Part 19
In einem stillen Dreilindener Gartenzimmer mit lichten Wänden und duftigen Mullgardinen, lag Gräfin Ilse Bühler in den weißen Kissen. In schweren Zöpfen hing das goldblonde Haar über ihre Schultern herab, die durchsichtigen Hände ruhten still auf der Decke. Ein müder todmüder Zug in dem blassen Gesicht alterte die junge Frau um Jahre. Schmerzlich zuckte der Mund, und in den blauen Augen standen Tränen.
Exzellenz von Kambach trat an das Bett der Enkelin. »Nun, Liebling?« fragte sie leise und strich sanft über die schöne Stirn.
Lächelnd sah sie auf die Wöchnerin nieder, aber es war ein fremdes seltsames Lächeln, und Ilse Bühler fühlte, es sollte ihr etwas verbergen.
Forschend richtete sie den Blick auf die Greisin.
»Großmutter, ich möchte mein Kind sehen!«
Wieder strich die welke Frauenhand über ihre Stirn. »Hab' noch etwas Geduld, Ilse!«
Die Gräfin wechselte jäh die Farben: »Großmutter, Ihr verbergt mir etwas! Was ist mit dem Kleinen? Um Gottes willen, sag' mir's!« Erregt versuchte sie, sich aufzurichten.
»Ilse!« Mahnend hob Frau von Kambach die Hand. »Du weißt, was der Sanitätsrat gesagt hat! Ich muß mich darauf verlassen können, daß du seine Anordnungen genau befolgst, sonst dürfen wir dich keinen Augenblick allein lassen.«
Gehorsam legte sich Gräfin Bühler in die Kissen zurück. Ihre Augen füllten sich aufs neue mit Tränen.
»Ich will ja nur meinen Jungen sehen, Großmama!« sagte sie bittend.
Ein tiefes Mitleid überkam die alte Frau. Im angrenzenden Zimmer lag ein schwaches Kind mit greisenhaften Zügen in der Wiege. Kaum einen Laut gab es von sich, kraftlos hingen die Glieder am Körper. Es war ein Bild des Jammers. Und der alte Sanitätsrat hatte feuchten Auges vor dem kleinen Wesen gestanden und traurig den Kopf geschüttelt. »Exzellenz, das sind böse Sachen!«
Er sah sich um. »Hört uns niemand? Nein?« Und mit halblauter Stimme fuhr er fort: »Ein fast knochenloser Körperorganismus -- was das bedeutet, Exzellenz?« Er zuckte mit vielsagendem Gesicht die Achseln. -- »Die Herren Offiziere heiraten immer wieder skrupellos darauf los, ich kann hier nur eines sagen, -- Berlin bei Nacht, -- und nicht nur Berlin! Denn Graf Bühler steht nicht, wie viele, unter dem Fluch eines düsteren Familienerbes. Wir haben es mit einer Schuld zu tun!«
Frau von Kambach hatte die zitternde Rechte auf den Arm des Hausfreundes gelegt: »Um Gottes willen! Erklären Sie sich!«
Da beugte sich der alte Mann über die Wiege und sagte, die Hand auf das blonde Köpfchen legend, mit erstickter Stimme: »Syphilis, Exzellenz!«
Sprachlos hatte sie ihn angeschaut. Dann war der Schmerz wie ein Gewappneter über sie gekommen. Sie hatte sich schwer auf den nächsten Stuhl niedergelassen. Ein heißes Schluchzen rang sich aus ihrer Brust. Ihr erster Urenkel, der Sohn einer Kambach, der Erbe schwerer sexueller Verfehlungen! Aufs tiefste erschüttert, weinte sie vor sich hin.
»Exzellenz,« mahnte der alte Arzt, und wies zum Nebenzimmer, wo die junge Mutter lag.
Da raffte sie sich auf. Ein leises Zittern rann durch ihre Gestalt, als sie sich erhob, aber dann stand sie hoch aufgerichtet auf den Krückstock gestützt, vor ihm.
»Soll ich's ihr sagen?«
»Nein,« erwiderte er ernst. »Es könnte ihr Tod sein! Aber auf ein sehr sehr schwaches Kind müssen Sie die Gräfin vorbereiten, schon deshalb, damit sie nicht bei seinem Anblick erschrickt.«
Und dann hatte er sie mit ihrer schweren Mission allein gelassen.
* * * * *
Stunden waren vergangen. Exzellenz von Kambach hatte nicht den Mut gehabt, Ilses Zimmer wieder zu betreten. Aber dann mußte es sein.
Das Schwerste kam in später Abendstunde, wo sie den Enkel erwartete.
Sie hatte sich vorgenommen, der jungen Frau erst mit beginnender Dämmerung das Kind zu zeigen. Wenn die Schatten des sinkenden Tages auf das kleine Geschöpf fielen, würde ihr das Schlimmste verborgen bleiben. Über die ersten Stunden hinaus konnte und wollte die Greisin nicht denken, für den nächsten Tag mochte Gott sorgen. -- --
»Der Kleine schläft jetzt, Ilse,« sagte sie, froh, zu keiner Notlüge ihre Zuflucht nehmen zu müssen, »wenn er erwacht, sollst du ihn sehen. Aber es ist ein schwaches Kindchen, dessen kleines Leben wir hüten müssen, du wirst es dir anders gedacht haben!«
Mit banger Frage hingen die blauen Augen an den Lippen der Großmutter.
»Ich darf es dir nicht verschweigen, Ilse, daß es kein blühendes kräftiges Kind ist,« -- sie stockte; was sollte sie, ohne die Wahrheit zu umgehen, weiter sagen? -- »Versuch' doch, noch etwas zu schlafen,« fügte sie unvermittelt hinzu, »du siehst abgespannt aus!«
Mechanisch nickte Ilse Bühler. Ihre Augen hingen angstvoll an der Tür, die sie von ihrem Kinde trennte.
Erschüttert wandte Frau von Kambach sich ab.
Welch namenlosen Jammer enthüllte diese Offiziersehe, welch dunkles Bild vornehmen Familienlebens! Einen Ausschnitt aus dem Riesengemälde des deutschen Verfalls stellte es dar, eine Einzelerscheinung, wie sie nicht trüber gedacht werden konnte. Und doch war -- wie irrtümlich vielfach behauptet wurde -- die Armee nicht in erster Linie die Trägerin und Verbreiterin der Geschlechtskrankheiten. Der statistische Nachweis Berlins stellte im Gegensatz zum Studententum, welches fünfundzwanzig vom Hundert lieferte, bei den Soldaten vier vom Hundert fest. Noch besaß die Armee ein gutes Stück altpreußischer Zucht, -- und doch, und doch! Wann würde der Seuche, welche die furchtbare sittliche und völkische Verheerung anrichtete, Einhalt geboten werden? Und im äußeren Gegensatz zu dieser Tragödie der planmäßig betriebene Geburtenrückgang, -- zwei Dämonen, die sich scheinbar gleichgültig gegenüberstanden, in Wahrheit aber mit der Siedeglut teuflischen Begehrs Hand in Hand ihr Opfer umkreisten. Hier die junge Mutter, die der erste Anblick ihres heiß ersehnten Kindes vor die furchtbarste Erfahrung ihres Lebens stellte, -- dort die Frau, die um Tand und Wohlleben, um ein paar durchschwärmte Nächte das Allerheiligste der Ehe mit Füßen trat! -- Wahrlich, das deutsche Volk stand unter dem Zeichen langsamer Ausrottung, und nur ~eine~ Erklärung gab's für Gottes Langmut: Seine Mühlen mahlten langsam, aber trefflich fein. -- --
* * * * *
Ilse Bühler hatte ihr Kind gesehen. Die Sommerlinde umschattete barmherzig das stille Frauengemach, die Dämmerung breitete ihren feinen Schleier über das Neugeborene. Mit großen Augen schaute die junge Mutter auf das Knäblein, ihre Brust atmete schwer, ihre Lippen zuckten, dann neigte sie sich über das blonde Köpfchen und hauchte einen scheuen Kuß auf die kleine Stirn. Mit verzweifeltem Blick folgte sie dem Kinde, als es hinausgetragen wurde. Dann schloß sie die Augen. Träne um Träne rann die blassen Wangen herab.
Sorgenvoll saß Frau von Kambach an ihrer Seite.
Dunkler wurden die Schatten.
Durch die Zweige der Linde blickte schimmernd die feine goldene Mondsichel.
Die Arbeit rastete.
Von der Landstraße wehten die Klänge eines alten Volksliedes herüber:
›Ich hab die Nacht geträumet Wohl einen schweren Traum; Es wuchs in meinem Garten Ein Rosmarienbaum.
Ein Kirchhof war der Garten, Ein Blumenbeet das Grab, Und von den grünen Bäumen Fiel Kron' und Blüte ab.
Die Blüten tät ich sammeln In einen goldnen Krug, Der fiel mir aus den Händen, Daß er in Stücke schlug.
Draus sah ich Perlen rinnen Und Tröpflein rosenrot, -- Was mag der Traum bedeuten? Ach, Liebster, bist du tot?‹
Fern über der Heide verklang die junge Stimme.
Sinnend blickte die alte Frau aus dem Fenster. Welch wunderbare Schönheit lag in den schlichten Worten.
›Die Blüten tät ich sammeln In einen goldnen Krug, Der fiel mir aus den Händen, Das er in Stücke schlug!‹
zog es durch ihre Seele.
Und dann blickte sie wieder auf das weiße Antlitz in den Kissen. Die Tränen traten ihr in die Augen.
Das war auch eine von den vielen, die ausgegangen waren, als alle Berge blühten, ihr Frühlingssträußchen zu pflücken. Ihr Krüglein war zerbrochen, ihre Blumen verwelkt, auf ihren Garten war ein Reif gefallen -- -- -- was würde das Ende sein?
Die erste und letzte Liebe dieses jungen betrogenen Weibes, das mit der größten Not seines Lebens kämpfte, hieß Wolf Dietrich Bühler -- -- --
Und weiter, weiter -- --
Sollte sich jenes altberühmte, Fürstengeschlechtern geredete Wort an der vielhundertjährigen Adelssippe der Mark erfüllen:
›Es wenden die Herrscher Ihr segnendes Auge Von ganzen Geschlechtern Und meiden, im Enkel Die eh'mals geliebten, Still redenden Züge Des Ahnherrn zu sehn!?‹
Es graute ihr ...
Da klang's leise durch die Abendstille: »Großmutter, bis du da?«
»Ja, Liebling! Willst du Licht?«
»Ach nein, laß uns im Dunkeln bleiben, -- Großmutter -- was ist's mit dem Kleinen?«
»Ich sagt' es dir doch, Ilse, es ist ein schwaches zartes Kind!«
»Nein, nein,« klang's traurig mit leiser Ungeduld zurück, »das mein' ich nicht, -- ach, Großmutter, sag' mir's doch, das Fragen ist so schwer!«
Die alte Frau antwortete nicht.
Totenstille herrschte in dem dämmernden Raum.
»Großmutter!« Flehend klang's aus den Kissen.
Da neigte sie sich über das Bett und faßte die Hände der Enkelin. Sie waren eiskalt.
Sie erschrak. »Ilse, frierst du?«
»Nein, ich will nur wissen, was mit dem Kleinen ist!«
Eine heiße Angst überkam die Greisin. Die Unterhaltung währte ihr schon viel zu lange für die zarte Frau.
»Liebling, ich sagt' es dir!« Sie strich leise über die schmalen Hände.
Ein tiefer Seufzer antwortete ihr. Und dann kam's stockend flüsternd, verzweifelt heraus: »Wenn du mir das Entsetzliche nicht sagen willst, so muß ich's mir selber sagen -- Wolf Dietrich -- ist krank und das Kind -- --« schluchzend barg sie das Antlitz in den Kissen. -- --
Eine schwere Viertelstunde zog vorüber. -- --
Still war's im Zimmer. So still, als hätte der Tod seine Ernte gehalten. Aber es war nur das Schweigen eines großen Schmerzes, der auf dem Leben lastete.
Der Schlag der Uhren klang durch das stille Gutshaus. Durch die offenen Fenster wehten Lindenblütendüfte.
Draußen unter dem hundertjährigen Stamm standen zwei und hielten sich bei den Händen. Zwei Starke. Menschen, die klar und zielbewußt ihren Weg gingen, deren Willen ein höherer Wille geheiligt.
Schweigend standen sie unter der Linde.
»Wenn Gott das Kind doch zu sich nähme!« sagte Jutta Eichel endlich und blickte zu den verhangenen Fenstern empor.
»Vielleicht soll es leben!« entgegnete der Pfarrer.
Sie sah ihn sinnend an. Eine Flut von Fragen, die eine Braut nicht ausspricht, zog durch ihre Seele.
Von der Dorfstraße klang das Rollen eines Wagens herüber.
Sie schreckte empor. »Das ist Graf Bühler.«
Fröstelnd zog sie ihr Tuch um die Schultern.
Er aber empfand unwillkürlich, daß es nicht nur die Nachtluft war, die sie erschauern ließ. Ihre Frauenreinheit erbebte vor der Begegnung mit der dunkelsten Menschenschuld.
Er faßte ihre Hand fester. »Komm,« sagte er leise. »Du begleitest mich noch ein Stück, nicht wahr?«
Dankbar nickte sie ihm zu. Zum erstenmal, seit Wendler als Bundesdirektor nach Düsseldorf übergesiedelt war, sahen die Verlobten sich wieder. In Anbetracht der Verhältnisse war er des Kambachers Gast, hielt sich aber den größten Teil des Tages in Dreilinden auf.
Hand in Hand wanderten sie schweigend durchs Korn.
Grillen zirpten. Durch die Halme ging ein Flüstern. Heckenrosen blühten am Rain. Die Nebel brauten. In einen weißen Schleier gehüllt, träumte die Heide.
Und ein Stern nach dem anderen ging über den deutschen Landen auf. -- --
* * * * *
In dem matt erleuchteten Raum unter der rosenfarbenen Ampel stand die greise Gutsfrau mit dem Enkel an der Wiege.
»Das ist ~Ihr~ Kind!« Hart und scharf klangen ihre Worte. Sie hatte sich bis jetzt nicht entschließen können, Wolf Dietrich Bühler das verwandtschaftliche Du anzubieten.
Unbeweglich stand der junge Offizier neben ihr.
Das Blut stieg ihm in die Stirn. Sein Kind!
Er strich flüchtig mit der Hand über die Augen -- sein Blick streifte scheu das kleine Wesen in den Kissen. So sah also der Stammhalter der Bühler aus, -- eine Empfehlung der Rasse bedeutete dies Würmchen allerdings nicht! Und es fuhr ihm durch den Kopf: ›Tor, der ich war, als ich ihren Bitten nachgab und nicht sofort das Unglück verhinderte -- nun steh' ich am Pranger!‹
Und dann sagte er, die Achseln zuckend: »Eine Frühgeburt, das erste Kind einer überzarten blutarmen Frau ...«
Zwei klare Augen blickten ihn durchdringend an. »Nein,« klang erbarmungslos die Antwort, »keine Frühgeburt, sondern der unausbleibliche Fluch der Syphilis! -- Aber hier ist nicht der Ort, diese Dinge zu bereden!« Sie trat dicht an ihn heran. »Nur noch ein kurzes Wort hab' ich Ihnen zu sagen, dann mögen Sie zur Ruhe gehen. Sie sind mein Gast, und das Gastrecht ist mir heilig. Mein Enkel sind Sie nicht mehr. Ich gehöre der alten Zeit an, einer Zeit, da man Zucht und Sitte noch nicht mit Füßen trat, da ein Edelmann seine Sinne meisterte und das Erbe des Blutes ehrte. Sie mögen über die vorsintflutlichen Ansichten der alten Kambach denken, wie Sie wollen, -- Ihre Kritik berührt mich nicht. Nach außen werde ich die Rücksicht auf Ihre Familie nicht vergessen, -- innerlich trennt uns ein breiter Graben, den nur eines überbrücken kann: Ihre Umkehr unter das Kreuz! -- Gute Nacht, Graf Bühler!«
Das weiße Haupt erhoben, schritt sie flammenden Auges an ihm vorüber zur Tür.
Schweigend öffnete er dieselbe.
Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, ging sie hinaus.
Draußen auf den Fliesen klang das Aufschlagen des Krückstockes.
Bis sich die Tür ihres Arbeitszimmers hinter ihr geschlossen, reichte die Kraft der starken stolzen Frau.
Dann sank sie schwer in einen Sessel und weinte bitterlich.
Sechzehntes Kapitel.
Gold gab ich für Eisen!
Dann erst wird der Smaragd zum kostbaren Kleinod, Wenn ihn die Liebe zum Baustein der Ewigkeit weiht.
Im ›blauen Salon‹ brannte Kaminfeuer und der Teekessel summte.
Wenn die Bezeichnung auch schon seit Jahren nicht mehr stimmte, denn die blaue Seide war längst durch einen dunklen Gobelinstoff ersetzt, so behielt der hübsche elegante Raum doch seinen alten Namen. Man war eben in allem konservativ in Dreilinden.
Die Sonne blickte herein und mischte ihr Gold mit dem Feuer im Kamin. Leuchtend lag der warme Bronzeton auf den Familienbildern und hundertjährigen Erinnerungen.
Neben dem feinen Porzellan stand ein Bachvergißmeinnichtkranz. Auf dem Kaminsims duftete in kristallenem Kelch eine dunkle Edelrose. Es war Sommerzeit.
Unter dem Kessel züngelte die blaue Flamme und spiegelte sich im Silber des Teegeschirrs; leise begann das Wasser zu singen. Ein Hauch stiller Heimlichkeit webte über dem sonnigen Bilde, über den drei Frauengestalten, die den ›blauen Salon‹ belebten.
»Sag' mal, Billy, was war das für ein Wertpaket, das du heute mittag erhieltest?« fragte Frau von Kambach die Braut des Enkels.
Das junge Mädchen blickte errötend von der Handarbeit auf.
»Großmama, ich habe es noch gar nicht aufgemacht! Es scheint etwas aus dem Nachlaß Tante Nandine Linderns zu sein. Ich kam heute mittag nicht dazu, es zu öffnen, erst hab' ich geübt, dann waren wir im Dorf, und eben schrieb ich an Harro. Aber wenn du wissen möchtest, was darin ist, will ich gleich hinaufgehen.«
Belustigt blickte die alte Exzellenz ihren Liebling an. »Sag' mal, Billy, bist du denn gar nicht neugierig?«
»Warum? Ich bekomme jetzt alle Tage Hochzeitsgeschenke! Natürlich macht mir das Auspacken Spaß, aber ich hatte heute eben Wichtigeres zu tun!«
»Hast du dir das Paket näher angesehen? Du sagst doch selbst, es sei kein Hochzeitsgeschenk!«
»Näher angesehen? Es kommt aus Raklitten, und Ehrengard Lindern hat es abgeschickt!«
Sie legte ihre Arbeit zusammen und verließ das Zimmer.
In zehn Minuten war sie zurück.
»Großmama! Du hast recht gehabt! Das hätte ich gleich aufmachen sollen!« Mit hochgeröteten Wangen stand sie da. »Aber wer hätte das auch gedacht! Wie eine Herzogin komm' ich mir vor!«
Sie öffnete das himmelblaue Samtkästchen und legte es der alten Dame in den Schoß. Ein kostbares Halsband aus Perlen und Brillanten funkelte ihr entgegen.
»Ist es nicht entzückend?«
Staunend blickte Exzellenz von Kambach auf den wertvollen Schmuck. »Also wirklich kein Hochzeitsgeschenk?«
»Nein, nein, ein Erbstück,« klang die stolze Antwort. »Hier steht's: ›Meinem lieben Patchen zum Andenken an die alte Tante Nandine Lindern.‹ -- Wie wird Harro sich freuen! Er erklärte neulich schon, ich müsse mit der Zeit irgendein größeres Schmuckstück für die Hoffeste haben, das gehöre sich so. Ich hab' ihm natürlich geantwortet, er sei wohl nicht recht klug! Bühl sei Majorat, und die Töchter, wie immer in solchen Fällen, arme Landpomeranzen, aber wenn die Männer sich etwas in den Kopf gesetzt haben, ist nichts zu wollen. Da schwieg ich denn und dachte: ›Abwarten, Tee trinken!‹ Und nun ist sein Wunsch erfüllt! Ich werde ihm vorläufig nichts davon sagen. Mitte Oktober ist ein großes Fest im Marmorpalais, dann erscheine ich im Brillantschmuck! ~Die~ Augen möcht' ich sehen! -- Nicht wahr, Großmama, du hebst ihn mir bis dahin auf! Meine Geige darf ich ja schon bei dir einquartieren. Eichelchen, kommen Sie doch mal her! Das Mittelstück ist doch einzig in seiner Art!«
Und zwei dunkle Köpfe neigten sich neben dem weißen über die schimmernde Pracht.
»Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie sich so über einen Schmuck freuen könnten,« sagte Jutta Eichel endlich.
»Warum denn nicht? Es ist doch nicht in erster Linie der Schmuck, sondern die Erinnerung an eine liebe Gestalt und vergangene Zeiten, -- das macht ihn mir wertvoll! Außerdem freu' ich mich, daß mein Schatz seinen Willen bekommt, denn sonst würde er mir fortwährend mit der Sache in den Ohren liegen. Und dazu ist sie mir nicht wichtig genug. Zu guter Letzt aber sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht auch persönlich freuen soll, wenn ich etwas Schönes geschenkt bekomme. Kaufen würde ich mir so etwas doch nie, und wenn ich über Millionen verfügte -- aber so? Schließlich bin ich doch auch keine Vogelscheuche! Kommen Sie, wir wollen einen Hopser machen -- ›Rosen aus dem Süden‹ -- keine Müdigkeit vorgeschützt! Morgen kommt hoffentlich der Brillantschmuck für Fräulein Jutta Eichel!«
Und ehe er's hindern konnte, wurde der treue Hausgeist im Sturm durch den ›blauen Salon‹ gewirbelt, daß die Flamme unter dem Kessel erschrak und das Porzellan klirrte.
Endlich machte der Wildfang Schluß.
»Verzeih, Großmama, aber Eichelchen hat manchmal Grappen im Kopf, die müssen ihr unbedingt noch vor der Ehe ausgetrieben werden; sonst gibt es ein Unglück!«
Exzellenz von Kambach versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. »Sag' mal, Billy, bist du eigentlich verrückt geworden? Glaubst du etwa, daß du für die Ehe reif bist, wenn du solche Allotria treibst?«
»Großmutter, das sind keine Allotria, das nennt man in der Jugendbewegung ›Ertüchtigung‹. Außerdem muß auch mal etwas Leben in die Landschaft gebracht werden, sonst wird selbst die Ehe mit der Zeit langweilig!«
Eichelchen hatte sich von ihrem Schreck erholt und sich der Juwelen bemächtigt. Vorsichtig nahm sie das Halsband heraus und trat zu Sibylle.
»Zur Strafe für den Überfall will ich Sie gleich in Ihrem Erbschmuck sehen,« sagte sie und legte es um den weißen Hals.
Sie trat ein paar Schritte zurück. »Ah -- Brandenburgs Rose!«
Sibylle wurde dunkelrot. Vom Schein des Feuers umflirrt, stand sie am Kamin. Leuchtend hob sich die weiße Gestalt vom weinroten Teppich, und der letzte Strahl spielte mit den Edelsteinen.
›Sophie Charlotte,‹ zog es der alten Frau durch den Sinn, und ihre Gedanken weilten bei dem Bilde der Ahnfrau.
Da löste Sibylle den Schmuck und legte ihn in das Kästchen zurück.
»Ehe ich nach Bühl zurückkehre, darf ich dir das Halsband geben, nicht wahr, Großmama? Jetzt will ich mich noch etwas daran freuen. Und niemand erfährt etwas davon, auch Großpapa und Mama nicht!« Ihr Blick flog zu Jutta Eichel hinüber; bittend legte sie den Finger an die Lippen.
Die nickte ihr zu. »Ich schweige wie das Grab!«
Sibylle ging. Dann sah sie noch einmal zur Tür herein.
»Eh' ich's vergesse, Großmama, ist es sehr unbescheiden, wenn ich für Montag früh um einen Wagen bitte? Mama will dabei sein, wenn ich mein Brautkleid zum letztenmal anprobiere. Gestern ist sie von der Reise zurückgekehrt, bleibt einige Tage in Potsdam und will dann, ehe sie zur Hochzeit nach Bühl kommt, noch nach Mecklenburg. Eine schreckliche Hetzerei! Ich hätte das Kleid ja längst schon zum zweitenmal anprobieren können, aber sie wollte durchaus dabei sein. Darf ich Montag früh fahren?«
»Natürlich, Billy.«
»Danke tausendmal, Großmama!«
Und fort war sie. --
Ein Wagen rollte über den Hof.
»Das ist Herr Oberstallmeister,« sagte Fräulein Eichel. »Soll ich noch einmal Tee machen?«
Die Gutsherrin sah auf die Uhr. »Es ist gleich halb sechs! Lassen Sie nur bitte abräumen. Mein Sohn wird zum Abendbrot bleiben!«
Die Gesellschafterin klingelte; dann setzte sie die Tassen zusammen.
»Wenn Exzellenz mich brauchen sollten, -- ich gehe nur dem Postboten entgegen,« sagte sie und trug Brot und Kuchen hinaus. -- --
* * * * *
Sibylle hatte ihren Schmuck in Sicherheit gebracht und stand, ihren Schwiegervater erwartend, in der offenen Haustür.
»Tag, Billy,« rief er, die Freitreppe heraufkommend, »Großmama ist doch zu Hause?«
»Ja, Papa!«
Er küßte sie auf die Stirn.
»Was macht Harro?«
»Der ist vorgestern in Johannistal aufgestiegen!«
»So, alles gut verlaufen? -- Und das tapfere Bräutchen hat keine Spur von Angst? Famos!«
»Aber Papa, wir wollen doch unsere Hochzeitsreise mit der ›Brandenburg‹ machen! Wie sollt' ich da Angst haben? Im Gegenteil. Ich freue mich wie ein Zaunkönig!« Sie schob den Arm in den seinen. »Du bleibst doch zum Abendbrot?«
»Ich muß zurück. Der ganze Schreibtisch liegt voll. Die Bundesarbeit wächst mit jedem Tage, und wir Vorsitzenden haben alle Hände voll zu tun. Die Drachenburger Ortsgruppe kommt noch dazu,« -- er fuhr mit der Hand durch das dichte graue Haar -- »ach ja!« -- --
Frau von Kambach ging dem Sohne entgegen. »Schön, daß du kommst, Karl Heinrich!«
»Ich muß dringend mit dir sprechen, Mama!«
Sie nickte. »Wie geht es Ilse?«
Auf seine Stirn trat eine Falte. »Sie nimmt sich sehr zusammen. Aber daß es unter den obwaltenden Umständen mit ihrer Erholung langsam geht, ist kein Wunder! Dazu die Sorge um das Kind!«
Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es groß wird, Mama! Es war jedenfalls sehr richtig, daß du die Nottaufe veranlaßtest!«
Frau von Kambach nickte. »Es war in dem Augenblick das Gegebene! Man konnte gar nicht wissen, ob das kleine Geschöpf die Fahrt nach Kambach überstehen würde. Ich für meine Person hätte nicht die geringsten Bedenken gehabt, wenn Ilse hier geblieben wäre. Das Dorf liegt abseits, und ich habe jeden Verkehr mit dem Herrenhause untersagt. Aber als sie hörte, daß Diphtherie im Dorf sei, erklärte sie sofort, sie könne wegen des Kindes nicht bleiben. Zureden hätte nichts genützt, sie war derartig nervös, daß nichts mit ihr anzufangen war. Außerdem sagte ich mir: vielleicht ist es besser so. Diphtherie ist doch nun einmal übertragbar! -- Hoffentlich schadet ihr und dem Kinde die Fahrt nicht! Für Ilse war es reichlich früh, aber der Wagen federt zum Glück sehr gut.«
»Ich glaube, die Fahrt wird weniger nachteilig für sie gewesen sein, als alles übrige, was das arme Kind durchgemacht hat und noch durchmacht,« entgegnete der Oberstallmeister. »Ilses Zukunft liegt sehr dunkel vor mir.« Er strich seufzend über die Stirn. »Ein anderes Mal davon, Mama. Ich komme nämlich wegen einer Bundesangelegenheit und bin sehr eilig.« Er sah auf die Uhr. »Dreiviertel sechs!«
Man setzte sich.
Sibylle wollte sich entfernen.
»Bleib nur, Kind,« rief die Greisin, »oder hast du noch zu tun?«
»Ich möchte nur noch an Mama schreiben, daß ich Montag komme. Wenn ich mich beeile, geht meine Karte jetzt noch mit fort, und sie hat sie Montag früh.«