Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 22

Chapter 223,662 wordsPublic domain

Die Greisin antwortete nicht. Was sie da vernahm, war Art von ihrer Art, die Jahrhunderte alte Überlieferung des Begriffes Adel. Sie hätte denselben, ohne schwarz weiß zu nennen, nicht anders fassen können, sich selbst wäre sie untreu geworden, hätte sie den Makel auf dem alten Schilde entschuldigend bedeckt. Denn hier gab es keine Entschuldigung. Hier konnte nicht einmal das sittlich stark anrüchige Wort ›Interessenvertretung‹ zum Milderungsgrunde werden, hier handelte es sich um die nackte ungeschminkte Sünde in ihrer furchtbarsten Gestalt. Sie wußte, viele würden die Haltung des greisen Erblandmarschalls hart nennen, -- mochten sie es tun! -- Die Knochenerweichung des modernen Sittlichkeitsbegriffs war ja nicht von gestern. Ob zudem die Vielen, welche für den Mann, der seine Ehe mit Füßen getreten, eine Lanze brachen, die gefallene Frau in ähnlicher Weise verteidigen würden? Frau von Kambach wußte, daß in dem Verhalten des alten Edelmannes der Haß gegen die doppelte Moral stark mitsprach. Sie selbst empfand die sittliche Verfehlung der Frau naturgemäß schwerer als die des Mannes, ihrem echt weiblichen Sinne hätte eine andere Auffassung widersprochen. Sie wußte, daß Graf Bühler, dessen ritterlicher Sinn Frauenehre wie kein anderer hochhielt, ebenso dachte. Trotzdem waren sie sich darin einig, daß Gesellschaft und Rechtspflege hier einer gründlichen Verbesserung bedurften, daß Recht und Gerechtigkeit nicht miteinander in Einklang standen. Es war ein Ausschnitt aus dem Zeitgemälde, das sich in immer düstereren Einzelbildern vor den Augen der Welt entrollte, ein Kapitel aus der Geschichte des deutschen Verfalls. So gab sie ihm vollkommen recht, so strich sie nichts ab von dem klaren scharfen Urteil. Nur um eines bangte sie: daß er vergessen möchte, daß es gen Abend ging, daß der Tod ihn abrufen könne, bevor er das Wort der Vergebung gesprochen.

Mühsam erhob sie sich und trat an seine Seite.

»Ich stehe auf ganz demselben Standpunkt, -- Erlaucht wissen das ja! Für eine alte Frau wie mich, passen die modernen Begriffe nicht. Nur eines möchte ich bitten: Lassen Sie uns nicht vergessen, daß unsere Tage gezählt sind, und daß es für jeden von uns heißt: ›Vergebet, so wird euch vergeben!‹«

Die Adleraugen sahen sie blitzend an. Ritterlich zog er die welke Frauenhand an die Lippen. »Seien Sie unbesorgt, teuerste Freundin, ich werde es nie vergessen, daß ich ein Christ bin, aber es gibt auch eine christliche Zucht!«

»Gewiß, anders meinte ich's ja auch nicht. Nur müssen wir beide daran denken, daß wir nicht mehr allzulange Zeit haben!«

Er nickte nachdenklich. »Sie haben ganz recht.« Er sah vor sich nieder. »Das erschwert uns das Handeln. Heute darf ich ihm nicht vergeben. Denn noch ist seine Reue nicht echt.«

»Nein, noch ist sie nicht echt. Aber ist's nicht andererseits die schwerste Strafe, daß er von der Hochzeitsfeier der einzigen Schwester ausgeschlossen ist?«

»Er bleibt auch sonst ausgeschlossen.«

Sie sah gequält zum Fenster hinaus. Alles, was er sagte, entsprach ihrem Gerechtigkeitssinn. Und doch --

»Ich bitte Erlaucht ja auch nur, dem verlorenen Sohn die Tür nicht zu verschließen, wenn er sich aufmacht und am Vaterhause klopft,« sagte sie mit leise bebender Stimme.

Die Tränen stiegen ihm in die Augen.

Er gedachte einer anderen, die ihn ein Menschenalter hindurch auf seinem Wege begleitet, die ihm die Sorgen verscheucht und den Zorn besänftigt. Nun fehlte die sanfte glättende Hand, die beruhigende Stimme auf Schritt und Tritt.

Die Erinnerung stieg herauf und grüßte die ehrwürdigen Vertreter vergangener Tage.

Er zog die Uhr. »Es wird Zeit,« sagte er. »Um elf kommt der Standesbeamte.«

Noch einmal neigte er den Kopf über die Hand der alten Freundin. »Sie können sich auf mich verlassen,« sagte er leise.

Dann war sie allein.

Den Kopf in die Hand gestützt, sah sie vor sich nieder. Sie hatte sich diesen Tag so ganz anders gedacht. Leuchtend und sonnig, wie das junge Menschenkind, das heut zum Traualtar treten wollte. Statt dessen überall Unruhe, schweres Warten. Seit dem Tage von Sarajewo wetterleuchtete es am politischen Himmel. Ein Bann lag über Europa. In fiebernder Spannung blickten die Völker auf Österreichs greisen Kaiser. Serbien war die Brutstätte für Laster und Königsmord. Ob seine Fürsten und Herren an die Bahre Franz Ferdinands traten, ob der Mann aus dem Volke der Leiche des Ermordeten nahte, -- die Todeswunde brach auf und blutete und blutete -- -- Sollte der internationale Giftkessel brodeln bis zum Überschäumen? sollte er ungehindert seine furchtbare Lauge über Thron und Herrschaft ergießen? Die Völker Europas warteten -- -- -- Aber ihre Propheten sprachen: ›Es ist die Wende der Weltgeschichte!‹ -- Ein Ahnen ringsum. Blutzeichen wiesen auf eherne Zeiten. -- -- -- -- --

Ein Wolkenschatten zog über das Hochzeitshaus in der Mark. Das Gespenst, das Deutschland bedrohte, blickte zum Fenster herein und nickte einem zu, der sich drinnen eingenistet. Der Schmerz war's, der stärker ist als der Tod; denn die Schuld, die der Letzte seines Stammes begangen, bedeutete Verrat an ererbtem Blut und edler Sippe. Das war der fressende Wurm am Mark des Edelgeborenen. Wie eine schwere Anklage stand eine reine Frau vor dem alten Geschlecht. Niemals würde ein Wort über ihre Lippen kommen, aber ihr Anblick blieb ein stummer Vorwurf und der Sarg eines kleinen Kindes stand zwischen zwei Familien, die seit Jahrhunderten treu zueinander gehalten.

Schloß Bühl hatte sich zu einem großen glänzenden Fest gerüstet; nun sollte die Hochzeit in aller Stille gefeiert werden. Denn allein der Umstand, daß drüben in Kambach die Tochter des Hauses, während man ihr Kind begrub, schwer krank daniederlag, verbot rauschende Lustbarkeiten. Aber obgleich nur die engste Familie und ein paar von Harros Regimentskameraden geladen waren, herrschte Zerrissenheit in dem kleinen Kreise. Man fand sich schwer zueinander. Wolf Dietrich Bühler hatte sich in der Familie großer Beliebtheit erfreut, da wollt's manchem nicht recht in den Sinn, daß er plötzlich ein räudiges Schaf geworden sein solle. Konnte nicht auch die Frau schuld an dem Unglück sein? Und einer gab hier seine Weisheit zum besten, und der andere dort. Es wurde vergrößert, wurde verkleinert. Und zuletzt wußten die wenigsten, wie sie sich zu der Sache stellen sollten. Die Hauptpersonen merkten zum Glück nicht viel davon. Nicht nur das Brautpaar. An den greisen Hausherrn, an Exzellenz von Kambach und ihren Sohn, an die Brautmutter wagte sich der Klatsch nicht heran. Aber eine frohe Stimmung wollte nicht aufkommen; es wäre ja auch unnatürlich gewesen.

Grau in grau lag der Tag, auf den sie sich so gefreut, vor der alten Frau. Alles hatte sich verschoben. Nicht nur das große Ganze. Auch kleine Zwischenfälle störten und beunruhigten sie. Direktor Wendler, an den eine Einladung ergangen war, konnte sich erst kurz vor seiner eigenen Hochzeit frei machen. Eichelchen war an Ilses Krankenlager gefesselt, bis eine Diakonisse aus Berlin eintreffen würde. Ein Dreilindener Kochlehrling, ein frisches niedliches Mädchen von siebzehn Jahren, lag mit schwerer Diphtherie im Drachenburger Krankenhause. Und endlich konnte die greise Frau sich nicht an die Hochzeitsreise des jungen Paares mit dem Luftschiff gewöhnen. Wie vieles Neue dem Alter fremd bleibt, war ihr diese Errungenschaft der Neuzeit fremd geblieben. Schließlich hatte sie sich zwar so weit daran gewöhnt, daß sie die strategische Notwendigkeit der Luftschiffahrt zugab. Aber niemand durfte ihr damit kommen, daß es zum guten Ton gehöre, in einer Gondel gesessen zu haben. Wer solche Ideen vertrat, kam schön bei ihr an. Sibyllens brennendem Wunsch, ihre Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ zu machen, hatte sie, soviel sie konnte, entgegengearbeitet. Aber gegen die flammende Begeisterung des Brautpaars, welche durch den Oberstallmeister noch genährt wurde, kam sie nicht auf. Sibylle machte ihr allen Ernstes den Vorschlag: »Großmutter, fahr doch ein Stück mit, du wirst entzückt sein!«, und Harro erklärte, es sei nur bei ganz seltenen, unvorhergesehenen Zwischenfällen, mit denen man doch schließlich überall rechnen müsse, gefährlich. -- Sie merkte, sie drang nicht durch. Aber ihre Sorge war unvermindert. Immer wieder dachte sie an den Ausspruch eines ihr bekannten Fachmannes: ›Den höheren Naturgewalten ist das Luftschiff natürlich nicht gewachsen. Wohl vermag es starken Winden standzuhalten, der Gewalt des Orkans gegenüber ist die Kraft der Propeller so gut wie machtlos.‹ -- Allerdings -- Flügel ersetzten sie nicht, und die forderte der Verkehr mit der Luft. Das Leben fehlte. Die unumschränkte Herrschaft über Bewegung und Kurs. Das Natürliche, das sich der Natur anpaßte. Dann fragte sie sich zwar: ›Sind wir nicht in anderen Lebenslagen ebenso oft oder gar öfter in Gefahr?‹ Doch die Angst ließ sie nicht los, und immer wieder zog ihr das warnende Wort der Phorkyas aus dem ›Faust‹ durch den Sinn:

›Aber hüte dich zu fliegen, Freier Flug ist dir versagt!‹ -- -- --

Es klopfte.

Sibylle trat ein. Ernst und glücklich.

Sie hatte eine schwere Zeit hinter sich. Die Ungewißheit bis zur Entscheidung des Ehrenrates wenige Tage vor der Hochzeit hatte Mut und Gottvertrauen auf eine starke Probe gestellt. Dann waren die Würfel gefallen: der Mann, den sie liebte, war ihr neu geschenkt worden. --

Ganz still saß sie einen Augenblick bei der Großmutter. Gesprochen wurde kaum.

Zum letztenmal legte Frau von Kambach die Hände auf das dunkle Mädchenhaupt, das in wenig Augenblicken Kranz und Schleier zieren sollten.

Dann schied die Braut.

»Großmutter, nicht wahr, du betest für uns?« sagte sie mit bewegter Stimme.

»Ja, mein Liebling, das verspreche ich dir!« Sie schlang den Arm um den Hals der Enkelin. »Gott behüte dir dein Glück!« Sie küßte sie mehrmals. »Leb' wohl, meine Billy!«

In tiefer Bewegung neigte sich das junge Mädchen zum letztenmal über die Hand der Greisin. Dann eilte sie hinaus.

»Nicht wahr, wenn der Sturm anhält, fahrt ihr nicht mit der ›Brandenburg‹ -- du versprichst es mir?« rief Frau von Kambach ihr nach.

Sie blieb auf der Schwelle stehen.

»Verlaß dich darauf, Großmama! Harro würde das niemals tun, schon dir zuliebe! Außerdem fahren die Zeppelinschiffe bei solchem Sturm gar nicht. Was hätten wir auch davon, da oben im Nebel zu sitzen und zu frieren,« -- ein Lächeln flog über ihr lebhaftes Gesicht, -- »du weißt doch, ich will die Sonne grüßen!! Düsseldorf ist ja auch weit fort von hier und wir haben noch vierundzwanzig Stunden Zeit bis zum Aufstieg, bis dahin kann schönstes Wetter sein!«

Beruhigt nickte ihr die Greisin zu. »Harro kommt noch zu mir, nicht wahr?«

»Ja, gewiß. Ich wollte auf ihn warten, aber es wurde zu spät, weil die Ziviltrauung jetzt ist, und er vorher noch mit Papa zu tun hatte. Nachher muß ich mich gleich umziehen, darum benutze ich den freien Augenblick. Verzeih, daß wir getrennt kommen! Harro wird also sofort nach dem Standesamt bei dir erscheinen!«

Noch einmal strahlten die dunklen Augen Frau Sabine an. »Leb wohl, Großmutter!«

Dann fiel die Tür ins Schloß und ein leichter Schritt ging über die Dielen. -- -- --

* * * * *

Stunden waren vergangen. Der Sturm hatte sich gelegt. In die Fenster der Bühler Dorfkirche hatte die Sonne geleuchtet und die Braut an ihrem Ehrentage gegrüßt.

Nun war alles vorüber. Wie einst Ilse Bühler, wurde die junge Frau von Kambach von bäuerlichen Fackelreitern zur Gutsgrenze geleitet.

Schenkersch Vadder, der seinen Herrn begleitet und die Oberaufsicht beim Decken der Hochzeitstafel geführt, hatte es sich nicht nehmen lassen, den Neuvermählten den Wagenschlag zu öffnen, und die Bühler Dienerschaft überließ dem Greise gern das Ehrenamt.

Sibylle rechnete ihm den kleinen Dienst hoch an. Freundlich nickte sie ihm zu, zog eine weiße Marschall-Niel-Rose aus dem Brautbukett und reichte sie ihm.

Franz Schenker strahlte. Mit tiefer Verbeugung sagte er: »Ich danke untertänigst, gnä' Frau!«

Sie lächelte. »Besuchen Sie uns auch einmal, Herr Schenker!«

Dann sah sie sich um, ob ihre Blumen alle im Wagen seien, und zog die Reisedecke in die Höhe: »So, Harro, nun kann's losgehen!«

Ein letztes Grüßen, ein Flattern weißer Tücher, die Pferde zogen an und die Tochter des alten märkischen Geschlechtes fuhr, von wehenden Fackeln begleitet, ins Leben hinaus.

»Hoch Brandenburgs Rose!« jauchzte es hinter der Scheidenden her, dann war alles still, nur der Hufschlag der Rosse klang durch die Nacht, und der Wind summte sein tausendjähriges Feierlied in den Zweigen der träumenden Birken. -- --

* * * * *

»Ob es wohl morgen schön wird?« sagte die junge Frau und betrachtete zweifelnd vom Fenster des +D+-Zuges den Himmel. »Es wäre ein Jammer, wenn wir nicht fliegen könnten!«

Ihr Gatte trat zu ihr und legte den Arm um die schlanke Gestalt. Glücklich sah er auf sie nieder. Dann prüfte sein Auge den Himmel. »Das Wetterglas steht nicht schlecht,« sagte er. »Ich habe Großmama übrigens versprochen, daß wir die Fahrt nur bei gutem Wetter mitmachen. Und dies Versprechen muß ich halten. Es tut mir so leid, daß sie sich noch immer so ängstigt, es wäre wirklich das beste, sie machte einmal selber eine Zeppelinfahrt!«

»Das tut sie nicht,« meinte Sibylle. »Sie sieht ja jetzt ein, daß Deutschland nicht ohne die Luftschiffahrt auskommen kann, -- das ist Papas Verdienst. Aber sie läßt sie auch nur strategisch gelten. Daß wir unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ machen wollen, ist eigentlich ein Verbrechen. Großmutter ist zu alt für solche Neuerungen, Schatz! Sie sagte mir neulich, hier müsse es heißen, ›Naturkraft gegen Naturkraft‹. Aber der schöpferische Grundgedanke fehle, der Propeller habe weder das Anpassungsvermögen noch die natürliche Widerstandskraft des fliegenden Vogels.«

Er zuckte die Achseln. »Als die Eisenbahn erfunden wurde, war es dieselbe Geschichte. Niemand von den älteren Herrschaften wollte in die ›Höllenmaschine‹ hinein. Und heute? Wenn man die Sache so ansehen will, hält überhaupt kein menschliches Werk den Elementen stand. Dann ist die Natur König!«

»Gott,« sagte sie leise.

Er schloß das Fenster und zog sie neben sich auf den Polstersitz.

»Du mußt doch zugeben, daß hinter allem Leben eine Naturgesetzlichkeit steht, die das Ganze beherrscht, Billy, und somit alles Weltgeschehen von ihr abhängig ist.«

Sibylle Kambach blickte ihren jungen Gatten voll an. »Ich denke gar nicht daran, das zuzugeben.«

Er sah ihr belustigt in die sprühenden Augen. »Unsere Hochzeitsreise fängt ja schön an!«

»Daran bist du ganz allein schuld! Ich kann das doch nicht stillschweigend mit anhören, wenn du etwas so Widersinniges sagst!«

»Oho!«

»Ja. Du sagtest doch kürzlich, du neigtest neuerdings stark zum Pantheismus. Danach ließest du den Schöpfer gelten. Ist denn dieser Schöpfer abhängig von den Gesetzen der Natur, die er selbst geschaffen hat? Liegt darin nicht schon ein Widerspruch? Gott wäre demnach ja eine Maschine! Außerdem müßte ein in irgendeiner Weise abhängiger Schöpfer doch wieder einen Schöpfer haben und dieser wieder einen! Wer wäre dann der Urschöpfer? Nein, lieber Schatz, du kannst es mir glauben, das, was wir Naturgesetzlichkeit nennen, ist etwas anderes, als du annimmst. Es ist ein fortwirkender, aber kein schöpferischer Faktor. Die Kräfte, die Gott in die Natur gelegt hat, entwickeln sich weiter. Wir kurzsichtigen Menschen nennen das ›Naturgesetzlichkeit‹ und bilden uns, der Himmel weiß was auf diese großartige Erkenntnistheorie ein. Und doch kommen wir selbst am schlechtesten dabei weg, denn nach dieser Theorie haben wir keinen allmächtigen Gott und Vater im Himmel, sondern sind der Naturgesetzlichkeit verfallen.« Sie sah ernst vor sich nieder.

Ihrem Mann war diese Wanderung durch die Gefilde der Philosophie wenig angenehm, aber er mußte sich andererseits sagen, daß er nicht ganz unschuldig daran sei.

»Na, unsere Hochzeitsreise soll nicht durch die Frage gestört werden, nicht wahr, Schatz?« versuchte er Sibylle von dem heiklen Thema abzulenken. »Wir haben ja unser Glück!«

»Mich beunruhigt die Frage durchaus nicht, Harro, denn ich habe die Antwort,« erwiderte sie. »Aber aufs Glück kommt es nicht an, sondern darauf, daß wir auf Felsengrund stehen.«

Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn heiß und innig.

Er aber blickte in die dunklen Augen, die ihre ganze Seele widerspiegelten, und sagte sich: ›Sie gibt dir ihr Bestes!‹

Schweigend saßen sie beisammen.

Draußen huschten die Lichter vorüber, und die farbigen Signale leuchteten.

»Ich möchte gerne noch etwas von der ›Brandenburg‹ hören,« bat sie. »Ist sie schön ausgestattet?«

Sie rückte näher an seine Seite und breitete die Reisedecke über sich und den Gatten. »So, nun ist's gemütlich, -- nun erzähl'! Schade, daß wir die Probefahrt nicht mitgemacht haben, -- wir hätten acht Tage früher heiraten sollen.«

»Ja, Billy, das ist nun zu spät! Warum hast du nicht eher daran gedacht?«

Sie nahm den Hut ab und lehnte den Kopf an seine Schulter. »So -- also Herr Oberleutnant sind zum Vortrag bei Durchläuchting befohlen! Antreten!«

Er lachte. »Warte, wenn wir erst in unseren vier Pfählen sind, kehre ich den Herrn und Gebieter heraus. Heute geht dir noch einmal alles durch -- aber dann! Durchläuchting wird sich noch wundern!«

Ihre Augen blitzten ihn an. »Durchläuchting ist auf alles vorbereitet!«

»So -- desto besser!«

Und dann begann er ihr von dem wunderbaren Schiff zu erzählen, vom neuesten Zeppelin. »Die ›Brandenburg‹ entspricht in ihrer Länge etwa den Luftschiffen der Ostfriesland-Klasse: 160 zu 166,5 Meter,« sagte er. »Du hast ja nur den einen Freiballonaufstieg beim Luftschifferbataillon erlebt, nicht wahr?«

»Ich habe die ›Schwaben‹ von der Bahn aus fliegen sehen,« entgegnete sie.

»Das ist etwas ganz anderes, Billy! Das haben Millionen Menschen gesehen. Es ist ein wundervoller Anblick, wenn solch ein silberner Delphin an einem schönen Sommermorgen in den Wolken erscheint, aber es ist nicht mit der Nahwirkung zu vergleichen. Ich kann dir sagen, es ist ein geradezu großartiges Bild, wenn solch ein Riese sich langsam erhebt und als Segler der Lüfte die Wolken durchquert. Man glaubt, die lebendige Verkörperung deutscher Heldenkraft und Kriegsgewalt vor sich zu sehen!« Seine Augen leuchteten. Der preußische Offizier sprach.

»Und die Kabine?« fragte sie in frauenhafter Neugier.

»An der wirst du deine helle Freude haben! Sie erinnert an den +D+-Zug, ist aber nicht so vollgepfropft und darum viel behaglicher. Sie hat nur vierundzwanzig Plätze. Der rote Teppich und die hübschen Peddigrohrsessel machen den hellen luftigen Raum, der eigentlich ganz Fenster ist, höchst behaglich. Im übrigen ist es ganz wie auf einem unserer großen Dampfer. Ausgezeichnete Verpflegung, Sekt, Kaviar, tadelloser Steward, -- alles, was du willst. Aber man vergißt Hunger und Durst da oben!« Gedankenverloren blickte er vor sich hin.

»Ach ja, du hast ja im vorigen Jahr die Rheinreise mit der ›Viktoria Louise‹ gemacht!«

Er nickte. »Es war über alle Beschreibung schön. Du machst dir keinen Begriff von solch einer Fahrt. Man muß so etwas eben erlebt haben! Wir flogen damals über Baden-Baden, taten einen Blick in den Schwarzwald, dann ging es über die Ebene, dem Rhein zu. Nie hab' ich etwas so überwältigend Schönes gesehen, wie das breite grünseidene Band des gewaltigen Stromes mit seinen malerischen Ufern und stolzen Schiffen. Deutschlands Juwel, von oben geschaut, möcht' ich diese Fahrt überschreiben. Eigentlich hätt' ich dir das alles gar nicht erzählen sollen, Billy,« -- er sah sie lächelnd an. »Na, mit Worten läßt sich's nicht beschreiben, wie schön die Reise war, und etwas Vorfreude hat auch ihren Reiz!«

Sie nickte. »Vorfreude ist manchmal das Schönste,« sagte sie mit glänzenden Augen.

»Diesmal nicht!« --

Hand in Hand saßen sie aneinander gelehnt. Er hatte dem Schaffner ein Trinkgeld gegeben; so störte keiner ihr junges Glück.

»Wenn ich nur der armen Ilse helfen könnte,« sagte Sibylle endlich, »die Ereignisse der letzten Zeit liegen mir wie ein Stein auf dem Herzen. Wenn Wolf Dietrich nicht mein Bruder wäre, so ...«

»Ich verstehe das, Billy,« entgegnete ihr Mann, »aber du darfst die Sache auch nicht zu schwer nehmen. Deine Familie ist doch schließlich nicht dafür verantwortlich, daß Wolf Dietrich ein -- ein ...«

»Sag's nur ruhig,« meinte sie traurig, »daß er ein Lump ist!«

Er schwieg.

Da begann sie von neuem: »Weißt du, das ist das schwerste, daß es niemals wesentlich mit ihm anders werden wird. Die Scheidung und alles, was drum und dran hängt, wird ihm höchst peinlich sein, aber mehr auch nicht. Ändern wird Wolf Dietrich sich nicht. Viele werden sagen, er sei durch seine Veranlagung entschuldigt,« -- sie zuckte die Achseln.

Er antwortete nicht.

»Ach, Harro,« fuhr sie fort, »ich würd' es sonst ja nicht aussprechen, aber siehst du, Wolf Dietrich hat Mamas Natur. Er hat ihr heißes, leidenschaftliches Blut geerbt. Außerdem ist er bodenlos leichtsinnig; seine Erziehung war nicht streng genug -- nun haben wir die Folgen. Er hat eben nie gelernt, sich selbst zu bezwingen.«

»Kein Wunder,« sagte er.

Sibylle sah ihn von der Seite an. »Du meinst, -- weil -- Mama es auch nicht tut? Es ist schon möglich, jedenfalls haben wir von ihr keine Selbstbeherrschung gelernt.« Eine leichte Bitterkeit lag im Ton ihrer Stimme. Sie wollte nicht über die eigene Mutter urteilen, aber der tiefe Fall des einzigen Bruders ließ sie die Ursachen erforschen. Sie fand sie in der eigenen Kinderstube.

»Die Firlemonts sind alle so,« sagte sie, nach einer Entschuldigung suchend. »Onkel Axel sitzt ewig in Monte Carlo, Onkel Fred ist zum zweitenmal geschieden und Tante Antoinette -- von der kann man überhaupt nicht sprechen ... Mama ist ganz anders als ihre Geschwister, es ist überhaupt ein Wunder, daß sie so ist, denn die Großeltern sollen sich niemals um ihre Kinder gekümmert haben! Harro -- findest du nicht, daß Wolf Dietrich etwas, -- ich meine selbstredend nicht, daß ihn keinerlei Vorwurf trifft, -- aber daß er ein ganz klein wenig entschuldigt ist? Denn schlecht ist er nicht!«

Nein, schlecht war er nicht. Das fand Harro auch. Aber der dunkle Flecken auf der Offiziersehre blieb. Das konnte auch die eigene Schwester nicht leugnen.

Sie fuhren in den Potsdamer Bahnhof ein.

»Wenn Ilse nur wieder gesund wird,« dachte sie, während ihr Mann einem Gepäckträger winkte.

Da gewahrte sie, am Fenster stehend, einen Herrn auf dem Bahnsteig. Auf den ersten Blick war der Offizier in Zivil erkennbar: Wolf Dietrich. Sie prallte zurück. Es ging über ihre Kraft -- am heutigen Abend eine zwanglose Begegnung mit ihm, während Ilse krank daniederlag -- unmöglich! Sie sagte es ihrem Mann.

Der zog die Brauen zusammen.

»Nee, Kindchen, das geht allerdings nicht!« Er blickte hinaus. »Wahrhaftig! Er hat uns aber nicht gesehen!«

Sie öffnete ihre Reisetasche und zog einen dichten Autoschleier hervor, den sie über den Hut band. »So,« sagte sie. »Du bist ja in Zivil!« Noch einmal sah sie hinaus. »Er scheint hier jemand zu erwarten!«

»Ja, Billy, es hilft nichts, wir müssen aussteigen!« Harro Kambach ging seiner Frau voran. Draußen zog er ihren Arm in den seinen. Ohne rechts und links zu blicken, schritten sie über den Bahnsteig.

Fünf Minuten später saßen sie im Auto.

In Sibylles Augen standen Tränen. Sie preßte die Lippen zusammen. Vor ihrem Geiste stand das Bild des schönen lebensfrohen Mannes, der ihr liebster Spielkamerad gewesen. Es krampfte sich alles in ihr zusammen, wenn sie daran dachte, was aus ihm geworden war. Denn trotz allem, das gewesen, die geschwisterliche Liebe vermochte sie nicht aus ihrem Herzen zu reißen. Er war und blieb ihr einziger Bruder.

Neunzehntes Kapitel.

»Wenn ich die Sonne grüße ...«