Westmark

Part 5

Chapter 53,570 wordsPublic domain

Tränen, Gebet und die Gedanken an die Seinen verringerten nach und nach die Seelenspannung. Es floß etwas hinweg. Die Dämonen verließen ihn. Er schaute leichter atmend und nunmehr empfindlich fröstelnd in die kühle Nacht. Ach, war doch am Ende all seine Erregung Unsinn? Hatte nicht Fanny sogar im Winter das Fenster offen? Und dann: unten lag ja der Hofhund; und über ihr schlief Tante Sophie ihren leichten Schlummer; und eine Leiter hätte man doch wohl irgendwo sehen müssen. War doch vielleicht alles nur Einbildung?

Beschämt und müde schlich der Nachtwandler spät nach Hause, legte sich möglichst geräuschlos zu Bett und versank sofort in todähnlichen Schlaf.

* * * * *

Gustavs Nachtgang war bemerkt worden.

Sein Vater lag noch lange Stunden wach, nachdem der thüringische Gast die Gedankenmasse des Elsässers aufgewühlt hatte. Welch eine Wonne und Wohltat ist doch solche Aussprache! Wahrlich, der Mensch braucht den Menschen zur gegenseitigen Belebung; wir alle nähren uns voneinander. Viel Gutes in uns verkümmert, verdorrt, vertrocknet, wenn es nicht durch wechselseitige Elektrizität, durch Gespräche, durch Herzensaustausch zur wärmenden Flamme angefacht wird. Der stille Gelehrte hatte die Empfindung, daß er eine Verjüngung erlebt habe. Er hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden. Und auch das Vertrauen zum deutschen Volke, das er seit Jahren und Jahrzehnten auf ebenso verderblich materialistischen Wegen sah, wie die ganze übrige Welt. Also lebten in Deutschland doch noch Männer, die genau so dachten wie er, sogar im feldgrauen Kriegsgewande? Und also war er nicht allein, nicht ganz allein?! Wie tut es doch bis in das Innerste wohl, sich von einem wertvollen Mitmenschen in seinen eigensten Gedanken und Gesinnungen bestärkt und bestätigt zu fühlen! Es ist eine paradiesische Begegnung, wenn sich zwei Gralsucher die Hände reichen ...

Mitternacht hatte vom Turm geschlagen. Da hörte der Halbwache schleichende Schritte, dann das Knarren der Hintertüre. Jemand ging nach unten, nach dem Garten. Litt Gustav wieder an Schlaflosigkeit? Suchte er nach seiner wunderlichen Weise Mitternachtsstille und lief ein Weilchen im Garten auf und nieder? Der Pfarrer träumte weiter; er drohte einzuschlummern. Da schlug es vom Kirchturm eins -- und noch war Gustav nicht zurück.

Jetzt überkam den Vater des jungen Kranken eine unbestimmte Besorgnis. Er stand auf, kleidete sich einigermaßen an, nahm das Taschenlaternchen und ging hinaus. Die Bodentüre stand offen; er begab sich nach oben und klopfte an. Keine Antwort; aber Licht brannte. Er trat ein; das Zimmer war leer; auf dem Tisch unter der Arbeitslampe lag ein offenes Tagebuch, an dem Gustav geschrieben hatte.

Zwischen Vater und Sohn pflegte mit einer selbstverständlichen Natürlichkeit das Briefgeheimnis gewahrt zu werden. Jetzt aber, in der sorgenvollen Ahnung, daß den Sohn irgendeine Seelenqual umhertreibe, beugte sich der Vater über den Schreibtisch und las die frisch beschriebenen Blätter des sonst sorgsam verschlossenen Geheimbuches.

Er war entsetzt. Wilde Worte, wüste Bilder, jagende Buchstaben! Und alles drehte sich um die eine Frage: Mann und Weib! Die Feder hatte gerast, Tinte verspritzt, mitten im Satz abgebrochen und war dann in wirr gekritzelte und durchgestrichene Zeichnungen übergesprungen -- -- alles ohne Hemmung, weder Sitte noch Anstand achtend, durchgehende Rosse einer krankhaft ausgepeitschten Phantasie!

»... Weibgeheimnis -- Waldgeheimnis -- man will immer tiefer eindringen -- ja, ja, ich verstehe den Mord am Wild, den Mord am Weib -- das Geheimnis herauswühlen, das Lustgeheimnis, den Zauber, die Verhexung -- wo steckt das im Weib? Wo, wo? Her damit! -- Kind und Spielzeug -- Lustmörder und Opfer -- Wollust des Mordens -- Mord und Minne gehören zusammen -- Doppelrausch! Das kann der Franzose: mit Geschmack verführen -- das will Fanny, das will jedes Weib -- und ich Jammerlappen bin zu brav, zu deutsch, zu feig, zu schwach dazu -- -- -- -- und dennoch ein lüsterner Schuft!« ...

Dann Bilder von Frauengestalten, ein Hexentanz von Strichen! Doch nach und nach war offenbar Beruhigung eingetreten. In Gustavs wiederum gleichmäßiger, schöner Handschrift kam nun eine Art Trauerlied:

»Nacht, Nacht, Nacht! Und ich bin immer allein! Der Baum hat eine Stimme, wenn der Nachtwind kommt, denn er rauscht, und ihm antwortet ein anderer Baum, ein Busch, ein Halm -- und sie klagen miteinander der Mutter Nacht ihr altes Leid. Aber ich bin immer allein.

»Es ist irgendwo ein Land, weitab. Da sind die Leute freundlich und friedlich; da kommt einer zum andren, wenn dieser traurig ist, faßt seine Hand und spricht lieb zu ihm oder weint mit ihm, und sie sind gemeinsam traurig. Aber ich bin immer allein.

»Ach, es weint in mir, wie ein Brunnen in der Tiefe rauscht. Und mir wäre wohl, wenn die Wasser heraufstiegen und aus meinen Augen über die Wangen flössen. Ach, mir wäre wohl, wenn ich ein Dichter wäre und singen könnte, was in mir weint. Doch ich habe kein Saitenspiel, und die Wasser kommen nicht herauf zu mir, und das Weinen bleibt in der Kehle -- und ich bin immer allein ... Nacht, Nacht, Nacht!« ...

Tief erschüttert stand der Vater vor diesen Bekenntnissen seines einsamen Sohnes. Das also war die Nachtseite seiner am Tage so scheu verschlossenen Seele! Wie von Scham übergossen schlich der Pfarrer auf den Zehen in sein Zimmer hinunter, verriet durch kein Licht, daß er wachte, und legte sich wieder in sein Bett, um noch lange schlaflos ins Dunkel zu starren.

Später hörte er den Sohn mit verstohlenen Schritten zurückkommen. Wo war der Junge gewesen? Hatte er, von diesen niederen Vorstellungen gepeinigt, vielleicht seine kindlich-reine Braut aufgesucht? Und war denn vielleicht auch Fanny, diese tagsüber so unbefangene Natur, in ihren Tiefen so wie dieses Tagebuch? Was mochte man wissen! Man konnte ja an allem irre werden!

»Da wollt' ich noch eben mit diesem Hauptmann den Himmel auf die Erde holen -- und vermag nicht einmal in meinem Hause Seelenfrieden herzustellen! Da wollt' ich noch eben die elsässische Seele retten -- und schaue nicht einmal in meines Sohnes Seele! Weib und Werk sind mir entglitten -- jetzt entgleitet mir auch mein Sohn!«

Nur ein Vater vermag es zu ermessen, welche Qualen diesen Mann in der einen Nacht heimsuchten. Er empfand seinen Sohn als ein von Gott ihm anvertrautes Gut; er war von der Gewißheit durchdrungen, daß er am Thron Gottes Rechenschaft über ihn abzugeben hatte. Aber er besaß ja diese junge Seele nicht mehr, die er doch erzogen hatte, er besaß auch nicht Fanny! »Ist denn dies nun das neue Elsaß? Gärt solche heimliche Lebensgier in den Tiefen dieses jungen Geschlechtes? Denken sie denn nur an sich, immer nur an sich, und nicht an des Vaterlandes große Not? Fanny, Fanny, bist denn auch du so von Sinnlichkeit zerfressen wie der unglückliche Zeichner dieser Bilder? In welche Welt der Dämonen bin ich da geraten! Sie toben also nicht nur an der Front, die Dämonen, nicht nur in der Lügen- und Verleumdungspresse -- sie vergiften auch meinen allernächsten Bezirk, meine zwei liebsten Menschen.«

Es gibt Nächte so tiefer Qual, daß der Mensch eine Art Vortod durchmacht. Da löst sich alles, was noch an der Erde hängt. Die Seele fühlt sich in ein graues Nichts hinausgestoßen. Sie kann sich an nichts mehr halten, denn es ist zum Halten nichts mehr vorhanden. Überall furchtbare Leere! So ist es beim Sterben, wenn keine Liebe den Menschen begleitet, der den Körper verlassen soll. Liebe jedoch ist wie ein Licht, das den Weg hell und freundlich macht.

Und der Philosoph, wiederum ganz schlichter Mensch geworden, tat dasselbe, was sein Sohn unten am Weiher tat. Seine gramvollen Gedanken gingen in Gebet über. Er bot dem Allwaltenden sein Werk als Opfer an.

»Ich will auf alle persönliche Ehre und auf das letzte Restchen Eitelkeit verzichten; ich will die ganze Summe meines Fleißes verbrennen: wenn ich nur die paar Menschen meines Umkreises, ja nur einen einzigen Menschen vor Verwirrung und Untergang bewahren und einem edlen Leben gewinnen kann ...«

Die Uhr tickte; der Mond stieg. Sein Licht wanderte durch die hohe Nacht. Um den Erdball zuckten Fernfunken der drahtlosen Telegraphie; um den Erdball zuckten Kriegsberichte, Haß und Verleumdung; Raketen, Granaten und Scheinwerfer stellten ihre Flammen in den Dienst des Kampfes; auf dem Meere dröhnte da und dort ein torpediertes Schiff in die Luft; und auf unschuldige Städte fielen mörderische Bomben, während in manchem deutschen Hause die Kinder ungesättigt zu Bett gingen.

Aber aus den Tiefen vieler Menschenherzen quollen Tränen und Träume empor: Träume von einer künftigen edleren Lebensgemeinschaft, wo niemand mehr aus Mangel an Liebe verhungern wird.

* * * * *

Noch zwei schlaflose Augen hatten Gustavs Nachtgang beobachtet. Als der Hund knurrte und unwillig anschlug, wurde Tante Sophie in ihrem Giebelstübchen aufmerksam. Ihr Bett stand nahe an der Fenstergardine. Sie reckte den äußerst hageren Leib und spähte hinaus; denn ihre Phantasie war immer mit Einbrechern und Spionen beschäftigt. Und wahrhaftig: ein Mensch ging durch den Garten, kletterte über die Mauer und sprang jenseits hinab!

Nun aber auf! Die halblahme Alte knipste Licht an, hüpfte mit ungewohnter Lebendigkeit in den Morgenrock und in die Wollschuhe -- und dann humpelte, schlürfte, ächzte sie über den Speicher hinüber an die andre Giebelstube und klopfte mit knochigem Finger der knurrigen Salome: »Sälmele, =vite, vite=! Mach Sie schnell uff! Awer schnell! Es isch e Inbrecher am Hüs!«

Salome schlüpfte zunächst unter die Bettdecke. Dann endlich, nach längerem Klopfen und Winseln, entschloß sie sich, aus den Federn zu kriechen und der verängsteten Tante Sophie zu öffnen. Diese schoß sofort ans Fenster: »Do, do geht er, gück, do! Do geht einer an de Brunne!« Und erzählte flüsternd und entsetzt ihre Beobachtungen. »Was für griserlichi Zitte! Sälmele, Sälmele! Mr isch sines Lewes nimmeh sicher! =Vous verrez=, es gibt noch Revolution im Land! Jerum, jerum, wär' ich nur schon im Spital oder im Totebaum!«

Die beiden ältlichen Jungfrauen lebten sonst in fortwährendem Kleinkampf. Aber Not schweißt Herzen zusammen. So pflegten sie denn auch manchmal bei schweren nächtlichen Gewittern einander an die Tür zu pochen und rasch ihre geliebtesten Sachen zu packen; dann setzten sie sich, auf das Schlimmste gefaßt, zitternd und seufzend auf die unterste Stufe der Bodentreppe, die eine mit ihrer eisernen Kassette und einigen Kleidungsstücken, die andre mit Hutschachtel, Käfig und Kanarienvogel. So warteten sie alsdann, bis das Wetter vorüber war. Worauf sie wieder in ihre Stuben und Besonderheiten entwichen, um sich gegenseitig am andren Morgen doppelt unfreundlich und mißtrauisch zu behandeln.

Also standen sie denn auch heute nacht Schulter an Schulter spähend am Fenster, in mangelhaften Gewändern, und schauten über die Geranien hinunter nach der Gespenstergestalt, die an den stillen, glatten Weiher ging und dort lange, lange stand ...

Als aber am andren Morgen Salome, mit der nächtlichen Neuigkeit geladen, schnellfüßig nach unten in die Küche lief und sich das erstaunte Gesicht der Haustochter ausmalte, wurde sie enttäuscht. Denn zunächst kam Fanny sehr spät in die Küche. Wo blieb sie denn nur immer so lang in den letzten Tagen? Was machte sie denn in ihrem Zimmer? Gab es so viel Post zu beantworten? Und verdrießlich wirtschaftete Salome zwischen ihrem Geschirr herum, bis sie Schaulis habhaft wurde, dem sie dann umständlich und mit schmückenden Zutaten das nächtliche Abenteuer erzählte.

Fanny hatte allerdings an diesem Morgen einen Brief erhalten, und zwar von Erwin. Sie war heute nicht auf seinen Ton gestimmt; denn sie war Feuer und Flamme für eine ganz andre Arbeit, die sie vor kurzem begonnen hatte und der sie jede freie Minute widmete. Immerhin wirkte Erwins Schreiben für den Augenblick aufheiternd, wenn es auch ernst ausklang.

»Liebste Kussy -- verzeih, da verschreib' ich mich gleich zu Beginn, denn ich wollte natürlich Cousine Fanny schreiben, zog es aber in ~ein~ Wort zusammen, denn mir tanzt noch dein Kuß vor den Augen, auf den Lippen, in der Feder herum! Und wen die Mussy geküßt -- verzeih, ich wollte natürlich Muse schreiben, aber meine Muse heißt Fanny, und so zog ich's wieder in ~ein~ Wort zusammen! Wen also die Muse geküßt, den hat Apollo am Ohrläppchen, und er reimt fortan Kuß und Schuß. Hat dich nicht deine verstorbene Mutter ›=ma douce=‹ oder ›=ma doucie=‹ genannt? Also deutsch: Duß und Dussy! Und habt ihr mir nicht manchmal gesagt, ich sei ein ›Schöute‹ oder ›Schussele‹, das heißt ein fahriger, närrischer Bursche? O Dussele, Kussele, Mussele -- wie würden wir zwei uns reimen! Aber das ist doch alles nur papierlich, nicht natürlich, mithin ein erbärmlicher Kriegsersatz für mündlichen Bericht! Schuß tötet, Kuß belebt -- hol's der Kuckuck, daß ich zu ersterem verdammt bin! Lieb Schussinchen -- nein, halt -- kurzum, es schusselt, kusselt, dusselt mir unter der Hirnschale herum, daß ich keinen Brief zusammenkriege. Leb' wohl für heute! In einer Stunde wieder im Feuer! =N.B.= Beinschuß, nicht schwer, liege im Lazarett. Gedenket mein! Erwin.«

Fanny las diesen Brief zwei- und dreimal. Und sofort tippte sie Antwort. Denn sie saß bereits an der Schreibmaschine, die mit Leichtigkeit und Anmut von ihr gehandhabt wurde.

»Dein Schusselebrief, lieber Erwin, klingt ja so ernst aus, daß ich aus dem Lachen in jähes Erschrecken geriet, als ich deine Schlußworte las. Hoffentlich doch nicht schlimm? Schreib' ja recht bald wieder! Ich bin an der Schreibmaschine, daher diese ungewöhnliche Schrift, die ich sonst für Briefe nicht mag, weil sie so unpersönlich ist. Aber neben mir liegen Stöße von beschriebenem Papier. Und weißt du, was ich tue? Es ist mir durch ein Gespräch mit Lisy so recht bewußt geworden, wie einsam Onkel Arnold ist. Da liegen seine ziemlich schlecht geschriebenen Arbeiten in seinen Schubladen. Er würde sie gern dem oder jenem Kollegen oder Verlagsbuchhändler vorlegen, kann sich aber nicht zu einer Abschrift entschließen, mag sie auch nicht einem Abschreiber anvertrauen. Es ist so eine tiefe Gleichgültigkeit über ihn gekommen. Weißt du, was ich nun mit Lisys Hilfe getan habe? Wir haben ihm den ganzen Stoß aus dem Schreibtisch gestohlen! Und ich sitze und schreib' sie ihm heimlich ab! Nun verrat mich aber nicht! Es soll eine Überraschung werden. Und schreib doch auch Gustav einen recht, recht lieben, ermunternden Brief! Gott behüte dich, du Schussele! Fanny.«

Als hernach Fanny in die Küche kam und händereibend an die ganz andersartige Arbeit ging -- es war Wäschetag --, hatte sie für Salomes spukhaften Bericht gar kein Ohr. »Dumm Dings, Salome! Ihr zwei alti Jungfere han do owe G'spenschter g'sehn!«

Alte Jungfer ließ sich aber die bäuerlich kräftige Salome gar nicht gern nennen, auch nicht im Scherz, und selbst nicht von der Mamsell Fanny. Sie habe noch recht scharfe Augen, meinte sie, und war sehr verschnupft. Da sie ohnedies nicht an Gesprächigkeit litt, so gab es ein schweigsames Arbeiten.

Doch das innere Lächeln verschwand nicht von Fannys wunderhübschem Gesichtchen, das unter dem weißen Arbeitskopftuch womöglich noch reizender aussah.

Fünftes Kapitel

Zusammenbruch

Im heißen Tiegel liegt mein Vaterland. Daß ihm die Glut zur Läuterung gereiche, Daß es verjüngt dem Flammengrab entsteige: Dies füge des allmächt'gen Schmelzers Hand!

~Karl Hackenschmidt~

Schmerz reift den Menschen. In einer Stunde der Erschütterung kann die Seele mehr erstarken als in sechs dürren Jahren.

Durchdrungen von der Großartigkeit des Opfergedankens, ging Arnold am andern Morgen an sein Tagewerk. Er war bisher Gelehrter gewesen, zu sehr Gelehrter, auch als Pfarrer; er hatte sich auf einsamen Höhen gefühlt und als verkannt empfunden; er hatte Hochmut beherbergt. Nun wollte er ganz schlichter Mensch sein: liebender Mensch, der aber vielleicht durch Liebe schöpferisch wird. Gedeiht nicht alles Hohe nur durch Opferung? Opfert nicht die Mutter unter Lebensgefahr ihre Kraft und vieler Nächte Schlaf, damit ihre Kinder gedeihen? Bringt nicht der Freund dem Freunde seine Fürsorge und Anteilnahme dar? Taucht nicht das Saatkorn in die Erde und opfert seine Form, damit aus Finsternis vielfältige Frucht ans Licht emporsteige?

»Ich habe auf falschen Wegen Werk und Glück gesucht«, dachte er überm Ankleiden; »ich will meinen Gelehrten-Ehrgeiz opfern und schlicht vom Herzen aus zu leben versuchen, Mensch zu Mensch. Ich will meine Verstandesarbeit verbrennen; denn sie war unbeseelt. Mit diesem Weltkriege -- das spür' ich jetzt -- donnert eine unbeseelte Zeit zu Ende. Oder sind es schon Geburtswehen? Wird unter Tränen Seele geboren?«

Er trat an den Schreibtisch.

Und nun widerfuhr ihm eine seltsame Überraschung. Er öffnete die untere Schublade zur Rechten. Da pflegte er seit Jahren den Stoß seiner fertigen Handschriften zu verwahren. Aber das Fach war leer. Nur ein vergessenes Heftchen Volkslieder lag darin; das war wohl irgendwie einmal dazwischen geraten. Er zog es hervor und las den Titel: »Rosen und Rosmarin. Auswahl deutscher Volkslieder mit Bildern von Rudolf Schäfer«. War er denn verhext? Lagen die Papiere etwa im linken Fach? Auch nicht. Hatte er sie bereits herausgenommen, als er im Gespräch mit dem thüringischen Gast diese Arbeiten erwähnte? Möglich. Aber er entsann sich dessen nicht. Er wußte, daß er, mit nachdrücklicher Hindeutung, einmal voll stolzen Grimmes von seinen geistgefüllten Schubladen gesprochen hatte, die niemand begehre. Und nun waren beide leer? Er fuhr sich über Augen und Stirn. Hatte er sie denn nachtwandelnd bereits verbrannt?

Bestürzt stand der Gelehrte vor dieser Leere. Er blätterte in den gemütvollen deutschen Volksliedern, die keinerlei Gelehrsamkeit beanspruchten und doch von Leben strahlten.

»Es war ein Markgraf über dem Rhein, Der hatte drei schöne Töchterlein« ...

Und hier das lange nicht vernommene:

»Wenn ich ein Vöglein wär' Und auch zwei Flüglein hätt'« ...

Und dann:

»Es waren zwei Königskinder, Die hatten einander so lieb ...«

Oder »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« -- »Ich hört' ein Sichlein rauschen, wohl rauschen durch das Korn« -- -- Er las sich hinein; er vergaß Ort und Zeit; er ließ die warmherzigen Zeichnungen auf sein Empfinden wirken. »Und wovon singen sie alle, diese Lieder? Was suchen sie alle?« Er gab sich selber Antwort: »Immer nur des andren Seele! Immer nur Liebe!«

Ihm däuchte, da müßte irgendein Zauber walten, ein Elfenspuk. Doch die Tagesarbeit rief. Er warf das Heft auf den Tisch und frühstückte rasch. Dann bewegte sich seine hohe, hagere Gestalt mit den bekannten großen und langsam-würdigen Schritten in etwas wiegender Gangart durch den Ort nach der Schule, wo er fast täglich ersatzweise Unterricht zu geben pflegte.

Unterwegs begegnete ihm der katholische Pfarrer.

»=Bonjour, Monsieur Arnold!=« rief ihm dieser auf französisch zu. »=Avez-vous déjà entendu la dernière nouvelle?=« Und ins Elsässische überspringend: »D' Bulgare han Waffestillstand gemacht! =A la bonne heure!= Gemunkelt het mr's schun lang! Awer 's isch Tatsach'! Do steht's! In zwei Woche isch Fridde im Land! Jetzt isch's mit Ditschland fertig!«

Seine Augen leuchteten vor Triumph.

Arnold achtete die katholische Kirche und lebte mit deren Vertreter in äußerem Frieden. Dieser ziemlich kurze, festgebaute Bauernsohn mit dem vollen Gesicht und der eckigen Stirne war echt alemannischen Gepräges. Aber er hatte einst den französelnden und jetzt landesflüchtigen Abgeordneten von Kolmar gewählt und pflegte dessen französisch geschriebene Zeitung zu lesen. Seine Vorstellungswelt war den Franzosen erlegen. Er bemühte sich, mit den Fabrikanten der Nachbarschaft ein bäuerlich-elsässisches, für Pariser Ohren unerträgliches Französisch zu radebrechen. Durch den Beichtstuhl hatte er Einfluß auf die Frauen, durch diese wieder auf des Dorfes Männer; er hielt seine Gemeinde kirchlich und politisch fest in der Faust. Den Anschluß an den deutschen Katholizismus lehnte er ab. »=Qui dit catholique, dit français=,« meinte er; »Frankreich und Italien sind die Mütter unsrer heiligen Kirche.« Mit Arnold hatte er nur einen einzigen Strauß gehabt; den aber hatte er spielend gewonnen. Der evangelische Pfarrer hatte seinen Stiefbruder in Christo freundlich gebeten, den Gottesdienst am Sonntagmorgen etwas später zu legen; denn seine Frauen und Männer, durch die schwere Wochenarbeit dieser Kriegszeiten übermüdet, könnten am Feiertag nicht genügend ausschlafen. Der evangelische Gottesdienst pflegte in der gemeinsamen Kirche vor dem katholischen stattzufinden. Doch der klerikale Kollege schlug ab; jene Stunde sei alter Brauch; ein Gesuch an das Straßburger Konsistorium war gleichfalls erfolglos: der Bischof gab seinem Pfarrer recht. Arnold zuckte die Achseln, schwieg und ließ sich fortan auf keine Bitte an den Amtsbruder mehr ein, noch weniger auf einen Streit. Sie waren Nachbarn und grüßten sich; aber keine Brücke der Liebe ging von einem zum andren.

Wie nun die beiden, im äußeren und inneren Bau so verschiedenartigen Vertreter der Religion der Liebe beisammen standen, durchzuckte den langen Forscher und Träumer die Erinnerung an jenen Vorfall. Und nach den Erschütterungen der Nacht empfand er bei dem Blick in diese triumphleuchtenden Augen einen tiefen Schmerz. Sind wir denn wirklich Diener des Meisters von Golgatha? Dann gab er dem andren ganz ruhig, nachdem er sich aus dessen frisch vom Postamt geholter Zeitung unterrichtet hatte, eine kurze Antwort.

»Mein Vater«, sprach er, »war ein Verehrer des Papa Oberlin im Steintal, der in friedloser Zeit als Mann des Friedens gewirkt hat. Ihm zu Ehren erhielt ich die Vornamen Johannes und Friedrich. Ich hänge sehr am Elsaß, aber noch mehr an Deutschland. Und wenn nun nach vier tapferen und geduldigen Kriegsjahren Deutschland der Übermacht unterliegt, so werde ich es erst recht lieben. Denn es ist einfach wundervoll, wie sich unsere deutschen Truppen schlagen.«

Dann zog er vor dem etwas verdutzten Amtsgenossen katholisch- französischer Prägung freundlich den breiten, weichen Filzhut und bog um die Ecke.

Der Tag war mit beträchtlicher Arbeit angefüllt. Der schmalschultrige, wenn auch zähe Philosoph und Pfarrer hatte Nerven und Sinne kräftig zusammenzunehmen.

Sofort nach dem Schulunterricht war ein sterbender Greis zu besuchen. Mit ihm betete der Seelsorger den 121. Psalm, dessen sich der achtzigjährige Alte noch erinnerte und den er mit lallender Stimme laut nachsprach. Dann weiter, zu zwei andren Kranken, den Ärmsten seiner Gemeinde. Da lag ein hinsiechendes Mädchen von kaum achtzehn Jahren; und bei ihm, an Gesichtsrose erkrankt, die Mutter. So groß war hier die Armut, daß Mutter und Tochter in demselben Bette lagen. Und welche Stubenluft! Oft schon hatte ihnen Arnold aus seiner eigenen Tasche ausgeholfen; und Schwester Lisy pflegte ihn bei alledem zu unterstützen wie die freilich sprödere Fanny. Aber woher in diesen Zeiten all die nötigen stärkenden Nahrungsmittel nehmen! Es waren geistig dumpfe Menschen, die ihn da aus trüben Augen anstarrten. Doch schien er in seinen Tröstungen und Gebeten heute den rechten Herzenston zu treffen. Denn heftig atmete die Frau; sie mochte in ihrer verkümmerten Seele zum ersten Male die ganze Lichtlosigkeit ihres geist- und gottfernen Lebens ahnen.

Zu Hause erwartete ihn ein kriegsblinder Theologe, mit dem er bis zum Mittagessen Griechisch trieb.