Westafrikanische Kautschuk-Expedition
Part 20
Mit Sonnenaufgang ließ ich am nächsten Tage abfahren, froh, von dieser Gesellschaft von Duallas Abschied nehmen zu können. Die Vegetation, welche wir anfangs vor uns hatten, bestand aus einer Übergangsvegetation, ehe wir in die Gebiete kamen, in denen wir nur die typische Mangroven-Formation vor uns hatten. Wiederholt sahen wir Krokodile, welche bei unserer Annäherung schleunigst sich unsichtbar machten. Hätten wir den Führer nicht bei uns gehabt, so hätten wir uns sicher in diesen Creeks verirrt, ein solches Labyrinth von Wasserläufen hatten wir zu durchfahren. Wiederholt schien es, als sei ein Tornado im Anzuge, der für uns sehr unangenehm werden konnte, da wir nirgends anlegen konnten. Als wir über den großen Möven-See fuhren, brach auch wirklich ein kleiner Sturm aus, der uns zwang, eine Zeit lang das Canoe zwischen die Mangroven zu bringen, da wir sonst unfehlbar umgeworfen worden wären. Bald erschien jedoch die Sonne wieder, so daß wir ohne großen Zeitverlust unsere Reise fortsetzen konnten. Eine solche Fahrt von einigen Stunden zwischen Mangrovengebüschen hindurch gehört zu den langweiligsten Touren, welche man je unternehmen kann. Nichts als stets dieselben Rhizophoraceen und Avicennien, selten außer Krokodilen ein lebendes Tier, höchstens hier und dort einige behend entfliehende Meerkatzen zu sehen, dazu die schwere, drückende Luft des Morastes und meist eine furchtbare Hitze, das sind die Erinnerungen, welche ich von allen derartigen Touren mit heimgenommen habe. Doch auch diese Fahrt erreichte ihr Ende. Gegen Mittag kamen wir vor der Nikol-Insel in der Nähe des Dorfes Dikulu in die offene See. Da meine Leute recht ungeübte Ruderer waren, war die Fahrt nicht ungefährlich, denn auf dem Wasser stand eine steife Brise, welche ziemlich hohe Wellen erzeugte; wir konnten uns auch nicht der Küste zu sehr nähern, da längs derselben große Mengen von Felsen zerstreut waren. Vor der Dikulu-Bucht ließ ich einmal zwischen den Felsen hindurch an das Land heranfahren, um kurze Zeit daselbst zu verweilen, denn wir hatten noch nichts genossen, und ich wollte schnell etwas Essen für die Leute kochen lassen. Nach etwa einstündigem Aufenthalte fuhren wir über die Dikulu-Bucht hinüber und bogen dann um die nächste Spitze in die schöne Bimbia-Bucht ein, in der wir gegen 4 Uhr bei N’Bamba landeten. Herr +Rehbein+, der Vertreter des Herrn +Friederici+, war zufällig in dem Hause, so daß ich sogleich mit ihm die nötigen Arrangements betreffs Beförderung meiner Lasten nach Victoria treffen konnte. Er war so freundlich, die Sachen zu übernehmen und am nächsten Tage, einem Sonntage, die Lasten durch einige Yaunde-Arbeiter unter Führung eines meiner Jungen, den ich zu dem Zwecke in N’Bamba zurückließ, nachzuschicken. Die vier in Mundame gemieteten Leute und der Führer aus den Mungo-Dörfern sollten am nächsten Tage das Canoe nach Kamerun bringen, um es daselbst bei der Faktorei von +Jantzen & Thormählen+ abzugeben. Ich selbst ging mit einem Jungen und mit einem Träger noch am Nachmittag nach Victoria weiter über Land. In Victoria traf ich dann am Abend ein, froh, daß alles so glücklich abgelaufen war. Leider wurde ich daselbst gleich mit einer Nachricht empfangen, welche mich tief erschütterte, +Plehn+ sei auf seiner Expedition nach den Gegenden des Yong durch einen vergifteten Pfeil getötet worden. Fast wollte ich meinen Ohren nicht trauen, als ich das hörte. Welch ein Schicksalsschlag war das wieder für die Kolonie, wieder war einer der tüchtigsten Beamten verloren, der nicht so leicht zu ersetzen sein wird, denn Dr. +Plehn+ hatte unter den so schwierigen Verhältnissen die Sanga-Ngoko-Expedition in einer Weise geführt, daß selbst seine Neider ihm ihre Bewunderung nicht versagen konnten.
Für die nächste Zeit war ich nun leider an Victoria gebunden, da sich keine Gelegenheit bot, nach dem Süden zu gelangen. Es war höchst unangenehm für mich, immer mehr von meiner kostbaren Zeit durch unnützes Warten in dieser Weise zu verlieren. Ich benutzte daher die Zeit mit Einpacken eines großen Teiles meiner Lasten für Togo sowohl, als auch aller nun überflüssigen für Europa. Am 8. Februar kam endlich die „Nachtigal“ von Kamerun mit der Strafexpedition des Herrn Hauptmann +v. Besser+, welche, von Victoria aus ins Innere marschierend, erst die Bangwa, die Mörder des Herrn +Conrau+, bestrafen und dann nach den Cross-Schnellen vorgehen sollte, wo die Eingeborenen den Leutnant +v. Queiß+ niedergemacht hatten. Am 10. Februar benutzte ich die Gelegenheit, mit der „Nachtigal“ nach Kamerun zu fahren, von wo aus ich eher Gelegenheit, nach dem Süden zu kommen, erhoffen konnte. Bei dem Vertreter der Firma +Jantzen & Thormählen+, welche mich in jeder Weise während meines Aufenthaltes in Kamerun unterstützt hatte, fand ich Aufnahme für die Zeit meiner gezwungenen Ruhe in Kamerun. Herrn Gouverneur +Köhler+, welcher den inzwischen nach Europa abgereisten Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ vertrat, stattete ich kurzen Bericht über meine Bakossi-Reise ab und besprach mit ihm die Möglichkeit meiner Togo-Reise, auf der er mich in jeder Weise zu unterstützen versprach.
In Kamerun hatte ich während meines damaligen Aufenthaltes Gelegenheit, die äußerst ungünstigen Handelsverhältnisse des Platzes kennen zu lernen, welche durch die maßlose Konkurrenz der vielen dort ansässigen Firmen hervorgerufen worden waren. Die Kaufleute hatten zwar unter sich ein Syndikat gebildet, welches den Zweck hatte, die Preise möglichst zu halten, doch konnte sich auch das nicht bewähren.
Der Kautschuk, den ich hier von den Duallas zum Verkauf angeboten sah, bestand aus kleinen Stücken von der Größe eines Pfennigs, so daß man glauben sollte, ein Betrug wäre in solchem Falle nicht möglich. Doch auch hier hatte der schlaue Negerkopf ein Mittel ausfindig gemacht, mit dessen Hülfe er den Europäer betrügen konnte. Der nasse Kautschuk wurde einfach mit Sand vermischt und dann dem Weißen erst verkauft. Wenngleich man auch sofort sehen konnte, daß der Neger dieses Mittel angewendet hatte, um mehr Gewicht in seiner Ware zu erzielen, so wußte man doch nicht zu schätzen, wie viel Sand in der Menge vorhanden war. Den Kautschuk zurückzuweisen, wäre auch nicht angebracht gewesen, da der Betrüger seine Ware sicher bei einem Konkurrenten abgesetzt hätte. Dass unter solchen Verhältnissen ein Handel in dem Orte Kamerun sich nicht heben kann, muß jedem denkenden Menschen einleuchten. So ist es auch zu erklären, daß die Kaufleute am Kamerun-Flusse klagen, daß sie nichts verdienen, während ihre Kollegen an der Südküste bedeutenden Gewinn, besonders aus dem Kautschukhandel, erzielen sollen.
Nachdem ich eine volle Woche umsonst in Kamerun gewartet hatte, bot sich mir endlich am 16. Februar eine Gelegenheit, die Reise nach der Südküste zu machen. Wie bedauerte ich damals, daß ich mich nicht länger im Bakossi-Gebiete oder in der Umgegend aufgehalten hatte, statt hier in Kamerun so lange fast zwecklos umhersitzen zu müssen. Doch ich war zur Küste gekommen, da ich unter dem Eindrucke war, daß mich die „Nachtigal“ nach dem Süden bringen sollte.
Es sollte offenbar alles nicht recht gehen, denn erstens kam der englische Dampfer, welcher für die Fahrt nach dem Süden bestimmt war, nicht vor dem 17. Februar fort, zweitens aber sollte er, was sonst fast nie vorkam, die sämtlichen kleinen Plätze vor Groß-Batanga besuchen, um dort Fracht zu löschen; ich konnte also nicht erwarten, vor dem 20. Februar in Groß-Batanga einzutreffen, während ich unter den gewöhnlichen Umständen dort bereits einige Stunden nach der Abfahrt von Kamerun angelangt wäre. Was half es, ich hatte mich zu fügen. Ob ich bis nach Campo kommen würde, wie ich ursprünglich beabsichtigte, war eine Frage der Umstände, die sich erst später ergeben mußte; ich hatte allerdings sehr geringe Hoffnung, das alles noch bis Ende des Monats ausführen zu können.
Am 17. Februar lichtete die „Lagos“ die Anker und begann die Reise flußabwärts nach der Mündung des Kamerun-Flusses. Um Kap Swellaba herum dampften wir in die offene See hinaus, um uns dann bald wieder der Küste zu nähern. Bei Klein-Batanga waren wir so nahe derselben, daß wir ohne Fernglas mit Leichtigkeit die Häuser zählen konnten. Nur langsam kamen wir fort, da es auf der See etwas neblig wurde, bis wir gegen 4 Uhr vor Longji zu Anker gingen. Da wir in ziemlicher Entfernung von der Küste lagen, war gar nicht daran zu denken, noch an demselben Tage den Cargo für diesen Küstenplatz zu löschen. Wir blieben daher über Nacht liegen, um am 18. Februar noch den Rest der Ladung für Longji an Land zu schaffen. Erst gegen 11 Uhr konnten wir wieder abdampfen. In Plantation, einer kleinen Handelsniederlassung, welche wir von Longji aus bereits mit Leichtigkeit sehen konnten, wurde wieder angehalten. Hier gab es wieder einen großen Cargo auszuladen, so daß mir der Kapitän sogleich erklärte, daß er nicht vor Mittag des nächsten Tages abfahren könne. Ich ging an Land. Da in den letzten Jahren sich der Kautschukhandel der Südküste hauptsächlich nach Plantation gezogen hatte, bot der Platz einiges Interessante für mich dar. Ich erfuhr hier Näheres über die Distrikte, aus denen der größere Teil des Kautschuks zu kommen schien, sowie über die Behandlung des gekauften Produktes. Zu meiner Freude hörte ich, daß auch hier der größte Teil des Produktes in kleinen Stücken exportiert werde, nachdem er vorher noch gereinigt und getrocknet sei. Dem ist es wohl auch zum großen Teile zuzuschreiben, daß der Kautschuk der Südküste im allgemeinen einen besseren Preis auf dem europäischen Markte erzielt, als der vom Kamerun-Flusse exportierte. Nach allem, was ich hier vernahm, scheint ein nicht geringer Teil des von der Südküste stammenden Kautschuks aus weiter Entfernung von der Küste zu kommen, besonders aus der Gegend hinter Ekbolowa im Buli-Lande, welche gar nicht sehr weit von dem oberen Dja entfernt sein kann. Über diesen Ort Ekbolowa dürfte wohl auch in späterer Zeit, wenn wir erst das Hinterland von Kamerun mehr geöffnet haben werden, sich ein nicht unbedeutender Handel mit den Ngoko-Regionen entwickeln. Daß bereits einige Artikel auf diesem Wege von Hand zu Hand bis in die Ngoko-Regionen vorgedrungen sind, ist durch ein Gewehr erwiesen, welches Dr. +Plehn+ aus Kunabembe erhielt, das nachweislich von einer Firma an der Südküste in den Handel gebracht worden war.
Wie unser Kapitän versprochen, fuhren wir gegen Mittag am 19. Februar von Plantation ab. Bei Kribi dampften wir vorbei und warfen vor einer sehr kleinen Niederlassung, Wasserfall mit Namen, Anker. Von Kribi aus hatte man bereits den Dampfer bei Plantation gesehen und als den englischen erkannt, daher waren einige Herren zu Fuß von Kribi nach Wasserfall gelaufen, um dort ihre Post an Bord des Dampfers zu empfangen. Wir erhielten infolgedessen am Nachmittage reichlichen Besuch. Unter anderen erschien auch Herr +Mager+, der Vertreter des Herrn +Küderling+, welchen ich vor allen Dingen zu sehen wünschte, da es meine Absicht war, die Plantage der Firma +Küderling & Co.+ in Campo zu besichtigen. Mit Herrn +Mager+ arrangierte ich natürlich sofort das Nötige, um eventuell ohne Zeitverlust nach Campo zu kommen. Da Herr +Mager+ noch am späten Abend an Land ging, verabredeten wir, daß wir uns am nächsten Tage in Groß-Batanga wiedersehen wollten, wo mich Herr +Mager+ von dem Dampfer abholen sollte. Herr +Meßner+, der Vertreter der Firma +Lübke & Co.+, war so freundlich, mir in Groß-Batanga in seinem Hause Unterkunft anzubieten.
Als ich am Morgen des 20. Februar erwachte, lagen wir bereits vor Groß-Batanga. Herrn +Mager+ mit seinem Boote konnte ich auch kurz darauf erspähen. Schon um 7 Uhr fuhr ich mit dem Schiffsdoktor und Herrn +Mager+ an Land, wo ich mich der Verabredung gemäß bei Herrn +Meßner+ einquartierte. Groß-Batanga hatte ich schon früher einmal, als ich auf der Reise nach dem Congo war, betreten, doch jetzt entrollte sich vor meinen Augen ein ganz anderes Bild als damals, als ich nur für eine Stunde in der +Woermann+schen Faktorei mich aufgehalten hatte. Erst jetzt lernte ich die verschiedenen Faktoreien kennen, von denen allerdings die, in der ich wohnte, die stattlichste und bedeutendste schien. Am Nachmittage machte ich mit Herrn +Mager+ und Herrn +Meßner+ einen Rundgang längs des Strandes in den verschiedenen Faktoreien. Wir hatten beschlossen, noch am Abend desselben Tages nach Campo aufzubrechen, mußten diesen Plan aber aufgeben, da die zu diesem Zwecke engagierten Leute nicht erschienen. Um denselben Übelstand am nächsten Tage zu verhüten, ließen wir den alten Häuptling des Dorfes bei Groß-Batanga rufen und trugen ihm nun ernstlich auf, bei Zeiten für die Leute zu sorgen, welche uns nach Campo rudern sollten. Als dieselben dann auch wirklich am Nachmittag erschienen, wurden sie bis zu unserer Abfahrt in der Faktorei zurückgehalten.
Vor Jahren hatte Herr +Küderling+ in Groß-Batanga einige Manihot Glaziovii-Stämme ausgesät, die unterdessen zu einer bedeutenden Größe herangewachsen waren. Da mir daran lag, zu erfahren, wie sich dieser Kautschukbaum in den südlichen Distrikten unseres Schutzgebietes bewähren dürfte, zapfte ich die vorhandenen Exemplare an. Die Milch, welche ich erhielt, floß ziemlich reichlich und enthielt bedeutend mehr Kautschuk als in Victoria, ja sogar so viel, daß ich glaube, eine Anlage im größeren Stile dürfte sich hier bezahlt machen. Ich setze dabei natürlich voraus, daß eine solche Anlage in der von mir bereits häufig vorgeschlagenen Art bewirtschaftet würde. Anzapfungen mit dem Pickierapparat, wie ich sie hier versuchte, dürften sich an heißen Tagen, wenn die herausquellende Milch schnell koaguliert, am besten bewähren. Ich bin davon überzeugt, daß man durch wiederholtes richtiges Anzapfen von den etwa sieben Jahre alten Stämmen im Jahre ein Pfund Kautschuk gewinnen könnte. Wie mir Herr +Mager+ erzählte, hatte Herr +Küderling+ selbst einmal derartige Anzapfungsversuche gemacht, ohne dabei zu guten Resultaten zu gelangen, hatte aber später sich darüber wundern müssen, daß Eingeborene, welchen er die Erlaubnis gegeben, die Manihotstämme anzuzapfen, größere Quantitäten Kautschuks gebracht hätten.
Am Abend des 21. Februar konnte ich endlich zusammen mit Herrn +Mager+ die Reise nach Campo antreten. Da der Weg längs der Küste nur bei Ebbe zu gebrauchen und sonst auch infolge des tiefen Sandes sehr beschwerlich ist, zogen wir es vor, in einem Boote die Strecke bis Campo zurückzulegen. Da wir hofften, in der Nacht eine günstige Brise zu haben, beschlossen wir, erst spät am Abend abzufahren. Die See war ziemlich unruhig, als wir abfuhren, so daß wir gezwungen waren, sogleich möglichst weit in die See hinauszufahren, um vor den vielen Felsen, welche in der Nähe von Groß-Batanga längs der Küste liegen, sicher zu sein. Die ersehnte Brise stellte sich zu unserer Enttäuschung aber nicht ein, und wir machten nun, da die Leute rudern mußten, nur sehr geringe Fortschritte. In der Hoffnung, am Morgen in Sicht von Campo zu sein, legten wir uns im Boote nieder zur Ruhe, waren aber nicht wenig enttäuscht, als wir wieder erwachten, noch nichts von Campo sehen zu können; offenbar hatten unsere Leute im Boote die Gelegenheit benutzt, möglichst faul zu sein. Erst gegen Mittag kam die Landspitze vor dem Campo-Flusse in Sicht, doch begann die See nun auch so hoch zu gehen, daß wir mehrmals glaubten, in unserem kleinen Boote von einer herannahenden Welle überschwemmt zu werden. Unsere Lage wurde am Nachmittage sogar so unangenehm, daß wir Europäer vorzogen, am Lande anzulaufen, um dann über Land den Marsch fortzusetzen. Einen meiner beiden Jungen nahm ich mit, den anderen ließ ich zurück, damit er dafür sorge, daß mein Gepäck nicht zu stark von den hereinschlagenden Wellen, denen das uns nachfolgende Boot ausgesetzt war, durchnässt werde. Der Marsch am Strande entlang war infolge des losen Sandes recht beschwerlich, wurde aber unerträglich, als erst die Flut stieg und wir immer vor den höher steigenden Wellen auszuweichen hatten. Am allerschlimmsten aber wurde unsere Situation, als die Nacht hereinbrach und wir nun zwischen Gebüschen und dem Wasserniveau unseren Weg suchen mußten. Am späten Abend war schließlich das Wasser derartig gestiegen, daß wir gezwungen waren, Schuhe und Socken auszuziehen und mit aufgerollten Hosen im Wasser am Strande entlang unseren Weg suchen mußten. So angenehm auch die Kühle des Seewassers war, so unangenehm wurde unser Zustand, wenn wir mit den nackten Füßen auf eine Muschel oder eine hervorstehende Holzspitze traten, denn die Nacht war so dunkel, daß man fast seine eigene Hand nicht sehen konnte. Herr +Mager+, welcher kurzsichtig war, lief wiederholt direkt derartig in Büsche und umgefallene Bäume hinein, daß wir uns wundern mußten, endlich gegen 1 Uhr beide unversehrt in Campo einzutreffen. In der stattlichen, dort von Herrn +Küderling+ errichteten Faktorei fanden wir alles verschlossen; wie wir hörten, war der Europäer gerade abwesend, um im Innern auf einigen Zweigfaktoreien Inventar aufzunehmen und Kautschuk und Elfenbein aufzukaufen. Zum Glücke hatte der farbige Verwalter des Ladens Schlüssel für einige der Zimmer, so daß wir noch unter Dach und Fach ein Lager fanden.
Am frühen Morgen war das Boot mit unseren Sachen auch in Campo angelangt und alles bereits auf der Veranda der Faktorei zum Trocknen ausgelegt, als ich um 6 Uhr aus meinem Zimmer heraustrat. Die sämtlichen Lasten waren furchtbar durchnässt. Am Nachmittag fuhr ich zusammen mit Herrn +Mager+ nach der dicht oberhalb am Campo-Flusse gelegenen Plantage des Herrn +Küderling+, um dort die Kickxia-Anpflanzungen in Augenschein zu nehmen. Die Plantage war recht schön sauber gehalten, nur fiel mir auf, daß die Schattenbäume fehlten und daß infolgedessen viele der jungen Triebe an der Spitze verbrannt erschienen. Die Bäumchen trugen sehr reichlich Früchte und wuchsen recht gut, solange sie im Schatten der Bananen standen, welche zur Ernährung der Arbeiter angepflanzt waren. Es wäre sehr wünschenswert, daß hier in Zukunft viele Schattenbäume beim Schlagen des Waldes stehen bleiben, denn das schon an und für sich viel trockenere Klima bedingt nach meiner Ansicht entschieden noch mehr Schatten für Kakaokulturen als das am Fuße des Kamerun-Gebirges bei Victoria. Herr +Küderling+ hatte, wie bekannt, für seinen Kakao aus dieser Campo-Plantage einst den höchsten Preis bekommen, der je für Kamerun-Kakao erzielt worden ist.
Auch hier in der Campo-Plantage hatte man eine Anzahl von Manihotstämmen angepflanzt, welche übrigens beim Anzapfen gleichgünstige Resultate lieferten wie die in Groß-Batanga wachsenden. Außer einigen mehrere Jahre alten Bäumchen von Kickxia africana hatte Herr +Küderling+ eine größere Zahl von Pflänzchen der Kickxia elastica auspflanzen lassen. Von den Samen, welche er im Januar 1899 von Dr. +Preuß+ erhalten hatte, waren nur drei Pflanzen aufgegangen, welche man nun an Ort und Stelle in dem Samenbeete hatte stehen lassen; dieselben hatten sich derartig entwickelt, daß ich ihr Wachstum als ausnahmsweise günstiges bezeichnen muß. Die jetzt einjährigen Pflanzen waren bereits höher als ein großer Neger. Auf der Campo-Plantage befanden sich viele sumpfige Flächen, die vielleicht mit Hevea brasiliensis bepflanzt werden könnten, denn in solchen sumpfigen Lokalitäten dürfte die Hevea vielleicht einen reicheren Erfolg liefern als in dem trockenen Boden, in dem sie im botanischen Garten zu Victoria steht. Die vor einigen Monaten ausgepflanzten Kickxien, welche aus Samen vom Mungo gezogen waren, hatte man in größeren Abständen in der Kakaoplantage ausgepflanzt. Meiner Ansicht nach dürfte dieser Standort für die Kickxia, welche doch eine Waldpflanze ist, nicht sehr günstig sein, da die Stämme sich dann wahrscheinlich schlecht entwickeln werden und nur kurz bleiben, wie man das übrigens auch schon an den vorhandenen Exemplaren von Kickxia africana beobachten konnte.
Am Abend kehrten wir zur Faktorei nach Campo zurück, um am nächsten Morgen eine Canoefahrt bis zu den Schnellen des Campo-Flusses zu unternehmen, wo Herr +Küderling+ noch eine zweite Plantage hatte anlegen lassen. Wir brachen sehr zeitig auf, um noch vor Beginn der heißen Tageszeit an unseren Bestimmungsort anzulangen. Anfangs waren die Ufer des Flusses nur mit Mangroven und Avicennien bedeckt, allmählich traten dann noch andere Pflanzen hinzu, bis schließlich die Mangroven ganz verschwanden, um hauptsächlich Calamusgestrüppen Platz zu machen. Gegen 9 Uhr kamen wir bei der Plantage an. Dieselbe war in derselben Weise angelegt worden wie diejenige bei Campo. Der Boden schien noch typischerer Laterit zu sein als dort, große Glimmerschiefer-Blöcke erhoben sich bis über die Oberfläche an verschiedenen Stellen. Auch hier hatte man leider fast gar nicht für Schattenbäume gesorgt, und daher konnte ich auch wieder dieselbe Erscheinung wahrnehmen wie auf der Plantage bei Campo: die Spitzen der jungen Triebe schienen von der Sonne verbrannt zu werden. Kickxien hatte man auch hier angepflanzt, dieselben standen recht gut und versprachen, vorzüglich anzugehen. Im übrigen bot diese Plantage nichts, das ich nicht schon auf der weiter unten bei Campo gelegenen gesehen hatte. Am Nachmittage fuhren wir nach der auf der französischen Seite des Flusses gelegenen Plantage eines Franzosen, der sich dort mit seiner Familie angesiedelt hatte. Es war daselbst außer Kakao noch Kaffee und Vanille angepflanzt worden, doch machte die ganze Anlage gerade einen recht verwahrlosten Eindruck, den ihr Besitzer der bereits seit längerer Zeit herrschenden Dürre zuschrieb. Die Vanille stand sogar sehr schlecht. Noch gegen Abend kehrten wir dann nach Campo zurück.
Am nächsten Tage fuhren wir nun wieder in einem Boote nach Groß-Batanga zurück. Da wir eine günstige Brise bekamen, welche uns gestattete, die Segel aufzuspannen, hatten wir eine bedeutend günstigere Fahrt und erreichten Batanga schon am Abend desselben Tages.
Da ich auf keine andere Gelegenheit hoffen konnte, schnell nach Kamerun zurückzukehren, hatte ich beschlossen, am 27. Februar per Boot dorthin abzufahren. Den einen Ruhetag, welchen ich somit hatte, benutzte ich dazu, die Manihotstämme noch einmal anzuzapfen und Samen derselben zu sammeln, deren ich einige tausend erhielt. Als ich am frühen Morgen des 27. Februar die Bootsleute zur Abfahrt zu rufen auf die Veranda trat, sah ich zu meiner Freude, daß ein englischer Dampfer, der nach Kamerun gehen sollte, dicht bei uns vor Anker lag. Natürlich ließ ich sofort mein ganzes Gepäck an Bord bringen, um diese Gelegenheit nicht zu versäumen. Gegen 9 Uhr verließ ich dann auf der „Boma“ diesen Ort, in dessen Umgegend ich mich gern noch länger aufgehalten hätte. Die Fahrt lief sehr glücklich ab, denn bereits um 5 Uhr warf die „Boma“ vor Kamerun Anker, so daß ich noch an demselben Abend wieder zur Faktorei der Firma +Jantzen & Thormählen+ übersiedeln konnte.
Bis zum 2. März verblieb ich noch in Kamerun, um dann zusammen mit Herrn Geheimrat +Wohltmann+, welcher von Edea dort eingetroffen war, auf der „Nachtigal“ nach Victoria zu fahren, wo wir der Sitzung des „Vereins Kameruner Pflanzer“ beiwohnen wollten. In einem kurzen Vortrage legte ich daselbst den Herren, welche sehr vollzählig erschienen waren, meine Erfahrungen und Ansichten noch einmal vor, und versuchte noch einmal, zu einer möglichst energischen Inangriffnahme der Kautschukkultur anzuregen, worin mich Herr Geheimrat +Wohltmann+, dessen letzte Bedenken nun, da es mir gelungen war, die Kickxia auch auf Basaltboden nachzuweisen, geschwunden waren, sehr energisch unterstützte.