Westafrikanische Kautschuk-Expedition

Part 21

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Am 4. März nachmittags erschien der deutsche Postdampfer „Helene Woermann“, um die wenigen in Victoria wartenden Passagiere noch abzuholen. Mit diesem fuhr ich dann nach Togo ab. Nur ungern nahm ich Abschied von Kamerun, unserer schönsten Kolonie in Afrika, der bei der immensen Fruchtbarkeit, welche fast allenthalben im Gebiete herrscht, sicher eine glänzende Zukunft bevorsteht, wenn mit demselben Interesse und derselben Energie wie in den letzten Jahren an ihrer Entwickelung weiter gearbeitet wird.

V. Kapitel.

Togo-Reise und Heimreise.

Während unserer Fahrt von Kamerun nach Togo hatten wir trotz des vorzüglichen Wetters gleich am Tage nach unserer Abreise von Victoria leider den Tod eines unserer Mitpassagiere zu beklagen, der bereits in sehr bedenklichem Zustande Kamerun verlassen hatte. In Lagos trafen wir am Morgen des 6. März ein und verblieben daselbst bis zum späten Nachmittag. Als ich am folgenden Tage an Deck erschien, waren wir bereits vor Klein-Popo. Herr +Wöckel+, welcher Herrn Geheimrat +Wohltmann+ auf seiner Rückreise nach Europa noch Lebewohl sagen wollte, kam hier zu uns an Bord. Von ihm erfuhr ich interessante Thatsachen über die Manihot Glaziovii-Anpflanzungen, welche er als Leiter der Plantage Kpemme hatte anlegen lassen. Nach kurzem Aufenthalte in Klein-Popo dampften wir nach Lome weiter. Von Herrn Geheimrat +Wohltmann+ nahm ich dort Abschied und begab mich mit meinem gesamten Gepäck an Land, wo ich in der Bremer Faktorei, den vorherigen Abmachungen gemäß, bereits eine vollzählige Trägerkolonne zu meiner Verfügung zu finden hoffte. Herr +Luther+, der Agent der Firma, nahm mich sehr liebenswürdig auf und erklärte mir nun, daß er, soweit es möglich war, alles vorbereitet habe, auch Träger seien da, welche bis Misahöhe mitgehen sollten. Ich ließ daraufhin sofort die Leute zusammenrufen und antreten. Mir schien die ganze Geschichte von Anfang an nicht sicher genug. Nach einigem Palaver einigten wir uns schließlich, doch kam es mir so vor, als ob einige der Leute unwillig seien, mit einem ihnen unbekannten Europäer zu gehen. Der Sicherheit halber sagte ich den Leuten, daß sie am Abend noch einmal antreten sollten.

Am Nachmittage machte ich Besuch bei dem stellvertretenden Gouverneur, Herrn Assessor +Heim+. Man bezweifelte damals sehr stark an der Küste, ob es mir gelingen würde, in der kurzen Zeit, welche mir zur Verfügung stand, bis nach Boëm hineinzukommen, wo ich das von Herrn Assessor +Hupfeld+ für Herrn +Sholto Douglas+ angekaufte Terrain besichtigen wollte. Da ich selbst mir wohl bewußt war, daß ich keine Zeit zu verlieren habe, wäre mir eine Verzögerung meiner Abreise von Lome äußerst unangenehm gewesen, daher geriet ich in nicht gerade die beste Stimmung als bereits am Abend von den Trägern verschiedene fehlten; sie seien bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, hieß es. Da wir diese entlaufenen Leute schwerlich würden ersetzen können, erwartete ich schon mit Schrecken die Dinge, welche ich am nächsten Tage würde auszufechten haben, da ich doch durchaus aufbrechen mußte.

Wie ich es nicht anders erwartet hatte, erschienen am nächsten Morgen 8 Leute statt der 15, welche eigentlich zur Stelle sein sollten. Ich ließ nun nach allen Seiten in der Stadt herum nach Trägern suchen, denn so viel sagte ich mir, daß der ganze Tag verloren sein würde, wenn ich nicht bis Mittag unterwegs sein könnte. Nach verschiedenen Stunden Wartens hatte ich denn glücklich 12 Träger beisammen, außer meinem Jungen, Afue, und einem „Headman“, den ich mir unter den Trägern ausgesucht hatte. Um 10 Uhr endlich konnte ich aufbrechen. Noch in Lome selbst kam mir der Gouvernementsgärtner, Herr +Warnecke+, welcher den Versuchsgarten bei Lome leitete, entgegen und bat mich, doch in dem Garten eine kurze Zeit zu verweilen, da er eine Anzahl Wardscher Kästen mit Kautschukpflanzen nach dem Agu zu senden habe, welche er gern unter Schutz eines Europäers abschicken würde. Ich erklärte mich bereit, die Kästchen nach der +Douglas+schen Plantage am Agu mitzunehmen, vorausgesetzt, daß er die Träger stellen könnte. Da auch diese Frage von ihm bereits erledigt war, nahm ich die vier Träger mit den Pflanzen am Versuchsgarten mit in meiner Karawane auf. Die Vegetation bei Lome macht auf jeden Nichtbotaniker anfangs einen recht dürftigen Eindruck, denn wo nicht von Menschenhand Kokospalmen gepflanzt sind, bringt der schmale Sandgürtel, welcher sich längs der Küste hinzieht, nur kleine Sträucher und dürftige Kräuter hervor, die an feuchteren Stellen mit einer kurzen, halophilen Vegetation abwechseln, wie man sie an der Meeresküste sämtlicher tropischen und subtropischen Regionen allgemein kennt. Hat man diesen sandigen Küstenstreifen durchzogen, so gelangt man zunächst in ein Terrain, das sich nur sehr langsam etwas hebt und fast ausschließlich aus einem roten, ziemlich sterilen Laterit gebildet wird. Daß sich auf diesem Boden nicht bedeutende Kulturen entwickeln werden, wie man sie im Innern häufig antrifft, liegt klar auf der Hand. Aber dessenungeachtet sollte die Regierung darauf hinarbeiten, daß auch diese ausgedehnten Teile zur Verwertung kommen. Das könnte aber nur durch Aufforstungen oder durch Anpflanzungen von nützlichen Gewächsen geschehen, welche für eine derartige Buschsteppe geeignet sind. Bei der Frage der Aufforstung kämen hauptsächlich australische Acacia- und Eucalyptus-Arten in Betracht, deren Holz sich dann auch noch gut verwerten ließe, was für Lome, das jetzt schon mit Holz sehr schlecht bestellt ist, von großem Nutzen sein würde. Von anderen nützlichen Pflanzen, welche sich außerdem hier in den Steppen hinter Lome als auch besonders im Innern gut bewähren dürften, möchte ich auch noch Acacia Verek erwähnen, die durch Lieferung eines guten Gummi arabicum in Senegambien zu den hauptsächlichsten Nutzpflanzen zählt. Ein anderer Weg, die Steppen Togos nutzbar zu machen, würde durch Anpflanzungen von Manihot Glaziovii angebahnt werden. Die Samen derselben wären leicht aus nächster Nähe zu beschaffen und könnten in den Steppen, besonders da, wo diese durch vorgelagerte Waldungen oder Hügelketten vor zu starken Winden geschützt sind, von Eingeborenen ausgestreut oder eventuell in gewissen Abständen in den Boden gesteckt und sich dann völlig selbst überlassen werden. So würde man mit geringen Kosten allmählich eine gewisse Aufforstung der Gebiete erzielen, aus denen dann nicht unerhebliche Quantitäten Kautschuk gewonnen werden könnten. Wie mir Herr +Wöckel+ versicherte, wächst Manihot bei Kpeme derartig schnell und verbreitet sich dort in solchem Maße, selbst ohne Pflege, daß man sich dort längst daran gewöhnt habe, es als Unkraut zu betrachten. Ich weiß, daß mir hierauf geantwortet werden könnte, daß die Pflanze nur wenig Kautschuk gebe und außerdem bei Stürmen sehr leicht umgebrochen werde. Darauf möchte ich erwidern, daß derartige Pflanzungen, so dicht gewisse Strecken bedeckend, dem Winde wohl genügend Widerstand entgegensetzen würden, daß außerdem aber die zur Aufforstung der Steppen nötigen Kapitalien so gering sein würden, wenn dieses mit Manihot geschieht, daß selbst ein sehr geringer Ertrag der Stämme gewinnbringend sein müßte; zum Überflusse aber ist nicht zu vergessen, daß eine Aufforstung dieser Steppengegenden auf die klimatischen Verhältnisse des Landes auch einen nicht unbedeutenden Einfluß ausüben würde, wenn sie in größerem Maße betrieben würde. Ganz besonders geeignet für derartige Anpflanzungen halte ich die Steppen zwischen Assaun und dem Agome-Gebirge, sowie die der Landschaft Agotime, soweit sie nicht an zu großer Bodenfeuchtigkeit leiden. Sind einmal größere Gebiete in dieser Weise bepflanzt, so könnten dieselben leicht in Parzellen gestellt werden, welche dann an einzelne Negerfamilien von der Regierung verpachtet werden müßten. Diese Leute würden dann schon selbst dafür sorgen, daß sie nicht von unberufener Hand geschädigt werden. Um aber ein zu rabiates Anzapfen seitens der Pächter zu verhüten, könnte man Inspektoren in diesen Distrikten herumschicken, welche alljährlich einige Male den Zustand der Pflanzungen in Augenschein nehmen und, wo es nötig ist, in irgend einer Weise gegen Beschädigung der Bestände einschreiten müßten. In dieser Weise betrieben, dürfte sich eine Plantage von Manihot Glaziovii sehr wohl bewähren, und so allein scheint mir ein derartiges Unternehmen rentabel zu sein. Bei den durchaus nicht ungünstigen Arbeiterverhältnissen in Togo, mit Ausnahme der Küstenbezirke, dürfte es der Regierung ein Leichtes sein, die verschiedenen Stationsleiter zur Anlage solcher Manihotpflanzungen zu bewegen. Die dem Lande auch sonst viel Unheil bringenden Grasbrände müßten in der Nähe dieser Bestände natürlich strengstens verboten werden. Für die Kolonie wären derartige Bestände von immensem Vorteil, und deshalb sollten von der Regierung oder von einem gemeinnützigen Komitee Schritte gethan werden, eine derartige Aufforstung der Steppengebiete anzubahnen. Da wir glücklicherweise in Togo derartig zu den Eingeborenen stehen, daß in den meisten Distrikten eine Aufforderung seitens der Stationsleiter genügt, um die Dörfer zur Stellung von Arbeitern zu veranlassen, so dürften die Kosten einer solchen Anpflanzung sich als sehr geringe Summen erweisen, wenn man bedenkt, welchen Nutzen die Kolonie in späteren Jahren daraus ziehen könnte.

Herr +Warnecke+ begleitete mich noch eine kurze Strecke durch die Buschsteppe, um mir daselbst einige ihm interessant erscheinende Pflanzen zu zeigen, dann sprengte ich auf meinem netten Pferdchen, welches früher Herrn +Mischlich+ aus Kete-Kratschi gehört hatte und den Ruf großer Zähigkeit und Ausdauer genoss, meinen Leuten nach, welche nun bereits eine gute Strecke vorausmarschiert waren. Als wir uns weiter von der Küste entfernten, nahm die Buschsteppe allmählich einen etwas anderen Charakter an. Die höher aufschießenden Sträucher bewiesen, daß der Boden etwas fruchtbarer wurde, auch einjährige Kräuter zeigten sich häufiger, und hier und dort sah man auch schon etwas Gras. Gegen 2 Uhr ließ ich eine kurze Rast machen, als wir bei einigen Markthütten vorbeikamen, um den Leuten Zeit zu geben, sich einige Nahrungsmittel zu kaufen. Bevor wir nach Akeppe kamen, hatte die Buschsteppe sich allmählich vollständig verändert, Gräser traten in großen Mengen auf, der bedeutend fruchtbarere Boden trug viele Ölpalmen, von denen übrigens ein nicht geringer Teil von den Eingeborenen gepflanzt wurde. Zu beiden Seiten des Weges lagen viele Farmdörfer. Es war hier interessant zu sehen, welche plötzliche Umwandlung der Vegetation in diesen Steppen ein Regen zur Folge hat. Etwa eine Woche vor meiner Ankunft in Togo war nämlich in dem Misahöhe-Distrikte und einem Teile des Lome-Bezirks ein Gewitterregen gefallen, welcher sich aber nicht südlicher als etwa eine Stunde vor Akeppe hinzog. Während das ganze Gebiet südlich dieser Küstenzone vollständig dürr aussah, war in dem gesamten Gebiete nördlich davon der prächtigste Graswuchs zu finden, aus dem sich häufig die bis 5 Fuß hohen Stengel der Eulophia (Lissochilus) cristata mit ihren prächtigen Blüten hervorhoben. Die Sträucher und Bäume waren zum großen Teile in Blütenflor, die ganze Landschaft bot einen überaus frischen und für das Auge eines Botanikers äußerst fesselnden Anblick dar. Dieses Gebiet vor Akeppe wird von den Einwohnern dieser Gegenden recht eifrig bearbeitet. Es ist sehr interessant zu sehen, mit welchem Eifer die Leute daselbst ihre Palmenplantagen anlegen und ihre Maniokfelder bestellen. Ich will übrigens hier gleich erwähnen, daß ich nur äußerst selten in Westafrika Ölpalmenplantagen gesehen habe, bei weitem der größte Teil des in den Handel kommenden Palmenöles und der Palmenkerne wird, entgegen einer offenbar verbreiteten Ansicht, daß die Ölpalme nur noch kultiviert oder verwildert in Afrika vorkomme, von vollständig wilden Exemplaren gewonnen. An einigen wenigen Stellen vor Akeppe sah ich schon Baumwolle angebaut, aber noch recht spärlich und ohne viel Verständnis angepflanzt. In Akeppe zogen wir gegen 4 Uhr nachmittags ein.

In der Nacht wurde ich durch einen großen Lärm aufgeweckt, welchen meine Leute machten. Als ich mich nach der Ursache desselben erkundigte, hörte ich, daß sie von Ameisen überfallen seien; nun gewahrte ich auch zu meinem Schrecken, daß auch in meinem Hause auf dem Boden Ameisen in großer Zahl umherliefen; daß die Tiere mich noch nicht angegriffen hatten, war dem etwa 1½ Fuß über dem Erdboden erhabenen Feldbett zu verdanken. Um sie zu verscheuchen, ließ ich nun, nachdem ich das ganze Haus tüchtig hatte auskehren lassen, zwei große Feuer anmachen, die dann auch den gewünschten Erfolg brachten.

Schon früh am Morgen des 9. März ließ ich wieder aufbrechen. Etwa nach einer halben Stunde Marsch, teils durch Gebüsch, teils durch Steppengebiet, gelangten wir nach Noeppe. Die Steppen sind von hier ab mehr oder minder dicht mit Bäumen bewachsen und erhielten dadurch einen Anblick, welcher mich sehr an ähnliche Baumsteppen in Transvaal und besonders Mozambique erinnerte, ein Eindruck, der noch dadurch erhöht wurde, daß die Vegetation sich zum großen Teile aus verwandten Pflanzen zusammensetzte. In Noeppe ließ ich eine kurze Rast machen, um zu versuchen, einen andern Träger zu erwerben als Ersatz für einen Mann, welcher mir in der Nacht entflohen war. Leider sah ich aber bald ein, daß ich in diesem Dorfe nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben würde, und zog daher bald wieder ab. Von Noeppe an hatten wir eine riesige Baumsteppe vor uns, welche nur an den jetzt noch trockenen, in der Regenzeit aber ziemliche Dimensionen annehmenden Wasserläufen von dichten Gebüschen oder schmalen Waldstreifen durchzogen war. Da viele der Kräuter und Bäume zur Zeit in Blüte standen, war mir diese Steppe sehr interessant. Die großen weißen Blüten eines Cycnium waren sehr häufig zu sehen. Hier und da erhob sich einer jener wunderschönen Stengel der Eulophia cristata aus dem Grase, nicht selten in Gemeinschaft mit den grüngelben tütenförmigen Inflorescenzen einer Amorphophallusart. Unter den Bäumen traten besonders Terminalia-Arten und eine Bignoniacee mit zierlichen Trauben rosenroter Blüten hervor. Weiterhin gesellte sich zu diesen noch der Butterbaum, der schließlich immer häufiger werden sollte, je mehr wir in das Land hineinkamen. Inmitten dieser Steppen traf ich ganz unerwartet mit einer größeren Trägerkolonne zusammen, an deren Lasten ich sofort erkennen konnte, daß ein Europäer in der Nähe sein müsse, und richtig, bald darauf traf ich mit dem Regierungsarzt Herrn Dr. +Wendland+ zusammen. Von ihm konnte ich einige Erkundigungen über den Zustand der Wege und die augenblicklichen Zustände am Agu- und Agome-Gebirge einziehen, von denen er eben zurückkehrte. Zu meiner Freude hörte ich auch, daß die Wege immer besser werden sollten, je weiter man sich von Lome entferne. Gegen 11 Uhr erreichten wir Badja, ein Dorf von ziemlicher Ausdehnung, wo ich meinen Leuten Zeit zum Mittagessen geben wollte. Unter schönen Ficusbäumen lagerten wir uns. Auch hier in Badja hatte ich keinen Erfolg im Anwerben von Trägern. Hätte ich allerdings damals die Zustände in Togo so gekannt wie später, als ich wieder durch Badja zog, dann wäre ich wohl sicher in meinen Bemühungen erfolgreicher gewesen. Hier gab es auch etwas Guinea-Korn als Futter für mein Pferd zu kaufen, das sich schneller daran zu gewöhnen schien, als an den Mais. Nach etwa dreistündiger Rast brachen wir wieder auf. Die mächtige Baumsteppe setzte sich hinter Badja weiter fort, die Vegetation blieb dieselbe wie zuvor, hier und dort gesellten sich zur Eulophia cristata noch andere auffallende Orchidaceen derselben Gattung, wie z. B. die wundervolle Eulophia dilecta und die kleine Eulophia flava. Die Gräser bestanden meist aus niedrigen Arten, die fast alle ein gutes Viehfutter abgeben würden. Es stimmte mich oft traurig, wenn ich sah, daß in diesen Gegenden kein Großvieh gehalten werden kann, da die Tsetsefliege die Bestände in kurzer Zeit vernichten würde. Es kam mir damals unwillkürlich der Gedanke, daß es doch von riesigem Nutzen für die Kolonie sein müßte, wenn ein tüchtiger und erfahrener Tierarzt zum Zwecke des Studiums der durch die Tsetse hervorgerufenen Krankheit und der Verbreitung dieses Übels nach Togo entsendet werden würde, damit uns nun endlich einmal Näheres über diese für die fernere Entwickelung des Landes äußerst wichtigen Punkte bekannt würde. Welch ein kolossaler Vorteil läge zum Beispiel schon allein darin, wenn wir einmal im stande wären, von Lome bis zum Agu- und Agome-Gebirge statt durch teure und unzuverlässige Träger die Lasten in Ochsenwagen oder Maultierwagen zu befördern. Das Land ist mit Ausnahme einiger Wellungen vollständig eben und würde sich zur Anlage einer Fahrstraße vorzüglich eignen, zudem wäre Futter für die Zugtiere in reichem Maße in den Steppen vorhanden. Wenn wir dereinst die genaue Verbreitung der Tsetsefliege von Togo kennen werden, die sicher in vielen Gegenden des Schutzgebietes eine äußerst lokale ist, dann werden wir wahrscheinlich Zugtiere, wie Ochsen, Pferde und Maultiere, in Togo mit großem Erfolge verwenden können und vielleicht auch einmal so weit kommen, daß das Land den ganzen Bedarf selbst decken kann. Während meiner Reise nach dem Agu-Gebirge, von Lome aus, habe ich gerade mit großem Interesse die Möglichkeit der Anlage einer Fahrstraße verfolgt und habe an keiner Stelle bedeutende Schwierigkeiten gefunden. Es werden einige Wasserläufe zu überbrücken sein und einige Sümpfe trocken gelegt oder umgangen werden müssen, doch das wären nur sehr geringe Arbeiten im Verhältnis zu dem Nutzen, den eine solche Straße für den Handel der Kolonie bringen würde. Im Bezirke Misahöhe sind jetzt schon mit Ausnahme kleiner Strecken die Wege südlich des Agome-Gebirges in so vorzüglichem Zustande, daß man sie auf weite Strecken mit Wagen befahren könnte. An einigen wenigen Stellen befanden sich wieder kleine Wäldchen in den Steppen hinter Badja, in denen dann größere Bäume auftraten, während sonst außer den Affenbrotbäumen, die in Togo nicht weit ins Innere vordringen, die Steppenbäume selten über 10 m hoch waren. Für das Nachtquartier hatte ich den Ort Kewe ausersehen, bei dem auch wieder ein Logierhaus für Europäer vorhanden sein sollte. Als wir uns gegen 5 Uhr am Nachmittage Kewe näherten, wich die Steppe allmählich einer dichteren Buschvegetation, deren Vorhandensein wahrscheinlich auf ehemalige Kultivierung des Geländes zurückzuführen ist. Die Eingeborenen waren zur Zeit gerade damit beschäftigt, neue Farmen für die kommende Regenperiode anzulegen und die vorhandenen Ölpalmenanpflanzungen zu säubern. Kewe selbst ist nur ein kleineres Dorf, das auch wohl von geringerer Bedeutung ist als das in der Nähe liegende Assaun, in dem sich besonders die Schmiede und Töpfer niedergelassen haben. Wir hatten kaum unsere Lasten in dem geräumigen Rasthause untergebracht, als ein starker Gewitterregen losbrach, der für den Rest des Abends sich ohne Unterbrechung fortsetzte und in einen allgemeinen Landregen auszuarten schien. Als der Regen dann gegen Mitternacht aufhörte, war bald der feuchte Boden um das Haus herum von Hunderten von Ameisen bedeckt, so daß ich schließlich gezwungen war, mein Pferd, welches an einem der nahestehenden Bäume angebunden war, in einem in der Nähe aufgebauten Stalle unterzubringen, in dem es wenigstens von dieser Plage befreit war.

Wie es häufig nach derartigen Gewitterregen der Fall zu sein pflegt, hatten wir am nächsten Tage einen wundervoll kühlen und hellen Morgen, den ich dadurch auszunutzen versuchte, daß ich bereits um 5 Uhr das Signal zum Einpacken ertönen ließ. Da wir das Zelt nicht einzupacken hatten, erfolgte schon kurze Zeit nach diesem Signal gewöhnlich das zweite, welches für die Leute das Zeichen zum Aufbruch war. Sobald wir uns etwas von Kewe entfernt hatten, traten wir wieder in die uns nun so wohl bekannte Baumsteppenformation ein. Infolge des Regens vom vorherigen Abend waren die Wege stark aufgeweicht und, da sie über lehmiges Terrain führten, nicht selten so schlüpfrig, daß die Leute mit ihren Lasten nur langsam vorwärts kommen konnten und ich auf dem Pferde auch gehörig aufpassen mußte, damit das Tier nicht ausglitt. Etwa eine Stunde nach unserem Abmarsch aus Kewe passierten wir das Dorf Assaun, dessen Umgebung auch wieder mit dichtem Gebüsch bedeckt war, in dem ich übrigens wiederholt Strophanthus beobachtete. Schier endlos setzte sich hinter Assaun nun die Baumsteppe fort. Dieselbe bot, da sie sich immer noch aus denselben Gewächsen zusammensetzte, wenig Interessantes für mich dar. Der Butterbaum war hier schon bedeutend häufiger geworden und trat an einigen Stellen bereits charakterbildend auf. In einem schmalen Waldgürtel, welcher sich am Rande einer Kette von Wasserlöchern gebildet hatte, sah ich die ersten Exemplare einer Kautschuk liefernden Liane. Die wenigen Exemplare waren leider nicht in Blüte, so daß ich nicht feststellen konnte, welche Art ich vor mir hatte. Auch Bossassanga-Pflanzen (Costus) gab es an solchen Lokalitäten in Fülle. Um 11 Uhr kamen wir in dem Dorfe Tove an. Da mir daran lag, noch am Abend bis Gbin zu kommen, gab ich den Trägern nur eine Stunde Zeit zum Kochen ihrer Mahlzeiten. Als ich dann aber die Signalpfeife zum Einpacken ertönen ließ, weigerten sich die Leute, offenbar von den Einwohnern des Dorfes dazu aufgestachelt, weiter zu marschieren, da der Weg bis Gbin zu weit sei; einige erschienen sogar nicht einmal. Da ich schon früher auf meinen Reisen erfahren hatte, daß ein Nachgeben hier nur Bummelei bei den Leuten zur Folge haben würde, mußte ich hier ein Exempel statuieren. Ich gab den Leuten daher tüchtig meine Meinung zu hören, worauf sie sofort ihre Lasten ergriffen und abmarschierten. Als diejenigen, welche nicht erschienen waren, von ihren Verstecken aus sahen, daß sie mit mir sich derartige Späße nicht erlauben dürften, kamen auch sie sofort herbeigelaufen und nahmen ihre Lasten auf, um auch damit aufzubrechen. Sobald ich darauf zu Pferde die Karawane wieder eingeholt hatte, ließ ich in der Steppe die Leute anhalten und befahl denjenigen, welche auf mein Signal nicht erschienen waren, vorzutreten. Nachdem ich deren Namen aufgeschrieben hatte, kündigte ich ihnen an, daß ich diese Unverschämtheit durch Abzug eines Tagelohnes von dem Trägerlohne eines jeden bestrafen werde. Diese Maßregel wirkte besser als ich selbst gehofft hatte, denn während des uns nun bevorstehenden Marsches zeigten die Leute mehr Eifer denn je zuvor. Bis gegen Abend hatten wir wieder durch Baumsteppen zu ziehen, die nichts Neues darboten. Vor uns sahen wir bereits deutlich das Agu-Gebirge liegen, als wir gegen 6 Uhr in Gbin einmarschierten. Zu meiner Freude fand ich hier ein sehr reinlich gehaltenes Rasthaus aufgebaut. Die Nacht, welche diesem Tage folgte, war herrlich. Der Mond stand in seiner ganzen Pracht am Firmamente und ergoß sein wundervolles Licht über das stille Dorf. Lange noch blieb ich vor dem Rasthause sitzen, nachdem ich meine laufenden Arbeiten, wie Tagebuch schreiben und Pflanzen einlegen, erledigt hatte, um nach dem sehr heißen Tage in der Steppe diese prachtvolle kühle Nacht zu genießen.