Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 21

Chapter 213,626 wordsPublic domain

In der Seele der Großmutter erwachte die Erinnerung. Die kleine schlichte Begebenheit aus der Kambacher Kinderstube trat aus dem Rahmen des Alltäglichen, aus der Enge in die Weite, und das Wort des märkischen Landbuben wurde im Glanz des sinkenden Juniabends Geschichte. Auf der Stirn der deutschen Frau lag's wie Prophetenklarheit; in tiefer Scheu vor dem Gewaltigen kam's über die greisen Lippen: »Die Welt brennt!«

Entglomm fern in Bosnien heimlich beginnender Rassenkampf? nahte eine zweite Völkerwanderung? -- Als zöge die gewappnete Reitergestalt jenes wundersamen Bildes, das ein deutscher Meister mit flammendem Pinsel geschaffen, im Glanze germanischer Siegesfeuer über die dämmernde Erde, leuchtete das Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wie ein glühender Rubin in die Nacht hinaus -- -- --

Siebzehntes Kapitel.

Der getreue Eckart.

Deutschen Weibes Schwelle schirmen, Ist des Mannes höchste Ehre! Frauenadels Wächter heißen, Höher steht's, als güldne Wehre!

»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für Ihre Mitteilungen, mein lieber Herr von Roselius! Es scheint ja leider, als solle das traurige Material, das mir bereits zur Verfügung steht, vervollständigt werden. Ja, ich will es Ihnen offen sagen, als Sie sich bei mir melden ließen, ahnte ich, warum Sie kamen. Es fragt sich nun nur, wie man meiner armen Enkelin am besten hilft -- ich fürchte, ehe sie nicht mit eigenen Augen ihr Unglück sieht, wird sie nicht zu einer Scheidung zu bewegen sein!«

Frau von Kambach saß in ihrem Arbeitszimmer, den Kopf sorgenvoll in die Hand gestützt, dem vor einer Stunde überraschend eingetroffenen Gast gegenüber. »Sie werden es erleben, ehe sie nicht vor Tatsachen steht, ist nichts zu machen!«

»Dieser Standpunkt wäre durchaus berechtigt, Exzellenz,« entgegnete der Oberleutnant, »aber Gräfin Bühler steht vor Tatsachen!«

»Sie meinen das Kind?«

»Ja. Es ist mehr wie erblich belastet, es ist, wie Sie selbst mir mitteilten, nach Aussage des Arztes kaum lebensfähig!«

»Gewiß, das unterliegt keinem Zweifel, aber eines dürfen wir nicht vergessen. Es kann sich hier um Vergangenes handeln. Sie wissen, wie verzweigt und schwierig dies Kapitel ist, wie viele Winkelzüge und Ausreden es ermöglicht -- etwas ganz anderes ist es dagegen, wenn ~heute~ eine tatsächliche Verschuldung zu beweisen wäre, wenn z. B. der Beweis unerlaubten Verkehrs erbracht werden könnte. Frauen ertragen und vergeben unendlich viel, wenn sie lieben, nur dies Eine, Letzte nicht. Darauf kommt es also an. Sie haben Beweise, daß derartiges vorliegt?«

Er sah ernst vor sich nieder. »Der letzte Beweis fehlt mir ...«

Sie seufzte. »Ich dachte es mir! -- Sie haben also einen ganz bestimmten begründeten Verdacht; denn sonst würden Sie nicht so sprechen.«

»Ja, den habe ich allerdings.«

Beide schwiegen. -- --

»Exzellenz werden sich gewundert haben,« begann der Offizier aufs neue, »daß ich seit dem vorigen Herbst so viel im Bühlerschen Hause verkehre. Ich könnte ja mancherlei Gründe dafür angeben, vor allem die Kambachsche Gastfreundschaft und den Zauber echter Weiblichkeit, welche es traulich machen. Wir Junggesellen sehnen uns immer wieder nach derartigem Anschluß, wenn wir es auch nicht aussprechen.« Er fuhr mit der Hand über die Stirne, als wollte er einen Schatten bannen. »Trotzdem -- der Grund liegt tiefer. Ich rede sonst natürlich nicht davon, aber vor Ew. Exzellenz mache ich kein Hehl daraus: ich kann es nicht mit ansehen, daß die Tochter eines alten edlen Geschlechtes zugrunde gerichtet wird, daß eine Kambach ...« er atmete schwer, »Exzellenz wollen mir das übrige ersparen!«

In tiefer Bewegung sah die alte Frau ihn an. Wie anders hätte das arme Kind es an der Seite dieses treuen zuverlässigen Mannes haben können -- aber Ilse hatte sich durch Äußerlichkeiten und schöne Worte betören lassen. Nun war es zu spät, und die ritterliche Treue, die ihre Schwelle bewachte, vermochte die junge Frau kaum vor dem Äußersten zu schützen.

Die Tränen traten ihr in die Augen.

»Also ein getreuer Eckart?« sagte sie leise.

Er schien ihre Gedanken nicht zu ahnen.

»Hätt' ich's sein können!« rief er leidenschaftlich, »aber es ist wirklich ein wahres Wort, daß die Sünde im Finstern schleicht. Glauben Ew. Exzellenz, daß es mir bis jetzt, während Gräfin Bühlers bald vierwöchentlicher Abwesenheit, gelungen ist, dahinterzukommen, wie die Dinge stehen? Den Burschen kann ich doch schließlich nicht fragen! Es ist zum Tollwerden! Die Sache liegt auf der Hand, nur der letzte Beweis fehlt. Die Angst um die Gräfin läßt mich nicht mehr los! Darum kam ich her! Es lag mir am nächsten, Ew. Exzellenz meine Sorgen mitzuteilen. Herr von Kambach hat mich niemals nach seinem Schwiegersohn gefragt, -- ich darf mich ihm nicht aufdrängen. Aber vielleicht könnte doch durch eine Warnung das Ärgste verhütet werden! Stellen Ew. Exzellenz sich vor, was eine unvorhergesehene Begegnung für die zarte Frau, die meines Erachtens trotz allem, was ihre Ehe trübt, an derartiges nicht denkt, bedeuten würde!«

Sie hatte ihn während der letzten Worte sprachlos angesehen. »Also, Sie glauben wirklich ...?«

»Ich glaube alles,« erwiderte er mit zusammengezogenen Brauen.

Wieder saßen sie schweigend.

»Und Harro?« fragte dann die Greisin.

»Harro?« Seine Züge klärten sich auf. »Ich habe ihn ja seit seinem Kommando zum Luftschifferbataillon kaum gesehen. Aber er beginnt doch, wie es scheint, die Folgerungen des Lebens zu ziehen. Er ist ja trotz seiner leichten Ader nicht schlecht veranlagt. Vor allem ist ihm die geschwisterliche Liebe zu Hilfe gekommen. Der Grundstein, den das Elternhaus legt, wird so leicht nicht zertrümmert, Exzellenz! Ich habe ihn im Herbst in heller Empörung gesehen, als Bühler zum erstenmal in seiner Gegenwart ungezogen gegen die Gräfin wurde, -- na, und was dann alles folgte, wissen Exzellenz ja! -- Im übrigen hoffe ich, daß Harros Ehe einen guten Einfluß auf ihn ausüben wird. Gräfin Sibylle ist wie geschaffen zur Führerin einer solchen Natur. Sie wird ihn, ohne daß er und andere es merken, in kluger und taktvoller Weise beeinflussen, -- sie tut es jetzt schon. Er ist schon viel zuverlässiger und ernster geworden. Es scheint wirklich, als begänne sein Leben eine andere Richtung zu bekommen. Wollen Exzellenz mir glauben, daß er kürzlich vor einigen Kameraden unseren Bund durch dick und dünn verteidigte -- trotz seiner noch immer recht freien Weltanschauung. Seine Auffassung von der Sache war natürlich unklar. Aber der mühevolle, kein Opfer scheuende Kampf um ein versinkendes Volk hat auf ihn einen derartigen Eindruck gemacht, daß er mit seiner Person dafür eintrat. Natürlich kamen die anderen, zumal die Spötter, auf ihre Rechnung. Als aber ein Neuling ›Hoch, Brandenburgs Rose!‹ dazwischenrief, da hätten Ew. Exzellenz unsere jungen Offiziere sehen sollen! Und Kambach war natürlich fein heraus! -- Doch ich wollte das nur anführen!«

Sie nickte ihm lächelnd zu: »Ja, sie ist eine rechte Bühler!« -- --

* * * * *

Roselius konnte nicht zum Abend bleiben, weil er schon gegen sechs wieder in Drachenburg sein mußte. Und Dreilinden hatte nicht die gute Bahnverbindung, wie Kambach. So mußte er Frau von Kambachs Einladung ablehnen. Mit herzlichem Dank entließ sie ihn.

»Ich werde tun, was ich kann,« sagte sie, als er ihr, Abschied nehmend, die Hand küßte, »aber solange meine Mitteilungen sich nicht auf Tatsachen gründen, werde ich einen schweren Stand haben.«

»Ich fürchte, meine Vermutungen werden bald Tatsachen werden,« entgegnete er ernst. »Darum habe ich nur die eine Bitte, daß irgend etwas geschehe, bevor die Gräfin zurückkehrt.«

»Ich werde morgen nach Kambach fahren und mit meinem Sohn sprechen. Darf ich Ihren Namen nennen?«

»Selbstredend, Exzellenz! Nur die letzte, kaum denkbare Möglichkeit eines Irrtums würde heute meinen Eid verhindern. Ich sah eine verschleierte Gestalt, die mir bekannt vorkam, in vorgerückter Stunde die Villa betreten und nach Mitternacht wieder verlassen. Da ich Bühlers gegenüber wohne, konnte ich die Sache gut beobachten. Auffallend ist außerdem, daß die häufigen Fahrten nach Berlin mit dem Tage, wo die Gräfin nach Kambach ging, aufgehört haben -- er scheint häusliche Empfänge bequemer zu finden, -- man weiß wirklich nicht, was größer ist, die bodenlose Unverschämtheit oder die Unvorsichtigkeit! Es liegt also jedenfalls etwas vor, -- darum meine ich, es müßten Maßregeln getroffen werden, die Gräfin vor dem Äußersten zu schützen!«

Er verbeugte sich tief. »Ich empfehle mich ganz gehorsamst, Exzellenz!«

Fünf Minuten später rollte der Wagen über den Hof. -- --

* * * * *

Die Abendsonne stand über den Feldern, als Oberleutnant von Roselius heimkehrte. Nach Erledigung einer dienstlichen Angelegenheit wollte er noch ins Kasino gehen. Seinen Burschen, den er ausgeschickt, erwartend, stand er auf dem Balkon.

Es dämmerte. Dunkler wurden die Schatten. Laternen blitzten auf, hier und da wurde eine Villa hell. Von den Kirchen klang der Schlag der Turmuhren herüber, und das Rathaus antwortete.

Gedankenverloren blickte er die Straße entlang.

Da sah er eine Dame langsam den Bürgersteig auf und nieder wandern. Soweit Roselius es im Zwielicht erkennen konnte, war sie unauffällig gekleidet. Trotzdem fiel sie, vielleicht nur durch ihr fortwährendes Auf- und Abgehen im Halbdunklen, auf. Ihm aber fuhr's durch den Sinn: ›Das ist sie!‹ Er gab das Kasino auf, ließ sich kaltes Abendbrot auf den Balkon bringen und fuhr, durch eine Säule gedeckt, fort, die Fremde, die inzwischen näher gekommen war, zu beobachten. Jetzt fiel der Schein einer Laterne auf ihre Gestalt, sie neigte den Kopf, aber er hatte sie schon erkannt. Es war eine bekannte Berliner Varietekünstlerin. Heute war sie unverschleiert. -- --

Und wieder das Auf- und Abwandern. -- --

Da leuchtete plötzlich in der Bühlerschen Villa ein Licht hinter den verhangenen Scheiben auf. Die Halbweltdame schien nicht darauf zu achten. Gelassen wanderte sie noch einmal auf und nieder, blieb unvermittelt stehen und bog raschen Schrittes in eine Seitenstraße ein. Aber der heimliche Späher durchschaute das Manöver und wartete. Er hatte sich nicht geirrt. Nach kaum zehn Minuten kam sie im Schatten der Mauern zurück, huschte eilig durch den Vorgarten und verschwand in der Villa. -- -- --

Wahrhaftig, die Unverfrorenheit, etwas derartiges in einem vornehmen Regiment zu wagen, suchte ihresgleichen! -- --

Roselius sah die Straße entlang. Sie war menschenleer. Er war also der einzige Zeuge des Vorgangs. -- --

Über den Kirchen stieg die Sommernacht herauf. Vollmondschein lag auf dem deutschen Städtebild, und die Sterne zogen funkelnd ihre Bahn.

Er aber rang mit abgrundtiefer Not, mit fremder Schuld und fremdem herzbrechendem Leid.

Während er in schweren Gedanken die Straße überschaute, nahten zwei Gestalten. Er hatte nicht acht auf sie. Erst als sie in den Lichtkreis der Laternen traten, ward seine Aufmerksamkeit gefesselt.

Und dann blickte er starr auf die schlanke Frau im langen Reisemantel, -- ein Ruck ging durch seine Gestalt -- im nächsten Augenblick war er auf der Treppe. Wie aus dem Boden gezaubert stand er vor ihr, atemlos, gewaltsam seine Erregung meisternd: »Gnädigste Gräfin, -- verzeihen Sie einen Augenblick!«

Ilse Bühler stand sprachlos vor ihm, ihr Kind im Arm. Ihre Begleiterin trug großes Handgepäck, welches für einen Wagen berechnet schien.

»Um Gottes willen, Herr von Roselius, was ist geschehen? Ist mein Mann krank?«

Er gab der Jungfer einen Wink, zurückzubleiben, und ging an der Seite der jungen Frau die Straße entlang.

»Nein, er ist nicht krank, aber Sie dürfen nicht hinein, -- in diesem Augenblick nicht, -- es ist unmöglich!«

Sie blieb vor ihm stehen.

»Sie sprechen in Rätseln! Sagen Sie mir doch um Gottes willen, worum es sich handelt!«

»Ich kann Ihnen nur sagen, gnädigste Gräfin, daß Sie Ihr Haus heute abend nicht betreten dürfen!«

»Aber wenn ich es will!«

»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu folgen!«

Sie zuckte die Achseln. Eine dunkle Ahnung stieg in ihr auf und legte sich wie ein Alp auf ihr Herz. Aber sie bäumte sich dagegen auf. Sie wollte das Entsetzliche nicht glauben. Der Regimentskamerad ihres Mannes irrte -- mußte irren --, es konnte nicht anders sein! Denn trotz allem, was gewesen, trotz allem, was ihre junge Ehe getrübt, liebte er sie -- dies Bewußtsein machte sie stark, Vergangenes zu tragen, ob's noch so schwer war. Und sie umfaßte das kleine Bündel in ihrem Arm fester und drückte das schwache Körperchen an sich.

Seit vier Wochen war sie bei ihrem Vater, um sich zu erholen. Nach Sibyllens Hochzeit, die in Bühl stattfinden sollte, wollte sie mit ihrem Manne nach Drachenburg zurückkehren. Da fing der Kleine an zu kränkeln. Der Kambacher Hausarzt schob die Sache auf den Milchwechsel und nannte sie ungefährlich. Aber Ilse erklärte ihrem Vater, der alte Herr verstände nichts von der Behandlung so kleiner Kinder, ihr Drachenburger Arzt habe Fritz Karl ganz anders behandelt, sie müsse nach Hause. Der Oberstallmeister war dagegen. Zuerst fügte sich Ilse den Wünschen des Vaters, dann aber erklärte sie plötzlich eines Morgens mit ungewöhnlicher Bestimmtheit, sie reise nachmittags. Und so geschah's. Unterwegs gestand ihr die Jungfer, daß sie vergessen habe, die Drahtnachricht an den Grafen zu befördern, -- so war kein Wagen an der Bahn und zum Unglück an dem überfüllten Zug kein Gepäckträger zu haben. Die Koffer mußten auf der Bahn bleiben. Nur mit dem Notwendigsten versehen, kam sie unerwartet zu Hause an. --

»Haben Sie Barmherzigkeit mit mir,« sagte sie, »was ist es?« Erschöpft lehnte sie sich an das Gartengitter.

Er antwortete nicht.

»Herr von Roselius!« bat sie flehend.

»Das kann ein Mann einer Frau nicht sagen, gnädigste Gräfin!« Mit erstickter Stimme kam's heraus, so leise, daß nur sie es vernahm.

Einen Augenblick stand sie wie gelähmt. Dann raffte sie sich gewaltsam auf und trat dicht vor ihn hin: »So sagen Sie mir nur eines, ich beschwöre Sie -- ist -- ist es -- das Schwerste?«

Er blickte in das schöne geliebte Antlitz, und sein Herz zog sich zusammen in tiefem Weh. Aber er machte sich hart. »Ja,« antwortete er tonlos.

Da raffte sie die letzte Kraft zusammen und schritt ihm voran.

Ein paarmal war's ihm, als müsse er sie stützen, aber dann ging sie erhobenen Hauptes weiter.

Auf der Schwelle machte er noch einen letzten Versuch, sie zurückzuhalten, doch sie schüttelte stumm den Kopf. Und er verstand sie. Anderen glaubte sie es nicht, daß ihre Liebe mit Füßen getreten wurde.

Die Jungfer, eine Kambacherin, mochte ahnen, daß ihrer jungen Herrin Schweres bevorstand. Bescheiden trat sie vor und fragte, ob sie ihr das Kind abnehmen solle.

Aber die Gräfin hatte auch für diese treue Seele nur ein Kopfschütteln und drückte das Kleine, als gewähre es ihr einen Schutz in schwerster Stunde, fester an sich. -- --

Dann klingelt sie.

Der Bursche, der jedenfalls Befehl hat, ungebetene Gäste fernzuhalten, prallt bei dem unerwarteten Anblick seiner Herrin zurück.

Ein Blick aus den Augen des Oberleutnants gibt ihm die Haltung wieder und zwingt ihn zum Schweigen.

Kein Wort wird gesprochen.

Lautlos gleitet das Frauenkleid über den schweren Läufer, und der Schritt des Mannes verklingt ungehört.

Dann steht Ilse Bühler vor der Tür ihres Mannes.

Ein fremder steinerner Ausdruck liegt auf ihren Zügen.

Drinnen klingt die Stimme des Hausherrn, dazwischen Frauenlachen und Gläserklingen.

Wieder will Roselius ihr den Weg vertreten. Aber sie sieht seinen flehenden Blick nicht. Sie legt die Hand auf die Türklinke -- sie öffnet -- --

Und dann zittert ein markerschütternder irrer Schrei durch das nächtliche Haus -- -- starke Hände stützen die Ohnmächtige und halten das gleitende Kind -- drinnen tönt ein Fluch, das Lachen verstummt, auf dem Parkett zersplittert ein Kelch, -- ein Flüstern, ein eiliges Rauschen weicher Seide -- es ist still im Haus. -- -- --

* * * * *

Am anderen Mittag stand ein geschlossener Wagen vor dem Kambacher Gutshause. Eine blasse Frau stieg langsam die Freitreppe hinan. Es war Ilse Bühler.

Die furchtbare Aufregung hatte ihr die Kraft gegeben, sich aufrechtzuhalten und, sobald sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, das Haus ihres Mannes für immer zu verlassen. Nicht einmal die Kleider hatte sie gewechselt. Nur für das Kind sorgte sie, daß es hatte, was es brauchte.

Ihren Mann sah sie nicht mehr. Nach einer scharfen Auseinandersetzung mit Roselius hatte er das Haus verlassen. Und sie war froh, ihm nicht mehr zu begegnen. Es war ja doch vorbei; was sollte es, sich um Tatsachen zu streiten, die wie Felssteine auf ihrem Lebenswege lagen?

So machte sie sich hart. Ohne einen letzten Blick auf die Räume zu werfen, die einst ihr Glück umschlossen, nahm sie ihr Kind und verließ, gefolgt von der treuen Jungfer, das Haus.

Am Gartengitter wartete der Wagen, den Roselius bestellt. Er hatte ihr behilflich sein, sie zur Bahn geleiten wollen, aber sie bat ihn, davon abzusehen.

»Es ist besser so,« sagte sie, ihm herzlich dankend. »Ich komme schon durch!«

Da hatte er der tapferen Frau die Hand geküßt und war gegangen. -- --

Und nun stand sie ihrem Vater gegenüber.

Der ganze Jammer ihrer Lage stürmte auf sie ein, ihr zertretener Stolz bäumte sich auf gegen die Demütigung, die in dieser Heimkehr lag. Wie oft hatte ihr Vater sie gewarnt; nun mußte sie vor ihn treten, die Scherben ihres Glückes in den Händen. Es war ihr ums Herz, als zerbräche etwas in ihr, als müsse sie den letzten Funken Selbstbewußtsein begraben.

Er hatte ihren Wagen nicht kommen gehört. Überrascht blickte er auf, als es leise an seine Tür klopfte, und die Tochter eintrat.

Ein Blick sagte ihm alles. Aber sie mußte ihm selbst sagen, warum sie nach kaum vierundzwanzig Stunden ins Elternhaus zurückkehrte. Sein Gerechtigkeitsgefühl forderte ihre Erklärung dem Manne gegenüber, den er, ob auch widerstrebenden Herzens, als Sohn anerkannt.

»Du kommst zurück, Ilse?« fragte er, sich erhebend und der jungen Frau einen Stuhl neben den Schreibtisch rückend.

Dann saßen sie sich gegenüber.

Sorgenvoll ruhte sein Auge auf ihr.

Sie senkte den Blick. »Ich durfte nicht bleiben, Vater!«

»Warum nicht?«

Seine kurze soldatische Art hatte, so sehr sie ihn liebte, von jeher etwas Einschüchterndes für sie gehabt. Flammende Röte stieg ihr in die Stirn. Wieder senkte sie den Blick.

Er aber vermutete Unüberlegtheit, Übereilung, verletzte Eitelkeit oder irgendeine andere weibliche Schwäche hinter ihrer Tat.

»Ich weiß, daß du es nicht leicht mit deinem Mann hast,« sagte er, »aber du bist genügend gewarnt worden, liebes Kind! So traurig sich deine Ehe auch gestaltet hat, -- vorläufig wenigstens gilt es darum: ›Wer A gesagt hat, muß auch B sagen,‹ -- es sei denn, daß ganz bestimmte schwerwiegende Gründe dich veranlaßten, sein Haus zu verlassen, nachdem du gestern aus freien Stücken zu ihm zurückgekehrt bist. Ich muß dich daher bitten, dich deutlicher zu erklären!«

Er lehnte sich im Stuhl zurück, die blauen Augen blickten sie durchdringend an. »Was ist der Grund deines Fortgehens?«

Ein Zittern durchrann die Gestalt der Gräfin. Sie öffnete die Lippen und schloß sie wieder. Ein Ausdruck namenlosen Schmerzes lag auf den schönen Zügen.

Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und stöhnte in tiefster seelischer Qual: »Ehebruch!« -- -- --

Still war's im Zimmer. Regungslos saß Ilse Bühler da, das Gesicht in den Händen vergraben, stumm tränenlos verzweifelt.

Die Brauen zusammengezogen, starrte Herr von Kambach vor sich nieder.

Dann fiel sein Blick auf die gebrochene Gestalt seiner Tochter.

Schwerfällig stand er auf und beugte sich über sie. Seine Hand strich liebkosend über ihre Wange, wieder, immer wieder.

Ohne sich zu regen, hielt sie ihm still.

Ratlos stand er da. Fast schämte er sich, daß er kein Wort des Trostes für das Kind hatte, -- was sollte er sagen? Und leise streichelte er die weiche Wange.

Er merkte nicht, daß es klopfte, daß eine gebeugte Gestalt am Krückstock eintrat. Erst ein leises Hüsteln ließ ihn aufsehen. Vor ihm stand seine Mutter.

Sie sahen sich an. -- -- --

Und dann näherte sich Exzellenz von Kambach der Enkelin.

»Ilse!«

Wie aus wirrem Traum erwachend, sah die junge Frau empor. Und unter dem Blick der Augen, die mit mütterlicher Treue ihre Jugend behütet, löste sich der Bann. Die Tränen stiegen ihr heiß empor, ein Weinen aus allen Quellen der Seele erschütterte ihren Körper.

»Großmutter,« schluchzte sie, »Großmutter!«

Achtzehntes Kapitel.

Veteranen.

Wir möchten euch wieder lehren Die alte preußische Zucht, Die Treue, die allerorten Das Heil ihres Volkes sucht!

Was Vaterlandsliebe und Sitte, Was unser geweihtes Gut, Wir möchten's ins Herz euch schreiben Mit märkischem Adelsblut!

Ihr habt eures Gottes vergessen, -- Nun fault eure beste Kraft! Wo ist die blinkende Ehre Altpreußischer Ritterschaft?

Es war einer von jenen Sommertagen, die dem Herbst zum Verwechseln gleichen, wo Sonne und Nebel miteinander kämpfen, wo sie leuchtend siegt, oder ein leiser Regen niederschauert, Stunde um Stunde, bis der Abend das Land in seine Schleier hüllt. Heute blieb der Nebel König. Von Busch und Baum tropfte es, in den Dachrinnen des alten Schlosses plätscherte es, durch alle Ritzen kroch's naßkalt herein.

Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und fuhr über den Park. Zerzauste Pflanzen standen trauernd auf den Rasenplätzen, geknickte Blumen welkten am Wege. Es war ein grauer freudloser Tag.

Melancholisch blickte der alte Graf Bühler ins Freie.

»Nun auch noch dieses trostlose Wetter,« sagte er, den weißen Kopf schüttelnd, »als ob der Hochzeitstag des armen Kindes nicht schon trübe genug wäre! Exzellenz haben heute früh noch keine Nachricht aus Kambach?«

Er wandte sich der Greisin zu, die, am vergangenen Abend eingetroffen, am Schreibtisch eines Bühlschen Gastzimmers saß.

»Doch, eben schreibt Fräulein Eichel, die Besserung in Ilses Befinden halte an. Das Fieber sei heruntergegangen, der Arzt den Umständen nach zufrieden. Daß das Kind starb, ist ja nur ein Glück, Erlaucht! Wir können Gott danken, daß er dies arme kleine Leben auslöschte, bevor ...«

»Sagen Sie es nur ruhig,« rief er mit bebender Stimme, »bevor die Sünde des Vaters seine Tage vergiftete! Es heißt nicht umsonst: ›bis ins dritte und vierte Glied‹. Die Bibel lügt nicht!« Zornesröte lag auf dem edlen Antlitz. »Exzellenz, ich habe manchen schweren Tag in meinem Leben zu verzeichnen, ich hab' an Sarg und Grab gestanden, hab' gefehlt und geirrt, denn ich bin ein sündiger Mensch, -- aber ich bin ein Edelmann geblieben! -- Obgleich ich als Christ natürlich ein ausgesprochener Gegner des Duells bin, hab' ich's darum doch verstanden, daß Harro Kambach seinen Schwager forderte. Es spricht für ihn, daß er sofort für die Ehre seiner Schwester eintrat. Es hat mir gefallen, wenn ich auch das Duell als solches aufs schärfste verurteile und mich über die ablehnende Haltung des Ehrenrates freue! Die Strafe, die Wolf Dietrich zuteil wird, ist meiner Ansicht nach überdies die einzig richtige, weil sie den Schuldigen wirklich trifft. Wer mit schlichtem Abschied aus dem Heer entlassen ist, der ist erledigt.« Er seufzte. »Ja, Exzellenz, die schwerste Stunde meines Lebens war die, in welcher ich mir sagen mußte: ›Dein Enkel hat seiner Mannesehre vergessen, einer deines Blutes ist -- ein Schuft!‹ Das war zuviel, und das verwind' ich auch nicht wieder -- das -- das bringt mich ins Grab! Zum erstenmal in meinem Leben hab' ich's beklagt, daß Bühl Majorat ist, -- wär's anders, keinen Halm erbte der Mann, der des Königs Rock ausziehen mußte, der -- der nicht mehr mein Enkel ist!«