali herum die ganze ausgedehnte, 40 Meilen breite Oberfläche, deren Länge unbekannt ist, bedeckt. Wenn der See um 12 Fuss höher wäre, so dachte ich, als ich denselben überblickte, würde er eine Länge von 30 Meilen und eine Breite von 10 Meilen haben. Wäre er aber gar um 30 Fuss höher, so würde sich seine Länge auf 100 Meilen, seine Breite auf 50 vermehren, denn so eben war die Fläche, welche sich westlich von Ugombo und nördlich von Marenga Mkali hinzieht. Das Wasser hatte übrigens etwas von dem bittern Charakter des Matamombo-Flüsschens, das 15 Meilen entfernt liegt, und in etwas geringerm Grade von dem des 40 Meilen abgelegenen Marenga Mkali.
Gegen Ende des ersten Tages unseres Aufenthalts kam unser Hindu Dschako im Lager an und entschuldigte sich damit, dass er vor Müdigkeit in einem wenige Schritte vom Wege entfernten Gebüsch eingeschlafen sei. Da er die Ursache unseres Aufenthalts in der armseligen Wüste von Ugombo war, so befand ich mich nicht in einer Gemüthsstimmung, ihm zu verzeihen. Um ihn also daran zu hindern, uns in Zukunft wieder derartige Streiche durch Weglaufen zu spielen, sah ich mich gezwungen, ihn in die gefesselte Bande der Deserteure einzuschliessen.
Es fielen noch zwei von unsern Eseln; der eine davon war von Farquhar durch seine Körperlast und schaukelnde Reitmethode zu Tode geritten. Um es zu verhindern, dass das werthvolle Gepäck zurückbleibe, sah ich mich genöthigt, Farquhar auf meinem eignen Reitesel in das 30 Meilen entfernte Dorf Mpwapwa unter Aufsicht von Mabruki-Burton zu schicken. Farquhar war durch seine vollständige Unfähigkeit, etwas für sich selbst zu thun, zum Spott der Karavane geworden. Er schrie beständig wie ein krankes Kind nach einem halben Dutzend Menschen, die ihm aufwarten sollten, und wenn sie die englische Sprache, in der er sie anredete, nicht verstanden, so erging er sich in einem Strom der gemeinsten Schimpfworte, wie sie nur je das Ohr eines anständigen Christenmenschen beleidigt haben. Dschako, den ich ihm als Koch beigegeben, als er mit der dritten Karavane abgegangen war, hatte er so furchtbar geprügelt, dass er fast blödsinnig geworden war, und die Wangwanasoldaten fürchteten seine unsinnige Heftigkeit so, dass sie ihm nicht nahekommen wollten. Infolge dessen hörte man Farquhar’s Stimme, die zu keiner Zeit sehr harmonisch war, Tag und Nacht in den schrillsten Tönen zanken.
Sechs Tage lang ertrug ich diese Plage und wenn meine Esel am Leben geblieben wären, hätte ich sie vielleicht noch länger ausgehalten; da sie aber alle sehr schwach waren, und ein Reiter wie Farquhar sie der Reihe nach ruinirt haben würde, war ich wider Willen gezwungen, um die Expedition vom Untergange zu retten, den Schluss zu ziehen, dass es für mich, für ihn und alle Theile besser sei, ihn bei einem freundlichen Dorfhäuptling mit Vorräthen an Tuch und Perlen auf sechs Monate zu lassen, bis er wieder wohler würde, als dass er mich zu Grunde richte und seine eigene Wiederherstellung unmöglich mache.
Am 15., um die Frühstückstunde, wurden Farquhar und Shaw wie gewöhnlich zum Frühstück eingeladen. Aus ihrer mürrischen Begrüssung ging es mir deutlich hervor, dass irgendetwas nicht in Ordnung sei, oder dass etwas passiren würde. Auf den Gesichtern beider Männer lag ein düsterer Ausdruck, welcher mich nichts Gutes ahnen liess. Sie erwiderten mir meinen „Guten Morgen“ nicht, sondern wandten, als ich sie genau ansah, ihre Gesichter ab. Es fiel mir auch ein, dass ihre lebhafte Unterhaltung, von der ich einzelne Laute gehört hatte, sich um mich gedreht haben müsse.
Ich bat sie darauf, Platz zu nehmen.
„Selim“, sagte ich, „bringe das Frühstück.“
Das Frühstück, das aus einem gebratenen Ziegenviertel, geschmorter Leber, einem halben Dutzend guter Kartoffeln, einigen heissen Pfannkuchen und Kaffee bestand, wurde aufgetragen.
„Shaw“, sagte ich, „seien Sie so gut, schneiden Sie das Fleisch und reichen Sie es Farquhar.“
„Was für ein Hundefrass ist das?“ fragte Shaw in der unverschämtesten Art, die man sich vorstellen kann.
„Was meinen Sie?“ fragte ich.
„Ich meine, dass die Art, wie Sie uns behandeln, eine Schande ist,“ sagte er unverschämt, das Gesicht zu mir gewandt. „Ich meine, was mich betrifft, dass Sie mich viel zu viel zu Fuss gehen lassen. Ich dachte, wir würden alle Tage Esel zum Reiten und Leute zu unserer Bedienung haben. Statt dessen muss ich jetzt jeden Tag in der heissen Sonne zu Fuss gehen, bis ich fühle, dass ich lieber in der Hölle sein möchte als in dieser verfluchten Expedition. Ich wünsche, dass jede Seele dieser verdammten Gesellschaft sofort zum Teufel gehen möge! Das wünsche ich wahrhaftig!“