Part 25
Aber die große Freude über Deutschlands Erwachen vermochte die Sorge aus dem Herzen der alten Frau nur vorübergehend zu bannen. Die Seherin schaute nicht nur die sonnigen Bergkuppen, sie schaute den Talschatten. Nebel und Nachtgezücht duckten sich zwar in feiger Scheu vor Heldengröße und Mannestreue, aber sobald das leuchtende Heer seinen Blicken entschwand, würde das Gelichter sein böses Spiel um so toller treiben. Nach siebzig war's nicht anders gewesen; der Zeitabschnitt nach dem Kriege bedeutete sogar einen Tiefstand deutschen Lebens, wie ihn die Geschichte in wenig Fällen verzeichnet. Und dieser Tiefstand erklärte sich nicht nur aus der plötzlichen Goldflut, sondern aus allgemeiner Oberflächlichkeit, aus dem mangelnden Willen, die große Zeit auszukaufen und die Früchte des Krieges einzuernten. Der deutsche Michel wartete eben stets, bis ihm die gebratenen Tauben in den Mund flogen. Aber der Segen des Krieges wollte erkämpft und erarbeitet, wollte vor allem erbetet sein. Neues entstand nur, wenn das Alte verging und starb. Die schwersten Erfahrungen aber glichen toten Werken, solange sie nicht im Kern erfaßt und ausgenutzt wurden. Und an diesem Willen zum Siege zweifelte die Frau, die wie wenige ihr Volk kannte. Ohne einen Augenblick das große Gnadengeschenk zu unterschätzen oder den Wert der neu erwachten Kräfte des Glaubens, der Opferwilligkeit und Einigkeit zu verkennen, sagte sie sich: die zerstörenden Mächte in unserem Volk hat ihr Feuer noch nicht verzehrt. Nur das Volk, das den schmalen Pfad der Buße ging, fand den Weg zum Tor des Lichts. Würde die Läuterungsglut der eisernen Zeit ein Geschlecht hervorbringen, das seine Krone zu tragen verstand und seine heiligsten Güter wahrte? Sabine von Kambach zweifelte nicht daran, daß Deutschland, ob auch unter ungeheuren Opfern an Gut und Blut, in dem schweren äußeren Ringen siegen würde. Ein Volk, das noch solch starke innere Werte barg, kehrte aus dem Kampf um Sein oder Nichtsein nur siegend zurück oder -- auf dem Schilde. Ein anderes war es, ob die Volkskraft den schwereren inneren Kampf mit den Mächten der Tiefe bestehen und ihres Sieges Früchte bewahren würde. Das zwanzigste Jahrhundert hatte es vergessen, daß die Kraft eines Volkes in der Buße wurzelte. Das Jahr 1914 forderte zur Gesundung Deutschlands nicht nur die Gesundung des Volkes, es forderte die Gesundung der Kirche.
* * * * *
Fern über der Heide verklang die Kambacher Glocke. Da raste ein Kraftwagen über den Hof. Schwerfällig erhob sich Exzellenz von Kambach und blickte hinaus.
Auf den Diener gestützt, stieg Graf Bühler die Stufen hinan.
Sie ging dem alten Freunde entgegen. »Erlaucht, trotz Ischias?«
Er küßte ihre Hand. »Was schert mich Ischias! Wär ich dreißig Jahre jünger! Aber meinen Kaiser mußte ich sehen und die gewaltigen Stunden mit erleben! So etwas kommt in hundert Jahren nicht wieder vor! -- Übrigens soll ich Sie von Harro grüßen, ich traf ihn gestern bei seinem Vater, -- er kommt heute abend zu Ihnen, um Abschied zu nehmen.«
Und dann saßen die beiden Alten zusammen am Kamin und der Erblandmarschall erzählte.
Wie ein Jüngling im weißen Haar erschien er Frau Sabine. So hatte sie ihn nicht mehr gesehen, seit der Enkel den alten Namen entehrt. Die Adleraugen blitzten, die ehrwürdige Gestalt war straff aufgerichtet, nur die gichtgekrümmte Hand, die den Krückstock umfaßte, redete von Krankheit und Greisenalter.
›Märkischer Uradel!‹ dachte sie, während ihr Auge auf den edlen Zügen ruhte. ›Gott, König, Vaterland! das ist sein Lebensnerv!‹
»Wie ich hergekommen bin, weiß ich nicht,« sagte der Graf. »Ich wäre auch noch geblieben, aber ich sagte mir, daß Sie hier säßen und die Stunden zählten, bis einer käme und Ihnen Bericht erstattete! Karl Heinrich war nicht loszueisen, man kann's ihm ja schließlich auch nicht verdenken, daß er dabei sein will, wenn der Sohn ins Feld rückt, -- na, da sagte ich mir, daß ich an der Reihe sei, nach Dreilinden zu fahren!« Er nickte der alten Freundin herzlich zu: »Und ich hab's gern getan, Exzellenz!«
Die Tränen stiegen ihr in die Augen. »Das weiß ich,« sagte sie leise.
Aber er war schon wieder in Berlin. Auf dem Schloßplatz. Im Reichstag. An irgendeiner Straßenecke. Bei Kranzler. Ganz wie damals nach dem Kriege, wo sich alles in der Reichshauptstadt traf. Nur ein Unterschied bestand zwischen einst und jetzt. Damals war ein ruhmvoller Friede unterzeichnet und Berlin begrüßte jubelnd seinen Kaiser, -- heute stand Deutschland vor der furchtbarsten Aufgabe der Weltgeschichte.
Er erriet ihre Gedanken.
»Sie wundern sich über meine Stimmung, teuerste Freundin? Ich kann's verstehen! Man muß dabei gewesen sein! Siebzig war ein Kinderspiel gegen diese Begeisterung, diese heilige Einigkeit! Es war mir in diesen Tagen, als ob ganz Deutschland seine Kleinodien vor seinem Kaiser ausbreitete und in der Sonne funkeln ließ! Und dazu wurde ›Ein feste Burg‹ gesungen, -- kann es Größeres geben? Das brauchte der Kaiser aber auch in der Stunde übermenschlich schwerer Entscheidung! Wie ich mich freue, daß wir's abgewartet haben, bis das Pack uns ins Land fiel, -- ob es strategisch richtig war, ist etwas anderes, -- aber niemals hat Deutschland größer dagestanden! Auf den Knien sollten wir Gott danken, daß wir solchen Kaiser haben!«
Sie nickte.
Still war's zwischen den beiden Alten.
»Mißverstanden hab' ich Ihre Freude aber keinen Augenblick,« sagte sie dann.
»Nein? das freut mich! -- Als ich durch unsere alte Mark fuhr, hatte ich das Gefühl: das Größte, Herrlichste dieser Heldentage haben doch zu wenige im deutschen Vaterland persönlich miterlebt. Der Widerschein der gewaltigen Stunde leuchtet ja überall, wo deutsches Leben ist, -- dafür sorgt schon die Heimatliebe, -- aber ein Sonnenaufgang ist doch etwas anderes als Morgenleuchten! Darum dacht' ich: wir sahen die Majestät, die Glorie dieses Krieges, seine überirdische Weihe, -- Millionen Menschen aber, die dasselbe Recht haben, den Glanz dieser Tage zu erleben, sehen nur das Grauen über dem Völkerbilde, die abgrundtiefe Not, -- sie bringen dieselben Opfer wie wir, Exzellenz, -- das gehört auch zu den Härten des Lebens, die unser kleiner Verstand nicht erfaßt! Und doch geben sie das Beste hin, wenn es die Scholle gilt!« Er blickte sinnend über das dämmernde Land. Seine Augen leuchteten -- --
Sie aber fühlte, ihre Seelen waren auf den gleichen Ton gestimmt. Was Frauensehnsucht in der Stille der Heide erträumt, hatte der Mann in Händen gehalten. Das Zollernschwert hatte der märkische Edelmann blitzen sehen, über die purpurne Seide der Kaiserstandarte hatte er das weiße Haupt geneigt, -- und mehr noch -- Job Wilhelm von Bühler hatte Größeres, Gewaltigeres schauen dürfen: eine Volkserhebung, wie sie nie dagewesen, ein Erwachen, wie es kein deutsches Herz zu fassen gewagt, eine Einigkeit, so stark, so unzerstörbar, daß der Feind, der ein mit sich selbst zerfallenes Volk mit kurzem Handstreich niederzuschlagen wähnte, staunend den eilenden Schritt verhielt und das Auge starr auf die gepanzerte Lichtgestalt richtete!
So kam's, daß der greise Märker, während er die überwältigende Kunde in das stille Heidehaus trug, mit all seinen Herzgedanken in der Kaiserstadt war, am Thron, unter dem strömenden Volk, an der Stätte, da das deutsche Blut am stärksten pulsierte, da Glaube und Liebe am hellsten leuchteten.
Schweigend folgte sie seinem Blick -- --
Da wandte er ihr das Auge zu. In dem geistvollen Antlitz arbeitete es: »Ich hätt' es nicht für möglich gehalten!« Und eine Träne rann ihm die Wange herab.
Durch die Dämmerstille des märkischen Dorfes klang der Flügelschlag der großen Zeit -- --
Sabine von Kambach lauschte hinüber. Ein Traum von schlichter Heldengröße und deutschen Siegen flog durch den Sommerabend -- standen die Toten auf, die Kämpfer von 1813? ›Ich hätt' es nicht für möglich gehalten!‹ klang ihr das Wort des Freundes im Ohr.
Und das andere, -- der Feind, der Deutschland knebelte und in den Staub drückte, der ihm mehr nahm, als Gut und Blut, der ihm die Seele mordete? was ward aus ihm? Vieles würde der Riesenkampf fortfegen, manch böser Gewohnheit würde der neu erwachte Gottesglaube die Türe weisen, -- ob der Keim des furchtbaren Giftes dadurch zerstört ward?
Frau von Kambach sprach dem Grafen ihre Sorge aus.
Aufmerksam hörte er ihr zu.
»Exzellenz haben mir aus der Seele gesprochen, -- erwiderte er, als sie geendet. »Es wäre eine Täuschung, wenn wir die innere Gefahr, die unser Volk bedroht, angesichts der großen Erhebung, die wir erleben durften, für beseitigt halten wollten. Sie ist nicht beseitigt. Die Mächte der Hölle werden nicht durch einen großen völkischen Aufschwung vernichtet, noch durch äußere erschütternde Ereignisse an sich überwunden. Dies Gift kann nur dann ausgerottet werden, wenn die Frucht der großen vaterländischen Not die Buße ist. Wir brauchen einen Neubau, -- nur ein völliger Bruch mit der Vergangenheit ermöglicht ihn.«
Sie nickte. »Wir werden nach dem Kriege vor gewaltige völkische und religiöse Aufgaben gestellt werden! Es war mit das erste, was ich mir im Blick auf dieselben sagte: daß es eine gnädige Fügung ist, daß der Bund bibelgläubiger Christen nicht erst gegründet zu werden braucht, sondern daß er -- wenn auch erst seit einigen Monaten -- besteht. Wie viele würden uns als Schwarzseher verlachen, wenn wir heute oder nach einem, will's Gott, siegreichen Kriege einen solchen Volksbund gründen wollten! Hab' ich nicht recht?«
»Gewiß. Genau dasselbe dachte ich vor einigen Tagen, als mir im Blick auf diese Frage das Herdersche Wort einfiel, das Sie so oft angeführt haben: ›Unsere Väter, o, Deutschland, meine Sorge, waren nicht, wie wir jetzt sind!› Die meisten würden, wenn man sie daran erinnerte, denken: ›Na ja, die Herrschaften sind eben über siebzig!' Aber das darf uns nicht irre machen! Wenn wir auch nicht mehr viel Zeit haben, -- die Tage, die Gott uns noch schenkt, soll die Arbeit für sein Reich ausfüllen, nicht wahr, Exzellenz?«
In ihren Augen glänzten Tränen. »Es liegt etwas Prophetisches über der großen Zeit.« sagte sie leise. »Mag einer sagen, was er will, ich glaub's dennoch, daß Herders Wort sich noch einmal wandelt, daß es noch einmal heißen wird: ›O Deutschland, meine Freude!‹«
Er neigte das weiße Haupt wie zum Gebet. »Gott walt's.« -- -- --
Ein Wagen jagte über die Kopfsteine.
»Das ist Harro!« Der Erblandmarschall erhob sich. »Ich werde Sie mit ihm allein lassen. Darf Fritz mein Auto bestellen?«
»Bleiben Sie doch zum Tee!«
Er zögerte. »Gut, ich werde Ilse so lange Gesellschaft leisten. Vielleicht kommt sie zu mir herunter. Wenn der Anfall auch diesmal nicht schlimm ist, so wird mir das Treppensteigen doch schwer.«
»Natürlich kommt Ilse herunter,« sagte die alte Dame. »Bitte machen Sie es sich inzwischen im blauen Salon bequem. Die Zigaretten stehen auf ihrem gewohnten Platz.« Und sie schritt dem Gast voran zur Tür.
»Danke, danke, Exzellenz, ich bin hier ja zu Hause.«
Sie lächelte. »Gut, dann klingeln Sie bitte und schicken Sie Fritz hinauf. Ilse ist auf ihrem Zimmer.« Sie nickte ihm freundlich zu, als ginge sie an eine gewohnte Arbeit in Haus oder Garten, und doch hatte sie Schweres vor sich.
Aber er kannte sie. Auf diesen Schultern hatten schon größere Lasten gelegen.
* * * * *
An den Schreibtisch gelehnt, stand sie, den Enkel erwartend.
Im nächsten Augenblick trat Harro Kambach ein. Groß, hoch aufgerichtet. In Felduniform. Ein Mann in des Königs Rock. Aber er war um Jahre gealtert, das Haar ergraut. Auf den ersten Blick erkannte sie's: er kam als ein anderer heim. In tiefer Bewegung umschlang sie ihn.
»Harro, mein Junge!«
Wie ein Klang aus der Kinderzeit grüßten ihn die schlichten Worte.
»Großmutter!«
Gewaltsam suchte er seinen Schmerz niederzuringen, aber es ging über seine Kraft. Er neigte den Kopf auf ihre Schulter und weinte laut.
Und die starke Frau, die so viel ertragen im Leben, mußte sich hart machen gegen die Mannestränen.
Ein Schüttern ging durch seinen Körper. Er raffte sich auf.
Schwer atmend stand er vor ihr.
Als er die äußere Ruhe wiedererlangt hatte, beugte er sich ehrerbietig über ihre Hand. »Nicht wahr, es kommt niemand?«
Sie schüttelte den Kopf. Dann stützte sie sich auf seinen Arm und ließ sich zu ihrem Lehnstuhl am Kamin führen.
Dort saßen sie sich gegenüber.
Alles an ihm schien ihr verändert. In seinem Wesen war etwas Neues. Und unwillkürlich zog es durch ihren Sinn: Es ist nicht nur die Trauer um das Liebste, nicht der Ernst der gewaltigen Zeit, die ihm ihr Gepräge geben, es ist jenes unverkennbare Merkmal, das der Mensch an sich trägt, der dem Tode ins Auge geschaut. Denn solche Linien grub nur das Bewußtsein: ›Du stehst vor Gott!› Und eine Hoffnung, die sie lange gehegt, wuchs.
»Papa läßt grüßen,« sagte Harro. »Er bleibt noch in Berlin, bis wir ausrücken. Außerdem meinte er, es sei besser, wir wären zu zweien.«
Er schwieg.
Geduldig wartete sie. Wußte sie doch, daß er ihr alles sagen werde.
Und sie irrte nicht. Als sie eine Weile beieinander gesessen, klang plötzlich Sibyllens Name an ihr Ohr. Leise, mit fast frauenhafter Zartheit, sprach er ihn aus. Das Unglück selbst überging er; die Erinnerung an das Furchtbare mochte zu gewaltsam auf ihn wirken, aber was sie zuletzt miteinander geredet, erzählte er der Großmutter.
Und die alte Frau rechnete es ihm hoch an und freute sich des großen Vertrauens.
Es war ein kurzer, knapper Bericht, aber er umschloß das Glaubensbekenntnis eines Mannes:
»Im Augenblick der höchsten Gefahr rief sie mir ein Wort zu, das sie schon einmal tags zuvor im +D+-Zug gesprochen: ›Aufs Glück kommt es nicht an, sondern darauf, daß wir auf Felsengrund stehen!‹ Dies Wort hat mich über Wasser gehalten, Großmutter, es hat mir in tiefster Not meinen Gott gezeigt.«
Seine Stimme brach. Der Schmerz überwältigte ihn.
Schweigend blickte Frau Sabine ins Feuer.
Da begann er aufs neue: »Nun kann ich ins Feld ziehen! Ich hätt' es ja vorher auch gemußt, aber jetzt weiß ich, daß Vaterlandsliebe und Königstreue heilig sind, daß -- daß sie ewig sind. Großmutter! Das hab' ich von dir gelernt, und -- von ihr!« Er wandte sich ab. »Wenn Deutschland in Wahrheit frei werden soll, müssen wir das alle glauben!«
Sie sah ihn unverwandt an. Fast ging dies schlichte heilige Erlebnis über ihre Kraft. Der Tag hatte des Großen schon zuviel gebracht.
Ein heißes Dankgebet stieg aus ihrem Herzen. Und während ihr Auge auf der schlanken feldgrauen Gestalt ruhte, erwachte die Erinnerung.
›Einen heiligen Damm wolltest du bauen, lieber Herr und Gott!‹ klang es durch ihre Seele und die Sage vom Oststrande stieg vor ihrem Geiste auf.
War's nicht wunderbar, wie die blankgespülten Kieselsteine sich überall hineinschoben und drängten, wie sie sich an Fels und Basalt rieben, bis das wilde Geklüft sich glättete, wie sie sich zusammenschlossen zum großen, starken Ganzen, zu jener Mauer, die sich der Sünde entgegenstellt und den Verzweifelten deckt. Wahrlich, das uralte Mönchsgebet galt heute noch und hatte nichts von seiner Kraft eingebüßt. Und sie sah die Mauer wachsen. Ein neues Geschlecht, das sich seine Kleinodien nicht rauben ließ, stand um das Kreuz geschart. In den alten Augen lag's wie Prophetenklarheit, als schauten sie die Geschichte kommender Völker, und durch die Seele der Frau, die täglich in heißer Sorge die Hände für ihr Vaterland faltete, zog eine schöne lichte Hoffnung. Die Sehnsucht aber klopfte an ihre Kammer: ›Ob wir's erleben werden, daß die Heimatliebe ein Kränzlein trägt, daß sie singend von Hütte zu Hütte wandernd Mann und Weib die Siegesbotschaft ins Herz jubelt und Mägdlein und Buben ihren Hochgesang lehrt: O Deutschland, meine Freude!?‹ --
Sie wandte sich wieder an den Enkel.
»Wann war es?« fragte sie leise.
»Etwa um sechs Uhr abends, -- um die Dämmerung!«
Über ihre Züge ging ein Leuchten.
»Um sechs Uhr abends klangen die Saiten der Geige -- --«
Still war's in Haus, als hätte eines den letzten Seufzer getan -- -- --
* * * * *
Die ersten Sterne blitzen am Himmel. Über die nächtliche Heide klingt der Schritt der eisernen Zeit. Von Osten weht fernes Schwertklingen herüber -- -- --
Es sind die Augusttage des Jahres 1914. Es ist die Wende der Weltgeschichte, die Stunde, da Deutschland sich panzert -- --
Im Verlage von ~Martin Warneck in Berlin~ erschien ferner von
E. von Maltzahn
Ein Mann
Ein Roman aus der Gegenwart.
20. Tausend.
Die Verfasserin hat sich durch ihre tiefgründigen Erzählungen in weitesten Kreisen einen großen Namen geschaffen, und man kann jedesmal erwarten, daß sie uns etwas Besonderes zu sagen hat. So auch in ihrem Roman »Ein Mann«. Ein tapferes Buch. Prächtige Charaktere werden uns hier gezeichnet. Herr von Grambow ist ein wahrer Edelmann, der mit seinem Christentum Ernst macht und keinen Augenblick zögert, bei schweren Zusammenstößen mit den Vorurteilen der Gesellschaft die Folgen auf sich zu nehmen. Ihm zur Seite steht Renate, eine Idealgestalt einer deutschen Frau. Der Roman führt uns zum Teil in die Kreise der Künstler als auch der Gesellschaft und ist, was Inhalt und Schilderung anbetrifft, spannend und meisterhaft durchgeführt. Es ist ein Werk reiner Kunst, von dem nur zu wünschen ist, daß es von vielen genossen, daß es aber auch in vieler Leben beachtet wird. Über den Inhalt selbst wollen wir nicht mehr verraten, sondern unsere Leser bitten: Nehmt und lest, und ihr werdet an dem Inhalt des Buches Freude und Gewinn haben.
Abseits
Novellen.
7. Tausend.
»Abseits« nennt E. von Maltzahn mit Recht diese Novellen. Sie behandelt darin Themen, die wohl vielen abseits liegen, aber die wohl wert sind, bedacht zu werden. Ganz besonders möchte ich das von der zweiten Erzählung behaupten. Besinnliche Leser werden viel Freude an dem Büchlein haben.
Herrosé & Ziemsen GmbH. Co., Wittenberg.
Fußnoten:
[1] Geyer und Rittelmeyer, Leben aus Gott.
[2] Gedicht und Musik von Peter Cornelius.
[3] Karl Marx.
[4] J. Gabriel Seidl.
[5] ~Weber~, Dreizehnlinden.