Part 7
»Es mag sein, daß es einem Starken eine Zeitlang gelingt,« entgegnete sie ernst, -- »aber« -- sie sah ihn fragend an -- »ob du so stark bist, Harro? -- Außerdem müssen wir mit dem Durchschnitt rechnen und bedenken, was für Stürmen und Nöten ein Menschenherz oft ausgesetzt ist. Du bist noch jung! Stelle dir einmal die Zeit ohne Ewigkeit vor, ohne einen Schimmer von Hoffnung auf das Zukünftige und dich selbst in verzweifelter Lage -- glaubst du, daß dein Persönlichkeitsbewußtsein dadurch gefestigt werden würde?«
Er schwieg.
Da fuhr sie fort: »Genau so ist's im Blick auf das große Ganze. Ein ewigkeitsloses Geschlecht ist dem Verfall ausgeliefert. Es lebt ja nur für diese Zeit!« Sie nahm ein Buch von einem neben ihr stehenden Tischchen und blätterte darin. Es währte ein Weilchen, bis die alten Augen fanden, was sie suchten.
Und dann las sie.
»Was ist die Zeit ohne Ewigkeit, ohne den göttlichen Heilsgedanken, der das Irdische in den Glanz des Himmels rückt? Was sind Vaterland und Volksseele, die Einzelgestalt, die du liebst und ehrst? Was bist du selber mit dem heißen Leben deiner Sinne, der Sehnsucht deines Herzens? Eine Eintagsfliege, die morgen vermodert! Fasse es bis ins letzte, schwerste, und dann sage mir, ob du angesichts der entsetzlichen Leere, die dich erfüllt, der unsäglich tiefen grausen Hoffnungslosigkeit, noch den Wagemut hast, die Tollkühnheit, nicht nur zum handelnden oder geistigen Schaffen, sondern zum Kampf, zum Opfer deines Herzblutes, um -- ja, worum? Sind's nicht Erde und Asche, um die du streitest? Ist's aber eines freien deutschen Mannes würdig, das Leben für sie einzusetzen? Vaterlandsliebe und Mannentreue, die Arbeit, wie sie auch heiße, die Liebe, welche Züge sie auch trage, der Ehe geheiligte Last und Lust, Mutterglück mit seinen Schmerzen und Wonnen, -- was wären sie alle? Ein Nichts, ein Wolkenschatten auf der Heide, das krause Spiel eines pantheistischen Gedankens, einer Laune des Tages? Und hinter dem allem -- Tausenden vielleicht ein weltenferner, kaum gedachter Gedanke -- der Zweifel, die leise, immer dringender werdende Frage: wenn's anders wäre? Sie läßt dich nicht los, sie zermürbt dir die Sinne, sie hetzt dich hierhin und dorthin. Denn hinter dieser großen Frage, welche der moderne Mensch immer wieder auszuschalten sucht, steht unabweisbar die Schuld. Bis in die Ewigkeit reicht sie. Und die Ewigkeit gibt der Zeit Antwort. Jenes erkenntnistheoretisch Unerklärliche, Unbestimmbare, jene wunderbare Stimme, die lauter als alle anderen Stimmen redet, bezeugt dem Menschen unausgesetzt seine Schuld. Das ist das Gewissen. Die ewige Lampe der Seele hat es einer geheißen.«
Schweigend legte sie das Buch auf den Tisch.
Der Enkel stand am Fenster und schaute kopfschüttelnd hinaus.
»Großmama, da kann ich nicht mit. Warum soll ich meine Persönlichkeit nicht für die Kleinodien einer begrenzten Zeit einsetzen, wenn sie meines Volkes Geschichte umschließt? Warum soll ich es bedauern, daß große Tage ihren Abschluß finden? Im Gegenteil! Gerade der Verzicht auf die Unsterblichkeit läßt uns das einmalige Geschenk des Lebens, das keine Aufhöhung erwarten läßt, höher werten, ja ich möchte sagen, es läßt es uns großzügiger, geschlossener, leidenschaftlicher auffassen, als wenn wir mit einer neuen verbesserten Auflage rechnen sollten. Das Ewige im Sinne der Bibel ist dem modernen Menschen zu unwirklich, er findet weder sein Glück noch seine Zukunft darin!«
»So!? Ist etwa das Glück, das ihr sucht, ein wirkliches? Ist's nicht vielmehr ein Rausch? Was bleibt euch von Genuß und Überfluß, von Liebelei und Mode, von Sinnenlust und Spiel, von Rennen und Kabarett und Austernfrühstück, -- was trägt euch der Besuch in einem Hause ein, das ihr in Uniform nicht betreten dürft? Es gibt eine Wirklichkeit, Harro, vor der mir graut!« Die blauen Augen flammten.
Der Enkel senkte den Blick. »Großmama, das gehört nun einmal zum Leben, man darf es nur nicht übertreiben und muß vor allem ein anständiger Mensch bleiben!«
»So!? Du traust dir recht viel zu, mein Junge! Ich frage mich nur, woher du diese übermenschliche Seelenkraft nimmst. Was heißt das: ein anständiger Mensch bleiben? Willst du damit sagen, daß du dich bisher von groben Sünden rein gehalten, daß du noch nicht in unerlaubten Beziehungen zu einer Frau gestanden, daß du noch nicht gespielt hast? Mein Ehrbegriff ist ein anderer. Nicht, daß ich die ganze Welt mit dem Maß messe, das ich an meine Person lege, es wäre ungerecht und kurzsichtig, aber an meine Familie muß ich es legen,« sie hob das weiße Haupt stolz empor, »meine Kinder und Enkel dürfen nicht vergessen, daß sie den Namen Kambach tragen! Du aber bist auf dem besten Wege, dein Blut zu verleugnen, Harro. Ich habe in letzter Zeit verschiedenes über dich gehört, -- keine schwerwiegenden Tatsachen, sondern kleine Züge, die aber für deine ganze Persönlichkeit, für deine Stellung im Regiment bezeichnend sind. Einer Frau würde man in Frankreich in solchem Falle mit der Bemerkung ›+un peu déclassée+‹ das Urteil sprechen. Die Stellung des Mannes ist eine andere, -- ich möchte noch kaum von Grenzüberschreitung reden, -- und doch, für den Edelmann muß es bis ins kleinste gelten: mein Erstes und mein Letztes ist die Ehre! -- Wie ich höre, zieht man sich von dir zurück -- etwas Bedenklicheres kann man von einem preußischen Offizier nicht sagen, es sei denn, daß er als der einzige wahrhaft vornehme Mann in einem heruntergekommenen Regiment seine Stellung behaupte. Aber so stehen die Dinge nicht. Das Drachenburger Ulanenregiment vertritt die Elite. Es ist ein schlechtes Zeichen für einen jungen Offizier, wenn sich Männer wie Jobst Dachow, wie die Malwitze und Seelows von ihm zurückziehen.«
»Das war wegen vorübergehender Meinungsverschiedenheiten, Großmama,« sagte Harro mit zerdrückter Stimme, »es ist alles wieder in Ordnung.«
»Mein lieber Junge, ich bin genau so weit unterrichtet, wie dein Vater, der dir eben schon, wie ich annehme, mit echt Kambachscher Gründlichkeit den Standpunkt klargemacht hat. Ich will daher die Sache selbst nicht weiter berühren. Hättest du mich nicht um meine Fürsprache gebeten, so hätte ich überhaupt geschwiegen, aber diese deine Bitte fordert reinen Tisch. Ich muß daher nochmals auf den ›anständigen Menschen‹ zurückkommen. Du faßt diesen Begriff immer noch viel zu eng, und das liegt an deiner Stellung zum Christentum. Das, was ich dir eben vorlas, zeichnet klar und deutlich die heutige entgottete Weltanschauung -- einerlei wie sie heißt. Wir brauchen auf keine Einzelheiten einzugehen. Aber darüber müssen wir uns klar sein, daß der Mensch, der keinen Gott und keine Ewigkeit hat, mit vollem Recht in den Tag hineinleben kann, weil Pflicht und Verantwortlichkeit nicht für ihn vorhanden sind. Damit aber fällt die Sittlichkeit fort. Rede mir nicht darein, -- sie fällt fort. Vom schwersten dunkelsten Fall der Schande bis zur kaum angedeuteten Grenzüberschreitung fällt die Sittlichkeit fort. Wir entarten ohne den lebendigen Gott, wir verfaulen bei lebendigem Leibe. Das sind eiserne Worte, namenlos schwere Anklagen, aber sie sind berechtigt. Denn es geht ein Gespenst durch unser Vaterland: der deutsche Verfall!«
Exzellenz von Kambach hielt inne. Ihre Augen blickten an ihm vorüber in den herbstlichen Park hinaus, in die strahlende Ferne, als wollte sie alle, die ihres Volkes waren, ob sie in den Hütten des Heidelandes wohnten oder in den Schlössern der Mark, warnen, beschwören: ›Kehrt um, noch ist's Zeit!‹ Es lag etwas Prophetisches in diesem Blick, etwas Weitschauendes, aber unsäglich Trauriges. Etwas, das von der Einsamkeit der letzten Edelgeborenen redete, von dem Herzleid der letzten Deutschen, die sich zum Kreuz bekennen, von dem Schmerz der Heimatliebe, die sterbend um ihr Vaterland trauert. Und doch war dies Leid untrennbar von dem eisernen Willen, von dem flammenden Stolz, von der unbesiegbaren Kraft dieser Frau. Beugen würde sich dieser Stolz nur vor einem Höheren, -- vor dem Haß der Welt, vor der Gemeinheit nie -- eher würde er unter dem Schwerte der Revolution verbluten. Harro Kambach kannte diesen Stolz und bewunderte ihn. Heimlich gestand er sich: ›Du besitzt ihn nicht!‹ Und der Gedanke stieg ihm auf: ›Wie kommt eine Frau zu solch starker freier wunderbarer Heimatliebe, woher wird ihr die Kraft, bis ins hohe Alter, so still und selbstlos an einem Werke zu bauen, das sie nach ihren eigenen Aussagen nur als ein verlorenes ansehen kann?‹ Bedeutete nicht jede Kulturarbeit für sie einen hoffnungslosen Einsatz edler Kräfte? Gewiß, aber nur die Kulturarbeit im Lichte moderner Weltanschauung -- jede von christlichem Geiste beherrschte Arbeit aber faßte sie anders auf! Und doch -- auf der ganzen Linie widersprach das biblische Christentum, das sie so stark betonte, der Wirklichkeit. Oder nicht? Ein leiser, leiser Zweifel erwachte in der Seele des Mannes, ob das, was gerade in den höchsten Kreisen vielfach für rückständig galt, wirklich rückständig sei. Die wenigen seiner Regimentskameraden, die sich das schlichte Christentum ihres Elternhauses bewahrt hatten, waren allgemein beliebt und geachtet. Sie waren durchaus keine Mucker, aber ihr Leben spielte sich in ganz bestimmten Grenzen ab. Harro glaubte, eine solche Unfreiheit nicht ertragen zu können, aber hochhalten und bewundern mußte er diese Persönlichkeiten aus einem Guß.
Und wieder klang die Stimme, die er so liebte, an sein Ohr:
»Wenn ihr nur hören wolltet! Den Glauben kann man niemand einreden, durch Menschenworte findet man nicht seinen Gott -- aber das solltet ihr offenen Auges erkennen, daß wir einen schweren völkischen Niedergang zu verzeichnen haben, daß eine furchtbare Zersetzung durch alle Kreise geht. Doch anstatt Hand anzulegen und die entsetzliche Flut einzudämmen, geht man mit bösem Beispiel voran. ›Genußsucht, Spiel, Frauen‹ -- der tausendjährige Totenspruch der Völker gilt auch uns. Ein wahrhaft christliches Volk wird diesen dreien immer die Tür weisen -- das besagt alles. Aber die Zucht des Christentums paßt uns nicht, denn unser ganzes Wesen ist selbstsüchtig. Darum vergessen wir immer wieder, daß wir Glieder einer großen Kette sind, daß jeder einzelne seinen Teil an der vaterländischen Gesamtpflicht zu erfüllen hat und die Übernahme dieser Pflicht den ganzen Menschen, Leib und Seele fordert. Es ist eine Hauptaufgabe des deutschen Adels, eine germanische Rassenauslese darzustellen. Damit ist nicht nur vor der Verjudung des Adels, sondern vor sozialer kultureller und politischer Verschwommenheit, mit einem Worte, vor dem weibischen Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts gewarnt. Wir haben keine Männer mehr, das ist Deutschlands Unglück!«
Ein zweites Mal klang die zornige Anklage an Harros Ohr. Das Blut stieg ihm in die Stirn.
»Großmama, das ist zu viel! Das darf sich ein preußischer Offizier nicht sagen lassen. Verzeih, -- aber --«
Frau von Kambach sah ihn fest an. »Ich bin die erste, die Gott auf den Knien danken würde, wenn mein Enkel sich solche Worte nicht sagen zu lassen brauchte,« erwiderte sie, jedes Wort betonend, mit bebender Stimme. »Du kamst zu mir als ein Bittender. Über deine Liebe soll ich die Hände breiten. Einem Mädchen gegenüber, das -- ich sage es mit Schmerz -- viel, viel zu gut für dich ist, soll ich deine Fürsprecherin sein, aber die Wahrheit kannst du nicht ertragen!«
Die Erregung übermannte sie. Schwer atmend erhob sie sich und trat auf ihn zu. Das edle Haupt im Witwenschleier stolz zurückgeworfen, stand sie da, und doch wußte er, daß ihre Seele blutete.
Wieder kam das Weiche, Edle in ihm zum Durchbruch. Wieder sagte er sich: vergiß nicht, daß zwei Generationen miteinander ringen, daß dem Alten vor dem Neuen in jeder Form graut, daß es, das Beste wollend, irregeht, -- und ertrage die strenge, aber treu gemeinte Art der Frau, die mit mütterlicher Liebe deine Jugend behütete!
»Großmama,« bat er, »versteh' mich, ich bitte dich, und verzeih' mir!«
Sie sah ihn voll an.
Auf dem abgeklärten Gesicht lag stille Trauer. Sie kannte ihn und wußte, daß ein weiches Gemüt und treue Anhänglichkeit ihn zu ihr zurückführten, daß aber ihre Worte in den Wind gesprochen waren. Es war ja die Verzweiflung ihres Sohnes, daß diese liebenswürdige, die Herzen im Sturm erobernde Art niemals hielt, was sie versprach.
Und sie machte sich hart.
»Du hast ja schon heute abend meine Worte vergessen! Ich kenne dich!«
Aber er bat weiter. »Großmutter, du hast sehr hart zu mir gesprochen, aber ich will versuchen, dich zu verstehen und deine Wünsche zu beherzigen. Nur eins bitte ich dich, verlang' nicht zuviel von mir! In einem Regiment geht es anders zu als in einem ländlichen Gutshause.«
»Das habe ich nie bestritten. Hier wie dort sind Gefahren. Hier wie dort soll man ihnen aus dem Wege gehen, aber,« -- sie zögerte einen Augenblick, -- »das tust du nicht!«
»Das tue ich doch, Großmama!«
»Harro!«
Er blickte sie an. »Kein Mensch kann mir etwas nachsagen.«
Sie zuckte die Achseln. »Eins wird dir mancher nachsagen können, daß du den alten kategorischen Imperativ: ›Du sollst! Du mußt!‹ nicht mehr kennst! Er bildet die erste Vorbedingung für den anständigen Menschen. Äußerer Disziplin mußt du dich freilich fügen, aber innere Zucht, Selbstzucht kennst du nicht, wie alle, die ihren Gott und Heiland verloren haben.«
Er antwortete nicht.
Totenstille herrschte.
Da klang's durch den Park mit jauchzender Sehnsucht und tiefer Leidenschaft: Geigentöne.
»Die kennt Disziplin, und ihre Liebe muß diese Tat innerer Selbstverleugnung fordern, sonst ist sie nicht echt,« sagte hinüberlauschend die alte Frau.
»Großmama, vergib! Mehr will ich heute nicht! Ich will nichts versprechen, was ich nicht halten kann; ich bitte dich nur: breit' die Hände über mein Glück!«
Sie zauderte noch immer.
Da fuhr er fort: »Das eine kann und darf ich dir versprechen: soviel an mir liegt, will ich ein Mann werden, der einer Sibylle Bühler würdig ist! Das schwör' ich dir!«
Er sah sie fest an.
Eine Sekunde lang war's ihr, als blicke sie in die treuen blauen Kambachaugen des Sohnes.
Enttäuschung und Zweifel zurückdrängend, hob sie die Hand. Ehrerbietig neigte er das Haupt, und die zitternde Rechte der Greisin ruhte einen Augenblick segnend darauf.
»Gott helfe dir!« sagte sie leise.
Dann nahm er Abschied.
Noch einmal küßte er ihre Hände: »Ich danke dir, Großmama!«
Da umschlang sie ihn in aufwallender Liebe und küßte ihn.
Tief und fest sah sie ihm in die Augen: »Auch für das, was ein preußischer Offizier nicht mit anhören darf?«
Er erwiderte ihren Blick klar und ernst: »Auch für das, Großmama!«
Dann ging er.
Auf den Dielen verklang sein leichter Schritt.
Sie aber trat zum Schreibtisch und nahm ein Kinderbildchen im goldenen Rahmen in die zitternden Hände. Lange, lange, betrachtete sie es. »Ganz wie Ilse!« sagte sie leise vor sich hin. »Ein liebevolles Gemüt, weich wie Wachs, kein Charakter! Nur Eberhard ist ein rechter Kambach!«
Sie stellte das Bild an seinen Platz. Die Hände über den Knien gefaltet, blickte sie ins Land hinaus. »Ob ich's noch erleben werde? Franz Schenker hat Mut, eine Fünfundsiebzigjährige vor die Aufgabe zu stellen, die junge volle Kräfte fordert.«
Es klopfte. Ein Diener trat ein. »Herr Oberleutnant von Roselius!«
»Ich lasse bitten!«
Sie ging dem jungen Ulanenoffizier entgegen der sich ehrerbietig über ihre Hand beugte.
Man setzte sich.
»Gestatten Ew. Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst empfehle,« sagte er, ihrem Anerbieten, abzulegen, Folge leistend. »Darf ich zugleich meinen verbindlichsten Dank für alle widerfahrene Güte und Freundlichkeit aussprechen?«
Die alte Dame blickte wohlgefällig in das offene männliche Gesicht. »Dafür, daß Sie mir zweimal die Freude machten, ein Stündchen bei mir zu verbringen, sollten Sie mir nicht danken, Herr von Roselius!« sagte sie herzlich. »Sie wissen, daß ich mich immer auf das Wiedersehen mit Ihnen freue. Hoffentlich sehe ich Sie diesen Winter, wenn Sie zu den Bällen kommen, öfter bei mir in der Dorotheenstraße!«
Er verbeugte sich. »Danke gehorsamst, Exzellenz. Es ist eine große Ehre und Freude für mich, kommen zu dürfen!«
Sie nickte ihm zu. Seine schlichte bescheidene, überaus feine Art hatte es ihr längst angetan.
»Sie fahren mit Harro?« fragte sie. »Ich habe noch eine herzliche Bitte an Sie! Haben Sie ein Auge auf ihn! Ich weiß, er hält große Stücke auf Sie, und wenn ein Mensch ihn zu beeinflussen vermag, so sind Sie es. Es fehlt ihm jenes tiefinnerliche, edelmännische Pflichtgefühl, ohne das wahre Heimatliebe nicht lebensfähig ist.«
»Gewiß, Exzellenz. Ich habe bis in die Nächte hinein mit ihm über diesen Punkt gestritten. Der gute Wille ist vorhanden, aber die Grundlage echt vaterländischer Gesinnung fehlt, das Christentum. Das künstlerische Ersatzmittel, das er sich erwählt, wird ihn nicht zum Manne reifen, -- noch niemals hat ein Wagnerrausch Persönlichkeiten gezeitigt. Harros häufige Bayreuthfahrten gefallen mir deshalb nicht.«
»Mir auch nicht. Aber noch weniger gefallen mir die Gerüchte, die über ihn umlaufen. Graf Brelow hat neulich mit mir darüber gesprochen, wußte aber nichts Bestimmtes, nur, daß einige Herren sich von Harro zurückziehen. Aber das muß doch einen bestimmten Grund haben. Bitte, schenken Sie mir reinen Wein ein! Er steht doch nicht etwa in einem unerlaubten Verhältnis zu einer Frau?«
»Nein,« entgegnete Roselius entschieden, »es ist mir wenigstens nichts davon bekannt.«
Frau von Kambach blickte ihr Gegenüber fest an. »Spiel?« fragte sie leise.
Er sah einen Moment vor sich nieder, dann richtete er den ehrlichen Blick voll auf die alte Dame. »Exzellenz, das ist eine sehr, sehr schwere Frage. Stellte sie ein anderer an mich, ich würde mit einem runden Nein antworten. Denn solange ich nicht mit meiner Person für eine Tatsache eintreten kann, ist der Wahlspruch meines Vaters auch der meine:
›Es gibt im Heiligtum der Ehre Ein Allerheiligstes, -- des andren Ehre!‹
Zu meinem tiefsten Schmerz muß ich Ew. Exzellenz als Harros Großmutter eine andere Antwort geben. Von einem Freunde weiß ich, daß er in Drachenburg und Berlin häufig mit Herren aus anderen Regimentern zusammen gesehen worden ist, die in bezug auf Spiel und Damenverkehr keinen ganz einwandfreien Ruf haben. Der Beweis, daß er selbst -- das betone ich nochmals -- in irgendeiner Weise entgleist ist, hat bisher gefehlt. Aber dieser Umgang schadet ihm natürlich.«
Er schwieg. Ein tiefer sittlicher Ernst lag auf den klaren Zügen.
›Fänd' ich einmal in Harros Gesicht solchen Ausdruck,‹ zog es Frau Sabine durch den Sinn. »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist,« entgegnete sie und strich seufzend über das weiße Haar. --
Es klopfte.
»Herr Baron, der Wagen wartet,« meldete der Diener.
Roselius erhob sich. »Ich verspreche Ew. Exzellenz, die Augen offenzuhalten und im übrigen zu tun, was in meinen Kräften steht und kameradschaftliche Pflicht mir gebietet!«
»Haben Sie herzlichen Dank!« Sie geleitete ihn zur Tür »Gott befohlen!«
Noch einmal beugte er sich über ihre Hand, und die dunklen Augen blickten sie ernst an.
›Noch ernster als sonst!‹ dachte sie, während ihr Blick der vornehmen Erscheinung folgte. Sie wußte, was es ihn gekostet, Ilses Hochzeit mitzumachen, wußte, daß er noch immer einen heißen Kampf kämpfte! Warum konnte es nicht anders kommen? Die Enkelin war ihr ein Rätsel!
Sinnend stand sie am Fenster und sah den Abfahrenden nach. Außer dem Hausherrn und Eberhard waren Brelows und die übrigen Gäste auf der Freitreppe versammelt. Sibylle stellte wie immer die jungen Mädchen der Umgegend in Schatten. Jedenfalls trug sie den Namen, den ihr das Drachenburger Ulanenregiment verliehen, mit Recht, und niemand mißgönnte ihr ihn. Denn ›Brandenburgs Rose‹ war aller Liebling. -- In ihrer natürlichen Anmut stand sie an das Gitter gelehnt und blickte lächelnd auf das fröhliche Bild. Ein großer Jagdwagen voll junger Offiziere stand zur Abfahrt bereit.
Harros Blicke hingen an der schönen Erscheinung. Hinter der hellen Gestalt glühte der wilde Wein an der Mauer. Der Wind spielte mit dem schwarzen Haar, der duftige Stoff des eleganten Sommerkleides flatterte in leichten Volants um den blendenden Hals und die schlanken Arme. Eine Rose, die er ihr am Morgen gebracht, blühte an ihrer Brust.
Sie fühlte den heißen Blick des Mannes und senkte befangen die Wimpern.
Aber nicht nur der Kambach hatte Augen für weiblichen Liebreiz.
In dem Augenblick, als die Füchse anzogen, klang's wie auf Kommando in den strahlenden Mittag:
»Hoch Brandenburgs Rose!«
Was auf der Treppe stand, stimmte in die fröhliche Huldigung ein.
Sibylle wurde flammend rot, faßte sich aber rasch und wandte sich dem kleinen Eberhard, der sie wie eine Heilige verehrte, lachend zu: »Ihr meint ja doch nur meine Geige!«
Er sah sie mit seinen blauen Kambachaugen ehrlich an: »Aber Billy, dann würden wir's doch sagen!«
Alles blickte lächelnd auf Sibyllens ritterlichen kleinen Freund, der seiner Angebeteten auf Schritt und Tritt folgte, ihr Blumen brachte und den leisesten Wunsch von den Augen las. Dunkelrot stand er da.
Aber Sibylle schlang den Arm um seinen Nacken und sagte: »Du hast ganz recht, Eberhard, so gehört sich's -- ihr würdet's mir sagen!«
Ein leuchtender Blick dankte ihr.
»Wir gehen nachher noch etwas in die Heide,« flüsterte sie ihm zu. -- --
Unter Grüßen und Tücherschwenken fuhren die jungen Söhne der Mark durch die roten Ebereschenalleen ihren Garnisonen zu.
Aber die Brautjungfern schlossen einen Kreis um Sibylle und sangen das alte Kranzlied.
»Hoch Brandenburgs Rose!« jubelte es von der Dorfstraße herüber, und wie eine Antwort zog es in den klaren Herbsttag hinaus: »Wir winden dir den Jungfernkranz!«
Sechstes Kapitel.
Gala.
Siehst du das Märchen um Mitternacht In lichter Seide, im Spitzenschleier? Rosen im Haar, wie ein Maientag Tritt es herein zu glänzender Feier!
Schaut sich im festlichen Raume um, Rafft den Goldsaum der weißen Schleppe, Fragt den Heiduck nach dem alten Fritz, -- ›Kam er nicht über die Wendeltreppe?‹
Der aber schüttelt den weißen Kopf, Weiset zum Reiterstandbild hinüber, -- ›Vielleicht erwacht er um Mitternacht, -- Vielleicht auch nicht, -- die Zeit ist vorüber!‹
In Berlin schneite es. Weihnachten hatten graue Schleier die Straßen verhüllt, -- endlich, um Mitte Januar war's Winter geworden. Frostklarer weißer schimmernder Winter! Und er kleidete die Kaiserstadt gut. Denn Berlin bei Nebel, Berlin bei schlechtem Wetter war fürchterlich! Zumal in den Tagen der Hoffeste, wo das Land sich in der Reichshauptstadt traf. Es hatte einmal einer gesagt, zum Galaball mit seinem anmutigen Abendbilde gehörten verschneite Portale und weiße Gitter. Denn die Straße feiere mit. Eine Wahrheit steckte darin, aber eine feine aristokratische aus der Zeit Friedrichs des Großen. Ob das zwanzigste Jahrhundert sie verstehen würde, war eine andere Frage.
Jedenfalls aber war dieser Wunsch heute voll und ganz erfüllt worden. Eine feenhafte Winternacht stieg über der Mark auf. In glitzernder Frostkrone, den weißen Pelz um die Schultern geschlagen, betrat eine Königin die stolze Heimstätte der Zollern und grüßte den Kaiser. Seinem Fest verlieh sie ihren Glanz, seinem Hause wob sie jenes märchenhafte weiße Gewand -- das Wunder des Winters. -- -- -- --
* * * * *
Karossen fahren an. Automobile. Taghell liegt das Schloßportal im Glanz elektrischen Lichtes. Um jede Gestalt der helle Schimmer der Frostnacht. Wie glitzernder Rauhreif blinkt's in Schleiern und Diademen, in seidenem Frauenhaar. Aber die Pelze verhüllten die Hofkleider, die goldgestickten Fracks und Uniformen. Nur die Helme funkeln mit den Brillanten um die Wette.
Und dann fallen die Hüllen. In glänzendem Zuge bewegt sich die Schar erlauchter und edler Gäste die Marmortreppe hinan.