Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 6

Chapter 63,634 wordsPublic domain

Aber ein echtes Weib trägt die Krone des Gottesgnadentums und mißt seine Arbeit mit ewigem Maß. Selbstzufriedenheit kennt es nicht. Auch die greise Kambacherin trug ihr Werk in die Fackelhelle des göttlichen Wortes und bekannte: ›Es hat Flecken und Makel!‹

Durch die Feierstille des Sonntags zog das Beichtgebet: ›Wir haben gesündigt!‹ Die Schuld ihres Volkes war ihre Schuld. -- --

»Wir haben das Bismarckwort vergessen,« sagte sie leise, während sie sich erhob und zum Fenster trat: »Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Pflicht und Schuldigkeit zu tun!«

Gedankenverloren blickte sie in die Weite. Über ihre Wange stahl sich eine Träne und tropfte auf die gefalteten Hände nieder. Ein Seufzer stieg aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele: »O Deutschland, meine Sorge!«

Fünftes Kapitel.

Adel.

Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht: Ihr seid die Träger von Ehr' und Pflicht! Ihr seid die Schirmherrn von Land und Herd, Das Schwert, das ihr führt, ist ein adlig Schwert!

Die Scholle der Heimat ist euch vertraut, Der deutsche Acker, den ihr bebaut, Die Sitte, der alte heilige Kitt, Der Glaube, darum euer Ahnherr stritt!

Adel des Blutes ist Vornehmheit, Adel der Seele Persönlichkeit, Adel des Schaffens ist Kraft und Zucht, Adel ist's, der die Wahrheit sucht.

Adel kämpft für Altar und Thron, Adel kennt keinen irdischen Lohn! Adel ist Gottesdienst, Adel ist Pflicht, -- Ihr Kinder des Schwertes, vergeßt es nicht!

Es klopfte.

Die alte Frau fuhr aus ihren Träumen auf.

»Darf ich kommen, Großmama?« Harro stand auf der Schwelle. »Ich möchte dir Lebewohl sagen!« Er trat zu ihr und beugte sich über ihre Hand. »Stör' ich dich, oder darf ich mich einen Augenblick zu dir setzen?«

»Durchaus nicht, mein Junge, bleib nur!« Sie fühlte, er hatte etwas auf dem Herzen. »Fahrt ihr jungen Herren zusammen?« fragte sie, sich setzend und auf einen Stuhl weisend. Sie freute sich allemal, wenn die Enkel zu ihr kamen. Wie manches Mißverständnis hatte sie schon beseitigt, wie oft schon war's ihrer großmütterlichen Liebe gelungen, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln! Denn die herbe, ja strenge Soldatennatur Karl Heinrichs von Kambach, dessen ritterlicher Sinn kein Stäubchen auf dem Bilde des eigenen Lebens duldete, war dem leichtherzigen Sohne zu stark. Die väterliche Art hatte etwas Vergewaltigendes für ihn. Sie stählte ihn nicht, sie erdrückte ihn. Es war die Strenge altadliger Häuser, die nicht nur den Gehorsam aufs Wort fordert, sondern auch in vielen Fällen den erwachsenen Kindern die persönliche Rechtfertigung versagt, -- eine zu weit gehende, ihre Grenzen überschreitende, aber vielfach traditionell gewordene Strenge. Herr von Kambach war ein ganzer Mann, eine Persönlichkeit aus einem Guß. Seine edelmännische Gesinnung, sein strenges Pflichtgefühl, sein schlichtes biblisches Christentum erwarben ihm überall Anerkennung. Aber er war wie die meisten starken Charaktere heftig und vertrug von seinen Kindern keinen Widerspruch. Die Behauptung Harros, in Kambach dürfe nur ~eine~ Meinung herrschen, war daher nicht ganz unberechtigt.

Frau Sabine mit ihrem klaren Blick für Menschen und Verhältnisse hatte schon oft die allzu schroffe Haltung ihres Sohnes seinen Kindern gegenüber beklagt. Sie wußte, ändern würde sie seine Art nicht, sie gehörte zur Herrennatur. Doch wo sie konnte, milderte und ebnete sie, und wenn's in des Vaters Arbeitszimmer scharf hergegangen war, kamen die Enkel zur Großmutter. In den meisten Fällen unterstrich dann Frau Sabine zwar des Sohnes Wort, aber die Jugend wußte ihre Angelegenheit wohlverwahrt. Immer wieder klopfte sie bei ihr an, ob es in dem stillen Dreilinden war oder in der Dorotheenstraße in Berlin oder in dem sogenannten Sirenenquartier in Kambach, welches der Oberstallmeister seiner Mutter zur Verfügung gestellt hatte. -- --

Den Oberkörper leicht vorgebeugt, saß Harro, mit seinem Siegelring spielend, der Großmutter gegenüber. Er war eine angenehme Erscheinung, in vielem an den Vater erinnernd, aber doch kein ausgesprochener Kambach. Der Sellernsche Einschlag war unverkennbar, und im ganzen Wesen und Auftreten erinnerte er am meisten von allen Kindern an die früh verstorbene Mutter.

Er schien mit einer Anwandlung von Verlegenheit zu kämpfen. Die langen Wimpern gesenkt, betrachtete er aufmerksam das Wappen seines Ringes.

Sinnend blickte die alte Frau den Enkel an. Sie wußte, er hatte einen heiligen Respekt vor ihr.

»Nun, Harro,« sagte sie endlich, »wo drückt dich der Schuh? Daß du nicht nur zum Abschiednehmen kommst, hab' ich auf den ersten Blick gesehen.«

Der Ulan lachte. »Ja, Großmamachen, du bist furchtbar klug! Darum kommen wir ja auch immer zu dir!« Er rückte auf seinem Stuhl hin und her.

»Nun also, was gibt's?« fragte sie.

»Großmama, ich komme mit einer Riesenbitte. Du -- du sollst die Hände über mein Lebensglück breiten.«

Frau Sabine wußte Bescheid. Aber sie verhielt sich abwartend.

»Also kurz gesagt: ich liebe Sibylle!«

»Das ist mir nichts Neues, mein Junge!«

Er sah überrascht auf. »Aber ich bin doch kolossal vorsichtig gewesen!«

Die alte Frau lachte. »Die Auffassung kann ich nicht gerade teilen, aber das schadet ja nicht. Die Hauptsache ist: du hast guten Geschmack! Und das freut mich! Ich wüßte keine zweite, die mir als Enkelin so willkommen wäre, wie Sibylle!«

Harro strahlte. »Ich wußte es!«

Sie nickte. »Es ist nur die Frage, ob sie dich nimmt!«

Er sah die Großmutter voll an. »Sie nimmt mich.«

Der klare ruhige Ernst seines Wesens gefiel ihr. Er erschien in diesem Augenblick gereifter und männlicher als sonst. Und zugleich sagte sie sich, warum er zu ihr kam, und freute sich dessen. Sie sollte seine Fürsprecherin sein. Bei seinem Vater und bei Sibyllens Großvater. Er wollte einen Menschen zur Seite haben, vor dem die beiden Familien Respekt hatten. Dieser Wunsch enthielt ein Zugeständnis der eigenen Mängel und zugleich den Beweis echt kindlicher Ehrerbietung. Denn berechnend war Harro nicht. Er war leichtsinnig und zum großen Kummer der Seinen religiös gleichgültig, aber im übrigen eine durchaus aufrichtige Natur. Sonst wäre sein Verhältnis zu der Großmutter unmöglich gewesen. Denn Frau von Kambach nahm gerade ihm gegenüber kein Blatt vor den Mund, und Harro mußte sich oft messerscharfe Wahrheiten sagen lassen. Aber er kam immer wieder.

Auch heute sagte sich die alte Dame, daß sie den Augenblick nützen müsse, um dem Enkel einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben.

»Ich soll die Hände über deine Liebe breiten?« sagte sie lächelnd. »Wie meinst du das? Du weißt, das Ehestiften liebe ich nicht. Es kommt nichts dabei heraus als Ärger und Aufregung, und klappt die Sache nachher nicht, so wird man verantwortlich gemacht. Das ist nichts für eine Frau mit weißen Haaren!«

»Großmamachen, das sollst du ja auch gar nicht. Ich möchte nur, daß der alte Bühler eine etwas bessere Meinung von mir bekommt.« Er hielt inne und blickte auf seine Stiefelspitzen nieder. »Ich -- ich habe gestern abend einen kleinen Zusammenstoß mit ihm gehabt, und Papa ist ja leider nicht gerade mein Fürsprecher.«

Frau von Kambach überhörte die letzten Worte.

»Was hast du denn angestellt?«

»Gott -- im Grunde nichts. Ich erlaubte mir zu äußern, daß ländliche Hochzeiten im allgemeinen nicht meinem Geschmack entsprächen -- da bekam ich's! Zuerst wurde die Unterhaltung halblaut geführt, nur Gräfin Brelow war Zeuge, aber dann muß ich wohl irgend etwas gesagt haben, was dem alten Herrn zu modern erschien, kurz und gut, er erklärte mit gereizter Stimme, es sei ein soziales Verbrechen, wenn die Hochzeit eines Landedelfräuleins in einem Berliner Gasthof gefeiert werde. Ein paar Regimentskameraden drehten sich um, die jungen Mädchen reckten die Hälse, -- du kannst dir denken, daß es ein höchst unangenehmer Augenblick für mich war! Ich konnte doch schließlich dem ältesten und vornehmsten Gast unseres Hauses nicht entgegentreten! -- Du kamst gerade mit Papa vorbei, als die letzten Worte gesprochen wurden. Die Folge war, daß wir eben eine endlose Auseinandersetzung über die Pflichten des Edelmannes und preußischen Offiziers hatten.«

Exzellenz von Kambach lehnte sich zurück. »Harro, du weißt, daß ich in dem Punkt mit deinem Vater vollständig übereinstimme,« sagte sie ernst. »Er hat ganz recht, wenn er sagt, daß es dir noch am rechten Pflichtgefühl fehlt.«

Harro blickte, an der Unterlippe nagend, vor sich nieder. »Ich bin gar nicht solch ein Luftikus, wie Papa denkt! Ich habe noch nichts Ehrenrühriges getan!«

»Dann würden sie dich auch hoffentlich in Brandenburg nicht behalten. Deine Antwort ist übrigens sehr bezeichnend für dich. Zwischen dem, was unserem alten edelmännischen Begriff gegen die Ehre geht, und dem, was man heutzutage als ehrenrührig bezeichnet, liegt noch sehr, sehr viel. Aber das laßt ihr Jungen nicht mehr gelten, ihr kennt nur den modernen Ehrbegriff. Daß dein Vater das nicht vertragen kann, ist ganz natürlich!« Und die welke Hand, welche die beiden goldenen Trauringe trug, strich glättend über das schwarze Seidenkleid.

»Er fordert sehr viel von seinen Söhnen,« sagte Harro.

»Würde dein Vater so groß vor dir stehen, wenn er weniger von dir verlangte? Ein echter märkischer Junker wird immer einen vollen Lebenseinsatz fordern, die völlige Hingabe an Vaterland und Beruf, mit einem Worte: Mannentreue. Nur ganze Männer sind Persönlichkeiten. Aber was nennt sich heutzutage alles Mann! Nicht die Hälfte dieser weibischen, im Überfluß lebenden Tagediebe verdient diesen Namen. -- Lappen sind's! -- Sieh dir bitte die sogenannte erste Gesellschaft einmal näher an, -- wir sind heruntergekommen, furchtbar heruntergekommen!«

»Großmama!« rief der Enkel in gekränktem Ehrgefühl.

Aber die alte Exzellenz war in ihrem Fahrwasser. Wenn diese Frage angeschnitten wurde, regte sich die Vaterlandsfreundin und märkische Edelfrau in ihr. Und noch eine andere.

»Bitte, laß mich ausreden,« rief sie. »Das muß doch jeder, der offenen Auges durch die Welt geht, erkennen, daß unserem Volke mit dem Christentum die Sittlichkeit mehr und mehr abhanden gekommen ist. Es herrscht bei der heranwachsenden Jugend eine geradezu erschreckende Auffassung von Pflicht und Verantwortlichkeit. Was früher ganz selbstverständlich war, ist heute unmodern und rückständig. ›Man muß sich ausleben,‹ ist das dritte Wort. Das verdanken wir Nietzsche. Es liegt ein Fluch auf seiner christusfeindlichen, widergöttlichen Philosophie, -- der Fluch der Unsittlichkeit!«

»Aber Großmama, man kann doch nicht alles verwerfen, was er gesagt hat! Außerdem war er jahrelang schwer krank.«

»Ich denke nicht daran, ihn zu verurteilen,« sagte Frau von Kambach. »Möglicherweise war er besser, als seine Lehre. Sogar christlich gesinnte Männer erklären, bei unbefangener Beurteilung manches Gute an ihm zu finden. Aber das schafft doch die Tatsache nicht aus der Welt, daß er die Lauge seines Spottes über Religion und Christentum ausgegossen hat, und daß seine Saat immer weiter aufgeht.«

»Es ist keiner unter den Lebenden, der ihm an Geist und Begabung ebenbürtig wäre,« entgegnete der junge Offizier. »Seine Schimpfereien auf das Christentum finde ich natürlich unanständig, aber das sind eben Krankheitserscheinungen.«

»Zum Teil, gewiß. Ob sie es durchweg sind, ist erwiesenermaßen zweifelhaft. Aber gesetzt den Fall, sie wären es, Harro -- ist's nicht ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß man die Geisteserzeugnisse eines Wahnsinnigen zum Evangelium erhebt? Ich habe immer das Gefühl, daß das, was er verkündigt, unserem verweichlichten kampfesscheuen Geschlecht so gut behagt, weil es sein schrankenloses Triebleben mit Nietzsches Namen decken zu können glaubt. Denn er entschuldigt nicht nur alles, er rechtfertigt es in sittlicher Hinsicht. Diese Weisheit ist das Evangelium Tausender geworden. Und eben dadurch ist uns die Sittlichkeit verloren gegangen.«

»Wir stehen auf dem Höhepunkt der Kultur, Großmama!«

»Jawohl -- und waten im Sumpf! Die höchste Blüte der Kultur ist immer die Sittlichkeit gewesen, und nur das Christentum hat sie den Völkern gebracht. Sieh dir doch die Geschichte an! Die alten Griechen und Römer standen, was Kunst und Wissenschaft anbelangt, doch gewiß auf der Höhe, und was war der Abschluß? Sie endeten im Morast, denn ihrer Kultur fehlte die sittliche Edelkraft. Gott sei's geklagt, -- so weit sind wir auch! Warum lehnen wir das Christentum ab!«

Der Ulan antwortete nicht.

»Es ist doch nicht nur die arbeitende Klasse,« fuhr Exzellenz von Kambach fort, »die ohne christliche Zucht verloren geht, -- die höchsten und allerhöchsten Kreise degenerieren in derselben Weise, das Fremdwort drückt es nur etwas feiner aus. Darum sollte gerade der Stand, der die höchste und schwerste nationale Pflichterfüllung fordert, sich fest auf das Christentum gründen. Denn nur wer seinem himmlischen König die Treue hält, vermag sie auch dem irdischen zu bewahren.«

»Verzeih, Großmama, da muß ich dir widersprechen. Ich kann meinem König sehr gut die Treue halten, ohne an Gott zu glauben. Der Begriff Edelmann ist für mich durchaus nicht von dem des Christen abhängig. Wenn ich meinem König die Treue schwöre, dann halte ich sie ihm auch.«

Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Mein lieber Junge, ich möchte dir nicht wehe tun. Ich zweifle deine Aufrichtigkeit gewiß nicht an. Aber du siehst nicht klar in der Sache. Der Unglaube lehnt das Gottesgnadentum ab -- sonst wäre er eben kein Unglaube -- kann da noch von wahrhaftiger Königstreue die Rede sein? Gottesleugnung und Königstreue sind unvereinbar, du kannst es mir glauben, und wenn die alte preußische Zucht und der Geist eines vornehmen Offizierkorps die Frage auch äußerlich noch bejahen, der Kitt ist brüchig -- denn die Gesinnung steht nicht mit dem äußeren Verhalten im Einklang. Wie verträgt sich z. B. die Stellung des Gottesleugners zum Besuch des Gottesdienstes? Wenn du nicht an Gott glaubst, so ist dein Kirchgang eine Lüge. Versäumst du aber absichtlich den vorgeschriebenen Gottesdienst, so machst du dich des Ungehorsams gegen den obersten Kriegsherrn schuldig. Aus dieser Zwickmühle findet der Gottesleugner keinen Ausweg -- findest du einen?«

»Das sind die letzten schwersten Folgerungen, Großmama! Ich muß offen gestehen, so bis ins kleinste bin ich der Frage noch nicht nachgegangen.«

»Bis ins kleinste? Das liegt doch sehr nahe.«

Er zuckte die Achseln.

»Stelle dir einen Sozialdemokraten als Reichskanzler vor,« fuhr sie fort. »Das liegt auf derselben Linie. Kannst du dir einen tolleren Widerspruch denken: Anarchismus und Atheismus Wächter des Königtums von Gottes Gnaden? Es wäre Gotteslästerung!«

»Aber Großmama, was denkst du eigentlich von mir, das würde ich doch im ganzen Leben nicht befürworten,« rief der Enkel erregt.

»Gewiß, Harro, das glaube ich dir. Die Praxis des Wahnsinns befürwortet man nicht. Dagegen hat ihn schon mancher in der Theorie vertreten. Ich bin, wie gesagt, überzeugt, daß du ein königstreuer Mensch sein willst, aber das eine muß ich dir immer wieder aufs neue sagen: das Beste, die sittliche Lebenskraft fehlt dir -- das Christentum.«

»Großmama, ich kann doch nichts dafür, daß es mich kalt läßt und mir nichts gibt!«

Frau von Kambach sah ihren Enkel traurig an.

»Als ob du dir jemals die Mühe gegeben hättest, dich eingehender damit zu beschäftigen, Harro! Es heißt: ›Wer da anklopft, dem wird aufgetan!‹ -- Was gibt dir denn die Kunst? Würde die Musik dich trösten, wenn du alles, was dir lieb ist, verlörst? Denn so weit bist du doch noch nicht wie jene Tänzerin, die am Sarge Richard Wagners einen Kranz mit der Inschrift niederlegte: ›Lebe wohl, du Gott!‹«

»Nein, so weit bin ich noch nicht!«

»Noch nicht, Harro, aber du steuerst mit vollen Segeln auf die Vergottung des Künstlertums los!«

»Wenn Sibylle ihre Stradivariusgeige spielt, fällt mir allerdings jedesmal der Ausspruch Novalis' ein: ›Der Künstler ist durchaus transzendental.‹ Und Novalis war doch gewiß ein frommer Mann.«

»Das streite ich nicht ab. Aber er war von starker mystischer Veranlagung. Außerdem kann das Wort auch so gedeutet werden, daß jedes Künstlertum transzendentale Züge, d. h. Züge der göttlichen Gabe, trägt.«

Er zuckte die Achseln. »Ich glaube, daß es anders gemeint ist!«

»Dann beglücke nur nicht Sibylle mit deiner Weisheit, sie faßt ihre Kunst ganz anders auf und würde wahrscheinlich wenig erbaut von deiner Ansicht sein.«

»Sibylle liebt mich,« entgegnete er stolz.

»Mag sein, aber sie hat einen sehr bestimmten christlichen Standpunkt. Wenn du sie aufs Gewissen fragst, wird sie dir dasselbe sagen wie ich, nämlich, daß der Gottesleugner nur ein Gegner des Gottesgnadentums sein kann. Denn wenn sich seine Praxis nicht mit der antichristlichen und antimonarchischen Theorie deckt, so ist er eben kein waschechter Anarchist und Atheist. Und das glaube ich im Grunde von den meisten, auch von dir! Du bist im Grunde gar kein Atheist, mein lieber Junge, laß dir das von deiner alten Großmutter sagen!«

Jetzt erwachte der junge Stolz.

»Aber Großmama, ich bin doch kein Kind mehr, ich muß doch wissen, was ich will.«

»Nein, Harro, du weißt es eben nicht, und es gibt ältere und erfahrenere Leute wie du, die nicht wissen, was sie wollen. Es ist einfach eine Torheit, nicht an einen persönlichen Gott zu glauben und dann seinen Unglauben wissenschaftlich begründen zu wollen. Wahrhaftige Wissenschaft lehnt den Glauben nicht ab. Ihr aber lest die Bibel gar nicht und behauptet dann, sie sei nicht mehr zeitgemäß, dagegen glaubt ihr unbesehen die tollste sogenannte wissenschaftliche Hypothese!«

In dem hübschen jungen Gesicht zuckte Wettergeleucht. Es war wirklich nicht so ganz einfach mit der Großmutter. Und durch Harros frauenhaft eitlen Sinn flog der Gedanke: es spricht doch sehr für dich, daß du dich wie ein Schuljunge abkanzeln läßt und trotz alledem immer wieder kommst. Ein anständiger Charakter und eine gute Kinderstube sind doch unbezahlbar. Und die Kambachsche Freiherrnkrone schimmerte im Goldglanz.

»Du mußt doch bedenken, Großmamachen, daß die Zeiten sich geändert haben,« sagte er. »Nicht nur die Bibel paßt nicht mehr in unsere Zeit, auch unsere ganzen sozialen kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse haben gewechselt. Das zähe Festhalten altadliger konservativer Häuser an Überlieferung und Sitte ist ja sehr schön, aber es kommt mir immer so vor wie eine Ruine, welche die verschlungenen Gewinde tausendjährigen Efeus zusammenhalten, bis ein Sturm das Ganze niederreißt. Und schließlich wirkt solche überlieferte Treue tragikomisch! So ist's auch mit dem Christentum, -- mein Gott, man sieht das doch alle Tage!«

»Harro!« -- Ein tiefer Schmerz durchzitterte die alte Stimme. »Das sagt ein Kambach, ein preußischer Edelmann, ein Mann, dessen Vorfahren Gut und Blut für Altar und Thron geopfert, das -- das sagt mein Enkel?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen, ihre Stimme brach. Sie stand auf und trat ans Fenster. »Das -- das ist zuviel!«

Eine flammende Röte war in die Stirn des jungen Offiziers gestiegen. Tränen im Auge der Großmutter konnte er nicht ertragen. Mochte sie bisweilen schroff und hart, mochte sie altmodisch und einseitig in ihrem Urteil sein, sie war die Großmutter, die Frau, die ihm wie so oft schon die Mutter ersetzt, deren ehrwürdige geliebte Gestalt eine scheidende Generation vertrat, die -- man mochte sagen, was man wollte -- größer, stärker, opferwilliger war, als das Geschlecht von heute. Daß die Greisin den einzelnen für die Gebrechen der Gegenwart verantwortlich machte, war eine berechtigte Schwäche des Alters, welches bekanntlich immer nur die gute alte Zeit gelten ließ. Das durfte man ihr nicht verübeln.

Er sprang auf und trat an ihre Seite.

»Großmama,« rief er, die schmalen Hände an die Lippen ziehend, »verzeih mir, du weißt doch, daß es nicht schlimm gemeint ist! Ich bin doch kein Umstürzler; aber Zeiten und Menschen wechseln, und wir müssen uns ihnen anpassen -- es geht nun einmal nicht anders, wir kommen sonst nicht vorwärts im Leben, man geht an uns vorbei zur Tagesordnung über -- bitte, versteh mich doch, Großmamachen! Du weißt doch, daß ich so nicht nach Drachenburg zurückkehren kann!«

Er streichelte ihre Hände. Er bettelte und flehte, wie einst das schöne goldlockige Kind: »Sei wieder gut, Großmamachen!«

Exzellenz von Kambach wandte dem Enkel das Antlitz zu. Aus den nassen Augen leuchtete die warme Mutterliebe ihres großen Herzens, -- um die Lippen aber lag noch der feste Zug unbeugsamen Willens und unentwegter Rechtlichkeit. Der strahlende Stolz der deutschen Edelfrau wachte über märkischer Ehre, über der Treue zu Altar und Thron.

Und der junge Sproß des alten edlen Geschlechts verstand in den ehrwürdigen Zügen zu lesen und -- schwieg.

Dann hörte er ihre Stimme. Es wirkte beruhigend auf ihn, daß sie wieder redete. Denn wenn Großmutter Kambach schwieg, standen die Dinge schlimm. Solange sie aber noch sprach, war Hoffnung auf einen erträglichen Ausgang der Sache vorhanden.

»Ich will dir verzeihen,« sagte sie, und noch zitterte der Schmerz in ihren Worten nach, »aber eins merke dir: das Wort tragikomisch darf ein Edelmann in bezug auf Überlieferung und Sitte, vor allem aber in bezug auf das Christentum nicht in den Mund nehmen, Harro! Wer das tut, ist kein rechter Edelmann. Denn so eng der monarchische Gedanke mit dem Adel verknüpft ist, so eng sind beide mit dem Gottesgnadentum verbunden. Wer diese alte Wahrheit ablehnt, ist darum auch kein echter Vaterlandsfreund. Denn nicht das erlauchte Blut ist's, nicht Macht und Krone sind's, die dem Königtum seine unantastbare Würde verleihen, sondern das Prädikat: von Gottes Gnaden. Es ist darum ganz berechtigt, wenn man das Gottesgnadentum den Lebensnerv des Königtums nennt, und ebenso berechtigt, wenn man das Christentum als Träger und Grundstein des monarchischen Gedankens fordert. Denn wo soll die Achtung vor einer göttlichen Einrichtung herkommen, wenn man nicht an Gott und Ewigkeit glaubt?« Sie seufzte. »Es ist bezeichnend für unsere Zeit, daß sie auf dem Gebiet der Jugendpflege die Religion fast durchweg ausschaltet. Als ob Sport und Spiel den Menschen zur Persönlichkeit reiften!«

»Sie sind aber sehr nötig, Großmama, und halten junge Leute, zumal Schüler, von manchen Dummheiten ab.«

Sie schritt an ihrem Krückstock auf den verlassenen Platz zu und setzte sich wieder.

»Gewiß, Harro. Ich kann das Wort ›Ertüchtigung‹ allerdings nicht leiden, aber ich beglückwünsche es trotzdem, daß mehr Gewicht auf diese Seite der Jugenderziehung gelegt wird wie früher. Nur darf man sich, wenn man die Hauptsache ausschaltet, nicht über einen halben Erfolg wundern. Denn Persönlichkeiten erzieht der Geist Gottes. Darum wird das Geschlecht, das wir auf diese Art großziehen, trotz seiner körperlichen ›Ertüchtigung‹ kein Heldengeschlecht werden. Denn ein Leib ohne Geist ist nun einmal tot.«

Harro Kambach sah nachdenklich vor sich nieder. Ein Wort Kurt Breysigs zog ihm durch den Sinn: ›Persönlichkeit ist Kraft, Persönlichkeit ist Adel, Persönlichkeit ist Zucht!‹ Sollte sich dasselbe nicht ohne die Grundlagen des Christentums in die Tat umsetzen lassen? Anderenfalls hätte Breysig hinzufügen müssen: Adel ist Gottesgnadentum. Der Adel des Blutes wäre damit freilich hinfällig gewesen, -- allein der Adel des Schaffens und der Gesinnung wäre in Betracht gekommen. Dann hätte allerdings das, was die Großmutter behauptete, zu Recht bestanden: entartete dieser von Gottesbewußtsein belebte und Gottes Kraft gestählte Adel, so war eine Zersetzung von oben nach unten angebahnt. Aber das war eben Ansichtssache -- nichts weiter. Es kam alles auf die Auffassung des Weltgeschehens an.

Er sagte es ihr.

»Warum soll ich nicht stark und frei sein ohne Gott, warum soll ich nicht freiwillig Selbstzucht üben können, Großmama?«