Part 5
Frau von Kambach hatte ihr Gegenüber ruhig angehört. »Und Sie glauben wirklich, daß Sie diese hungernden Seelen satt machen?« fragte sie, »glauben wirklich, daß das Erleben, das Sie predigen, einem Menschen die Kraft gibt zum Leben und Sterben? Mißverstehen Sie mich nicht: ich will dies vielumstrittene Wort durchaus nicht verwerfen. Es ist die heißeste Tagesfrage: wie werde ich der christlichen Wahrheit gewiß? Und ich bin ganz der Ansicht, daß christliche Wahrheitsgewißheit nur durch persönliche Heilserfahrung möglich ist, -- und das ist der Punkt, wo unsere Ansichten auseinanderzugehen scheinen -- durch die Gewißheit, welche sich auf Heilstatsachen gründet, auf den Tatbestand göttlicher Offenbarung. So und nur so werde ich in Gottes Gemeinschaft gezogen, so nur erlebe ich diese Gemeinschaft -- auf Grund geschichtlicher Tatsachen, -- denn ein Glaube, dem die Wirklichkeit fehlte, wäre nicht lebensfähig! -- Was nützt mir die wunderbarste Hypothese? Davon wird eine hungernde Seele nicht satt, und die Vergebung der Sünden wird uns nur gewiß in dem felsenfesten Bewußtsein: Er trug unsere Krankheit. Nein, nein -- Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, ohne die Gründung auf den Glauben an Krippe und Kreuz und die Ostertatsache kein persönliches Erleben, keine Heilsgewißheit! Und diesen Glauben bringt uns die Forschung nicht, so wichtig sie sonst auch ist, den bringt uns nur Gottes heiliger Geist, -- Gott selbst dringt auf uns ein, ergreift uns, -- es kommt nur darauf an, daß wir uns ergreifen lassen. Unsere Zeit hat unvereinbare Gegensätze in den Begriff Erleben hineingetragen. Die moderne Theologie erklärt: ›Wir müssen Jesum erleben, müssen in ihm leben.‹ Die Bibel sagt: ›Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir!‹ Es kommt wieder auf das hinaus, was ich vorhin sagte. Hier göttliche Gnadengabe, -- dort Menschenwerk. Ich muß immer wieder daran denken, daß der Herr, das Kommen des Heiligen Geistes verheißend, sagt: ›Er wird die Welt strafen um die Sünde, ~daß sie nicht glauben an mich~.‹ Daran krankt unsere Zeit. Den Heiland der Bibel will sie nicht, den Versöhner ihrer Sünde lehnt sie ab, sein Kreuz, sein leeres Grab versteht sie nicht, -- was aber der kleine Menschenverstand nicht erfaßt, das verwirft er, es muß ein neuer Weg zur religiösen Gewißheit gefunden werden. Glauben Sie wirklich, daß solch ein armes Menschenkind, das lebenslang nur Jesusverehrung gekannt, in vielleicht ganz plötzlicher Todesnot die Kraft findet, das Bild menschlicher Weisheit zu vergessen und mit brechendem Herzen und schwindendem Odem den Blick glaubensvoll auf ein anderes zu richten, auf das Bild des heiligen barmherzigen Heilandes, seines Herrn und Gottes? Es ist zum mindesten ein furchtbar gewagtes Spiel, das die moderne Theologie mit der Menschenseele treibt!«
»Exzellenz!« -- In heißem Schmerz kam's von den Lippen des Mannes. Jetzt hatte sie ihn in tiefster Seele getroffen. Aber sie hielt seinen Blick aus. Sie wußte, nur die Wahrheit konnte ihm helfen.
»Das Apostolikum ist eine Unmöglichkeit für unsere Zeit!« rief er erregt. »Es ist doch schließlich nichts weiter als eine menschliche Form! Ich verwerfe durchaus nicht das Ganze, der alte Most soll ja nur in neue Schläuche gefüllt werden. Gewiß, der Modernismus ist eine Gefahr, aber er ist notwendig und berechtigt. Und den Dienst der Aufrüttelung hat er uns geleistet. Es ist nun einmal nicht Gottes Wille, daß die Geschichte der Völker geradlinig fortgeht, darum ist auch die Kirchengeschichte Strömungen unterworfen. Herrschte nicht so viel Lehrstreitigkeit, so würde trotzdem alles seinen geordneten Gang gehen -- es ist ein großes Unrecht, immer wieder die Kluft zu erweitern und von unüberbrückbaren Gegensätzen zu sprechen. Auf diese Weise wird die Notlage nicht gebessert.«
»Die Kluft würde nie entstanden sein, wenn die Grundwahrheiten der Kirche nicht angetastet worden wären,« erwiderte Frau von Kambach. »Mit jedem, der Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Sohn des ewigen persönlichen Gottes, als seinen Herrn und Versöhner bekennt, weiß ich mich im tiefsten Glaubensgrunde eins -- ~da~ gilt für mich die ›Gleichberechtigung der Richtungen‹, -- wo man aber seine Gottheit leugnet oder verschleiert, da hört für mich allerdings die Gemeinschaft auf, denn der Glaubensgrund ist ein anderer, es handelt sich letzten Endes nicht um Richtungen, sondern um verschiedene Religionen. -- Sie nennen das Apostolikum eine menschliche Form, vergessen aber, daß sein Inhalt ein göttlicher ist. Denn es faßt die Heilstatsachen der Schrift zusammen. Wenn Sie das Apostolikum ablehnen, lehnen Sie die Schrift ab.«
»Ich denke nicht daran, Exzellenz! Ich lehne höchstens eine veraltete Auffassung der Schrift ab. Wozu sind wir Prediger des Evangeliums denn da? Doch ganz gewiß nicht dazu, um unerträgliche Irrtümer zu verbreiten! Es stünde wahrhaftig traurig um unsere Kirche, wenn die Gleichberechtigung der Richtungen nicht anerkannt würde.«
Sie sah ihn mit tiefem Schmerz an. »Glauben Sie wirklich, daß die bibelgläubige Gemeinde sie anerkennt? Ich kann Ihnen sagen, das wird nie geschehen; denn es handelt sich, wie ich schon sagte, in Wahrheit nicht um verschiedene Richtungen, sondern um verschiedene Religionen!«
Er war aufgestanden und ans Fenster getreten. Seufzend strich er das volle dunkle Haar aus der Stirn. »Ich wußte es, daß unsere Wege auseinandergingen, Exzellenz -- mußte dies Gespräch denn sein?«
Sie wandte ihm das Antlitz voll zu. »Mein lieber Herr Pastor, würden Sie mich noch achten und ehren können, wenn ich Sie blind in Ihr Verderben rennen ließe? Und Sie sind's nicht allein! Eine Gemeinde ist Ihnen anvertraut, Sie sind berufen, an der Seele unseres Volkes zu arbeiten. Ich weiß es, Sie sind sich Ihrer großen Verantwortung bewußt, -- und doch, -- wie ist's menschenmöglich!«
Er stand noch immer am Fenster und blickte hinaus. Eine heiße Ungeduld malte sich in dem geistreichen Gesicht. »Wenn Exzellenz zu verfügen hätten, würde also kein liberaler Theologe zum Amte zugelassen werden!« sagte er endlich. »Dann würde allerdings manche Gemeinde hirtenlos sein.«
»Ich würde den Suchenden, Ringenden immer ordinieren,« erwiderte sie, »würde es ihm aber zur Pflicht machen, falls er im Laufe der Zeit nicht zum vollen Heilsglauben durchdringt, sein Amt niederzulegen. Den bewußten Irrlehrer, der in Christus nur den höchstbegnadeten Menschen sehen will, würde ich dagegen ablehnen. Er gehört nicht auf die Kanzel.«
Pastor Wendler trat an den Tisch. »Ist das christliche Liebe?«
»Das ist christliche Zucht,« erwiderte die alte Frau.
»Exzellenz verlangen sehr viel.«
»Nicht zuviel. Ich sagte Ihnen schon: mit jedem Suchenden würde ich Geduld haben. Die Ablehnung des bewußten Irrlehrers aber halte ich für eine zwiefache Pflicht: wir schulden sie der Gemeinde, deren Seelsorger er wird, und dem Manne selbst, weil man, ihn zulassend, der Hehler seiner bewußten oder unbewußten Unwahrhaftigkeit wird.«
»Unwahrhaftigkeit?«
»Gut. Sagen Sie Entstellung der Tatsachen. Es läuft auf eins hinaus.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nur immer wieder fragen: wo ist die Grenze?«
»Und ich kann nur immer wieder antworten: die Grenze ist die Person Jesu Christi.«
Still war's im Zimmer. Ein tiefer heiliger Ernst lagerte auf der Stirn der weißhaarigen Frau. In dem ehrlichen Antlitz des Mannes arbeitete es.
»Unwahrhaftigkeit? Entstellung der Tatsachen? Exzellenz!« Die Tränen standen ihm in den Augen.
»Es sind harte Worte, ich gebe es zu, aber die Wahrheit fordert sie,« sagte sie traurig.
Er tat einen Schritt auf sie zu, -- auf seinem Gesicht lag's wie eine flehende beschwörende Bitte. »Die Wahrheit! Gewiß! Aber ist Christus nicht wahrhaftiger Mensch?«
»Er ist der menschgewordene Sohn Gottes, also zuerst wahrer Gott!«
»Exzellenz dürfen nicht vergessen, daß von dem Glauben ausgegangen werden kann: Er ist wahrer Mensch!«
Sie blickte ihn fest an.
»Ist es nicht zuviel verlangt,« fuhr er mit bebender Stimme fort, »gleich bei der Ordination eine Entscheidung zu fordern, die mancher andere erst auf der Höhe des Lebens zu treffen vermag -- oder auch nicht?«
»Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich einem aufrichtig Suchenden, der noch nicht alle Punkte des Glaubensbekenntnisses unterschreiben kann, Zeit lassen würde, wenn er in der Hauptsache auf ewigem Grunde steht,« entgegnete sie. »Nur den bewußten Irrlehrer würde ich bedingungslos ablehnen.«
Er seufzte. »Was wird heutzutage nicht alles Irrlehrer genannt!«
Doch die alte Dame ließ sich nicht irre machen.
»Christus ist kein vergöttlichter Mensch, sondern der menschgewordene Gott. Nur als wahrhaftiger Gott konnte er uns erlösen; es war die Vorbedingung dafür, daß er es als wahrhaftiger Mensch getan hat. Wer daher in dem Glauben an den Menschen stecken bleibt, wird niemals über Jesusverehrung hinauskommen. Den Lebendigen, der ihn Tod und Teufel entreißt, lernt er nicht kennen, im besten Falle auf Umwegen. Ich sagte vorhin schon: dies Verfahren gleicht einem Glücksspiel.«
»Wenn der Ordinand aber gar nicht weiß, ob er an die Gottheit Christi glauben will, oder ob er später daran glauben wollen wird -- wer kann das von sich selber wissen! Das Menschenherz ist wie eine Meereswoge.«
»Mein lieber Wendler,« sagte die alte Exzellenz, und ihre Stimme bebte, »das läuft daraus hinaus, daß jeder nach seiner Fasson selig werden kann. Ich habe nur eine Antwort für Ihre, mir unfaßliche Anschauung, nämlich die: ein Mann und denkender Mensch weiß, was er will. Für uns aber käme einer solchen Unwissenheit gegenüber wohl nur die Pflicht, die Gemeinde vor Irrlehre zu bewahren, in Betracht. Wer in ~dem~ Augenblick nicht weiß, was er will, sollte dem heiligsten Amte fernbleiben und sich erst einmal gründlich auf sich selbst besinnen.«
Er antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte er in den herbstlichen Garten.
Sie sah ihn nachdenklich an. »Welche weltliche Organisation würde Persönlichkeiten aufnehmen, die sich im Widerspruch zu ihren Satzungen befänden,« sagte sie endlich. »Stellen Sie sich bitte einen Juristen vor, der unter Ausschaltung der Gesetze nach eigenem Gutdünken arbeitet! Der bloße Gedanke wirkt lächerlich. Die christliche Kirche aber soll jedem ihre Tür öffnen, ob er sich zu den Heilswahrheiten bekennt oder nicht. Wer schließt Monisten, Pantheisten, wer schließt Atheisten aus? Niemand! Die Kirche wird zum Sprechsaal.«
»Solange einer nicht zum Angriff übergeht, hat er meines Erachtens das Recht auf die Kanzel,« sagte Pastor Wendler.
»So!? Meines Erachtens gehört er nicht auf die Kanzel, solange er mit vollem Bewußtsein die Heilstatsachen ablehnt. Denn bewußte Ablehnung ist Unglaube, ob er zum Angriff übergeht oder nicht. Die Predigt des Unglaubens enthält immer Irrlehre -- Irrlehre aber birgt den Tod. Haben Sie je gehört, daß sie die Frucht lebendigen Christenglaubens gezeitigt?«
Wieder war's still in dem hellen Raum. In heißem Kampf stand der Geistliche am Fenster.
»In der Enge der Orthodoxie, in den starren Grenzen des Dogmas kann die Menschenseele nicht gedeihen!« rief er erregt. »Christenglaube fordert Freiheit und darum in erster Linie ungehemmte Verstandesarbeit!«
Frau von Kambach hatte sich erhoben. Auf ihren Krückstock gestützt, trat sie auf Pastor Wendler zu. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel jener tiefen geheiligten Mütterlichkeit, die wahrhaftigen deutschen Frauen auch dem Manne gegenüber eigen ist. Leise legte sie die Hand auf seine Schulter, und während ihr Auge in tiefem Mitleid das seine suchte, sagte sie langsam, jedes Wort abwägend: »Auf dies Bekenntnis wollen Sie sich zum Sterben niederlegen, lieber Freund? Wissen Sie denn gar nicht, worauf Sie sich in letzter Linie gründen? Auf Selbsterlösung, auf ein Trugbild, das Ihnen unter den Händen zergeht! Fühlen Sie nicht, daß Ihre Seele dies Brot nicht sättigt? Die Forschung in hohen Ehren! Aber die Wissenschaft, die ihre Grenze nicht kennt, ist Scheinwissenschaft. Denn ein Wunder, das mein kleiner, armseliger Verstand in tausend Stücke zerlegen und wieder zusammensetzen kann, ist kein Wunder. Im Leben bietet solch ein Glaube keinen Halt, im Sterben verzweifelt man daran« -- wieder bebte die alte Stimme, »es gibt nur eine wahrhaftige Theologie: die Theologie des Kreuzes! Sehen Sie denn nicht, daß sich ohne sie alles auflöst?«
Sie hielt einen Augenblick inne, als erwarte sie seine Antwort.
Aber er schwieg. In hartem Kampf starrte er auf die goldene Pracht der Natur.
›Er wird die Welt strafen um die Sünde, daß sie nicht glauben an mich!‹
Wie ferner Wellenschlag zog das Wort an seiner Seele vorüber.
Hatte sie recht? -- An den Jesus der Schrift glaubte das zwanzigste Jahrhundert nicht mehr. Aber bedeutete das eine Veräußerung ewiger Werte? Im Gegenteil! Es räumte den Schutt von den Kleinodien, lockte die Fernstehenden herzu, ebnete Grüblern und Zweiflern den Weg zum Kreuz.
Zum Kreuz? Jawohl, zum Kreuz! Das heiligste Vorbild, die höchste Verkörperung göttlichen Willens stellte die Kreuzesgestalt dar, nicht etwa nur in der Form einer Regel oder Vorschrift, sondern lebendig, mit Fleisch und Blut umhüllt, Herz und Gewissen aufrüttelnd, -- aber -- an einem hielt er fest, mußte er festhalten: der Name Gottmensch kennzeichnete Jesus als den einen Menschen, bei dem die Ähnlichkeit mit Gott am stärksten hervortritt, kennzeichnete den Gottmenschen, auf den jeder Mensch angelegt ist, der aber bisher bei keinem anderen in so hervorragender Weise zutage getreten war. ›Die dem Lichte erschlossene und von der ewigen Sonne geküßte Blüte der Menschheit‹[1] -- mit diesen Worten hatte ein liberaler Führer die Christusgestalt gezeichnet und zugleich den feinen Unterschied, der den Streitpunkt zwischen den beiden großen kirchlichen Lagern bildete, klargestellt. Das Prädikat ›Gott von Gott, Geist vom Geist, Licht vom Licht von Ewigkeit‹ erkannte der Liberalismus in dem Sinne, wie ihn die Orthodoxie forderte, nicht an.
Wieder klang die Stimme der Greisin an sein Ohr. »Ich komme ja nicht um meinetwillen zu Ihnen. Mein Christenglaube steht und fällt mit dem zweiten Artikel. Aber das Herz brennt mir im Blick auf das arme irregeleitete Volk, im Blick auf Deutschlands religiösen und sittlichen Niedergang. Sehen Sie denn nicht, daß mit der christlichen Kirche die Sitte verfällt? Die Kirche ist die einzige wahre Volkserzieherin. Was soll werden, wenn sie versagt? Und sie muß versagen, wenn man ihr den Boden unter den Füßen entzieht. Denn eine Kirche, die sich nicht auf die geoffenbarten Heilstatsachen gründet, ist keine christliche Kirche. Daß Sie nicht mitschuldig werden an dem großen Verfall, daß Sie nicht unter das Wort vom Mühlstein fallen, darum komme ich!« Und dann legte sich ihre Hand schwer auf seinen Arm. »Mein eigener Enkel ist unter Ihren diesjährigen Konfirmanden« -- hier stockte sie -- »Herr Pastor, es ist meine heilige Pflicht, darüber zu wachen, daß dies Kind nicht verführt werde!« Ihre Stimme brach -- sie wandte sich ab.
Tief erschüttert stand er da.
›Verführt!‹ Wie ein Peitschenschlag hatte ihn das Wort getroffen.
Die Lippen zusammengepreßt, sah er wie geistesabwesend hinaus. Und doch war er mit all seinen Gedanken und Sinnen daheim, in der engen Studierstube bei der greisen Frau, die er noch heute trotz allem, das sie in dieser Stunde geredet hatte, wie eine Mutter verehrte. Denn eins fühlte er immer wieder: die Liebe hatte sie in sein Haus geführt, die große große Heimatliebe, die vom Himmel kommt, die die Sehnsucht nach der oberen Welt und ihrem heiligen Bürgerrecht hineintragen will in das irdische Vaterland. Selten war er einer Frau begegnet, so stark und mutig, so warmen treuen Herzens, so kindlichen Gemütes, wie seiner alten Exzellenz! Ja, so hatte er sie immer geheißen, -- dann war's allmählich anders geworden ... Und heute?
Wie eine Mutter stand sie an seiner Seite, die Hand auf seine Schulter gelegt, in den klaren Augen die tiefe bange Frage nach dem Allerheiligsten seiner Seele. Ein herzliches Mitgefühl mit dem Manne, der ihrer Meinung nach in eine vom Glauben abweichende Strömung geraten, lag in ihren Worten, aber auch eine Festigkeit, eine Gewißheit des eigenen heiligen Besitzes, wie sie nur eine wirklich faßbare überweltliche Wahrheit in einer Menschenseele auszulösen vermag.
Er wußte, ein Herzleiden bedrohte ihr Leben auf Schritt und Tritt; sie hatte oft davon gesprochen, aber nur wie von einer Begleiterscheinung des Tages, einem Wolkenschatten, der über einen blühenden Garten zieht. Mit dem, was Frau von Kambach unter Leben verstand, hatte diese Last nichts gemein; denn das Leben, das sie lebte, wurzelte nicht in dieser Erde.
Aber Pastor Wendler hielt ihren Glauben trotzdem für die falsche Vorstellung einer orthodox erzogenen, in den Grenzen eines streng konservativen Elternhauses aufgewachsenen vornehmen Frau. Es gab auch eine anerzogene Bekenntnistreue. Die Sorge, sie zu kränken, hatte seine Auseinandersetzung beschränkt. Wie oft hatte er's erlebt, daß die klaffenden Gegensätze der beiden Richtungen einen unheilbaren Bruch geschaffen. Das sollte nicht sein! -- -- --
Er merkte, sie hatte noch etwas auf dem Herzen. Zaudernd stand sie da, ganz gegen ihre sonstige Art. Aber dann wußte sie, was sie wollte.
»Ich darf Sie nicht länger stören,« sagte sie. »Man kann keinem Menschen den Glauben einreden -- man darf's auch nicht. Nur warnen muß ich Sie; denn Sie jagen einem Schatten nach. Die Bibelkritik, die Sie vertreten, wird Sie nie auf die Höhe führen, weil sie in dieser Erde wurzelt. Sie fordert Erfahrungswissen, sie überträgt wissenschaftliche Ergebnisse auf das Gebiet des Glaubens -- und -- entgleist. -- Ich will gehen. Wir kommen nicht zusammen. So nicht. Ehe der Mensch sich nicht bankrott erklärt, wird er kein Christ. Und das soll mein letztes Wort, meine Abschiedsbitte an Sie sein. Tun Sie mir die Liebe, Ihre Seele zu erforschen, ob irgendwo in einem Winkel eine Sünde steckt, vielleicht eine alte halbvergessene, -- die aber doch noch lebendig ist, von der Sie nicht sagen können: sie ist in Gottes Schuldbuch ausgestrichen! Wenn dem so ist, wenn Sie diese Schuld nicht tilgen können, und der Jesus, den Sie mit solch glühender Sehnsucht verehren, Ihnen die große Gnade, die wir alle brauchen, nicht geben kann, -- dann -- dann beschwöre ich Sie, bleiben Sie nicht verzweifelt auf halbem Wege stehen, sondern gehen Sie zu dem, den uns die Schrift zeigt, zu unserem persönlichen Gott und Heiland. Denn wir werden nicht ohne ihn fertig, auch Sie nicht. Wenn Sie ihn aber gefunden haben, dann kommen Sie zu mir -- ich weiß, daß Sie kommen! Denn ich will Ihre Freude teilen! -- Wollen Sie mir das versprechen?« Wieder sahen ihn die blauen Augen voll mütterlicher Liebe und Güte an.
Pastor Wendler erwiderte diesen Blick. Sein Gesicht war aschfahl.
»Ich verspreche es,« sagte er mit erstickter Stimme.
Über das ehrwürdige Frauenantlitz ging ein heller Schein. Als käme der Mann vor ihr mit der Botschaft eines großen wundervollen Sieges, an den sie nie gedacht, traten ihr die Tränen in die Augen. Mit festem Druck umfaßte sie seine Hände:
»Ich danke Ihnen!«
Wieder stand er überwältigt vor der großen geheiligten Liebe. Schweigend beugte er sich über die Frauenhand und küßte sie. -- -- --
In der Mittagsstille ging sie durch das friedliche Dorf.
Franz Schenker saß vor seinem Häuschen und las.
Ehrerbietig erhob er sich, sein Käppchen ziehend. »Ick lese eine Predigt, Exzellenz,« sagte er; »denn heute morgen war's zu erbärmlich. Was ist das nur mit unserem Herrn Pastor? Er predigte doch früher ganz anders.«
Frau von Kambach zuckte die Achseln. »Der Glaube ist nicht jedermanns Ding!«
Er merkte, sie wollte nicht weiter von der Sache reden. Aber in ihrem Gesicht lag jener stille klare Ausdruck, den er immer darin gewahrt, wenn sie einen schweren Weg hinter sich hatte. Und Franz Schenker dachte sich sein Teil.
Sie aber wanderte weiter.
Um das weiße Haupt wehte Septemberseide. Auf die kurz gemähten Wiesen fiel der Schatten der hohen Gestalt.
Es war schön in Wald und Feld. Aber es gibt Zeiten, wo die Seele die Abgeschlossenheit des Raumes braucht, der ihr Eigenleben umschließt, das stillste heiligste Zusammensein mit Gott.
So kam's, daß die Greisin, am Gartensaal vorüber, die alte eichene Treppe emporstieg in ihr eigenes Standquartier. -- --
Am offenen Fenster saß sie und sann den letzten Stunden nach.
Wie die Not der Zeit sich häufte! Was sie eben erlebt, war ja nur ein Ausschnitt aus dem großen erschütternden Gemälde. Aber dieser Ausschnitt bildete den Kernpunkt der schweren Gesamtlage. Der Grund des völkischen Niederganges war Gottentfremdung, die Sünde des Unglaubens. Aus dieser Saat sproßten die Giftfrüchte der Sittenlosigkeit, der Verweichlichung und Lüge, aus ihr gingen die Verbrechen hervor. Sie war's, welche den Verfall in die höchsten Kreise getragen, die, das Leben eines ganzen Volkes mit ihren Fäulniserregern durchseuchend, seinen sittlichen sozialen und politischen Niedergang planmäßig anbahnte. Wo wollt's hinaus?
Eine heiße Angst überkam die alte Frau. Mit weitem Blick und offener Seele stand sie Deutschlands Not gegenüber. Ihren Familienschmuck hätte sie um ihres Volkes willen geopfert, ihr Festkleid, ihr weißes Haar, die Krone ihres Alters.
Aber das zwanzigste Jahrhundert beging ein Verbrechen an der Volksseele, das Gold und Silber nicht gutmachten. Der alte Schenker hatte recht: hier wurde Größeres gefordert. Eine lebendige Mauer mußte die höchsten Werte schützen, Männer und Frauen mußten ausziehen, die deutsche Volksseele zu retten.
Zum erstenmal in diesen bewegten Tagen fand sie Zeit, dem Gedanken des schlichten Spreewälder Häuslersohnes nachzugehen. Er war ihr ja nicht fremd, aber Schenker hatte ihn aufs neue angeregt. Und während sie sinnend dasaß, stieg eine vergangene Zeit vor ihr auf. Männer, von glühender Vaterlandsliebe und banger Sorge erfüllt, die ihren Weggenossen die gleiche Mahnung zugerufen, zogen an ihrem Geiste vorüber, ein Wichern, ein Stöcker. Zwei Starke, die Großes geschaffen und die Grundsteine zum Bauwerk kommender Geschlechter gelegt. Dann waren sie schlafen gegangen. Deutschland verlor zu früh zwei Volkserzieher, und keiner stand auf und trat in die Bresche. Die Arbeit der Inneren Mission zersplitterte. Überall lagen edle Kräfte brach, und das Unkraut wucherte. Nicht zum erstenmal war Exzellenz von Kambach dem Wunsche des Zusammenschlusses begegnet, aber nie war ihr das ursprüngliche, aus der Not herausgeborene heiße Begehr aus den Reihen des Volkes entgegengetreten, wie in jener Abendstunde auf der Waldwiese. Deutschland war müde geworden, aber noch besaß es Männer, die auf den Höhen seiner Berge die Ehrenwacht hielten, Männer und -- Frauen. Ja, auch Frauen. Vielleicht waren sie sogar in der Überzahl. Jedenfalls hatte Franz Schenker, der zunächst natürlich an seine Kambacher dachte, ohne sich zu besinnen, das hoffnungsfreudige Wort gesprochen: ›Noch haben wir Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden!‹ Und dann hatte er seine alte Exzellenz gebeten, die Sache in die Hand zu nehmen. Ein unglaublicher Einfall, und doch wurde sie das schlichte Wort, das mit echt Schenkerscher Selbstverständlichkeit bei ihr anklopfte, nicht wieder los. Sie hatte ja auch nicht nein gesagt. Nun stand sie vor der Riesenaufgabe.
Ihr Blick fiel auf ein vielbenutztes Buch, eine Sammlung deutscher Dichtungen. Sie nahm es und blätterte darin. Und dann las sie die ergreifenden Worte, die Herder vor hundert Jahren an sein Volk richtete:
›Unsere Väter, o Deutschland -- meine Sorge -- waren nicht, wie wir jetzt sind!‹
Das war eine Anklage auf der ganzen Linie. War's nicht, als richte sie sich gegen das Geschlecht von heute? Eine innere Unruhe ergriff die Frau, deren ganzes Schaffen und Sinnen im Dienst ihres Volkes stand. Wenn eine die Pflichten der Gutsherrin und Edelfrau ernst nahm, war sie's -- --