Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 23

Chapter 233,728 wordsPublic domain

Wenn eine Seele in brennender Sehnsucht, Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen, Leise, leise die Flügel entfaltend Den Fuß von der dämmernden Erde löst, Blicke ihr nach in die strahlende Weite, Bis sie sich nahet dem Tore des Lichts, -- Ob nicht ein Funke vom himmlischen Feuer Niederfällt auf den finsteren Pfad -- -- -- Warte nur, warte! gedulde dich fein! Schon glühen die Zinnen in purpurner Schöne Schon zieht sie droben durchs Perlentor Mit tausend glückseligen Gästen ein ... Warte nur, warte! ... Wenn eine Seele Den goldenen Sonnenaufgang zu schauen, Leise, leise die Flügel entfaltend, Den Fuß von der dämmernden Erde löst, Hebe den Blick zum Tore des Lichts!

Der Sonnenschein, der eine Stunde lang Sibylle Kambachs Hochzeitstag erhellte, war nicht von Dauer gewesen. Schon am Nachmittag zog ein Regenschauer über die Heide, und der sternklare Abend war trügerisch. Am anderen Morgen lag das Land grau in grau. Ein kalter Wind wehte.

Hoffentlich geben die Kinder die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ auf,« sagte Frau von Kambach zu Graf Bühler, als sie sich von ihm verabschiedete.

Er zuckte die Achseln.

»Das Wetter kann in Düsseldorf gut sein, Exzellenz!« Er geleitete sie hinaus. »Also auf Wiedersehen am Dienstag! Ich freue mich, daß unser Bundesdirektor die prächtige kleine Frau bekommt! Hoffentlich ist Ilse bis dahin wohler! Ich sehe leider sehr, sehr schwarz in der Sache!« Er seufzte tief.

»Gott gebe, daß wir uns irren,« sagte sie halblaut. »Karl Heinrich sagte mir gestern abend, ehe er nach Hause fuhr, ja auch, der Arzt habe gemeint, Ilses Erkrankung läge ganz anderes zugrunde.«

»Dasselbe hat er mir gesagt. Es wäre ja auch geradezu ein Wunder, wenn die unglückliche Frau gesund bliebe!« Er neigte den weißen Kopf über ihre Hand. »Befehlen wir's dem, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupte fällt, teuerste Freundin!«

Sie standen auf den Steinstufen. Der Regen sprühte.

Ein Diener trat mit geöffnetem Schirm zu der Greisin.

»Ich bitte Sie,« wandte sie sich an Graf Bühler, der ihr den Arm reichen wollte, »bleiben Sie drin!«

Sie nickte ihm herzlich zu, stützte sich auf den Arm des Dieners und ließ sich von ihm beim Einsteigen helfen. Noch einmal sah das freundliche Gesicht aus dem Fenster, die beiden Alten winkten einander zum letztenmal zu, und fort ging's in den kühlen Morgen hinaus.

Zwei Stunden später saß Frau Sabine in ihrem Arbeitszimmer beim prasselnden Kaminfeuer, von Eichelchens treuer Fürsorge umhegt. Eine Großnichte, ein Fräulein von Kambach, welches der alten Dame, bis sich ein passender Ersatz für Fräulein Eichel gefunden, Gesellschaft leisten sollte, wurde nachmittags erwartet. Die Nachrichten über die junge Gräfin Bühler, welche die Gesellschafterin mitbrachte, lauteten günstiger, eine Diakonisse war in Kambach eingetroffen. Die Braut konnte ihren Platz am Krankenlager ohne Sorgen verlassen. Auch der Kochlehrling war außer Gefahr. Mit gutem Gewissen schied Jutta Eichel von ihrer alten Exzellenz, aber die Trennung ward den beiden Frauen bitter schwer. Die Alte gab ihr Bestes, die liebe sorgende Hausgenossin, an die sie sich in jahrelangem Zusammenleben und Zusammenarbeiten gewöhnt -- die Junge verließ eine Frau, die der Waise Mutterliebe geschenkt. Das bedeutete einen scharfen Schnitt für zwei Menschen, die zehn Jahre treu zueinander gehalten in Freud' und Leid. Aber beide gehörten zu den großzügigen Naturen, die den Blick auf das Ganze richten, die bei allem, was sie tun, auf das Werk schauen, dem sie dienen. Und diese Großzügigkeit, dieser Blick ins Weite machte sie stark und ließ ihre persönlichen Wünsche und Gefühle zurücktreten. Das traf hier insonderheit auf die Greisin zu, die niemals mit einer Silbe über den für sie gewiß nicht leichten Wechsel geklagt, aber auch der Entschluß der Braut, die, selbst ohne Vermögen, dem Manne, den sie liebte, in eine wenigstens zunächst nur in beschränktem Maße sichergestellte Zukunft folgte, erforderte Mut.

Frau von Kambach befand sich seit ihrer Rückkehr aus Bühl in einer nervösen Unruhe. Kaum zehn Minuten saß sie auf einem Fleck, machte sich am Schreibtisch zu schaffen, sah in den Regen hinaus, lauschte auf den Wind und fragte immer wieder, ob der Wagen für Direktor Wendler auch rechtzeitig zur Bahn gefahren sei. Fräulein Eichel, welche diese Nervosität auf die Ereignisse der letzten Zeit und auf die fortwährenden Witterungswechsel schob, sagte nichts. Sie wußte, daß Wind und Wetter nicht ohne Einfluß auf Gichtiker sind, und daß der Gedanke an die Luftschiffahrt des jungen Ehepaares nach wie vor die alte Dame beunruhigte. Da sie beides nicht zu ändern vermochte, suchte sie, ohne die Dinge zu berühren, ihre Herrin abzulenken, indem sie ihr aus den Briefen ihres Verlobten erzählte und ihr die Kreuzzeitung vorlas. Frau von Kambach wurde auch etwas ruhiger, aber ganz gelang es ihrem treuen Hausgeist nicht, das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen. Zum Unglück war der Wind zum Sturm geworden; so wurde ihre Aufmerksamkeit immer wieder draußen gefesselt. Fräulein Eichel sah es mit Sorge. Ganz unbegründet erschien ihr die Angst der alten Frau ja nicht. Aber andererseits fragte sie sich: ›Warum soll gerade der »Brandenburg« etwas zustoßen?‹ In Düsseldorf wollte das junge Paar die Gondel besteigen; dort konnte strahlendes Wetter sein, wenn es in der Mark stürmte. Trotzdem legte sie die Sturmwarnung der Kreuzzeitung unauffällig beiseite.

Im selben Augenblick rollte ein Wagen über den Hof.

Sie eilte zum Fenster.

»Da ist er! Verzeihung, Exzellenz!« Sie lief hinaus. Gleich darauf kam sie mit ihrem Verlobten zurück.

Nach kurzer herzlicher Begrüßung mit der Hausfrau bat Wendler, auf sein Zimmer gehen zu dürfen, um sich vom Reisestaub zu säubern.

Exzellenz von Kambach nickte. »Und dann frühstücken Sie etwas, wir essen heute erst um zwei!«

Er verbeugte sich dankend und folgte seiner Braut.

»Darf ich Sie vor dem Essen noch auf ein Stündchen zu mir bitten, Herr Direktor?« rief die Greisin ihm nach. »Ich möchte gerne mit Ihnen einiges besprechen. Es soll auch nicht lange dauern,« fügte sie mit einem Blick auf Jutta lächelnd hinzu.

Dann gingen die beiden.

* * * * *

Der Sturm brauste über die Heide und schlug den Regen gegen die Fenster des Herrenhauses. Wirbelnd flogen die Blätter der Parkbäume, und die alte Linde ächzte. Hinter dem Hoftor stand eine Wetterwand in schwarzblauer Schönheit, langgezogene weiße Wolken flatterten, vom Sturme getrieben, am Himmel.

Die Gutsfrau stand am Fenster und blickte auf das trübe wildbewegte Bild. Sie sah die Menschen gegen den Sturm ankämpfen, sah, wie er an ihren Kleidern zerrte, wie er ihnen die Tücher und Mützen vom Kopfe riß und weit über den Hof trug. Und sie dachte: ›Wenn's hier unten im Binnenland so ausschaut, wie mag's auf hoher See sein, -- in den Lüften!‹ --

Draußen schlug die Hausuhr eins.

Da kam ein rascher fester Schritt über die Diele. Wendler trat ein.

»Komm' ich zu früh, Exzellenz?«

»Nein, nein!« Und sie bat ihn, Platz zu nehmen.

Sein erstes Wort galt der Freude über ihre Geldsendung.

»Was das für ein Tag war, -- ich kann's nicht sagen! Nur der wird mir's ganz nachfühlen, auf dessen Schultern ähnliche Sorgen gelastet!«

Sie nickte still. »Eine Glaubensstärkung war's mir, ein großes wundervolles Erlebnis!«

Er sah sie ernst an. »Auch mir war's eine Glaubensstärkung, obgleich mir das persönliche Erlebnis fehlte. Aber ich sehne mich danach, dieses schöne Stück unserer Bundesgeschichte zu erfahren -- ist das zuviel verlangt, Exzellenz?«

Sie blickte sinnend in den Sturm hinaus. ›Wenn ich die Sonne grüße!‹ hatte Sibylle gesagt.

»Vielleicht hab' ich kein Recht auf dies Geheimnis,« fuhr er fort, »vielleicht ist's zu persönlich, zu -- heilig -- ich weiß es nicht! Aber immer wieder steigt mir die Sehnsucht auf, mich an seinem hellen Schein zu erfreuen! Exzellenz wissen es aus eigener Erfahrung, wir brauchen Sonne auf unserem Wege! Darum bitte ich herzlich, ist's möglich, ist mein Wunsch keine Verwegenheit, -- so zeigen Sie mir den goldenen Strahl, den Sie aufgefangen!«

Sie sah ihn voll an. »Können Sie warten? Vielleicht nur bis morgen?«

Er nickte.

»Sie sind der einzige, dem ich dies Geheimnis anzuvertrauen das Recht habe,« fuhr sie fort, »aber es hat eine Klausel. Vielleicht ist sie schon morgen hinfällig!«

Wieder sah sie hinaus, als müsse der Himmel ihr die Antwort sagen.

Dann redeten sie von der Bundesarbeit. Neben viel Anfeindung war ein frischer fröhlicher Fortgang der großen Sache zu verzeichnen. Mit Freuden empfand es die Greisin; der rechte Mann war gefunden, einer, der nicht rechts noch links schaute und sich nicht um die unvermeidlichen Nörgler und Spötter kümmerte. Wie die Verkörperung des schönen Geibelschen Wortes kam er ihr vor:

›Wer da fährt nach großem Ziel, Muß am Steuer ruhig sitzen, Unbekümmert, ob am Kiel Lob und Tadel hoch aufspritzen!‹

Sein Werdegang war ein Wunder. Denn von ungefähr war's nicht, daß Gott der Herr dem Irrlehrer seine Damaskusstunde schenkte und ihn zum Zeugen der Wahrheit berief! Wie Sonnenglanz lag's auf dem Lebenswege, der durch soviel Dunkel geführt. -- --

Im Fluge verging die kurze Stunde. Erstaunt blickte Exzellenz von Kambach auf, als Jutta zum Essen erschien.

Nach dem Kaffee, der gleich nach Tisch eingenommen wurde, brachen die Verlobten auf, um dem Kambacher Geistlichen, Wendlers Nachfolger, der sie trauen sollte, einen Besuch zu machen.

Frau von Kambach warnte zwar vor dem Wetter, aber Jutta erklärte, morgen sei keine Zeit, und Sturm seien sie beide gewohnt. Dann setzte sie alles zum Nachmittagstee für die alte Dame zurecht.

Wendler sah auf die Uhr. »Vor halb sieben werden wir kaum zurück sein können! Ist das nicht zu spät, Jutta?«

Fräulein Eichel blickte fragend auf die Hausfrau.

Doch die schüttelte den weißen Kopf. »Geht nur, Kinder!«

* * * * *

Es dämmerte. Aber es war nicht jenes friedliche Einspinnen von Raum und Form in die rieselnden Schleier des Abends, es war ein hastendes Dunkeln, als würfe der düstere Sturmfittich hier und dort seine flüchtigen Schatten.

Die Vorhänge wurden geschlossen. Gedämpfter klang das Brausen des Sturmes, und der helle Schein der Lampe verbreitete Behaglichkeit und Wärme.

Frau Sabine saß feiernd am Kamin und blickte in die verglimmende Glut. Ab und an fuhr ein Windstoß in den Schlot, dann lohten blaue Flämmchen auf, duckten sich scheu vor des Sturmes Gewalt und erloschen wieder.

Die Gedanken der greisen Frau wanderten. Ein Leben, so reich an Liebe wie das ihre, stand nimmer still, es verzehrte sich im Dienst anderer. Und ein Großmutterherz hatte doppelte Arbeit.

Während ihre Seele weite Wege wanderte, ging ihr Blick über die Bilder an den Wänden. Die Erinnerung stieg herauf. Sie verlieh den alten Gemälden ihren Glanz und erzählte den Lebenden die Geschichte der Toten. Durch die Seele der einsamen Frau zog's: ›Wie lange noch, und dein Bild hängt in der Reihe der Ahnen!‹ Ihr Auge ruhte auf dem duftigen Pastell Sophie Charlottes. Es war eine Kopie des Gemäldes in der Kambacher Kirche. Darunter hing an blauseidenem Bande die Stradivariusgeige.

›Sonderbar,‹ dachte sie, ›daß der Kasten noch immer nicht fertig ist! Wenn er morgen nicht eintrifft, muß ich die Geige anderweitig unterbringen!‹

Und dann lauschte sie wieder auf den Sturm. In kurzen Stößen fuhr er um das Dach, aber seine Kraft schien gebrochen. Schwächer und schwächer ward das Pfeifen um First und Schlot. Und dann war alles still.

Fast bedrückend wirkte das plötzliche Schweigen der Elemente.

Draußen erhob sich langsam die Natur und lauschte aufatmend dem verhallenden Schritt des Gewaltherrn, drinnen fragte eine müde Seele: ›Gilt's einen Waffenstillstand, oder hat der Kriegszug ein Ende?‹

Überall ein Fragen im Land, überall die wundersame Antwort: feierndes Schweigen. Mit ihm nahte die Ruhe der Nacht im Geleit funkelnder Sterne. Durch den Spalt des Vorhangs blickten sie in den traulichen Raum.

Über die greise Frau kam ein tiefer Friede. Des Tages Sorgen zerstreuten sich, die Unrast verschwand. Es war einer von den Augenblicken, da die Ewigkeit an ihre Tür pochte und, die Hand ausstreckend, auf die leuchtende Brücke wies, die den dämmernden Strom überspannte. Greifbar nahe lagen die Ufer der Heimat, und die Sehnsucht breitete die Flügel. In solchen Augenblicken ward ihr der Abend licht, und über der letzten Wegstrecke lag ein stiller Glanz. Leise verrann die geweihte Stunde; sie aber dachte: ›Könnt' ich sie halten!‹

Draußen schlug eine Uhr. Aus dem bronzenen Gehäuse auf dem Schreibtisch der Hausfrau antwortete eine helle Stimme.

Ein Mäuschen knabberte irgendwo am Schragen, -- dann war's wieder still.

›Wenn Sibylle mir jetzt ein Lied singen könnte!‹ zog es durch die Seele der Einsamen -- --

Eine heiße Sehnsucht erwachte in ihr nach all der blühenden Jugend, die mit der Enkelin von ihr gegangen, nach all der Liebe. -- -- Ob es ihr gelingen würde, sich an das Neue, das in ihr Leben trat, zu gewöhnen, es ans Herz zu drücken mit der alten Kraft? Und eine weitere Frage war, ob es sich an sie gewöhnen würde? Es war ein eigen Ding um die Jugend von heute ... So spann sie Zukunftsbilder.

Und dann wurden plötzlich ihre Augen starr. Mit angehaltenem Atem saß sie und blickte auf die Stradivariusgeige. Ein Klingen und Tönen entschwebte den Saiten, als harften unsichtbare Hände in weiter Ferne, jenseits der Zeit. --

Wie ein Gruß wehte es durch den stillen Raum, wie eine zarte Bitte um ein letztes Gedenken. -- -- Leise, leise verhallte die wunderbare Stimme; dann war alles still -- --

Aber am Kamin saß eine mit gefalteten Händen, die Augen unverwandt auf die Geige gerichtet, und lauschte -- und lauschte -- --

* * * * *

Stunden waren vergangen.

Die Gutsherrin saß mit den Verlobten und der inzwischen eingetroffenen Renate Kambach, einem echten Landedelfräulein von achtzehn Sommern, am Kamin und hörte dem frohen Gespräch der jungen Leute zu. Aber sie war nicht recht bei der Sache. Immer wieder streifte ihr Blick zu der Stradivariusgeige hinüber, und durch ihre Seele zog heimliches Fragen. Kein Hauch hatte die Saiten berührt, das seidene Band, das Sibylle um den Knauf geschlungen, streifte sie nicht -- was war geschehen? Und an die Seele der alten Frau klopften die Gedanken -- --

Jutta fragte ihre Herrin, ob sie müde sei, und ob sie zur Abendandacht klingeln solle.

Aber sie wehrte ab.

»Nein, Eichelchen, lassen Sie nur!«

Und sie blieben beisammen.

Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert. Wendler sang, von seiner Braut begleitet, mit schöner Stimme einige Löwesche Balladen, Renate überraschte die Großtante mit einem gutgeschulten Alt.

Schließlich erklärte Eichelchen, es sei halb zwölf, und Exzellenz von Kambach müsse zu Bett. Sie werde zur Andacht klingeln.

»Nehmen Sie sich in acht, lieber Wendler, daß Sie nicht allzusehr unter den Pantoffel geraten,« wandte sich die alte Dame lachend an ihren Gast, »Sie sehen, wie mit mir umgesprungen wird!«

Er ging auf den Scherz ein. »Ja, zu meinem großen Erstaunen, Exzellenz, wenn ich das geahnt hätte!«

»Da fährt ein Wagen über den Hof,« rief Renate dazwischen.

Alle horchten auf.

»So spät!« sagte die Hausfrau, und Jutta ging hinaus.

Als sie nicht zurückkehrte, folgte ihr Wendler.

Die Diele war leer, kein Dienstbote zu finden. Schließlich sagte ihm ein Küchenmädchen, Fräulein Eichel sei im Inspektorhause.

Er ging hinüber.

Schon auf dem Flur hörte er eine bekannte Stimme in großer Erregung sprechen.

Er trat ein.

Mitten in der Stube stand Schenker, um ihn herum die Inspektorsleute, Jutta Eichel und die Dienerschaft.

»Und ick kann's Exzellenz nich sagen!« rief der Alte, während ihm die hellen Tränen über die Backen liefen, »ick krieg's nich fertig! Was zuviel is, det is zuviel! Der gnädige Herr wäre ja auch selbst gekommen, aber er mußte doch gleich nach Baden-Baden, da is det Unglück geschehen. Darum schickte er mich. Er hat sich ja auch gesagt, das das 'ne furchtbare Zumutung is, und darum meinte er, ick solle den Herrn Direktor bitten, mir'n bißchen zu helfen. Denn wie soll ick armer alter Mann unsere Exzellenz det beibringen. Was unser Herr Pastor is, der war gerade zu 'ner sterbenden Frau nach Kanzin gerufen, sonst wär' der gewiß gefahren, -- der Inspektor is krank, na, wer bleibt denn da übrig, als Schenkersch olle Vadder? Is ja auch ganz selbstverständlich, wenn man so lange in herrschaftliche Dienste is, -- wenn's man nich über meine Kräfte ginge! Tot -- tot, nich auszudenken is es,« -- und wieder stürzten ihm die Tränen über das Gesicht. Schwerfällig ließ er sich auf einen Stuhl nieder. »Oh, du lieber Herr und Gott, mußte das denn sein?«

Erschüttert standen die anderen um ihn herum. Leises Schluchzen klang durch die Nachtstille.

Man hatte Wendlers Kommen nicht bemerkt. Jetzt trat er vor und näherte sich dem Alten, der schweigend vor sich niedersah.

Der Angerufene fuhr empor. Einen Augenblick starrte er den Direktor wie geistesabwesend an. Dann erhob er sich und faßte seine beiden Hände.

»Gott sei Dank, da sind Sie ja, Herr Pastor, -- ick wollt' sagen, Herr Direktor, nich wahr, ick tu' keine Fehlbitte?«

»Ich helfe Ihnen gerne, lieber Herr Schenker, aber ich weiß noch gar nicht, was passiert ist.«

»Sie wissen's noch nich?« Der Alte sank in sich zusammen.

Da trat der Inspektor zu Wendler. »Unsere Herrschaft ist schwer heimgesucht worden,« sagte er mit bebender Stimme, »der Herr Oberleutnant und die junge gnädige Frau sind mit der ›Brandenburg‹ abgestürzt, und die gnädige Frau ist --« Dem treuen Manne versagte die Stimme.

»Tot?« fragte Wendler erschüttert.

»Tot,« klang es leise zurück.

Und dann war alles still. -- --

»Wie ist es gekommen?« fragte Wendler endlich.

Schenker ermannte sich. »Sie müssen ja wohl in Düsseldorf gut Wetter gehabt haben; denn sonst hätten sie die Fahrt nich gemacht. Der Herr Oberleutnant sagte zu mir: ›Schenker, wir fahren nur bei schönem Wetter!‹ Na, und dann is jedenfalls der Sturm gekommen, und die Propellers sind kaput gegangen! So denk' ick's mir! Näheres wissen wir ja noch nicht! Der gnädige Herr bekam so vor zwei Stunden das Telegramm: ›Brandenburg verunglückt. Oberleutnant von Kambach Sanatorium Wild, Frau von Kambach tot.‹«

Die Tür wurde leise geöffnet, Renate sah herein. Durch das lange Fortbleiben der Verlobten beunruhigt, hatte Frau Sabine die Nichte geschickt. Als sie die verstörten Gesichter sah, blieb sie erschrocken stehen.

Da ging Jutta auf sie zu und teilte ihr die erschütternde Tatsache leise mit.

Renate war wie betäubt und konnte sich kaum fassen. Aber es war keine Zeit, den eigenen Gefühlen nachzugehen.

»Seien Sie stark, Baronin,« bat Jutta, »wir müssen hinüber!« -- --

Wendler stand neben Schenker, der, völlig erschöpft, um ein Glas Wein gebeten hatte.

»Bleiben Sie vorläufig ruhig hier, Herr Schenker, ich will erst allein zu Exzellenz gehen,« sagte er, dem alten Manne die Hand auf die Schulter legend. »Wenn's nicht zu spät wird, ruf' ich Sie noch. Sie fahren heute abend doch nicht mehr nach Hause, nicht wahr?«

»Ick fahre erst morgen früh. Meine Frau sagte gleich, das würde zu spät!«

So ging Wendler seinen schweren Weg allein.

* * * * *

»Sagen Sie mir alles, es ist ein Unglück mit der ›Brandenburg‹ geschehen,« empfing ihn die greise Edelfrau, aufrecht am Krückstock stehend.

Ein tiefes Mitleid überkam ihn mit der tapferen Lebensheldin, der ein kostbares Kleinod nach dem anderen abgefordert wurde.

Er wollte sie zu ihrem Stuhl geleiten.

Aber sie wehrte ihm.

»Nachher! Erst sagen Sie mir alles! Ich weiß, es ist das Schlimmste, Allerschlimmste!«

Er zögerte. Eine Mitteilung der furchtbaren Tatsache ohne jede schonende Vorbereitung erschien ihm geradezu brutal.

Da sah sie ihn durchdringend an.

»Tot?« fragte sie mit leise bebender Stimme.

»Ihr Enkel lebt, Exzellenz!«

Sie wandte den Blick nicht von ihm. »Er lebt -- aber er ist ein Krüppel! Sie wissen es nicht?«

Wendler schüttelte den Kopf.

»Und -- und -- Sibylle?«

Er antwortete nicht.

Nun verfärbte sie sich doch. Sein Blick hatte ihr alles gesagt.

Langsam neigte sie das ehrwürdige Haupt auf die Brust.

»Ich wußt' es,« sagte sie leise. »Um die Dämmerung klangen die Saiten der Geige!«

Langsam rannen die ersten heißen Tränen über das welke Gesicht. --

Und dann ließ sie's ohne Einwände geschehen, daß er sie zu ihrem Platz am Kamin führte. --

Ganz still war's im Zimmer, als warteten die Lebenden auf einen letzten Gruß der Toten.

Doch der Augenblick, da die Ewigkeit die Saiten bewegt, kehrte nicht wieder. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die Raum und Zeit nicht beengen, von denen es gilt: ›Der Wind bläset, wo er will!‹ --

Er wollte sie verlassen, ihr Jutta schicken, aber sie bat: »Bleiben Sie noch ein Weilchen bei mir!« Sie drückte das Taschentuch gegen die Augen und kämpfte mutig gegen die Tränen. Und was vielleicht keiner anderen Frau gelungen wäre, erzwang sie sich durch unerschütterliche Glaubenszuversicht und eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung.

›Dem Alter, welches, an der Pforte der Ewigkeit stehend, die Geschehnisse des Lebens in einem anderen Lichte schaut als die Jugend, wird der Kampf mit Not und Tod leichter!‹ zog es ihm durch den Sinn.

Trotzdem -- es war etwas Großes, daß ihre Kraft ausreichte, daß sie nicht zusammenbrach, und er sagte sich ehrlichen Herzens: ›An dieser Kraft bist du erstarkt.‹

Aber das Größte war ihm noch vorbehalten, das Stück Ewigkeit, das dies Frauenherz umschloß, hatte ihm noch nicht in seiner ganzen wunderbaren Schönheit geleuchtet.

»Ich durfte es Ihnen nicht eher mitteilen,« begann sie leise, Sibylle hatte ausdrücklich gesagt: ›Wenn ich die Sonne grüße, nicht eher! Dann sag's ihm! Aber er soll nicht darüber reden!‹ Sie hatte sich so sehr auf die Fahrt gefreut!« setzte sie hinzu. »Nun hab' ich den ganzen Tag gewartet, ob es hell werden würde, doch es stürmte fort. ›Natürlich haben sie die Fahrt mit der ›Brandenburg‹ aufgegeben,‹ so sagte ich mir. Ich will damit aber niemand einen Vorwurf machen. Das Wetter ist nicht überall das gleiche, und der Sturm setzte hier auch erst gegen Mittag ein. -- Dann kam der Abend, das wunderbare Tönen der Saiten gemahnte mich an Vergangenes, an das Klingen der Geige in der Stunde, da Sibyllens Ahnfrau, Sophie Charlotte, die Augen schloß, und an vieles andere. Sie wissen, wie ich über Aberglauben denke! Diese wunderbaren Tatsachen entspringen einem anderen Boden. Christenglaube bedingt sie nicht. Aber er erstarkt an dem Beweis der Gnade, die einem Leben, das ein einziger Gottesdienst gewesen, im Tode ihr leuchtendes Ewigkeitssiegel aufdrückt. Darum traf mich diese Botschaft nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, darum steht auch über diesem schweren Kreuz Ewigkeitsfriede!«

Sie hielt einen Augenblick inne. Das Sprechen wurde ihr schwer.

In tiefer Bewegung blickte er sie an. Wahrlich, diese Frau stand auf des Glaubens hoher Warte, darum schaute und erlebte sie mehr als andere.

»Und so ist ihr Wort in höherem ewigen Sinne erfüllt worden, -- jetzt schaut sie die Sonne!« Ein Beben ging durch die alte Stimme, aber mutig fuhr die Greisin fort: »Ich brauche es Ihnen wohl kaum mehr zu sagen, daß Sibylle die dreißigtausend Mark gespendet hat, -- aber die Geschichte jenes Schmuckes, welcher ihre Gabe ermöglichte, darf ich Ihnen nicht länger vorenthalten. Hätte ich das Vermögen, ich würde versucht sein, die Juwelen, die eine so wunderbare Weihe empfangen, zurückzukaufen. Es sind wahrhaftig ›köstliche Perlen‹.

Aber das ist ganz ausgeschlossen. Verfügte ich über solche Mittel, sie hätten längst der Bundesarbeit gedient.«

Wieder hielt sie einen Augenblick inne. Er hatte das Gefühl, daß nur der Wille sie noch aufrechthielt, aber er wagte nicht, sie zu unterbrechen.

Und dann erzählte sie ihm die Geschichte des Erbschmuckes in all den feinen Einzelheiten, die sich so wunderbar zum Ganzen gefügt.