Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 20

Chapter 203,779 wordsPublic domain

»Was ist denn los?« rief der Oberstallmeister dazwischen.

»Ach, sie muß noch einmal nach Berlin, um ihr Brautkleid anzuprobieren,« entgegnete seine Mutter. »Setz' dich doch gleich an meinen Schreibtisch, Billy, es ist höchste Zeit!«

»Danke, Großmama.«

Das junge Mädchen zog sich in das Nebenzimmer zurück.

Ohne auf die Unterhaltung drinnen zu achten, schrieb sie in fliegender Eile.

Dann griff sie zum Löscher.

Da klang ihres Schwiegervaters Stimme laut und erregt herein: »Wenn wir nicht in allernächster Zeit mit einer bestimmten pekuniären Sicherheit für mindestens zwei Jahre rechnen können, so bedeutet das einen Rückschritt der Bundesarbeit. Wehrmann und ich haben nach allen Ecken und Enden hin geschrieben; aber kein Mensch hat Geld, und die, welche es haben, rücken nichts heraus. Ja, wenn's für etwas anderes wäre! Aber für den Bund bibelgläubiger Christen? Nee, das gibt's nicht! Dabei brauchen wir, zumal bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte mit allem, was drum und dran hängt, für die nächsten zwei bis drei Jahre rund dreißigtausend Mark. Und das ist noch niedrig gerechnet. Ich weiß tatsächlich nicht mehr aus noch ein. Ein paar tausend Mark bekomme ich ja schließlich von guten Freunden zusammen, aber was soll mir das helfen! Opfer bringt dies verwaschene Geschlecht eben nicht mehr, höchstens für Schlemmerei und Spiel, und der Himmel weiß, was sonst noch! Mit einem Donnerwetter möchte man dreinfahren, damit die Herrschaften das Wort wieder lernten: ›Gold gab ich für Eisen!‹ Ich wollte, meine olle Klitsche brächte mir mal 'ne Musterernte, dann wüßt' ich, was ich täte, aber ich komme ja wieder nur so gerade durch. Es ist um aus der Haut zu fahren!«

Erschrocken lauschte Sibylle hinüber. Das waren ja böse Aussichten! Aber nein, es war unmöglich! Die Sache, die ihnen allen so am Herzen lag, die von so unendlicher Wichtigkeit war, konnte und durfte nicht Schaden leiden! Vielleicht sah ihr Schwiegervater in seiner regen Phantasie auch zu schwarz.

Und dann hörte sie Frau von Kambachs klare Stimme.

Aber auf dem Schreibtisch mahnte die Standuhr.

Sie flog hinaus. -- --

* * * * *

Gen Abend ging's. Langsam schlenderte der alte Postbote durch die Heide. Man durft' es ihm nicht verargen, daß er auch einmal die ganze Pracht in Ruhe genießen wollte.

Einer von jenen Tagen, welche das Land in ihre goldene Schleier hüllen und dem bescheidensten Erdenwinkel einen stillen Zauber verleihen, ging zur Neige. Einer von den Tagen, wo alles leuchtet, wo die Farbe glüht und Märchenschönheit das Alltägliche umspinnt. Wo Wald und Heide Königreiche werden, wo das Bauerngärtlein mit seinem Bienenstock, seinen Malven und Nelken, seiner weißen Wäsche auf dem Zaun wie ein Idyll den Wanderer grüßt. Wo einem der Gedanke aufsteigt: ›Es ging ein Himmelskind durch die Lande und segnete Wald und Anger und das Herdfeuer der Menschen!‹ Solch ein Tag war's, solch ein wundervoller! -- --

Unter dem steinernen Torbogen des Gutshauses stand Jutta Eichel. Auf den frischen klaren Zügen lag sehnende Erwartung.

Die Hand über die Augen gebreitet, spähte sie über die Heide.

Endlich tauchte der alte Postbote zwischen den Hügeln auf. Schwerfällig stolperte er auf sie zu.

»Na, ick dacht's mir doch, Fräulein Eichel steht schon am Hoftor! Ein Glück, daß der Brief da ist, sonst wär's mir wohl schlecht gegangen!« Er blieb vor ihr stehen und kramte seine Tasche durch. »Da is er schon! Aus Düsseldorf! Wann wird denn Hochzeit gemacht, wenn ick mir die Anfrage erlauben darf!?«

»Wenn die Hochzeit in Bühl gewesen ist!« klang die fröhliche Antwort.

»So, so. Konnt' ick mir denken.« Er kramte weiter. »Für Gräfin Bühler is auch was da! Aus Berlin. Der Herr Oberleutnant is ja wohl bei die Luftschifferabteilung? Is ja allens ganz gut, und 's Deutsche Reich muß wohl solche Einrichtungen haben, aber -- ick weiß nich -- die Dinger haben nu doch mal keine Flügel, und darum kommt so oft was vor! Denn was die Perpellers sind, -- das sind doch nu und nie richtige Flügel, wie die Vögel sie haben! Und ick sag' mir immer, wenn der liebe Herrgott die Vögel so für die Luft eingerichtet hat, dann müßten die Luftschiffe auch Flügel haben, -- warum geht die Geschichte denn sonst immer schief? Nee, nee, das gefällt mich nich, Fräulein Eichel!« Er schloß die Tasche. »Abends gibt's nich viel, is 'ne flaue Post, nur der Düsseldorfer Brief darf nich fehlen!«

Er nickte ihr freundlich zu und setzte seinen Weg fort.

Einen Augenblick stand sie noch, die dämmernde Heide überschauend, dann begann sie, langsam dem Gutshause zuwandernd, ihren Brief zu lesen.

Ein stilles Glück lag auf ihren klaren Zügen und gab ihnen einen eigenen Reiz. Einen feinen innerlichen, der ihr ganzes Wesen durchstrahlte und ihm jene Anmut verlieh, von welcher der Dichter singt:

›Ist der Leib ein Gotteshaus, Blickt ein Engel zum Aug' heraus.‹

Wendler hatte gewußt, was er tat, als er seine Lebensgefährtin erwählte. Wie kein anderer bedurfte er der Frau, deren Hand fest in der seinen lag, deren Auge hell blieb, wenn Wolken über den Weg zogen, die mit starker Seele des Lebens Last trug. Die ganze Arbeitsfülle, verbunden mit den Schwierigkeiten, die ein in den ersten Anfängen steckendes, von allen Seiten mißtrauisch betrachtetes, vielfach angefeindetes Werk begleiten, war auf ihn eingestürmt. Mitten hineingestellt in den Geisteskampf der Zeit, wuchs ihm mit der Größe der Aufgabe nicht nur das Verantwortlichkeitsbewußtsein ins Riesenhafte, auch seine Kraft erstarkte unter der Last. Mit dem Ewigkeitsgedanken, der seit dem großen Wendepunkt seines Lebens der Grundton seines Tun und Denkens geworden, kehrte die Freude am Ausbau überweltlicher Ziele bei ihm ein und ward ein Stück seiner selbst. Ein starker frischer Mut, der Mut des Glaubens, der vergebene Schuld im Buche der ewigen Liebe getilgt weiß, ließ ihn Vergangenes dahinten lassen und aufbauen, was er zerstört. Kindesdemut fügte Stein an Stein, Mannesstolz hob, den Spöttern zum Trotz, das verachtete Werkzeug vom Boden und forderte blitzenden Auges: ›Den Hammer in Ehren!‹

Wohl flogen die Pfeile um den tapferen Streiter, aber das Werk wuchs. Ortsgruppe reihte sich an Ortsgruppe, und die Zahl der Mitglieder mehrte sich zusehends.

Den letzten Brief an Frau von Kambach durchzog's wie ein Jubilate, und das unerschütterliche Gottvertrauen, das aus jeder Zeile sprach, wirkte belebend und erfrischend auf die greise Frau, deren starkem Geist es in der letzten Zeit oft schwer geworden war, Leid und Sorgen mit dem Mute früherer Tage zu überwinden. Denn die Sorge um geliebte Menschen zermürbt, zumal, wenn man mit gebundenen Händen vor einem abgrundtiefen Schmerz steht, -- die Sorge um das Wachstum des Reiches Gottes hält wach, aber auch sie trägt ihren Namen mit Recht, solange Erdenkinder hienieden ihre Straße ziehen. Das Wort von den Lilien auf dem Felde bleibt dem Menschenherzen nun einmal eine schwierige Lektion.

Nachdenklich wanderte die Braut dem Herrenhause zu. Auch in ihrer Seele lebte die Sorge. Ihr Verlobter hatte sie über die wirtschaftliche Lage des Bundes nicht im unklaren gelassen, auch in bezug auf die neu aufgetauchten Schwierigkeiten nicht. Ob Exzellenz von Kambach und ihr Sohn das alles in vollem Umfange wußten? Und zum erstenmal zog eine brennende Sehnsucht nach Reichtum in ihr Frauenherz. -- --

* * * * *

Sibylle Bühler war aus Potsdam zurückgekehrt, schöner, strahlender denn je.

»Es ist etwas an ihr, das wie ein Magnet auf mich wirkt, -- ist es das Leuchten ihrer Augen, die Frische ihres Wesens, ich weiß es nicht! Selten hat ein Mensch solche Anziehungskraft auf mich ausgeübt!« sagte Exzellenz von Kambach zu Fräulein Eichel.

Sie nickte. »Ja, es ist ein wundervolles Gemisch von Ernst und Lebensfreude in Gräfin Sibylle! Man glaubt oft kaum, daß es ein und derselbe Mensch ist. Neulich die Freude über den Schmuck war doch einfach reizend!«

»Ja,« erwiderte die Greisin, »aber ich bin überzeugt, daß sie mit noch größerer Freude ein Opfer für eine große Reichsgottessache bringen würde! So jung sie ist, ihr Leben hat Ewigkeitsinhalt, und der Grundton ihres Wesens ist der Zug zum Überweltlichen. Man findet selten in dem Alter solche Klarheit im Urteil und Handeln, solches Zielbewußtsein!«

Sinnend ruhte ihr Blick auf dem Bilde des Brautpaares vor ihr auf dem Schreibtisch. »Ich hoffe, mein Enkel wird an ihr erstarken; sie gehört zu den Frauen, die den Mann, den sie lieben, in kluger und taktvoller Weise unmerklich beeinflussen. Übrigens -- ist Billy noch beim Packen?«

»Sie stimmte eben ihre Geige. Der Koffer war fertig bis auf das, was morgen früh hinein soll!«

»So, dann wird sie wohl gleich herunterkommen.«

Fräulein Eichel ging.

Gleich darauf erschien Sibylle, ihre Geige im Arm.

Sie sah erhitzt aus. Ihre Augen glänzten.

›Es ist die Erregung des Abschieds,‹ dachte Frau von Kambach.

»Nun, da bist du ja,« begrüßte sie freundlich die Enkelin.

»Ja, Großmama, und hier bringe ich dir die Vielgeliebte! Niemand gäb' ich sie so gern in Verwahrung wie dir! Der Kasten bedurfte leider so sehr der Ausbesserung, daß ich ihn neulich nach Berlin schicken mußte. Aber er wird dir in den allernächsten Tagen zugestellt werden. Bis dahin darf die Geige vielleicht hier in deinem Zimmer an der Wand hängen, -- es kommt ja niemand daran!«

Die alte Dame nickte. »Anna ist ja vorsichtig beim Reinmachen, und Fräulein Eichel wischt bei mir Staub. Ich glaube, wir können ohne Sorge sein!«

»Es dauert ja auch nur kurze Zeit,« sagte die Braut und schlang ein seidenes Band um das Instrument.

»Aber erst spielst du mir noch etwas zum Abschied,« bat die Greisin.

Sibylle nickte. »Was soll ich spielen?«

»Was du willst!«

Weich und sehnsüchtig zog Händels Arioso durch den Herbstabend. ›Ein feines, nahezu künstlerisches Spiel,‹ hatte ein namhafter Kritiker nach einem Berliner Wohltätigkeitskonzert über Sibylles Leistungen geurteilt. Der alten Frau war es mehr -- eine seelische Erquickung in stillen Stunden.

Das Largo des großen Tonkünstlers folgte, die liebliche Harfenarie klang durch den stillen Raum.

Das ernste Antlitz über die Geige geneigt, stand die Braut im Schein des flackernden Feuers.

»Nun noch ›Ein Ton‹,« bat Frau Sabine.

Da hängte Sibylle die Geige an die Wand und setzte sich an den Flügel.

Auf der weichen Stimme lag's wie ein Schleier, als sie leise Peter Cornelius' tiefsinniges Lied anstimmte:

›Mir klingt ein Ton so wunderbar In Herz und Sinnen immerdar! Ist es der Hauch, der dir entschwebt, Als einmal noch dein Mund gebebt? Ist es des Glöckleins leiser Klang, Der dir gefolgt den Weg entlang?‹

Der Gesang brach ab. Ein leises Weinen klang zu der alten Frau hinüber.

»Billy!« Sie trat zum Flügel und zog den dunklen Mädchenkopf an die Brust. Sanft strich sie über das seidene Haar.

Kein Laut unterbrach das Schweigen. Aber die jungen Lippen küßten die alten Hände.

»Verzeih, Großmama,« sagte Sibylle Bühler dann mit stockender Stimme, »es war wie ein Abschied ...«

Frau von Kambach schwieg, eine Träne rann ihr die Wange herab; sie beugte sich über die Braut und küßte sie. Dann schloß sie den Flügel.

»Du wolltest mir noch deinen Schmuck bringen,« sagte sie, auf ihren Stock gestützt zum Kamin schreitend, wo sie sich in einen Klubsessel niederließ.

Sibylle antwortete nicht sogleich. Das Rot auf ihren Wangen vertiefte sich. Dann zog sie einen Briefumschlag aus der Tasche, legte ihn der Greisin in den Schoß und sagte mit leisem Beben in der Stimme: »Da ist er, Großmama, aber du darfst nicht schelten!«

Sprachlos blickte Exzellenz von Kambach die Enkelin an. Dann schüttelte sie den weißen Kopf und sagte ernst: »Ich verstehe dich nicht!« Sie öffnete den Briefumschlag und zog den Inhalt heraus: Banknoten.

»Billy, was stellt dies vor? Bitte, äußere dich darüber!« rief sie und ihre Stimme durchzitterte Erregung. »Du sagst, das sei der Schmuck, -- man verkauft doch nicht ein altes Erbstück um nichts und wieder nichts!«

»Das habe ich auch nicht getan, Großmama! Um nichts und wieder nichts hätte ich das Halsband nie verkauft!«

»Ja, aber was stellt das vor?«

Da zog sich Sibylle, wie es ihre Art war, einen Schemel neben den Stuhl der Greisin und setzte sich zu ihren Füßen. »So kann ich's dir am besten sagen!« Sie lehnte den Kopf an ihre Knie. »Aber niemand darf's wissen, auch Harro nicht, wenigstens jetzt noch nicht, -- er versteht's doch nicht,« fügte sie traurig hinzu, »es ist zu heilig!« Sie hielt inne, als müsse sie sich sammeln.

Und dann begann sie aufs neue mit leiser Stimme: »Also, um es kurz zu machen, Großmama, ich hörte Sonnabend abend, während ich nach Potsdam schrieb, wie Papa dir sagte, wenn er nicht in allernächster Zeit eine Sicherheit von dreißigtausend Mark für drei Jahre erhielte, so sei ein Rückgang der Bundesarbeit zu befürchten. -- Ich erschrak im ersten Augenblick natürlich sehr, du weißt ja, wie mir die Sache am Herzen liegt, aber andererseits sagte ich mir doch auch, daß Papas lebhafte Phantasie ihn vielleicht etwas schwarz sehen ließe. Das Letzte hörte ich nicht mehr -- ihr wußtet ja, daß ich nebenan saß; aber ich kam mir doch etwas vor, wie ein ›Lauscher an der Wand‹; denn Papa hatte meine Anwesenheit sicher längst vergessen, außerdem mußte meine Karte schleunigst fort. Abends wurde musiziert und von allem möglichen anderem gesprochen -- kurz und gut, ehrlich gestanden, hätte ich in diesen Tagen, kurz vor meiner Hochzeit vielleicht gar nicht wieder daran gedacht, wenn nicht ...«

Sie sprang auf und lief in das geöffnete Nebenzimmer -- »es ist doch niemand hier?« Und dann setzte sie sich wieder auf ihr Schemelchen zu Füßen der Greisin. Aber sie lehnte den Kopf nicht wieder an ihre Knie und sah sie leuchtenden Auges an: »Großmama, keinem andern könnt' ich es sagen, nur dir, denn nur du verstehst so etwas!«

Sie hielt einen Augenblick inne, als koste es sie trotzdem einen Kampf, den Schleier von ihrem Geheimnis zu lüften, dann fuhr sie fort: »Also ich dachte nicht wieder daran. Sonntag morgen fuhren wir zur Kirche. Ich wußte, daß ich als Braut zum letztenmal neben dir im Kambacher Stuhl saß, nach der Predigt sollte unser Aufgebot kommen, das alles bewegte mich. Die Gedanken an den Bund lagen mir in dem Augenblick gänzlich fern. -- Da mit einemmal kam's über mich, ich weiß nicht wie. Durch meinen Kopf flog es wie ein Wirbelwind: ›die dreißigtausend Mark ~müssen~ geschafft werden, und ~du~ hast sie aufzubringen!‹ Mit einer Wucht stürmte es auf mich ein, wie ich es nie erlebt, und ich fühlte und wußte es ganz bestimmt, das war nicht ~mein eigener Gedanke~, es war eine unsichtbare übermenschliche Kraft, die mich unter ihren Willen zwang. Ich war wie betäubt. Auch körperlich. Mühsam versuchte ich, meine Gedanken zu sammeln, meine Einkünfte zu übersehen, obgleich ich mir sagen mußte, daß gar nicht daran zu denken sei, daß ich diese Summe aufbrächte! Pastor Möller predigte über das Gebet. Ich hörte nicht zu und dachte nicht an Beten. Ich rechnete. Aber meine Rechnung stimmte nicht. Und in mir hämmerte und dröhnte es weiter: ›Du sollst! Du mußt!‹ -- Ich war in heller Verzweiflung; am liebsten wäre ich aus der Kirche gerannt, aber das ging doch nicht! So hielt ich aus. Meine Lage wurde immer unerträglicher. Da, schließlich, als ich nicht mehr aus noch ein wußte, tat ich einen Stoßseufzer: ›Lieber Gott, schenk' mir doch einen vernünftigen Gedanken!‹ Es war kein Gebet, Großmama, es war ein Verzweiflungsschrei. Aber im selben Augenblick kam's wie eine Antwort: ›Du bist wohl ganz auf den Kopf gefallen! Wozu hast du den Schmuck, der mindestens zwanzigtausend Mark wert ist? Vor hundert Jahren gaben deutsche Edelfrauen den letzten Taler für die äußere Freiheit des Vaterlandes -- und ihr?‹ -- Großmutter, -- ich kann dir sagen, es war mir, als nähme mir einer eine Riesenlast ab und schenkte mir ein Königreich dafür!«

Von Bewegung übermannt, legte sie den dunklen Kopf wieder auf ihren Platz in den Schoß der alten Frau. »Nicht wahr, du schiltst nicht?«

Nein, sie schalt nicht. Ganz still saß sie da, und während zwei große Tränen über ihre Wangen liefen, legte sie die zitternden Hände auf das junge Haupt.

Kein Laut ging durch's Zimmer. Ein großes feierndes Schweigen lag über den beiden Menschen, denen heilige unsichtbare Hände den Schleier der Überwelt gelüftet. Und ob jenes wunderbare Leuchten nur eines Augenblicks Länge gewährt, sie wußten, hinter den wallenden Nebeln lag die lichte Stadt, deren Glanz wie eine schimmernde Sternschnuppe auf ihren Weg gefallen war. Und dieser Glanz blieb an der armen Erde haften. Über dem Pfad der beiden Frauen stand der hohe Schein einer Ewigkeitsstunde.

Endlich richtete sich Sibylle auf. Noch war sie keines weiteren Wortes fähig.

Da nahm die alte Frau das schöne erglühende Mädchengesicht in beide Hände und küßte die Enkelin: »Gott segne dich, Liebling!«

Sibylle zog die greise Hand an die Lippen. »Gut, daß du nicht mehr schiltst,« sagte sie, ihre Bewegung meisternd, und ein Anflug von Schalk huschte um ihren Mund.

»Nein, nein, ich sage überhaupt nichts mehr,« erklärte Frau von Kambach. »Wenn Gott so gewaltig spricht, haben wir Menschen zu schweigen!«

Lächelnd strich sie über das seidene Haar.

»Aber nun erzähl' mir das übrige. Also du bist mitsamt deinem Schmuck, ohne einer Menschenseele etwas zu sagen, in Berlin gewesen und hast die Steine einschätzen lassen, du Ausreißer?«

»Ja, Großmama,« erwiderte Sibylle triumphierend. »Und ich hatte Glück. Mama hatte fürchterliche Kopfschmerzen und ließ mich allein zu Gerson fahren, so hatte ich freie Hand. Harro war in Johannistal. Solche herrliche Fahrt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht! Und dann kam das Schönste. Ich war bei Lorenz und ließ den Wert des Schmuckes feststellen. Großmama, ich dachte, es würden vielleicht zwanzigtausend Mark dabei herauskommen, und zerbrach mir den ganzen Tag darüber den Kopf, wen ich bitten solle, weiterzuhelfen. Denn Großpapa hätte höchstens zweitausend Mark geben können bei den schlechten Ernten, und Mama interessiert sich ja leider gar nicht für solche Sachen. -- Also der alte Lorenz besah mein Halsband von allen Seiten und prüfte die Steine eine halbe Ewigkeit. Ich stand wie auf Kohlen. Am liebsten hätte ich ihn beim Rockkragen genommen und tüchtig geschüttelt. Schließlich erklärte er dann mit größter Gemütsruhe: ›Gnädigste Gräfin, ich biete Ihnen für den Schmuck dreißigtausend Mark, aber nehmen Sie's einem alten Manne nicht übel, es ist eine Sünde und Schande, wenn Sie ihn verkaufen!‹ -- Na, das war ja meine Sache. Wir haben den Handel gleich abgeschlossen. Ich war mit ihm auf der Deutschen Bank, -- da sind die dreißigtausend Mark!«

»Aber Billy!«

»Findest du es unpassend, Großmama?«

Frau von Kambach lachte. »Etwas modern, aber vor allem sehr unvorsichtig. Man kutschiert nicht mit dreißigtausend Mark Wertpapieren in der Welt herum, sondern läßt die Angelegenheit durch die Bank ordnen. Du bist doch sonst so gewandt in solchen Sachen!«

Die junge Gräfin senkte die Wimpern. »Ja, du hast recht, es war bodenlos dumm! Ich war eben so aus dem Häuschen vor Freude, daß ich alles verkehrt machte. Es ist ein Glück, daß nicht noch Schlimmeres geschah. Ich hätte gerade so gut in meinem Brautkleid zu Kempinsky oder Wertheim laufen können, -- gut, daß sie bei Gerson aufpaßten!« Zwei Grübchen traten dem Schelm in die Wangen.

»Mir scheint, es wäre noch ganz anderes möglich gewesen,« sagte Frau von Kambach und strich lächelnd über das glühende Gesicht.

»Morgen muß das Geld natürlich fort,« erklärte Sibylle, sich erhebend, »die Sache ist mir jetzt selbst etwas ungemütlich. Willst du es solange verwahren, Großmama? -- Und dann hast du wohl die Güte, es unter deinem Namen an Direktor Wendler zu schicken?«

»Ich soll es schicken? Dann hast du ja die Freude nicht?«

»Ich habe meine Freude gehabt,« entgegnete Sibylle leise, und ihr Blick ging über die Kreuzesgestalt an der Wand. »Geht das Geld unter meinem Namen nach Düsseldorf, so ist sie dahin. Die Frauen, die 1813 Gold für Eisen gaben, haben auch nicht ihre Karte daran gehängt, und mein Schmuck dient einer größeren ewigen Sache!«

Frau von Kambach war dem Blick der Enkelin gefolgt. Sie widersprach ihr nicht länger.

»So darf ich's Wendler auch nicht sagen?«

Sibylle antwortete nicht sogleich.

»Nein,« entgegnete sie dann, »oder -- doch -- ja! Aber erst nach der Hochzeit -- wenn -- wenn ich die Sonne grüße! -- Er soll nur nicht darüber sprechen!«

Und dann rief sie plötzlich begeistert: »Großmama, ich hab ja auf der Rückreise die ›Brandenburg‹ gesehen, wie ein silberner Fisch zog sie durch die strahlende Luft! Wie ich mich auf die Hochzeitsreise freue!«

Hochaufgerichtet stand die schlanke weiße Gestalt im Glanz des scheidenden Tages, in den Augen jenes wunderbare Leuchten, das ihr ganzes Wesen verklärte.

»Also sag's ihm nur, aber erst dann, -- wenn ich die Sonne grüße!« -- --

* * * * *

Und dann war Frau Sabine allein. Durch ihre Seele zog's wie ein Gruß aus der Ewigkeit -- -- --

Sinnend blickte sie über den Hof. Da sah sie den alten Postboten auf das Herrenhaus zukommen. Was wollte der denn am Sonntagabend in Dreilinden? Es mußte ein besonderer Grund vorliegen.

Sie trat zum Fenster und winkte ihm.

Eilig schritt der Alte auf die Gutsherrin zu.

»Ick komm' nochmal, Exzellenz,« rief er ihr schon von weitem entgegen, »Exzellenz sollen nich bis morgen warten!« Er nahm die Mütze ab und strich erregt über das graue Haar. »Die Welt geht aus'n Fugen, Exzellenz -- bei die Gottlosigkeit kann man sich über nichts mehr wundern!« Er zog ein Sonderblatt aus der Posttasche und reichte es ihr hinauf.

Sie schob die Brille zurecht. Leise bebte ihre Hand.

Und dann wurde ihr Blick starr. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Wieder und wieder las sie den kurzen inhaltsschweren Drahtbericht:

›Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin von Hohenberg ermordet -- --‹

Das Blatt entsank ihren Händen und flatterte dem alten Postboten vor die Füße.

Schwerfällig bückte er sich danach.

»Exzellenz, det is zuviel!« Er glättete das zerknitterte Sonderblatt. »Meine Meinung is die: jetzt is es aus -- det kann unser Herrgott sich nich länger gefallen lassen!«

Sie fand noch immer keine Worte.

Wieder und wieder las sie die entsetzliche Botschaft.

»Ick hab Exzellenz erschreckt,« fuhr der Alte, ihr Schweigen mißverstehend, fort, »aber ick meinte, Exzellenz wüßten so was lieber heut als morgen, darum bin ick gleich nochmal rübergekommen. Exzellenz wollen entschuldigen!« Er wollte gehen.

Da reichte sie ihm die Hand. »Sie haben nichts versehen, mein guter Peters! Im Gegenteil. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie noch einmal, noch dazu am Sonntag, herübergekommen sind. Mein alter Kopf kann das Entsetzliche nur noch nicht fassen, die Worte fehlen mir!« Sie atmete schwer. Dann beugte sie sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: »Sie haben recht, Peters, das geht nicht so weiter, das, -- das -- --«

Der Greis nickte. »Als die Leute den Turm zu Babel bauten, wußten sie nicht mehr, was sie Gott schuldig waren, -- heutzutage is ihnen das Turmbauen langweilig geworden, da versuchen sie Thron und Altar zu stürzen, -- so is es doch, Exzellenz!«

Sie blickte gedankenverloren in die Ferne.

Über der feiernden Heide stand der rote Schein der untergegangenen Sonne. Dunkler und dunkler ward die purpurne Lohe. Wer fremd durch die Mark wanderte, glaubte ein fernes Dorf brennen zu sehen, aber auch Einheimische hatte der glühende Himmel schon irregeführt. Es war, als wogte ein Feuermeer hinter den dämmernden Hügeln, als schlügen die hellen Flammen aus dem Heidboden. »Die Welt brennt!« hatte vor Jahren eines ihrer Enkelkinder gerufen, als sie ihm beim Schlafengehen die leuchtende Heide gezeigt, und nicht geruht, bis sie es im Nachtröckchen ans Fenster trug und hinausschauen ließ. Mit bloßen Füßen hatte es auf dem Fensterbrett gestanden und dem verglühenden Schein nachgesehen: »Die Welt brennt, Omama!«