Part 4
»Das schadet nicht. Erlaucht werden es noch einmal hören! Und meiner Frau schadet es auch nicht! -- Das, was Erlaucht fordern, und was jeder rechte Gutsherr grundsätzlich erstreben wird, ist die uralte väterliche Form der Herrschaft! Ein gesegnetes Erbe, welches noch heute da ein Segen bleibt, wo das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht ein mustergültiges ist. Aber wir haben nicht nur mit dem Durchschnitt, sondern in den meisten Fällen mit Verhältnissen unter dem Durchschnitt zu rechnen. Bühl und Kambach stellen eine Auslese dar -- ich wollte, in Dambeck wär's auch so. Den Zeitgeist können wir nicht ändern, aber wir können die Verhältnisse in zeitgemäßer Weise zu bessern suchen. Ich meine nicht, daß das Alte an sich abgewirtschaftet hat, aber daß manche alte Form hinfällig geworden ist und darum mancher Wunsch nach Wandel und Neuschöpfung berechtigt ist, das muß ich gerade in bezug auf die ländlichen Arbeiterverhältnisse anerkennen! Wir dürfen nicht vergessen, daß der Fabrikarbeiter in äußerlich, wenn auch nur scheinbar, freieren Verhältnissen lebt als der Landarbeiter. Letzterer nimmt daher in den Augen des Volkes einen untergeordneteren Platz ein als jener, wenn auch seine Verhältnisse in Wirklichkeit vielleicht die günstigeren sind. Aber das soziale Gefühl spricht bei den Leuten zu stark mit, und wir haben die Pflicht, es zu berücksichtigen, sonst gehen uns vielleicht gerade ~die~ Werte verloren, die das patriarchalische Verhältnis vergangener Zeiten geschaffen hat.«
Graf Bühler blickte auf seinen Krückstock nieder. Dann hob er die hellen Augen voll zu dem Sprecher empor.
»Ich glaube, wir wollen im Grunde dasselbe, lieber Brelow,« sagte er freundlich, »nur müssen Sie dem Alter eine gewisse Rückständigkeit zugute halten. Es hängt am alten Brauch, an der alten überlieferten Form. Aber das eine möchte ich aussprechen, und auch Ihre Frau soll's hören: ich glaube nicht, daß die Kambacher und Bühler enger mit ihrer Gutsherrschaft verwachsen sind als die Dambecker!« Er schüttelte dem anderen die Hand. »Trotz allem, was mir am Neuen schwer wird, naturgemäß schwer werden muß, denn wir Alten leben immer in der Vergangenheit, die bekanntlich stets einen Heiligenschein trägt, -- trotzdem, oder gerade darum soll das Neue mich mahnen, gerecht zu sein. In der Beziehung muß ich noch von Ihnen lernen, lieber Brelow!«
Die Blicke der beiden Männer begegneten sich klar und fest. Aus Graf Brelows Augen leuchtete helle Freude.
Dann sah er seine Frau an. ›Na, Ursel, was sagst du nun?‹ fragte sein Blick.
Sie nickte ihm herzlich zu. »Sei nur ganz still,« lachte sie, und ein paar Grübchen traten in die rosigen Wangen, »ich schreib's mir hinter die Ohren!«
»Das möcht' ich mir auch ausgebeten haben! -- Auf Wiedersehen, Erlaucht!« -- Mit einer leichten Verbeugung gegen den alten Herrn schritt er weiter.
Gleich darauf sahen die beiden ihn mit Sibylle Bühler vorübertanzen. -- --
* * * * *
Harro stand vor der Gräfin.
»Ja, ja, ich bin Ihnen ausgerückt, Baron,« lachte sie. »Aber hier ist noch Platz, setzen Sie sich zu uns. Nachher kommt noch ein Tänzchen in Ehren!«
Er verbeugte sich gegen den Erblandmarschall. »Gestatten, Erlaucht?«
»Bitte, lieber Harro! Nicht wahr, dies ist ein gemütliches Eckchen, wir sind hier ganz unter uns! -- Übrigens sprachen wir gerade von den Vorzügen Ihres Hauses! Die Ohren müssen Ihnen geklungen haben!«
Harro beugte sich vor. Eine Ahnung sagte ihm, was nun kommen werde: die Predigt über den vorbildlichen Landedelmann. Fürchterlich. Aber was half's? Man mußte andächtig zuhören. Hoffentlich tat der alte Herr keine persönlichen Fragen. Er verfügte über eine unversiegbare Gründlichkeit.
»Sie brauchen keine Abhandlung über das Agrariertum zu befürchten,« sagte der Graf mit feinem Lächeln. »Ich habe nur meiner Hochachtung vor dem konservativen Sinn Ihres Vaters Ausdruck gegeben und die Treue bewundert, die in geradezu vorbildlicher Weise das patriarchalische Verhältnis aufrechtzuhalten sucht. Ein Tag wie der heutige zeigt das wahre Bild des Gutslebens. Ich rechne es Ihrem Vater sehr hoch an, daß er den Bitten meines Enkels, die Hochzeit in Berlin zu feiern, nicht nachgegeben hat!«
Harro schwieg.
»Sie scheinen anderer Meinung zu sein,« sagte der Erblandmarschall.
Gräfin Brelow blickte gespannt auf den jungen Offizier.
Der wollte dem ehrwürdigen Gast seines Vaters ungern widersprechen. »Verzeihung, Erlaucht ...« sagte er zögernd, »aber ...«
»Hätten Sie die Hochzeit in Berlin gegeben?« unterbrach ihn Graf Bühler.
»Ja,« erwiderte Harro. »Man muß doch zugeben, daß die Räumlichkeiten unserer Landhäuser für solche Gelegenheiten nicht genügen.«
»Sie haben immer genügt; aber selbst wenn dem so wäre -- ist das das allein Ausschlaggebende für Sie?«
Harro zuckte die Achseln. »Was soll denn sonst den Ausschlag geben, Erlaucht? Wir sahen doch heute wieder, daß der Tanzsaal viel zu klein ist! Kambach genügt überhaupt nicht den Anforderungen der Neuzeit. Außerdem ist es nicht mehr Mode, daß der Adel seine Hochzeiten auf dem Lande feiert! Das spricht doch alles mit!«
»So. Aber eins scheint bei Ihnen nicht mitzusprechen: Heimatsitte und Heimatbrauch, patriarchalisches Verhältnis, -- mit einem Wort: sozialer Sinn.« Er zog die weißen Brauen in die Höhe. »Der hat freilich nur Wert, wenn er angeboren ist!«
Harro biß sich auf die Lippen. ›Gut, daß uns hier wenigstens keiner hört,‹ dachte er und sah Sibylle Bühler nach, die mit Jaspar Malwitz vorübertanzte.
Der Erblandmarschall beobachtete ihn scharf. »Nehmen Sie's einem alten Mann, der Sie außerdem noch über die Taufe gehalten hat, nicht übel, lieber Harro; aber solche Ansichten gehören sich nicht für einen märkischen Junker und preußischen Edelmann. Leider ist ja das Leben von heute nicht dazu angetan, die Liebe zur Scholle zu stärken, aber den Kambachern steckt sie im Blut. Man urteilt ja, wenn man jünger ist und noch keine Erfahrungen gesammelt hat, anders als ein Mann, der die Höhen des Lebens überschritt, -- darum vergessen Sie nicht, was Ihnen heute einer sagt, dessen Tage vielleicht gezählt sind: wer sein Gut nur als Sommeraufenthalt betrachtet, wird nie ein rechter Gutsherr!«
»Verzeihung, Erlaucht, es gibt aber doch Verhältnisse ...«
»Wenn Sie die Schwindsucht bekommen, und der Arzt behauptet, Sie könnten nur in Ägypten genesen, so reisen Sie in Gottes Namen, wenn Ihr Geldbeutel es erlaubt,« rief Graf Bühler. »Meine Frau hat sich unter stark vorgeschrittenen Krankheitserscheinungen in den Bühler Kiefernwäldern erholt -- man kann also über diesen Punkt streiten. Daß sie damals ganz gesund wurde, wissen Sie, ebenso, daß sie nicht an der Schwindsucht gestorben ist, -- aber wie gesagt, ich will da mit niemand rechten. Das, was ich meine, liegt an ganz anderer Stelle. Es handelt sich nicht um Zwangslagen, es handelt sich um willkürliche Entäußerung von Überlieferung und Besitz. Das erste ist eine Not, das zweite eine Schuld.«
Harro fuhr herum.
»Entäußerung, Erlaucht? Abwesenheit bedeutet doch nicht Entäußerung?«
»Dauernde oder wiederholte längere Abwesenheit läuft schließlich auf Entäußerung hinaus. Darum braucht nicht Grund und Boden verkauft zu werden, es ist etwas Größeres, das mit der Preisgabe des patriarchalischen Verhältnisses verschachert wird: die Volksseele. Ihres Vaters großzügige Auffassung seiner gutsherrlichen Aufgaben ist mir stets vorbildlich gewesen. In den schwersten Tagen hat er nie vergessen, was er seinen Leuten schuldig war. Heute sehen Sie den Dank!«
Harro blickte vor sich nieder. Er erkannte eine Wahrheit in den Worten seines greisen Paten, aber schoß der alte Herr nicht in seinen Einzelforderungen über das Ziel hinaus? Er scheute sich, an dieser Stelle und in diesem Augenblick seinen Widerspruch zu reizen; es war eben stets zu bedenken, daß er Sibyllens Großvater war. Nur eins ärgerte ihn: daß Gräfin Brelow einen so charakterlosen Eindruck von ihm bekam. Es war eine regelrechte Zwangslage, in der er sich befand.
Seine Pflichten als Vortänzer fielen ihm ein. Er zog die Uhr und blickte auf die Gräfin. Der Ball sollte mit einem Huldigungsreigen vor dem Hausherrn und seiner Mutter beschlossen werden.
Ein Regimentskamerad schien ihn zu suchen.
Er erhob sich.
Da klang die alte Stimme noch einmal an sein Ohr: »Sozialer Sinn ist keine Mache, sondern ein kostbares Eigengut aus einem Guß. Wer dies oder jenes Stück Heimatbrauch preisgibt, arbeitet am Verfall des Volkstums. Es geht ums Ganze! Darum ist es nicht nur Verhöhnung des patriarchalischen Verhältnisses, wenn die Tochter eines Landedelmannes ihre Hochzeit in der Großstadt feiert, -- es ist ein soziales Verbrechen!«
Die letzten Worte waren mit ungewöhnlicher Schärfe gesprochen. Ein paar junge Mädchen sahen sich um, allgemeines Schweigen herrschte.
Leichenblaß stand der junge Offizier da: »Erlaucht!«
Ein breiter Schatten fiel auf die kleine Gruppe. Er wandte sich um.
Vor ihm stand sein Vater, die Großmutter Kambach am Arm. Ein Blick sagte Harro, daß die beiden den größten Teil der Unterhaltung mit angehört hatten. Ein unsagbar peinlicher Augenblick folgte.
»Nicht wahr, du mußt erst morgen abend wieder in Drachenburg sein?« wandte sich der Oberstallmeister mit undurchdringlicher Miene an seinen Ältesten. »Ich habe vorher noch mit dir zu reden.«
Er ging an ihm vorüber auf Graf Bühler zu.
Von der Galerie riefen die Jagdhörner. Noch einmal schwebte der Reigen durch den Saal. Hochgewachsene Junker, lichte Mädchengestalten verneigten sich vor dem Hausherrn und der greisen Edelfrau.
Dann klang das Halali.
Draußen schlug die Turmuhr halb zwei.
»Nu is det och all wider vorbi,« sagte Franz Schenker, der neben seiner Frau in der offenen Saaltür stand, »aber 's ward och Tid!«
Viertes Kapitel.
O Deutschland!
Gib Antwort, Deutschland, wo ist deine Ehr'? Wo ist dein markiges Heldengeschlecht? Wo ist deine Zucht, die strahlende Wehr? Wo ist dein Glaube, dein heiligstes Recht? Wo sind die Männer von dazumal? Wo ist der starke adlige Sinn? Wo sind die Beter, die Streiter des Herrn? Gib Antwort: wo sind deine Frauen hin? Schläfst du, Deutschland? Die Wachtfeuer glüh'n Von Waffen starrt's, der Feind kommt zuhauf! Drüben im nächtlichen Dom am Rhein Da stehn deine Kaiser vom Schlafe auf! Vernimmst du nichts vom Jammer der Zeit? Vom Kampf der Geister ums Morgengrau'n? Wach auf vom Schlafe! Antworte mir! Deutschland, wo sind deine Männer und Frau'n?
Der Gottesdienst war beendet. Unter den herbstlichen Linden standen die Kirchgänger in Gruppen, besprachen die Predigt und blickten der Gutsherrschaft und den letzten Hochzeitsgästen nach, die langsam dem Herrenhause zuwanderten.
Die nächsten Nachbarn waren den Sonntag über noch geblieben, Graf und Gräfin Brelow, Graf Bühler mit seiner Tochter Nandine, Sibylle, die den Großvater nach Schloß Bühl begleiten sollte. Einige Drachenburger Herren, die mit dem Sohn des Hauses gekommen waren, ein Graf Luckau, zwei Malwitze und der Oberleutnant von Roselius, Harro Kambachs Freund, beschlossen den Kreis.
Manch weißes Haupt entblößte sich ehrerbietig vor dem Gutsherrn, mehr als ein Blick voll Stolz und Dankbarkeit folgte der hohen soldatischen Erscheinung.
Nach allen Seiten freundlich grüßend, schritt Herr von Kambach in eifrigem Gespräch mit der Gräfin Brelow der Dorfstraße zu.
»Pastor Wendler tritt jeden Sonntag etwas deutlicher mit seiner wahren Ansicht hervor,« sagte die schöne Frau.
Die Brelows waren in Kambach eingepfarrt.
Der Oberstallmeister blickte vor sich nieder. »Eigentümlich, -- erinnern Sie sich noch der Probepredigt?«
»Ja, gewiß, sie war ganz positiv. Sollte er sein Mäntelchen damals schon nach dem Winde gehängt haben?«
Herr von Kambach schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Aber er ist, besonders in den letzten Jahren, in liberales Fahrwasser geraten. Ich beklage das um so mehr, da ich ihn als Mensch sehr hoch stelle.«
Er blieb stehen und blickte auf das schöne leuchtende Land zu seinen Füßen. »Wenn das, was die heutige Predigt befürchten läßt, sich bewahrheiten sollte, komme ich in eine schwierige Lage. Sie wissen, Eberhard soll Ostern konfirmiert werden.«
Sie nickte. »Ja, und gerade der Unterricht ist eine so große Gefahr. Erinnern Sie sich, was Lieselotte damals aus der Berliner Pensionszeit alles mitbrachte? Wir lassen kein Kind wieder am städtischen Konfirmandenunterricht teilnehmen!«
»Es ist nur die Frage, wie lange das Land noch positiv ist,« sagte er ernst. »Höre ich noch eine solche Predigt, so sehe ich mich gezwungen, den Jungen aus der Konfirmandenstunde zu nehmen, -- was spreche ich damit aber vor dem ganzen Dorfe aus? Die Leute sind hier sehr kirchlich und zum Teil schon hellhörig geworden! Der alte Schenker würde sonst auch wohl dafür sorgen, daß seine Kambacher nicht einschlafen!«
Sie lachte. »Das glaube ich!«
Eberhard kam hinter den beiden hergelaufen.
»Vater, -- Großmutter ist noch mit Fräulein Eichel und Herrn von Roselius in der Kirche. Sie wollen das Bild von der Urgroßmutter besehen. Wir sollen nicht mit dem zweiten Frühstück auf sie warten.«
»Schön, mein Junge!« sagte der Oberstallmeister. »Roselius kennt die Geschichte der Stradivariusgeige wohl noch nicht,« wandte er sich dann zu seiner Begleiterin, während sie die Dorfstraße überschritten. »Wir haben das alte Bühlersche Erbstück Sibylle geschenkt, was ja das Gegebene war. -- Ich habe übrigens selten solch ein Spiel gehört!«
Gräfin Ursula nickte stumm zu seinen Worten. Ihre Gedanken wanderten in die kleine Dorfkirche zurück, wo die Frau, deren liebliches Bild im Chorstuhl der Kambachs hing, in der stillen Gruft ruhte. Eine königliche Mitgift hatte sie ins Haus gebracht, edle deutsche Kunst! -- --
Man erzählte sich von Sophie Charlotte von Kambach, daß bei ihrem Tode ein leises Klingen die Saiten der Stradivariusgeige bewegt habe, wie das Schluchzen eines Kindes -- --
Gräfin Brelows Blick schweifte zum Altan hinüber, wo zwei schöne junge Menschen in tiefem Gespräch beieinander standen -- ein Kambach und eine Bühler. -- --
* * * * *
In dem freundlichen Studierzimmer Pastor Wendlers saß Exzellenz von Kambach auf dem grünen Ripssofa dem Hausherrn gegenüber. Sie hatte ihre Gesellschafterin, Fräulein Eichel, mit dem Oberleutnant ins Schloß geschickt und war den harten schweren Weg, den heißeste Sorge und Liebe sie antreten hießen, allein gegangen. Und nun saß sie dem Manne gegenüber, den sie von klein auf gekannt, der als junger Geistlicher mit seinen Nöten zu ihr gekommen und als reifer Mann die betagte geistvolle Frau um Rat gefragt, bis -- ja, bis -- -- Es war eben eine Zeit gekommen, da er den Weg nach dem stillen Dreilinden nicht mehr fand.
Und heute kam die Greisin zu ihm. Mit einer Selbstverständlichkeit, als sei nichts zwischen sie getreten, war sie nach dem Gottesdienst auf der Pfarre erschienen und hatte ihn um eine Unterredung gebeten, wie jedes andere Gemeindeglied aus dem Dorf.
Dreilinden war in Kambach eingepfarrt, und während der Sommermonate versäumte die alte Exzellenz keinen Gottesdienst. Pastor Wendler hatte sich oft im stillen gewundert, daß sie sich noch unter seine Kanzel setzte -- war's das gutsherrliche Vorbild, die Sitte, die sie hochhielt, er wußte es nicht. Aber eins wußte er. Hätte er heute die greise Frau um ihr Urteil über seine Wortverkündung gebeten, sie hätte ihm, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, erwidert: ›Es ist Irrlehre!‹
Über ihren Krückstock gebeugt, saß sie in der Herbstsonne, und die blauen Augen blickten ihn mit der alten Freundlichkeit an. Aber in dem stillen Gesicht stand eine stumme Frage: ›Warum hast du mir das getan?‹
In seiner Seele erwachte Widerspruch. Was hatte er denn getan? War es etwa ein Unrecht, der Wissenschaft den Platz zu geben, der ihr gebührte, und dem modernen Menschen nach Kräften die Steine des Anstoßes aus dem Wege zu räumen? Er veräußerte ja nichts, indem er die starre Form der Orthodoxie preisgab, das Kreuz blieb ja bestehen, -- war es nicht heilige Pflicht, den Schutt der Jahrhunderte zu entfernen und die Wahrheit in vollem Glanze erstrahlen zu lassen? Seltsam, daß liberal und modern immer verwechselt wurden! Und dann kam's, worauf er gewartet -- kein Wort des Vorwurfs, -- aber eine tiefe schwere Klage, von banger Sorge um Volk und Vaterland getragen: wie's menschenmöglich sei, daß auch er, gerade er dem Subjektivismus der Jetztzeit verfallen sei, wie's habe geschehen können, daß von seinem Christusglauben, den er einst so freudig bekannt, nichts als bloße Jesusverehrung übrig geblieben sei?
Ohne die geringste Schärfe kamen die schweren Worte über die Lippen der alten Edelfrau; aber die tiefe Trauer, die sie begleiteten, löste ein Empfinden in der Seele des Mannes aus, das er bisher nicht gekannt: den Schmerz des Unverstandenseins.
Und doch war ~er's~ gewesen, der sich stillschweigend von ihr zurückgezogen, sie aber kam mit unveränderter Güte, mit ihrem klaren ungeschminkten Wort in sein Haus. Sie pochte nicht auf ihr reiches Wissen, um das sie manch einer hätte beneiden können, auf ihre große Kenntnis in kirchlichen Fragen, sie kam als schlichte Bibelchristin, die ihr Heiligstes angetastet sah. Aus dieser Sorge heraus, die im Blick auf ihre Kirche, ihr Volk und Vaterland ins Unermeßliche wuchs, trat sie vor ihn mit heiligem Ernst, mit großer tragender Liebe, mit der Hoffnung, die keinen aufgibt, die bis zur letzten Stunde an ihn glaubt. Das nahm der schweren Unterredung von vornherein die Schärfe, so stark die Gegensätze auch waren. Denn Frau von Kambach gab nicht eines Schritte Breite ihres alten heiligen Besitzes preis, und Pastor Wendler verteidigte mit zäher Ausdauer das im Schweiße seines Angesichts errungene Neuland.
»Exzellenz sagten vorhin, ich kranke am Subjektivismus der Jetztzeit, wie soll ich das verstehen?« fragte er ernst.
»Sie machten in Ihrer Predigt das Wunder als solches vom Glauben des einzelnen abhängig. Glaube er an das Wunder, so sei es vorhanden, glaube er nicht daran, so sei es hinfällig. Das Wunder wird so als etwas Unwirkliches, Zufälliges hingestellt und erhält außerdem durch diese Abhängigkeit vom menschlichen Urteil das Gepräge des Irdischen, Innerweltlichen.«
Er schüttelte den Kopf.
»Ich freue mich, Eurer Exzellenz dies Mißverständnis erklären zu können. Selbstverständlich wird das Wunder Tatsache, sobald der Glaube von ihm Besitz ergreift!«
»Und wenn er es nicht tut?«
»Dann ist das Wunder natürlich zwecklos, weil es seine Aufgabe nicht erfüllt.«
»Nach dem, was Sie in der Predigt sagten, ist es in dem Falle überhaupt nicht vorhanden,« entgegnete Frau von Kambach. »Sie dürfen nur nicht vergessen, daß Ihr heutiger Text die Heilswunder in den Mittelpunkt stellte, daß sich der Begriff Wunder in diesem Falle mit der Person Christi deckt. Ich bin die letzte, welche die Wissenschaft auf religiösem Gebiet ablehnt. Es gibt eine berechtigte Bibelkritik. Nämlich die, welche Gottes Herrlichkeit mehr und mehr zu ergründen strebt, welche die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden und die äußeren und inneren Fragen jener großen vergangenen Zeit immer tiefer zu erforschen sucht. Das ist die Bibelkritik, oder richtiger gesagt die Forschung, welche sich ~unter~ das Wort stellt. Sie darf nicht verwechselt werden mit jener anderen, welche sich zum Richter der Heiligen Schrift aufwirft und das Christentum und seine Grundlagen letzten Endes als ein Erzeugnis menschlicher Geistesentwicklung betrachtet. Man kann diese Art nicht entschieden genug ablehnen.«
Er zuckte die Achseln. »So weit sind wir noch lange nicht, Exzellenz!«
»So weit sind wir längst. Und Sie selbst befinden sich auf dem besten Wege dazu, lieber Wendler!«
»Exzellenz erklärten vorhin die Forschung, ja selbst die Bibelkritik für berechtigt. Die Wissenschaft soll also nicht ausgeschaltet werden. Wo aber ist ihre Grenze? Meines Erachtens ist sie sehr schwer festzustellen.«
»Meines Erachtens sehr leicht. Die Grenze ist die Person Jesu Christi.«
Wieder zuckte er die Achseln. »Gerade dort hat die Kritik am meisten Grund, einzusetzen. Wenn Exzellenz an die Verschiedenheit der Berichte denken -- was ist echt, was unecht? -- Das ganze Neue Testament fordert geradezu den Subjektivismus heraus,« -- er seufzte -- »Exzellenz -- warum müssen wir von diesen Dingen reden? Ich sage es offen und ehrlich: ich bin nicht wieder nach Dreilinden gekommen, weil ich es nicht übers Herz brachte, die Frau, der ich so vieles danke, zu kränken; denn ich weiß es, was ich jetzt ausspreche, muß Eure Exzellenz verletzen. Aber meine heiligste Überzeugung kann ich nicht verleugnen. Alles ist im Fluß, im Werden. Die Hauptsache ist, daß wir die wunderbaren Möglichkeiten zur Erziehung des menschlichen Geistes und Willens in rechter Weise verwerten, daß unser Volk es lernt, seine religiösen Aufgaben zu erfüllen und die große Entwicklung, welche mit Gottes Hilfe angebahnt ist, zur vollen Entfaltung zu bringen. Die Zeit des Abfalls hat ihren Höhepunkt überschritten. Ein hungerndes Volk wartet sehnend auf lebendiges Brot. Aber dies Volk ist frei, es will keine Ketten, es will Leben, will sein eigenes persönliches Erlebnis. Und es hat vollkommen recht: die starre verknöcherte Orthodoxie bringt ihm dies Erlebnis nicht. Glaube kann nicht durch logische Beweise erzwungen werden; denn er ist der Ausdruck persönlichsten Fürwahrhaltens. Wir haben es mit Schwachen zu tun, mit Kindern, welche die schwere Kost des Apostolikums nicht vertragen, die langsam, langsam glauben ~lernen~ sollen, die wir nicht vor jenes übernatürliche, ihren Sinnen unfaßbare Christusbild des Supranaturalismus führen dürfen, -- das glimmende Fünklein würde ersticken! Wenn wir mit dem groben Geschütz der Orthodoxie auffahren wollten, würden wir alles verderben, das Dogma hat noch keinen Menschen zum Glauben gebracht! Wir müssen Jesum erleben, Exzellenz!«