Part 18
»Bravo, Schenker!« rief der Pastor. »Zur Belohnung tragen Sie den Bundesschatz ins Gutshaus. Dann erfahren wir auch gleich, wieviel Mitglieder sich noch gemeldet haben!«
Schenker verbeugte sich. »Ich dank' auch für die Ehre, Herr Pastor!« sagte er; dann nahm er mit einer Miene, als sei ihm der Hort der Nibelungen anvertraut worden, den Geldsack vom Tisch und verließ erhobenen Hauptes die Sakristei.
* * * * *
Eine Viertelstunde später ging Pastor Wendler die Dorfstraße entlang, dem Herrenhause zu.
Der Weg war heiß und staubig; so beschloß er, den kleinen Umweg über die Wiesen zu machen.
Ein erfrischender Wind wehte ihm entgegen. Grillen zirpten im Grase, Falter gaukelten über dem Moor. Am Bachrand blühten Vergißmeinnichte, und das Sumpfgras flatterte neben der duftigen rosa Federnelke. Es war schön in der stillen Natur.
Ein Kiefernwäldchen nahm ihn auf. Gedankenverloren wanderte er den Pfad entlang.
Immer einsamer ward der Forst, immer weltabgeschiedener, und doch waren menschliche Wohnstätten in der Nähe. Aber ihren Bewohnern waren Heimaterde und Waldstille heilig. Sie hüteten das deutsche Erbe.
Gedankenverloren wanderte er weiter.
Über den Wiesen verwehten die Laute des Lebens, -- er hörte sie nicht. Die Einsamkeit redete zu seiner Seele.
Sie hatte es oft getan in letzter Zeit. In dunklen Nächten hatte sie frisches Öl auf die ewige Lampe gegossen, die Trägerin jener strengen heiligen Flamme über den Tiefen der Seele. Und als die Leuchte des Gewissens zur Fackelhelle entfacht war, als die gewaltige Gesetzesgeberin unumschränkt im Hause regierte, da geleitete die Einsamkeit eine lichte Gestalt in den Garten des Mannes und sagte: ›Laß sie deine Rosen gießen, derweil du den Wein schneidest!‹
Zaudernd stand er: ›Schon einmal freit' ich vergebens!‹
Sie schaute ihm ernst ins Angesicht. »Damals verachtetest du, was echter Frauenliebe am höchsten steht! Damals wiesest du auf den schönsten Stein in ihrer Krone und sprachest: ›es ist ein Kiesel!‹ -- das Blatt hat sich gewendet!«
Ja, das Blatt hatte sich gewendet! Sinnend ging sein Blick über die Frauengestalt mit dem Kränzlein im Haar. »Jutta,« sagte er leise.
In tiefen Gedanken wanderte er weiter.
Da hörte er plötzlich von einem Seitenpfad Stimmen herüberklingen.
Lauschend blieb er stehen.
»Und ich sage dir, wenn du nicht aus Überzeugung unser Mitglied wirst, so hat deine Zugehörigkeit nicht den geringsten Wert,« sagte eine Frauenstimme.
»Aber, lieber Schatz, die Hauptsache ist doch der Beitrag! Habt ihr denn so viele Mitglieder, die zwanzig Mark bezahlen?«
»Nein, durchaus nicht.«
»Ja, was willst du denn? Freu' dich doch!«
Wendler bog die Zweige auseinander. Ein weißes Kleid schimmerte durch die Büsche. Er erkannte das Brautpaar. Der Offizier hatte den Arm um das junge Mädchen gelegt, ihre Hand lag in der seinen. Den dunklen Kopf gesenkt, sah sie vor sich nieder.
»Meinst du wirklich, Gott könne sein Werk nicht ohne uns und unser Geld treiben?« hörte Wendler Sibylle sagen.
»Ja, was bedeutet denn die ganze Sache?«
»Sie bedeutet, daß seine erlösten Kinder Arbeiter am Bau seines Reiches werden sollen, Menschen, die aus Dank und aus Liebe zum Heil ihres Volkes und zu Gottes Ehren arbeiten!« rief sie lebhaft. »Eine bloße Geldspende, die gar nicht der Sache zuliebe gegeben wird, hat also im letzten Grunde keine Bedeutung. Denn Gold und Silber sind tote Werte, solange die Liebe sie nicht geheiligt hat.«
»Aber ich gebe mein Geld dir zuliebe, Billy, -- bist du denn nicht viel mehr wie diese Sache?«
»Im Gegenteil, ich bin viel weniger. Denn es geht um unseres Volkes Ewigkeit. Ich aber bin nur ein leicht zu ersetzendes Glied in der Kette der Männer und Frauen, die das Werk treiben! Du mußt die Sache großzügiger auffassen, Harro! Himmlische und irdische Liebe sind zweierlei!« Ein Seufzer verwehte.
»Ich kann da nicht mit,« sagte er mit zerdrückter Stimme.
»Weil du an keinen persönlichen Gott glaubst,« klang es traurig zurück. »Wer keine Ewigkeit hat, kann natürlich auch keine Ewigkeitsarbeit treiben. Das wäre Widerspruch.«
Dann war es still zwischen den beiden. Nachdenklich blickte der Oberleutnant ins Grüne, während die Braut mit ihrem Sonnenschirm Figuren in den Sand zeichnete.
Wartend stand der Geistliche. Die Sache interessierte ihn. Nicht nur psychologisch; auch der Bundesdirektor fragte sich: ›Was folgt nun?‹ Daß sich zudem ein klein wenig menschliche Neugier in dies Interesse mischte, gestand er sich nicht ein.
Und dann kam's, worauf er gewartet.
»Sag' mal, Billy, warum hast du eigentlich ›ja‹ gesagt, als ich um dich anhielt? Dein Höchstes und Bestes kann ich nicht anerkennen -- du hast's mir ja freilich gleich damals gesagt, daß es dir schwer werde, daß wir uns darin nicht verständen, aber erst seit einiger Zeit merke ich, welch eine Macht deine Weltanschauung auf dich ausübt -- leidest du nicht darunter?« Harro Kambach hatte sich vorgebeugt und sprach eindringlich zu seiner Braut. »Ich hab's dir doch alles ehrlich vorher gesagt, Kind!«
Sibylle Bühler hatte ihr Spiel mit dem Sonnenschirm aufgegeben. »Ich hab' ›ja‹ gesagt, weil ich dich grenzenlos liebhab', -- weil ich mir sagte, ein so ehrlicher Mensch, wie du, findet früher oder später seinen Gott. Denk' nur nicht, ich bildete mir ein, die Liebe zu mir würde dich zum Glauben bringen. Dann wärst du kein rechter Mann, vor allem aber wäre dein Glaube nicht der rechte. Glaube, der auf Frauenliebe gegründet ist, ist kein Glaube, denn er wurzelt nicht in persönlicher Erfahrung. Die Heilsgewißheit fehlt ihm. Ich kann für dich beten, kann dir den Weg zeigen, -- und das will ich tun, soweit es in meinen Kräften steht -- mehr kann ich nicht. -- --
›Nach der Wahrheit steilen Burgen Mag ein andrer wohl die Pfade Dir durch Dorn und Felsen zeigen: ~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹[5]
Kennst du den Vers? In einer Zeit, wo ich im Zweifel war, ob ich der Sehnsucht meines Herzens folgen dürfe, fand ich dies Dichterwort.« Die dunklen Augen strahlten ihn an: »Nun weiß ich's, ich darf deine Wegweiserin sein!«
Er zog sie an sich. Ihr Haupt ruhte an seiner Brust.
In tiefer Bewegung beugte er sich über sie und küßte sie. »Und wenn ich dir nicht folgen kann?«
Wieder hob sie den Blick voll zu ihm auf. »Weißt du, wie es weiter heißt?
›Die Erkenntnis ist das Erbe Nicht der Weisen, nein der Frommen! Nicht im Grübeln, nein im Beten Wird dir Offenbarung kommen!‹
Und dann das Letzte, Schönste:
›Soll ein Menschenauge schauen, Muß der Himmel sich erschließen, Und ein Strahl von seinem Lichte In das dunkle Herz sich gießen.‹«
Ihre Stimme bebte. »Führen kann nur Gottes Gnade!« sagte sie leise.
Wendler sah noch, wie über das Antlitz des Mannes ein Schatten flog, wie er schmerzlich den Kopf schüttelte, dann verließ er leise sein stilles Versteck.
Nachdenklich wanderte er weiter.
Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den Kronen.
›Das ist echte Frauenliebe,‹ dachte er, ›Wegweiserin will sie dem Manne sein!‹
Unwillkürlich zog er den Vergleich zwischen Sibylle Bühler und der Frau, nach deren Liebe er sich sehnte, wie nach einem frischen Trunk, -- sie hatte sich ihm versagt. Sie hatte es übers Herz gebracht, ihm zu weigern, was wahrhaftiger Frauensinn mit vollen Händen austeilt, hatte vergessen, daß ein echtes Weib nur dann glücklich ist, wenn es einem geliebten Menschen zum Quell der Erquickung und des Segens wird. Oder nicht? Hatte sie gelitten, gedarbt? Wartete sie auf sein jubelndes Bekenntnis: ›Dein Gott ist mein Gott!?‹ Er grübelte weiter. Sibylle Bühler reichte einem Manne die Hand, der viel weniger glaubte, als er geglaubt, der im Grunde überhaupt keine Religion, sondern nur eine moderne Weltanschauung besaß, -- Jutta Eichel wies den glühenden Jesusverehrer von sich. Und doch standen diese beiden Frauen auf gleichem Boden, auf dem Boden des bibelgläubigen Christentums. Beide kannten das Wort: ›Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das Weib.‹ In echt frauenhafter Demut hatte sich die junge Gräfin unter dies Wort gestellt, -- die Tochter des orthodoxen Pfarrhauses hatte es nicht vermocht. Oder lagen die Dinge anders? Er grübelte weiter. In heißer Sehnsucht, sich selbst und dem Weibe, das er noch immer mit seiner ganzen Manneskraft liebte, gerecht zu werden, zwang er sich zum Nachdenken.
Und dann stand er plötzlich tief aufatmend still.
Beide hatten recht gehandelt, die eine, als sie sich dem Manne angelobte, dessen verflachte Weltanschauung ihn halt- und führerlos gemacht, die andere, als sie in heiliger Sorge um den eigenen Glaubensschatz dem Geliebten auswich, der ihr die toten Früchte menschlicher Weisheit bot. Sie hatte recht gehabt, als sie ihn von sich wies, sein Wissensdünkel hätte sich niemals vor einem Weibe gebeugt. Über ihn hatte ein Gewaltiger kommen und sein Werk in Stücke brechen müssen, daß er's im tiefsten erschütterndsten Sinne erlebte: ›~Führen~ kann nur Gottes Gnade!‹ Und er hatte es erlebt. Was ihn einst ein Makel gedünkt, war heute sein jubelndes Bekenntnis: ›Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen!‹
Aber seine Sehnsucht nach Frauenliebe war gewachsen. Wie würde Jutta Eichel ihm heute begegnen? Er hatte sie seit jener Stunde nicht wieder allein gesehen, obwohl er in den letzten Wochen häufig in Bundesangelegenheiten bei der alten Exzellenz gewesen, aber ihre Gesellschafterin war stets abwesend, oder huschte nur mit einer dringenden wirtschaftlichen Frage durchs Zimmer. Ob sie nichts mehr von ihm wissen wollte? Seufzend blickte er auf.
Wo war er hingeraten?
Der Wald hatte sich gelichtet. Zwischen den dunklen Stämmen schimmerte das Grün der Wiesen. Er trat ins Freie. Wahrhaftig, da lag Dreilinden! In seiner Erregung hatte er einen verkehrten Weg eingeschlagen.
Freundlich grüßten die roten Dächer des Gutshauses über die Felder. In den leise wehenden Zweigen der Birken spann die Sonne ihre goldenen Netze. Ein leuchtender Falter gaukelte über dem Rain. Und die Fenster drüben blinkten und lockten, und der Wind trug die Klänge eines alten Volksliedes herüber:
›Meine Mutter hat's gewollt! Den andren ich nehmen sollt'! Mein Herze sollt vergessen, Was es zuvor besessen, -- Das hat es nicht gewollt!
Meine Mutter klag' ich an! Sie hat nicht wohl getan! Was sonst in Ehren stünde, Nun ist es worden Sünde, -- Was fang' ich an?
Für all mein'n Stolz und Freud' Empfangen hab' ich Leid! Oh, -- wär' es nicht geschehen, Oh, -- könnt' ich betteln gehen Über die braune Heid'!‹
Wie ein Alp legte sich der schwermütige Sang auf seine Seele.
Er strich mit der Hand über die heiße Stirn.
Was war das? Verwehter Heidezauber? Der Spuk nahender Dämmerung?
›Meine Mutter hat's gewollt!‹
Sie hatte ja nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder, noch Schwester, und kein anderer hatte an ihre Tür gepocht; er wußte es. Aber das Erbe des Elternhauses besaß sie voll und ganz und hielt es mit starken reinen Händen fest. Und in diesem Sinne traf ihn in dieser Stunde das Wort bis ins Mark. Was sie fernhielt, war trotz allem, das sie in letzter Zeit über ihn gehört, die Sorge um das heiligste Erbe des Vaterhauses. Und mit plötzlicher Klarheit stand's vor ihm: Frauenliebe versteht dich erst, wenn du selbst vor sie hintrittst: ›Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!‹ Was hatte ihn abgehalten, alle Hindernisse überwindend, zu ihr zu gehen? Die Scheu vor dem Eingeständnis des Riesenirrtums, der seine Seele in Fesseln geschlagen?
Nun und nie!
Der Stolz?
Das Blut stieg ihm in die Stirn. Pochte einmal abgewiesene Mannesliebe ein zweites Mal an die Tür eines Weibes?
Er preßte die Lippen zusammen. Ja, der Stolz war's.
›Warum wies sie dich denn ab?‹ raunte das Gewissen.
Da gestand er sich's ehrlich. ›Um des Glaubens willen!‹
Ja, darum ganz allein.
Seine Augen leuchteten.
»Gerad' der Mannesstolz soll dir seinen Glauben bekennen!« sagte er leise und wanderte mit großen Schritten dem Gutshause zu.
Er wußte, sie war daheim. Jedenfalls leistete sie in Abwesenheit der alten Dame Gräfin Ilse Bühler, welche seit einigen Wochen in Dreilinden war, Gesellschaft.
Ohne Umschweife wollte er auf sein Ziel losgehen und sie um eine Unterredung bitten lassen. Dann mochte kommen, was da wollte, sie wußte es aus seinem eigenen Munde, woran sie mit ihm war.
Ein starkes Glücksgefühl durchschauerte ihn. Und während seine Seele sich bereitete, einer anderen ihr Allerheiligstes zu erschließen, kehrte eine große schöne Gewißheit bei ihm ein. Nicht die Gewißheit des Besitzes, sondern des Friedens, der, höher als alle Vernunft, Glück und Schmerz überdauert.
So ausgerüstet wanderte er wie einst über den sonnigen Hof. Fast dasselbe Bild war's, nur die Zeit war eine andere. Damals stand eine schlanke Gestalt in der offenen Halle, des Spätsommers glühende Zentifolienpracht in den Händen, heute schritt sie, einen duftenden Fliederstrauß tragend, dem Hause zu. Ein Zug sanfter Trauer lagerte auf der hellen Mädchenstirn, ein tiefer Ernst, der ihrem ganzen Wesen etwas Frauenhaftes gab.
Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. Leuchtenden Auges grüßte er sie und reichte ihr die Hand. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen, Fräulein Eichel?«
Sein plötzliches Erscheinen hatte sie erschreckt. Sie war leichenblaß geworden. Doch mit der ihr eigenen Willenskraft beherrschte sie sich und reichte ihm freundlich die Hand. »Guten Abend, Herr Pastor! Exzellenz ist noch nicht zurück! Aber ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung. Sie kommen gewiß in einer Armenangelegenheit, -- Sie wissen, mein Gebiet! -- Gräfin Bühler schläft, ich bin also ganz frei. -- Wollen wir uns unter die Linde setzen?«
Sie sagte es mit einer gewissen Hast, dann eilte sie ihm voran, dem schattigen Platze zu. Scheute sie die Enge des Raumes, das Alleinsein mit ihm in den stillen vier Wänden? Nachdenklich folgte er ihr.
Und dann saßen die beiden Menschen unter den lang herabhängenden Zweigen des alten Baumes auf der weißen Gartenbank. Die Bienenvölker summten in den Kronen, im hereinbrechenden Sonnenlicht tanzte ein Mückenschwarm. Eine feine goldgrüne Dämmerung spann ihre Fäden um den verschwiegenen Platz.
Kein Ton unterbrach die Feierstille des Frühlingsabends. Eines meinte des anderen Herzschlag zu vernehmen und das stille Glühen seiner Seele zu spüren. Mit aller Kraft rang der Mann seine Sehnsucht nieder; mit frauenhafter Scheu suchte das Weib seine Liebe zu verbergen. Und dennoch wußt' es eins vom anderen, daß die Saiten ihrer Seele zerspringen wollten unter den vollen Tönen einer großen tiefen Leidenschaft. Als würf' das Meer seiner Woge Gewalt gegen ein schwankes Türlein, und das Rauschen kläng' hindurch und das Jubeln der jungfräulichen Flut -- so empfanden zwei Seelen der Liebe Königsgewalt. Mannesart begehrte dieser Liebe Kraft, Frauensinn sehnte sich nach jenem stillen zarten Dienst, der echten Weibes Seligkeit.
Und dann klang es mit verhaltener Leidenschaft durch die Abendstille: »Ich komme nicht wegen der Armen, ich will nichts von Exzellenz von Kambach, -- nur zu Ihnen will ich! Will's Ihnen endlich, endlich selber sagen, daß Ihr Heiland auch mein Gott und Herr ist, -- nicht die vergöttlichte Idealgestalt von dieser Erde, -- nein, der König meiner Seele, den ich auf den Knien anbete, mein Versöhner und Erlöser! -- Ich bringe Ihnen kein Gold und Silber, arm gehe ich in eine ungewisse Zukunft, aber was ich besitze ist echt, -- der Glaube, wie die Liebe!«
Er hielt tief atmend inne.
Gesenkten Hauptes saß sie neben ihm, die Hände im Schoß verschlungen. Auf den schweren Flechten flimmerte die Sonne und umwob das dunkle Haupt mit feinen goldenen Rauten.
Sinnend sah er auf sie nieder. »Jutta,« sagte er leise.
Aber sie regte sich nicht.
»Soll ich gehen?« fragte er.
Da hob sie die Augen voll zu ihm auf. »Nein, nein!« Eine große Sehnsucht lag in ihrem Blick, aber um den schmalen Mund zuckte verhaltener Schmerz.
»Zweifeln Sie an mir?« fragte er traurig, »an dem Glauben des Mannes, der seinen Meister auf Umwegen fand?«
»Nein,« rief sie lebhaft, »keinen Augenblick! In tiefster Seele beglückt mich, woran ich nie gezweifelt, was ich aber von Ihnen selbst hören mußte, ehe es mir zum unbestrittenen köstlichen Besitz wurde. Die tiefe Kluft von einst ist überbrückt. Aber etwas anderes liegt mir auf der Seele, etwas, das mich schon damals drückte, was aber hinter der großen Hauptsache zurücktrat.« Ihre Stimme bebte. Sie wandte das Antlitz zur Seite. »Ich weiß nicht, ob Sie sich nicht in mir täuschen. Es ist etwas anderes, ob man ein Mädchen von fünfundzwanzig Jahren heiratet, oder eines, das die Mitte der Dreißig überschritten. Gewiß, es gibt Menschen, die immer jung bleiben, die etwas Leuchtendes an sich haben, etwas Unverwelkliches, -- das sind die sogenannten Sonntagskinder, denen eine besondere Gabe beschert ward, die sie im Dienste anderer verwerten. Und dieser Dienst erhält sie jung. Aber an mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts, als ein guter Hausgeist, wie Exzellenz sagt. Von Ihnen aber hab' ich immer gedacht, Sie brauchten eine jener feinsinnigen idealen Frauen, die überall Glanz und Wärme hintragen und unbewußt durch ihr ganzes Wesen anderen zur Erquickung werden! Das werd' ich nie!«
»Wissen Sie das so genau? Soll ich Ihre alte Exzellenz danach fragen?« Er beugte sich vor und suchte ihren Blick.
Aber sie wich ihm aus. »Exzellenz -- ich sagte es doch schon -- die antwortet Ihnen: ›Eichelchen ist ein treuer Hausgeist!‹ Das ist ein großes unverdientes Lob, -- aber -- ich glaube, Sie brauchen mehr! Sie brauchen eine Rose, an der Sie sich erquicken können, eine junge holde Frau, die Ihnen ihre erste Liebe schenkt, eine, die mehr ist, als ich!« Errötend brach sie ab.
Sein Auge ruhte sinnend auf ihr. Nie war sie ihm begehrenswerter erschienen, als in diesem Augenblick, wo sie ihn in die Tiefen ihrer Seele schauen ließ. Das war das Große an ihr, -- die Aufrichtigkeit. Sie war mehr als die bloße Erkenntnis: ›Die Knospe ist aufgeblüht, was du zu vergeben hast, ist still glühende reife Frauenliebe, tiefe abgeklärte Weibessehnsucht, die ausschaut, ob einer des Weges kommt, den sie erquicken darf!‹ Größer war der stille Verzicht, der ehrlich und selbstlos zurücktrat: ›Es ist Herbstrosenglut, morgen fällt der erste Schnee in den dunklen Kelch, -- geh eine Tür weiter, im Nachbarsgarten duftet eine liebliche Knospe, die brich, die nimm ans Herz!‹
Ahnte sie gar nicht, daß er sich gerade nach dieser klaren reifen Frauenliebe sehnte, daß er gerade ihrer bedurfte, in den Kämpfen des Tages? Daß er ein Weib brauchte, das ihm nicht nur das Haus schmückte, sondern ihm geistig ebenbürtig zur Seite stand? Freilich nicht als Gefährtin im modernen Sinne. Die Frau, die er suchte, mußte sich ihrer Würde bewußt sein, sie mußte Schleier und Diadem vor dem Staub der Gasse zu schützen wissen, mußte, ihres königlichen Dienstes eingedenk, zuerst und zuletzt ganz Weib sein. Und das war die Frau, die hier an seiner Seite saß und ungewollt und unbewußt den schönsten Stein in ihrer Krone funkeln ließ, die Demut: ›An mir ist nichts Leuchtendes! Ich bin nichts als ein guter Hausgeist!‹ -- --
»Eine, die mehr ist als Sie?« wiederholte er langsam ihre Worte. »Was denken Sie eigentlich von mir? Ich will kein Fräulein Doktor heiraten, sondern eine deutsche Frau!«
»Ach, das meinte ich nicht!« entgegnete sie. »Ich dachte nur, gerade Ihre Frau müßte anders sein, etwa wie Gräfin Sibylle -- mit einem Wort -- anders als ich!«
»Anders als Sie? -- Ich will Ihnen keine Schmeicheleien sagen, aber eines muß ich hier aussprechen. Ich weiß, Sie meinen nicht die äußere Schönheit, sondern die Seele, welche die ganze Persönlichkeit der Gräfin zu dem macht, was sie ist. Ich sah sie ja nur selten und flüchtig, aber das ist mein Eindruck von ihr: daß die Seele den Leib adelt. -- Muß ich Ihnen denn erst sagen, daß Ihnen dasselbe helle Licht aus den Augen strahlt? -- Gewiß, Sie sind beide keine Schablonen, jede von Ihnen hat ihre Eigenart, aber eines steht fest,« -- wieder beugte er sich zu ihr nieder, »ich brauche nicht weiterzugehen, ich will die Frau, die ich liebe, genau so, wie sie ist ...,« er faßte ihre Hand und drückte sie leise. »Jutta!«
Sie schwieg noch immer.
Da sagte er mit tiefernster Stimme: »Aber vielleicht ist Ihr Ideal eines Mannes ein anderes?«
Durch ihre Gestalt ging ein Beben. Sie umklammerte seine Hand. »Nein,« sagte sie kaum hörbar.
Aber er hatte sie verstanden.
Es hielt ihn nicht länger.
Er zog sie in seine Arme.
Und als wär's seit langer Zeit ihr gewohnter Platz, legte sie den Kopf an seine Brust.
Kein Laut ging durch die abendliche Stille.
Die große Sehnsucht zweier Menschen war erfüllt: eines lauschte auf des anderen Herzschlag. -- -- --
Und heimlich, als sei's ein Unrecht, streute die Sommerlinde ihre goldenen Knospen auf die weiße Gartenbank, in die dunklen Flechten der Braut. -- --
»Ich hab's gewußt,« sagte Pastor Wendler leise. »Als du mich fortschicktest, sagte ich mir: ›Nur der Glaube trennt uns!‹«
Sie hob den Kopf und sah ihn strahlend an.
»Geliebt hast du mich damals schon, Jutta!«
Sie fand in ihres Herzens Seligkeit noch immer keine Worte.
Er aber wollte sein ganzes Glück aus ihrem Munde hören.
»Seit wann?« fragte er mit weicher Stimme.
Da sah sie ihn mit einem Ausdruck an, wie er ihn nie an ihr geschaut, dann legte sie aufs neue den Kopf an seine Brust. »Immer!« -- -- --
* * * * *
Über den Hof rollte ein Wagen.
Sie richtete sich auf.
»Das ist Exzellenz!«
Er nickte ihr fröhlich zu.
Langsam traten sie aus ihrem grünen Versteck.
Als die Füchse hielten, standen sie Hand in Hand auf den Stufen.
Frau von Kambachs Blick ging fragend von einem zum andern. Ihre Augen wurden immer größer.
Der Pastor öffnete den Wagenschlag und half ihr beim Aussteigen. Jutta stand still daneben.
Frau Sabine nickte ihr lächelnd zu.
Dann sah sie dem abfahrenden Wagen nach, bis er um die Hausecke bog.
Auf den Krückstock gestützt, stand die greise Gestalt, helle Freude im Antlitz. »Eichelchen, -- Kinder, -- was habt ihr gemacht?«
Da beugte sich ein dunkler Mädchenkopf über ihre Hand: »Exzellenz, er will mich gerade so, wie ich bin!«
Jubelnd kam's heraus, kaum wußte sie, was sie sagte.
»Das glaub' ich schon,« rief die alte Dame, über das Haar ihrer treuen Gehilfin streichend.
Und dann drohte sie dem Pastor.
»Ist das eine Art, mir hinterrücks meinen treuen Hausgeist abspenstig zu machen?«
Er neigte sich über ihre Hand. »Ich brauche eine Frau Direktor, und daran sind Exzellenz allein schuld. Wer hat mich auf den Posten berufen? -- Unter hundert Frauen aber ist vielleicht eine, die mir die rechte Gefährtin ist, und aus tiefster Seele dank' ich's Gott, daß ich ihr begegnet bin!«
Er zog die Braut an sich.
Der alten Frau traten die Tränen in die Augen. Ihr Blick schweifte über die Heide im Abendglanz, ihre Gedanken wanderten.
Wie oft hatte sie um diese Stunde hier gestanden und ihres schönen geliebten Vaterlandes gedacht, wie oft war Herders mahnender Ruf durch ihre Seele gezogen: ›O Deutschland, meine Sorge!‹
Aber so groß die Not, so schwer die Schuld, so riesenhaft die Last, so drohend die Gefahr, immer wieder ging der große Meister durch die Häuser und berief die besten und edelsten Kräfte zum Bau seines Reiches.
Und ohne auch nur einen Augenblick an sich zu denken, an die Lücke in ihrem Hause, an den leeren Platz an ihrem Tisch, an alle Liebe und Treue, die von ihr ging, gab sie, was von ihr gefordert ward.
›Es ist einer von den glattgespülten Kieselsteinen‹, zog es durch ihre Seele, als sie in später Abendstunde über der Bibel saß. ›Einen heiligen Damm wollest du bauen, lieber Herr und Gott!‹
Fünfzehntes Kapitel.
Ein Frauenlos.
Das ist die dunkelste Schuld, die das Erbe des Blutes mißachtet, Die das Vermächtnis an Kinder und Enkel entehrt.