Wie ich Livingstone fand; Erster Band
Part 13
Mit grossem Erstaunen hörte ich diese lange Geschichte an; meine Brust hob sich von verschiedenen widerstreitenden, durch dieselbe hervorgerufenen Empfindungen bestürmt; es war dies alles so ganz anders, als ich vorausgesetzt hatte. Erstens glaubte ich, der Koch werde aufgefunden werden, und hatte durchaus keine Ahnung davon, dass ein grauses Geschick ihm zugestossen sei; ferner bereute ich es, ihn bestraft zu haben und gelobte mir im Geiste, nie wieder ein Mitglied meiner Karavane, wenn es mich auch noch so sehr beraubt habe, fortzujagen, damit es nicht von solch grausamen Mördern getödtet werden könne. Zweitens war ich über das Gebahren der Amazone Simbamwenni höchst erstaunt, denn es war ganz gegen alle Gewohnheit, von einem und demselben Eigenthümer zweimal Tribut zu fordern, und hätte sich das doch anders verhalten, so liessen ihr ja die vier Tage, die ich an dem Ufer des Ungerengeri lagerte, hinreichend viel Zeit, den Irrthum, den ich durch meine Weigerung, Tribut zu bezahlen begangen hatte, wieder gut zu machen; und ich hätte doch bestimmt die Sicherheit meiner Karavane nicht gefährdet, wenn ihre Abgesandten ihr Verlangen wiederholt hätten. Auf dieses Gefühl folgte grosse Entrüstung über den gemeinen an meinen Gewehren verübten Raub, welcher mich dazu hätte veranlassen können, wenn ich näher an Simbamwenni gewesen wäre, an den Vorstädten der Stadt Rache zu nehmen; der Aufenthalt von vier Tagen jedoch, den die Aufsuchung des Kochs veranlasst, hatte meinen Zorn so sehr abgekühlt, dass ich dafür ganz dankbar wurde, dass mich kein grösseres Misgeschick befallen hatte. Drittens verursachte die wohlmeinende Uebertreibung des Scheikh Thani und die jammervollen Erzählungen der drei Soldaten viel Heiterkeit. Am selben Abend noch schrieb ich einen vollständigen Bericht über diesen Vorfall, der durch die erste nach Osten ziehende Karavane dem amerikanischen Consul überbracht werden sollte, damit Seyyid Barghasch die Geschichte von dem unerklärlichen Verschwinden des Kochs von beiden Seiten erfahre.
Dankbaren Herzens verliessen wir unser Lager, wo wir so viel Angst und Aerger ausgestanden hatten, ohne des wüthenden Regens zu achten, der, nachdem er uns die ganze Nacht über durchnässt, unter andern Umständen unsern Eifer für den Marsch einigermassen gedämpft haben würde. Der Weg führte die erste Meile lang über ein röthliches Erdreich und wurde durch sanfte Abhänge nach Osten und Westen trocken gelegt; als wir aber den Schutz lieblicher Wälder, an deren östlichem Rande wir so lange aufgehalten worden waren, verlassen hatten, kamen wir auf eine der Savannen, deren Boden zur Regenzeit so weich wie Koth und klebrig wie dicker Mörtel ist. Hier drohte uns das Schicksal des berühmten Reisenden in Arkansas, der so tief in einen der zahlreichen Sümpfe jenes Landes hineingesunken war, dass man von ihm nichts mehr als seinen hohen, schmalen Cylinderhut erblicken konnte.
Shaw war krank und daher fiel die Pflicht, die vor Ermüdung strauchelnde Karavane weiterzuführen, ganz und gar mir zu. Die Wanyamwezi-Esel blieben wie festgewurzelt in dem Sumpf stecken. Sobald ich einen derselben durch Prügel aus seiner eigensinnig behaupteten Stellung herausgepeitscht hatte, fiel ein andrer sofort nieder und verursachte mir eine Sisyphusarbeit, die unter dem tobenden Regen zum Verrücktwerden war, da ich nur die Hülfe von Leuten wie Bombay und Uledi hatte, welche selbst um ihrer heilen Haut willen dem Sturm und Schmutz nicht Trotz bieten wollten. Zwei Stunden solcher schweren Arbeit gehörten dazu, um meine Karavane über eine 1½ Meilen breite Savanne fortzubringen, und kaum war ich damit fertig und hatte mir zur Beendigung derselben Glück gewünscht, als ich von einem tiefen Graben aufgehalten wurde, der mit Regenwasser von den überschwemmten Savannen angefüllt zu einem bedeutenden brusttiefen Bach geworden war, der rasch dem Makata zufloss. Da mussten denn die Esel abgeladen, durch ein reissendes Wasser geführt und auf der andern Seite wieder beladen werden, eine Operation, welche eine ganze Stunde in Anspruch nahm.
Gleich nachdem wir durch ein Gehölz gezogen waren, hemmte ein andres Gewässer, welches zu einem Fluss angeschwollen war, unsere Weiterreise. Da die Brücke fortgeschwemmt worden, waren wir genöthigt zu schwimmen und unsere Bagage überzuflössen, was uns abermals zwei Stunden aufhielt. Als wir das zweite Flussufer hinter uns hatten, wateten wir bespritzt und bisweilen halb schwimmend durch Koth, vom Wasser triefendes Gras und Matamahalme wankend längs des linken Ufers des eigentlichen Makata, bis ein Weitergehen für den Tag durch eine tiefe Krümmung des Flusses verhindert wurde, über die wir erst am nächsten Tag setzen konnten.
Obwol an diesem fatalen Tage nur sechs engl. Meilen zurückgelegt worden waren, hatte der Marsch zehn Stunden gedauert.
Halb todt vor Strapazen war ich doch glücklich, dass dieselben kein Fieber hervorgerufen hatten, dem man fast nur durch ein Wunder entgehen zu können schien. Denn unter allen mit Wechselfieber heimgesuchten Gegenden nimmt die Makata-Wildniss den ersten Rang ein. Der blosse Anblick der triefenden, in dichte Nebel gehüllten Wälder, des überschwemmten Landes, der langen Schwaden von Tigergras, die durch die trüben Fluten zu Boden gestreckt waren, der Hügel von faulenden Bäumen und Rohrmassen, des angeschwollenen Flusses und des weinenden Himmels waren genug, um das Mukunguru zu erzeugen. Die viel gebrauchten Khambis mit den darum lagernden Schmutzhaufen hätten genügt, um die Cholera hervorzurufen.
Der Makata, ein Fluss, der in der trocknen Jahreszeit nur 40 Fuss breit ist, bekommt in der Masikazeit die Breite, Tiefe und Gewalt eines bedeutenden Stromes. Wenn die Regenzeit ungewöhnlich stark ist, so überflutet er die grosse Ebene, welche sich zu beiden Seiten erstreckt, und verwandelt sie in einen gewaltigen See. Er ist der Hauptzufluss des Flusses Wami, welcher sich zwischen den Häfen Saadani und Whnide ins Meer ergiesst. Ungefähr zehn Meilen nordöstlich von der Makatafurt vereinigen sich der grosse Makata, der kleine Makata, ein namenloses Flüsschen und der Fluss Rudewa; der auf diese Weise entstehende Fluss heisst der Wami. Durch ganz Usagara ist der Wami als Mukondokwa bekannt. Drei dieser Ströme entspringen aus dem halbmondförmigen Usagaragebirge, welches die Makataebene nach Süden und Südwesten begrenzt, während der Rudewa im nördlichen Horne desselben Höhenzugs entspringt.
So rasch floss der Makatafluss und so sehr gefährdete die unsichere darüberführende Brücke, die halb im Wasser vergraben war, unser Eigenthum, dass der Transport desselben von einem Ufer zum andern volle fünf Stunden in Anspruch nahm. Kaum hatten wir alles auf der andern Seite, vom Wasser unbeschädigt, abgeladen, als der Regen in Strömen herunterfloss und alles so durchnässte, als ob es durch das Wasser geschleppt worden wäre. Durch den Sumpf, den ein einstündiger Regen gebildet hatte, weiterzuziehen, war absolut unmöglich. Daher waren wir gezwungen, an einem Ort zu campiren, wo jede Stunde uns neue Plagen bereitete. Einer der Wangwanasoldaten, die ich in Bagamoyo in Dienst genommen hatte, namens Kingaru, benutzte die Gelegenheit, um mit den Habseligkeiten eines andern Mgwana wegzulaufen. Meine beiden Polizisten Uledi (Grant’s Diener) und Sarmean wurden, mit amerikanischen Hinterladern bewaffnet, sofort ausgeschickt, um ihn zu verfolgen. Sie gingen mit einer grossen Geschicklichkeit und Raschheit dabei zu Werke, die guten Erfolg versprach. Nach einer Stunde schon kamen sie mit dem Deserteur heim, den sie im Hause eines Mseguhhahäuptlings, namens Kigondo, gefunden hatten, der etwa eine Meile vom östlichen Ufer des Flusses entfernt wohnte und der Uledi und Sarmean zurückbegleitete, um seinen Lohn zu erhalten und über den Vorfall Bericht zu erstatten.
Nachdem sich Kigondo gesetzt, erzählte er: „Ich sah diesen Mann mit einem Bündel rasch laufen, woraus ich schloss, dass er von Ihnen desertire. Wir, meine Frau und ich, sassen in unserer kleinen Wachthütte und beobachteten unser Korn; da der Weg dicht an uns vorüberführt, musste dieser Mann an uns herankommen. Wir riefen ihm, als er in der Nähe war, zu: «Meister, warum geht Ihr so rasch? Ihr desertirt wol vom Musungu, denn wir wissen, Ihr gehört zu ihm, da Ihr gestern von uns für 2 Doti Fleisch gekauft habt?» «Ja, sagte er, ich laufe weg; ich will nach Simbamwenni gehen. Wenn Ihr mich dorthin führen wollt, so will ich Euch ein Doti geben.» Darauf sagten wir ihm: «Kommt in unser Haus und wir wollen in Ruhe darüber sprechen.» Als er in einem innern Zimmer des Hauses sich befand, schlossen wir ihn ein und gingen wieder auf die Wache hinaus, sagten aber unsern Frauen, dass sie nach ihm sehen sollten. Wir wussten, dass, wenn Sie ihn haben wollten, Sie ihm Askari (Soldaten) nachschicken würden. Kaum hatten wir unsere Pfeife angezündet, als wir zwei mit kurzen Gewehren bewaffnete Leute, die keine Lasten trugen, den Weg daher kommen sahen. Sie blickten hin und wieder auf den Boden, als ob sie nach Fussspuren ausschauten. Wir wussten, dass es die Leute waren, die wir erwarteten, und riefen sie also mit den Worten an: «Was sucht Ihr?» Sie sagten: «Wir suchen einen Mann, der unserm Herrn entlaufen ist. Dies sind seine Fussspuren. Wenn Ihr lange in Eurer Hütte gewesen seid, so müsst Ihr ihn gesehen haben. Könnt Ihr uns nicht sagen, wo er ist?» Wir erwiderten: «Ja, er ist in unserm Hause, wenn Ihr uns begleiten wollt, so wollen wir ihn Euch überliefern, aber Euer Herr muss uns Etwas dafür geben, dass wir ihn gefangen haben.»“
Da Kigonda versprochen hatte, den Kingaru auszuliefern, so blieb für Uledi und Sarmean nichts zu thun übrig, als ihren Gefangenen in Gewahrsam zu nehmen und ihn mit den Leuten, die ihn gefangen genommen hatten, in mein Lager auf das westliche Ufer des Makata zu führen. Kingaru erhielt zwei Dutzend Peitschenhiebe und wurde in Ketten gelegt; Kigondo bekam ein Doti und 5 Khete rothe Korallenperlen für seine Frau.
Der Platzregen, welcher uns an dem Tage, wo wir über den Makata setzten, heimsuchte, war der letzte der Masikazeit. Da der erste Regenguss, den wir bekommen hatten, am 23. März stattfand, und der letzte am 30. April, so dauerte dieselbe 39 Tage. Die Seher von Bagamoyo hatten ihre Prophezeihung in Bezug auf die Masikazeit sehr feierlich dahin lautend abgegeben, dass „der Regen 40 Tage lang ohne Aufhören fallen werde“, während wir nur 18 Regentage gehabt hatten. Trotzdem waren wir froh, dass die Regenzeit vorüber war, denn wir hatten es satt, jeden Tag Halt zu machen, um die Waaren zu trocknen, die Werkzeuge und Eisenwaaren mit Fett zu schmieren und alle Tuch- und Lederartikel sichtlich vor unsern Augen verfaulen zu sehen.
Der erste Mai fand uns, wie wir uns durch Schlamm und Wasser des Makata mit einer Karavane durchschlugen, welche körperlich von den Anstrengungen krank war, die das Uebersetzen über so viele Flüsse und das Waten durch Sümpfe verursacht hatten. Shaw litt noch immer an seinem ersten Mukunguru, das ihn uns in einer neuen und nicht gerade der angenehmsten Weise zeigte. Ausserdem dass er sich gewisser Bedürfnisse, die für die Expedition durchaus nicht angenehm waren, innerhalb des Bereichs unserer Gehörorgane entledigte, nahm er allmählich den Charakter eines chronischen Hypochonders an, der zu allen Zeiten unliebsam, dem Mtongi einer afrikanischen Expedition, die mit Morästen, Regen und einer erkrankten Karavane zu kämpfen hat, geradezu hassenswerth erscheint. Zaidi, ein Soldat, war bedenklich an den Pocken erkrankt; die Kitschumatschuma, „kleinen Eisen“, hatten Bombay quer über die Brust gefasst und machten ihn zum unbrauchbarsten der Dienstunfähigen. Mabruk Salim, ein kräftig gebauter Jüngling, folgte dem Beispiel des Bombay und legte sich auf den Moorboden, simulirte Erbrechen und betheuerte, dass er vollständig unfähig sei, dem Makata-Moor Trotz zu bieten, aber kräftige Hiebe mit einer geflochtenen Lederpeitsche über seine nackten Schultern vertrieben die scheinbare Uebelkeit aus seinem Magen. Abdul Kader, der Hinduschneider und Abenteurer, der schwächste aller Sterblichen, litt immer an Mangel an Force, wie er sich auf französisch ausdrückte, war stets abgeneigt zu arbeiten, hilflos, stellte sich krank, hatte aber fortwährend Hunger. „O, Gott!“, war der Schrei meiner ermatteten Seele, „wenn alle Männer meiner Expedition wie dieser wären, so wäre ich genöthigt zurückzukehren, würde das aber nicht thun, ohne vorher summarische Rache an allen zu nehmen.“ An diesem Tage erprobte ich die vorzüglichen Eigenschaften einer guten Peitsche, und Abdul Kader (möchte er die Geschichte nur seiner ganzen Sippschaft erzählen) wird bestimmt nie wieder einen Weissen nach Afrika begleiten. Salomo war wol theils durch göttliche Eingebung, theils durch Beobachtung weise, ich wurde es durch Erfahrung und bin gezwungen zu bemerken, dass, wenn Schlamm und Nässe die physische Energie der Trägen untergraben hatten, eine Hundepeitsche ihrem Rücken sehr gut bekam und sie zu einer gesunden, bisweilen sogar übermässigen Thätigkeit wieder befähigte.
Dreissig Meilen lang zog sich von unserm Lager aus die Makataebene, ein ausgedehnter Sumpf, dahin. Das Wasser stand daselbst durchschnittlich einen Fuss hoch; an manchen Orten geriethen wir in Löcher von 3, 4 und selbst 5 Fuss Tiefe hinein. Pitsch-Patsch, Pitsch-Patsch waren die einzigen Töne, welche wir vom Anfang unseres Marsches an hörten, bis wir die Bomas fanden, welche die einzigen trockenen Flecken längs der Marschlinie einnahmen. Diese Art Arbeit dauerte zwei Tage, bis wir des Rudewa-Flusses ansichtig wurden, eines zweiten mächtigen Stromes, dessen Ufer von rauschendem Regenwasser überfloss. Als wir über einen Arm des Rudewa gesetzt und aus dem feuchten Schilfgras, das dicht an seinem westlichen Ufer wuchs, herausgekommen waren, zeigte sich uns eine enorme Wasserfläche, aus welcher Gruppen von Grasbüscheln und das Laub einzelner zerstreuter Bäume hervorschaute, und die in einer Entfernung von 10 oder 12 Meilen von dem östlichen Rande des Usagara-Gebirges begrenzt wurde. Auf dem fünf Meilen langen Marsche von dem Arm des Rudewa erreichten wir den Höhepunkt aller Unannehmlichkeiten und Plackereien. Als ich und die Wangwana mit den beladenen Eseln erschienen, sahen wir die Pagazi auf einem Hügel zusammenkauern. Als wir sie fragten, ob dieser Hügel das Lager wäre, sagten sie: „Nein.“ Warum macht Ihr denn hier Halt? „Ach, viel Wasser.“ Der eine zog eine Linie quer über seine Lende, um die Tiefe des Wassers anzugeben, der andre eine quer über die Brust, der dritte quer über den Hals, der vierte hielt gar die Hand weit über seinen Kopf, wodurch er sagen wollte, dass wir würden schwimmen müssen. 9 Meilen durch ein Schilfmoor schwimmen, das war unmöglich. Es war übrigens auch unmöglich, dass so verschiedene Berichte alle richtig sein sollten. Daher gebot ich den Wangwana ohne Zögern mit ihren Thieren weiter zu gehen. Nachdem wir drei Stunden lang durch 4 Fuss tiefes Wasser gespritzt waren, erreichten wir das trockene Land und hatten den Makata-Sumpf hinter uns, aber nicht ohne dass der Morast mit seinen Schrecken einen dauernden Eindruck auf unsere Gemüther hinterlassen hätte. Keiner von uns konnte diese Strapazen vergessen oder den Ekel gegen das Reisen, den er fast erzeugte. Später hatten wir uns dieser Partie noch lebhafter zu erinnern und es zu bedauern, dass wir die Reise während der Masikazeit unternommen hatten, da die Thiere von jetzt an fast täglich zu zweien und dreien krepirten, bis nur fünf kränkliche, ganz heruntergekommene übrigblieben, da die Wangwanasoldaten und Pagazi von unzähligen Krankheiten heimgesucht wurden, und ich schliesslich selbst gezwungen war, mich an einem Ruhranfalle, der mich an den Rand des Grabes brachte, ins Bett zu legen. Ich habe wol mehr gelitten, als nöthig gewesen wäre, wenn ich die richtige Medizin genommen hätte; aber mein zu grosses Vertrauen in die zusammengesetzte Arznei, welche man „Collis Brown’s Chlorodyne“ nennt, verzögerte die Heilung, welche schliesslich durch einen vernünftigen Gebrauch von Dover’schem Pulver bewirkt wurde. In keinem einzigen Falle von Diarrhoe oder acuter Ruhr hat dieses „Chlorodyne“, über das man so viel gesprochen und geschrieben, irgendwie die Wirkung gehabt, den Anfall zu verringern, obwol ich drei Flaschen davon verbraucht habe. Der Ruhr, welche wir uns durch den Uebergang über den Makata zugezogen, fielen nur zwei Individuen zum Opfer und zwar ein Pagazi und mein armes Hündchen Omar, das mich von Indien her begleitet hatte.
Der einzige Baum von Erheblichkeit in dem Makata-Thale war die Palmyrapalme (Borassus flabelliformis) und dieser wuchs an einigen Stellen hinreichend zahlreich, um es als Hain zu bezeichnen. Seine Früchte waren noch nicht reif, als wir vorbeizogen, sonst hätten wir sie als etwas Neues gegessen. Die übrige Vegetation bestand aus verschiedenartigen Dornbüschen und der lieblichen immergrünen Mimose mit ihrem fallschirmförmigen Laubdach.
Am 4. Mai schritten wir eine sanfte Anhöhe hinauf, dem bedeutenden Orte Rehenneko zu, dem ersten Dorfe in Usagara, in dessen Nähe wir lagerten. Es lag am Fuss des Berges und sein Reichthum sowie seine Bergluft versprachen uns Gesundheit und Lebensgenuss. Es war ein viereckiges, dichtgebautes Dorf, um das sich ein dicker Lehmwall herumzog, der kegelförmig zugespitzte Hütten umschloss, welche mit Bambus und Holcushalmen gedeckt waren. Die Bevölkerung belief sich auf ungefähr 1000 Seelen. Es hat mehrere reiche und bevölkerte Nachbardörfer, deren Einwohner in ihren Manieren hinreichend, aber nicht in unangenehmer Weise unabhängig sind. Die Bäche sind hier vom reinsten Wasser, frisch und durchsichtig wie Krystall, und rauschen über runde Kieselsteine und reinen Kies, was dem Ohre des Reisenden, der ein solch lieblich trinkbares Element aufsucht, wie die herrlichste Musik klingt.
In der Nähe von Rehenneko wächst der Bambus bis zu einer Grösse, die ihn stark genug macht, als Zelt- und Achselholz-Stangen verwandt zu werden, und so massenhaft, dass man eine ganze Armee damit versorgen könnte. Die Bergabhänge sind dicht mit Bäumen bewaldet, die sehr gutes Bauholz liefern könnten.
Vier Tage hielten wir an diesem herrlichen Ort, um uns zu stärken und den Kranken und Schwachen Zeit zu geben, sich etwas zu erholen, ehe sie ihre Kräfte an dem Besteigen der Usagara-Gebirge prüften.
Der 8. Mai sah uns mit unsern furchtbar heruntergekommenen Menschen und Thieren die steilen Abhänge der ersten Hügelreihe hinaufziehen. Wir erreichten den Gipfel, von dem wir einen bemerkenswerth grossartigen Anblick genossen, der uns in einem meisterhaften Bilde das breite Makata-Thal mit seinen raschen Bächen zeigte, die wie Silberschnüre aussahen, als die Sonne auf die unbeschatteten Wasserläufe schien. Tausende von anmuthigen Palmen vermehrten den Reiz der Landschaft, und der grosse Wall der durch ihre Höhe und Ausdehnung erhabenen mattblauen Uruguru- und Uswapanga-Gebirge bildet einen geeigneten Hintergrund für eine so ausgedehnte Aussicht.
Nach Westen blickend fanden wir uns in einer Gebirgswelt, in welcher sich Bergspitze hinter Bergspitze, Einschnitt hinter Einschnitt und Gebirgskegel hinter Gebirgskegel zeigte. Nach Norden, Westen und Süden rollten die Gebirgsspitzen wie Glaswogen; in der ganzen Landschaft war kein einziger dürrer oder verbrannter Flecken sichtbar. Das Diorama bot keine plötzlichen Wandelungen oder schlagenden Contraste dar, sondern ein einziger Wald von grünen Bäumen bekleidete sämmtliche Bergspitzen, Kegel und Gipfel.
Für die Leute war dieser erste Marschtag durch die Gebirgsgegend von Usagara ein angenehmes Zwischenspiel nach der langen Reise über die Ebenen und mühsamen Wellenformationen der Seegegend, aber für die beladenen und geschwächten Thiere war es zu viel. Wir hatten zwei davon verloren, als wir in unserm nur sieben Meilen von Rehenneko belegenen Lager angekommen waren, was also die erste Abzahlung unserer Schuld an den Makata bildete. Süsses klares Wasser war reichlich in den tiefen Schluchten der Berge vorhanden, bisweilen floss es über Flussbetten von festem Granit, bisweilen über einen reichen rothen Sandstein, dessen weiche Masse vom Wasser bald durchdrungen, in fein zertheiltem Zustande beständig fortgeschwemmt wurde und das unten befruchten half. In andern Schluchten brauste und donnerte es, wie es über die Granitblöcke und Quarzfelsen dahinstürzte.
Am 9. Mai kamen wir, nachdem wir noch einmal einen derartigen Weg zurückgelegt, der uns die Berge hinauf und in die dämmernden Tiefen der Thäler hinabführte, plötzlich an den Mukondokwa und sein eng geschlossenes Thal, an dessen Ufer üppiges Schilfgras, Rohr und Dorngebüsch dicht gedrängt standen. Hier kämpften knorrige Tamarisken mit ungeheuren Convolvuli, die sich um deren Stämme mit solcher Hartnäckigkeit und Macht wanden, dass jene nur als Stütze für diese gewachsen zu sein schienen.
Das Thal war an einigen Stellen kaum ¼ Meile breit, an andern erweiterte es sich bis auf eine Meile; die Hügel auf beiden Seiten schossen in jähen Abhängen hinauf, welche von Mimosen, Akazien und Tamarisken bekleidet, ein Flussthal einschlossen, dessen mannichfache Krümmungen sich schlangenartig dahinzogen.
Bald nachdem wir in das Mukondokwa-Thal gelangt waren, kamen wir auf die Strasse, die von Burton und Speke im Jahre 1857 zwischen Mbumi und Kadetamare überschritten worden. (Dieser letztere Ort sollte eigentlich Misonghi genannt werden, da Kadetamare nur der Name seines Häuptlings ist.) Nachdem wir dem linken Ufer des Mukondokwa gefolgt, wo unsere Route etwa eine Stunde lang nach allen Richtungen von Südosten nach Westen, Norden und Nordosten verlief, kamen wir an die Furt. Am andern Ufer derselben erreichten wir nach einem Marsch von einer kurzen halben Stunde Kiora.
In diesem schmutzigen Dorfe, dessen Boden reichlich mit Ziegenmist bedeckt und das für einen Weiler, der noch nicht 20 Familien enthielt, von einer erstaunlichen Anzahl Kinder bewohnt war; wo die Sonne auf den beschränkten freien Platz mit einer Glut von mehr als 43° Réaumur herunterschoss, wo Fliegen und bekannte wie unbekannte Insektenarten massenhaft schwärmten, fand ich, wie man mir schon früher mitgetheilt hatte, die dritte Karavane, welche aus Bagamoyo so gut ausgerüstet und mit Vorräthen versehen abgereist war. Ihr Führer nämlich, Farquhar, lag hier krank im Bett mit geschwollenen Beinen (Bright’sche Krankheit infolge von häufigen Ausschweifungen) und war ausser Stande und vielleicht auch nicht Willens, sich zu bewegen, da er die Lage kannte, in welche er seine Karavane gebracht hatte. Als ich in Rehenneko an der Ruhr litt, hatte ich Shaw gebeten, Farquhar zu schreiben, um genaue Auskunft über den Zustand der Karavane zu erhalten, der nach Berichten vorüberziehender Karavanen ein erbärmlicher sein sollte. Daher ermannte sich Shaw zur Abfassung folgenden Briefs:
„Lieber Farquhar!
Auf die Bitte des Herrn Stanley schreibe ich Ihnen, um mir zu vergewissern über alle Ihre Unglücksfälle und was vor eine Quantertät Tuch Sie ausgegeben haben und wie viel Sie ibrig haben, wie viel Esel toht sein und überhaupt alle Einzelheiten. Wie viel Pagazis haben Sie entlassen und wie viel haben Sie bei sich. Was haben Sie mit alle die Bagage gemacht, was die Esel hatten und wer ist Ihr Parangozery. Was fehlt Ihnen. Was fehlt Dschacko und was fehlte die Esel, welche starben. Was vor Bagage haben Sie in Ihrem Lager gelassen. Schicken Sie Sarmean morgen zurick mit Willimingo und Barickca und ausreichende Antwort auf die ibrigen Fragen. In zwei Tagen werden wir bei Sie sein.“
Wie ungrammatikalisch und unorthographisch auch der obige Brief sein mag, so war er mir doch verständlicher, und wird es wol auch dem Leser sein, als die Antwort, welche von dem Führer der dritten Karavane erfolgte und also lautete:
„Lieber Herr Stanley!