Westafrikanische Kautschuk-Expedition

Part 19

Chapter 193,385 wordsPublic domain

Nachdem wir unser Mittagessen beendet hatten, zogen wir weiter des Weges, unserem Ziele, dem Kupee-Berge, entgegen. Meine Leute hatten sich mit den Bakossi merkwürdig rasch befreundet, und zwei hatten sogar Ersatz zum Tragen ihrer Lasten gefunden. Da ich sah, daß sie dennoch in Sicht ihrer Lasten verblieben und es den Bakossi Freude zu machen schien, an dem Zuge teilzunehmen, ließ ich das ruhig hingehen. Der Zug, welcher nun in rascher Reihenfolge durch verschiedene Dörfer ging, vermehrte sich immer mehr. Mir wurde mit jedem Augenblicke unverständlicher, wie diese lebenslustigen Bakossi an der Küste einen so schlechten Ruf erhalten haben konnten. Dibandjó, das nächste Dorf hinter Eko-Keyoke, war viel freier gelegen als letzteres, bot aber sonst nichts Besonderes dar. Ohne Aufenthalt zogen wir im schnellen Schritt weiter. Das Beispiel, welches die beiden Bakossi aus Eko-Keyoke gegeben, wirkte sehr bald; schon als wir durch Etó kamen, sah ich den größeren Teil meiner Lasten auf den Köpfen junger Bakossi, die sich freiwillig meinen Leuten anboten. Kurz darauf sah ich den hohen Gipfel des Kupee-Berges vor uns, dessen verschleierte Spitze bis dahin von Wolken verdeckt war. In Ngusi liefen die Leute mit allen möglichen Geschenken auf uns zu. Da ich aber den Tabak in den Lasten verpackt hatte, so konnte ich das alles nicht annehmen, da ich ja das landesübliche Gegengeschenk nicht machen konnte. Meine Träger liefen nun alle frei umher, da sie schließlich alle jemanden gefunden hatten, der ihnen die Last tragen wollte. Dass die Bakossi natürlich auf ein Geschenk meinerseits rechneten, war mir vollständig klar, doch drückte ich gern heute ein Auge zu, waren doch meine Leute seit 5½ Uhr morgens auf schlechten Wegen ununterbrochen mit ihren schweren Lasten über die Felsen und gefallenen Bäume weggeklettert, bis wir schließlich bei Mafura in den guten Weg gelangten. Die Hitze war auch bedeutend gewesen, so daß den Leuten ihre Märsche noch beschwerlicher erscheinen mußten. Als wir eben durch Ngusi, ein großes, sich lang hinstreckendes Dorf, hindurchgezogen waren, kam der Häuptling mir nachgelaufen, um mich zu bitten, doch eine Zeit bei ihm zu verweilen. Ich bedauerte, daß das nicht möglich sei, da meine Leute schon vorausmarschiert seien. Er versprach mir darauf, mich in Nyassosso zu besuchen, wohin er mir auch Eier und Hühner als Geschenk senden wollte. Schon hinter Ngusi begannen sich steilere Steigungen im Wege zu zeigen, bis wir hinter dem Dorfe Endumenui plötzlich unter einem großen Hügel standen. Bis dorthin war so schnell marschiert worden, seitdem wir Eko-Keyoke verlassen hatten, daß ich damals in mein Tagebuch einschrieb: „Unser Nachmittagsmarsch von Eko-Keyoke bis hinter Endumenui artete zu einer wahren Treibjagd aus.“ Es war wirklich ein gut Stück zu stark getrieben worden, so daß ich nun den Leuten, die schon anfingen, übermütig zu werden, gebot, in dem gewöhnlichen Tempo zu marschieren.

Von Dibandjó bis Endumenui waren die sanft aufsteigenden Gelände hauptsächlich mit Elefantengras bedeckt, aus dem sich teils einzeln oder in Gruppen und kleinen Wäldchen Bäume erhoben. Zu unserem Glücke war der Berg, welchen wir hinter Endumenui zu erklettern hatten, dicht bewaldet, so daß die Sonne die mit ihrem schweren Gepäck langsam emporkletternden Träger nicht erreichen konnte. Dieser Aufstieg dürfte für meine Träger für denselben Tag zu viel geworden sein, hätten wir nicht das Glück gehabt, in den Bakossi diese Hülfe zu finden. Nach etwa einstündigem Emporsteigen gelangten wir auf die Ebene am Fuße des höchsten Kegels des Kupee-Berges, und bald darauf zogen wir in Nyassosso ein. Ich ließ sofort bis in die Nähe der Baseler Missionsstation marschieren und daselbst mein Lager aufschlagen. Herr +Walker+, der deutsche Missionar, welchen ich bereits von meiner Schiffsreise von Lagos nach Victoria her kannte, begrüßte mich auf das herzlichste. Ihm sowohl wie seiner Frau Gemahlin bin ich zu großem Danke verpflichtet für die Art, in der sie mir den kurzen Aufenthalt in Nyassosso so angenehm gemacht haben.

Von meinem Lager aus konnte ich den Kupee-Berg am Abend in seiner ganzen Pracht bewundern, als die Sonne unterging und ihren rötlichen Schimmer über das ganze Panorama warf. Der Berg ist bis zu seinem Gipfel dicht bewaldet und ähnlich wie der Kamerunberg kegelförmig aufgebaut. In den Wäldern giebt es noch viele Kautschuklianen, doch scheint Kickxia nicht über 500 m Höhe hinaufzusteigen. Meine Befunde über die Höhe von Nyassosso stimmten nach Aussagen der Missionare mit denen des Geologen Herrn Dr. +Esch+, welcher etwa zwei Jahre vor mir die Bakossi-Gebirge besuchte und auch den Gipfel des Kupee-Berges erstieg, ziemlich überein. Ich selbst hätte gern eine Besteigung des Berges unternommen, glaubte mich aber nicht in Nyassosso lange aufhalten zu dürfen, da ich noch vor Ende des Monats Februar von einer beabsichtigten Reise nach der Südküste des Kamerun-Gebietes zurückkehren mußte, um mit dem Dampfer am 4. März nach Togo zu reisen. Es wurde mir damals ordentlich schwer, von Nyassosso wieder abzuziehen, ohne die Bergbesteigung und eine kleine Expedition bis zur Grenze der Grasregion im Norden, welche nach Herrn +Walkers+ Aussagen nur zwei Tagemärsche von Nyassosso beginnen soll, gemacht zu haben. Froh zog ich wiederum von Nyassosso weg, da ich mir sagen konnte, daß die Aufgabe, welche ich mir für die Bakossi-Expedition gestellt hatte, vollständig gelöst war. Ich hatte Kickxia bis in die Bakossi-Gebirge hinein nachweisen können und hatte auch Landolphien in mehr oder minder großen Quantitäten längs der ganzen Route gefunden. Daß die Gebiete am Fuße des Gebirges bei Mafura und Eko-Keyoke so günstige Bedingungen zur Anlage von Plantagen lieferten, war auch bis dahin nicht zu erwarten gewesen, wie ja überhaupt über jene Gebiete gar nichts bekannt war, da alle anderen Reisenden vom Wuri oder den Mungo-Fällen her auf einer ganz anderen Route in das Bakossi-Gebiet gelangt waren. Auch Herrn +Walker+, welcher bereits seit längerer Zeit in Nyassosso lebte, war die von mir eingeschlagene Route nicht bekannt. Gern hätte ich zu dem Rückmarsche einen von +Conrau+ auf seiner Karte jener Gegenden aufgezeichneten und von ihm benutzten Weg längs des Mungo gewählt, mußte aber diesen Plan aufgeben, da ich keinen Eingeborenen finden konnte, der den Weg kannte.

Am 28. Januar unternahm ich unter Führung des Herrn Missionar +Walker+ noch einen kleinen Spaziergang, um die etwas unterhalb von Nyassosso liegenden Sägewerke der Station zu besichtigen, in denen das sämtliche Bauholz für die Bakossi-Mission geschnitten wird. Zur Herstellung von Brettern und Balken wurde hauptsächlich eine Terminalia-Art verwendet, welche sich durch besondere Härte ihres Holzes auszeichnen soll. Das Terrain auf dem Plateau, in welches wir hinabstiegen, war auch vorzugsweise mit Elefantengras bedeckt, aus dem sich verschiedene Bäume, einzeln oder in Gruppen, erhoben. Hier und dort sah man ausgedehntere Gebüsche, besonders in der Nähe der Waldungen. Auch hier im Bakossi-Gebiete haben die Eingeborenen die schlechte Gewohnheit, das Gras niederzubrennen, wenn sie ihre Pflanzungen anlegen wollen, ohne dabei die nötigen Vorsichtsmaßregeln zu treffen, so daß nicht selten Waldbrände vorgekommen sind, welche natürlich einen großen Schaden anrichteten, denn an Stelle der Wälder tritt an den abgebrannten Orten gewöhnlich das Elefantengras auf, das zu nichts nütze ist und nur das Ungeziefer der Umgegend anzieht.

Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, brach ich schon früh von Nyassosso am 29. Januar auf, um auf demselben Wege, auf dem wir gekommen waren, wieder nach Mundame zurückzumarschieren. Meine Träger äußerten die Absicht, mit mir noch weiter zu ziehen, doch das ging nun einmal nicht, ich mußte umkehren. Hätte ich allerdings damals gewußt, wie lange ich noch an der Küste warten sollte, ehe ich nach dem Süden reisen konnte, so hätte ich sicher versucht, über Land nach dem Sanaga zu gelangen, um dann über Klein-Batanga längs der Küste nach dem Süden zu gehen.

Um 6 Uhr ließ ich schon von Nyassosso abmarschieren. Über Endumenui, Ngusi, Etó und Dibandjó marschierten wir, ohne uns irgendwo in diesen Dörfern aufzuhalten, direkt bis Eko-Keyoke. Vor Eko-Keyoke hatten wir den Ebury-Bach, welcher sich in einem großen Bogen dort dem Dorfe nähert, zu überschreiten. Derselbe erinnerte mich sehr lebhaft an den Meandja-Bach am Kamerun-Gebirge. In Eko-Keyoke ließ ich nur wenige Minuten rasten, da ich mit dem Häuptling noch über einige Dinge sprechen wollte. Durch das nur aus drei Hütten bestehende Dörfchen Dibara gelangten wir gegen 10½ Uhr wieder nach Mafura. Hier ließ ich nun eine Rast von drei Stunden machen, um die Leute für den langen Nachmittagsmarsch, welcher uns bevorstand, möglichst frisch zu erhalten. Es gab hier in Mafura übrigens derartige Mengen von Elefantenfliegen, daß ich nicht einmal mit Ruhe essen konnte, obgleich ich rings um meinen Tisch herum kleine Feuer hatte machen lassen, um durch den Rauch die Tiere möglichst zu verscheuchen. Leider half dieses Mittel aber nicht, so daß ich meine Arbeiten, mit denen ich die Lagerzeiten zu vertreiben pflegte, bis auf den Abend verschieben mußte. Auf dem Marsche durch die hinter uns liegenden Bakossi-Dörfer war mir übrigens damals aufgefallen, daß an jeder Palaverhütte zwei Elefanten-Unterkiefer lagen. Ich erkundigte mich in Mafura nach der Ursache dieser Sitte, konnte aber nichts über deren Bedeutung erfahren; offenbar haben dieselben etwas mit dem Fetischglauben der Leute zu thun. Am Nachmittage traten wir den Marsch durch den Urwald nach Otam an, dessen Länge uns ja bereits bekannt war. Bis zum Etinge-Bach befanden wir uns noch auf der wundervollen, fruchtbaren Ebene und gutem Wege, von da ab ging es stets über Hügel und die Thäler der kleinen Bäche. Der Abstieg zum Manya-Flusse machte uns besonders viel zu schaffen, da die Träger auf den mit Algen bedeckten Felsen leicht ausglitten und dann mit ihrer Last fielen. Etwa 1½ Stunde vor Otam passierten wir die verlassenen und in Zerfall begriffenen Hütten des ehemaligen Ortes Etamarca, dessen Einwohner nach Mafura gezogen sein sollen. Gegen Abend trafen wir in Otam ein. Ich ließ sofort mein Zelt aufstellen und begann dann mit einigen schriftlichen Arbeiten, welche bis tief in die Nacht hinein dauerten. Zu meinem Erstaunen wurden wir in der Nacht von Moskitos arg gepeinigt.

Am Morgen des 30. Januar brachen wir sehr zeitig von Otam auf, um durch den infolge der vielen Achyranthes-Büsche am Wege recht unangenehm zu passierenden Buschwald nach Ngomolenge zu gelangen. Die Namen der Bäche, welche wir passierten, sind nach Angaben der Eingeborenen Take und N’kobe. Die Leute von Ngomolenge, welche versprochen hatten, für mich Kickxiafrüchte zu sammeln, hatten bloß sechs derselben gefunden, statt dessen aber einige Kilo Kautschuk in der Zeit hergestellt, welche sie mir nun für Tabak zum Kaufe anboten. Natürlich waren sie sehr entrüstet darüber, daß ich den Kautschuk nicht nahm. Nach kurzem Aufenthalte zogen wir direkt bis Mokonye-Niggerdorf fort und erreichten die Mundame-Plantage am Nachmittage. Nachdem ich daselbst mein Lager wieder aufgeschlagen hatte, ging ich zusammen mit Herrn +Schubert+ noch nach Mundame, um mich nach einer Gelegenheit zu erkundigen, ein Canoe zu besorgen, das groß genug sein mußte, meine sämtlichen Lasten zu befördern, da ich mich entschlossen hatte, auf dem Mungo die Rückreise nach Victoria anzutreten. Ohne etwas ausgerichtet zu haben, kehrten wir am Abend nach der Plantage zurück, um am nächsten Tage unsere Bemühungen zu erneuern.

Herr +Schubert+ hatte, seinem Versprechen gemäß, während meiner Abwesenheit auf der Bakossi-Expedition in der Umgebung der Plantage Kickxiafrüchte für mich sammeln lassen, welche ich nun zur Küste mitzunehmen gedachte. Einschließlich der Samen, welche ich unterwegs gesammelt hatte, und der, welche mir die Eingeborenen von Ngomolenge besorgt hatten, konnte ich etwa 10000 Samen zur Küste mitnehmen.

Unseren eifrigen Bemühungen gelang es doch, am 31. Januar ein, wenn auch defektes, Canoe zu bekommen, mit dem ich es wagen wollte, die Rückreise anzutreten. Demgemäß brach ich am 1. Februar von der Plantage auf. Von Mundame konnte ich erst um 10 Uhr abfahren, da das defekte Canoe sich noch im letzten Augenblicke gegen ein besseres umtauschen liess. Ich hatte in dem Canoe nur sechs Ruderer, da man nur mit Not in Mundame vier Leute auftreiben konnte, welche einwilligten, mich bis N’Bamba zu bringen. Meine beiden Jungen mußten deshalb natürlich auch tüchtig helfen. Da der Mungo einen recht niedrigen Wasserstand hatte und deshalb die Strömung nur eine langsame war, wir außerdem noch wiederholt auf Sandbänke gerieten, dauerte die Fahrt länger, als ich gedacht. Erst gegen 2½ Uhr am Nachmittage trafen wir bei der Baseler Missionsstation Bakundu ein, welche nicht mit dem Bakundu zu verwechseln ist, das ich früher besucht hatte. Ich ließ den Leuten nun etwas Zeit zum Essen, während ich zur Station hinaufging, um den Missionaren Grüße aus Nyassosso zu überbringen. Von Bakundu bis Malende-Strand war die Fahrt erst recht unangenehm, da es hier noch viel mehr Sandbänke gab, als zuvor, auf die natürlich meine Leute, welche alle ungeübte Ruderer waren, mit tödlicher Sicherheit auffuhren, so daß ich sie immer wieder ins Wasser schicken mußte, um das Canoe wieder flott zu machen. Da die Früchte des Wollbaumes (Ceiba pentandra) gerade reif waren und die flockigen Samen zu Millionen vom Winde herumgetragen wurden, war stellenweise die ganze Wasserfläche von den Samen derartig bedeckt, daß man glauben mochte, man befinde sich vor einem Schneefelde. Die Eingeborenen sammelten, in kleinen Canoes umherfahrend, große Mengen dieser Flocken ein. Wie ich noch am Abend Gelegenheit hatte, zu sehen, fertigten sie aus denselben Kissen an, welche sich allerdings sehr gut gebrauchen ließen. Ob die Leute noch eine besondere Verwendung für die Samen haben, konnte ich während dieser sehr beschleunigten Flußreise nicht feststellen; da dieselben sehr ölhaltig sind, ließen sie sich eventuell zur Ölbereitung verwenden, besonders dort, wo sie, wie am Mungo, in riesigen Mengen mit Leichtigkeit aufgesammelt werden können. Erst mit eintretender Dunkelheit trafen wir in Malende-Strand ein. Da hier nur ein Haus mit drei Abteilungen stand, so war ich gezwungen, mit meinen Leuten eine derselben einzunehmen, denn ich wollte, um die damit verbundenen nicht unbedeutenden Umstände zu vermeiden, nicht erst mein Zelt aufschlagen lassen. Die in dem Hause wohnenden Eingeborenen mußten sich dann die beiden anderen Abteilungen teilen. Während der Fahrt von Mundame bis Malende-Strand hatte ich da, wo die Ufer etwas hügelig waren, einige Kickxien beobachtet und von einer auch einige Früchte herunterholen lassen. Auch Lianen, welche Kautschuk lieferten, kamen mir hin und wieder zu Gesicht, doch war die nicht brauchbare Landolphia florida vorherrschend.

An die Nacht, welche ich in Malende-Strand nach jenem Tage durchzumachen hatte, werde ich noch lange denken. Ein Kind der das Haus bewohnenden Eingeborenen war krank, und man glaubte allgemein, daß es in der Nacht sterben würde; die Mutter desselben war halb wahnsinnig vor Verzweiflung geworden. Nachdem ich dem Jungen, welcher einfach an einer sehr starken Verstopfung zu leiden schien und daher immer über starke Schmerzen im Magen klagte, etwas Calomel gegeben und den Leuten versichert hatte, daß die Sache ganz ungefährlich sei, beruhigten sie sich einigermaßen. Froh über diesen Erfolg, legte ich mich nieder, wurde aber derartig von Moskitos gepeinigt, daß ich trotz einer ziemlichen Ermüdung nicht an Schlaf denken konnte. Um mich nun erst vollends wachzuhalten, fing der Kranke wieder an zu stöhnen, und sofort begann die ganze Gesellschaft mit einem wüsten Geheul, daß der Junge jetzt sicher sterbe. Da die Mutter glaubte, daß die Medizin des Weißen nicht helfe, nahm sie natürlich zu ihren eigenen Mitteln Zuflucht. Wie eine Wahnsinnige schlug sie bei dem Lager des Kranken in die Luft hinein und bewegte sich so schlagend zum Ausgange hin, als ob sie etwas vor sich hertreibe, dabei stieß das Weib die merkwürdigsten unartikulierten Laute aus, welche wohl Beschwörungen sein sollten; vor der Thür erreichte diese Scene ihren Höhepunkt. Nach etwa fünf Minuten langem Kreischen und Schimpfen, als ob sie jemand fortjagen wolle, was in diesem Falle wohl ein böser Geist war, kehrte sie rückwärts gehend und immer noch wie wahnsinnig vor sich herschlagend, ins Haus zurück, wo sie erschöpft am Lager des Kranken zusammenbrach. Nach einiger Zeit kamen noch mehrere Eingeborene, welche wohl Verwandte des kranken Kindes sein mußten. Die Weiber klagten die ganze Nacht hindurch. Daß man mir damals nicht vorwarf, daß meine Medizinen den Zustand des Patienten verschlimmert haben, wunderte mich zur Zeit sehr. Da doch nicht an Schlaf zu denken war, ließ ich schon um 4 Uhr das Canoe zur Abfahrt bereit machen und die Lasten, welche wir im Hause gebraucht hatten, hineinschaffen. Als ich meinen Thee trank, kam mir der Gedanke, daß ich dem kranken Kinde davon eingeben könne, doch die Leute hatten kein Vertrauen mehr zu den Medizinen des Weißen und nahmen den Thee nicht an, bis zu aller Erstaunen plötzlich der vermeintlich Halbtote aufstand und mich noch um etwas Medizin bat, die ich ihm dann auch in Form von einer neuen Dosis Calomel eingab. Unter großen Dankesbezeugungen der Mutter, welche nun vor Freude über die Wiedergenesung ihres Sohnes fast noch toller wurde als vor Verzweiflung über seine Krankheit, ließ ich um 5 Uhr abfahren, um so möglichst schnell zu entkommen.

Wir machten ziemlich schnelle Fortschritte, solange es kühl war, doch sobald die Sonne etwas höher stieg, erschlafften die Leute sehr merklich, so daß ich sie beständig anzufeuern hatte. Erst als ich gegen Mittag einige Enten und Reiher geschossen, und drohte, daß ich das für mich überflüssige Fleisch an die Eingeborenen des nächsten Dorfes verschenken würde, wenn sie sich nicht mehr beeilten, ruderten sie wieder kräftiger, bis ich bei einem Dorfe, welches die Leute Mangono nannten, zum Kochen Halt machen lassen wollte. Trotz langer, vergeblicher Bemühungen war hier außer einem einzigen Plantenbüschel bei den Einwohnern nichts Eßbares für meine Leute aufzutreiben, so daß ich es vorzog, noch bis 1 Uhr weiterfahren zu lassen. In dem Dorfe, welches wir darauf erreichten, hatten wir mehr Glück und konnten uns nun Zeit nehmen, etwas zu genießen. Als wir dann am Nachmittage weiterfuhren, machte sich bald die Nähe des Meeres durch eine angenehme, starke Brise bemerkbar, welche für uns sehr wohlthuend war. Wir passierten eine ganze Reihe von Dörfern, in denen das Dualla-Element sofort als das herrschende zu erkennen war. Längs der Ufer hatten die Eingeborenen schmale Streifen des niedriger gelegenen Landes mit Koko (Xanthosoma), Manihot und Mais bepflanzt; man erkannte sehr schnell, daß man es hier nicht mehr mit einem der Buschvölker zu thun hatte. An seichteren Stellen waren Reusen zum Fangen von Fischen aufgestellt, und häufig sah man Kinder und Weiber in kleinen Canoes dabei beschäftigt, Fische zu fangen. Gegen Abend sahen wir die ersten Mangroven und erreichten gleich danach die Mungo-Dörfer, in deren größtem ich für die Nacht zu kampieren gedachte. Die Eingeborenen (Duallas), welche uns sogleich am Strande umringten, zeichneten sich durch Unverschämtheit und Frechheit aus. Als ich den sogenannten König zu sprechen verlangte, hieß es, daß derselbe abwesend sei, aber bald zurückerwartet werde. Ich versuchte nun, einen Führer zu engagieren, welcher uns durch die unzähligen Mangroven-Creeks bis N’Bamba bringen sollte, doch stellten die Leute derartig hohe Bedingungen, daß ich alle weiteren Verhandlungen abbrach und energisch forderte, daß man den „König“ sofort rufe. Als die unverschämte Gesellschaft nun einsah, daß sie sich ihre Chancen verscherzt hatte, berieten sie sich eine Zeit lang und schickten dann ein Canoe ab, welches, wie sie sagten, den König von meiner Anwesenheit in Kenntnis setzen sollte. Am Abend kam derselbe endlich an, als ich bei meinem Abendessen saß. Um ihm zu zeigen, daß er mit mir nicht so umspringen könne, wie seine Leute zu glauben schienen, ließ ich ihn erst eine geraume Zeit warten, bis ich mit Essen fertig war, dann beschwerte ich mich über das freche Benehmen seiner Leute und riet ihm, ihnen zu sagen, daß sie sich besser vorsehen müßten, sonst könnten sie eventuell den Kürzeren ziehen. Als Führer verlangte ich dann von ihm einen jungen Mann für eine von mir festgesetzte Bezahlung. Nach einem furchtbar langweiligen Palaver, das bis in die Nacht hinein währte, einigten wir uns schließlich darauf, daß er seinen Sohn, welcher die Creeks gut kannte, als Führer mitgeben solle, wofür ich 4 Mk. zu zahlen hatte. Ein Geschenk, das mir der Kerl noch am Abend sandte, schickte ich wieder zurück, indem ich ihm sagen ließ, daß ich mit dem unverschämten Benehmen seiner Leute nicht zufrieden gewesen, und da er als „König“ dafür verantwortlich sei, wolle ich auch mit ihm keine Geschenke tauschen. Meine Leute hatten das Canoe an einer steilen Bank an beiden Seiten festgelegt, damit durch den Wechsel von Ebbe und Flut nicht Unheil entstände. Ich hatte mich in das Canoe auf die Lasten während der Nacht zum Schlafen niedergestreckt, erwachte aber plötzlich durch einen eigentümlichen Ruck und sah nun zu meinem Schrecken, daß die Leute das Fahrzeug zu kurz angebunden hatten, so daß dasselbe, da die Ebbe eingetreten war, in freier Luft umherhing und, für mich um so unangenehmer, vollständig schief, denn die eine Seite war auf einer vorspringenden Baumwurzel hängen geblieben. Ich durfte mich nun nicht eher rühren, als bis es mir gelungen, einige meiner Leute heranzurufen, mit deren Hülfe ich das Canoe ins Wasser herablassen konnte und so aus der unangenehmen Lage befreit wurde.