Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 17

Chapter 173,749 wordsPublic domain

»Ick bring's ja nich wieder zusammen, was Herr Pastor Wendler gesagt hat! Aber die Hauptsache weiß ick noch. Vor allem klang durch alles sein lebendiger Osterglaube hindurch. Überhaupt betonte er immer wieder gerade das, was sonst in seinen Predigten fehlte: daß wir den lebendigen persönlichen Heiland brauchen, den Gottessohn, den man schauen kann. ›Wir Pfarrer werden doch nich bloß zu Hochzeiten und Kindtaufen gerufen,‹ sagte er, ›wie oft stehen wir an Sterbebetten und Totenladen. Was nützen da schöne Reden -- einen Sünderheiland brauchen wir, der unsere Schuld ins Meer senkt und über die Gräber ruft: ›Ich lebe und ihr sollt auch leben!‹ Aber das schönste war doch, wie er von seinem Heimweh nach dem alten Bibelglauben sprach. Obgleich er nicht gerade von sich dabei redete, merkte man's doch, daß er alles selbst erlebt und durchgekämpft hatte. Einmal dachte ick: ›Das geht auf die Geschichte mit unseren jungen Herrn,‹ und ein anderes Mal merkte man's ganz deutlich, daß er an Frau Petzold dachte! Der Mann hat was durchgemacht, Exzellenz! -- ›Gar kein Evangelium,‹ sagte er, oder das ganze, das, von dem der Dichter singt: ›Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still!‹ -- Exzellenz, ick kann's nich sagen, wie mir diese Predigt ergriffen hat!«

»Diese Heimkehr!« sagte die alte Frau mit leiser Stimme.

Schenker wischte sich über die Augen. -- »Und dann hat er noch von dem modernen Menschen gesprochen! Wir haben ja auch so 'n paar unter den Lehrern und Honoratioren. Daß so was auch aufs Dorf kommen muß! Na, unser Herr Pastor sagte, wir sollten man bloß nich denken, daß so 'n moderner Mensch nich dasselbe sehnende Herz in der Brust trüge, wie andere Leute. Es sei Einbildung, daß man glaube, man könne ohne den Herrn Jesum und sein Kreuz fertig werden! Wenn der moderne Mensch so kalt und gleichgültig tue, so sei das nur eine Larve, die das blutende Herz und die innere Einsamkeit verbergen solle. Denn wenn einer noch so gelehrt und noch so berühmt sei, seine Seele mache das alles nicht satt. Darum sei es ein Gottesraub, das Bekenntnis, das die Gemeinde mit ihrem Herzblut erlebt und verteidigt, durch Menschenfündlein zu ersetzen oder nach menschlicher Meinung umzubilden! Exzellenz, das hat der Mann gesagt, der vor kaum zwei Monaten erklärte, das Glaubensbekenntnis könne man verschieden auslegen!«

Seine Augen leuchteten, auf dem alten treuen Gesicht lag das Rot freudiger Erregung.

Er schwieg.

Nachdenklich sah er vor sich nieder, eine leichte Verlegenheit malte sich in seinen Zügen.

Er räusperte sich.

»Dann kam noch etwas,« sagte er endlich zögernd, »eigentlich war's nich ganz in der Ordnung, noch dazu am Ostersonntag, aber, im Grunde hab' ick mir doch gefreut. ›Schenker,‹ hab' ick zu mir gesagt, ›du hast doch 'ne Frau, wie's nich viele gibt! In ganz Kambach is keine solche, und in Dambeck und Bühl, und hier in Dreilinden auch nich!‹ Na -- und in Berlin? Ach, du meine Güte,« er lachte hell auf, und schlug mit der Hand aufs Knie -- »Berlin!!! -- Also, -- Exzellenz, -- was tut meine Frau? Kaum hatten wir nach der Predigt ›Auf, auf, mein Herz, mit Freuden!‹ gesungen, steht sie auf und sagt: ›Nu wollen wir noch »Nun danket alle Gott!« singen.‹ Und damit fing sie auch schon an. Sie war feuerrot geworden und schielte nach mir rüber. Aber ick muckste mir nich, Exzellenz. Hätt' ick meine Frau angesehen, wär's vorbei gewesen, und das paßt sich doch schließlich nich für 'n ollen weißhaarigen Kammerdiener. Nur ganz heimlich hab' ick ihre Hand gefaßt. -- Dann sangen wir alle mit. -- In meinen ganzen Leben hab' ick das Lied nich so singen gehört, nur damals, als der Friede gefeiert wurde! -- Pastor Wendler stand am Altar. Er war ganz blaß und sah sehr bewegt aus, als er in die Sakristei ging.«

Wieder war's still zwischen den beiden. Auf die Seele der alten Frau wirkte die schlichte liebliche Erzählung wie eine wundersame Glaubensstärkung, dem Manne aber, der sie erlebt, ward das Stücklein Kirchengeschichte, das sich im engen Rahmen der Heimat abgespielt, immer mehr ein Stück Lebensgeschichte.

»Exzellenz,« hub er endlich noch einmal an, »ick hab' nu noch einen anderen Gedanken! Er is vielleicht ganz verkehrt, dann laß ick mich gern eines Besseren belehren, aber Exzellenz werden gestatten, daß ick ihn ausspreche. Denn er verläßt mich nich mehr! Und das will was sagen! Ick bin sonst wahrhaftig nich so.«

Er sah die alte Dame erwartungsvoll an.

Sie aber nickte ihm ermutigend zu.

Da holte er tief Atem und fuhr fort: »Exzellenz, -- wir haben noch immer keinen Bundesdirektor! Die Sucherei geht nu schon durch Wochen und Monate! Wir haben heute schon den ersten Mai, und die Geschichte kommt nich vom Fleck. Der gnädige Herr schreibt sich die Finger wund, und immer is es vergeblich! Entweder paßt die kirchliche Richtung nich, oder es heißt: ›Die Sache steckt noch zu tief in den Anfangsgründen, daraufhin kann man Amt und Brot nich aufgeben!‹ Na -- die passen natürlich nich für uns, Exzellenz! Hier gilt's Opfer bringen, gerad so gut, wie bei der Äußeren Mission, und da is die Sache doch noch ganz anders! Hier wird man doch nich von die Klapperschlangen gefressen oder von die Hottentottens aufgespießt! Aber trotzdem -- einen Verzicht gilt's. Schon einfach deshalb, weil wir kein Geld haben. Wir brauchen also einen ganzen Mann. Und da fuhr's mir heut nacht durch den Kopf: ›Da suchen und suchen wir, und der Mann is da!‹ Und als ick mir die Sache länger überlegte, hab' ick mir gesagt: ›Schenker, du bist doch 'n alter Teekessel, hättest du das nich gleich am ersten Ostertag nach der Predigt wissen können? Vierzehn Tage eher hätt'st du die Herrschaften von ihre Sorge befreit!‹ Aber wie's im Leben so geht, Exzellenz, -- heut morgen dacht' ick: Wenn Exzellenz nu säd: ›Schenker, das is Quatsch!‹ Det kann ick nämlich schlecht vertragen, Exzellenz!«

Er sah sie erwartungsvoll an.

Frau Sabine hatte den Kopf in die Hand gestützt. Schweigend ruhte ihr Blick auf dem Alten. In ihren Augen standen Tränen. --

Ein stiller Vorfrühlingsabend stieg vor ihrem Geiste auf. In dem dämmernden Stadtgarten blühten Veilchen und Krokus und ein weicher Wind strich um die Dächer. Sinnend saß sie über der Apostelgeschichte, über dem Werdegang des gewaltigen Kämpfers, dessen heißem Ringen jener wunderbare Sieg folgte, -- ›denn siehe, er betet!‹ Ein Gedanke war ihr durch den Sinn geflattert, woher er kam, wußte sie nicht, aber ihre Seele folgte seinem leuchtenden Flug. Glaubenswege zogen sie miteinander, zu lichten Firnen empor. Nur die Kühnheit und Leichtigkeit des Gedankens aus der Überwelt durfte den schwindelnden Aufstieg wagen, nur die Trägerin des Wetterkreuzes durfte nach den Stürmen der Nacht von der Grenze des ewigen Schnees in die Zukunft schauen. Dann waren sie zu Tal gezogen. Aber durch das Grau des Alltags hindurch klang's immer wieder wie eine lichte Weissagung: ›Denn siehe, er betet!‹ -- Und heute stand einer vor der Greisin und sprach: ›Das Wort ist erfüllet!‹

Sinnend blickte sie vor sich hin.

Da fuhr der Alte fort: »Dann hab' ich mir gesagt: ›Schäme dir, Schenkersch Vadder! Die Missionare zucken mit keiner Wimper in Todesgefahr, und du bist empfindlich, wenn deine alte Herrschaft dir die Wahrheit sagt. Gleich heute gehst du nach Dreilinden!‹ Na, und da bin ich nu!«

Wieder nickte Frau von Kambach ihm freundlich zu. »Der Gedanke ist zu erwägen, lieber Schenker. Er ist mir selbst schon durch den Kopf gepflogen, um so mehr freue ich mich der Anregung von anderer Seite. In der Hauptsache bin ich vollkommen mit Ihnen einig. Wendler ist ein ganzer Mann, der sich nach allem, was Sie mir berichten, auch als ganzer Christ beweisen wird. Menschen, die sich zum Glauben durchkämpfen, sind keine halben. Denken Sie daran, wie Saulus ein Paulus wurde! Ich bin also sehr dankbar für die Anregung, muß mir die Sache aber in Ruhe überlegen und vor allem erst mit meinem Sohn darüber sprechen. Er weiß noch nichts?«

»Nein, Exzellenz. Ich wollte zuerst hier vorsprechen.«

Sie nickte. »Gut. Ich fahre morgen nach Kambach. Wissen Sie, ob mein Sohn in den Vormittagsstunden zu Hause ist?«

»Der gnädige Herr hat nicht gesagt, daß er etwas Besonderes vorhätte!«

»Schön. Dann bestellen Sie, ich käme um elf. Paßt es nicht, können Sie mich ja benachrichtigen.«

»Sehr wohl, Exzellenz.« Er erhob sich.

Frau von Kambach reichte ihm die Hand. »Adieu, lieber Schenker! Eine so große Freude hab' ich lange nicht gehabt, und daß Sie sie mir bringen durften, war schön!«

Seine Augen leuchteten. Er verbeugte sich. »Ich danke untertänigst, Exzellenz!«

Schritte klangen im Nebenzimmer. Ein junger Diener erschien auf der Schwelle.

»Herr Pastor Wendler!«

Die beiden Alten sahen sich an.

»Ich lasse bitten,« sagte die Hausfrau. »Sie sind ihm zuvorgekommen,« wandte sie sich halblaut an Schenker.

Schwerfällig erhob sie sich und ging dem Gast entgegen.

Sein rascher Schritt klang an ihr Ohr. ›Ganz so wie einst!‹ zog es ihr durch den Sinn.

Da stand er schon vor ihr, groß, kräftig, das blaue Auge leuchtend, -- keine Spur von einer eben überwundenen wochenlangen Krankheit, weder in Aussehen und Farbe, noch in den Bewegungen, -- nun ja, er war in froher Erregung durch die blühende Mark gewandert.

Sie streckte ihm die Rechte entgegen. »Herzlich willkommen, mein lieber Wendler!«

Er beugte sich über ihre Hand. Dann sah er sie voll an. In dem männlichen Gesicht arbeitete es.

»Es ist lange her, daß ich hier war,« sagte er, und seine Stimme bebte leise. »Aber Exzellenz haben mir gestattet, wiederzukommen ...« Er hielt inne, tief Atem holend. Das menschliche Wort erschien ihm zu arm in dieser Stunde.

Sie verstand ihn.

Schweigend hielt sie seine Hand umfaßt.

»Ich bat Sie, wenn es so weit sei, Ihre Freude teilen zu dürfen,« sagte sie endlich, -- »nicht wahr, die Stunde ist gekommen?«

Der lang entbehrte Ton schlug ihm warm ans Herz. Wie unwert erschien er sich dieser Liebe! Aber sie war nichts als der Abglanz einer größeren heiligeren, die er mit heißer Sehnsucht gesucht und endlich gefunden.

Die Bewegung übermannte ihn. Tränen traten in seine Augen. Er wandte sich ab.

Da fiel sein Blick auf den alten Schenker, der bescheiden in der Fensternische stehen geblieben war. Sein Gesichtsausdruck sagte ihm alles. Fragend sah er die Gutsherrin an. Lächelnd nickte sie ihm zu. »Ja, lieber Wendler, Sie haben recht, Sie brauchen mir nichts mehr zu sagen. Unser guter Schenker hat mir eben über die Osterpredigt berichtet, und daß Sie zum Schluß ›Nun danket alle Gott!‹ miteinander gesungen haben! Mir tut nur leid, daß ich nicht dabei gewesen bin, -- aber nicht wahr, ich darf mich auch jetzt noch mit Ihnen freuen?«

Wie eine Mutter sah sie ihn an.

Und den Mann, der jahrzehntelang, von niemand umhegt und geliebt, sein einsames Leben geführt, traf dieser Blick in tiefster Seele.

»Exzellenz!«

Als müßt' er das innerste, heiligste Empfinden dieser Stunde selbst vor diesen lieben Augen verbergen, beugte er sich ein zweites Mal über die greise Hand und drückte einen langen innigen Kuß darauf. -- --

* * * * *

Der Westwind trug den Klang der Kambacher Betglocke herüber. Heimatlich grüßte er die beiden Menschen.

Ein leiser Schritt verklang auf den Dielen. Behutsam ward eine Tür geschlossen.

Sie waren allein.

»Ich wußte, daß Sie heimkehren würden,« sagte sie leise, »es ist kalt und einsam in der Fremde!«

»Und doch hätte ich den Weg niemals gefunden, hätte mich nicht einer geführt,« klang es zurück. »Denn ich war blind. Jetzt ist mir die Decke von den Augen genommen, ich habe erkannt, daß die Wissenschaft uns den Frieden der Seele nicht schenkt. Darum fror mich bei aller Gelehrsamkeit -- sie hat mich arm gemacht!«

»Arm,« wiederholte die alte Frau nachdenklich. »Wären Sie reich gewesen, so hätten Sie sich nicht führen lassen. Zur Heimkehr gehört Heimweh!«

Sinnend blickte er in den leuchtenden Abend hinaus. Wie ein dunkelgrüner Rahmen umschloß das efeuumsponnene Fenster die verträumte Landschaft. Rosa Abendwolken schifften vorüber, und der letzte Strahl mischte sich mit dem Bronzeton der Heide. Sehnsüchtig trällerte eine Lerche über den wehenden Birken.

Drüben verhallte die Glocke ...

›Zur Heimkehr gehört Heimweh!‹ zog es durch die Seele des Mannes, der nach heißem Kampf und langer Irrfahrt den Weg nach Hause gefunden.

Vierzehntes Kapitel.

Jutta.

Weißt du nicht, daß späte Rosen In der Herbstzeit schnell verblühen? Daß sie frühe sich entfalten Und ums Abendgold verglühen?

Daß ein kurzes helles Leuchten Auf den roten Blättern schimmert, Wenn des Taues Brautgeschmeide In den dunklen Kelchen flimmert?

Duftend wird die letzte Rose Deiner Liebe sich erfreuen, Und die samtnen Spätherbstblätter Still auf deine Pfade streuen.

Feiernd geht der Tag zur Neige, Wenn die Schnitter heimwärts ziehen, Und beim Klang der Abendglocke Leuchtender die Felsen glühen ...

»Eins steht fest: Wir können heute gleich zwei Ortsgruppen gründen, eine agrarische und eine militärische!« sagte der Oberstallmeister lachend zu seiner Mutter, die, auf den Arm des Sohnes gestützt, der Gutskirche zuwanderte. »Na, dann ist wenigstens ein Anfang gemacht, dem der klingende Beigeschmack hoffentlich nicht fehlt! Denn wir brauchen Geld! -- Du sagst: ›Das wird schon kommen!‹ Ja, mein Himmel, in den Mund fliegen einem die gebratenen Tauben heutzutage nicht!« Er grüßte freundlich hierhin und dorthin. Es ist doch großartig, -- +in corpore+ sind die Leute erschienen! Die ganze Umgegend ist da. In Bühl kann tatsächlich nur der Nachtwächter zu Hause geblieben sein, mit Kind und Kegel ist das Volk angetreten. Und sieh mal die Bauern! Alle Achtung! Ich hätt's nicht für möglich gehalten! -- Was hat da nu gezogen? Gräfin Sibylle Bühlers Stradivariusgeige oder der neue Bund und sein interessanter Direktor? Jedenfalls war's eine gute Idee von Billy! Überhaupt die als Schwiegertochter! Wenn aus Harro noch mal was Vernünftiges wird, können wir's ihr danken. Auf seine Haltung als Bräutigam gebe ich natürlich nichts, aber Roselius hat mir vor einiger Zeit gesagt, wenn ein Mensch Einfluß auf ihn habe, sei sie es.«

Die alte Dame nickte. »Er hat sich in letzter Zeit entschieden zu seinem Vorteil verändert,« stimmte sie dem Sohne bei. »Ich glaube, Eberhards Tod hat auch dazu beigetragen!«

»Mag sein. Ich schiebe viel auf seine veränderten Gefühle für Bühler. Harro liebt Ilse sehr, sie haben alles miteinander geteilt, -- nun zeigt ihm ihre Ehe den Mann, den er seinen Freund genannt, im wahren Licht. Das muß ihm zu denken geben! Ich halte es immer für das beste, wenn das Leben einen Menschen erzieht. Das ist das sicherste Verfahren. Aber wenn es ihn zu Gott zurückführen soll, muß es ihn doch noch anders anfassen. Denn solange er dieser verrückten Weltanschauung huldigt, wird nichts aus dem Jungen. Er weiß ja selbst nicht, was er glaubt!«

»Vielleicht hat Gott ihm gerade deshalb diese Frau in den Weg gestellt,« meinte die Greisin und blieb Atem holend stehen.

Mit hellen Augen sah sie sich um -- --

Über der alten Dorfkirche, über dem Kranz knospender Linden blaute der Himmel. Mückenschwärme tanzten in der Sonne, Bienenvölker summten in den Kronen. Wie die Säulen eines alten Doms umrahmten die grauen Stämme die feinen stimmungsvollen Bilder des märkischen Tieflandes, das licht getönt herübergrüßte. Schmucke Dörfer, vom Kirchturm gekrönt, nickten herein, sonnige Heidhügel, blaue Seen im Sonnenglanz, farbenfröhlichen Wandgemälden gleich, vom grünen Dach der Sommerlinde überschattet. Und zwischen den Grabsteinen, auf den Wegen ein buntes Durcheinander von Menschen aller Art, die in Gruppen redend beisammen standen: Landadel, Offiziere, Honoratioren, Bauern, selbst der schlichte Arbeiter und sein Weib fehlten nicht.

Herr von Kambach und seine Mutter hatten ein paar Drachenburger Ulanen begrüßt, dann traten sie an eine Bauerngruppe heran.

Ehrerbietig entblößten die Alten die weißen Köpfe, und eine lebhafte Unterhaltung entspann sich über den Bund, der heute seine erste Ortsgruppe erhalten sollte.

Ein ehrwürdiger Dreilindener Bauersmann erklärte, zuerst sei's ihn hart angekommen, daß er seinen Pastor, nachdem er's eben gelernt, den Herrn Christum recht zu verkünden, wieder hergeben solle, aber nun, wo er neulich auf der großen Versammlung gehört, wozu man ihn haben wolle, könne er nichts dagegen sagen. Denn so eine Sache, wie der Bund bibelgläubiger Christen, habe schon lange gefehlt, und der Direktor, der an die Spitze trete, müsse ein ganzer Mann sein. Und das sei Herr Pastor Wendler. Für Kambach und Dreilinden und die anderen eingepfarrten Güter sei sein Fortgang ein großer Verlust, aber wo es sich um eine Sache handele, die dem ganzen deutschen Vaterlande zugute käme, dürfe man nicht an sich denken.

Exzellenz von Kambach nickte ihm freundlich zu. »Das ist recht, Rudow, wir müssen auch Opfer bringen können.«

Des Alten Augen leuchteten.

»Det häbb' ick och all jesäd, Exzellenz!« -- --

Auf den Arm des Sohnes gestützt, wanderte die greise Frau weiter, von Gruppe zu Gruppe. Überall wußte sie das rechte Wort, überall freute man sich beim Nahen der ehrwürdigen Gestalt.

Vom Turm schlug es drei. Durch die geschmückten Pforten kam der lange Zug und füllte das Schiff. Aber der Raum reichte nicht aus. In den Gängen standen die Menschen, auf den Stufen, vor der offenen Kirchtür saß, was drinnen keinen Platz mehr gefunden.

Und dann begann auf dem Orgelchor ein leises Tönen, ein Klingen und Flöten wie Hirtenschalmeien, ein Locken und Werben, als lüd' eine helle Stimme zum festlichen Singspiel: die Stradivariusgeige.

Wer ihre Geschichte kannte, hob unwillkürlich den Blick zu dem Bilde der Ahnfrau empor. Mit lieblichem Lächeln schaute die schöne dunkelhaarige Frau im weißen Atlaskleide auf die Anwesenden nieder. Eine rote Rose blühte in ihren Locken, so leuchtend und farbenfrisch, als sei sie eben gepflückt, ein kostbarer Schmuck flimmerte auf dem weißen Halse.

Und die Geige jauchzte durch die stille Kirche. -- --

Als habe sie den alten vergoldeten Rahmen verlassen und sei in den Kreis der Lebenden getreten, stand Sibylle an der Brüstung des Chors, das Ebenbild jener Frau, die mit ihrer Liebe die Kunst in das Kambacher Herrenhaus getragen. Ihr Erbe aber war den Bühlers zurückgegeben worden. Doch als seien die Saiten der Stradivariusgeige unlöslich mit der Geschichte des alten Geschlechts verknüpft, ward ihre Trägerin eines Kambachs Braut. Im schlichten weißen Sommerkleide, einen Strauß dunkler Rosen an der Brust, das schöne Haupt über die Geige geneigt, spielte Sibylle Bühler das Largo von Händel. Orgeltöne mischten sich sanft mit den wundervollen Klängen. Ein junger Berliner Musiker, der sie häufig begleitet, stellte an diesem Tage seine Kunst in den Dienst der großen Sache.

Die Zusammenstellung war äußerst geschickt. Kein schwer verständliches Tonstück, keine dem einfachen Manne unverständliche Musik erklang in der kleinen Dorfkirche, -- echte deutsche Kunst im kirchlichen Gewande grüßte das Volk. Wenn etwas an die Herzen griff und für einen großen heiligen Zweck zu werben geeignet war, so war's das Spiel dieser beiden jungen Menschen, die ihre ganze Seele in die Kunst legten.

Wenn die Geige schwieg, sang Sibylle mit Gräfin Brelow zweistimmige Lieder.

Lautlose Stille herrschte im Schiff. Keiner Predigt hätten die märkischen Bauern andächtiger gelauscht. Regungslos saßen sie neben ihren Frauen und Töchtern in den Kirchenbänken, und manches Auge ward feucht.

Die letzte Nummer, eine Bachsche Kantate, war verhallt, da klangen noch einmal die beiden schönen Frauenstimmen vom Chor. Leise und zart schwebte es durch die Kirche:

›Das ew'ge Licht geht da herein, Gibt der Welt ein'n neuen Schein! Es leucht't wohl mitten in der Nacht, Und uns des Lichtes Kinder macht -- Kyrieleis!‹

Tiefes Schweigen herrschte. Unbeachtet zogen die Laute des Lebens an der offenen Pforte vorüber, an der stillen Allerseelenfeier drinnen.

Im hohen dunklen Chorstuhl saß Pastor Wendler am Altar. Seine Gedanken waren bei dem sterbenden Kinde, dem er Steine für Brot gegeben. Zum Dank dafür hatte es ihm die lebendige Quelle gezeigt ...

Sein Blick schweifte zu der greisen Frau hinüber, die mit dem hoffnungsvollen Enkel ein Stück Lebensfreude ins Grab gelegt. Den Kopf in die Hand gestützt, saß sie, den festlichen Klängen lauschend. Auf dem ehrwürdigen Gesicht lag's wie Verklärung, aber dann drückte sie doch das Spitzentaschentuch an die Augen.

An ihrer Seite saß der Oberstallmeister. In dem männlichen Gesicht arbeitete es, auch ihn packte die Erinnerung.

Und durch die Seele des Einsamen zog ein heißes Dankgebet, daß es ihm vergönnt gewesen, mit den beiden treuen Menschen ins reine zu kommen, bevor diese ernste heilige Stunde sie gemeinsam grüßte. Der Heimgekehrte konnte ihnen, ob auch um Vergangenes trauernd, offen in die Augen sehen, der Verirrte hätte es nicht gekonnt. --

* * * * *

›Das hat er alles uns getan, Sein' groß' Lieb' zu zeigen an! Dess' freu' sich alle Christenheit, Und dank' ihm das in Ewigkeit -- Kyrieleis!‹

tönte es vom Chor.

Leise, leise, als trügen Engelsflügel eine Seele nach Hause, zogen die weichen Töne in den Sommertag hinaus.

Dann ging eine Bewegung durch die Reihen.

Unter den brausenden Klängen des Händelschen Festchors ›Seht, er kommt mit Preis gekrönt‹, leerte sich die Kirche. -- --

An den Ausgängen standen drei der ersten Bundesmitglieder mit Tellern, unter ihnen der alte Schenker. Mit würdevoller Miene sah er vor sich nieder, als habe er nichts mit der Sache zu tun. Aber die alten Augen beobachteten um so schärfer.

Eine Viertelstunde später trat er mit seinen Genossen in die Sakristei.

»So, Herr Pastor, da bringen wir den Bundesschatz! Nu fehlt man bloß noch der Schatzmeister! Was der olle Mammon doch für 'ne Rolle spielt! Da freut man sich nu wie so'n klein' Jung', der von Muttern 'n Stück Gebratenes aufs Brot gekriegt hat! Aber wir bringen auch 'n ganzen Batzen!« Seine Augen vergrößerten sich. »Über die Hälfte is Gold, und in mein'n Teller hat jemand 'n blauen Lappen eingebuddelt. Wie's geschehen is, weiß der Himmel! Mitten mang unter die Goldstücke seh' ick da plötzlich zu meine größte Verwunderung so was wie'n blauen Zippel! Ick trau' meinen Augen nich! ›Schenker,‹ häbb ick jesäd, ›du wirst woll swach in'n Kopp!‹ Aber nee! Als ick zufass', hab' ick wahrhaftig 'n Hundertmarkschein bei'n Wickel! Hier is er!« Triumphierend hob er den Schein in die Höhe.

Alle lachten.

»Nu wollen wir aber ans Zählen gehen!« sagte der Kirchenälteste.

Und sie setzten sich um den Tisch.

Drei weiße Köpfe beugten sich über die Teller.

Wendler sah dem alten Kammerdiener über die Schulter. »Bei Ihnen scheinen die Kambacher und Dreilindener gewesen zu sein, Herr Schenker!«

»Und die Herren Offiziere! Die lassen sich nicht lumpen, Herr Pastor, wenn Brandenburgs Rose die Geige spielt!«

Wieder klang das Klappern der Münzen.

Endlich waren die Alten fertig. Die drei Summen wurden zusammengezählt.

Kopfschüttelnd blickte der Kirchenälteste auf das Ergebnis. »Das ist unmöglich!«

»Ick hab' mir nich verrechnet,« erklärte Schenker spitz, »ick hab' in der Schule für Kopfrechnen immer ›gut‹ bekommen.«

Der alte Müller gab für seine Person dieselbe Ehrenerklärung ab.

Da sagte der Schulze beleidigt: »Die Herren werden mir doch nicht zutrauen, det ick das Einmaleins verlernt habe? Darf ich bitten, Herr Pastor?«

Er reichte Wendler das Blatt.

Der überflog die Zahlen und trat an den Tisch. »Wir wollen die Einzelsummen noch einmal nachrechnen.«

Alles stimmte.

Da erklärte Wendler: »Die Rechnung ist richtig: neunhundertundsiebenundneunzig Mark!«

»Alle Achtung!« rief der Müller.

»Det häbb ick doch jesäd, die Sache stimmt!« Schenker schlug mit der Hand aufs Knie. »Aber daß da drei Mark an tausend fehlen, das geht nich an!« Er zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und legte einen Taler auf den Tisch.