Part 16
Ilse strich das Goldhaar aus dem erhitzten Gesicht. »Warum?« Sie senkte den Blick, und die Lippen zuckten. »Großmama, du weißt es doch, -- weil -- weil's zu Hause unmöglich ist.« Und stockend kam's hinterdrein: »Ich habe gestern schon mit Sibylle darüber gesprochen. Sie meint auch, es gehe nicht. Und wenn sie es meint -- Wolf Dietrich ist doch ihr Bruder, und auf Billy hört er noch am ersten.«
Schweigend hatte Exzellenz von Kambach zugehört. Die einfachen Worte erzählten eine große Tragödie. Ungewollt -- unbewußt: ›Es geht nicht, Billy sagt es auch!‹ -- Die Frau, die noch kein Jahr verheiratet war, hatte keine stille Stätte im Hause ihres Mannes -- »wenn ich eine Weile Ruhe hätte, würd's wieder gehen!« So mußte sie sprechen, um ihrer selbst, um ihres Kindes willen. Ob sie die ganze Tragweite ihrer Worte ahnte? Die Greisin, die wie wenige das Leben kannte, glaubte es nicht. Aber, daß sie litt, war klar, daß eine Wunde blutete und blutete. Frau von Kambach sagte sich: ›Wenn Gott nicht ein Wunder tut, wird sie nie heilen, nie vernarben!‹
»Weiß Wolf Dietrich von dem Gedanken?« fragte sie.
»Nein, ich wollte dich erst fragen und dich bitten ...«
»Ich soll's ihm sagen?« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Kind, Kind, ihr seid weit gekommen in den paar Monaten eurer Ehe! Nimmst du die Sache nicht zu schwer, Ilse?«
Die junge Gräfin schwieg. Das letzte, tiefste, das sie kaum zu glauben wagte, das je und dann wie ein Gespenst in ihrer Seele auftauchte und wieder verschwand, das konnte und wollte, -- das durfte sie niemand sagen. Auch der Großmutter nicht. Es war ja nur ein Schatten, der auf ihren Weg fiel; woher er kam, was er bedeutete, wußte sie nicht, wollt's auch nicht wissen, -- etwas Unwirkliches war und blieb es, dem Gestalt und Leben fehlten. Herr Gott, -- ja -- sie fehlten! Vielleicht war's das Beste! Aber warum stürmten die Gedanken immer wieder auf sie ein? Fast erschien es ihr ein Verbrechen, einen Verrat, daß sie ihnen Einlaß gewährt, daß sie immer wieder jener Stimme lauschte. Die flüchtige Bemerkung einer älteren Dame, welche vor seiner Heirat stark auf Graf Bühler für ihre Tochter gerechnet hatte und seiner jungen Frau nicht gerade wohlgesinnt war, hatte den ersten heimlichen Zweifel in Ilses Herz getragen. Eine Bemerkung wie hundert andere war's gewesen, aber ihr feines weibliches Gefühl sagte ihr, daß sie heimliches Gift barg. Wolf Dietrich Bühler war als eleganter Vortänzer bekannt. Die Feststellung dieser Tatsache an sich hätte nicht zu befremden brauchen. Aber der Ton, mit dem Frau von Kazarwsky über eine Berliner Schauspielerin, mit der er auf einem Kostümfest den ersten Walzer getanzt, sprach, ließ die Gräfin aufhorchen. Sie hatte es sowieso schon empfunden, daß Wolf Dietrich sich in diesem Winter nicht auf den Besuch der Hoffeste und Regimentsbälle beschränkte, sondern zahllose Einladungen angenommen, die er hätte ablehnen können. Die Abende, an denen er ihr Gesellschaft geleistet, konnte sie zählen, und dann war er schlecht gelaunt gewesen, nervös, gelangweilt! --
Sie seufzte. »Großmamachen, du weißt ja, wie es bei uns aussieht,« sagte sie traurig. »Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen, als ich bin, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um diesen Zustand zu ändern.«
Verzweifelt klang's. -- --
Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.
Gräfin Bühler lauschte hinüber. »Das ist Mama mit dem Brautpaar!«
Die alte Exzellenz erhob sich. »Ich will mit Wolf Dietrich sprechen, Ilse,« sagte sie, während sie in das Haus gingen. »Aber wenn er nein sagt, mußt du dich fügen!«
Schwermütig blickten die blauen Augen der jungen Frau über die blühenden Wiesen in die sonnige Weite. »Er sagt nicht nein!« entgegnete sie leise.
Und Frau von Kambach widersprach nicht.
* * * * *
Sibylle Bühler war eine reizende Braut. Das Glück strahlte ihr aus den Augen und machte sie noch schöner. In einem eleganten fliederlila Straßenkleide saß sie ihrem Verlobten gegenüber im offenen Landauer, und winkte schon von weitem ihrer geliebten Exzellenz und der Schwägerin zu.
Dann hielt der Wagen. Sie war die erste, welche die Greisin begrüßte.
»Nun werd' ich auch eine Kambach!« jubelte sie und küßte wieder und wieder ihre Hände.
Frau Sabine schloß ihren Liebling in die Arme: »Willkommen in Dreilinden, liebes Kind!« sagte sie mit mütterlicher Herzlichkeit. »Möchte mein Enkel sich deiner würdig zeigen!«
In die warme Freundlichkeit mischte sich milder Ernst, Ein feines Rot stieg in die Wangen der Braut. Zum zweitenmal ward ihrem Verlobten eine Mahnung aus berufenem Munde zuteil. Heute sprach die Liebe sie aus, gestern die Gerechtigkeit. Streng und scharf hatte der Empfang des Großvaters auf der Bühler Freitreppe gelautet: »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück, mein lieber Kambach! Ob ich meine Enkelin beglückwünschen darf, weiß ich nicht!«
Harro hatte vor dem Manne im weißen Haar geschwiegen, sie selbst einen Augenblick mit den Tränen gekämpft. Ihre Mutter, die immer Herrin der Lage blieb, stellte mit einer Bemerkung über das gute Aussehen des Schwiegervaters äußerlich das Gleichgewicht wieder her, aber der Schatten, der sich auf die Stunde des Glückes gelegt, ließ sich nicht ganz verscheuchen. Zumal Sibylle, die den Großvater so zärtlich liebte, konnte diesen Empfang nicht begreifen. Erst das Wort der Frau, die sie wegen ihrer gerechten Denkweise so hoch verehrte, half ihr die Art des Greises auch in dieser Stunde verstehen. Sie begann einzusehen, daß sein Glückwunsch, von seinem Standpunkt aus, nicht anders lauten konnte. Er war niemals für die Verlobung gewesen, und hätte sie am liebsten verhindert. Freude darüber zu heucheln, hätte seiner großzügigen aufrichtigen Natur widersprochen. Aber nicht nur das -- sein Wahrheitsgefühl forderte es, der persönlichen Empfindung in diesem Augenblick Ausdruck zu verleihen. Daß seine Meinung schroff herauskam, lag in der ihm eigenen Schärfe und in der Natur der Sache. Noch niemals hatte sich ein rechter Bühler mit etwas einverstanden erklärt, wenn er es nicht war. Der alte konservative Geist, der keine Neuerung, wie sie auch heißen mochte, ertrug, kam hinzu, der schärfere Ehrbegriff, die straffere Zucht einer vergangenen Zeit. Und Sibylle mühte sich, einem großen edlen Charakter gerecht zu werden. Aber leicht war's nicht, weil das Wort des Großvaters eine bittere Wahrheit enthielt. Sie wußte, es richtete sich gegen Vergangenes. Das tat ihr weh. Ihre Liebe hätte es gern bedeckt. Aber auch des Gegenwärtigen gedachte der Erblandmarschall, denn die Glaubenslosigkeit eines deutschen Mannes bedeutet für ihn einen sittlichen Mangel.
Das alles hatte sie vor ihrer Verlobung gewußt. Mit dem Mute echter Frauenliebe hatte sie, ohne ihre Kraft zu überschätzen, dem Vertreter einer atheistischen Weltanschauung das Jawort gegeben. Sie wußte, daß sie in ihrer jungen Ehe entweder mit Nietzsche und Schopenhauer zu kämpfen haben würde oder mit religiöser Gleichgültigkeit. Auf das erste richtete sie sich mit dem Wagemut des Glaubens, vor dem zweiten bangte ihr, -- dennoch -- es gibt Frauen, denen ihre Liebe allezeit und allerorten die königliche Gebieterin bleibt. Das Schwerste wird ihnen leicht, das Unmögliche dünkt sie möglich, sie glauben und hoffen alles. Und wenn ihre Zuversicht zuschanden wird, bereuen sie nicht, sondern sagen sich: ›Ich tat, was ich konnte!‹
Von diesen Gesichtspunkten aus ward sie dem alten Herrn gerecht. Sie war überzeugt, hätte sie ihn gefragt: ›Großvater, warum hast du mir das getan?‹, so hätte er ihr mit derselben Offenheit geantwortet: ›Aber, Billy, soll ich denn lügen? Ich kann dich beim besten Willen nicht beglückwünschen! Wenn ich es später nachholen kann, soll's mich herzlich freuen!‹
So würde der alte märkische Edelmann sprechen. Lieber sagte er eine Grobheit, als daß er die Wahrheit verschwieg oder umging.
Aber auch in der Enkelin steckte ein gut Teil von dieser Kraft. Ehrlich sah sie ein, daß das, was sie im ersten Augenblick als übertriebene Schärfe aufgefaßt, zu der ureigensten Natur des Großvaters gehörte, und schaute ihrem Glück, dessen Klippen ihr nicht verborgen geblieben, mutig ins Auge. Sie war eine Kampfnatur im besten Sinne. Ein Glück, auf Rosen gebettet, hätte ihrem starken klaren Charakter kaum entsprochen. Wahrer Friede würde immer ihres Herzens Sehnsucht bleiben, aber niemals würde sie ihn um den Preis des heiligsten Gutes erkaufen. Der Kampf um dieses Gut hörte aber nicht auf, solange die Erde stand, -- wundersam hätt' es zugehen müssen, wenn er ihr Haus verschonte. Als ein Stück Kampf hatte sie in jungen Jahren ihr Christentum verstehen gelernt; sie wußte nur zu gut, daß die Wachtfeuer nicht verlöschen dürfen, solange die Sünde eine Großmacht auf Erden bedeutete.
So verlor jenes schlimme Wort im Blick auf die ehrwürdige Gestalt eines alten tüchtigen Geschlechts, welches preußische Zucht und wahres Christentum hoch hielt, seine Schärfe.
Auf ihrem frischen glücklichen Gesicht lag ein Zug ernsten Sinnens, als sie ihre Schwägerin umarmte.
Harro Kambach begrüßte seine Großmutter.
»Na, mein Junge, nun bist du ja am Ziel,« sagte sie bewegt und küßte ihn auf die Stirn. »Sei ein rechter Kambach und halte dein Kleinod in Ehren!«
In die hübschen Züge des jungen Offiziers trat tiefer Ernst. Zum zweitenmal beugte er sich über die Hände der alten Frau.
»Du bist der letzte Kambach,« sagte sie, von Erinnerungen übermannt, mit zitternder Stimme.
Er blickte auf. Klar und fest sah er sie an. »Ich will meinem Namen Ehre machen, Großmama!« entgegnete er einfach.
Sie nickte ihm freundlich zu und begrüßte Sibyllens Mutter.
Gräfin Bühler benutzte in Deutschland jede Gelegenheit, irgendein elegantes Kleid, welches die Riviera nicht wieder sehen sollte, spazieren zu führen. Aber was man dort durchgehen ließ, bezeichneten die schlichten Landedelleute der Mark in den meisten Fällen als ›Unmöglichkeiten‹. Ob die Gräfin dies nicht wußte, oder nicht wissen wollte, blieb unklar. Jedenfalls kehrte sie sich nicht im geringsten daran, und bemutterte das Brautpaar in einer meergrünen Tuchtoilette mit silberner Paillettestickerei verziert. Exzellenz von Kambach hatte den Eindruck, daß Harro und Sibylle die Begleitung dieses wandelnden Pariser Modebildes wenig angenehm sei, und täuschte sich nicht. Man war mit dem ›Meergrünen‹ in Kambach ziemlich abgeblitzt. Dem Oberstallmeister war alles Auffällige ein Greuel. Er hatte sich in der Unterhaltung fast ausschließlich an seine Schwiegertochter gewandt. Der strengste Sittenrichter der ganzen Umgegend aber war der alte Schenker. Als vornehmer Kammerdiener hatte er sich natürlich in der Gewalt, aber seine Haltung, sein Gesichtsausdruck, seine Art, einer Dame aus dem Wagen zu helfen, oder ihr den Mantel umzugeben, drückten seine Gefühle in unzweideutiger Weise aus. Nun war es in diesem Falle schwer für Schenker, sich in den richtigen Grenzen zu bewegen, denn Gräfin Sibylle hätte er am liebsten die Hand geküßt und ihr einen Rosenstrauß überreicht. Aber in Livree ging das dummerweise nicht. Heute abend sollte sie ihre Marschall Niel's aber haben, er hatte sie im Treibhaus für sie aufgespart. Die ›Firlemontsche‹ bekam natürlich keine, na, sie war ja auch vollständig Nebenperson. Aber beim Empfang war die Sache nich ohne, immer zwei Gesichter auf Lager haben, war ein bißchen viel verlangt. Doch es mußte sein. Und mit eisiger Förmlichkeit half er der Brautmutter aus dem Wagen, das ›Meergrüne‹ und die ›Paillettestickerei‹ mit einem verächtlichen Blick streifend.
Harro fing diesen Blick auf und mußte innerlich lachen. ›Nun geht's zu Mamsell, und dann heißt's: hat das Weib sich wieder aufklaviert!‹ Im Grunde gab er dem alten Manne recht. Auf die Schwiegermutter hätte er selber mit Freuden verzichtet. -- --
Exzellenz von Kambach und Gräfin Bühler hatten sich trotz gegenseitiger Bemühungen nie verstanden. Charaktere und Lebensinteressen waren zu verschieden. Auch heute kam kein richtiges Gespräch in Gang. Die Gräfin schwatzte beim Gabelfrühstück über ihre Reisen, über Mentone und Monte Carlo, über die italienischen Seen und Sankt Moritz. Den Orten, welche eine Spielgelegenheit aufwiesen, gehörte ihr besonderes Interesse. Mit Sorge bemerkte es Exzellenz von Kambach. Gut, daß Sibylle von der Mutter fort kam.
Während die Gräfin auf sie einredete, beobachtete sie das Brautpaar. Sibylle bewahrte trotz ihres strahlenden Glückes jene feine Zurückhaltung, die ihrem Wesen seinen Reiz verlieh. ›Über den Kopf wächst er ihr nicht‹ dachte die alte Dame, ›aber sie wird immer ganz Weib bleiben, und darin liegt ihre Stärke!‹
Freundlich nickte sie den beiden zu.
Ilse war sehr einsilbig und zog sich gleich nach dem Frühstück, Kopfschmerzen vorschützend, auf ihr Zimmer zurück.
»Arme Kleine!« sagte Gräfin Bühler, ihr nachblickend. »Billy wird sich hoffentlich einmal besser aufführen!«
Die Braut schien die Worte ihrer Mutter zu überhören, aber eine feine Röte färbte ihre Wangen, während sie ihren Verlobten in ein Gespräch über Bayreuth verwickelte.
Harro befand sich in seinem Fahrwasser. Wagnermusik war sein höchstes. Er begann derartig für den ›Parsifal‹ zu schwärmen, daß Sibylle sich der Hoffnung hingab, die Bemerkung ihrer Mutter sei ihm entgangen.
Die Hausfrau aber sagte mit leiser Stimme scharf und verweisend: »Sie scheinen zu vergessen, daß Sie nicht in Monte Carlo, sondern in Dreilinden sind!«
Die schöne Frau zog die Schultern in die Höhe. »+Mon Dieu -- on dit cela!+«
»Bei uns in der Mark überlegt eine Frau, was sie sagt,« klang es kurz zurück.
Gräfin Bühler stieg das Blut in die Wangen. Sie sah auf die alte Standuhr. »Bitte, lieber Harro, bestelle den Wagen!« --
Exzellenz von Kambach machte kein Hehl daraus, daß sie auf eine Verlängerung des gräflichen Besuches keinen Wert legte. Sie forderte ihre Gäste nicht zu längerem Bleiben auf, wandte sich fast ausschließlich an Sibylle, und erhob sich endlich, um dem jungen Mädchen ein Pastellbild ihrer verstorbenen Schwiegermutter zu schenken.
Überglücklich dankte ihr die Braut.
»Wie ähnlich Harro ihr sieht!« sagte sie dann, das Bild betrachtend.
Er trat näher. »Findest du?«
»Ja, Schatz!« Sie faßte seine Hand. »Aber nicht wahr, du bist ein rechter Kambach wie dein Vater?«
Eine leichte Verlegenheit malte sich auf seinem Gesicht. »Mein Vater steht hoch über mir!« gestand er ehrlich.
Gräfin Bühler drängte zum Aufbruch. »Kinder, wir müssen fahren. Großpapa erwartet uns.«
Der junge Offizier sah sie erstaunt an; aber er schwieg. Sie wußte doch, daß der alte Herr nach Dambeck wollte.
Sibylle war der Vorgang entgangen. Glücklich blickte sie auf Frau Sabinens Geschenk. »Es soll mir ein doppelt liebes Andenken sein,« sagte sie und küßte die schmale Hand. --
Der Diener meldete den Wagen.
Mit großer Lebhaftigkeit verabschiedete sich die Gräfin, allem Anschein nach froh, diesen Besuch hinter sich zu haben.
»Komm bald wieder, Sibylle,« bat die alte Exzellenz, die Braut des Enkels umarmend, »aber bleib' über Nacht! Ich sehne mich nach deinem Geigenspiel!«
Dann sah sie den Abfahrenden nach.
›Sie ist eine rechte Bühler,‹ zog es ihr durch den Sinn, während ihr Blick der anmutigen Mädchengestalt folgte, die ihr die letzten Grüße zuwinkte, -- ›sie wird ihm helfen, ein Mann zu werden!‹ Lange noch stand sie und schaute dem dahinrollenden Gefährt nach. »Wenn er sie nur glücklich macht!« seufzte sie.
Dann ging sie ins Haus. --
Was Ilse wohl machte?
Sie war in ernster Sorge um die junge Frau. Wie sollte das enden? Und das Herz der Greisin war wieder ganz bei der Enkelin, deren schwachen Schultern die Last des Lebens zu schwer war. -- --
Der Krückstock klang auf den Dielen, auf der eichenen Treppe. Er gehörte zum eisernen Bestand des Witwensitzes, zu der hundertjährigen Standuhr, darin der Totenwurm an stillen Winterabenden pochte, zu den altmodischen Möbeln und dunklen Ahnenbildern, zu all den Dingen, die sich zur Zeit der Freiheitskriege, und früher schon, Heimatrecht im Hause erworben hatten. Zu ihnen gehörte der alte Krückstock.
Aber es würde ein Tag kommen, wo man ihn nicht mehr auf den stillen Gängen und Treppen hören, wo der gewohnte Ton für immer verstummen würde. Es war nur das bekannte kurze Aufschlagen, welches das Nahen einer lieben ehrwürdigen Gestalt verkündete, das vielleicht nur ~eine~ treue Seele vermissen würde, aber das schöne Dreilinden trug dermaleinst mit dem alten Krückstock sein Bestes zu Grabe.
Dreizehntes Kapitel.
Eine Heimkehr.
Hilf uns Gott, in Nacht und Nebel Off'nen Aug's durchs Leben gehen! Lehr' uns auf die Zeiten achten Und das eigne Herz verstehen!
Ob wir in des Waldes Dickicht, Fern vom Feierzug der Frommen Uns'ren Weg uns suchen müssen -- Wenn wir nur nach Hause kommen!
Schenk' uns unterm Kreuze Gnade, Nimm uns ab die Last der Sünden! Hilf uns aus dem Tal der Tränen In die ew'ge Heimat finden!
»Der alte Schenker ist da und fragt, ob Exzellenz einen Augenblick zu sprechen seien?«
Die Wirtschafterin war leise durch die geöffneten Räume gekommen und stand am Schreibtisch ihrer Herrin.
Aufgeschlagene Bücher lagen vor der Gutsfrau, die, über die Monatsrechnung gebeugt, den Inspektor erwartete.
»Krügern, das paßt mir sehr schlecht, ich erwarte Herrn Niemann jeden Augenblick,« sagte sie, über ihre Brillengläser hinweg auf die behäbige Erscheinung der Alten blickend. »Will er denn etwas Besonderes?«
»Es scheint so, Exzellenz.« Sie lächelte. »Das heißt, bei Herrn Schenker ist vieles etwas Besonderes, was es gar nicht ist. Er hat das so an sich, Exzellenz, aus einer Kleinigkeit, die ein anderer kaum beachtet, macht er etwas! Was er will, weiß ich nicht! Er tut sehr wichtig und geheimnisvoll!«
›Er wird irgendeinen Einfall im Kopfe haben, welcher den Bund betrifft,‹ dachte Frau Sabine und sagte sich, daß es eine Härte sei, die alte treue Seele unverrichteter Sache wieder gehen zu lassen. Sie sah auf die Uhr. Es war noch nicht spät.
»Er soll kommen. Bitte, gehen Sie dann gleich zu Herrn Niemann hinüber, und sagen Sie ihm, wir wollten morgen früh abrechnen. Das paßt ihm sowieso besser, ich richte mich eben danach ein!«
Fünf Minuten später stand Schenkersch Vadder in tadelloser Haltung auf der Schwelle.
»Ick bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ick ungelegen komme,« sagte er, »Exzellenz sind gerade bei die Abrechnung!« Er zögerte.
»Bleiben Sie nur, Schenker,« sagte Frau von Kambach, die ganz genau merkte, daß der Alte gar nicht daran dachte, seinen Vorschlag in die Tat umzusetzen. Natürlich hätte er sich auf einen Wink von ihr empfohlen, aber erst, nachdem er zwischen Tür und Angel seine Geheimnisse ausgekramt hatte. Denn heute war er vollgepfropft von Geschichten. Und sie ertappte sich darauf, daß sie regelrecht neugierig war.
Dann saß Franz Schenker neben ihr am Schreibtisch. Die Frühlingsluft spielte mit dem weißen Haar der beiden Alten und strich über die blühenden Blumen unter dem Bilde des seligen Kambachers. Draußen rüstete sich, kaum merklich, der letzte Apriltag zur Nacht. Noch glühten die Farben, aber die wunderbar tiefen Töne verrieten das nahende Aufleuchten entschwindender Schönheit. --
Und der greise Kammerdiener erzählte. Es war allerdings etwas, das nicht alle Tage vorkam.
Schenkersch Vadder war so hingenommen, daß seine Gefühle völlig mit ihm durchgingen. Die Tränen traten ihm in die Augen, er sprach platt, und schlug im Eifer des Gefechtes mit der flachen Hand aufs Knie, daß es schallte. Aber er hatte auch wirklich etwas erlebt und bedauerte nur, daß seine alte Gnädige nicht dabei gewesen war.
»Also, Exzellenz,« begann er, zitternd vor Erregung, »daß ick's kurz sage: wir haben unsern Herrn Pastor wieder!«
Frau von Kambach sah ihn fragend ein.
»Exzellenz verstehen mich nich,« fuhr er fort. »Das glaub' ick wohl! Und ick mein' ja auch nich bloß, daß er nu endlich aus 'n Drachenburger Krankenhaus zurück is, das wär' ja alles ganz schön und gut, aber seine Gemeinde hätte blitzwenig davon. Unter uns gesagt, Exzellenz -- wir hätten ihn nich behalten. Denn auf die Länge ging das nich. Ganz Kambach hätt' er mit seine Irrlehre verdorben! Nich mal der olle Schenker hätt' was dran ändern können. Ick sag's ganz offen, Exzellenz, eine tolle Angst hab' ick vor die Rückkehr von unsern Herrn Pastor gehabt -- meine eigene Frau hat mich ausgescholten. ›Franz‹, hat sie gesagt, ›du schämst dich wohl gar nich, 'n Christ willst du sein, und benimmst dich wie 'n olles Waschweib.‹ Jawohl, Exzellenz, was meine Frau is, die is nich ohne! -- Also, Herr Pastor Wendler kam in der stillen Woche aus 'n Krankenhaus zurück, und am Ostersonntag stand er auf der Kanzel. ›Na, denn man zu!‹ dacht' ick, ›dann erfahren wir wenigstens gleich, woran wir sind!‹ Denn am ersten Ostertag hat die Geschichte ihre Haken und Ösen mit die Texte. Wenn da einer an der Auferstehung vorbeigeht, is die Sache faul, und wenn er nur von der geistigen redet, is sie noch fauler. Wenn man in meine Jahre is, merkt man so ungefähr, was die Glocke geschlagen hat, nämlich, ob der Pastor glaubt, daß der Herr Jesus leibhaftig auferstanden ist oder ob nur sein Geist in der Luft herumfliegt. Herr Pastor Krug hat mich das vor einige Zeit mal auseinandergesetzt. Gott bewahr' unser deutsches Vaterland vor so 'n Unsinn! ›Jesuzentrischer Liberalismus‹ nannte er's. Das hat 'ne Zeit gedauert, bis mein alter Kopf das Wort behielt. Den ersten Abend, als Herr Pastor Krug mich die Sache lang und breit auseinandergesetzt hatte, da wußt' ick's ganz genau, aber nachher? Weg war's! Da hab' ick Herrn Pastor neulich nochmal danach gefragt! -- Na, mir kann's einerlei sein, wie's heißt, für so was is Schenkersch Vadder in sein'n ganzen Leben nich zu haben gewesen. Is überhaupt 'ne Frechheit, so an unseren Herrn Jesus seine Person herumzupflücken. Der neue Bund soll da man gleich gründlich aufräumen!« Er fuhr mit allen fünf Fingern durch das dichte, weiße Haar, daß es wie ein Wald zu Berge stand. »Exzellenz, so was hab' ick noch nich erlebt! Das war 'ne Predigt!« Er verbesserte sich. »Nee, 'ne Predigt war's gar nich! Es war 'ne Heimkehr! Das sagte Herr Pastor Wendler auch selbst!«
»Eine Heimkehr!« wiederholte die alte Frau mit leiser Stimme, und ihr sinnender Blick schweifte aus dem Fenster in die Weite hinaus, wo der goldene Wetterhahn des Kambacher Kirchturms über den Heidhügeln funkelte.
Aber Schenker hatte noch viel auf dem Herzen.
»Also, es war eine Predigt, und war doch keine! -- Ick kann das nich so ausdrücken, Exzellenz, aber ein schöneres Glaubensbekenntnis hab' ick mein Lebtag nich gehört! Und solche Osterfreude hab' ick noch bei keinen Menschen gesehen! Der Mann war einfach nich wiederzuerkennen. Es war, als brennte ein Feuer in seinem Herzen, und die Flammen wollten überall heraus. Das war wirkliches Leben, was nich totzukriegen is. ›Wo hädd harr det man alwile her?‹ säd min Fru. ›Det künde von sin Krankheet alot jo nich sinn!‹ -- ›Nee, Mudder,‹ häbb ick jesäd, ›de Krankheet aleene mokt et nich.‹ Aba ick räde all wieder Platt, Exzellenz!«
»Macht nichts, Schenker! Ich versteh' Platt so gut wie Hochdeutsch!«
Doch der Alte konnte den feinen Kammerdiener nicht ganz verleugnen. In wohlgesetztem Hochdeutsch sprach er weiter.