Part 24
Als sie geendet, saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und blickte gedankenverloren in die Glut. In seinen Augen standen Tränen, und er schämte sich derselben nicht.
Lange schwiegen beide.
Dann sagte er: »Ist's nicht, als sei ein edles Samenkorn in die Erde gesenkt, das sterbend Frucht bringt? So wenig ich die Heimgegangene gekannt, ein Wort von ihr, das mir, ohne daß sie es ahnte, zu Ohren kam, wird mir unvergeßlich sein: ›Gold und Silber sind tote Werte, solange die Liebe sie nicht geheiligt hat!‹ Dieses Wort möchte ich über ihr Leben setzen! -- Gott gebe, daß er, zu dem es gesprochen ward, dem dies reiche reine Frauenherz, ob auch nur kurze Zeit, angehörte, seine köstliche Frucht erkennt und bewahrt!«
Er erhob sich und trat an ihren Stuhl.
»Ich danke Ew. Exzellenz von ganzem Herzen,« sagte er mit erstickter Stimme. »So oft ich dies Haus betrete, immer verlasse ich es reicher, als ich gekommen.«
Sie antwortete nicht. Sie hielt seine Hände umfaßt und sah ihm still in die Augen.
›Wenn ich die Sonne grüße!‹ stand in dem klaren Antlitz geschrieben. ›Es währt nicht mehr lange!‹
Dann ging er.
»Ich möchte den alten Schenker noch sehen!« rief sie ihm nach.
Er wandte sich um. »Jetzt noch, Exzellenz, -- es ist sehr spät!«
»Lassen Sie ihn nur kommen, die alte treue Seele würde es empfinden!«
›An alle denkt sie,‹ zog es ihm durch den Sinn, als er ins Inspektorhaus hinüberging, ›nur nicht an sich!‹ -- -- --
Fünf Minuten später trat Schenker in Frau von Kambachs Arbeitszimmer. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, aber dies Wiedersehen ging über seine Kraft. Als seine alte Exzellenz in ihrer tiefen Trauer auf ihn zukam, schluchzte er laut. Jedem gewaltsamen Schmerzensausbruch wäre er gewachsen gewesen, -- die stille Ergebung auf dem geliebten Antlitz war mehr, als er in diesem Augenblick ertragen konnte.
Sanft legte sie die Hand auf seinen Arm.
»Schenker,« sagte sie leise, »lassen Sie uns das Wort nicht vergessen: ›Ich habe Gedanken des Friedens über euch, und nicht des Leides!‹ Daran müssen wir kurzsichtigen Menschen uns halten und -- glauben. Dann kommen wir aber auch durch!«
Sie setzte sich und wies auf einen Stuhl. »Das ist mein einziger Trost, wenn ich an meinen Enkel denke; denn ohne Grund führt uns der Herr nicht solch dunkle Wege. Vielleicht mußte diese Not über ihn kommen, damit er seinen Gott findet!«
Schenker trocknete seine Tränen mit dem bunten Taschentuch und nickte vor sich hin. »Exzellenz verstehen's, einen zu trösten! Aber es ist über mich alten Mann gekommen wie so'n Hagelwetter, ick bin wie vor'n Kopf geschlagen! Vor wenig Tagen frisch und gesund im Brautkleid am Altar -- und nu so! Ick seh' die junge gnädige Frau ja noch vor mir, wie sie zur Abfahrt die Treppe herunterkam. Sie hatte ja Augen für alles. Als sie mich am Wagenschlag sah, zog sie eine Rose aus 'n Brautbukett und schenkte sie mir. Und dann sagte sie: ›Herr Schenker, besuchen sie uns auch mal!‹ So hat sie gesagt, Exzellenz! Er fuhr mit der Hand über die Augen. »Ick hab' mir die Rose gleich gepreßt und in meine Bibel gelegt. Es is ne Niel aus 'n Kambacher Treibhaus, ick hatte sie mitgebracht, in Bühl haben sie nur die gelben. Nu hab' ick wenigstens 'n schönes Andenken!«
Mit wehmütiger Freude ruhte Frau Sabines Auge auf der greisen Gestalt, der letzten aus der Zeit ihres seligen Mannes. Sie wußte nur zu gut, welch treue Anhänglichkeit an alles, was Kambach hieß, einmal mit dem alten Kammerdiener dahingehen würde.
»Es ist spät geworden,« sagte sie, sich am Krückstock aufrichtend. »Seinen Abendsegen mag heut ein jeder für sich lesen, mich verlangt's, allein zu sein!«
Er hatte sich erhoben. Ehrerbietig wünschte er ihr eine gute Nacht.
»Gott helfe uns durch alles Dunkel,« sagte sie mit zitternder Stimme.
Er nickte stumm.
Dann war sie allein.
Müde schritt sie über den Teppich.
Vor der Stradivariusgeige blieb sie stehen, liebkosend strich sie über die Saiten.
Und dann klang ein heißes bitterliches Schluchzen durch das Schweigen der Mitternacht: »Billy, meine Billy -- -- --«
Zwanzigstes Kapitel.
O Deutschland, meine Freude!
Vor dir, Allmächtiger sinke ich in die Kniee! -- Groß und gewaltig steigen die Tage empor, Feuersäulen im Wechsel dämmernder Zeiten -- Du hast sie entzündet! Lichte Heldengestalten in schimmernder Wehr, Männer, den Sieg im Auge, die Seele geharnischt, Du hast sie geadelt! Aus allen Gauen strömt, dem Königsruf folgend, Ein großes wunderbares gewaltiges Volk -- -- -- Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee Mit einem Hauch deines Mundes erneutest du Deutschland! Niemals ertönte helleres Schwerterklingen! Nie griff ein Volk so reinen Gewissens zum Schwert! -- Ob es siegen wird, ob es im Kampfe verblutet -- Nie war des deutschen Volkes Seele herrlicher! -- Vor dir, Allmächtiger, sinke ich in die Kniee!
Es sind die Augusttage 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert. Der Augenblick, da der Allmächtige mit eisernem Hammer an die Pforten eines neuen Reiches schlägt, das in überweltlicher Schöne aus Schutt und Trümmern erblühen soll. Riesenopfer fordert die gewaltige Wiedergeburt, ein Volksopfer ohnegleichen! Auf den Höhen lodern Wachtfeuer und die Hüter deutscher Ehre spähen ins Land hinaus. Ein Grauen liegt in der Luft, das Grauen vor dem nie dagewesenen Völkerleid, vor dem großen Sterben und Bluten, -- aber vor dem heiligen, in tiefster Not geläuterten Gottesglauben, vor Heldengröße und Opferfreudigkeit weicht es zurück. In hehrer Schöne steigen die drei aus dem Dunkel dämmernder Zeiten empor, Nibelungengestalten, vom Glanz verklungener Tage umschimmert. ›Gott, König, Vaterland!‹ ist Deutschlands gewaltige Losung. Männeraugen leuchten bei ihrem Klange, heller tönen Waffenruf und Schwertklingen, tiefer erglüht die purpurne Seide der Fahnen. Tapfere Frauen zerdrücken die Träne im Auge, um den stummen Mund ein stolzes Lächeln. Die schwielige Faust des Arbeiters fühlt den Druck der schlanken gepflegten Hand des Edelmannes und umschließt sie heiß -- -- Jünglinge gürten sich jauchzend mit dem Schwert, liebliche Bräute folgen dem Scheidenden zum Altar. Und über dem deutschen Lebensbilde der große heilige Ernst der Stunde. In alle Gaue geht des Königs Ruf. Das Eisen ist lebendig geworden, das heilige Eisen, das Jahrtausende ruhen und rasten kann, wenn die Welt Deutschlands Ehre wahrt. In dieser Stunde beginnt es, zu sieden. Seine Läuterungskraft durchdringt das ganze Volk: es gibt keinen Berliner Pöbel mehr, keinen Tagedieb, keinen roten Internationalen, -- es gibt nur Menschen, -- Deutsche! Wie gebannt stehen sie. Schloßplatz und Linden sind nicht wie sonst ein wogendes Menschenmeer, sie sind ein starrender Fels -- --
Und die Weltgeschichte geht vorüber -- -- --
Während der Kaiser sein Volk in den Dom zum Gebet sendet, während das Lied von der festen Burg die Kuppel sprengen will, fährt draußen der reinigende Blitzstrahl nieder: die Kriegserklärung zerreißt die bange Stunde des Wartens auf die russische Antwort.
Ein Brausen steht in der Luft -- --
Einer, der jene denkwürdige Nacht erlebt, sagt: »Wenn dies Volk ohne Waffen und Wehr, nur mit dem Feldgeschrei: ›für Gott und unsere gerechte Sache!‹ unter dem Donner der heimischen Erde daher geschritten käme, -- kein Feind hielte ihm stand, das Entsetzen lähmte ihm die Sinne!« -- -- Auf und nieder wogender Meeresflut gleich braust die flammende Antwort einer in ihren tiefsten Tiefen erschütterten Volksseele. Betend neigt sich Deutschland vor seinem Gott, -- singend huldigt es seinem Kaiser -- --
Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert.
* * * * *
Um den stillen Platz unter der Linde, wo der Kambacher Pfarrer die Braut geküßt, webte Mittagszauber, und ein Klingen und Singen ging durch die Zweige, als rüstete sich die alte Mark zur Maienfeier. Aber schon ging der Sommer zur Neige, über der Heide lag ein goldklarer Glanz und die ersten weißen Fäden wehten. Wie späte Liebesgrüße dufteten dunkle Rosen in den sonnigen Mauernischen des Witwenhauses, über dem leuchtenden Waldbilde lag, schöner als Lenzeswerben, jene tiefe stille Herbstesglückseligkeit, deren klare Schönheit das große, seltene Erlebnis der Menschenseele widerspiegelt. Um die Kiefern webte ein Rosenwunder -- ein Traum von bekränzten Tagen und flatternden Purpurstandarten zog durch die stille Mark -- -- --
Die Glocken des Kriegsbettages waren verklungen. In der Kambacher Dorfkirche hatte ein deutscher Mann seine Gemeinde zur Buße gerufen, zur Beugung unter ein schweres, aber gerechtes Gottesgericht. Im Augenblick der gewaltigsten Volkserhebung der Weltgeschichte grüßte sein flammendes Wort Brandenburgs Söhne:
»Wir wissen es wohl, warum uns Gott diesen Krieg gesandt hat! Weil wir in Gefahr sind, unsere heiligsten Güter zu verlieren, weil unser politisches und soziales, unser sittliches und religiöses Leben angefressen ist! Noch ist der deutsche Volkskörper nicht verfault, aber wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Zersetzung begonnen hat, ja daß sie nicht von gestern und ehegestern ist. Und nicht um Einzelschäden und Einzelsünden geht's, -- unser ganzes Volk trägt die Schuld am deutschen Verfall, alle, die deutschen Blutes sind, müssen an ihre Brust schlagen, ob sie Kronen tragen oder mit schwieliger Hand ihr Tagewerk treiben, -- keiner ist ausgeschlossen! -- Ihr Kambacher und Dreilindener Bauern, ob ihr Gottes Wort und Sakrament ehrt, ob ihr eure Ehen rein haltet wie wenig andere, ob ihr die Sitte wahrt und dem Schmutz in Wort und Bild zornig die Türe weist, -- vergeßt es nicht: einst am jüngsten Tag wird die Frage des Herrn eine zwiefache sein: ›Was habt ihr getan? was habt ihr nicht getan?‹ Keiner unter uns wird vor dieser Doppelfrage bestehen können, keiner wird die Stirn haben, zu behaupten, er hätte die göttliche Forderung bis ins kleinste erfüllt, -- keiner, -- die Volkssünde steht wider uns auf! Ein einziges unterlassenes Gebet für den Träger der Krone, ein unüberlegtes Urteil über die Obrigkeit, die geringste Versündigung am Deutschtum, an der heiligen Innerlichkeit seines Wesens, das scheinbar kleinste Versäumnis des christlichen Vorbildes, -- sie sprechen uns mitschuldig am deutschen Verfall. Darum umschließt dies Gericht uns alle, darum soll's jedem einzelnen ein Weg nicht nur zur Buße und Umkehr, sondern, will's Gott, zur Erneuerung und Wiedergeburt werden. Denn an eines neuen Reiches Pforte klopft Gottes gewaltiger Hammer. Daß Deutschland die Kraft besaß, aus seinem tiefen Todestraum aufzustehen und einig wie ein Mann vor seinen Kaiser zu treten, -- Gottes Gnade war's, die im letzten Augenblick den Brand aus dem Feuer riß, -- ein Wunder! Und als ein Wunder steht's vor uns, wie die kaum begonnene vaterländische Not Kräfte entbindet, deren Besitz wir längst aufgegeben, wie sie Werte ans Licht trägt, die wir dem sittlich verarmten Boden nicht mehr zutrauten. Die gewaltige Pflugschar der großen Zeit reißt die Scholle auf, daß aus ihrem Blute eine Saat ersprieße, des deutschen Ackers würdig.
Wir haben einen sittlichen Niedergang zu verzeichnen, aber noch sind wir kein untergehendes Volk. Noch nicht. Darum werden wir gezüchtigt, aber nicht zermalmt. Durch die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, an Liebe und Leben, die uns auferlegt werden, rechnet Gott mit uns ab. ~Wir vertreten eine gerechte Sache -- ganz gewiß -- nach außen hin stehen wir rein da! Aber so oft wir uns dies wiederholen im Kampf oder Sieg, so oft sollen wir uns eine andere schwerere Wahrheit vorhalten: daß wir nach innen tief verschuldet sind und Gott auf tausend nicht eins antworten können.~ Darum mußte ein Sturm über uns kommen. Das Geschlecht, das in frevelhaftem Leichtsinn das Erbe der Reformation verschleuderte und seine heiligen Güter in den Staub trat, konnte nur mit donnernder Sprache erweckt und durch eiserne Zucht zur Besinnung gebracht werden. Und das will Gott. Er hat uns das Größte vertraut, hat uns zu Trägern des Lichtes geweiht! Zum Salz der Erde hat er uns gemacht, daß Kind und Kindeskind die Botschaft seines Heils den Völkern der Welt vererben. Weil er die ~eine~ köstliche Perle in unsere Hände gelegt, darum, und nur darum, übt er noch einmal Geduld, darum schlägt er uns wohl, aber er tötet uns nicht.«
In lautlosen Schweigen saßen die Bauern unter der Kanzel. Manch weißer Kopf nickte verständnisvoll zu den schlichten mannhaften Worten des jungen Pfarrers, manch treues Auge leuchtete hell auf, aber auch viele heiße Tränen rannen.
Auf dem Altar flimmerten die Kerzen über den Abendmahlsgeräten. Feierlich klangen die Einsetzungsworte durch die stille Kirche. Dann traten die Söhne der Mark mit ihren Frauen und Bräuten an den Gottestisch. Manch einer der Alten dachte, im Chorstuhl sitzend, vergangener Zeiten: ›So wird's vor hundert Jahren gewesen sein!‹ Inzwischen hatte man vieles erlebt, Krieg und Kriegsgeschrei, -- aber diesmal galt's Größeres, Außerordentliches, das fühlten alle, diesmal sollte Deutschland alles genommen, diesmal sollte es zertreten, vom Erdboden vertilgt werden -- warum sonst Englands Kriegserklärung? -- eine Gemeinheit war's, -- und die Gedanken der greisen Kambacher wanderten ein Stücklein Wegs ins Völkerleben draußen. --
Der Patronatsstuhl war leer. Der Kambacher hatte keine Ruhe gehabt und war schon vor einigen Tagen nach Berlin gefahren, obgleich Harro jeden Augenblick eintreffen konnte. Seine Verletzung heilte leicht, sobald er dienstfähig war, wollte er zu seinem Regiment zurückkehren.
»Er soll nach Berlin kommen, falls ich nicht da bin,« hatte der Oberstallmeister abschiednehmend zu Ilse gesagt, die während seiner Abwesenheit nach Dreilinden gehen wollte. »Ich muß meinen Kaiser sehen und das Stück Weltgeschichte erleben, das sich in diesen Tagen abspielt. In solchen Zeiten hält's kein rechter Kambach auf der Scholle aus. Hätt' ich nicht den alten Schaden aus der Leutnantszeit, ich wüßte, was ich täte! Gut, daß ich dem Vaterland wenigstens einen Sohn schenken kann!« Damit war er zur Bahn gefahren.
So kam's, daß am Kriegsbettag Ilse Bühler neben der alten Exzellenz auf dem Dreilindener Chor saß. -- -- --
»Das war das rechte Wort für diese Stunde, mein lieber Herr Pastor,« sagte Frau Sabine, den Geistlichen begrüßend, während sie, auf den Arm der Enkelin gestützt, dem Kirchhoftor zuschritt, wo ihr Wagen wartete. »Besonders für die Erklärung des Begriffs ›Volksschuld‹ danke ich ihnen herzlich im Namen unserer Bauern. Wir tragen ja alle unseren alten Adam mit uns herum, das wird wohl keiner leugnen, dazu sind's zu gute Christen, aber ihr Gesichtskreis ist doch gewaltig eng. Kambach und Dreilinden sind die Mark, -- na, und da die Verhältnisse hier so gut wie nur möglich sind, will der Begriff ›Volksschuld‹ nicht in den märkischen Bauernschädel hinein. Aber heute war der Boden bereitet und die Aussaat die rechte!« Sie reichte ihm abschiednehmend die Hand. »Lassen Sie sich bald mal in Dreilinden sehen!«
»Ich danke gehorsamst, Exzellenz! Sobald meine Zeit es erlaubt, werde ich vorsprechen. Wissen Exzellenz, daß Graf Brelow sich als Freiwilliger gemeldet hat?«
»Erzählen Sie das nicht meinem Sohn. Er ist außer sich, daß er nicht dienstfähig ist. Wenn er hört, daß Brelow mitgeht, können wir noch etwas erleben.«
»Aber Herr Oberstallmeister ist doch viel älter!«
»Als ob er daran dächte! Kennen sie den märkischen Adel so schlecht? Man hat unsere Junker nicht umsonst ›Kinder des Schwertes‹ geheißen!«
»Herr von Kambach schrieb mir gestern eine Karte,« sagte Pastor Möller. »Es muß etwas Großes sein, diese Tage in Berlin zu verleben, darum freue ich mich, daß er schon am 29. Juli abreiste. Er hatte keine Ruhe mehr!«
»Sehen Sie! Das sind die Kambachs! Gott, König, Vaterland. -- alles andere ist Nebensache! Aber das ist das Wahre! Ich möchte meinen Sohn nicht anders haben.«
Sie saß längst im Wagen, von Ilse sorgfältig in Decken gehüllt. Blaß und ernst nahm die junge Gräfin neben der Großmutter Platz, die mit jugendlicher Frische die große Zeit grüßte.
»Graf Bühl ist auch in Berlin. Alle lassen sie einen allein! Am liebsten wäre ich mit dabei. Aber eine alte Frau wie ich gehört ins Haus, und gerade jetzt dürfen die scheinbar kleinen Pflichten nicht vernachlässigt werden. Meine Dreilindener brauchen mich auch. Ich hoffe einer der beiden Herren kehrt bald zurück, damit wir auch einmal persönliche Berichte hören, nicht wahr, Ilse?« Freundlich wandte sie sich an die junge Frau.
Die nickte stumm. Ein abgrundtiefes Leid alterte die schönen Züge.
Mitleidig ruhte Pastor Möllers Auge auf ihr. Er kannte diese Naturen, welche die erste Not zerbrach. Und außerdem war die arme Frau krank. Wer dies Gebiet kannte, sah auf den ersten Blick, daß nicht alles in Ordnung war.
Die Pferde zogen an. Ehrerbietig grüßte er die greise Gutsherrin. Das war eine von denen, die sich immer wieder aufrichteten, die im Dienste anderer den Segen ihres Tuns am eigenen Herzen erfuhren. Und er gedachte eines schlichten Wortes, das einer über Frauenleben und -glück geschrieben: ›Lieben heißt nicht: begehren; lieben heißt: schenken und Opfer bringen.‹ --
Über dem Witwensitz der greisen Kambacherin stand das Wort ›mobil‹ wie über keinem anderen Hause, wo eine deutsche Frau waltete. Vom ergrauten Verwalter und seinem schaffensfrohen Weibe bis zum Küchenmädchen und Stallknecht wußten sie alle: jetzt ging eine Arbeit an, wie sie vorher nicht dagewesen. Aber keines trauerte den vergangenen Tagen nach, -- wer länger als ein Jahr in den Diensten Exzellenz von Kambachs stand, der spürte etwas von dem Geist, der das alte Haus durchwehte und wollte nicht ausgeschlossen sein, wenn es eine große gemeinsame Sache galt, wenn man unter den Flaggen ›wir‹ und ›bei uns‹ segelte. Frau Sabine hatte es von jeher verstanden, ihre Leute für die großen völkischen und religiösen Fragen zu gewinnen, und dadurch ein festes Band zwischen Herrschaft und Untergebenen geknüpft. Kein Wunder, daß in der Stunde, wo Deutschland von Ost und West bedroht ward, die märkische Vaterlandsliebe auflohte, daß auch der Kleinste und Geringste an seinem Teil mithelfen wollte. Nie stand der deutsche Strickstrumpf so hoch in Ehren, nie ward auf dem Dreilindener Gutshof gespart, wie in den großen Augusttagen! -- -- --
* * * * *
Frau von Kambach stand, dem abfahrenden Wagen nachblickend, auf den Steinstufen.
»Leg' dich ein paar Stunden hin, Ilse,« sagte sie. »Die Fahrt wird dir sonst zuviel. Ich werde dir dein Essen hinaufschicken. Bleib nur ruhig bis zum Abend oben.«
Die junge Frau schwieg.
Besorgt sah die Großmutter sie von der Seite an. »Es ist wirklich besser so,« sagte sie freundlich. »Ruhe ist jetzt das einzige für dich. Ich bin gewiß sehr dafür, daß man sich zusammennimmt, aber es gibt Fälle, wo man die Besserung nicht dadurch erzwingt!«
Ilse zog die welke Hand an die Lippen.
»Die erzwinge ich überhaupt nicht, Großmama,« sagte sie mit erstickter Stimme. »Aber daß ich die Hände in den Schoß legen und abseits stehen muß, wo das Vaterland blutet, -- das -- das ist zuviel. Vor einem Jahr hätte ich Johanniterin werden können,« -- sie wandte sich ab und eilte die Treppen hinan, die letzten Worte verwehte der Sommerwind.
Die alte Frau sah ihr traurig nach. »Also doch eine rechte Kambach,« zog es ihr durch den Sinn. Und im stillen bat sie der Enkelin ein Unrecht ab. Sie hatte geglaubt, daß der Schmerz auf dem schönen Antlitz nur dem einem galt und immer wieder dem einen, der es nicht verdiente, daß eine reine Frau um ihn weinte -- -- -- Wäre der Fluch der Mannesschuld nicht gewesen, der dies junge Leben vergiftet, es wäre leichter gewesen, dem Wüstling zu vergeben, -- aber so? Sie hielt Ilse für sehr krank -- --
Nachdenklich ging sie ins Haus und sah die Post durch. Außer der Kreuzzeitung war eine Karte von Renate gekommen, die während Ilses Besuch nach Hause gefahren war, um von zwei Brüdern, die bei den Drachenburger Ulanen standen, Abschied zu nehmen. Morgen wollte sie zurückkehren. Auch von Eichelchen war ein glücklicher Brief dabei.
Nach beendeter Mahlzeit nahm Exzellenz von Kambach die Kreuzzeitung und setzte sich an den Schreibtisch. Hastig putzte sie die Brillengläser, auf ihren klaren Zügen malte sich Ungeduld.
Und dann knisterten die Blätter.
Das stille Gemach der märkischen Edelfrau ward hell, die große Zeit stieg leuchtend aus dem Grau des Alltagslebens empor und grüßte die Fünfundsiebzigjährige.
Sie aber las und las: die gewaltige, vom Geiste tiefsten Glaubens und heiligster Vaterlandsliebe getragene Thronrede, die weltgeschichtliche Tagung des Reichstages, -- die alten Hände begannen zu zittern, die Brillengläser wurden blind, -- wenn Fritz Karl das noch erlebt hätte! Eine Hoffnung erwachte in ihrer Seele und hob kühn die Schwingen zum Adlerflug. Sollte das Wort Wilhelms des Ersten, das er in echt königlicher Demut über den Sieg der siebziger Jahre schrieb, ein zweites Mal in größerem, hehrerem Sinne Wahrheit werden? ›Welch eine Wendung durch Gottes Führung!‹ Kein Fürstenwort hätte die gewaltige Stunde des 4. August, da das wunderbar geeinte Volk seinem Kaiser die Treue gelobte, treffender zeichnen können, als jene schlichte Drahtung des greisen Kriegsherrn.
Aber dann zuckte die welke Hand im Zorn zusammen: eine Sonderausgabe brachte Englands Kriegserklärung. Das war zuviel -- und doch -- Bismarck hatte den Vettern drüben nie getraut. Ja, Bismarck! Und der gepanzerte Recke stand vor ihrem geistigen Auge.
Die Zeit ging. Sie hörte nicht den Schlag der Uhren, sie blickte auf die schimmernde Schöne deutscher Heldentage, sie sah deutsches Blut strömen und betete und glaubte.