Westmark

Part 6

Chapter 63,629 wordsPublic domain

Gustav kam zur Mahlzeit aus seiner Klause herunter, weich gestimmt, müde und in sich gekehrt. Der Blinde erzählte von seinem Aufenthalt in Marburg. Man besprach die überaus drohende Kriegslage und die bedenkliche innerpolitische Zersetzung. In Palästina hatten australische, neuseeländische und indische Truppen der Engländer die Türken geschlagen und nordwärts über Damaskus zurückgedrängt. Bagdad war vom englischen Feinde längst genommen. Der Engländer saß an der nordrussischen Murmanküste. Von Amerika herüber zogen, wie Dämonenscharen, Mannschaften, Munition und Maschinen in schweren Massen nach Frankreich, um die deutsche Westfront zu übermannen. Deutschland war von der See her blockiert und hungerte: in ungeheurer Einkreisung rückten die Vernichtungsheere näher und immer näher. Nun war, völlig unerwartet, die bulgarische Mauer zerbrochen, derart zerbrochen, daß manche Bataillone ohne einen Schuß ihre Stellungen im Stich ließen und davonliefen. Die bulgarischen Parlamentäre standen im Lager der Saloniki-Armee. In wenigen Tagen war die Verbindung mit der Türkei abgeschnitten. Dann mußte auch dieses müde Volk zusammenbrechen!

Nach dem Essen nahm der Geistliche den Blinden an den Arm und wanderte mit ihm und einem leidenden Schulmädchen in das Städtchen zum Augenarzt. Das Kind mit dem dick verbundenen Auge an der linken Hand, den Mann mit der schwärzlichen Brille am rechten Arm -- so zog er durch die gelblichen Weinberge dahin. »Dienen will ich,« dachte er, »nur dienen. Wer bin ich in diesem allgemeinen Zusammenbruch, daß ich mit meinem Schicksal zu hadern wage? Kannst du in deinen Bücherhimmeln selig sein, Famulus Wagner, wenn draußen so viel Herzen und Völker leiden? Ich will das Leid der Gesamtheit mittragen. Ich will wenigstens einigen helfen; ich will mit dem Rettungsboot auf das Wrack hinausfahren und ein paar Leute an Land holen.«

So empfand er. Und von seinen Gesprächen strömte Kraft und fürsorgende Liebe aus.

Abends nach der Heimkehr war noch eine Sitzung: er hatte den Aufsichtsrat der Landwirtschaftskasse zu sich gebeten, die er vor einigen Jahren gegründet hatte. Wohl hätte diese nüchternen Dinge auch ein Gemeindeschreiber besorgen können; doch der war längst gefallen.

Drüben bei Bielers, im Waschhaus, stand und schaffte tagsüber die kleine, straffe, kräftige Fanny, mit Leidenschaft an ihre Arbeit hingegeben. Und abends eilte sie trotz großer Müdigkeit noch an die Schreibmaschine. »Logos und Eros« war der Titel der gelehrten Untersuchung, die sie abschrieb. Jenes griechische Wort hat im Bezirk des Apostels Johannes besonderes Gewicht erlangt und bedeutet ewige Weisheit; das andere war Platos geistigen Gefilden entnommen und heißt Liebe. Sie wunderte sich, daß Onkel Arnold über so schlichtmenschliche Dinge so gewunden und gelehrt schrieb. Aber sie klapperte wacker und gewandt eine ganze Stunde lang, bis ihr das Köpfchen auf die Tasten zu sinken drohte. Worauf sie ihr Lager aufsuchte und schon in der Mitte des Nachtgebetes fest entschlief.

* * * * *

In Rauchgebilden, die sie mit dem Munde formten und in die Luft entließen, saßen Offiziere, Beamte und bürgerlicher Anhang in der Hinterstube des städtischen Gasthofes. Auch ihre Gespräche waren Rauchgebilde, aufsteigend aus den Gehirnen und Worte formend, womit sie ihre letzte Meinung voreinander verbargen.

Unter ihnen saß ein norddeutscher Hauptmann. Seine genauere Berufsart ist für die Gesamtheit des großen Geschehens ebenso belanglos wie sein Name. Einer von vielen. In allem ungefähr das Gegenteil des Hauptmanns Ingo von Stein. Von außen ein Scharfmacher; innerlich haltlos. Der junge Apotheker an seiner Seite war im Innern ein entschiedener Französling, nach außen gemütlich und von geduckter Höflichkeit; auch stets bereit, mit sich Spaß treiben zu lassen, ohne es scheinbar übelzunehmen, da er selber voll Schnurren steckte. Zwischen beiden gab es Abstufungen, anständige, nüchterne Menschen, wie sie in jeder Stadt der Westmark zu finden sind: Altdeutsche und deutschgesinnte Eingeborene, Halbelsässer und Französlinge. Aber keine warme innere Einheit.

Am besten verstanden sich Hauptmann und Apotheker. Rosig und rund gediehen beide in der allgemeinen Nahrungsnot. Sie liebten scharfgewürzte Speisen und scharfgewürzte Späße. Und wenn die anderen verduftet waren, saßen sie noch im dicken Rauch und vergnügten sich an den allersaftigsten Geschichten, wobei selbst die Kellnerin beinahe errötete und beide Gesellen duzend und scherzend ohrfeigte. Der Hauptmann blieb bei alledem wiehernd laut und derb; der Apotheker beschränkte sich auf ein niederträchtiges Schmunzeln.

»Sagen Se mal, Dicker!« pflegte dann der Hauptmann seinen Gesinnungsgenossen anzureden. Der Dicke zwar hätte das Kosewort mit ebensoviel Recht zurückgeben können; aber als Sohn eines immer verbindlich lächelnden Gastwirtes war er auf nichtssagende Höflichkeit eingeübt und nahm sich auch im angetrunkenen Zustande zusammen. Die Spitzen, die er gesprächsweise dem »Schwob« dennoch versetzte, im Bunde mit unechten Schmeicheleien, verstand nur die elsässische Kellnerin. Er wußte immer irgendwie durch Hintertüren Schaumwein, Gänseleberpasteten und ähnliche Kostbarkeiten zu ergattern, wozu er dann den Hauptmann gastfrei einlud. Dieser glaubte sich mit den Eingesessenen bereits vortrefflich angefreundet zu haben, obwohl er erst wenige Monate im Lande war. Er hielt sich für unwiderstehlich; hätte man Leute wie ihn früher gerufen, meinte er selbstgefällig, die Rasselbande der Landesverräter hätte die Knochen ganz anders zusammengenommen. Vom wahren Wesen der Elsässer hatte er keine Ahnung.

Da er zudem ein wenig mit der Zunge anstieß oder sich beim schnellen und schnarrenden Reden verhudelte, so war es dem Apotheker ein leichtes, seine Sprechweise mit stärkstem Lacherfolg nachzuahmen, sobald der andre den Rücken gedreht hatte.

»Woher haben Sie denn nu eigentlich Ihr blaues Auge, Dickerchen?« fragte der Hauptmann. »Sie wollten heut' abend, als die Herren darauf anspielten, nicht recht mit der Sprache heraus. Na nu los!«

Gustavs Schulkamerad zog die Brauen hoch und blinzelte schalkhaft, als ob es sich da um ein ganz besonderes feingewürztes Abenteuer handelte.

Endlich sagte er:

»Das hab' ich Ihnen zu verdanken, Herr Hauptmann!«

»Nanu, wieso denn? Hab' ich Sie in der Bezechtheit verhauen?«

»Das nicht, aber die Sache ist nämlich so. Es ist hier in der Nachbarschaft einer auf Sie eifersüchtig.«

Und nun erzählte der eine Dicke dem andern den Vorfall im Giebelstübchen zu Lützelbronn. Wobei er freilich die Tatsachen boshaft umfärbte. Er vergaß nicht die Fahnenflucht des jungen Bieler und verweilte bei dessen »apart netten« Schwester; er stellte schnalzend fest, der alte Bieler habe einen wohlgefüllten Weinkeller, dessen Geheimnisse eine Untersuchung verlohnten.

»Kenne den Fall ganz genau«, prahlte der Hauptmann, spitzte jedoch die Ohren und stieß Rauchkringel in die Luft. »War schon dort, reiches Haus, sah freilich weder die Kleine noch die Weine -- hübscher Reim, was? Sagen Se 'mal, Dicker, Sie kennen ja das Terrain hierzulande: kann man da 'rankommen?«

* * * * *

Tags darauf stand der Hauptmann in Bielers Wohnstube.

Fanny war aus der Küche herausgeschossen, als sie das Auto vorfahren hörte. Sie war hochrot vom Herdfeuer, trocknete rasch die Hände ab und erregte des Hauptmanns vollkommenes Entzücken. In schneidigen Formen hatte er die anmutige Kleine begrüßt, die aber ihrerseits den Vater rief und wieder an ihre Arbeit ging.

Papa Bieler, mit dem Käppchen in der Hand, war die Höflichkeit selber. Ihm pochte seit seines Sohnes Flucht jedesmal aufs neue das Herz, wenn ein Kraftwagen in sein Hoftor rasselte und Offiziere absetzte.

Er schenkte, nach einigen einleitenden Worten, dem Gast sofort einen kristallklaren Schnaps ein. Und der Hauptmann sah sich mit Behagen in der wohlgetäfelten Bürgerstube um.

»Noch e Schnäpsel, Herr Hauptmann? 's isch e Quetsch.«

»Mit Vergnügen, Herr Bieler! Wie nennen Sie das? Quetsch?«

»Von Zwetschgen gebrannt, verstehn Sie!«

»Ach so, natürlich! Zwetschgenwasser! Famos! Wissen Sie, Herr Bieler, man hat mir Ihre geradezu musterhaften Kellereien gerühmt. Aber ich sehe, Sie verstehen sich auch auf Schnapsbrennerei. Überhaupt: eine urgemütliche Gastfreundschaft hier im Elsaß! Und ein schönes Land, Herr Bieler, ein sehr schönes Land!«

»Ja, ja, Herr Hauptmann, unser Sprüchel hat schon recht:

»Das Elsaß, unser Ländel, Es isch meineidi schön, M'r hewe 's fescht am Bändel Un lonn 's bi Gott nit gehn« ...

Der Hauptmann mußte sich das Mundart-Sprüchlein erst verhochdeutschen lassen, stimmte dann aber lebhaft bei.

»Alle Wetter, ja, stimmt! Hören Sie da oben am Hartmannsweiler Kopf unsre Batterien? Fest am Bändel! Stimmt! Und wenn alle andren Fronten zusammenkrachen, ich sage Ihnen, hier kommen sie nicht durch! Hören Sie, wie das da oben pocht?«

Der Hauptmann spielte auf den Geschützdonner an.

»Ja, ja,« sagte der Weinsticher ernst, »wie Hammerschläge auf einen Sargdeckel.«

»Nicht übel!« nickte der Hauptmann. »Unter Ihrem Käppchen stecken ja anscheinend ganz gute Einfälle. Sargdeckel: die Revanche-Idee wird zugenagelt! Von wem sind denn diese hübschen Teller?«

»Vom Maler Lux.«

»Elsässische Motive?«

»Da die Schlösser von Rappschwihr -- ich mein': von Rappoltsweiler -- da die Burgruine Girbaden -- dort Kaysersberg -- Reichenweier -- nett gemacht! 's isch e Elsässer, der Lux.«

»Und das hübsche Mädel da in der Bauernkappe? Ist das nicht Ihr reizendes Töchterchen, das ich vorhin leider nur auf einen Augenblick zu begrüßen die Ehre hatte?«

»Joh, 's isch 's Fanny. Schad', daß die netten Trachten fast ganz verschwunden sind. Es isch halt nimmer so viel Freud' auf der Welt, Herr Hauptmann.«

»Ein Prachtsmädel! Zum Anbeißen! Wenn man so 'was sieht, möchte man sich ja gleich Knall und Fall in so 'ne hübsche Elsässerin verlieben.«

Bieler lachte kurz auf, stieß das Käppchen auf das linke Ohr und kratzte hinter dem rechten, ging aber auf den Ton ein.

»Ha, jetzt, wissen Sie halt: ein Preuß' als Schwiegersohn« --

»Würde Ihnen ausgezeichnet bekommen! Und das Bild da, der französische Soldat --?«

»So hab' ich einmal ausgesehen. Ich hab' siebzig bei Fröschwiller mitgemacht.«

»Aha, Wörth?«

»Sehen Sie da: den Finger hat mir ein Bayer weggeschossen, Herr Hauptmann. Ich bin Zuave gewesen -- =vous savez: caporal=! Und eine zweite Kugel da in den linken Arm. Am Kirchhof zu Fröschwiller bin ich gelegen bis in die Nacht und fascht gar verblutet -- ah, =bigre=! Na, aber es hat sich wieder gemacht. Mein Handwerk als Winzer oder Winsticher, wie man hierzuland sagt, kann ich auch mit einem halbsteifen Arm besorgen. Lang mach' ich's freilich nimmer; ich verpachte meine Reben; es paßt mir nicht mehr recht, man wird alt. =A propos= wollen Sie meinen Keller sehen, Herr Hauptmann?«

»Sehen Sie, jetzt werden Sie warm, Herr Kriegskamerad! Da braucht man also nur auf den Knopf Fröschweiler zu drücken -- was? Nu sagen Se mal, ist's denn wirklich wahr, daß ihr Elsässer wieder französisch werden wollt? Sprechen Sie mal frisch von der Leber weg! Ich las da neulich, der Maire eines von den Franzosen besetzten Dorfes im Sundgau hätte beim Empfang Poincarés vor Rührung geweint --«

Bieler lachte.

»Oh lala, Plän' von Paris! Wissen Sie, wie das G'schichtel passiert ist? Der Maire hat kein Französisch gekonnt, da hat seine Frau zu ihm gesagt: Dummer Kaib, du fängst an zu weinen -- und richtig: ›=Monsieur le Président=‹, hat er hinausgeschmettert -- so viel hat er nämlich behalten von der Rede, als er den Präsidenten empfangen sollte -- dann ist er stecken geblieben, hat's Nastuch herausgezogen und erbärmlich geweint. Und der Präsident hat ihn umarmt: ›=Embrassez-moi, Monsieur le maire!=‹ und die Pariser Zeitungsleut' han Purzelbaum g'schlagen über den gerührten Maire! Aber sehen Sie, so sind die Franzosen! Sie machen aus allem e =comédie=!«

Der Hauptmann stimmte schallend in Bielers Lachen ein und fuhr dann in seiner etwas gönnerhaft-jovialen Tonart fort: »Aber von den Schwoben wollt ihr auch nicht viel wissen, was? Nu geben Sie mal Ihrem Herzen einen Stoß und sprechen Sie deutsch heraus: was ist denn eigentlich für euch eingesessene Elsässer, für euch widerspenstige, bockbeinige und doch wieder urgemütliche Alemannen ein Schwob? Ihr habt ja selber einmal zum Herzogtum Schwaben und Alemannien gehört! Ihr seid ja selber dickköpfige Schwaben! Also los!«

»Soll ich Ihnen emol e G'schichtel verzählen?«

»Immer los!«

»Unser junger Lehrer -- er ist leider bei Ypern gefallen -- hat einmal in der Dorfschule seine kleinen Kneckes gefragt: Kinder, was ist denn ein Schwob? Da hebt einer den Finger und sagt: Ein Schwob, das ist einer, der als sagt: ›geh' mal weg da!‹ Sehen Sie, das ist für uns Elsässer ein Schwob!«

Die Worte »geh' mal weg da« hatte der Winzer in schneidigstem Kasernenton hinausgedonnert. Der Hauptmann prustete vor Lachen und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. »In Ihnen steckt ja ein tadelloser Feldwebel, Herr Bieler! Na, 's ist aber auch manchmal ganz verdammt nötig, euch Elsässer anzuschnauzen. Lieber den farnesischen Stier zum Rekruten drillen!«

Der Horizont drohte sich zu verfinstern; das Gespräch wurde heikel. Papa Bieler beeilte sich, seine Einladung auf das allerfreundlichste zu wiederholen. Und beide wanderten miteinander in den weitläufigen Keller.

* * * * *

An demselben Tage bat Arnold seinen Sohn um eine Unterredung.

Gustav sah ihn erstaunt an. Vater und Sohn, beide lang und schmal, feldgrau der Junge, dunkel der andre, wanderten wie Schatten im großen Zimmer auf und ab.

»Sieh, Gustav,« begann der Vater mit bewegter Stimme und gütigem Ernst, »wir zwei gehen immer umeinander herum, und unsere Herzen kommen nicht zusammen. Soll ich denn das Trauerspiel, das ich einst mit deiner Mutter erlebt habe, nun auch mit dir auskosten? Du kannst doch das gewiß nicht wollen.«

Gustav wußte nicht recht, worauf der Vater anspielte. Er brachte die einleitenden Worte mit dem neulichen Abend in irgendeine unbestimmte Beziehung.

»Ich habe«, fuhr Arnold fort, »nach dem Besuche des thüringischen Freiherrn eine schwere Nacht durchgemacht. Dieser Mann hat meine Gedankenkräfte aufgewühlt. Ich bin mir vollends bewußt geworden, daß ich auf einem toten Punkt sitze. Wir alle drei sind auf einem toten Punkt, du und Fanny und ich. Wir müssen uns neu beleben und erwärmen, sonst geht unser Seelenleben zugrunde. Am besten wär's, wir wanderten aus, in ein Land, wo man große Gedanken und ein reines Herz ungestört auswirken kann. Hier im Elsaß ist das unmöglich. Hier ist zu viel Haß.«

»Aber wohin?« warf Gustav müd' und schmerzlich ein. »Ist die moderne Welt nicht überall gleich herzlos?«

»Was geht uns die moderne Welt an, Gustav! Hindert sie uns drei, wenigstens untereinander herzlich zu sein? Geben wir einander wirklich, was wir uns geben könnten? Diese Frage habe ich mir neulich in bittrer Nacht vorgelegt. Und ich bin bei dieser Prüfung erschrocken, wie wenig wir uns gegenseitig vor seelischer Einsamkeit schützen. Du hast Fanny durch dein Benehmen tief gekränkt, als sie dich einlud, dem Spiel des Hauptmanns zuzuhören« -- --

»Das war eine Verwechslung, Papa«, beeilte sich Gustav zu versichern.

»Hast du ihr das gesagt? Hast du um Verzeihung gebeten? Nein. Vielmehr verspinnst du dich erst recht in deine Einsamkeit und erwartest, daß wir, immer nur wir dich wieder herausbetteln. Doch wie es in uns aussieht, das kümmert dich nicht. Grenzenlose Ichsucht, Gustav! Doch ich will nicht schelten. Ich möchte dich nur vor dem Irrweg deiner Mutter bewahren. Immer war sie die Gekränkte; immer suchte sie die Ursache ihres inneren Unfriedens in der Umgebung. Nie wird jemand erfahren, wie ich unter ihren Launen gelitten habe. Und wenn sie mich mit pfeilspitzen Worten aufs tiefste verwundet hatte -- ins Schlafzimmer, Tür hinter sich zu, eingeriegelt! Genau wie du! War der Anfall dann vorüber, so weinte sie und schlich beschämt wieder heraus. Ich blieb über Menschenkraft rücksichtsvoll; doch etwas in mir erstarb. Ungern sag' ich das alles; denn es ist ja auch für mich immerdar eine Beschämung, daß ich da nicht helfen konnte. Sie glaubte sich als Elsässerin in Heidelberg verkannt und verfolgt; weil sie Verwandte in Frankreich hatte -- oder was weiß ich weshalb! Aber hier im Elsaß hielt sie's auch nicht aus. Unser altes Grenzlandschicksal: Hans im Schnakenloch! Spürte sie den kommenden Weltkrieg? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß Mangel an Liebe und Mangel an Vertrauen tatsächlich die Wurzeln aller Friedlosigkeit sind.«

»Das liegt so in der ganzen Zeit«, bemerkte Gustav. »Eiskalt alles! Was soll man tun, Papa? Weißt du einen Rat? Ich weiß keinen!«

»Abschütteln die Zeit! Bist du einverstanden, wenn wir drei eine Art Trutzbund gegen die Zeit schließen? Wir wandern in eine kleine Universitätsstadt aus, du, Fanny und ich. Ein Mülhauser Fabrikant will mir schon lang mein Gut Windbühl abkaufen; das bringt ein paar Hunderttausend. Du heiratest Fanny, baust deinen Doktor, tust dich als Privatdozent auf. Unser Geld reicht. Ein Kandidat wartet auch schon auf meine Pfarrei Lützelbronn« -- --

»Und das Elsaß?« unterbrach Gustav erregt. »Unser Elsaß im Stich lassen, Papa?«

»Wichtiger sind mir mein Sohn und seine Braut, jawohl, Gustav! Ich bin Ketzer genug, das zu sagen. Ihr geht mir hier an den Verhältnissen zugrunde. Und dann das Entscheidende, lieber Junge: seit dem bulgarischen Zusammenbruch müssen wir mit Deutschlands Niederlage rechnen. Dann aber wird hier aus allen Ritzen Gesinnungslumperei den einziehenden Franzosen entgegenkriechen. Dann kann der Arbeiter für etliche Sous seinen Liter Rotwein trinken und sein Weißbrot essen, schwingt also nach so langem Hunger begeistert die Trikolore und hat, was er will. Das machen wir nicht mit, Gustav. Wir halten zu dem tapfer erliegenden Deutschland.«

Gustav schritt lebhaft hin und her. Stand es schon so weit mit der deutschen Westmark?

»Das Elsaß im Stich lassen, Papa?!«

»Hätt' ich einen entscheidenden Berufsposten, der für Religion, Sprache, Sitten wichtig wäre, glaub' mir, Gustav, ich bliebe, ich kämpfte! Aber --«

»Erwin wollte einen Elsaß-Bund gründen --«

»Erwin -- das ist etwas anderes. Ja, das soll er tun! Erwin ist jung und spannkräftig. Der beißt es durch. Ja, diese neuelsässische Jugend soll hier deutsche Art und Sprache wachhalten, was auch kommen mag. Aber nicht du, nicht Fanny und nicht mehr ich. Euch beiden will ich leben, meine Kinder, und zwar in reiner Luft! Hier ist Luzifer zu mächtig; hier kann Christi Reich jetzt nicht aufgebaut werden.«

Und Arnold deutete an, daß sich ihm durch den Freiherrn von Stein eine wertvolle Beziehung zu dessen nahem Freunde, dem Oberstleutnant von Trotzendorff in Straßburg, eröffnet habe. Das seien deutsche Menschen, denen das Herz auf dem rechten Fleck sitze. Er werde alles Nötige in die Wege leiten.

So sprachen sie mehr als eine Stunde lang.

Gustav wurde immer wärmer und ging mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit auf seines Vaters Pläne ein. Die Herzen fanden sich. Vater und Sohn schüttelten sich die Hände. Jetzt spürte der Junge, wie tief der Vater sich um ihn sorgte, derart sorgte, daß er auch das heißgeliebte Elsaß zu verlassen willens war, um nur seinen Kindern in reiner Lebensluft Führer zu sein. Noch nie waren sich die beiden so nahe gekommen. Gustavs Krankheitsgefühl war verflogen; die Aussicht, aus all der dumpfen Enge herauszukommen, hatte ihn umgewandelt.

»Und nun will ich dir etwas vorschlagen, Gustav«, schloß der gleichfalls belebte Pfarrer und legte dem Jungen beide Hände auf die Schultern. »Jetzt läufst du stracks zu Fanny hinüber und sagst ihr einige recht, recht gute Worte, gel? Sie ist ja ein so liebes, ein so grundvornehmes Geschöpf! Man kann ihr ja gar nicht genug dankbar sein, wie sie all das Schwere hell und heiter trägt. Ach, Gustav, eine so lebendig liebe Menschenseele ist mehr wert als alle Politik Europas!«

»Du hast recht, Vater! Ich danke dir für diese Stunde. Du glaubst nicht, wie mir diese Aussprache gut getan hat! Ich bin ein ganz neuer Mensch. Und jetzt geh' ich zu Fanny.«

»Setzt gleich den Hochzeitstag fest!« rief ihm der Vater nach.

Der feldgraue Unteroffizier eilte stürmischen Schrittes davon.

Und Arnold schritt noch lange in seinem Zimmer auf und ab, glühend bewegt. Er hatte einen Sturmangriff auf seines Sohnes Herz gewagt; und der Sturm war gelungen.

»Menschen gewinnen« -- das waren die Gedanken, die ihn durchgluteten -- »Herzen in Flammen versetzen, damit sie zu Entschlüssen fähig werden! Ich verstehe den Flammenspender von Golgatha nun auf neue Weise: er hat Wolken hinweggerissen, die uns von der Sonne der Liebe getrennt haben; nun kann die göttliche Wärme wieder herein. Ach, was war ihm das ganze riesige Römerreich mit seiner Weltpolitik! Schattengebilde! Aber die unsterblichen Seelen, die er dem Reich Gottes gewann, die waren ihm alles. Das ist der Sinn der Kreuzigung: wir sind der äußeren Welt gekreuzigt, doch um so funkelnder lebt, liebt, leuchtet das Herz, das ewig ist, das aus dem Kosmos kommt und den schattenhaft dahinrollenden Planeten samt Geburt und Tod sieghaft überdauert« ...

Er nahm den Hut und ging auf Krankenbesuche.

* * * * *

»Fort vom Elsaß?«

Das waren Fannys erste freudig-bange Worte, als Gustav seines Vaters Vorschlag stürmisch vor der Geliebten ausschüttete. Den Vater im Stich lassen, in fremde Umwelt auswandern, in die ungewisse Ferne -- und zwar bald, in wenigen Wochen?! Ihr schoß es heiß in beide Schläfen. Und doch! Und doch war es mehr Glück als Bangigkeit.

Denn wie angenehm verändert war Gustav!

Beide junge Menschenkinder waren allein in der Wohnstube. Unter ihnen, im Keller, probten und tranken der Hausherr und sein Gast. Salome hatte im Garten zu tun; Schauli und sein Schwiegersohn Stürli pochten an den Fässern im Schuppen rüstig herum, denn die Weinlese nahte heran. Es war bedeckter Himmel und ging bereits dem frühen Abend zu.

Der Braut schlug das Herz bis an den Hals hinan vor Freuden über Gustavs zuversichtliche Sprechweise.

»Ja, fort vom Elsaß, Fanny! Wir ersticken hier. Wir müssen in reine Luft. Papa hat recht. Nur diese sogenannte elsässische Frage ist meine Krankheit -- und weiter gar nichts. Wenn ich von hier ganz weg bin, wirst sehen, dann bin ich sofort kerngesund! Das sind ja doch alles nur politische Kleingeister hier, die uns seit Jahrzehnten die Kehle zugeschnürt haben mit ihrer tückischen Französelei. Die haben uns verbittert und vergiftet. Gehst du mit, Fanny? Papa schickt mich geradewegs zu dir herüber, ich soll dich fragen: wir alle drei wollen zusammengehen! Was sagst du dazu?«

Die kleine Fanny schlug mit Kraft beide Arme um den langen Geliebten, überselig in ihrem liebevollen Herzen. Und innig sprach sie zu ihm die Worte der Ruth:

»Wo du hingehst, da will ich auch hingehen!«

Mit stürmischer Nervosität umarmte Gustav das holde Geschöpfchen, neigte sich zu ihr, und sie küßten sich glühend. Fanny konnte sich kaum von dem lang entbehrten Munde trennen. »Lieber, lieber, lieber Gustav« -- so stammelte, so küßte sie -- »du weißt ja, wie ich dich lieb habe! Ich gehe mit dir bis ans Ende der Welt!«

Er tastete nach dem Stuhl, setzte sich und zog die Geliebte auf den Schoß; sie behielt die Arme um seinen Hals, als wollte sie ihn nie mehr loslassen. Es war eine Liebesstunde, glühender als je zuvor; denn Freiheit und Erfüllung schienen nahe wie noch nie.

»Ja, Fanny, ja, das weiß ich, daß du mit mir gehst bis ans Ende der Welt! Und wenn der Stall hier rein ist, dann kommen wir zurück, vollgesogen mit deutscher Kultur und erwärmt durch viele Freundschaften. Ja, dann kommen wir zurück in die Heimat und arbeiten an der elsässischen Volksseele! Aber nicht mit Paragraphen, sondern von innen heraus!«