Westafrikanische Kautschuk-Expedition

Part 22

Chapter 223,571 wordsPublic domain

Der kurze Marsch, den wir am nächsten Tage noch bis zur +Sholto Douglas+schen Plantage am Agu-Gebirge zurückzulegen hatten, führte uns erst auch durch ebenes Steppengebiet, das aber bald einem dichten Waldstreifen weichen mußte. Die nun häufigen Hügel waren zum Teile sehr felsig, so daß ich wiederholt das Pferd führen lassen mußte. Da, wo die Flora wieder ihren Steppencharakter annahm, zeigten sich nicht selten Pflanzenformen, welche ich vorher auf der Reise noch nicht beobachtet hatte. Nachdem wir über verschiedene Hügelrücken gestiegen waren, stiegen wir in die Ebene direkt am Fuße des Gebirges hinab, in der wir bald das Dorf Atigbe erreichten. Hier ließ ich mir einen Führer vom Häuptling des Dorfes geben, der mich nach der +Douglas+schen Plantage bringen sollte. In Atigbe sah ich die ersten Exemplare vom Ficus Vogelii in Togo. Anzapfungen, welche ich an Ort und Stelle vornahm, zeigten, daß dieser Baum auch hier dieselbe nicht unbrauchbare Masse gab wie im Yoruba-Lande. Von Atigbe weiter marschierend, kamen wir bald zu dem Dorfe Tafie, in dem ich auch wieder eine Anzahl von Exemplaren des Ficus Vogelii fand. Wie im Yoruba-Lande, werden diese Bäume hier in Togo von den Eingeborenen allenthalben auf den freien Plätzen der Dörfer angepflanzt, und unter ihnen versammeln sich auch hier bei Beratungen und sonstigen Gelegenheiten die Männer der Dörfer. Nur eine kleine Strecke hatten wir noch hinter Tafie durch ein an Ölpalmen reiches Gebiet zu marschieren, bis wir die Häuser der +Douglas+schen Pflanzung dicht vor uns sahen. Die beiden Herren, welche damals auf der Plantage angestellt waren, Herr +Thienemann+, der Leiter, und Herr +Rohmer+ waren über mein Eintreffen gewissermaßen erstaunt, da sie sich ausgerechnet hatten, daß ich unter günstigen Umständen erst am 12. März bei ihnen eintreffen könnte. Da ich eigentlich meine Träger nur bis zur Tafie-Plantage engagiert hatte, forderte ich dieselben auf, mich noch bis Misahöhe zu begleiten, da hier schwer neue Träger zu bekommen waren. Mit Ausnahme von dreien, welche ich als Fußkranke nicht gebrauchen konnte, waren alle bereit dazu. Ich ließ nun den Häuptling von Tafie rufen und forderte ihn auf, mir für die drei zurückbleibenden Leute am nächsten Tage drei neue Träger bis Misahöhe zu stellen. Gegen ein kleines Geschenk war der Mann bereit, dieses zu thun, und somit war die Trägerfrage fürs Erste erledigt.

Auf der Besitzung des Herrn +Douglas+, deren Bearbeitung erst seit kurzem in Angriff genommen war, hatte man bisher nur einige Saatbeete angelegt, in denen die von Kamerun bezogene Kakaosaat eben aufzugehen begann, und ein größeres Stück Landes, welches für Baumwoll- und Tabakkultur in Aussicht genommen war, urbar gemacht. Es war also sonst wenig für mich zu sehen. Die Kautschukpflanzen und Bambusasämlinge, welche ich vom Versuchsgarten bei Lome mitgebracht hatte, waren in vorzüglichem Zustande angekommen. Herr +Thienemann+, welcher mich von hier an auf meiner Reise nach Boëm begleiten sollte, traf nun mit mir die Vorbereitungen zur Abreise, die ich am nächsten Tage vornehmen wollte. Herr +Rohmer+ sollte während der Zeit unserer Abwesenheit allein auf der Plantage verbleiben.

Trotz meiner wiederholten Betonung dem Häuptling von Tafie gegenüber kamen die versprochenen Leute natürlich nicht um 6 Uhr, sondern erschienen erst nach 8 Uhr am nächsten Tage, so daß sich unsere Abreise etwas verzögerte. Zurückgehend über Tafie, marschierten wir nun durch Abegame nach Abesia durch ein Gebiet, das an Ölpalmen sehr reich war. Die Steppenvegetation war hier wohl infolge ehemaliger und noch vorhandener Kulturen für größere Strecken verschwunden, um einer dichten Buschvegetation Platz zu machen. Von Abesia gelangten wir zunächst nach Tove, wo wir wieder in die Steppe eintraten. Nach kurzem Aufenthalt in Tove ging es nach Agome-Palime, dem Haupthandelscentrum für die Agome-Region, einem Dorfe von ziemlicher Ausdehnung. Bei den hier anwesenden Vertretern deutscher Kaufmannshäuser, den Herren +v. Bruch+ und +Meyer+, machten wir nun eine längere Ruhepause, während der unsere Leute sich mit Proviant versehen sollten, den sie hier, da gerade Markt abgehalten wurde, reichlich kaufen konnten. Es ist hier in Togo wie auch in den benachbarten Ländern allgemein Sitte, daß die Träger der Europäer sich selbst zu beköstigen haben. Die Leute bekommen zu diesem Zwecke täglich 25 Pfennige (oder 3 d) als Subsistenzgelder. Ganz besonders dem reisenden Europäer wird dadurch die z. B. in Kamerun oft recht lästige Verpflegungsfrage der Leute bedeutend erleichtert und ihm viel Ärger erspart. Hier in Togo ist eine derartige Regelung der Verpflegungsfrage schon dadurch vereinfacht, daß das ganze Land ziemlich dicht bevölkert ist, was in Kamerun durchaus nicht der Fall ist, wo außerdem noch infolge der dichten Urwälder die verschiedenen Völkerstämme unter sich sehr wenig miteinander verkehren, sondern sich sogar recht häufig feindlich gegenüber stehen. Am Nachmittage brachen wir wieder von Palime auf. Da meine Leute eine gute halbe Stunde vor uns abmarschiert waren, ritt ich im Galopp hinterher, ohne sie noch vor der Station Misahöhe erreichen zu können. Der Weg von Palime nach dem Agome-Gebirge, auf dessen halber Höhe die Station liegt, war in wundervollem Zustande. Schon von weitem konnte man die Station mit ihren aus Steinen erbauten massiven Gebäuden erkennen, alles zeugte hier von großer Ordnung. Als ich zur Station einritt, kam mir Herr Dr. +Gruner+, der bereits von meiner Ankunft durch die vorhermarschierten Träger unterrichtet war, entgegen und empfing mich in der ihm eigenen liebenswürdigsten Weise. Herr +Thienemann+ erschien auch kurz darauf in seiner Hängematte.

Da ich mich nun hier in Misahöhe mit neuen Trägern zu versehen hatte, machte ich von der gütigen Einladung des Herrn Dr. +Gruner+, einige Tage bei ihm zu verweilen, sehr gern Gebrauch, wußte ich doch auch, daß ich von ihm, dem besten Kenner unseres Schutzgebietes Togo, sehr viele interessante Aufklärungen erhalten würde, die für die Reise nach Boëm für mich von großem Werte sein mußten.

Da Dr. +Gruner+ schon längst die Absicht gehabt hatte, in Quamikrum eine Station zu bauen, hatte er bereits zu dem Zwecke eine Anzahl Soldaten ausgesucht, die mich zugleich auf der Reise nach Boëm begleiten sollten. Mit Hülfe des Herrn Dr. +Gruner+ erhielten wir hier bald neue Träger. Die Leute, welche ich von Lome und Tafie hatte, lohnte ich nun ab und ließ sie nach ihren Dörfern zurückkehren. Herr +Thienemann+ behielt von seinen Trägern nur sechs Leute zurück, welche er als erprobte Hängemattenträger kannte.

Trotz seiner noch nicht überwundenen Krankheit ließ es sich Dr. +Gruner+, der erst seit einem Tage sich wieder von einem schweren Schwarzwasserfieber einigermaßen erholt hatte, doch nicht nehmen, alle Schwierigkeiten, welche die Expedition haben könnte, zu beseitigen, so daß ich ihm wirklich nie genug Dank wissen kann für die Unterstützung, die ich bei ihm gefunden. Diese Tage, welche ich noch im Laufe der nächsten Wochen in seiner Gesellschaft zu verbringen den Vorzug hatte, werden stets zu den angenehmsten und lehrreichsten meines Lebens zählen. Ich bedauerte nur, daß Dr. +Gruner+ infolge seiner Krankheit verhindert war, mit mir zusammen, wie er ursprünglich beabsichtigt hatte, die Reise nach Boëm zu machen.

In den Versuchsgärten, welche Dr. +Gruner+ bei der Station hatte anlegen lassen, wurden auch einige Kautschukpflanzen gezogen. Manihot Glaziovii, Hevea brasiliensis und einige Ficusarten waren vorhanden und schienen gut zu gedeihen. Die Exemplare waren noch zu jung, um an sich experimentieren zu lassen. Unterhalb der Station am Fuße des Gebirges hatte Dr. +Plehn+, welcher auch früher einmal Leiter dieser Station war, eine Kola-Anpflanzung begonnen, die aber wahrscheinlich infolge der zu feuchten Bodenverhältnisse nur sehr langsam heranzuwachsen schien.

Zusammen mit Herrn +Thienemann+ unternahm ich am Morgen des 13. März eine Besteigung des François-Passes, wo Geheimrat +Wohltmann+ Kickxia-Exemplare gesehen zu haben glaubte. Es gelang mir nun auch thatsächlich, hier in den Bergwäldern Kickxia ausfindig zu machen, aber welche Enttäuschung -- es war die falsche. Dessenungeachtet gab ich die Hoffnung damals natürlich noch nicht auf, noch erfolgreich zu sein, hatte ich doch im Bakossi-Gebiete die falsche und die echte Kickxia nebeneinander gesehen. Die auf dem Erdboden umherliegenden Fruchthülsen ließen mich keinen Augenblick mehr im Zweifel, daß wir es hier mit Kickxia africana zu thun haben. Da ich diese Früchte nie vorher gesehen und nun wirklich zu urteilen im stande war, freute ich mich, daß auch meine letzten Bedenken geschwunden waren, daß die Arten wirklich voneinander verschieden seien. Einige junge, dünne Landolphien fand ich damals auch in den Wäldern; dieselben waren aber noch zu schwach, um an ihrem Milchsafte feststellen zu können, ob sie Kautschuk liefernden Arten angehörten oder nicht. Als wir die Höhe des Passes erreicht hatten, wendeten wir uns dem Gipfel des Hausberges zu, nach welchem auch ein guter Weg hinaufgelegt ist. Oben hatte man ein Häuschen errichtet, in dem Europäer, die als Rekonvaleszenten hier hinaufkommen wollten, es sich gemütlich einrichten können. Von dieser Bergspitze aus genossen wir eine prachtvolle Aussicht über das Land südlich des Agome-Gebirges sowohl als auch über die nördlich davon gelegenen Gebiete.

Von dieser Exkursion zurückgekehrt, trafen wir am Nachmittage noch einige Vorbereitungen für unseren am nächsten Morgen bevorstehenden Aufbruch. Die meisten Lasten waren schon vorher fertig gepackt worden, so daß auch das bald erledigt war, zumal sowohl meine Leute als auch diejenigen, welche Herr +Thienemann+ mitgenommen, erprobte und alte Europäer-Begleiter waren, denen wir viele Sachen zur Besorgung anvertrauen konnten. Den Abend verlebten wir noch in Dr. +Gruners+ angenehmer Gesellschaft.

Am Morgen des 13. März war alles zum Aufbruch fertig. Herr +Franke+, der Stationsassistent des Herrn Dr. +Gruner+, hatte die Liebenswürdigkeit, mir viele kleine mit dem Aufbruche solcher Expeditionen zusammenhängende Arbeiten abzunehmen, so daß wir schon früh die Träger, deren wir 25 hatten, unter Begleitung eines von Herrn +Thienemann+ mitgenommenen zuverlässigen Aufsehers, vorausschicken konnten. Mit unseren Jungen und den Soldaten, welche von einem äußerst intelligenten Togo-Mann, dem Stations-Hülfsassistenten +Amusso Bruce+, geführt wurden, folgten wir der Träger-Karawane etwa eine Stunde später nach. Auf dem François-Passe ging es über das Agome-Gebirge hinunter nach dem kleinen Dörfchen Agome-Tongbe, dicht vor dem wir auf einer breiten Holzbrücke den Tii-Bach überschritten. Ohne uns in Tongbe aufzuhalten, setzten wir den Marsch fort. Zunächst gelangten wir in ein mehr oder minder kultiviertes Gebiet, in dem Maniok, Baumwolle und Cajanus indicus gepflanzt waren. Allmählich wurde jedoch das Terrain bergiger und der Weg schmaler, wir stiegen in die Kame-Schlucht hinab. Vorher hatten wir noch Gelegenheit zu sehen, daß auch hier in Togo die Heuschreckenplage nicht unbedeutende Dimensionen anzunehmen vermag; gegenüber dem Dorfe Agome-Tongbe hatten wir einen riesigen Heuschreckenschwarm zu durchziehen, der die Felder des Dorfes arg bedrängte. Durch Rauch und Lärm suchten die Eingeborenen die Tiere zu verscheuchen. In der romantischen Kame-Schlucht durchzogen wir noch einmal den Bach und stiegen dann wieder empor, dem Dorfe Kame zu. In den dichten Wäldern, welche das Thal bedeckten, war Kickxia africana in Unmengen vorhanden, von der Kautschuk liefernden Kickxia elastica aber auch hier nichts zu sehen. Auch in Kame wurde nicht erst angehalten, war doch das nun gar nicht mehr weite Dörfchen Liati die Heimat meiner Träger und Trägerinnen, wo dieselben doch sicher noch einmal von ihren Verwandten und Bekannten Abschied nehmen wollten. Hinter Kame hörte der Wald wieder auf. Das hügelige Terrain war mit Gras und Sträuchern bewachsen, und an geeigneten Stellen waren größere Flächen von den Eingeborenen urbar gemacht und mit Baumwolle, Maniok und Cajanus bepflanzt. Bohnen und Bataten sah man nur sehr selten. In Liati ließ ich die Leute zusammentreten und sonderte die schwächsten derselben aus, denn es waren mehr Träger erschienen, als wir nötig hatten. Dann bezahlte ich den Leuten ihre tägliche Subsistenz von 25 Pf., damit sie sich noch möglichst viele Lebensmittel mitnehmen könnten, und machte die Gesellschaft darauf aufmerksam, daß sie sämmtlich sich an unserem Lagerplatze einzufinden hätten, sobald meine Signalpfeife dreimal langgezogen ertöne. (Ich hatte für den Koch und den Leibjungen ähnliche, aber kurze Signale.) Wir verblieben hier in Liati ungefähr eine Stunde. Schon vorher hatten die meisten der Trägerinnen sich eingefunden, als das Signal aber ertönte, wurde es merkwürdig lebendig in dem Dorfe. Von allen Seiten strömten Träger und Trägerinnen herbei, begleitet von ihren Angehörigen, die ihnen noch allerlei Lebensmittel heranschleppten. Es war äußerst interessant, diese einfachen, zufriedenen Leutchen in ihrer familiären Harmlosigkeit zu beobachten. Da zwei der Leute fehlten, mußte ich den Häuptling auffordern, sofort zwei andere zu stellen. Als auch das erledigt war, setzte sich unser Zug in Bewegung. Auf der ganzen Reise behielt ich nun dieselbe Marschordnung bei. Erst hatten die Träger und Trägerinnen vor uns zu marschieren, nicht selten geführt von Herrn +Thienemann+, dahinter kam ich selbst mit ein oder zwei Jungen, welche etwaige notwendige Gegenstände zu tragen hatten. +Amusso Bruce+ marschierte gewöhnlich neben meinem Pferde her, denn ich unterhielt mich gern mit ihm, da er mir viel von den Expeditionen +Kundt+ und +Tappenbeck+, bei welchem Ersteren er Diener gewesen war, zu erzählen wußte, auch selbst vorzüglich die verschiedensten Verhältnisse Togos kannte und ein recht gesundes Urteil über dieselben zu fällen wußte. Er sprach deutsch vollständig fließend. Hinter meinem Pferde kam die Hängematte +Amussos+ und hinter dieser die zwölf Soldaten, geführt von ihrem Unteroffizier. Dicht hintereinander hatten wir die Dörfer Sagba, Pekehi und Dafong zu passieren. Dieselben bestanden zumeist aus wenigen Hütten und lagen inmitten der Buschsteppe. Hinter Dafong wurde das Land stellenweise offener, doch im ganzen begleitete uns der Busch bis nach Fodome, wo ich Nachtquartier zu machen beschlossen hatte. Unter der Hitze hatten wir alle an jenem Nachmittage furchtbar zu leiden. Ein typischer Harmattan hatte sich über die Steppe ausgebreitet und infolgedessen eine Hitze hervorgerufen, die fast unerträglich wurde. Mit Freuden begrüßte die Karawane daher gegen 4 Uhr unser Eintreffen in Fodome. Unter einem schattigen Ficusbaum ließ ich sofort hier mein Zelt aufstellen und erlaubte den Leuten, sich Nachtquartiere zu suchen. Da das Zelt zu klein war, hatten wir beide Europäer es so arrangiert, daß ich nach dem Abendessen, das vor meinem Zelte eingenommen wurde, in demselben zur Ruhe ging, während Herr +Thienemann+ eines der Häuser im Dorfe für die Nacht mietete.

Auf dem Marsche von Dafong nach Fodome hatte ich am Nachmittage eine überschenkeldicke Kautschuk liefernde Liane gesehen, von der +Amusso+ mir erzählte, daß von ihr der sogenannte Kpando-Silkrubber gewonnen werde. Ich werde später noch Gelegenheit haben, auf diese Pflanzen zurückzukommen, und erwähne daher ihr Vorkommen hier nur des Standortes wegen, weil dieser der südwestlichste mir bekannt gewordene ist.

Wir waren kaum in Fodome eingezogen, als auch schon verschiedene Leute kamen, um mich zu bitten, für sie Palaver zu schlichten. Da das nicht meine Sache war und ich mich nicht in Angelegenheiten hineinmischen wollte, welche mich nichts angingen, so ließ ich den Leuten sagen, daß sie damit warten müßten, bis Dr. +Gruner+ käme, oder sie müßten sich nach Misahöhe begeben, wo der „Doktor“ ihnen Recht sprechen würde. Tief betrübt zog die Gesellschaft von dannen. Ein Weib, das durchaus von ihrem Mann getrennt werden wollte, machte noch einen verzweifelten Versuch, bei Herrn +Thienemann+ Recht zu bekommen, doch wies auch dieser sie natürlich ab. Gegen Abend wurde hier ein Verstorbener beerdigt. Mit ihren langen Steinschloßgewehren versehen, zog die Schar der trauernden Männer und klagenden Weiber mit dem Leichnam in den Busch, wo er beigesetzt werden sollte. Unter unaufhörlichem Abknallen ihrer Gewehre und dem grauenhaften Klagen der Weiber wurde die Leiche beerdigt. Während die trauernde Schar nun sich ruhig in ihre Häuser verfügte, zog die Witwe des Verstorbenen unter ekelhaftem Gewimmer von Haus zu Haus, um sich eine Beileidsgabe zu erbetteln. Alles, was sie erhielt, wanderte in einen Sack hinein, den sie bei sich trug.

Gegen 5½ Uhr gab ich am Morgen des 15. März das Signal zum Sammeln. Schon nach einer weiteren Viertelstunde verließen wir Fodome, nachdem ich noch von dem Häuptling ein kleines Geschenk von Hühnern und Yams erhalten, wofür ich natürlich das übliche Gegengeschenk zu machen hatte. Von Fodome nach Fodome-Oue gebrauchten wir kaum eine Viertelstunde. Von Fodome-Oue aus zogen wir teils durch ausgedehnte, spärlich mit Bäumen bedeckte Grassteppen, teils durch Buschwälder, die sich durch Reichtum an Kickxia africana auszeichneten, nach dem kleinen Dörfchen Atabu. Nach wenigen Minuten Rast ging es dann weiter durch Steppengebiet, das außer einigen an einem Wasserloche wachsenden, offenbar wirklich wilden Bambussen, nur für den Botaniker in Form einiger seltener und unbekannter Pflanzen Interessantes darbot. Diese im mittleren Togo offenbar ziemlich verbreitete Bambusart scheint sich nicht besonders verwenden zu lassen, da das Rohr zu brüchig ist. Selbst dünne Stöckchen, welche ich mir häufig als Reitgerte schneiden ließ, brachen bei der geringsten Gelegenheit. Von Atabu nach Djakke und dann nach Akokhoë führte der breite Weg auch durch Steppen, die aber nur selten Bäume aufwiesen, sondern hauptsächlich etwa mannshohe Sträucher. Da es hier auch gut geregnet hatte, zeigten sich viele Blumen im Grase, doch fing infolge der letzten sehr heißen Tage und des Harmattans, der bereits seit einigen Tagen regelmäßig am Nachmittag erschien, die Vegetation bereits in bedenklicher Weise an, noch vollständig unentwickelt dahinzuwelken.

In Akokhoë angekommen, ließ ich eine Rast von zwei Stunden machen. Nachdem die Träger ihre Subsistenzgelder erhalten hatten, zerstreuten sie sich im Dorfe, um einen Platz zu suchen, wo sie ihre Nahrungsmittel kochen könnten. Der Häuptling des Dorfes erschien nun mit seinen Geschenken, welche auch wieder aus Yam und Hühnern bestanden. Als Gegengeschenk schien diesen Leuten Tabak große Freude zu bereiten. +Amusso+, der mit diesem Häuptling noch verschiedene Streitfragen und sonstige Geschäfte in Dr. +Gruners+ Auftrage zu erledigen hatte, ließ ich hier mit neun Soldaten zurück, als wir gegen 11 Uhr wieder abzogen, bis er seine Sachen erledigt habe. Durch ein heißes Buschsteppen-Gebiet zogen wir in der Mittagshitze weiter. Meinen Trägern lief der Schweiß vom Körper derartig herunter, wie ich es sonst selten gesehen. Doch was half das alles, ich hatte mir vorgenommen, die Nacht auf dem Beika-Berge zuzubringen, und so mußten wir noch einen langen Marsch am Nachmittag machen. Gegen 1 Uhr trafen wir im Dorfe Lolobi ein, das dicht am Dai-Flusse gelegen ist. Hier sah ich zum ersten Male die in Boëm verbreiteten Häuser mit vollständig flachem Dache. Diese Häuser sind am Tage furchtbar heiß, und fast ist es unmöglich für einen Europäer, sich in denselben aufzuhalten, doch sind sie äußerst reinlich gehalten. Der Fußboden ist gewöhnlich mit Lehm glatt ausgeschmiert und nicht selten wie die Wände weiß getüncht. Fast ein jedes Haus hat seinen eigenen Feuerplatz, der durch drei kleine konische Säulchen erkenntlich ist, welche dazu dienen, die Töpfe oder sonstige zum Kochen verwendeten Gefäße oberhalb des Feuers zu halten; ebenso besitzt jedes Haus seine kleinen aus Lehm hergestellten Hausgötzen, wie man sie auch sonst noch in größeren Darstellungen in Togo in den verschiedensten Dörfern finden kann. Der Fetischglaube spielt auch hier eine große Rolle. Außer den größeren Götzenhütten, unter denen nicht selten drei bis fünf aus Lehm hergestellte plumpe Nachahmungen des menschlichen Körpers in einer Reihe sitzend dargestellt sind, habe ich recht häufig auf Feldern oder an Wegen Miniatur-Nachahmungen dieser Götzen gesehen, die wohl die betreffenden Lokalitäten beschirmen sollen. Es wäre sehr wünschenswert, daß man noch möglichst viel Erkundigungen über die Einzelheiten dieser Fetisch- und Götzen-Religion einsammele, ehe gerade die interessantesten und eigenartigsten Gebräuche vor der vorschreitenden Kultur verschwinden, und gerade hier in Togo, wo wir es mit einer viel intelligenteren Bevölkerung zu thun haben als in Kamerun, werden diese Eigenarten schneller aufgegeben werden als in den meisten anderen Ländern.

In Lolobi machte ich unter verschiedenen wundervollen Exemplaren des Ficus Vogelii Halt und erlaubte meinen Leuten, sich eine Zeit lang auszuruhen, da wir den hohen Beika-Berg zu ersteigen hatten, der nun dicht vor uns sich erhob. Auch hier bekam ich wieder von dem Häuptling Geschenke an Yams.

Gegen 2 Uhr nahmen wir wieder unsern Marsch auf. Der Beika-Berg, welcher sich vor uns erhob, war dicht bewaldet; anfangs, d. h. soweit der Weg von den Einwohnern von Lolobi zu besorgen war, war er in ziemlich schlechtem Zustande, er wurde aber zusehends besser, als wir in das Gebiet von Beika eintraten. Landolphien gab es in diesen Wäldern zerstreut, Kickxia africana war in Mengen vorhanden und bildete einen nicht unerheblichen Prozentsatz der Urwaldbäume. Nach fast dreistündigem, für die Träger sehr ermüdendem Klettern langten wir gegen 5 Uhr auf der Spitze des Berges in dem Dorfe Beika an. Ich hatte auch den größten Teil des Marsches zu Fuß zurücklegen müssen, da der Weg zum Reiten zu steil war.

Das Dorf Beika ist vollständig auf Felsen erbaut. Unter einem großen Feigenbaume ließ ich zwar zuerst die Leute lagern, sah aber bald ein, daß es unmöglich war, das Zelt irgendwo aufzustellen, und ließ daher für mich ein reinliches Haus suchen, in dem dann die Lasten untergebracht wurden. Da infolge der Hitze, die in den Häusern noch herrschte, keiner von uns Europäern Lust hatte, länger als dringend notwendig in denselben sich aufzuhalten, ließ ich Tische und Stühle unter dem Feigenbaum aufstellen, wo wir auch beschlossen, zu Abend zu essen. Der Häuptling mit einem großen Trosse kam bald, um mir die obligaten Geschenke, bestehend aus Yams, Bergreis und Hühnern, zu überbringen, von denen wie gewöhnlich der Yams unter meine Leute verteilt wurde, der Bergreis ein gut verwendbares Futter für mein Pferdchen bildete, die Hühner aber in unsere Küche wanderten. Kurze Zeit darauf erschien der Häuptling wieder und beklagte sich darüber, daß meine Leute durchaus zum Wasser gehen wollten, obgleich er ihnen verboten hatte, es zu thun. Mir lag der Grund zu diesem Verbot allerdings klar vor den Augen, denn zu dieser Zeit badeten sich ja gewöhnlich die Holden des Dorfes. Meine Leute konnten schließlich auch nicht ohne Wasser bleiben, deshalb befahl ich dem Häuptling, für mein sämmtliches Personal Wasser heranschaffen zu lassen, und verbot meinen Leuten dann, selbst zum Wasser herunterzugehen. Damit waren beide Parteien schließlich befriedigt. Aus Dankbarkeit schickte mir der Häuptling sogar noch eine ganze Anzahl Yamsknollen, welche ich nun wieder verteilte. Einige der Träger mußte ich hier übrigens bestrafen, da dieselben so unverschämt waren, einigen Trägerweibern die leichteren Lasten abzunehmen und ihnen statt dessen schwere aufzupacken. Diese Übelthäter hatten mehrere Tage hindurch die schwersten Lasten zu tragen. Noch vor Eintritt der Dunkelheit kam +Amusso+ mit den Soldaten in Beika an.