Westmark

Part 7

Chapter 73,623 wordsPublic domain

»Ach, hast du mich denn noch e bissele lieb, sag' doch, mein Gustav? Ach sag' doch, sag' doch! Ich hab' dich ja so lieb, so lieb! Ach, was liegt mir denn am Elsaß und an der ganzen Welt -- ich babbel hochditsch und chinesisch und hottentottisch, was du willst -- awer lieb han soll mich min Gustav, gel?!«

»Liebe Fanny, keinen Spaß machen! Mir ist mein Vaterland heilig, und Deutschlands Not ist groß« -- --

»Ich mach' auch gar keinen Spaß, Liebster, will dich ja nur e bissel zum Lachen bringen! Gelt, bist wieder ganz mein? Gelt, hast mich wieder ganz arg lieb?«

Sie suchte nach den innigsten, eindringlichsten Worten und Kosenamen.

»Von Kind an hab' ich dich lieb, ja Fanny, ja, du gutes, heißes Herz! Nur dich von Kind an! Und wenn ich eingesperrt oben in meiner Dachkammer g'sessen bin, hab' ich dich erst recht lieb gehabt, Fanny, unter heimlichen Tränen lieb! Weißt noch, wie ich zu dir g'sprungen bin über die Gartenmauer? Fanny, ich muß dich ja um Verzeihung bitten, Liebste, ich hab' da neulich so dumme Sachen von dir gedacht, wie der Hauptmann da g'sin isch -- es sin d'Nerve, nur d'Nerve, ich mein's nit so« -- --

»Red' nit davon, Gustav! Ach weißt denn noch, wie wir als oben im Wald hinter den Rosenhecken g'sessen sin? Und du hast mir ein Kränzel gemacht aus Heckenrosen, weißt noch? Und jetzt darf ich bald 's Kränzel aufsetzen« --

»'s Myrtenkränzel, ja, Fanny! Kriegstrauung! Papa hat mich direkt beauftragt: wir sollen den Tag festsetzen. Deine Ausstattung ist ja fix und fertig; und dein Vater will sich schon lang ins Diakonissenhaus zu seinem Freund Sorgius zurückziehen und das Haus dem Stürli verpachten; und Tante Sophie geht zu ihrer Schwester nach Pfalzburg -- das haben wir ja hundertmal besprochen. Und jetzt wird's Wahrheit! Fanny, dann schaffen wir zusammen. Du tippst mir auf der Schreibmaschine meine Arbeiten ab und« --

»Ja, Gustav, ja, und weißt, was ich in diesen Tagen schon immer tu'? Ich sitz' oben und -- aber sag's keinem Menschen, gel, ja nicht! -- und schreib' deines Vaters Handschriften ab. Er weiß es selber nicht, Lisy und ich haben die Papiere gemaust. Und zu Weihnachten leg' ich sie ihm unter den Tannenbaum!«

»Ach, Fanny, Fanny, neben all deiner Arbeit?! Du goldiges, kleines Fannjele du!«

Sie saßen in trautester Umarmung. Das Abendlicht schimmerte durch verschleierndes Gewölk noch einmal herüber. Die Ebereschen im Hofe mit ihren glutroten Beeren schienen aufzuleuchten. Und die Braut flüsterte ihrem Geliebten zu, nach dem Innigsten suchend, was sie ihm sagen könnte:

»Gustav, ich bet' jede Nacht zum lieben Gott, er soll dich g'sund machen. Wenn ich deine Frau bin -- dann gibt's nimmer so viel Tränen auf der Welt. Ach, ich weiß ja allein, wie mein Papa heimlich unter alledem leidet. Und er versteckt's vor allen und macht ein freundlich G'sicht. Gustav, wir wollen uns recht lieb haben, gelt! Arg lieb! Doppelt so lieb als alle andren Menschen. Es ist ja so viel Haß in der Welt.«

Tränen stiegen ihr in die lieben Augen. Er küßte die Tränen fort. Und von den Augen suchte sein Mund weiter Wangen und Lippen der Braut. Sie vergaßen die ganze Welt.

In diesem Augenblick geschah etwas Furchtbares.

An die folgenden Minuten erinnerte sich nachher niemand mehr genau.

Eine schnarrende Stimme dröhnte plötzlich in diese süßeste aller Stunden: »Reizend! Ei, ei! Ein Idyll mitten im Kriege! Hübsch! Reizend!«

Der Hauptmann war eingetreten; hinter ihm Bieler, der den Unseligen vergeblich abzuhalten suchte. Jener hatte Fannys Stimme vernommen, schon bereit, ins Auto zu steigen, und war seiner Witterung gefolgt, in angetrunkenem Zustande nicht mehr abzulenken.

»Herr Hauptmann,« stotterte der Winzer, »es ist halt -- Sie müssen exküsieren« --

»Einquartierung im Dorf, versteh' schon, Herr Bieler! Bitte Platz zu behalten, meine Herrschaften! Ich ziehe mich verschämt wieder zurück!«

Das Liebespaar war so erstarrt, daß Fanny zwar mit einem Ruck von Gustavs Knien abgesprungen war. Aber sie stand noch in naher Umarmung, gleichsam ängstlich den Geliebten umschlingend.

»Was denken Sie denn von mir?!« sprühte sie jetzt empört heraus.

»Nur was ich sehe, schönes Kind!« scholl es zurück. »Ist mir aber scheußlich interessant, dies pikante =tête-à-tête=!«

Jetzt ermannte sich Gustav und sprang auf.

»Herr Hauptmann -- mein Name ist Arnold -- Unteroffizier Arnold -- ich habe die Ehre, hier im Hause -- Fräulein Bieler hat die Ehre -- -- ich habe« --

Der Ärmste stotterte und kam ins Zittern; sein Herz hämmerte; seine Nerven und Gedanken und Worte -- alles ward ein Irrwischtanz -- es flimmerte vor seinen Augen.

»Ja, wer hat denn nu eigentlich die Ehre?« scherzte der verärgerte Hauptmann unbarmherzig weiter. »Wenn einer ein hübsches Mädel auf dem Schoß hat, so ist das allerdings eine ganz verdammt angenehme Ehre! Und ein kolossales Vergnügen dazu. Im übrigen sammeln Sie Ihre sieben Knochen, Unteroffizier, und machen Sie wenigstens die vorschriftsmäßige Ehrenbezeugung! Mein Fräulein, ich ziehe mich zurück und überlasse Ihrem schlotternden Liebhaber das Feld« --

Jetzt war es mit Gustavs Fassung gänzlich zu Ende.

»Es ist mein Bräutigam!« rief Fanny zornig und stampfte mit dem Fuß auf.

Und Gustav außer sich vor Wut:

»Herr Hauptmann, ich bin Kandidat der Philologie, ich bin kein schlotternder Liebhaber, ich verbitte, verbitte, verbitte mir diese unverschämte Beleidigung!«

Bieler zitterte am ganzen Körper und versuchte einen Schnaps einzuschenken, was endlich gelang.

»E Schnäpsel, Herr Hauptmann! Gustav, =tais-toi=!«

»Babbe, =qu'est-ce que tu fais=? Dü schenksch dem Mann au' noch e Schnaps in?« rief Fanny.

Und der Hauptmann, der schon in der Türe stand: »Nu auch noch französisch?! Das fehlt gerade noch! Nur heraus mit eurem wahren Gesicht, ihr Franzosenköppe! Euch kenn' ich nun! Erst führt ihr einen ehrlichen Kerl in den Keller und macht ihn besoffen -- und unterdessen sitzt die hübsche Tochter irgendeinem Unteroffizier auf dem Schoß!«

Gustav sprang mit geballter Faust auf ihn zu:

»Ich bin kein Franzosenkopf! Ich ersuche Sie, mein Eisernes Kreuz zu achten! Ich hab' an der Somme für mein Vaterland geblutet -- und Sie, Sie, Sie?! Ich kenne Sie jetzt ganz genau! Mein Vater ist der Pfarrer hier im Ort -- der kennt Sie, der weiß, wie Sie's da drüben im Städtchen treiben! Das ist die Sorte, die in einer Minute mehr verdirbt im Elsaß, als zehn Jahre Kulturarbeit wieder gutmachen! Eine Affenschande sind Menschen wie Sie für den deutschen Namen -- eine Affenschande!«

So tobte er auf den Hauptmann ein und trieb ihn mit geballten Fäusten geradezu vor sich her. Wie es kam, daß der Betrunkene draußen fiel, war nicht zu erkennen; er hatte Besinnung genug, einige Leute von der Einquartierung, die im Dorf lag, herbeizurufen; er ließ den Unteroffizier abführen und seine Personalien feststellen, stieg dann in den Kraftwagen und fuhr mit sausendem Hirn davon an die Stätte seines Wirkens.

Hinter ihm blieb eine händeringende Braut. Und bei ihr der gänzlich verstörte Papa Bieler, der sein freundlich einladendes »Noch e Schnäpsel, Herr Hauptmann?« noch einmal gestammelt hatte -- worauf er in Grimm und Schmerz Gläschen samt Inhalt in die Stube schleuderte.

Sechstes Kapitel

Das Weinberghäuschen

Ich baw für mich, Sih du für dich!

~Alter elsässischer Hausspruch~

Der düstere Oktober des Jahres 1918 war über Deutschland hereingebrochen.

Da ersuchte der deutsche Generalstab die demokratische Reichsregierung, den Feind um Waffenstillstand zu bitten.

Und die Regierung tat den demütigen Bittgang.

Das legte sich dumpf und schwer auf das müde Volk; das bewirkte Triumphgeheul im Ausland. Es war also nun so weit: das umstellte Deutschland war zur Strecke gebracht!

Betäubung, untermischt mit Spannung, was wohl der Präsident der amerikanischen Geldherrschaft antworten würde, lagen fortan auf den deutschen Herzen. Zusammengebrochen! Bismarcks Volk bettelt nach vierjährigem tapferen Ringen um Frieden! Nach vier so tapfer, zum Teil so großartig bestandenen Kampf- und Hungerjahren! Bulgarien, Türkei, Österreich-Ungarn -- alle hintereinander vor der Übermacht zusammengebrochen!

Die Wendung geschah Anfang Oktober, um den Todestag des großen Franziskus von Assisi, des Heiligen der Liebesinnigkeit. Da setzte diese Demütigung ein; da wurde Deutschland in die Nacht geführt. Und nach peinlichem Notenwechsel ward uns endlich, um den Geburtstag eines Schiller und Luther, ein vernichtend schwerer Waffenstillstand auferlegt.

Die Meister aber standen auf den Wolkenhöhen und schauten auf ihr schwergeprüftes Deutschland. Sie wußten, daß ein beseeltes Volk aus den Düsternissen dieser Prüfung emporzutauchen bereit war. Rauch und Giftgase verrollten. Nun begannen sich die Geister im Innern zu scheiden. Und in den Lüften die Millionen gefallener Kämpfer wirkten mit, wirkten in wogenden Scharen hinunter auf ihres Volkes Seele ...

Johann Friedrich Arnold hatte etwas von einem Seher; er verbarg jedoch diese Besonderheit. An jenem Tage, als er zum Krankenbesuch ausging, begegnete ihm der Briefträger. Er nahm die Zeitung in Empfang. Und im Gehen las er das Waffenstillstandsangebot:

»Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme der Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich der Rede vom 27. September, aufgestellte Programm als Grundlage für die Friedensverhandlungen an. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung den sofortigen Abschluß eines allgemeinen Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft herbeizuführen. Max, Prinz von Baden, Reichskanzler.«

Sofortigen Abschluß ... Man befürchtet also Dammbruch der Westfront! ...

Arnold war ein warmherzig deutschgesinnter Mann. Als er aber nun das Zeitungsblatt zusammenfaltete und in die Tasche steckte, sah er vor seinen Augen die zahllosen versenkten Schiffe, mit all der vernichteten Summe von Fleiß und Kulturarbeit, und sah die zahllosen Bomben, die auf schlafende Städte gefallen waren. Und ihn schauerte. Er hatte den Unsegen vorausgesehen. »Wir haben die Luft beherrschen gelernt -- um zu zerstören; wir haben unter Wasser fahren gelernt -- um zu zerstören; wir haben den Leib der Erde aufgewühlt und alles Land zwischen Wasgenwald und flandrischer Küste in Wüstenei verwandelt. Es mag Notwehr sein, gewiß, und all die Spannkraft und Tapferkeit verdient Achtung. Aber es ruhte kein Segen darauf. Wir hätten Erzeugungsmaschinen erfinden sollen, um uns vor Hunger zu schützen, keine Zerstörungsmaschinen, keine Ferngeschütze. Vielleicht wird Deutschlands Erschöpfung und Demütigung der spätere Segen werden -- für ein neues Geschlecht.«

Er hob das Haupt. Sein Geist schaute die bedeutsame Wendung: Neudeutschland wandert nun nach innen, Neudeutschland besinnt sich auf seine Seele ...

* * * * *

Am oberen Ende des Dorfes Lützelbronn stand ein windschiefes Häuschen. Dort, am Rande der Reben und des nahen Waldes, hauste der aus der Schweiz zugewanderte Stürli mit Schaulis Tochter.

Wenn man die ausgetretene Steintreppe hinaufstieg, mußte man sich erst durch ein Rudel Kinder hindurchwinden. Für diese Begegnung hatte der Pfarrer Zwieback oder ähnliche Seltenheiten in der Tasche. Ein Mädchen und vier Knaben bildeten bereits des Hauses Zierde; und das schöpferische Ehepaar hatte sich beeilt, vor wenigen Tagen das halbe Dutzend abzurunden.

Es waren gesunde, verwegene Jungen, die ihres Emmenthaler Vaters eckigen Schädel und rechtschaffen-besonnene Gesichtszüge geerbt hatten, fest auf ihren Beinen standen und herzhaft um sich zu hauen wußten. Nur das Mädchen, die Älteste, war Frau Katharinas hübsches Ebenbild und hatte deren blaue Augen und blondes Haar. Man sah diese sanfte, immer geduldige, gewinnend lächelnde Anneliese kaum anders als mit einem Bündel auf dem Arm, worin ein junger Elsässer schweizerischer Zucht in die Welt schrie oder mit Andacht an einem Lappen sog.

Frau Stürli hatte böse Abenteuer wacker überstanden. Sie war von den gallischen Nachbaren verschleppt worden und fast ein Jahr lang der Heimat fern geblieben. Beim Einbruch der Franzosen in den südlichen und mittleren Wasgenwald weilte sie gerade besuchsweise bei ihrer Schwester, der Förstersfrau. Diese war mit den zwei Jungen im Städtchen abwesend, als die Alpenjäger das einsame Forsthaus überfielen und umstellten. Förster, Schwägerin und Dienstmädchen wurden der Spionage angeklagt und sofort abgeführt, in Hausschuhen, wie sie gingen und standen. So schleppten die Franzosen in den ersten Kriegsmonden mehrere Tausend Elsässer als sogenannte Geiseln -- man wußte nicht, wofür -- aus den Grenzbezirken nach Frankreich davon. Die Leute wurden meist schlecht behandelt, vom Pöbel beschimpft, und die deutsche Regierung besaß nicht die Kraft, diese verschleppten Deutschen der Westmark durch Gegenmaßnahmen zu befreien. Erst nach und nach, tropfenweise, nach unzähligen Verhandlungen, kamen einzelne oder ganze Gruppen in die Heimat zurück. Andere starben in der Gefangenschaft.

Pfarrer Arnold unterhielt sich gern mit dem tüchtigen Hansjakob Stürli; nicht minder gern mit dessen ebenso kluger wie lebhaft-munterer Lebensgefährtin.

Nach seinen Krankenbesuchen wanderte er nun zum Weinberghäuschen hinauf, um der Wöchnerin ein paar gute Worte zu bringen.

Der Maler Ludwig Richter hätte seine Freude gehabt an der Kinderschar mit dem bellenden Spitz. Das Haus beherbergte in seinem Anbau noch drei Ziegen, zahlreiche Kaninchen, Hühner und Tauben. Und die Sperlinge schienen für Hausdach und Gartenzaun ebensoviel Vorliebe zu hegen wie die Eichhörnchen für die dichten Haselbüsche oberhalb des Hohlwegs. Und weit hinab glühten die Reben. Die Sonne aber, die hier die Trauben kochte, hatte ihre schöpferische Glut auch dem Häuschen geschenkt.

Die zehnjährige Anneliese mit ihren warmen Augen und ihrer herzlieben Kinderstimme schaltete in der sauberen Küche und hantierte so flink, daß die blonden Zöpfe flogen. Ihre Holzschuhe klapperten eifrig hin und her. Um das Häuschen herum schrien mit vortrefflicher Lunge bald Hans, bald Michel, bald Jakob Stürli in die herbstliche Luft; der älteste knallte mit der Peitsche; der Spitz gab durch zielloses Bellen seiner Daseinsfreude Ausdruck. Es war Leben im Weinberghäuschen. Selbst die Sonnenblumen standen wie mit lebendigen Gesichtern.

Arnold grüßte sich durch die magere, aber handfeste Schar hindurch zum Bette der Wöchnerin. Anneliese, die aus der Küche herbeilief, bekam Bildchen geschenkt, die von Schwester Lisy aus Zeitschriften für sie ausgeschnitten waren.

Frau Stürli entschuldigte sich seufzend und lächelnd wegen der ungezogenen Buben.

»Man gönnt's ja den Kindern gern«, meinte sie. »Wenn nur mehr Platz im Hause wär'! Wo soll denn das noch hin?«

»Woraus hervorgeht, Frau Stürli,« bemerkte der Pfarrer mit trockenem Humor, indem er sich einen Stuhl ans Bett stellte, »daß Sie entschlossen sind, das Halbdutzend fortzusetzen.«

»Ach jeh, Herr Pfarrer!« lachte die vergnügte Mutter. »Wie sollen wir sie denn durchfüttern? Es geht ja so schon mager genug her! Wenn wir nicht die Geißen hätten --«

»Hoho, ihr habt ja manchen Spargroschen,« erwiderte Arnold. »Und in euren Buben wachsen Arbeitskräfte heran. 's Anneliesel ist ja schon ein Hausmütterchen. Die Knirpse haben den Krieg trotz alledem gut überstanden.«

»Wenn er doch nur zu Ende wär'!« seufzte es aus den Kissen.

»Er geht zu Ende, Frau Stürli. Da steht's in der neuesten Zeitung: Deutschland bittet um Waffenstillstand.«

Die Frau schnellte empor. Sie hatte Politik in den Adern.

»Tun sie's wirklich? Bitten sie? O wie schad', wie schad'! Hat sich das stolze Deutschland jetzt doch gebeugt? Ach Gott, was soll nun aus der Welt werden! Jetzt kommt uns ja das ganze farbige Gesindel auf den Hals!«

»Auf die vierzehn Punkte der Wilsonschen Erklärung sind die Deutschen bedingungslos eingegangen. Dazu gehört auch ein Paragraph, das Unrecht von 1870 müsse wieder gutgemacht werden -- mit andren Worten, Frau Stürli, wir werden wieder französisch!«

»Aber, aber, aber -- das ist doch ganz unmöglich!« Frau Stürli stammelte vor Bestürzung. »Dieser unchristlichen Nation sollen wir ausgeliefert werden, diesen unritterlichen Franzosen? Bedenken denn die Deutschen, was das heißt? Ich hab's durchgemacht, ich kann davon ein Stücklein erzählen. Ach Gott, ach Gott! Und da liegt man nun im Bett und kann sich nicht rühren! Soll ich denn nun mit meinen Kindern französisch reden? Das ist ja eine ganz schändliche Vergewaltigung! Und das nennen sie drüben Freiheit und Gerechtigkeit? Man weiß ja gar nicht mehr, wie man dran ist in der Welt! Warum sollen wir Elsässer denn zu Frankreich? Wir sind doch keine Franzosen!«

Die Schleusen waren geöffnet. Und wenn die beredte Frau in Zug kam, so gab es so leicht kein Halten mehr. Ärgerlich lachend meinte ihr gutmütiger Mann einmal: »Hätten doch nur die Kaiwe-Franzosen min' Frau e bitzli länger behalten: sie hätt' sich vielleicht leer g'schwätzt!«

»Frau Stürli,« versuchte Arnold nach einer Weile zu unterbrechen, »es denken leider nicht alle wie Sie. Übrigens ist an Ihnen eine Schulfrau verloren gegangen.«

»Wer hat Ihnen das jetzt wieder verraten?« fragte sie verblüfft.

»Was denn?«

»Daß mich der Lehrer von Moosbach einst zur Frau gewollt hat.«

»Zur Frau? Schade. Ich gönne Sie zwar dem Stürli, denn er ist ein grundbraver Mann. Aber Sie hätten im Schulhalten Großes geleistet. Da muß halt einmal einer von Ihren Jungen dran.«

Frau Stürli lachte und strich sich eine Strähne vom hübschen Gesicht. »Ich hab' ja auch Schule gehalten drüben im Gefangenenlager. Ach, Herr Pfarrer, wenn ich da so lieg' und an jene Zeit zurückdenke!«

Sie lehnte sich in ihren weiß und rot karierten Kissen zurecht, die hellblonde Frau, und kam mit lebhaftem Händespiel wieder einmal auf ihre Leidensfahrt durch Frankreich zu sprechen.

»Es gibt drüben gewiß auch gute Menschen, das hab' ich erfahren. Aber, aber -- wenn ich zum Beispiel an den Lüneviller Bahnhof denke, wie wir da angekommen sind, hungernd, frierend, die Hände auf den Rücken gebunden -- und dann diese heulende Menschenmenge! Das fürchterliche =A mort! A mort!= wird mir wohl ewig in den Ohren gellen. Mein Schwager ohne Kragen, die Magd in Pantoffeln, ich in Hausschuhen -- und dann in dem Loch, in das sie uns einsperrten, nichts zum Zudecken! Und am andren Morgen wieder zwischen Soldaten weiter, geschlagen, gestoßen, angespien -- und immer nur =Boches= und =Cochons= und andre wüste Schimpfworte! Und dann die Damen vom Roten Kreuz auf einem Bahnhof, wo mein Schwager in der demütigsten Weise um ein bißchen Wasser bat! ›Krepiert lieber!‹ war die Antwort. ›Dann ist man euch los!‹ Herr Pfarrer, Damen vom Roten Kreuz! Sie wissen, ich könnte stundenlang so erzählen. Aber wozu! Es ist halt jetzt in der Welt, wie es in der Offenbarung Johannis steht: Die Zornschale des Wahnsinns ist über die verblendete Menschheit ausgegossen. Nur Haß, überall Haß. Die Armen wissen nicht, was sie tun. Ein gesundes Hirn muß ich doch wohl haben, und auch ein festes Herz dazu, denn sonst hätt' ich da drüben den Verstand verloren.«

Der Säugling, der am Fußende in einer bunt bemalten Schaukelwiege lag, schien mit kräftigem Stimmchen der Mutter Wort zu bestätigen. Sofort kam Anneliesel herein, nahm das Kind auf den Arm und ging mit beruhigendem Singsang hin und her. Draußen tobte die wilde Jagd; man führte unter Leitung des Ältesten die Schlacht in den masurischen Sümpfen auf, wobei die Jüngsten nebst einigen Nachbarsknaben als Russen in Nesseln oder Düngerhaufen getrieben, geprügelt und gefangen wurden. Am Fenster schimmerten im letzten Tageslicht grellrote Geranien in die blitzblanke Stube. Der nachdenklich sitzende Pfarrer ließ der Wöchnerin Plaudern über sich hinrieseln und überdachte den baufälligen Zustand dieses sauber gehaltenen Häuschens, das von der wachsenden Familie gesprengt wurde, wie das Wurzelwerk der Tanne den Felsen auseinanderbricht. Die Politik verschwand vor seinen inneren Augen; das Wunder des immer wieder sich erneuernden Lebens wuchs in diesem fruchtbaren Heim vor seiner Seele empor. Welch gesund-einfache Daseinswonne lärmte, schnaufte, leuchtete um ihn her! Die gut gedeihende Familie, die sich zu beseelen und zu durchgeistigen weiß -- so dachte er --, ist doch immer wieder das Geheimnis der Krafterneuerung. Vor einigen Tagen hatte Arnold ein Heft mit Madonnenbildern wohlgefällig durchblättert. Steht nicht auch an der Spitze der christlichen Menschheit eine Familie?

Er ahnte, der rastlos ins Allgemeine strebende Philosoph, was uns in den letzten Jahrzehnten zersetzt und gelähmt hatte. Uns lähmte der allzu verständige Gehirnmensch. Doch wahrhaft lebendig sind nur das schöpferische Herz und der schöpferische Schoß ...

Frau Stürli gab ihrer Plauderei eine unerwartete Wendung, die den sinnenden Seelsorger wieder aufhorchen ließ.

»Ich hab' aber bei all dem Elend drüben in Frankreich etwas gelernt, Herr Pfarrer, etwas Großes. Wissen Sie, was? Wenn die Leute um mich her schimpften und höhnten -- da hab' ich gedacht: das bin ich ja gar nicht, ihr armen dummen Leute, ihr haltet mich ja für eine Teufelin, die den Soldaten Vitriol in die Wunden gegossen hat! Ich bin still dazwischen gestanden, Herr Pfarrer, die Hände auf den Rücken gefesselt -- und hab's zuletzt fertig gebracht, zu lächeln. Ich hab' an meinen guten Mann, an meine armen Kinder gedacht. Es hat Tränen gekostet, freilich, aber ich hab' doch gelächelt. Ich hab' die Leute um mich herum gar nicht mehr gesehen. Und ich hab' an Christus gedacht, wie er unter den Knechten und dem Pöbel geduldet, ein Fremdling, ein heimlicher König, der ganz wo anders zu Hause ist: nämlich im Lande der Liebe. Und da bin ich ruhig geworden und zum Tod bereit. Seitdem ist etwas zwischen mir und der Welt. Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ja, Frau Stürli, das glaub' ich zu verstehen, was Sie da meinen«, nickte der Pfarrer. »Da sind wir bei einer sehr tiefen Erkenntnis angelangt. Durch die Welt geht eine große Zweiheit. Dort auf der einen Seite ist das Reich der Macht; das war zu Christi Zeiten das Römerreich und die judäische Kirche; auf der andern aber ist das Reich der ~Liebe~ oder das Reich ~Gottes~. Eins breitet sich meist auf Kosten des andren aus. Dort ist Haß, Leidenschaft und Rechthaberei; hier edle Bruderschaft. Wir Menschenseelen sind auf diesen Planeten gesandt, um uns zu entscheiden, wem wir in den Tiefen unsres Wesens dienen wollen. Sie haben sich, liebe Frau Stürli, dort in Frankreich, in Ihres Lebens finstersten Stunden, für das Reich der Liebe entschieden. Und ich sage Ihnen: Das wird Gott an Ihren Kindern segnen.«

Die Blauaugen der Mutter füllten sich mit Tränen. Obwohl Arnold gar nicht pastoral gesprochen hatte, faltete sie doch unwillkürlich die Hände.

»Gott geb's!« flüsterte sie.

»Nun sagen Sie mir aber,« fuhr der Pfarrer fort, »wenn nun die Franzosen in unser Land kommen, wenn das Elsaß politisch etwa wieder französisch wird: was machen Sie denn da?«

Frau Katharina dachte nach.

»Dann erzieh' ich meinen Kindern Charakter ins Blut« --

»Ja, ja, schon gut, wenn aber die Franzosen unsre Obrigkeit werden?«

»Dann sag' ich: Kinder, seid untertan der Obrigkeit, denn sie hat nun einmal Gewalt über euch; aber in euren Herzen bleibt mir freie Männer, die Gott mehr gehorchen als den Menschen! Und ich denke, meine Dickköpfe werden das tun. Denn die haben ihres Vaters Schädel und sind eigensinnig wie Förstersdackel.«

Sie lachte. Der Pfarrer lächelte mit.

»Noch etwas andres, Frau Stürli! Liebkost Ihr Mann noch immer den Gedanken, Bielers Haus und Gut zu pachten?«